Diese Vorstellung war für mich die schönste der Serie, und ich habe immerhin sechs von acht gesehen. Das lag aber auch daran, dass ich mich jetzt wirklich in Janaceks Musik verliebt habe. Auch die Inszenierung von Rosamund Gilmore finde ich nach wie vor zauberhaft. Gute Produktionen werden mit der Zeit besser, und man nimmt die kleinen Details wahr – zum Beispiel die wunderbare Beleuchtung von Peter Platz, wo am Ende des Stücks die Sonne untergeht – da könnte sich mancher preisgekrönte Kollege mehrere Scheiben abschneiden. Auch die ausgesprochen schöne Choreographie kann man die ersten Male gar nicht richtig würdigen – all die kleinen Bewegungen der Insekten. Besonders aufgefallen ist mir in jeder Vorstellung Laura Faig als Grille und Eichelhäher, die aus ihren kleinen Rollen 150 Prozent herausholte – diese Gestik, diese Mimik, wie sie im Raum herumzappelt, wie sie das Insekt, das vor ihr sitzt, sekkiert, schikaniert und piesackt – ein Hochgenuss. Das Besondere an diesem Abend war, dass Maria Celeng und Thérèse Wincent gemeinsam als Füchslein Schlaukopf bzw. Fuchs auf der Bühne standen – eine ausgesprochen schöne Kombination, und tatsächlich kam Romantik auf, obwohl die Regisseurin diese Szenen leider eher sachlich angelegt hatte. Ich war immer schon ein ganz großer Fan von Thérèse Wincents Sopran, und ihre Darstellung ist fantastisch. Auch die Nachwuchs-Sängerin Maria Celeng hat eine wunderbare Sopranstimme. Sie kann ihre unglaubliche Energie noch nicht an jeder Stelle kontrollieren, aber ich fand sie trotzdem immer großartig. Sobald sie das nächste Mal auf der Bühne steht, kaufe ich mir eine Karte, sofort. Sehr schön sind in dieser Oper die Bass-Partien, von Derrick Ballard (Förster) und Holger Ohlmann (der Wilderer Haraschta) toll gesungen. Carolin Neukamm als Dackel bzw. Gastwirtin war fabelhaft, wie schon bei der Premiere. Eun Kyong Lim gefiel mir sehr gut als Förstersfrau; Christoph Späth (Schulmeister), Sebastian Campione (Pfarrer/Dachs), Stefan Thomas (Mücke/Gastwirt), Anna Bromaeus (Seppl/Specht/Frosch), Nam Young Kim (Hahn, Heuschreck, Eule), Heidrun Blaser (Schopfhenne), Korbinian Heintze (Junges Füchslein Schlaukopf) und Jonas Hensler (Fröschlein) machten ebenfalls einen sehr guten Eindruck, ebenso die Tänzer Julien Feuillet (Eichhörnchen), Bettina Fritsche (Libelle), Michael Kitzeder (Igel), Elodie Lavoignat (Fliege, Sonnenblume), Sandra Lommerzheim (eine weitere Libelle) und Jochen Vogel (Marienkäfer). Der Kinderchor war super, wie immer. Das Orchester spielte gut, klang allerdings bei dieser Vorstellung, die von Joachim Tschiedel dirigiert wurde, anders als unter Andreas Kowalewitz.
Das schlaue Füchslein ist hopsassa, märchenhaft, wie Hänsel und Gretel. Ich hatte einen guten Blick, das war gut. Angefangen hat es mit den Insekten. Die Insekten waren genauso witzig wie später die Hühner. Die Hühner waren noch ein minibisschen spaßiger. Die Mücke hatte einen coolen Hairstyle. Was sollte der Tänzer an der Leiter machen? Ach, das war ein Eichhörnchen. Hätte ein bisschen flauschiger sein können. Das eine Insekt, das da Bodenturnen gemacht hat, das sah irgendwie komisch aus. Man hatte die Tiere gar nicht wirklich erkannt, den Dackel zum Beispiel. Die Hühner waren am coolsten, total aufgedreht. Als sie von dem Fuchs getötet wurden, wurden die Kleider heruntergerissen. Das Huhn mit dem hellblauen Top hat mir am besten gefallen. Was ich lustig gefunden hätte: Wenn die Hühner nach dem Rupfen ein gepunktetes Unterhemd angehabt hätten, so wie eine Gänsehaut. Die Schopfhenne war toll, sehr gut gespielt. Die Haare von dem Füchslein, in dem feurigen Rot, waren echt wunderschön. Dann kam ein Förster und hat das Füchslein mit nach Hause genommen und angebunden. Die Förstersfrau hatte voll coole puffige Haare. Dann gab es Zoff mit den Hühnern, dem Förster und der Förstersfrau, und dann ist die Füchsin ja weggerannt. Dann hat sie den feinen Herrn kennengelernt: Der Fuchs – hat das überhaupt eine Frau oder ein Mann gespielt? Sie ist alleine durch den Wald spaziert, und er ist vorbeigelaufen, und so haben sie sich kennengelernt. Er hat ihr Kaninchenfleisch geschenkt. Er hat ihr die ganze Zeit Komplimente gemacht: Sie war so schön … ich meine, Füchse haben ja keinen Spiegel. Dann hat sie ja ihren Umriß gemalt, aber daraus konnte sie es nicht so richtig erschließen. Die Hochzeit war lustig, mit den Insekten als Trauzeugen und so. Der Schulmeister war lustig, wie er probiert hat, ob es auf dem Heimweg auch ohne Stock geht und wie er so herumgeeiert ist, nachdem sie etwas getrunken hatten. Die Sonnenblume war toll! Man hat sie zwar nicht wirklich erkannt, aber sie hat sich schön bewegt.
Die Fuchskinderchen, die da rumgehüpft sind, waren witzig. – Als die Fuchsmutter erschossen wurde, habe ich nicht kapiert, wieso die anderen Füchse da einfach vorbeigehen und runtergucken. Ich meine, da tust du doch mehr als runtergucken. – Okay, ist ja auch ein Fuchs. Das Rumgeknalle war zu laut. Die Knarre könnte ja auch etwas leiser Peng sagen. Der Wilderer sang von seiner Terynka. Ich habe überhaupt nicht verstanden, wer diese Terynka sein soll, denn die kam überhaupt nicht vor – was sollte die überhaupt bekommen? Irgendwas vom Fuchs, schon klar, aber der Wilderer hat da doch gar nichts mitgenommen? Mir hätte es mehr getaugt, wenn die Terynka mitgespielt hätte. Am Schluss, als der Förster gestorben ist … da habe ich irgendwie nicht so darauf geachtet. Es sah aus, als würde er einschlafen. - Die Musik? Passt schon. Bei den Insekten und bei den Hühnern ganz lustig, hibbelig. An den traurigen Stellen aber eher lahm. Aber was ich komisch finde: Ich habe mir keine einzige Melodie gemerkt. Sonst merkt man sich ja immer was. - Ich habe den Sinn der Geschichte nicht wirklich verstanden. Die Terynka hätte ja auch mal erscheinen können, und wenn es nur für zwei Sekunden gewesen wäre.
Das Gärtnerplatztheater brachte Das schlaue Füchslein 1967 als Münchener Erstaufführung auf die Bühne und zeigt nun im Jahr 2012 eine sehr atmosphärische Inszenierung dieser Oper von Leos Janacek, und zwar in einer Kooperation mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der Hochschule für Musik und Theater München. Auch wenn man nicht weiß, dass es ein Alterswerk ist, fällt die sanfte Melancholie auf, die das Stück durchweht. Die Regie von Rosamund Gilmore ist sehr schlüssig. Der Förster verliebt sich in eine kleine Füchsin und nimmt sie mit nach Hause. Die Förstersfrau (Rita Kapfhammer) beschwert sich über die Flöhe, die die Füchsin angeblich mitgebracht hat. Nachdem sich die Füchsin partout nicht zähmen lassen will, wird sie an die Kette gelegt. (Ich ganz persönlich finde die Nachwuchsförderung etwas zu weit getrieben, wenn der Nachwuchs auch die Premiere singt, aber nichtsdestotrotz:) Maria Celeng als Füchslein Schlaukopf hat mir sehr gut gefallen: sie hat nicht nur Ausstrahlung und Bühnenpräsenz für zwei, sondern auch eine große Stimme. Die Füchsin versucht, unter den Hühnern eine Revolution anzuzetteln, beißt schließlich alle Hühner tot und kann entkommen. Der Förster schickt ihr noch ein paar Schüsse hinterher und ist entsetzt über sich selbst. Im Wald trifft die Füchsin auf einen Fuchs, verliebt sich, und sie haben viele reizende Fuchskinderchen. Soomin Yu als Fuchs erntete großen Applaus.
Die Brautwerbung des Fuchses hätte ich mir etwas romantischer gewünscht, aber der Kinderchor (die kleinen Füchslein) war fantastisch. Korbinian Heintze als junges Füchslein Schlaukopf und Jonas Hensler als Fröschlein standen den erwachsenen Sängern in nichts nach. Die Rollen sind zwischen Mensch und Tier angesiedelt, so ist der Pfarrer in einer anderen Szene der Dachs (schön verkörpert von Sebastian Campione). Auch das Bühnenbild von Friedrich Oberle erinnert an eine Traumwelt, in der ein Klassenzimmer mit Bäumen durchwachsen ist; die Beleuchtung von Peter Platz passt hervorragend dazu. Die Kostüme von Nicola Reichert sind schön, deuten jedoch die Tiere nur an: der Dackel des Försters war kaum als solcher zu erkennen. Carolin Neukamm sang nicht nur diesen Dackel, sondern auch später die Gastwirtin, und ihre Auftritte gehörten für mich zu den Höhepunkten dieses Abends: toll gesungen, und wunderbar in der Darstellung. Sehr gut waren auch Derrick Ballard als Förster und Holger Ohlmann als Wilderer: zwei ganz unterschiedliche Bass-Stimmen. Cornel Frey gab einen ausgezeichneten Schulmeister ab. Die drei Solisten, die aus dem Chor besetzt waren, machten ihre Sache hervorragend: Stefan Thomas (Mücke/Gastwirt), Anna Bromaeus (Seppl/Specht/Frosch) und Heidrun Blaser (Schopfhenne). Laura Faig (Franzl/Grille/Eichelhäher) und Nam Young Kim (Hahn/Heuschreck/Eule) gefielen mir ebenfalls. Rosamund Gilmore hat auch in dieser Produktion die Tänzer des Extraballetts eingesetzt, die mich in einer sehr stimmigen Choreografie beeindruckten – besonders die Anfangsszene war toll. Es tanzten: Julien Feuillet (Eichhörnchen), Bettina Fritsche (Libelle), Michael Kitzeder (Igel), Elodie Lavoignat (Fliege, Sonnenblume), Sandra Lommerzheim (noch eine Libelle) und Jochen Vogel (Marienkäfer). Das Orchester unter dem Dirigenten Andreas Kowalewitz klang sehr gut. Der Chor wurde einstudiert von Inna Batyuk. Die deutsche Textfassung, ausgehend von der Übersetzung von Max Brod, wurde zwar schon von Peter Brenner überarbeitet, ist aber trotzdem nicht besonders geschmeidig. Vielleicht gibt es ja in diesem Jahrtausend mal eine Neuübersetzung. Nicht jeder findet Janaceks Musik sofort eingängig, ich finde sie aber sehr schön. Sie klingt allerdings etwas ungewohnt: die Musik drängt voran, fast unerbittlich, so dass man sagen möchte: Langsam doch! Augenblick, verweile! Aber das ist genau die Reaktion, die der Komponist bezweckt hat, um den Zuhörer mit der Nase daraufzustoßen: Das Leben ist kurz, der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen lässt sich nicht aufhalten.
Rosamund Gilmores Inszenierung der Zauberflöte wirkt im Prinzregententheater fast noch besser als auf der etwas kleineren Bühne des Gärtnerplatztheaters. Die Akustik war hervorragend; vielleicht fungiert da die größere Hinterbühne als größerer Resonanzkörper. Es war schön, die Ensemblemitglieder des Gärtnerplatztheaters zum letzten Mal in mehr oder weniger gewohnter Besetzung in dieser Produktion zu erleben. Das Ensemble wird ja zu meinem großen Bedauern von dem neuen Intendanten fast komplett aufgelöst, und die Sänger zerstreuen sich am Ende dieser Spielzeit in alle Windrichtungen. An diesem Abend jedoch war die Welt noch in Ordnung: Holger Ohlmann sang den Sarastro sehr gut, das ist immer wieder schön zu hören. Ganz begeistert war ich von Daniel Johanssen (kein Ensemblemitglied), der die Rolle des Tamino hervorragend sang. Das erwähne ich deswegen besonders, weil mich in einer anderen Vorstellung, die ich gesehen hatte, sein armeetauglicher Kurzhaarschnitt derart irritiert hatte, dass ich da überhaupt nicht sagen konnte, wie seine Stimme eigentlich klang. Das Auge hört mit; das ist dem Vernehmen nach nicht nur bei mir so. Aber in dieser Vorstellung saß ich ganz weit hinten und hatte wohlweislich kein Opernglas dabei.
Sebastian Campione gab einen perfekten Sprecher bzw. ersten Priester. Was für eine schöne Stimme. Tilmann Unger ergänzte ihn hervorragend als zweiter Priester und erster Geharnischter. Die Sopranistin Antje Bitterlich hatte als Königin der Nacht am Vorabend ihr München-Debüt in dieser Rolle gegeben und erntete großen Applaus. Die drei Hofdamen der Königin, Sandra Moon, Carolin Neukamm und Ann-Katrin Naidu, versuchten mit vollem Einsatz, den Tamino zu betören. Besonders Carolin Neukamm spielte ihre Rolle sehr dynamisch, und ihre Stimme gefällt mir ausgesprochen gut. Stefanie Kunschke war eine ausgezeichnete Pamina. Juan Fernando Gutiérrez und Katja Stuber bekamen großen Beifall als Papageno und Papagena. Der Chor klang an diesem Abend fantastisch. Auch die sechs Tiere, dargestellt von sechs Tänzern des Extraballetts, werde ich sehr vermissen: Julien Feuillet (Schlange/Gorilla), Jochen Vogel (Marabu), Michael Kitzeder (Warzenschwein), Bettina Fritzsche (Hyäne), Elodie Lavoignat (der freche Schimpanse) und Sandra Lommerzheim (der elegante Panther). Dirigiert wurde sehr gut von Lukas Beikircher. – Es besteht die Hoffnung, dass diese schöne Produktion später wieder aufgenommen wird.
Die drei Knaben gefielen mir recht gut. Ich bin mir allerdings bei der Besetzung nicht ganz sicher. Das Personal des Prinzregententheaters macht gerne ein großes Gewese um die Besetzungszettel: an diesem Abend gab es keinen für mich, obwohl mit Sicherheit genügend da waren. Nachdem man diese Besetzungszettel bei einer anderen Vorstellung sowieso nicht wiederverwerten könnte, lässt sich nur vermuten, was diese wichtigen Damen damit machen. Einen Grillabend? Ich war mit zwei anderen Opernliebhabern dort, und zusammen kommen wir alleine bei dieser Inszenierung auf geschätzte 40 Zauberflöten – da können wir uns, mit Verlaub, nicht jedesmal ein Programmheft kaufen. Ich muss wirklich sagen: da waren wir von den Mitarbeitern des Gärtnerplatztheaters verwöhnt, teilweise auch, was den Tonfall angeht. Die zuverlässigste Serviceleistung im Prinzregententheater ist, dass einem beim Einlass gezeigt wird, wo “links” oder “rechts” ist, je nachdem, was auf der Eintrittskarte steht. Ich kann das aber schon: Lechts ist da, wo der Daumen rinks ist.
Selten hat ein Songtext auf eine Situation besser gepasst als dieser. Es war ja nicht nur ein Abschied von einem liebgewordenen Haus, sondern auch von vielen liebgewordenen Menschen. Meine Theaterleidenschaft begann im Mai 2007 und so konnte ich an diesem Abend viele Stücke noch mal Revue passieren lassen. In diesem Haus habe ich gelernt zu sehen, zu hören, zu fühlen und Gefühle zuzulassen. Ich bin sehr dankbar, dass ich so viel Neues kennenlernen durfte. Ich werde sicher noch viele Jahre davon profitieren.
Der Abend begann mit einem Stück, mit dem ich auch meine erste aktive Erinnerung an das schönste Theater Münchens verbinde. Irgendwann in den Neunzigern hatte ich hier eine MY FAIR LADY gesehen und bis heute ist es eines meiner Lieblingsstücke. Marianne Larsen, die die Rolle der Eliza lange hervorragend verkörpert hat, trat im Kostüm ihrer anderen Glanzrolle auf: Mrs Lovett aus SWEENEY TODD. In diesen beiden Partien konnte sie ihr großartiges Musicaltalent voll ausspielen, wollte man mehr davon sehen, musste man ziemlich weit nach Osten fahren. Sie bot ihrer würdigen Rollennachfolgerin Milica Jovanovic dann auch Pasteten an, die erste war voll Alkohol (was da wohl drin war ), die letzte war marode und das war natürlich ganz klar das Gärtnerplatztheater. Unterstützt wurden die beiden von Sebastian Campione, Cornel Frey, Hans Kittelmann, Holger Ohlmann und dem Herrenchor.
Nach einem Prolog von Thomas Peters ging es weiter mit dem Überraschungserfolg DIE PIRATEN VON PENZANCE von Gilbert & Sullivan. Diese Stück hat bei mir das Interesse für die Musik des genialen Duos geweckt und seitdem beschäftige ich mich intensiv damit. Wenn das Kampfsignal ertönt schmetterten Thérèse Wincent, Frances Lucey, Ulrike Dostal, Martin Hausberg, der Chor und die Bobbies tanzten ein letztes Mal dazu. Als Schmankerl folgte dann noch das beliebteste Terzett im G&S-Kanon, Als Du uns schnöd verlassen hast, wie immer hinreißend vorgetragen von Rita Kapfhammer, Holger Ohlmann und Robert Sellier.
Sandra Moon sang Tschaikowsky, begleitet von Andreas Kowalewitz, und Neel Jansen und David Valencia zeigten Twin Shadow aus AUGENBLICK VERWEILE. Und weil so ein Dirigent auch wieder von der Bühne in den Graben muss, suchten in der kleinen Pause bis zum nächsten Stück drei fesche Herren im Bademantel die Sauna.
Das Warten hatte sich gelohnt, denn als nächstes stand Gary Martin mit To dream the impossible Dream aus DER MANN VON LA MANCHA an. Schade, dass ich das Stück nie live gesehen habe. Sebastian Campione brachte danach das Haus zum Kochen mit einer extralangen Version seiner Beatbox aus VIVA LA MAMMA. Im Anschluss unterlegte er dann auch noch den etwas abgewandelten Küchenrap aus der OMAMA IM APFELBAUM rhythmisch. Thérèse Wincent und Susanne Heyng zeigten nochmals, dass sie es drauf haben.
Der Chor sang danach Universal Good aus CANDIDE, noch ein Stück, bei dem ich mich ärgere, es nicht gesehen zu haben. Der nächste Programmpunkt, angekündigt durch Hans Henning Paar und Ursula Pscherer, hatte einige interessante Komponenten: konzipiert und einstudiert wurde das Stück von Artemis Sacantanis, ehemalige Solotänzerin und nun Probenleiterin am Haus. Ihr zur Seite standen ehemalige Tänzer des Gärtnerplatztheaters, die jetzt in anderen Berufen am Haus, zum Beispiel Orchesterwart, Probenleiterin oder Leiterin der Kinderstatisterie beschäftigt sind. Ihre Wandlung von „Auf der Bühne“ zu „Hinter der Bühne“ drückte sich sehr schön im Titel inVISIBLEs aus.
Thomas Peters, der am Haus in vielen, vielen Rollen glänzte (unter anderem Freddie in MY FAIR LADY, Dirigent in ORCHESTERPROBE, Toby in SWEENEY TODD und ganz besonders Frosch in der FLEDERMAUS) erinnerte nochmal an sein bezauberndes Stück SHOCKHEADED PETER mit dem Song Der fliegende Robert. Leider habe ich es nur einmal gesehen, anfangs war ich noch nicht ganz so süchtig, zuletzt war ich ja durchschnittlich an vier Abenden in der Woche im Gärtnerplatztheater. Ursache dafür war die Vielfalt und das interessante Programm des Hauses – und das wunderbare Ensemble.
Sehr bewegend war auch der persönliche Abschied von Gunter Sonneson mit Hier im Grandhotel. Ich bin sehr froh, diesen Ausnahmekünstler noch fünfmal als John Styx in ORPHEUS IN DER UNTERWELT erleben zu dürfen. Halt nur leider nicht in München, sondern in Heilbronn.
Im letzten Stück vor der Pause hatten die drei Herren endlich die Sauna gefunden. Das Schiff aus der L’ITALIANA IN ALGERI ist zwar schon vor ein paar Wochen gesunken, aber die beliebteste Szene hatte man offensichtlich retten können. Für Publikumsliebling Stefan Sevenich natürlich ein Heimspiel, für seine beiden Begleiter Cornel Frey und Juan Fernando Gutiérrez hätte ich mir jedoch einen etwas „würdigeren“ Abschied gewünscht.
Zu Beginn des zweiten Teiles erinnerten das Preludio und die Arie Tu del mio Carlo al seno, wunderbar vorgetragen von Elaine Ortiz Arandes, an die sehr gelungene Inszenierung von I MASNADIERI. Das Schlussbild von HÄNSEL UND GRETEL gibt zwar einen wunderbaren Auftritt des Kinderchores her, aber die Solisten Rita Kapfhammer, Ann-Katrin Naidu, Thérèse Wincent und Gary Martin standen etwas verloren herum. Ich kann nur hoffen, dass diese zauberhafte Produktion wiederaufgenommen wird und nicht zu Gunsten einer Eurotrashregie in der Versenkung verschwindet. Das Balkon-Duett aus ROMEO UND JULIA wurde von Hsin-I HUANG und Marc Cloot sehr ansprechend getanzt, wenn mal keine Blätter auf der Bühne rascheln oder unaufhörlich Schnee fällt, gefällt mir moderner Tanz sogar fast.
Der scheidende Staatsintendant Dr. Ulrich Peters hielt eine persönlich gehaltene Abschiedsrede und ich kann mich seinen Worten nur anschließen: das Ensemble in Zeiten der Heimatlosigkeit aufzulösen ist in meinen Augen ein schwerer Fehler. Damit und mit der anscheinend unvermeidlichen Ablösung des im Stadtbild mittlerweile fest verankerten Logos nimmt man der Institution zumindest einen Teil ihrer Identität.
Im Anschluss sangen Franziska Rabl und Ella Tyran mit Unterstützung des Chores die Barcarole aus HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN, auch ein Stück, dass schon länger zurück liegt und das ich nicht gesehen habe. Im FREISCHÜTZ war ich trotz der schrecklichen Inszenierung ziemlich oft, was für die Qualität der Sänger spricht. Christina Gerstberger und Sandra Moon sangen das Duett Ännchen-Agathe vom Beginn des zweiten Aktes. Das Duett Hans-Kezal gehört zu meinen Lieblingsstücken aus DIE VERKAUFTE BRAUT und es war schön, Derrick Ballard und Tilmann Unger damit noch einmal zu hören. Es folgte das Quintett aus der ZAUBERFLÖTE, gesungen von Sandra Moon, Ann-Katrin Naidu, Franziska Rabl, Daniel Fiolka und Robert Sellier. Danach kam noch ein Ausschnitt aus AUGENBLICK VERWEILE und da war ich dann doch ganz froh, dass ich es nicht gesehen habe, denn bei so schnell vorbeihuschenden Szenerien wird’s mir immer schlecht, ganz abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, was im Kreis laufen mit modernem Tanz zu tun hat.
Mir bleibt nur Danke zu sagen. Danke an alle Beschäftigten des schönsten Theaters Münchens, die für mich die letzten fünf Jahre zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Ich werde die Erinnerung an diese Zeit immer in einer ganz speziellen Stelle meines Herzens bewahren. Danke für viel Heiterkeit und viele Tränen. Danke für emotionale, aufwühlende Stunden und für Lehrreiches.
Mit den Worten Bunter Abend, Best Of, Querschnitt oder Potpourri macht man mich normalerweise nur bedingt glücklich, aber es ist eben nicht jeder Tag ein normaler Tag. Diese Abschiedsgala am Nachmittag, die vorletzte Vorstellung im Stammhaus, war ein Rückblick auf die Ära des Intendanten Dr. Ulrich Peters, in dem die meisten Mitglieder dieses sehr guten Ensembles mitwirkten. Bedauerlicherweise waren ein paar beliebte Namen im Programm nicht berücksichtigt worden, und diverse Zuschauer, mit denen ich sprach, hätten von ihren Lieblings-Solisten gerne noch mehr gesehen. Das Programm dauerte aber mit Pause ohnehin schon drei Stunden – da gilt dann wohl die Devise: Wenn alle latent unzufrieden sind, ging es einigermaßen gerecht zu.
Als erstes gab es aus My Fair Lady die Cockneys: “Nur ein Zimmerchen irgendwo”, mit Milica Jovanovic, Marianne Larsen (die mit Schlachterschürze Fleischpastetchen verkaufte), Sebastian Campione, Cornel Frey, Hans Kittelmann, Holger Ohlmann und dem Herrenchor. Klang das immer schon so gut? Wieso hatte ich es dann nur so selten gesehen? Ich begann also schon ganz zu Anfang, mich über mich selbst zu ärgern. Nach einem kurzen Prolog von Thomas Peters stürzte man sich ins Schlachtgetümmel mit “Wenn das Kampfsignal ertönt” aus Die Piraten von Penzance, dem beim Publikum sehr beliebten Gilbert & Sullivan-Musical, mit der wunderbaren Thérèse Wincent, dazu noch Frances Lucey, Ulrike Dostal, Martin Hausberg und der Damen- und Herrenchor. Nur echt mit weißer Spitzenunterwäsche (die Damen) und Gummiknüppeln (die Herren). Dann hörten wir das Terzett “Als du uns schnöd verlassen hast”, ebenfalls aus dieser großartigen Inszenierung, gesungen von der fabelhaften Premierenbesetzung (Yes!): Rita Kapfhammer als Ruth, Holger Ohlmann als Piratenkönig und Robert Sellier als Frederick.
Bei dem folgenden Programmpunkt ärgerte ich mich noch ein wenig mehr, weil ich nämlich das von Hans Henning Paar choreografierte Ballett Augenblick, verweile überhaupt nie gesehen hatte. (Terminschwierigkeiten, klar, aber das sagen sie alle. Das ist zwar eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.) Sandra Moon sang Tschaikowsky op. 6 Nr. 1, am Flügel saß Andreas Kowalewitz, und die Choreographie sah ausgesprochen interessant aus. Die beiden Tänzer, Neel Jansen und David Valencia, waren einfach fantastisch. In Zukunft also öfter Ballett, für mich persönlich jedenfalls. Ich erkenne zwar die einzelnen Solisten an der Stimme, aber nicht die einzelnen Tänzer an der Körpersprache – da werde ich mich noch einarbeiten müssen. Dann wuselten drei Solisten in blauen Bademänteln über die Bühne, auf der Suche nach einer Sauna, um Andreas Kowalewitz ein wenig Zeit zu geben, um an sein Dirigentenpult zu gelangen. Solche Pausenfüller sind ja sehr viel schwieriger, als sie aussehen, und sehr oft gehen sie daneben. Diese drei machten das jedoch mit einer derartigen amüsanten Coolness, dass diese Sequenz wirklich sehenswert war. Da kann man sich fast vorstellen, dass sie auch aus dem sprichwörtlichen Telefonbuch vorlesen könnten, und das Publikum würde trotzdem aufmerksam dabeibleiben. Wunderschön war “To dream the impossible dream” aus Der Mann von La Mancha, gesungen von dem Publikumsliebling Gary Martin. Danach gab es sozusagen einen Remix der berühmt-berüchtigten Beatbox-Nummer von Sebastian Campione, aus der hiesigen Inszenierung von Viva la Mamma. Tolle Sache, andere brauchen ein Mischpult für sowas, er braucht nur ein Mikrofon. Gleich im Anschluss ein Rap nach Motiven der Kinderoper Die Omama im Apfelbaum, gesungen von Susanne Heyng und Thérèse Wincent und begleitet immer noch von der Beatbox – was für eine Kondition! Der Damen- und Herrenchor sang “Universal Good” aus Candide. Unter dem Programmtitel “inVISIBLEs” traten ehemalige Tänzer des Gärtnerplatztheaters auf, die jetzt in anderen Funktionen am Theater arbeiten.
Wie jeder Proletarier, der etwas auf sich hält, zog ich beim nächsten unbekannten Programmpunkt erst mal verächtlich die Augenbrauen hoch: Aus Shockheaded Peter (Struwwelpeter) sang Thomas Peters “Der fliegende Robert”, begleitet am Flügel von Geoffrey Abbott. Das war zu meiner Überraschung ganz große Klasse, richtig berührend, sehr intensiv. Toll gesungen. Gunter Sonneson verabschiedete sich mit einem Stück aus Grand Hotel, und dann hatten Cornel Frey, Juan Fernando Gutiérrez und Stefan Sevenich endlich die Sauna gefunden, die in das Kreuzfahrtschiff aus der Rossini-OperL’Italiana in Algeri eingebaut war. (Wenn ich jetzt was schreibe über begnadete Körper, nur Muskeln und Samenstränge, streicht mir das die Chefredaktion sofort raus, weil ich die Stimmbänder nicht erwähnt habe. Aber ich probiere das jetzt einfach mal so, vielleicht klappt es ja.)
Nach der Pause ging es weiter mit I Masnadieri. Elaine Ortiz Arandes saß auf der abgedunkelten Bühne auf dem Boden, vor sich eine Kerze, und sang “Tu del mio carlo al seno”. Beeindruckend. Was für eine tolle Sängerin. Dann gab es das Schlussbild aus Hänsel und Gretel, mit vielen süßen kleinen Kinderlein auf der Bühne, aber nachdem ich anscheinend der einzige Mensch in München bin, der dieses Stück nicht besonders mag, gab mir das nicht viel. Ganz fabelhaft fand ich aber das Balkon-Duett aus Romeo und Julia, hervorragend getanzt von Marc Cloot und der wunderbaren Hsin-I Huang, bei der nur ein blauer Fleck am Knie daran erinnerte, was für harte Arbeit Ballett eigentlich ist. Dann wurden ein paar rhetorische Funken versprüht (Dr. Ulrich Peters), und es folgte die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, fantastisch gesungen von Franziska Rabl, Ella Tyran und dem Chor. Aus dem Freischütz sang Sandra Moon die Agathe in dem Duett Agathe-Ännchen (wo der Bilderrahmen herunterfällt). Ich hatte zu meinem großen Bedauern zuvor nie Gelegenheit gehabt, Christina Gerstberger als Ännchen zu hören: das war ganz zauberhaft, mit Charme und Esprit gesungen.
Es folgte das Duett Hans-Kezal aus Smetanas Die Verkaufte Braut – wer die nicht gesehen hat, ist selber schuld – hervorragend gesungen von Derrick Ballard und Tilmann Unger. Aus der Zauberflöte ein Quintett mit Sandra Moon, Ann-Katrin Naidu und Franziska Rabl (drei Damen, deren Stimmen ausgezeichnet zusammenpassen) sowie Daniel Fiolka und Robert Sellier. Sehr schön. Dann gab es noch eine Szene aus dem Ballett Augenblick, verweile, getanzt vom großen Tanzensemble, die ebenfalls sehr sehenswert war. Es folgte aus der Verkauften Braut das Duett Marie-Wenzel. Bei dieser wundervoll ausdrucksstarken, selbstbewußten Marie (Stefanie Kunschke) hatte der schüchterne Wenzel (Hans Kittelmann) nicht den Hauch einer Chance, nie gehabt. (Ich vermisse Die Verkaufte Braut. Sie war auch beim Publikum ein sehr großer Erfolg – vielleicht kommt sie ja wieder?) Aus Die Lustige Witwe das dynamische Marsch-Septett, mit Daniel Fiolka, Sebastian Campione, Mario Podrečnik, Robert Sellier, Gunter Sonneson, Tilmann Unger und Martin Hausberg. Thomas Peters hielt dem Publikum noch kurz die lachende Maske vor - zuviel Melancholie ist ungesund – bevor es zum großen Finale kam, das gleichzeitig ein Ausblick auf die nächste Premiere war: Falstaff, “Tutto nel mondo è burla”, gesungen von Heike Susanne Daum, Sandra Moon, Christina Gerstberger, Ella Tyran, Ann-Katrin Naidu, Franziska Rabl, Gregor Dalal, Martin Hausberg, Hans Kittelmann, Gary Martin, Mario Podrečnik, Robert Sellier und dem Chor. Schließlich winkte das gesamte Ensemble zum Abschied mit weißen Taschentüchern, und die Solisten warfen rote Rosen in den Zuschauerraum. Standing Ovations. Schluss.
Nach einer Ansage, die das Schlimmste befürchten ließ, begann die 19. und letzte Vorstellung von L’Italiana in Algeri. Die Stimmung war dann aber viel besser als die Ansage: Stefan Sevenich war indisponiert – kein Wunder, weil nämlich seine einzeln besetzten Rollen so dicht getaktet wurden, dass er beim besten Willen keine Zeit hatte, irgendwas auszukurieren. (Vielleicht hätte man die Terminplanung doch nicht den Praktikanten überlassen sollen.) Er sang deutlich leiser als gewohnt, hatte aber trotzdem keine Schwierigkeiten, diese auf ihn zugeschnittene Inszenierung zu jonglieren und sein Publikum zu begeistern. Mein ganz persönlicher Opernabend war spätestens dann perfekt, als ich Cornel Frey auf der Bühne sah. Beim nächsten Mann wird ja bekanntlich immer alles anders, und in der letzten Spielzeit war der Sklave Lindoro immer die Sollbruchstelle gewesen, die Partie, auf die man lauerte, wenn man sich mal wieder so richtig ärgern wollte. Die Erleichterung, endlich mal einen brauchbaren Lindoro zu hören, ließ meinen Blutdruck gleich um zehn Punkte sinken. Wie entspannend, wie wunderbar! Zwar siezte er sich am Anfang ganz kurz mit Rossini, aber dann wurden die beiden sehr gute Freunde. Die schöne Italienerin Isabella wurde fantastisch gesungen von Franziska Rabl, die nebenher mit Charme und Esprit alle Männer betörte, auch die im Zuschauerraum. Besonders bei den Flirt-Szenen mit Cornel Frey fiel auf, wie darstellerisch präsent diese beiden immer waren.
Wunderbar in Gesang und Darstellung war Ella Tyran, die verschmähte Gattin, die es faustdick hinter den Ohren hat. Bei ihrer Sklavin Zulma (Carolin Neukamm) sah man zuweilen die Mundwinkel zucken, bevor sich die beiden wieder mal zu einer Heulorgie auf den Boden warfen. Hervorragend besetzt war auch Juan Fernando Gutiérrez als Taddeo, der Verehrer, der doch nicht zum Zuge kommt. Auch Sebastian Campione als Korsarenkapitän Haly gefiel mir ausgesprochen gut. Einer der vielen Höhepunkte dieses Abends war natürlich die Sauna-Szene, wo aber leider ein hochinteressantes Detail oft von einem Handtuch verdeckt war. (Ich meine tatsächlich das Handtuch, das der Lindoro um die Schultern trug. Was dachten Sie denn?) Das Orchester unter Lukas Beikircher spielte ganz fabelhaft. Der Herrenchor auch.
Spritzig, sexy, superspannend, mit schmissigen Melodien: Das war Musical at its best. Die Bühne war rappelvoll mit großartigen Sängern und Tänzern, die wenigsten davon Profis, sondern Mitglieder der Jugendtheatergruppe jtg und der Seniorentheatergruppe stg des Gärtnerplatztheaters. Heimatloswurde 2003 in Oslo unter dem Titel Frendelaus uraufgeführt; diese Vorstellung war die Münchener Erstaufführung. Dass die hervorragende Jugendarbeit des Gärtnerplatztheaters in den letzten Jahren sich wahrhaftig gelohnt hat, kann man sehr gut an Giulia Goldammer sehen, die in der Titelrolle als der elfjährige Junge Remi auf der Bühne stand. Darstellerisch großartig, mit jeder Menge Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, zog sie das Publikum sofort in den Bann der Geschichte. Gesanglich gibt es volle Punktzahl in der Pflicht und einige wenige Punkte Abzug in der Kür (wenn wir jetzt mal keinen Jugendbonus vergeben, sondern Profi-Maßstäbe anlegen), aber da wächst zweifellos ein großes Talent heran.
Acht Solisten des Gärtnerplatztheaters rahmten die Produktion ein, und da konnte man ebenfalls tolle Dinge erleben: Franziska Rabl habe ich zum ersten Mal in einem Musical auf der Bühne gesehen, und sie war fabelhaft als die junge, attraktive Witwe Lady Milligan, deren Sohn als Baby entführt wurde, mit einer beeindruckenden Stimme. James Milligan, der böse Onkel, der mit allen Mitteln an das Erbe kommen will, wurde dargestellt von Daniel Fiolka, der in Gentleman-Rollen immer eine hervorragende Figur macht (in anderen Rollen genauso, übrigens). Er übergibt das Baby an Harry und Maggie Driscoll, damit die es um die Ecke bringen. Diese beiden Kleinganoven spekulieren aber auf eine langfristige Erpressungsmöglichkeit und bringen den kleinen Remi nach Frankreich, wo er als Findelkind von Marie Barberin (Rotraut Arnold) aufgezogen wird. Es taucht der böse Stiefvater auf (widerlich, unsympathisch, einfach klasse: Hans Kittelmann), der den kleinen Remi loswerden will und für 50 Francs an einen umherziehenden Gaukler verkauft: Vater Vitalis, sehr liebevoll dargestellt von Sebastian Campione, der dafür einen riesigen Schlussapplaus erhielt. Dort findet der kleine Remi ein neues Zuhause und drei neue Freunde, die mit Vater Vitalis auftreten: einen Affen und zwei Hunde (ganz fantastisch: Christoph Vandory, Constanze Hörner und Bernando Maric).
Prompt erscheinen Lady Milligan und der böse James Milligan wieder auf der Bildfläche. Die Lady macht mit ihrem zweiten Sohn Arthur (sehr schön gespielt von Nadine Spegel) eine Schiffsfahrt durch Frankreich (da ist also noch ein Kind, das beseitigt werden muss, bevor der böse Onkel das Erbe antreten kann). James Milligan erfährt zu seinem Entsetzen, dass Remi noch lebt und erteilt den beiden Verbrechern erneut den Auftrag, den Kleinen jetzt mal endgültig umzubringen, was sich so als makabrer running gag durch das ganze Stück zieht. Mario Podrečnik und Milica Jovanovic als Harry und Maggie Driscoll muss man gesehen haben. Mario Podrečnik kann in diesem Musical sein komisches Talent voll ausleben, und das tat er auch: Sein expressives Spiel ist ein Hochgenuss, und dasselbe gilt für den Publikumsliebling Milica Jovanovic, die als rotgelocktes Energiebündel über die Bühne fegte. In Stimme und Darstellung hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Cruella de Ville aus 101 Dalmatiner. In dieser Rolle konnte sie alles zeigen: Power, Witz, Charme, Ausstrahlung. Holger Ohlmann trat in vier verschiedenen Rollen auf. Große Klasse war das Duett des Direktors Dietrich mit der Sekretärin (Rotraut Arnold), ein gesungener Dialog, wo immer nach ein paar Wörtern der andere weitersingt. Die Nebenrollen waren mit Cornelius Carstens, Anna Katharina Fleck, Konstantin Parnian und Florian Beier sehr schön besetzt. Toll anzusehen waren die tanzenden Wölfe, mit grauem Fell und orange glühenden Augen. Nach vielen Irrungen und Wirrungen gibt es ein Happy-End. (Für den kleinen Remi und seine Familie geht die Geschichte gut aus, aber das Programmheft erinnert daran, dass auch heutzutage Kinder entführt, verkauft, versklavt und ausgebeutet werden.)
Dazwischen gab es immer wieder beeindruckende Massenszenen, wunderbar choreografiert von Fiona Copley und Holger Seitz. Der Chor sang die mitreißenden Melodien sehr gut, und man merkte nur an einigen wenigen Stellen, dass es sich um Laien handelte (wie gesagt: Jugend und Senioren). Kostüme brauchte man in dieser Produktion unglaublich viele, und sie waren alle sehr gut gemacht, da war nicht gespart worden. Das Bühnenbild von Herbert Buckmiller ist schön und erstaunlich vielseitig: Wald, Herrenhaus, Bergwerk. Auf den Hintergrund wurden Landschaftsgemälde projiziert, sehr atmosphärisch. Das Orchester bestand aus Schülerinnen und Schülern des Pestalozzi-Gymnasiums und der Städtischen Musikschule München, nur die Posaune und das Klavier wurden von Profis gespielt. Bei der musikalischen Einstudierung hat der Dirigent Liviu Petcu ganze Arbeit geleistet. Die Inszenierung von Holger Seitz ist eine wunderbar runde Sache, das Publikum war begeistert. Der Komponist Gisle Kverndokk und der Librettist Øystein Wiik waren bei dieser Premiere anwesend und äußerten sich hochzufrieden.
Weitere Termine: 19., 23., 27. März.
jtg, Junges Theater am Gärtnerplatz: Sandra Boyaci, Diana Brückner, Mareike Bruns, Anna Katharina Fleck, Alexandra Ginger, Giulia Goldammer, Veronica Habela, Constanze Hörner, Alicia Höllerer, Dominique-Lea Kappl, Sarah Kiekens, Sophie Klaus, Louisa Klauser, Estelle Köhler, Kristin Mackensen, Sarah Mair, Seggen Mikael, Katharina Rambau, Corinna Romeikat, Ulrike Schneider, Nadine Spegel, Ariadni Stark, Ploy-Amelie Tismer, Clara Tolle, Olivia Troccoli, Julia Walser, Dorothee Weingarten, Angelina Zehender, Florian Beier, Cornelius Carstens, Jonas Doggenweiler-Menkhaus, Fabian Goldammer, Lion Leuker, Leonard Lücke, Bernando Maric, Sharif Osman, Konstantin Parnian, Jan Reinhardt, Johannes Rudschies, Gregor Schleuning, Christoph Vandory, Maximilian Vering
stg, Seniorentheater des Gärtnerplatztheaters: Petra Bartel, Reinhild Bickert, Hanna Habenicht, Annegrit Ihmig, Ingrid Mayr, Gisela Schäfer, Jutta Schlirf, Rolf Krämer, Gerd Rankl
Band: Schülerinnen und Schüler des Pestalozzi-Gymnasiums und der Städtischen Musikschule München: Matthias Grädener, Timo Stucky, Jerome Marmorstein, Johannes Erdelt, Maria Weruchanova, Jill Krupp, Felix Hellmeier, Florian Gabriel, Sandra Grujovic, Cathrine Craemer, Christian Craemer, Leonie Schmidt, Ronja Lunkenheimer; sowie zwei Mitglieder des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz: Quirin Willert, Posaune, Liviu Petcu, Klavier und Leitung.
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nacht_gedanken Tolles Interview mit der wunderbaren Nina George unter anderem über ihr neues Buch "Das Lavendelzimmer" http://t.co/n3RAFXLzIW - gezwitschert am 07.05.2013 18:14
nacht_gedanken Das ist meine Bettlektüre in nächster Zeit. Was würdet Ihr an Euer 16-jähriges Ich schreiben? http://t.co/B66d80wUzU - gezwitschert am 06.05.2013 23:18
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