Krakau 1704. Eine polnische Universitätsstadt mit turbulenter Geschichte. Polen war ein Wanderpokal, der von einem Machthaber zum nächsten weitergereicht wurde und um seine territoriale Integrität bangen musste. Zu der Zeit, in der die Operette Der Bettelstudent spielt, war ein Sachse König von Polen: Friedrich August I. von Sachsen, genannt August der Starke, war ein kunstsinniger Monarch, der Dresden zu einem Barockzentrum ausbaute. Kreativ war auch sein Griff nach der polnischen Krone: Er hatte die polnischen Adligen bestochen, ihn auf den Thron zu manövrieren. Ständig trug er eine Urkunde mit sich herum, die seine Konversion zum katholischen Glauben bezeugte. Es wurden ihm 365 Nachkommen und ein leidenschaftlicher Hang zur Sauferei nachgesagt, wobei davon auszugehen ist, dass diese Legenden zumindest teilweise in dem Hass der Bevölkerung auf die Fremdherrschaft begründet sind. Die polnischen Adelsfamilien waren zerstritten, halb ausgestorben und verarmt. Jozef Wybicki schrieb 1797 das Lied, das später zur polnischen Nationalhymne wurde und mit den Worten beginnt: “Noch ist Polen nicht verloren”. Rein zufällig findet sich in dieser Operette ebenfalls ein Fürst Wybicki.
Der Komponist Carl Millöcker wurde am 29. April 1842 in Wien geboren (in dieses Jahr fiel übrigens auch die Gründung der Wiener Philharmoniker). Er wurde nicht Goldschmied, wie der Herr Papa, sondern trat schon in jungen Jahren als Flötist auf und wurde später Theaterkapellmeister im Theater an der Wien. Bald begann er, Stücke zu schreiben. Die Librettisten für diese Operette waren das österreichische Erfolgsduo Zell/Genée. Friedrich Zell war zuständig für das Finden neuer Stoffe und plünderte dafür mit Vorliebe die französische Bühnenliteratur. Richard Genée schrieb die Liedtexte. 1882 wurde Der Bettelstudent uraufgeführt und wurde alsbald zum Welterfolg.
Christoph Wagner-Trenkwitz, ein beiläufig-brillianter Moderator, der mit seinem Wiener Charme im Handumdrehen die Herzen der stolzesten Abonnenten erobert, widerlegte gleich zu Anfang das Vorurteil, dass Männer nur ein Paar elegante Schuhe besitzen: Der Trend geht ganz eindeutig zum Zweitschuh. Der musikalische Leiter Michael Brandstätter hat diese Produktion schon 2010 in Klagenfurt dirigiert, hat aber jetzt mit einer anderen Fassung des Stücks gearbeitet, wo interessante Elemente zu entdecken waren. Für die Produktion des Gärtnerplatztheaters hat er einige neue Elemente aufgenommen, die zu einem früheren Zeitpunkt herausgenommen wurden (ein Duett wurde z.B. noch von den Autoren gestrichen, ist aber dramaturgisch sinnvoll). Der Dirigent erzählte von Mazurkas, von einer “Täuschungs-Mazurka” in dem Stück, wo das Taktschema ineinander verschachtelt ist, und erklärte, dass die Mazurka, Varsovienne, Polka mazur bzw. der mazurkische Walzer, wie auch immer man es nennen will, zur großen Walzer-Familie gehören.
Die Regisseurin Emmy Werner leitete von 1988 bis 2005 das Volkstheater in Wien. Sie kann schnell und amüsant erzählen und erklärte, dass in diesem Stück ständig gelogen und betrogen wird. Es war ihr wichtig, diese ständigen Drehungen herauszuarbeiten. Der Ausstatter Rainer Sinell stellte eine Kulisse für ein heruntergekommenes Hotel in Krakau auf die Bühne. Die Regisseurin wollte die Atmosphäre bewusst ärmlich halten. Das Krakauer Volk war damals ärmlich, sagte sie. Nachdem Der Bettelstudent eigentlich in der Barockzeit angesiedelt ist, aber die Regisseurin keine Barockkostüme wollte, wurde es für diese Inszenierung in die Entstehungszeit verlegt (um 1880 – da war Krakau übrigens von den Österreichern besetzt).
Also, wenn ich das richtig verstanden habe, hat die Regisseurin die Handlung aus der Barockzeit, wo die Damen wunderprächtige Barock-Kleider und Lockenperücken trugen, in eine Zeit verlegt, wo man modisch eher fad unterwegs war. An dem Ausstatter lag es vermutlich nicht, dessen Kostüme sind der Regisseurin immer noch ein bisschen “zu schön”. Aber zumindest gibt es Kostüme und die Klamotten sind nicht zeitgeistig vom Discounter; wir Zuschauer haben gelernt, schon für Selbstverständlichkeiten dankbar zu sein. Der Geschmack von Künstlern, die nicht primär durch die Oper oder Operette sozialisiert wurden, beißt sich zuweilen mit dem, was traditionelle Opernliebhaber gerne sehen. Emmy Werner kommt vom Sprechtheater, und aus der Gewohnheit heraus verwendete sie auch mal das Wort “Schauspieler”. Sie korrigierte sich jedoch umgehend, denn das trifft es im Musiktheater natürlich nicht so ganz … da hat im Zweifelsfall der Gesang Vorrang vor dem Szenischen.
Kleiner Exkurs: Der berühmte Schulterkuss, bekannt durch das Lied des Oberst Ollendorf, war in römischer Zeit ein Begrüßungsritual unterwürfiger Bittsteller gegenüber dem Kaiser. Von dieser Erkenntnis war Hans Gröning, der Bass-Buffo, der den Ollendorf singt, selbst überrascht: Da dachte man, das sei ganz einfach sexistisch zu verstehen, und dann gehört da so ein intellektueller Überbau dazu… (Wobei man das vermutlich unter “information overload” verbuchen kann; dramaturgisch scheint dieser Aspekt in dieser Operette nicht wirklich relevant zu sein.) In einem alten Operettenführer stand neben der Partie des Ollendorf nicht “Tenor” bzw. “kann auch von einem Bariton mit guter Höhe gesungen werden”, sondern da stand schlicht “Komiker”. Es handelt sich jedoch um eine Rolle, die einen guten Sänger braucht, weil sie durchaus anspruchsvoll ist. Zum Beweis hörte das Publikum gleich das Lied “Ach, ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst…” In dieser Inszenierung wird der Oberst glücklicherweise nicht einfach als tumber Tor dargestellt. Das Problem, dass Hans Gröning für seine Rolle eigentlich zu gut und distinguiert aussieht, kann von der Maskenbildnerin leicht behoben werden.
Sechs Opernsänger für vier Euro, das hat was. Vor allem, wenn es Sänger sind, für die ich auch gerne vierzig Euro ausgebe. Diese vier Euro sind natürlich nur ein Schnupperpreis, vormittags. Normalerweise singen die Herrschaften abends, und dann wird es teurer. Gehen Sie also am besten gar nicht hin, nicht dass es Ihnen noch gefällt … Man weiß ja, wie das endet: Erst kauft man sich eine Eintrittskarte, dann noch eine, dann ein Abo, und dann geht dieses Hobby allmählich ins Geld. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber wie meine Freundin so schön sagte: “Man hat ja sonst nichts anderes.” Jedenfalls nichts sonst, was so unterhaltsam wäre. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Einführungsmatinée nur schwer zu übertreffen sein dürfte: Die Reihen waren voll.
Die beliebte Sängerin Gisela Ehrensperger sowie Elvira Hasanagic und Simona Eisinger sangen ein reizendes Terzett, in dem sie (als Gräfin Palmatica Nowalska mit ihren beiden Töchtern Laura und Bronislawa) zum Shopping gehen. Oder zumindest so tun als ob, weil sie eigentlich überhaupt kein Geld haben. Liviu Petcu begleitete am Klavier. Es gab ein zauberhaftes Liebesduett von Simona Eisinger und Mathias Hausmann. Die Rolle des armen Studenten Jan Janicki ist eigentlich eine Tenor-Rolle. Sie wird hier aber von dem wunderbaren Bariton Mathias Hausmann gesungen, der dann eben auf ein paar der hohen Töne verzichtet. Für den anderen Bettelstudenten, Symon Symonowicz, hat der Komponist nämlich schon genügend hohe Töne geschrieben: Daniel Prohaska sang ein hochromantisches Duett mit Elvira Hasanagic, ein “Konditionalduett”, wie es der Moderator nannte (Ich setz den Fall…): Wenn wir einfach mal ganz theoretisch annehmen, dass ich eventuell das alles gar nicht hätte, was ich dir da so erzählt habe, und arm wäre wie eine Kirchenmaus… Laura hat eine ganz andere Frage: Gesetzt den Fall, ich bin irgendwann mal nicht mehr die Jüngste, und eine andere macht dir schöne Augen…? Was antwortet da der Operettenheld? Aber auf gar keinen Fall wird es für mich jemals eine andere geben, Schatzimausi!
Daniel Prohaska, der befragt wurde, warum er nicht wie viele Kollegen spezialisiert ist, sondern Musical, Operette und Oper singt, sagte, dass er keine Genre-Grenzen im Kopf hat. Diese Einteilung ist seiner Meinung nach eine Sache für Musikwissenschaftler, Dramaturgen und Kritiker, aber er sieht da auf der Bühne keine Unterschiede – es geht nur um die Rolle selbst. Elvira Hasanagic hat in München studiert und ihr Gesangsstudium gerade erst abgeschlossen. (Die nicht ganz einfache Partie der Laura wird ihre letzte Prüfung sein.) Für das begeisterte Publikum hörte sich das ausgesprochen gut an. Großer Applaus für alle Beteiligten.
Es gibt tausend tolle Dinge, die an mich völlig verschwendet sind. Skandinavien, Superbowl, Stilettos, Sprechtheater. Zum Beispiel. Das Thema des Abends war “Two’s company, three is a crowd.” Das Stück hieß Der Weibsteufel, von Karl Schönherr, ein raffiniertes, sehr österreichisches Stück. Die Inszenierung von Martin Kusej gefiel mir ausgesprochen gut, das Bühnenbild mit den Baumstämmen, die wie Mikadostäbe herumliegen, ist fantastisch. Die Schauspieler waren hervorragend: Werner Wölbern, Birgit Minichmayr, Tobias Moretti. Die Vorstellung war spannend und stimmig. Sehr viel besser wird es nicht, was Sprechtheater angeht, habe ich mir sagen lassen.
Trotzdem wurde mir in der dritten halben Stunde das Stillsitzen zur Qual. Das ist umso erstaunlicher, weil ich ja doch hin und wieder ins Musiktheater gehe, wo ich normalerweise keine Konzentrationsprobleme habe. Für mich gilt anscheinend: Lieber schlechtes Musiktheater als gutes Sprechtheater. Wirklich schlechtes Musiktheater begegnet einem in München glücklicherweise selten, die Qualität ist allgemein sehr hoch. Mein letzter abgrundtief grottenschlechter Opernabend ist schon eine Weile her; das war, als ich damals mit Angie … aber lassen wir das. Das Residenztheater ist keine Oper, das ist mein ganzes Problem. Ich hoffe, dass demnächst einer meiner Kollegen über dieses Stück schreibt … damit ich nachlesen kann, was ich da hätte sehen können, wenn mein Gehirn anders funktionieren würde.
Die Songs dieses uramerikanischen Broadway-Musical-Erfolgsduos werden hier von Bryn Terfel gesungen; das ist ganz große Klasse. Bryn Terfel kann sich seinen Mangel an Snobismus leisten: Er singt außer Oper (an der Met und anderswo) auch Operette und hier eben Musical, und das klingt wirklich großartig. Obwohl die Songs aus vielen verschiedenen Musicals entnommen sind, ist der Gesamteindruck wunderbar stimmig.
Ganz entzückend sind bei Rodgers & Hammerstein immer die Texte. Sie bestätigen mal wieder meine Theorie, dass Männer oft romantischer und sentimentaler sind als Frauen. Liebe ist hier zuweilen ganz einfach: Ein Mann, eine Frau, ein verzauberter Abend. In Some Enchanted Evening heißt es sinngemäß: “The heart has reasons reason does not know.” - Das ist allerdings nicht wörtlich. Rodgers & Hammerstein formulieren es noch schlichter: “Who can explain it? Who can tell you why? Fools give you reasons, Wise men never try.” In It Might As Well Be Spring möchte sich ein Mann endlich mal wieder verlieben: “I’m starry-eyed and vaguely discontented, Like a nightingale without a song to sing.” Kompliziert werden die Dinge von ganz alleine, und dann wird es auch ziemlich schnell zuviel, bzw. zuwenig, wie in No Other Love: “Set me free, Free from doubt, And free from longing.”
Aus dem Broadway-Klassiker The King and I singt Bryn TerfelSomething Wonderful(im Original eigentlich gesungen von Lady Thiang). Es geht um einen Mann, der die Frau seines Herzens regelmäßig auf die Palme bringt. Aber zuweilen, ganz unerwartet, macht dieser Mann etwas, was seine Liebste so zauberhaft findet, dass er sich ansonsten den Rest des Jahres so bescheuert anstellen kann wie er will… Am nettesten aber sind die Zeilen: “This is a man who thinks with his heart, His heart is not always wise. This is a man who stumbles and falls, But this is a man who tries.” Das klingt doch vielversprechend.
Die Strategie der Bayerischen Theaterakademie, Spitzen-Regisseure zu nehmen, damit die dort ausgebildeten jugendlichen Sänger optimal zur Geltung kommen, ist mal wieder aufgegangen: Adelasia et Aleramo ist sehr sehenswert, und hervorragend gesungen. Unbedingt noch anschauen! Nicht nur war es musikalisch großartig, sondern auch die Inszenierung von Tilman Knabe fand ich ganz toll. Dabei bin ich nur hingegangen, weil ich unter Opern-Entzug leide, denn das Angebot in München ist zur Zeit sehr übersichtlich. Zwar sind die Aufführungen der Bayerischen Theaterakademie eigentlich immer sehr gut, aber ich hatte zuvor Produktionsfotos gesehen, und muss ehrlich sagen: Meine Begeisterung für Krisengebiete jeglicher Couleur ist begrenzt. Die Inszenierung enthält all die Elemente, bei denen ich sonst Zustände bekomme: Krieg, Hinrichtungen, Sex, Blut, Schüsse, Krach, Lichtblitze. Trotzdem ist sie super. Vermutlich war es unvermeidlich, dass dieses alte Stück entstaubt werden musste. Tilman Knabe lässt keine Minute Langeweile aufkommen, alle Zahnräder greifen zügig ineinander, und das alles passt auch noch zum Libretto. Keiner der Sänger muss dumm herumstehen, sondern jeder Moment ist dramaturgisch schlüssig ausgefüllt, bis hin zum spannenden Schluss. Gigantisch gut sind auch das Bühnenbild und vor allem die fantastische Beleuchtung.
Ein runder Geburtstag ist natürlich eine tolle Sache: Johann Simon Mayr wird heuer 250 Jahre alt. Diese Oper ist eine echte Rarität, sorgfältig rekonstruiert durch Idealisten des Instituts für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik und Theater München. Die Arbeit hat sich gelohnt. Der Komponist arbeitete durchaus gefällig, Musikexperten erkennen anscheinend Motive der verschiedensten Komponisten wieder, von Mozart bis Rossini. Die Hofkapelle München unter Andreas Spering spielte auf historischen Instrumenten, mit einem wunderbar weichen Klang. Die historische Aufführungspraxis erstreckte sich jedoch nicht auf Inszenierung und Bühnenbild. Liebhaber von wohlklingenden Originalklängen können zwar die Augen zumachen, aber immer wieder gibt es laute Nebengeräusche, die daran erinnern, dass die Welt seit der Uraufführung 1806 ein paar Kriege weiter ist.
Ich bin nicht der Meinung, dass die theoretische Beschäftigung mit, sagen wir mal, der Kriegs- und Flüchtlingsproblematik mich zu einem besseren Menschen werden lässt. Ich hatte auch nicht bewusst beschlossen, mich auf die Prämissen der Inszenierung einzulassen, sondern das kam im Laufe der Vorstellung von selbst. Die Protagonisten befinden sich mitten in einem Kriegsschauplatz, aber für Katastrophentouristen gibt es nicht viel zu sehen. Der Krieg dient eher als psychologischer Hintergrund und als Erklärung, warum die Figuren so handeln, wie sie es tun. Der Regisseur wollte offenbar ausloten, wie sich die Menschen und insbesondere die Familienmitglieder in dieser schwierigen Ausnahmesituation zueinander verhalten. Adelasia und Aleramo leben im Grenzgebiet. Dort, wo eigentlich niemand sich sicher und zu Hause fühlen kann, haben sie sich notdürftig häuslich eingerichtet. Während der Ouvertüre wird eine Mehrzweckhalle gezeigt: Das, was aussieht, wie ein Schlachtfeld, sind auf den zweiten Blick die Überreste einer Geburtstagsfeier. Aleramo wird gesungen von Frauke Burg, die den jungen Mann so schlüssig verkörpert, dass die Diskrepanz zwischen ihrem Koloratursopran und der Hosenrolle nach der ersten Überraschung völlig selbstverständlich wirkt. Aleramo schwärmt also von seiner Holden, und da kommt sie auch schon herein, wie von einer Gewitterwolke umgeben, und nimmt ihm die Bierflasche weg. (Dass bei zwei Turteltäubchen Zank ausbricht, gilt als Ausweis komplexer Personenführung eines Regisseurs, ist aber ansonsten nicht weiter ernstzunehmen: die beiden lieben sich heiß und innig.) Okay, dann geht Aleramo eben wieder an die Arbeit, als Hausmeister im Flüchtlingslager.
Die Normalität hält jedoch nicht lange vor, Geschützeinschläge lassen die Wände erzittern, Adelasia beruhigt die Kinder. Da erscheint überraschend Adelasias Vater, Kaiser Ottone, der seinen Einflussbereich offensichtlich ausweiten konnte. Vor ihm waren Adelasia und Aleramo geflüchtet, weil er ihre Liebe nicht billigen wollte. Ottone hält eine Pressekonferenz, wie man das eben so macht als Potentat. Soldaten im Tarnanzug, wohin man schaut. Aleramo wird festgenommen. Ottone will sich an ihm rächen, weil er ihm die Tochter weggenommen hat. Kaiserin Teofania verspricht Adelasia ihre Unterstützung. Trotz ihrer dominanten Persönlichkeit wirkt sie allerdings seltsam unbeteiligt, wenn es darum geht, ihren Schwiegersohn zu retten; man hat nicht den Eindruck, dass sie den Gatten mit vollem Einsatz bearbeitet. Zumindest informiert sie Roberto, Aleramos Bruder, Offizier in Ottones Heer: Er soll dem Liebespaar helfen. Zwischendrin besucht sie ein Flüchtlingslazarett, gekleidet wie eine moderne Präsidentengattin in lila Kostüm und hohe Hacken. Statt eines Hofstaats scharwenzeln Pressefotografen und Adjutantinnen um sie herum. Wieder gibt es Granatenbeschuss.
Ein anderer Offizier, Rambaldo, richtet nach der Pause drei Deserteure hin. Unvermittelt kommt Adelasia, die Ottone um Milde anfleht. Da wird Rambaldo hektisch, stopft den Schalldämpfer in die Hosentasche, wischt seine Fingerabdrücke von der Pistole und betrachtet die Leichen mit entsetzter Mimik und Gestik: Wer hat denn sowas getan? Adelasias Meinung ist ihm wichtig, denn er plant, sie zu heiraten, sobald er Ottone aus dem Weg geschafft hat: The winner takes it all. Dafür muss seine Intrige noch klappen, aber das sieht gut aus. Mors Certa Hora Incerta steht als Motto unter der Wanduhr – sterben müssen wir alle, die Frage ist bloß wann. In der Zwischenzeit geht es den meisten Leuten darum, ihre Haut so teuer wie möglich zu Markte zu tragen. Ottone schlägt Aleramo einen Deal vor: Er soll auf Adelasia verzichten und wird dafür am Leben gelassen. Für Aleramo kommt das nicht in Frage. Adelasia widerspricht ihm: “Wenn du schon nicht mit mir leben kannst, dann lebe wenigstens!”
Kaiserin Teofania vergnügt sich derweil mit Roberto, eine Sex-Szene, die so romantisch wirkt wie eine finanzielle Transaktion. ”Das muss doch nicht sein”, zischt eine distinguierte Dame hinter mir. Der Meinung bin ich normalerweise auch, aber hier macht der Sex dramaturgisch und atmosphärisch Sinn: Zwei Verbündete versichern sich so ihrer Loyalität, und so ganz nebenbei sieht man auch sehr gut, wer hier die Macht hat: Kaiserin Teofania bedient sich mit einer beiläufig-dominanten Körpersprache, die man zwar aus dem Kino kennt, die aber dort meist den Männern vorbehalten ist. Eine imposante Frau, vom Librettisten nach einem realen historischen Vorbild gezeichnet. Es dauert nicht lange, da hat Roberto den Verräter Rambaldo entlarvt und kann damit Aleramos Hinrichtung in letzter Minute abwenden. Kaiser Ottone wird von seinen eigenen Geheimdienst-Agenten abgemurkst. Roberto und die Kaiserin verschwinden mit den Kindern, die strategisch unverzichtbar sind, weil sie die Herrschaftsansprüche legitimieren. Adelasia und Aleramo bleiben zurück, zwar traumatisiert, aber wenigstens sind sie zusammen.
Weitere Vorstellungen im Prinzregententheater am 6. und 8. März 2013. Der Komponist war zwar als Giovanni Simone Mayr in Italien erfolgreich, stammte aber aus Mendorf bei Ingolstadt. Folgerichtig wird es am Theater Ingolstadt ein Gastspiel geben, und zwar am 22., 25. und 27. März 2013.
Sie funktioniert noch, diese russische, sperrige Politopera mit Zaren, Bojaren und Mönchen. Denn sie schneidet zeitlose Themen an: Die Rücksichtslosigkeit und damit verbundene Einsamkeit der Macht. Und darauf hat es Calixto Bieito auch abgesehen mit seiner modernen, naturalistischen, schlüssigen und wachen Interpretation von Mussorgskys Werk, die hier in der neuerdings gebräuchlichen Urfassung gegeben wird.
Bieito geht dabei in die Vollen. Seine Schläge bluten, die Bühnenmorde gehen leicht und spröde, ja professionell von der Hand; Gewalt und Bedrohung hinter jeder Wodkabude und Schüsse selbst von Kinderhand. Politik besteht hier in der Kraft des Stärkeren, die Logik der Mafia.
Die (nicht mehr ganz) aktuellen Politikhäupter werden dazu aktuellerweise schon zu Beginn überdimensional zur Schau und zu Grabe getragen. Das geknechtete, zum Jubel gezwungene Volk erhöht Putin, Blair und (wieder) Berlusconi. Damit es das tut, wird es geschlagen, getriezt, gepeinigt. Nun ja, Kindermörder sind unsere modernen Staatsoberhäupter nun nicht gerade, doch die Mechanismen der Mediendemokratie wie des modernen Populismus hat Bieito damit recht gut wiedergegeben. Der Regiejux, dass der neue, sich zur Regentschaft überreden lassende Boris aus der Königsloge seinem Volk und dem Publikum entgegentritt, erinnert an die Kür des TV-Hochadels.
Auch die Idee, aus den chronikenschreibenden Mönchen Journalisten zu machen, überzeugt. Grigorij (mit noch zu steigerndem Tenor Sergey Skorokhodor) – mit Phototasche auf der Flucht vor dem System – gibt den Kriegs- und Krisenberichterstatter. Nach Uraniumskandalen und wiederholten Repressionen gegen die freie Presse auch im arabischen Frühling aktueller denn je. Doch er will mehr. Vom Kirchenanzeiger zur Hauptstadtpresse sozusagen. Und nach der kühlen Logik der Macht und mit genügend mörderischer Rücksichtslosigkeit erreicht er sein Ziel am Ende. Hoffnung durch den Machtwechsel entsteht dadurch aber keine.
Überhaupt beschreibt diese Inszenierung pessimistische Isolation. Am grandiosesten mit dem beeindruckenden Bühnenkubus, dem Bunker, dem Öltank, der Skulptur von Rebecca Ringst. Abgeschlossen, wendig und aufklappbar spiegelt sie die Misere der Macht. In einem oligarchischen feschen Mikrokosmos vegetiert dieser Boris an seinen Skrupeln und am Alleinsein der Herrschaft. Stimmgewaltig und nachvollziehbar auf dem Weg in den tödlichen Wahn überzeugt trotz weniger Glanzlichter in der Partitur nach der Art der Operà dialogué Alexander Tsymbalyuk. Er sitzt in seiner russischen Arche und sieht dem Geschehen zu. Egozentrisch mit sich beschäftigt, seine Skrupel los und doch diesen am Ende ausgeliefert.
Daneben Volk, Masse, Mensch. Analog zum bereits bestechend am Haus inszenierten Khovanshchina, das die diversen Soli noch via Splitscreen auf die Bühne aufteilte, streicht Bieito einfach – etwa den aus dem Rahmen fallenden Polenakt. Er konzentriert Handlung, Agieren und die eindringliche Musik zu einem Politkammerspiel.
Bei der Besetzung greift das Haus auf bewährte Kräfte um den sensationellen Anatoli Kotscherga als Chroniker Pimen und den quietschigen Ulrich Reß in einer Nebenrolle zurück. Nagano hantiert, wie bereits 2007, gekonnt mit der schweren, seidigen Musik und den donnernden brillianten Chören.
Damit ist ein aktueller, schwerer und doch zeitloser Kommentar gelungen. Mussorgsky liefert dafür eine reiche Musik und offene Handlung, aus der Bieito das Optimum herausholt, ohne den Sinn zu verfälschen.
Simon Keenlyside, der lyrische Bariton aus England, ist einer meiner Lieblingssänger und ein gigantisch guter Opern-Darsteller, aber das kann man auf einer CD leider nicht sehen. Die Stücke auf dieser Aufnahme sind von einer unglaublichen Vielfalt, angefangen bei dem für meine Ohren etwas hektischen, aber hervorragend gesungenen Largo al factotum della città bis zu Oh, du mein holder Abendstern, ebenfalls sehr schön anzuhören. So beachtlich das auch ist: ich persönlich mag derartige Stilsprünge nicht besonders. Ich brauche außerdem einen thematischen Zusammenhang, damit ich wirklich zufrieden bin. Allerdings gehe ich davon aus, dass diese Einspielung (aus dem Jahr 2006) eher Agenten und Intendanten beeindrucken sollte, als Referenzmaterial für Bewerbungen sozusagen, und diesen Zweck hat sie mit Sicherheit erfüllt.
Der einzige rote Faden scheint zu sein, dass die einzelnen Stücke möglichst wenig miteinander zu tun haben: Massenet, Mozart, Tschaikowski, Verdi, Wagner hört man nicht alle Tage auf einer CD versammelt, dazu noch Bellini, Cilea, Leoncavallo, Rossini, Thomas. Keenlyside singt also hier in vier Sprachen und zeigt sein breitgefächertes Repertoire, so wie ein Pfau seine Federn spreizt. Das Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer spielt in gewohnt hoher Qualität. Ein Sänger muss sich präsentieren, das Marketing gehört zwangsläufig dazu. Dabei ist Simon Keenlyside eigentlich ein sehr zurückhaltender Mensch mit bescheidenem Auftreten, der sich als Teil einer langen Reihe von vergangenen und zukünftigen Sängern sieht. In dem Begleitheft spricht er mit Hingabe von seinem Beruf:
A riot and a dance, but one for which nobody ever teaches you the right steps, and where you are forever tripping up!, full of the absurdity and wonderment that I hope will continue for many years to come.
Bayerische Theaterakademie proudly presents: Das MusicalDracula, aufgeführt von Studierenden des 2.-4. Jahrgangs Musical. Die Darsteller waren mit Enthusiasmus dabei, das Publikum war begeistert, und wenn man keine Angst vor Kitsch hat, ist dieses Stück von Frank Wildhorn eine feine Sache. Ich selbst bin da mittlerweile relativ schmerzfrei, aber bei der deutschen Übersetzung von Roman Hinze bin ich dann doch hin und wieder zusammengezuckt. Die Atmosphäre auf dem Video trifft es ziemlich genau, da bräuchten Sie eigentlich gar nicht weiterlesen. Musikalisch war es streckenweise ganz klasse, streckenweise aber auch nicht, weil die Tontechnik immer noch Probleme machte. Manchmal habe ich mir die Ohren zugehalten, weil es mir zu laut war.
Das Eingangsbild war hochinteressant: wunderschöne Vampirfrauen in aufreizender Kleidung und lasziven Posen, die (trotzdem oder deswegen) auf mich völlig steril und unsexy wirkten. (Was übrigens zur Handlung passt, so ist es nicht.) Nachdem ich leider zu den Frauen gehöre, die ihr Gehirn benutzen müssen, wenn sie gut aussehen wollen, fand ich diesen Effekt faszinierend. Kurz hatte ich eine Vision von einem Mann, der gelangweilt durch ein Luxusbordell wandert, sich schließlich in der Küche an die Spüle lehnt und dem Küchenmädel Gedichte von Baudelaire im französischen Original vorträgt … Sie entschuldigen meine schmutzige Fantasie, ich schweife ab. Irgendwie hatte das Ganze Ähnlichkeit mit einem Softporno, obwohl die Hauptfiguren durchaus differenziert gezeichnet waren. Vielleicht, weil sich die klassische Frage (wie nähere ich mich jemandem, ohne ihm zu nahe zu treten) bei Vampiren nicht stellt. Naja, jeder so wie er kann. Insofern finde ich die aktuelle Sexismus-Debatte fast komisch, weil da jeder Leitartikler von irgendwelchen Politikern erwartet, dass sie für irgendwelche Zufallsbekanntschaften im Dirndl mehr Sensibilität aufbringen sollen als die Frau Gemahlin das in soundsovielen Jahren Ehe jemals erlebt hat. Wünschen darf man sich ja alles, aber realistisch ist das nicht… Graf Dracula braucht aber nicht sensibel sein, Mina und Lucy schätzen seinen Sex-Appeal. Die anderen Männer sahen aber auch gut aus. Bis auf einen: Völlig unsexy und absolut brilliant war der verrückte Renfield, an dem sich ein fantastischer Maskenbildner verwirklicht hatte. Hin-rei-ßend in jeder Hinsicht die beiden Gargoyles, Steinstatuen mit Monsterkopf, auch bekannt als Wasserspeier. Tolle Bewegungen, und ein tolles Kostüm. Die würde ich mir gerne jede Woche ansehen.
In jedem Jahr überlege ich kurz, ob ich mein Pseudonym allgemein öffnen soll oder nicht, und alle Jahre wieder kommt irgendein Feedback, das mich daran erinnert, warum ich das noch nicht getan habe. Ein schon aus beruflichen Gründen sehr opernaffiner Herr teilte meiner Chefredakteurin mit, dass er unsere Opernrezensionen als persönliche Betrachtungen sieht, was ihm offensichtlich ein Ausweis unzureichender Qualität ist. Siedendheiß fielen mir da sofort alle meine Sünden ein, angefangen bei einer Tosca-Nachtkritik, in der ich mich fast mehr mit der Münchener Oktoberfest-Atmosphäre beschäftigt hatte als mit der Vorstellung selbst. Gerade diese Tosca-Rezension hat übrigens auf diesem Blog zehn Mal so viele Zugriffe wie der Durchschnitt der Artikel, obwohl sie nicht einmal das Wort “Sex” enthält. Aber nein, der aufmerksame Herr bezog sich auf meine Besprechung einer Neuinszenierung einer Verdi-Oper, die ich bis dato für einigermaßen fundiert gehalten hatte (die Besprechung, meine ich) - auch weil ich mir diese Produktion zweimal hintereinander angesehen hatte, um mir über meine Meinung klarzuwerden. Die Vorstellung, über die ich dann letztlich berichtete, hatte mir besser gefallen. Das lag möglicherweise auch daran, dass zeitgleich in der Intendantenloge eine hochinteressante Pantomime gegeben wurde, mit dem Arbeitstitel “Der Intendant und sein Gefolge”.
In der Tat finde ich es schwierig, über die Emotionen, die eine Opernvorstellung oft auslöst, unpersönlich zu schreiben. Richtig ist also, dass meine Rezensionen meine persönliche Sichtweise wiedergeben. Das ist gewollt, und wird auch in Zukunft so bleiben – schon weil ich festgestellt habe, dass Objektivität eine sehr subjektive Angelegenheit ist: Die fachlichen Meinungen auch unter Opernkennern gehen in vielen Punkten stark auseinander. Ein Beispiel aus einer längst abgespielten Produktion: Einen Sänger, den ich für etwas schwach hielt, fand eine Freundin, die selbst Opernsängerin war, sehr lyrisch und genau richtig für seine Partie. Ich lasse mich da durchaus überzeugen. Ein aktuelles Beispiel: Zu der Operette Die Czardasfürstin, die gerade in Dortmund Premiere feierte, äußerten sich von fünf Zeitungsjournalisten einer negativ, einer neutral und drei begeistert. Die Frage, wer da “recht” hat, scheint mir völlig müßig. Auch die Überlegung, ob wohl alle diese Zeitungsjournalisten Musikkritik studiert haben, halte ich für unwesentlich. Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass jeder Zuschauer, auch wenn er zum allerersten Mal in einer Oper ist, das Recht hat, eine Kritik zu schreiben. Wenn diese Kritik ernsthaft gemeint ist, ist sie auch ernstzunehmen. Einige Musiktheater-Blogs bemühen sich aktiv um Theaterkritiken, die von Jugendlichen geschrieben sind. Das ist nicht nur Nachwuchsförderung, sondern es bringt auch interessante neue Aspekte in die Diskussion. Das schützt zumindest teilweise vor Betriebsblindheit.
Bei der Produktion, um die es hier ging, hatte ich geschrieben, dass die Vorstellung nicht besonders lange dauerte. In Minuten betrachtet ist das wohl objektiv unrichtig (ich hatte nicht auf die Uhr geschaut), aber Subjektives hat in der Opernkritik eine Tradition, die so alt ist wie die Oper selbst. Gerade negative Kritik verpacke ich oft in verklausulierten Schnörkeln, weil ein plumpes “fand ich doof” mir meist nicht differenziert genug wäre. Als Akademiker - es ist mir etwas peinlich, das zuzugeben, weil ich lieber als Studienabbrecher meine Millionen gemacht hätte, so wie Steve Jobs, aber das ist halt nicht jedem gegeben - als Akademiker also steht mir natürlich ein Fremdwörterbuch und eine große Palette an hochgestochener Terminologie zur Verfügung. Ich wäre also durchaus in der Lage, einigermaßen glaubwürdig über “fehlende Körperstütze” oder “italienische Stimmführung” zu schwadronieren, doch das überlasse ich meistens den Kollegen, denen dies ein wirkliches Anliegen ist.
Die Mehrzahl unserer Leser kann einer rein fachlichen Analyse auch nicht besonders viel abgewinnen. Unsere Zielgruppe ist weniger das Fachpublikum, sondern eher der interessierte Opernlaie, oder im besten Fall der Quereinsteiger. Es ist ohnehin ein erstaunliches Phänomen, dass eine Kunstform, die so faszinierende Geschichten erzählt und so farbig und vielseitig ist wie die Oper, prozentual so wenige Interessenten hat. Offensichtlich sind da für viele Menschen die Zugangshürden zu hoch, und wir versuchen, etwas dazu beizutragen, dass sich das ändert. Es wäre schade, wenn die westliche Oper zu einem Nischenprogramm für Touristen verkommen würde, so wie die Peking-Oper. Dafür ist es mit Sicherheit hilfreich, das Thema nicht nur aus dem Elfenbeinturm heraus zu beleuchten, sondern auch unter anderen Aspekten zugänglicher zu machen. Erfahrungsgemäß ist dafür eine bürokratisch wirkende Gesamtschau eher ungeeignet. ”Sex and Crime” geht da schon eher, und ich hoffe, ich verstöre nicht allzu viele Bildungsbürger, wenn ich vorsichtig darauf hinweise, dass das gesamte System “Oper” auf den beiden Themen “Liebe und Tod” aufgebaut ist. Ich interessiere mich eher für Atmosphärisches, zum Beispiel, warum es Vorstellungen gibt, an denen technisch nichts auszusetzen ist, und die den einzelnen Zuschauer trotzdem nicht begeistern. Der freundliche Herr wies darauf hin, dass Verdi für seine Oper genau diese Menge an Noten geschrieben hat. Diese überflüssig erscheinende Information war in dem Zusammenhang durchaus hilfreich, weil mir beim Nachdenken darüber erst auffiel, dass tatsächlich viele Inszenierungen nur die Handlung des Librettos abdecken und keine erklärenden oder interpretierenden Szenen einfügen.
Nachdem ich also Wert darauf lege, meine Texte so subjektiv zu schreiben, wie ich das für richtig halte, und die literarischen Stilmittel zu verwenden, die ich bevorzuge, gehe ich von jeher nur höchst selten auf Pressekarte ins Theater: Ein Kritiker ist zwar grundsätzlich unabhängig, aber ich persönlich würde mich veranlasst fühlen, einzelne Kritiken umfassender oder konventioneller anzulegen, und dann schreibe ich lieber gar nicht. Wenn ich beispielsweise eine Vorstellung mit drei Sätzen abhandele, oder mich zu einer Veranstaltung überhaupt nicht äußern mag, dann hat das meistens seine Gründe. (Manchmal auch nicht.) Wobei natürlich auch ein Kritiker mit Pressekarte nicht dem Opernhaus verpflichtet ist, das diese Pressekarte ausgestellt hat, sondern dem Publikum, für das er schreibt. Dieser Text hier grenzt für meine Verhältnisse schon sehr ans Langweilige – wo sich dieses Thema doch hervorragend für eine unernste Betrachtungsweise eignen würde. Aber ich kann auch ernsthaft, einmal im Jahr zumindest. Q.E.D.
Für die Statistik möchte ich anmerken: Es gibt auch positives Feedback. Im vergangenen Jahr bekam ich mal eine Blume, und einen ganz zauberhaften Kommentar dazu. Aber das war bestimmt nur, weil ich so hübsch bin…
Die Aufmerksamkeit von Kindern während eines Musikstückes zu erhalten ist schwierig und gelingt nicht immer. Selbst mit dem heiteren Stück Der Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns war das nicht immer der Fall.
Camille Saint-Saëns komponierte das Stück sozusagen als Faschingsscherz für den engsten Familienkreis und wollte bis zu seinem Tod keine öffentlichen Aufführungen. Diese und andere Fakten über das Stück bereitete Rotraut Arnold kindgerecht in einer kleinen Einführung auf. Sie stellte die Tiere und die dazu gehörigen Instrumente vor und schuf so ideale Voraussetzungen für eine gelungene Vorstellung. Auch die Dauer von einer knappen Stunde sollte auch für die allerkleinsten nicht zu lang sein.
An sich war es eine wirklich nette Idee, das Stück, wenn es schon nicht szenisch aufgeführt werden konnte, mit Zeichnungen von Kindern zu bebildern. Leider lenkten diese die Kinder jedoch mehr ab als nötig. Bei jedem Wechsel der Bilder schwoll der Lärmpegel im Zuschauerhaus erheblich an, weil die Kinder diese kommentierten. Dadurch wurden sie, so fürchte ich, von dem Geschehen auf der Bühne abgelenkt.
Und das war wirklich beeindruckend. Michael von Au las den Text von Loriot sehr ausdrucksstark und schaffte es, jedem Tier eine eigene Stimme zu verleihen. Das korrespondierte herrlich mit den Instrumenten. Das brüllte der Löwe, da gackerten die Hühner und da tanzten die Schildkröten. Das Orchester spielte fabelhaft und lies es sich auch nicht nehmen, kleine Gags einzubauen. So lief die Klarinettistin, die den Kuckuck nachahmte, zwischen ihren Kollegen umher und neckte sie mit dem charakteristischen Ruf. Auch der Kontrabass, der den Elefanten gab, präsentierte sich am Bühnenrand und gab damit einen besonders guten Einblick in sein Spiel.
Musikalisch war es wirklich sehr schön, Oleg Ptashnikov leitete das Orchester mit viel Esprit, passend zum Stück. Am Ende wurden alle stürmisch beklatscht und auch Zugabe-Rufe waren zu hören. Schade, dass es nur vier Aufführungen gab, das hätte ich mir gerne nochmal angehört.
Jeder Kulturbegeisterte weiß: Fernsehen ist bähbäh. Passiv im Fernsehsessel sitzen und in die Glotze glotzen – wie bescheuert ist das denn! Ein Culture Vulture gibt lieber ein bisschen mehr Geld aus … um dann am Abend reglos in einem Theatersessel zu sitzen und auf eine Theaterbühne zu gucken. Wobei man zuweilen schon überlegt, ob Kunst wirklich immer eine Einbahnstraße sein muss. Und überhaupt: Die “fifteen minutes of fame”, von denen Andy Warhol gesprochen hat … wann kommen die denn bitteschön für mich? Na? Na, jetzt! An diesem Abend zum zweiten Mal: Weisses Rössl, Version 2.0, mit den vielen interaktiven Funktionen! Das ist nur gerecht, natürlich. Das Volk sind wir. Und wenn wir die Sänger auf der Bühne schon bezahlen, dann können sie auch mal uns zuhören. Passiver Kulturkonsum ist out, jawohl. Singalong ist in. Das Münchner Publikum ist ja bekannt dafür, eher dezent auszuflippen, und deshalb konnte man auch in den Mitsing-Passagen die Sänger auf der Bühne immer noch sehr gut hören.
Ehrlich gesagt, haben sich die Zuschauer so ähnlich verhalten wie sonst auch: Es wurde geraschelt, geknurpst, gekaut und gekrümelt, herumgefuchtelt und mehr oder weniger verhalten mitgesungen. Bei dieser Singalong-Vorstellung war das nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdrücklich erwünscht. Der Regisseur, J.E. Köpplinger, gab rudimentären Gesangsunterricht, damit sich das Auditorium ein wenig warmsingen konnte, und ließ Kussgeräusche üben. Ausgeteilt wurden raschelnde Plastiktüten mit Österreich-Fähnchen, rotem Herz, einer herzallerliebsten Miniaturkuhglocke, kleinen Salzbrezen und einer Duschhaube, die gegen Schnürlregen hilft und auch aus dem coolsten Chefdramaturgen einen Scherzartikel macht. Ein angenehmer Nebeneffekt dieser ganzen Interaktivitäten: An den Stellen, wo das Publikum gerade mal nicht mitmacht, ist Ruhe im Karton, die Zuschauer sind dann tatsächlich LEISE und so konzentriert, dass sie sogar die vielen kleinen Gags besser mitbekommen. Überhaupt ist so eine Singalong-Vorstellung atmosphärisch eine tolle Sache: Die Zuschauer klatschen nach den Liedern, die sie mitgesungen haben, noch viel begeisterter, vermutlich weil es nun “ihre” Lieder sind. Die Stimmung war also super, und musikalisch – ja, halten Sie mich ruhig für undogmatisch und zu wenig snobistisch, aber ich fand das Publikum musikalisch durchaus erträglich. Was soll ich sonst auch sagen? Schließlich habe ich mitgesungen.
Seit einiger Zeit schreiben auf diesem Blog mehrere Autoren. Die Artikel sind deshalb mit dem Namen gekennzeichnet und unten befindet sich eine Liste, die alle Autoren aufführt. Die Namen sind Links zu den Artikeln des jeweiligen Autors. Jeder Artikel gibt ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder.
Wenn Sie Bücher über dieses Widget oder über den Link im Artikel bestellen, erhalten wir eine kleine Provision, mit der wir die Serverkosten bezahlen.
nacht_gedanken Berührend am Ende des Abends "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände" vom gesamten Ensemble zur Erinnerung an Komponist Paul Abraham. - gezwitschert am 09.06.2013 22:40
nacht_gedanken Sehr schöne Premiere von Ball im Savoy an der Komischen Oper Berlin! Mitreißende Choreografien und freche... http://t.co/zwRIaNGhGl - gezwitschert am 09.06.2013 22:38
nacht_gedanken Gefeierte Premiere der Esclarmonde von Massenet! Da hat das Anhaltische Theater Dessau einen Schatz ausgegraben! - gezwitschert am 26.05.2013 20:36
nacht_gedanken Tolles Interview mit der wunderbaren Nina George unter anderem über ihr neues Buch "Das Lavendelzimmer" http://t.co/n3RAFXLzIW - gezwitschert am 07.05.2013 18:14
Letzte Kommentare