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Interview mit Saimir Pirgu

Foto © Paul Scala

Foto © Paul Scala

Saimir Pirgu (*1981) ist ein albanisch-italienischer Sänger, der zurzeit in München an der Bayerischen Staatsoper den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto singt. Pirgu ist als lyrischer Tenor mit den großen Partien seines Fachs an allen großen Bühnen der Welt zu Gast und hat mit namhaften Dirigenten und Regisseuren gearbeitet.

Das Gespräch fand am 16. Juni 2018 in der Rheingoldbar der Bayerischen Staatsoper statt.

PS: Hallo, Herr Pirgu, es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen für unser Gespräch.

SP: Gerne.

PS: Als Zuschauer hat man ja unterschiedlichste Vorstellungen von dem Beruf des Opernsängers. Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?

SP: Das ist das Reisen. In welchem anderen Beruf hat man schon die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen? Schauen Sie, es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ich noch nicht besucht habe. In den meisten mache ich gar kein Sightseeing mehr, weil ich sie schon kenne. [lacht] Und überall komme ich schnell in Kontakt mit dem Land, den Gebräuchen, den Menschen, finde Freunde. Das ist toll. Die Kunst der Musik ist international und überall sind Menschen, die sie berührt.

PS: Sind Sie es, der mit der Musik die Menschen berührt?

SP: Es ist die Musik selbst, ich bin ja nur Ausführender. Das kommt ja auch auf den Dirigenten und die Inszenierung bzw. die Regie an.

PS: Inwieweit können Sie denn bei so vielen unterschiedlichen Inszenierungen Ihre eigene Vorstellung von einer Rolle, hier in München zurzeit den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto, umsetzen?

SP: Ich bin ja sozusagen als Sänger das Material, durch das ein Regisseur seine Vorstellung umsetzt, das istmein Job. Wenn der eine sagt „mach es so“ und der andere „mach es so“, dann mache ich es halt. Ich singeeben, es ist letztlich die Musik, die das transportiert. Ich stehe schließlich jeden Abend im Löwenkäfig und manchmal gewinnt man und manchmal verliert man auch. Das ist normal.

PS: Wie gehen Sie an das Rollenstudium heran?

SP: Zuerst schaue ich mir natürlich die Noten an, aber als junger Sänger höre ich mir auch Aufnahmen von anderen Sängern, die das schon gemacht haben, an. Ich lese viel über das Stück, aber die Musik ist schon das wichtigste.

PS: Was ist der Duca di Mantova für eine Persönlichkeit?

SP: Der Duca ist ein gewissenloser Mensch, er hat ja auch nie Armut kennengelernt. Er ist reich geboren und wenn ihm jemand nicht passt, dann macht er ihn einen Kopf kürzer. Ihn oder einen anderen, das ist ihm egal. Viele meinen, er liebt die Frauen. Ja, das auch, aber das ist ein Nebenaspekt. Dem geht es um seine Interessen und er gewinnt am Schluss auch. Anders als Rigoletto. Der ist arm geboren, kommt an den Hof und am Schluss verliert er alles. Der macht eine Entwicklung durch. Der Duca di Mantova bleibt der, der er war.

PS: Sie meinen, das ist ganz unabhängig vom Regiekonzept?

SP: Ja. Das Gute kann man nicht schlecht machen, aber ich verstehe nicht, wieso dieses Grau in Grau auf der Bühne inzwischen überall so verbreitet ist – und damit meine ich überhaupt nicht moderne Inszenierungen allgemein. Ich habe schon sehr moderne Inszenierungen gespielt, die eine tolle Aussage hatten. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob mit dem Grau in Grau das Nichts zum Inhalt erhoben wird und das ist nicht OK. Wahrscheinlich dürfte ich das jetzt gar nicht sagen, weil man mich sonst an manchen Orten nicht mehr einlädt, aber es ist eine Wahrheit, die kaum einer gerne hört. Wie viele Buhrufe erleben Sie denn so bei Premieren?

PS: Immer mal wieder, aber tendenziell eher wenige.

SP: Sehen Sie. Wenn keiner hinginge, dann würden sich solche Inszenierungen auch nicht halten können. Ein Intendant würde eine Produktion absetzen, wenn sie sich nicht verkauft. Aber solange die Leute hingehen, passiert nichts.

PS: Sie haben ja mit vielen sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet.

L'Elisir d'Amore, Wiener Staatsoper - Foto ©Michael Pöhn

L’Elisir d’Amore, Wiener Staatsoper – Foto ©Michael Pöhn

SP: Ja, wenn ich noch an Zefirelli denke … da habe ich in dem Kostüm des Duca – so ein richtiges, opulentes! – ordentlich geschwitzt. [lacht] Nicht, dass das jetzt das einzig Wahre gewesen ist – die Münchner Inszenierung ist zum Beispiel modern, aber schlüssig und überzeugend. Auch in Zürich hatten wir eine sehr gute moderne Inszenierung. Ich weiß aber nicht so recht, was die Aussage ist, wenn ich in Unterhosen auf der Bühne stehe… Ich meine, es ist ja doch ein Herzog … Da wäre es manchmal besser, man würde eine Oper konzertant geben.

PS: Sie hatten in Ihrem Leben sehr wichtige Mentoren und künstlerische Vorbilder. Wie haben die Sie beeinflusst und wie ist Ihr Verhältnis zu Dirigenten allgemein?

SP: Als junger Sänger schaut man ja immer „wie machen es die anderen“. Was dann am Schluss in die eigeneEntwicklung eingeht, kann ich wahrscheinlich erst in vielen Jahren rückblickend sagen. Claudio Abbado war sicherlich sehr wichtig für mich. [Abbado hat Saimir Pirgu 2003 entdeckt und als 22jährigen als Ferrando in Mozarts Così fan tutte nach Ferrara eingeladen, Anm. d. Verf.] Aber auch Harnoncourt und viele andere. Ein Dirigent bildet ja sozusagen mit dem Orchester einen Teppich für mich, auf dem ich dann erst fliegen kann. Ja, eine Art Fliegender Teppich, das ist wie Zauberei. Wenn der Dirigent nicht passt, dann stehen Sie als Sänger allein auf weiter Flur und im Angesicht der Löwen.

PS: Das klingt sehr anstrengend… Was ist denn an Ihrem Beruf das weniger Schöne?

SP: Das ist sicher auch das Reisen. Wenn ich in einer Stadt bin und Freundschaften schließe und dann nach sagen wir zwei oder drei Jahren wieder dort hinkomme, dann kennen mich die meisten noch recht gut, ich umgekehrt aber nicht. Das ist manchmal schade, aber es gehört eben dazu. Und das Reisen selbst und das Herumkommen in der Welt ist ja toll.

PS: Eine Studie besagt, dass Berufsmusiker einem erhöhten Stressrisiko ausgesetzt sind. Hat das vielleicht damit zu tun? Oder ist es eher der Perfektionismus der Künstler?

SP: [schaut überrascht] Ja? Ich weiß nicht, ich glaube, das ist normal und gehört dazu. Es ist eben nicht ein Job für jeden und es hält sich langfristig nur der, der damit klarkommt. Mit dem Reisen und mit dem Löwenkäfig, meine ich. Und mit Perfektionismus habe ich es nicht so. Klar, man strebt schon irgendwie nach Perfektion, aber was wäre denn dann, wenn man dort angekommen wäre? Dann gäbe es ja nichts mehr.

PS: Ist das Ihr Rezept gegen Stress?

SP: Ich weiß nicht, vielleicht. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch und wenn ich morgens aufstehe und mich im Spiegel anschauen kann, dann ist das doch schon was!

PS: Herr Pirgu, ganz herzlichen Dank für das interessante Gespräch, ich freue mich, Sie am Mittwoch in der Vorstellung erleben zu dürfen.

SP: Dankeschön und eine gute Vorstellung.

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Interview mit Nina George auf der Leipziger Buchmesse 2016

9783426653852Am 20.3.2016 durfte ich als krönenden Messeabschluß mit der Bestsellerautorin Nina George ein Interview führen. Sie hat auf der Messe nicht nur ihren neuen Roman Das Traumbuch vorgestellt, sondern auch jede Menge Termine zu den Themen Urheberrecht und Internetpiraterie wahrgenommen. Am 19.3. fand eine fantastische Lesung aus ihrem neuen Roman statt. Damit Ihr Euch vorstellen könnt wie toll Nina liest, hat sie einen kleinen Absatz eingelesen, den ich unten anhänge.

Liebe Nina, herzlichen Dank, dass Du Dir am Ende einer sehr stressigen Messe Zeit genommen hast für ein Interview. Vor zwei Tagen ist Das Traumbuch erschienen. Es ist Dein dritter Roman nach Die Mondspielerin und Das Lavendelzimmer unter Nina George….

Nein.

Nein?

Nein, das ist nicht mein dritter Roman, sondern ich glaube mein siebter oder achter. Oder Neunter? Ich bin mir gar nicht sicher. Bei 26 Büchern…oder 27? Aber ich befürchte, es sind irgendwie schon mehr als drei Romane. Ich denke, es sind um die acht oder neun.

Nach dem Lavendelzimmer, das in 32 Sprachen übersetzt wurde, das acht Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand, war da der Druck sehr groß?

Der Druck war enorm, vor allen Dingen der, den ich mir innerlich gemacht habe. Ich wollte mindestens etwas schreiben, was genauso intensiv, persönlich und berührend war und auch große Themen beinhaltete. Und ich habe zuerst den Versuch gemacht ein anderes Buch zu schreiben, das wurde relativ schnell nachgefragt, von den Vertretern, vom Verlag, und ich dachte, ich krieg das hin, aber dann suchte und suchte ich die Geschichte, schrieb zweihundertfünfzig Seiten, und nochmal hundert Seiten und nochmal, und ich fand das Thema nicht und nicht den Sound. Ich habe das Buch, das direkt nach dem Lavendelzimmer folgen sollte (Anm. d.R.: Die Sternensucherin), abgebrochen, das wird es wahrscheinlich auch nicht geben.
Erst als ich sehr dicht am eigenen Ableben entlang schrammte, erst dann hatte ich wieder das Gefühl, auch wieder ein großes Thema gefunden zu haben. Das war keine Absicht, also man sollte es als Autorin auch nicht provozieren, dass sie die großen Themen nur findet, wenn es einem schlecht geht. Aber komischerweise hing das miteinander zusammen. Als ich dann wieder endlich eine Idee hatte, habe ich mich tatsächlich ein Jahr lang nur handschriftlich damit beschäftigt, wieder Ton und Geschichte zu finden. Mut zu sammeln, nach diesem großen Erfolg des Lavendelzimmers überhaupt wieder zu schreiben. Die ersten Sätze waren furchtbar. Ich habe sie angesehen und mir gedacht: „Aha, so schreibt also irgendwie eine Frau, die eine Bestsellerin ist, also nee, geht gar nicht, muss wieder weg und nochmal neu schreiben.“ Ich musste mich davon lösen, dass ich einen Erfolg gehabt habe und zu dem zurückkommen, was der Kern meiner Aufgabe ist: eine gute Geschichte zu schreiben. Ich musste alles wegschieben, jede Angst, jede Hoffnung, alles. Und das war tatsächlich ein harter Job, das dauerte über anderthalb Jahre.

Das Schreiben an sich ging dann aber sehr schnell?

Das stimmt, ich hatte sehr viel recherchiert, dann habe ich mich ein paar Monate lang eingeschrieben, aber das Kernschreiben war erneut schnell. Nicht so schnell wie beim Lavendelzimmer, wo es acht Wochen dauerte, diesmal habe ich, glaube ich zehn gebraucht. Also drei Monate einschreiben, ein Jahr recherchieren und dann ad hoc richtig zehn Wochen lang durchschreiben und dann noch ein bisschen Lektorat und so summiert sich dann die Zeit.

© Urban Zintel

© Urban Zintel

Stellst Du uns bitte Deine Protagonisten aus Das Traumbuch vor?

Wir haben vier Protagonisten, wobei ich aus drei Perspektiven jeweils in „Ich“ berichte. Das ist ein durchaus interessantes, komplexes Unterfangen. Die erste Perspektive ist Henri, ein ehemaliger Kriegsreporter, der genau in dem Moment, in dem er weiß, was er im Leben falsch gemacht hat, wo er gezögert hat, wo er sich nicht getraut hat, ein Wagnis eingegangen ist, überfahren wird. Er weiß endlich, was er alles falsch gemacht hat und wie er sein Leben leben muss, damit es seins ist, doch dann fällt er in ein Koma. In diesem Koma erzähle ich einerseits Empfindungen und Wahrnehmungen, die dieser Mann in der Nähe des Todes hat. Ich lasse ihn, ob es nun koma-induziert ist, ob es Halluzinationen, Träume oder Parallelrealitäten sind, immer wieder an Punkte seine Lebens kommen, an denen er sich falsch entschieden hat. Und ich lasse ihn anders entscheiden. Ich lasse ihn immer wieder erleben, was geworden wäre wenn er an einem bestimmten Punkt seines Lebens zum Beispiel nicht diese Frau verlassen, sondern mit ihr geschlafen oder ein Kind gezeugt oder kein Kind gezeugt hätte. Ich führe sozusagen anhand Henris Schicksal im Koma auf, welche Variationen unseres eigenen Lebens es gibt und wie klein und banal meistens die Entscheidungen sind, die zu einem völlig anderen Leben führen. Ich glaube persönlich daran, dass es immer nur die kleinen Momente im Leben sind, die entscheidend sind und selten die großen. Die anderen beiden Figuren sind Eddie, Edwinna heißt sie eigentlich, eine Verlegerin für Phantastik. Phantastik, nicht Fantasy, das ist sehr wichtig. Das ist sozusagen das Wunderbare, das dennoch wissenschaftlich fundiert ist. Dazu gehört Science Fiction, dazu gehören Quantenmechnaik, Jules Verne oder Parallelrealitäten, dazu gehört magischer Realismus. Sie ist eine Exfreundin von Henri, er hat sie verlassen, hat ihr aber zugemutet, dass sie im Falle eines Unfalles für ihn verantwortlich ist. Das heißt, sie ist jetzt zwischen zwei Männern, einem Mann im Koma und einem im Leben und muss sich entscheiden: will sie sich wirklich um diesen Mann kümmern, der sie verlassen hat und jetzt im Koma liegt oder nicht. Der Dritte im Bunde ist ein vierzehnjähriger Synästhetiker, ein Hochbegabter, er heißt Sam, Samuel und er hat nicht nur seine erste zarte Liebe, die er erlebt in diesem Buch, sondern er ist auch fähig aufgrund seiner Synästhesie, aufgrund seiner quasi Übersinnlichkeit, seiner hohen Sinneswahrnehmungen, seinen Vater, der im Koma liegt, auch noch dann zu spüren, wenn die Ärzte ihn schon aufgegeben haben. Diese drei Menschen ringen gemeinsam um Alles: um Familie, um Freundschaft, um Liebe, um Sich-selbst-Finden, um herauszufinden, welche Entscheidungen im Leben einen glücklich machen, ob das vielleicht auch die falschen sein können.
Und sie ringen gemeinsam um Person Nummer 4: Ein Mädchen, Madelyn, die in einem Psychokoma liegt, und sich weigert, in diese Welt hinein zu erwachen.
Dieses Buch ist tatsächlich nicht einfach zu erklären.

Du bist selbst Synästhetikerin, kannst Du erläutern, was das bedeutet?

Entwa sieben Prozent aller Menschen besitzen die Gabe der Synästhesie, sie haben sozusagen nochmal zwei, drei Sinne mehr und diese sind auch anders verdrahtet, sie vermischen sich bei jedem Sinnesreiz miteinander. Wenn ich Zahlen sehe, sehe ich auch gleichzeitig Farben. Für mich ist die Vier gelb, die Acht grün, die Fünf blau. Als wir vorhin ein Podium hatten, habe ich mal rumgefragt, ob es noch Synästhetiker gibt und von den hundert, hundertzwanzig Zuschauern waren drei, die sich gemeldet haben. Das entspricht tatsächlich dem Bundesdurchschnitt von Leuten, deren Sinneswahrnehmungen anders verdrahtet sind. Bei mir ist es noch so, dass ich Persönlichkeiten auch als Landschaften wahrnehme. Wenn ich in Räumen komme, habe ich das Gefühl, die Emotionen, die häufig in diesem Raum gelebt und ausgesprochen wurden, hängen noch in den Wänden. Ich fühle sozusagen traurige Räume oder einsame Häuser oder beschädigte, blutige Landschaften. Bei Sam ist es so, dass er Zahlen auch mit Farben sieht, dass er Musik geradezu körperlich spürt – etwa als Regen oder als milde Brise – und dass er in Menschen hineinsehen kann und an ihrer Stimme ablesen kann, ob sie zum Beispiel lügen (Lügen hören sich weiß an, Wahrheiten grün). Das Leben ist für ihn sehr intensiv und überfordernd. Er ist ein zauberhafter kleiner Kerl, weil er auch gleichzeitig mutig ist und im ganzen Buch über sich hinauswächst. Er wird vom Kind zum jungen Mann.

Du hast einen Sidekick, der ein bisschen Leichtigkeit reinbringen soll. Das ist ein (ebenfalls) Teenager. Wie schwierig war das für Dich?

Ganz leicht. Ich selbst bin mir selbst als Teenager noch sehr nahe. Der Sidekick heißt Scott, das ist der beste Freund von Samuel. Er ist ein Snob, er hat eine lose Zunge, er ist ebenfalls hochbegabt und wahnsinnig intelligent. Er versucht, jede Woche mit einem anderen Look die Girls zu begeistern. Er ist furchtbar reich und gleichzeitig beneidet er Sam um dessen Fähigkeit, das Leben wahrzunehmen. Scott macht immer wieder despektierliche Sprüche über alles Konventionelle. Er ist jemand, der dem Buch auch Leichtigkeit gibt, ich mochte ihn wirklich sehr, sehr gern. Gleichzeitig sind Teenager mir nah, weil ich innerlich immer noch ein Teenager bin. Teenager sind die Menschen, die wir alle, wenn wir älter sind, wieder sein wollen. Als Teenager haben wir schon bestimmte Prinzipen, bestimmte Lebensträume, bestimmte Gefühle und oft erlebe ich, dass Erwachsene, wenn sie dann später in Therapie gehen, versuchen, genau diese verschütteten Prinzipien, Gefühle und Träume ihrer Jugendzeit wieder zu entdecken. Manchmal möchte ich den Teenagern zurufen: Ihr wisst schon alles! Bleibt genauso, wie ihr jetzt seid, denn ihr wisst schon alles. Aber das ist eine recht unorthodoxe Herangehensweise an Teenager.

Jean Perdu hat Bücher empfohlen für alle Lebenslagen. Wem würdest Du Das Traumbuch empfehlen?

Ich würde es Menschen empfehlen, die sich fragen, was sie sich nicht zugetraut haben im Leben. Dieses Buch muss jeder lesen, der sich fragt: was ist noch offen in meinem Leben?
Demjenigen zu sagen, den ich begehre, dass ich ihn begehre. Wage ich es, meine Stimme zu erheben, wenn ich Widerstand leisten muss. Lebe ich mein Leben, traue ich mich das? Oder bleibe ich eingesperrt im kleinen Käfig der Konventionen und in meiner Angst.

Gibt es bei Dir noch etwas Offenes?

Nein, seit einigen Jahren tue ich genau das, was ich will. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, ob noch etwas offen ist und ich etwas zu bedauern habe. Nein, ich habe alles gemacht, was ich machen wollte.
Nachtrag am 28. März: Ich würde sehr gerne Boule spielen lernen. In einem entspannten Club in Berlin, die unter Platanen spielen und dabei Rosé trinken. Bitte meldet Euch, wenn ihr einen kennt!

Du bist unglaublich engagiert für das Urheberrecht, Du bist Mitglied im Verwaltungsrat der VG Wort, Du bist Beirätin im PEN-Präsidium. Wie schaffst Du das?

Alles nach und nach und ich habe eine neue Kraftquelle für mich entdeckt, das Tangotanzen. Ich tanze etwas zwei Stunden pro Tag Tango im Berlin im Mala Junta. Die haben jeden Tag Kurse, ich tanze und dort vergesse ich alles. Dort bin ich auch nur ich. Da bin ich nur Nina. Die Menschen, die ich dort treffe, teilen mit mir die Leidenschaft für den Tango. Es ist die höchste Form von Entspannung und Meditation, danach bin ich tatsächlich wie aufgetankt. Manchmal denke ich mir, ich habe keine Kinder, ich bin gesund, und vielleicht ist das eine gute Arbeitsteilung: Andere haben Kinder und sorgen für den Fortbestand der Menschheit, sorgen dafür, dass wir vielleicht irgendwann in dreißig Jahren eine neue Kanzlerin kriegen oder sorgen für neue Ärztinnen oder Schriftstellerinnen oder für Nachwuchs der Front von Klimaschutzforschung. Mein Job ist es, mich für Autorinnenenrechte und Kultur einzusetzen. Ich finde das eine gute Arbeitsverteilung.

Du hast auf einer der Veranstaltungen auf der Messe einen sehr schönen Satz gesagt: Leser wirken an einer Geschichte mit, weil sie in ihrem Kopf entsteht. Kannst Du das noch ein bisschen erläutern?

Sehr gerne. ich glaube zum Beispiel nicht an „Mitmach-Bücher“, an Interaktivität während des Schreibens oder dass Leser befragt werden sollten: Wie soll meine Figur heißen, was sollte jetzt passieren? Das ist nicht ihr Job. Ihr Job ist es, am Ende dieses Kunstwerk erst in sich entstehen zu lassen. Buchstaben auf Papier sind gar nichts. das ist einfach nur eine Verschmutzung von Papier. Ein Buch entsteht in dem Moment, in dem es gelesen wird. Ohne Leser bin ich auch keine Schriftstellerin, bin ich auch nichts. Ich habe unfassbar viel Respekt vor der Leistung der Leser, weil dieses Werk, dieser Film, diese Gefühle, diese Landschaften erst in ihrem Kopf entstehen und zwar in jedem ganz anders. Meine Aufgabe ist es, ihnen das so gut wie möglich zu ermöglichen, indem ich Bilder schaffe, Assoziationen, indem ich psychologisch überzeugend bin, indem ich eine schöne Sprache benutze. Aber letztlich entsteht dieses Kunstwerk erst im Kopf des Lesers. das ist eine Haltung, die mir gut gefällt, denn sie macht mich auch frei in dem Sinne, dass ich mir gar keine Gedanken machen muss, ob und was ich schreiben muss um einem Leser zu gefallen. Er oder sie wird sowieso seinen oder ihren eigenen Film im Kopf erschaffen, unabhängig von mir. Ich finde das eine unglaublich großartige Kommunikation, weil der Leser und ich, wir zusammen erschaffen diese Kunst erst. Ich könnte das nicht ohne Leser und ein Leser nicht ohne mich. Wir sind eine Symbiose. Das das Verrückte. wenn man sich das einmal bewusst gemacht hat, vergisst man es nie wieder. Leserin und Autorin sind eine Symbiose – aber erst nachdem das Buch geschrieben wurde.

Das Lavendelzimmer soll verfilmt werden. Zerstört das dann nicht in einer gewissen Weise diese Symbiose?

Da bin ich relativ gelassen. Filmemacher sind Kunsthandwerker, die eine andere Kunst als ich beherrschen. Ich lasse in dem Moment mein Buch völlig los, weil ich es ja schon geschrieben habe, es gibt es, so wie es ist, ist es da. Wenn jemand einen Film daraus macht und es so umsetzt, wie er oder sie es versteht, da werde ich nicht reinquaken. Es ist auch nicht mehr meine Entscheidung, wie jemand diesen Film wahrnimmt. Ob er lieber seinen eigenen hat, wenn er das Buch liest oder ob er lieber den Film sieht. Es ist mir zwar nicht egal, aber ich kann es unfassbar gut loslassen, weil es alles eine eigene Kunstform ist. Wenn jemand sich von meinem Buch inspirieren lässt, eine Film daraus zu machen, bin ich dankbar und froh und lass ihn einfach machen.

Gibt es schon konkrete Pläne?

Eine Hollywoodfirma wird es verfilmen und ich denke, so in zwei, drei Jahren ist Drehbeginn und sie werden an Originalschauplätzen drehen. Aber der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, also sind wir noch im Daumendrückmodus. Das Angebot ist da, es ist schon ziemlich konkret, aber noch ist die Tinte nicht trocken.

Wir drücken mit. Kannst Du schon etwas sagen über Dein nächstes Projekt?

Es wird wieder in Frankreich spielen, erst in Paris ein paar Kapitel lang und dann das ganze Buch fast ausschließlich in der Bretagne im Sommer. Die Hauptfigur wird diesmal eine Frau werden, nachdem mit Henri im Das Traumbuch ja wieder ein Mann im Mittelpunkt stand. Zwar auch noch ein Junge und eine weitere Frau, aber ich bin doch sehr froh, dass ich wieder zu einer Frau – übrigens in meinem Alter – als Protagonistin zurückkehren kann. Die in der Mitte ihres Lebens steht und sich fragt, ob sie die geworden ist, die sie hätte sein können. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, aber unter anderem wird die Bretagne vorkommen, versteinerte Geheimnisse und ein verdammt heißer, sehr heißer Sommer.

Findest Du es schwierig, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben?

Überhaupt nicht. Ich habe das große Glück oder auch das große Pech, Empathie an- und ausschalten zu können. Als Kind konnte ich das nicht, da war ich überflutet von Empfindungen und Mitgefühl, jetzt kann ich es bewusst Einschalten. Und auch Aushalten, indem ich einfach die Augen zu mache, die Brille abnehme, mit meinem Handy rumspiele oder wirklich einfach alles runterklappe oder -fahre und niemandem mehr sehe und auch nicht höre.
Wenn ich die Sinne aufmache, fällt es mir sehr leicht, Menschen nachzufühlen. Es ist dann auch völlig egal, ob es kleine oder große Menschen sind, Männer oder Frauen. Es fällt mir sehr leicht, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben, wobei ich aber dann auch männliche Erstleser, zum Beispiel meinen Mann, frage, ob ich psychologisch schlüssig diese männlich Persönlichkeit dargestellt habe. Das ist schon noch so ein bisschen mein Rettungsschirm. Gewisse Dinge, die ein Mann sieht und empfindet, kann ich nicht wissen, weil ich nun mal eine Frau bin. Männer sind anders sozialisiert, Männer verbinden zum Beispiel Sex niemals mit Gewalt oder Gefahr, Frauen immer. Frauen müssen immer fürchten, dass sie vergewaltigt werden könnten oder ungewollt schwanger. Männer verbinden zum Beispiel Sexualität ausschließlich mit Spaß oder vielleicht noch mit emotionaler Verpflichtung. Allein dieser Unterschied schon der Sozialisation hat einen ganz anderen Einfluss auf Psyche, Verhalten und Auftritt, vor allem was den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Das muss einem, wenn man aus der Perspektive des anderen genders schreibt, erst mal bewusst werden. Erst dann kann man eine Figur überzeugend schreiben, die einen anderen Chromosomenbausatz hat.

Du bist Teil des Autorenduos Jean Bagnol. Gibt es da auch bald einen dritten Band?

Wir schreiben gerade an Band Nummer Drei, der im Arbeitstitel heißen wird Commissaire Mazan und die Spur des Korsen. Wir waren gerade jeweils eine Woche in Marseille und der Provence und haben dort recherchiert. Es wird die Mafia dabei sein, es werden Trüffel dabei sein, es werden Polizeiskandale dabei sein und sämtliche bisherigen Mitwirkenden sind auch dabei. Wir haben schon die ersten Kapitel geschrieben und der Prolog ist der Hammer. Das wird ein Erdbeben und von dort aus steigern wir uns. Das wird der rasanteste Jean Bagnol, den wir je geschrieben haben.

Gibt es schon einen Erscheinungstermin?

Ich glaube, 2017 im April.
Herzlichen Dank für dieses Interview und noch eine schöne Restmesse.

Sehr gerne.

 

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Interview mit Jens „Jo“ Kramer und Nina George alias „Jean Bagnol“

Jean Bagnol Ihr seid beide erfolgreiche Schriftsteller. Wie war die Zusammenarbeit?
N.G.: Aufregend. Sie war insofern aufregend, weil wir zusammen mehr Ideen hatten als alleine. In der Summe unserer Teile sind wir mehr als jeder allein. Andererseits, während normale Ehepaare sich ungefähr nur sieben Minuten am Tag unterhalten, mussten wir zusehen, dass wir mal sieben Minuten Ruhe hatten. Wir mussten unglaublich viel reden, was wer gerade schreibt, denkt, meint, plant…. Wir mussten uns ständig unterhalten. Das war sehr, sehr zeitaufwendig. Irgendwann haben wir zwei Zimmerwände mit Kapitelplänen, Figuren-Details und Plotideen tapeziert, um immer auf demselben Stand zu sein.
J.K.: Und wir haben gelernt, füreinander anstrengend zu sein – und sich trotzdem auszuhalten. Während man in einer normalen Zusammenarbeit sagen kann: „Ach komm, lass stecken, wir machen jetzt einfach weiter…” ist es bei diesem Buch so gewesen: Wir mussten jede Unstimmigkeit ausräumen, denn sonst hätte es nicht geklappt. Wir mussten uns genau aufeinander einstimmen. Wenn das nicht hundertprozentig hinhaute, dann klappte die ganze Geschichte nicht. Wir mussten alle Eitelkeiten und Ängste vergessen, und uns mutig alles sagen, was wir wollen, und was wir nicht wollen.

Hat es euch vorangebracht im Hinblick auf eure eigenen Bücher?
N.G.: Absolut. Es gibt nichts Unausgesprochenes mehr zwischen uns. Wir haben geübt, Kritik zu üben. Wo man früher aus Nettigkeit oder Konfliktscheu verschwiegen hat, dass man fand: Oh, da ist eine Länge drin. Oh, die Figur ist nicht überzeugend, die gehört gar nicht in diese Geschichte! – haben wir jetzt trainiert, absolut ehrlich zu urteilen, ohne kränkend zu sein. So können wir jetzt gegenseitig unsere eigenen Projekte neu und freier beurteilen – frei von falscher Rücksicht. Für meine eigene Arbeit hat mir das sehr viel gebracht: Ich habe zwar immer noch einen Hang zu Reflexion und Landschaftsbeschreibung ohne Ende, aber das spare ich mir jetzt zum Beispiel beim Lavendelzimmer-Nachfolger. Das hat mir die Arbeit mit Jens gebracht: die eigenen Schwächen zu minimieren. Und die Stärken zu erkennen.
J.K.: Stimmt: Wir haben sowohl die Schwächen als auch die Stärken des anderen kennengelernt. Wir waren ja zum Teil im gleichen Kopf. Dadurch konnte ich sehen, wie Nina mit Sprache, Stil, Dramaturgie und Metathemen arbeitet, und sie konnte einiges von mir abgucken; Dialoge, Ironie, kreatives Chaos. Ich bin davon überzeugt, dass unsere gemeinsame Arbeit uns beiden neue Tricks beigebracht hat.

Wie kam es zu dem Projekt?
J.K.: Manche Romane entstehen im Kopf. Sie sind geplant, durchdacht, mit Zeit und Strategie erarbeitet. Und ganz selten – und das sind oft auch die richtig tollen Romane –, da entsteht die Geschichte praktisch durch eine Offenbarung, wie eine Ohrfeige aus dem Nichts: Auf einmal sieht man eine Szene, denkt einen Schlüsselsatz, sieht eine Figur. Nur ein Augenblick, und man denkt: „Wow! Das ist es!“ In unserem Fall haben wir beide etwas wahrgenommen. Eine bestimmte Beobachtung. Und wir haben uns angeguckt und haben gewusst, wie im Kopf des anderen die gleiche Idee entstand. Das war gelinde gesagt: irre. Null Strategie, sondern eine Musenwatsche.
N.G.: Zuerst hatten wir sogar die Idee, einen Koch und einen Gourmet-Kater ermitteln zu lassen. Aber wir haben gemerkt, dass der Koch mich – weil ich die Figurenhoheit über ihn gehabt hätte – nicht genug reizt, nicht für eine Serie. Dann haben wir gemeinsam die halbalgerische Drogenfahnderin Zadira entwickelt, während Jo sich den Kater vornahm. Wir hatten die Idee am Abend des 6.7.2012 in Mazan, 442 Tage später hatten wir das Ding ausgeliefert auf dem Tisch. Und dazwischen waren wir in der Zone des Wahnsinns. Schreiben, planen, zweifeln, streiten, versöhnen, weiter schreiben.
J.K: Die erste Zeit, in der wir uns nur darüber unterhalten haben, was wir aus dieser Grundidee machen könnten, war die schönste. Weil wir da noch nicht arbeiten, sprich: schreiben, planen, abwägen, entscheiden mussten! Wir haben die Wochen, in denen wir nicht geschrieben sondern gemeinsam auf dieser Idee herumgekaut haben, wahnsinnig genossen. Das ist sowieso immer das Schönste am Schreiben – entweder noch nicht zu schreiben oder schon geschrieben zu haben. Das Dazwischen ist leider unglaublich unromantisch.

Wie war das, einen Kater zu schreiben?
J.K.: Ich habe mich erstaunlicherweise recht schnell in die Katerpersönlichkeit einfinden können. Sich in eine Figur hinein zu versetzen gehört zur serienmäßigen Aussattung eines Autoren. Mann, Frau, Kind, Killer, Käfer, Kater … Man beobachtet, man studiert die Verhaltensweisen und versucht, die Lücken des Nicht-Wissens – die wir natürlich haben; wir wissen nicht, wie eine Katze denkt –, diese Lücken des Nicht-Wissens zu füllen. Das gelang ganz gut, so dass ich die Hälfte wieder rausschmeißen musste, sonst wäre der Roman 600 Seiten lang geworden.
N.G.: Irgendwann war die Geschichte so überbevölkert mit den charmanten Weltherrschern, dass der Krimiplot sich schamhaft in eine Ecke drückte.

Jean Bagnol Hast du ein Anschauungsobjekt gehabt?
J.K.: In der letzten Phase hatten wir einen Besuchskater, Gigi, ein Britisches Kurzhaar, das nur fließend Wasser trinkt und lieber Plastikfalter als Kunstmäuse jagt.
Ich war mein halbes Leben Katzenbesitzer, in meinem Wohnhaus in Eimsbüttel gibt es etliche Katzen, die täglich bei mir hereinschauen. Katzelein, Schröder, Mikesch … also, Rohmaterial läuft genug in der Gegend herum (lacht). Jeder, der Katzen hat, weiß, dass Katzen eigene Charaktere haben. Das hat besonderen Spaß gemacht, diese unterschiedlichen Katzenpersönlichkeiten darzustellen. Den dicken Faulen Oscar. Die feinfühlige Louise, die ein bisschen eingebildet ist, weil sie lesen kann. Den zünftigen, aber herzensguten Revierschläger Rocky, der nicht mehr mitbekommt, wenn Katzendamen etwas Bestimmtes von ihm wollen. Es gibt diese Katzentypen überall, ich konnte sie so aus dem Erleben herausgreifen.
N.G.: Ich muss verraten, dass Jo ein Katzenflüsterer ist. Wenn wir in der Fremde sind – zuletzt in Oxford – und die Katzen zur Nacht heraus kommen: Innerhalb kürzester Zeit sind die bei ihm! Da kann ich noch so süß locken: (Nina flötet: ) „Ja, halloo, wer bist du denn, du bist ja ein süßes Mädchen…“ Die ignorieren mich und krabbeln gleich auf Jo herum. Wir können nicht einmal Nachts spazieren gehen, ohne dass ihm was Pelziges hinterher maunzt. Es scheint also, als ob sie in dir irgendeine kätzische Seelenverwandtschaft spüren.
J.K.: Wahrscheinlich war ich in meinem letzten Leben eine Katze.
N.G.: Wahrscheinlich. Katzen sind die besseren Menschen, aber du hast was angestellt und wurdest zum Mensch zurück „degradiert“. Und sicher warst du ein schmusiger Kater in Mazan – dieses Städtchen im Vaucluse war für uns das totale „Katzablanca“. Es besitzt eine mittelalterliche Innenstadt ohne Autos, in der nur Katzen herumlaufen! Wir haben an fünf Abenden so viele unterschiedliche Katzentypen kennengelernt. Die schüchterne Schwarzweiße, die nur im Schatten läuft, die lässige Gescheckte, die so lange auf dem Auto liegen bleibt, bis es los fährt, der freche Schwarze, der einem die Wurst vom Teller zieht. Da haben wir uns auch bedient für die literarische Katzenbande.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen, Bagnol?
N.G.: Der stand in Mazan auf ganz vielen Grabsteinen – der Friedhof dort ist berühmt für seine neunundsechzig Merowinger-Sarkophage, für Fans der Bestattungskultur ein echtes Highlight. Zuerst sollte der ermittelnde Koch so heißen, aber dann haben wir uns entschieden, Jean Bagnol für unser Pseudonym zu verwenden.

Gibt es schon weitere Pläne für Jean Bagnol?
N.G.: Wir haben Ideen für weitere elf Folgen. Aber wir müssen erst noch absprechen, welche als nächstes verwirklicht werden soll.

Dann herzlichen Dank und viel Erfolg!
Die Bagnols: Vielen lieben Dank – merci und „mau“!

Jean Bagnol ist das Pseudonym des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jens “Jo” Kramer. Die Spiegel-Bestsellerautorin George und der Journalist, Pilot und Schriftsteller Kramer sind seit 2006 verheiratet, leben in Hamburg, schreiben unter insgesamt sieben Namen und Pseudonymen und veröffentlichten bisher insgesamt 29 Solowerke (Romane, Sachbücher, Thriller, historische Romane). George und Kramer wurden bisher dreimal – einzeln – für den DeLiA, den Preis für den besten deutschsprachigen Liebesroman, nominiert; 2011 gewann George ihn mit dem Knaur-Roman “Die Mondspielerin”. “Commissaire Mazan und die Erben des Marquis” ist der erste gemeinsame Jean-Bagnol-Provencethriller des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jo Kramer. Sie wären beide gerne als Katzen auf die Welt gekommen, müssen sich aber damit begnügen, die Samtpfoten zu erforschen und erstmals über sie zu schreiben. Als Provence-Liebhaber und Spannungsautoren kam ihnen die erste Idee zu “Commissaire Mazan und die Erben des Marquis”, als sie im Château de Mazan im Vaucluse ihren zukünftigen Helden auf leisen Pfoten (und mit unwiderstehlicher Eleganz) eine Thunfischpastete stehlen sahen. Mehr über Jean Bagnol: www.jeanbagnol.com. Mehr über Jens “Jo” Kramer: www.jensjohanneskramer.de. Mehr über Nina George: www.ninageorge.de.

Fotos ©Angelika Scholz/Knaur

 

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Interview mit Andreas M. Bräu

Andreas M. Bräu Andi, du schreibst seit diesem Jahr Beiträge auf diesem Blog. Worüber wirst du in Zukunft schreiben?
Es wird zwei Regelmäßige Kolumnen geben. „Ansichten eines Akteurs“ und „Auf der Galerie“. Der „Akteur“ beschäftigt sich mit dem Schauspiel. Ich habe in diesem Jahr glücklich mein zehnjähriges Bühnenjubiläum feiern dürfen, und es gibt eine große Anzahl an Geschichten vor und hinter der Bühne, die da passiert sind. Witzig, verrückt, berührend, großartig und alle sind mit diesem Beruf verwoben… Das sind Sachen, die nicht funktionieren, Sachen, die besonders gut funktionieren, die aber auch mit dieser Situation, auf der Bühne zu stehen, zu tun haben, dass ich immer den Drang hatte, das irgendwie launig in Worte zu fassen. Diesen Versuch möchte ich nun in kleinen Texten in diesem Blog als „Ansichten eines Akteurs“ anbieten. Die zweite Kolumne beschäftigt sich damit, dass wenn man Theater selbst macht, ist man auch ein regelmäßiger Zuschauer. Gerade als Student, als jüngerer Mann, ist man Galeriezuschauer, das heißt, man hat die günstigeren Stehplätze. Auch dort erlebt man spannende Situationen und tolle Dinge aus der Zuschauerperspektive, Publikumsreaktionen, besondere Bühnengeschehnisse, die man wahrnimmt. Es hat mich immer interessiert, welche Gemeinde sich so auf den Steh-Rängen trifft und dergleichen verschiedene „Pflanzen und Blumen“, wie es in einem Text heißen wird. Aus der Zuschauerperspektive genauso wie aus der Perspektive des Agierenden zu schreiben. Das finde ich spannend, das von diesen beiden Positionen aus zu machen. Und ich hoffe, ich kann die Leser damit ein wenig unterhalten.

Aber du wirst nicht über Produktionen schreiben, in denen du selbst mitspielst?
Nein. Nein, das möchte ich auch nicht machen. Also, aus der Schauspieler-Sicht schon. Weil viele Situationen einfach auf der Bühne entstanden sind. Zum Beispiel Hänger. Also, dass Kollegen hängenbleiben und nicht mehr weiterkommen, das sind alles Anekdoten, die einem natürlich selber passiert sind. Aber ich würde mir nicht anmaßen, Kritiken zu schreiben über Produktionen, wo ich selber drin bin. Du kennst das: Man ist probenblind und hat gar keine objektive Meinung zu Produktionen, in denen man selber spielt. Es ist eher eine Sammlung aus Anekdoten und Geschichten, die einem in verschiedensten Stücken – und das ist eine lange Liste, die ich da in zehn Jahren zusammengetragen habe – passiert sind. Das sind eher kurze Ausschnitte oder „Häppchen“ aus verschiedenen Produktionen. Außerdem wären Eigenkritiken wohl immer zu gut (lacht).

Du schreibst unter deinem Klarnamen. Was hat dich dazu bewogen?
Ich stehe dazu! (Lacht.) Also, in den Kritiken, die ich auf Deinem Blog schreiben darf, eine gewisse Meinung zu entwickeln und zu haben. Als Schauspieler und langjähriger Kulturkonsument entwickelt man einen eigenen Geschmack und sicherlich Sinn für Qualität und das kann ich unter meinem Namen ausdrücken. Ich denke, ich muss mich nicht hinter einem Pseudonym verstecken, weil ich versuche, fair zu sein. Es geht ja nicht darum, einen beleidigenden oder selbstreferentiellen Blogtext zu schreiben. Und gerade der Diskurs macht die Kritik lebendig. Darum nutzt die Kommentarfunktion!

Du schreibst über Musiktheater, über Schauspiel – klar, du bist selber Schauspieler. Aber was qualifiziert dich, über Oper zu schreiben?
Ich habe selber ja das Glück, seit vier Jahren an der Oper und im Musiktheater spielen zu dürfen, und deswegen die Oper nicht nur als Zuschauer, sondern auch im Hintergrund erleben zu dürfen. Gleichzeitig bin ich ein begeisterter Opernbesucher. Deswegen hat mir auch die klassische Statisterie an der Oper bzw. am Gärtnerplatztheater immer so viel Spaß gemacht: Weil man nicht näher an das Musiktheater herankommt, als wenn man selber auf der Bühne stehen darf. Ich beschäftige mich privat sehr damit, das heißt, man liest sich ein, vergleicht und ich besucht viele Vorstellungen. Das ist das Schöne, durch Kollegenkarten und Studentenkarten: Dass man irgendwann ein Kompendium an Vergleichen hat… was durch allerhand Kino- und Fernsehübertragungen leichter wird, so dass man allerhand internationale Produktionen nebeneinanderstellen kann. Aus diesem Zusammenspiel, selber Sänger kennengelernt zu haben, Produktionen kennengelernt zu haben, und gleichzeitig regelmäßig zu sehen, finde ich einen spannenden Zugang zur Oper. Außerdem bin ich ein überzeugter Ästhet mit einem Gespür für das Schöne – in allen Bereichen (lacht).

Andreas M. Bräu Was ist für dich das Besondere an der Oper?
Das Maximum an Emotionen, das man auslösen kann – egal, welche Emotionen – weil Musik dahintersteht. Sprechtheater logischerweise textlastiger, textintensiver, was auf einer intellektuellen Ebene meist funktioniert. Aber die Oper transportiert ihren Gehalt maximal auf einer emotionalen Ebene. Denn wenn eine große Geschichte auch noch mit der richtigen Hintergrundmelodie unterlegt ist, dann geht bei mir das Herz auf, dann multiplizieren sich die Emotionen, die Einem innewohnen. Ich habe oft Probleme, wenn ich im Sinfoniekonzert sitze, dass sich für mich nichts produziert. Aber dieses Zusammenspiel aus darstellendem Spiel auf der Bühne UND Musik, das ist das ganz Besondere an der Oper. Und ihr Zauber.

Also, wer nicht in die Oper geht, weiß gar nicht, was er verpasst?
Richtig. Und es ist leicht, Blut zu lecken. Es gibt eine solche Vielzahl von Produktionen. Ich durfte etwas Modernes machen, etwas Atonales, und gleichzeitig etwas ganz Klassisches machen. Ein Verdi ist eingängig, ein Puccini ebenso, das funktioniert immer. Wagner kann Drogenwirkung entfalten Die Geschichten sind dabei allgemeingültig. Es geht immer um die Liebe. Was ist wichtiger? Universaler? Und es geht um die Grundkonflikte des Menschen, aber das Ganze wird dann noch zugespitzt mit einem Paukenschlag.

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen?
Ich bin von der Schule weg engagiert worden an das Kur- und Stadttheater in Garmisch-Partenkirchen und habe dort eine sehr direkte und sehr gute Ausbildung genossen. Ich war dort im Nachwuchsprogramm tätig und habe noch ganz klassischen Sprech- und Rollenunterricht dort genießen dürfen. Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren an diesem Haus, das wie eine Zweitfamilie für mich geworden ist. Das Schöne war, dass man von Anfang an anhand von kleineren und langsam größer werdenden Rollen an das Spiel herangeführt und gefördert worden ist, Praxiserfahrung gesammelt hat. Ich habe sehr viel Boulevard gespielt, später Klassiker, Lesungen gemacht, Rezitationen. Irgendwann sind die Rollen größer geworden. Man hat einfach an kleinen Häusern an allen Sparten des Theaters Beteiligung: An der Requisitenbeschaffung, an der Kostüm-Aneignung. An der Regie-Assistenz, an der Dramaturgie, an der Regie, wo ich in allen Funktionen mithelfen durfte, viel Regie-Assistenz gemacht habe und gleichzeitig immer mehr spielen und spielen durfte – und von alten Theater-Hasen und Routiniers abschauen durfte und Vieles dabei gelernt habe und weiter lerne. Daran wächst man und entwickelt Strategien für das eigene Bestehen in diesem Beruf. Das ist ein Familientheater, das mittlerweile in der dritten Generation geführt wird, und das einerseits armes Theater mit wenig Mitteln, aber auch das kleine Theater mit einer solchen Liebe präsentiert, dass es alle Sparten für die Beteiligten abdeckt, weil man zusammenhelfen muss. Das ist das ganz Wertvolle daran. Das geht von der Vermarktung des Stückes bis zur Produktion und dann zur Publikumsrekrutierung.

Du wolltest also nie etwas anderes werden als Schauspieler?
Nein. Nein, das hat recht früh angefangen. Schon als Kind war es toll, vor anderen Leuten zu stehen und vor allem sie zum Lachen zu bringen. Später war dann ein Fachwechsel, vor zwei Jahren, gerade auch in die ernsten Rollen einzusteigen. Der Drang im Publikum Emotionen zu erzeugen, hoffentlich positive Emotionen, sie dabei mit einer Figur und einer Geschichte oder nur einem Lacher zu erreichen, das war von früher Kindheit an das Wichtigste für mich.

Aber du hast auch noch studiert?
Ich habe parallel ein Germanistik- und Geschichtsstudium angelegt, bin als Pädagoge jetzt examiniert mit dem Staatsexamen. Auch dort habe ich meinen Schwerpunkt immer auf Dramentheorie, auf Dramaturgie und auf Schultheater und Theaterpädagogik gelegt, weil ich selber die Erfahrung gemacht habe: Mit Kindern Theater zu machen oder Kinder an das Theater heranzuführen, ist etwas Unumgängliches, etwas unwahrscheinlich Notwendiges für Kinder. Nicht nur, um sie zu Kulturbegeisterten zu machen, sondern weil sie selber über sich und über das Leben lernen können.

Auf welche Beiträge von dir dürfen wir uns in Zukunft freuen?
Ich hoffe, dass ich weiterhin so aktiv im Kulturleben in München sein kann, dass ich regelmäßig Sprechtheater und Oper besprechen darf. Gleichzeitig quillt es gerade in mir über, über alle Besonderheiten dieses schönsten aller Jobs zu berichten. Über den Zauber dieses Irrenhauses Bühne mit all seinen begeisterten Beteiligten und weniger gelungenen Momenten über den Prozess des Entstehens und über die Erfahrung auf der anderen Seite zu stehen und Kollegen beim Brillieren oder Scheitern zu beobachten und über den vielleicht doch härtesten Kritiker, nämlich den sehr besonderen Zuschauer auf dem Rang.

Herzlichen Dank!
Danke schön!

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Portrait Sebastian Leitner

Sebastian Leitner

Der junge österreichische Filmemacher Sebastian Leitner ist seit 2004 in der Kreativszene tätig und leitet seit Anfang 2008 eine Filmproduktionsfirma. 2006 lernte er Aleksey Igudesman kennen und half bei der Veröffentlichung Igudesmans erster Show auf DVD mit. Seitdem arbeiten die beiden zusammen. Sebastian ist bevorzugt als Drehbuchautor und Editor tätig, als Kameramann dagegen nur selten. Beim Regieführen vermisst er teilweise das Kreative und die Unabhängigkeit, weil die Produzenten sich als Geldgeber meistens auch künstlerisch einbringen wollen. Am liebsten erzählt er Geschichten und setzt sie beim Schnitt um, da kann er seine Kreativität voll ausleben.

Mit Sebastian Leitner konnte ich in Wien über das letzte und größte Projekt des jungen Filmemachers sprechen: “Noseland”, ein Feature-Length-Projekt, gedreht 2010. Sebastian und Aleksey entwickelten das Konzept für diesen Film zusammen, die Aufgaben waren klar verteilt: Sebastian war für Kamera und Schnitt zuständig, “Noseland” war sein Debut für Schnitt bei einem Feature-Length-Projekt. Aleksey führte in erster Linie die Regie, es war sein Debut als Filmregisseur. Die jungen Filmemacher mussten viel dazulernen, über Vermarktung, Festivals usw. Sebastian erzählte, dass sie dieses Projekt ohne Budget anfingen, also ein Jahr lang ohne Geld arbeiteten, kreierten, ausprobierten, und nicht wussten, was daraus werden würde – bis sie an den Punkt kamen, wo sie einen Geldgeber brauchten, und glücklicherweise auch einen fanden.

“Noseland” wurde und wird auf verschiedenen Festivals in Europa und den USA gezeigt und gewann unter anderem den Titel „Most Entertaining Documentary” auf dem DocMiami Film Festival. Der Film bedeutet immer noch sehr viel Arbeit für das Drei-Mann-Team: Derzeit sind sie dabei, einen Verleiher bzw. einen Vertrieb zu finden. Das gestaltet sich ein wenig schwierig, sagte Sebastian, und das nicht nur, weil die Filmemacher derzeit nichts daran verdienen und alles in ihrer Freizeit organisieren müssen, sondern vor allen Dingen, weil es ein Projekt in dieser Art noch nie gab. Der Vertrieb dafür müsste sowohl mit der Musik-Szene als auch mit der Filmszene vertraut sein. Die jungen Filmemacher stießen auf sehr großes Interesse, aber für 2013 standen die Planungen natürlich überall schon fest, also laufen derzeit Gespräche für 2014. Sebastian erklärte, dass “Noseland” eigentlich fürs Kino gemacht ist und die Filmemacher ihn deshalb weltweit in ausgewählte Kinos bringen wollen: Zuhause vor dem Fernseher lässt der Zuschauer sich zu leicht ablenken. “Noseland” ist sowohl für die Klassik-Liebhaber gemacht, die sich in die Musik “hineinfallen lassen” möchten, als auch für diejenigen Zuschauer, die klassische Musik nicht kennen, aber sich zum Beispiel für John Malkovich interessieren und unterhalten werden möchten.

Julian Rachlin, ein Freund von Sebastian und Aleksey, wollte immer schon eine Dokumentation über Klassik machen. Auf dem von ihm organisierten Festival in Dubrovnik trifft man Weltgrößen der klassischen Musik, die alle mit ihm befreundet sind und gratis dort spielen. Es geht diesen Musikern dabei nicht ums Business, sondern sie wollen einfach mit Freunden und für das Publikum Musik machen. Julian Rachlin hatte sich einen humorvollen Film vorgestellt, der etwas Lockeres hat und auf diese Weise viele Menschen erreicht. Das Ergebnis, “Noseland”, ist von Musikern über Musiker gemacht, um den Zuschauern eine Welt nahezubringen, die ganz anders ist, als die meisten glauben.

“Die Musiker kommen im Frack, verbeugen sich, spielen, verbeugen sich, gehen wieder. Das war’s, keine Interaktion”, erklärte Sebastian. “Aber die Musiker würden am liebsten drei Meter entfernt vor dem Publikum spielen, nicht erhöht, auf demselben Level. Es geht um Energie, die Musik ist so entstanden, und das muss einfach bei der Interpretation da sein. Das wollte Julian Rachlin ‘rüberbringen, und er hat uns gefragt, ob wir das machen wollen. Wir haben in diesen zwei Wochen kaum geschlafen, wir haben wirklich gemacht, was ging. Tagsüber finden laufend Proben statt, abends das Konzert, man muss die Interviews unterbringen, überlegen, was man sonst noch macht. Das war schon ziemlich heftig und zeitaufwendig. Man muss sich quasi in den Zeitablauf der Musiker hineinbegeben, man muss sehen: Was bedeutet es, wie viel Arbeit ist es? Das ist bei einer Dokumentation sehr wichtig. Es ist in der Kunst immer eine Frage des Geldes, leider. Nur die Härtesten kommen durch, was sehr schade ist. Es ist nach der Hälfte dieser zwei Wochen schon jeder fix und fertig, weil nicht nur das Musikerdasein einfach ein beinharter Job ist, ein Knochenjob. Ich glaube, das transportiert die Dokumentation ganz gut.” In dieser Dokumentation zeigen die Filmemacher, wie viel Arbeit das ist und was alles dazugehört. “Gerade, wenn man etwas kreiert, will man sich keine Gedanken um das Geld machen, man will etwas erschaffen.”

Der Film “Noseland” will jungen Leuten zeigen: Klassische Musik ist nicht das abgehobene, steife Prestigemonster, wie man es präsentiert bekommt. Musiker sind im normalen Leben sehr leidenschaftliche, lustige, unterhaltsame, wirklich interessante Menschen. Viele weltbeste Musiker sind nur bekannt in ihrem eigenen Land. Die meisten haben nicht viel Geld, obwohl viele von ihnen anerkannt zu den weltbesten Pianisten, Cellisten oder was auch immer gehören. “Diese Musiker sind überhaupt nicht vergleichbar mit einem Andre Rieu, der meiner Meinung nach einfach schlecht ist und auch nicht an mehr interessiert, denn es funktioniert ja, aber dafür die Riesen-PR-Maschinerie hat”, sagte Sebastian. Die wenigsten Musiker können Geld und künstlerischen Anspruch kombinieren.

“Noseland” soll dem Zuschauer zeigen: Je mehr man über die Musik und die Musiker weiß, um so schöner ist die Musik. Einerseits wollen die Filmemacher die konservativen Musikliebhaber erreichen, andererseits junge Leute, um zu zeigen, dass nur das Business anstrengend ist. Die Musik ist fantastisch, und die Musiker sind interessant. Man lernt den Unterschied zu hören zwischen verschiedenen Produktionen; man kann dasselbe Stück zehnmal hören von zehn verschiedenen Interpreten, und es wird immer anders sein. Die Filmemacher haben die berühmten Namen wie Roger Moore oder John Malkovich bewusst verwendet, um “Noseland” aus der Nische herauszuholen, sie haben diese Namen aber nicht überstrapaziert. Es dreht sich um klassische Musik. Es ist ganz, ganz wichtig, dass man sich und dem Thema treu bleibt, findet Sebastian. Humor muss auch sein, um das Ganze zu transportieren. Über den Humor wollen sie die Türe zur klassischen Musik öffnen. Es ist nicht möglich, klassische Musik laufen zu lassen, ohne die Emotionen zu transportieren. Wenn es humorvoll ist, ist der Zugang viel leichter, weil das Thema aufgelockert wird. Wenn man die Emotionen transportieren kann, ist das fantastisch. Schubert beispielsweise war beflügelt durch Liebe, Beethoven durch seine Depression.

Das Schwierige an klassischer Musik ist für den Filmemacher, dass die Aufstellung auf der Bühne eine Interaktion bedingt, in die man nicht eingreifen kann. Es ist ein Gespräch, die Musiker kommunizieren miteinander. Man kann keine Regie führen, sonst wäre man beim Theater bzw. bei einer Inszenierung. Das ist aber bei einem Ensemble für klassische Musik nicht möglich. Es gibt fixe Positionen, wo die Musiker stehen, und sie verdecken sich teilweise, einfach aus Kommunikationsgründen; die Körpersprache ist wichtig. Ein Problemfall ist immer das Piano. Es ist extrem schwierig, gute Bilder von den Musikern zu bekommen, sagte Sebastian, weil es einfach diese intime Stimmung hat, weil das Publikum glaubt, quasi von der Musik verschluckt zu sein. Das ist schwierig. Einerseits kann man nicht die Tonqualität beeinflussen; man kann nicht hingehen und alles umbauen. Auch beim Licht ist nicht viel möglich, die Musiker sind sehr schnell geblendet. Jedes Mikrofon hat seine bestimmte Position und ist dann auf dem Bild. Da muss man Abstriche machen, da geht es einfach um Musik, und man muss ganz anders denken, man muss immer improvisieren. Sebastian Leitner schneidet weltweit viele Konzerte mit. “Als Filmemacher bekommt man da nicht immer das, was man gewohnt ist”, seufzte er. “Das ist die Schwierigkeit. Die Musiker schauen eben dann beim Spielen oft nicht dahin, wo sie hinschauen sollen.”

Der ganz besondere Reiz an dem Film “Noseland” ist gerade dieses Backstage-Feeling, diese Making-of-Atmosphäre, die absichtlich so angelegt war. Die Filmemacher haben hier aus der Not eine Tugend gemacht, ein stilistisches Mittel. Anders wäre es nicht möglich gewesen. Um so weniger Geld zur Verfügung steht, desto kreativer muss man werden.

Die Filmemacher hatten natürlich nicht die Mittel, die eine größere Produktion hat. Teilweise waren die Bilder unscharf, wenn ein nicht-professioneller Kameramann hinter der Kamera stand, oder es gab Nebengeräusche; das ließ sich nicht vermeiden. Man hat oft gar nicht die Möglichkeit, das zu proben, man muss Rücksicht nehmen, sonst leidet die Musikqualität. Das Wichtige ist, gerade bei der Klassik: Man ist sozusagen “nicht da”, man kann nicht improvisieren, man muss unauffällig sein.

Beim Schnitt haben Sebastian Leitner und Aleksey Igudesman teilweise Stücke gekürzt, Passagen neu gruppiert, Musik umgeschnitten, Nebengeräusche herausgefiltert, damit es ein lupenreiner Ton wurde. Es gibt ein Studio in Österreich, das nur darauf spezialisiert ist, Hall aus Stimmen herauszufiltern. Das Ergebnis klingt nach mehr als nach dem, was die Filmemacher zur Verfügung hatten. Nebengeräusche musste man entweder herausfiltern oder eine identische Passage aus einer anderen Stelle der Aufnahme einfügen. Weil es eben immer nur einen Take, eine Aufnahme gab von dem Konzert. Das ist schwierig, es kann nicht perfekt sein, denn auch der weltbeste Musiker verspielt sich mal. Das Schwierige für die Filmemacher war, dass sie in der zweiwöchigen Drehzeit kaum schliefen, weil sie jederzeit abrufbereit sein mussten.

Das Interessanteste war für Sebastian Leitner persönlich, dass sie bei den Proben dabei waren: “Bei den Proben sieht man, wie die Musiker wirklich sind, in Sporthose und T-Shirt.” Wie sind diese Musiker, wenn sie nicht während eines Konzerts auf der Bühne sind, sondern musizieren, das heißt, ein musikalisches Gespräch zusammen entwickeln? Das haben die Filmemacher versucht einzufangen.

“Man sollte öffentliche Proben machen”, fand Sebastian Leitner. “In Bukarest gibt es das, dort sind auf einem Musikfestival namens SoNoRo alle Proben öffentlich zugänglich, vor allem für Musikstudenten. Damit die sehen können: Was bedeutet es, im Beruf zu stehen? Normalerweise ist es abschreckend, man glaubt, das ist furchtbar konzentriert, und furchtbar steif und trocken. Die Musiker haben aber viel Spaß. Es ist viel Arbeit, aber anders geht es nicht. Wenn zu der vielen Arbeit noch ein zu großer Leistungsdruck käme, würde es nicht gehen.”

Das nächste Projekt, an dem das Team arbeitet, ist The Indian – eine klassische Komödie über amerikanische Filmklischees, die gut unterhält und solide gemacht ist. Die Budgetfrage muss noch geklärt werden, das ist extrem schwierig, obwohl wirklich gute Leute an diesem Projekt mitarbeiten. Gedreht wird voraussichtlich in den Filmstudios Nuboyana in Sofia. “Noseland” hat Sebastian Leitner einen sehr starken Schub gegeben, seinen künstlerischen Weg weiter zu verfolgen.

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Interview mit Zoë Beck

Zoë Beck Zoë, herzlichen Dank, dass Du Dich bereiterklärt hast zu einem Interview für den Blog Nachtgedanken. Stellst Du Dich uns kurz vor bitte?

Mein Name ist Zoë Beck, ich bin 1975 geboren, habe sehr früh angefangen, Klavier zu spielen. Das war lange Zeit mein großer Traum. Ich hab dann noch alle möglichen anderen Sachen gemacht, Theater, Film, Fernsehen, ich habe Literatur studiert, und bin jetzt seit 2004 ziemlich konstant dabei, dass ich mich nur an eine Sache halte, nämlich in erster Linie Bücher zu schreiben. Ich übersetze auch und bearbeite auch Texte redaktionell, aber in erster Linie bin ich Autorin.

Du hast bereits sehr früh als Pianistin Erfolge gefeiert, was gab den Ausschlag, die musikalische Karriere nicht weiterzuverfolgen?

Oh, da kamen mehrere Sachen zusammen. Einmal fanden meine Eltern es nie besonders toll, dass ich das wirklich professionalisieren wollte, da hatten sie dann schon ziemliche Angst davor, Stichwort „brotlose Kunst“. Nicht dass ich jetzt etwas machen würde, was auf sehr viel Gegenliebe stößt, aber jetzt bin ich ja auch ein bisschen älter. Ich glaube, dadurch, dass mir der Rückhalt von zuhause gefehlt hat, fing das irgendwann an, dass ich die Nerven nicht mehr hatte, und dann kam eine ganz schlimme Auftrittsangst dazu bis hin zu einem Blackout bei einem öffentlichen Auftritt, dass ich einfach nicht mehr weiterspielen konnte, und danach ging es mir einfach wahnsinnig schlecht, nervlich, so dass ich große Schwierigkeiten hatte, wieder in das Klavierspielen hineinzufinden. Ich habe das dann noch eine Zeitlang gemacht, aber es ist wirklich eine reine Nervensache gewesen. Ich musste mir danach wirklich etwas anderes suchen und mich noch einmal neu definieren, um wieder Fuß zu fassen, für mich selbst.

Und wie fühlst Du Dich jetzt bei Lesungen?

Ja, das war eine spannende Sache. Als ich nämlich meine erste Lesung hatte, da dachte ich vorher, ich werde bestimmt sterben oder auf der Bühne ohnmächtig zusammenbrechen, ich dachte, vielleicht ist vorher sterben die bessere Variante (lacht). Ich weiß noch aus Studienzeiten, dass ich bei Livesachen natürlich eine gewisse Aufregung dabei hatte, ich habe das aber relativ zeitig schon trainiert, indem ich zum Beispiel Theater auch mal gespielt habe, Verhaltenstraining gemacht habe. Gut, bei den Lesungen ganz am Anfang, da war das immer noch ein bisschen was anderes. Es gibt auch immer noch die Situation, dass ich vorher wirklich Nervenflattern kriege, aber grundsätzlich ist das jetzt, toitoitoi, eine wirklich stabile Sache, dass ich raus auf die Bühne kann und vor allen Dingen, dass ich es auch wahnsinnig gerne mache. Ich merke, dass ich sehr viel lieber Lesungen mache als ich damals öffentlich Klavier gespielt habe. Und das hat, glaube ich, auch damit zu tun, da könnte man jetzt einen Psychologen fragen, sehr viel damit zu tun, wie ist die eigene Wertschätzung der Sache und wie ist die eigene Selbstsicherheit. Da macht dann das Alter und die Erfahrung auch nochmal viel aus, und vielleicht war es das Klavier einfach nicht. Dieses Interpretieren von Sachen, von was Fremdem, und dann dieser Druck, der natürlich im Klassikbereich dann auch da ist, wo alles perfekt sein muss und keine Fehler verziehen werden, was ja jetzt, wenn man auf der Bühne steht und etwas Eigenes vorliest, nicht so zwingend ist. Da kann einem ja keiner sagen, ja, das haste jetzt aber falsch, weil das Wort steht doch da anders rum. Dann könnte ich sagen, ich bin die Autorin, ich les das jetzt aber so rum. Da ist doch eine deutlich lockerere Atmosphäre, und diese Sachen machen dann sehr viel aus und helfen mir sehr, und deshalb bin ich jetzt deutlich lieber auf der Bühne als früher.

Und hattest Du schon ganz lange einen Roman in der Schublade liegen?

Ich hatte nicht mal eine Kurzgeschichte in der Schublade liegen. Ich hatte eine vollkommen wahnsinnige Freundin, ich liebe sie übrigens heiß und innig, wir waren Kolleginnen bei einer Filmproduktionsfirma, und sie ist dann gewechselt als Filmagentin in eine Literaturagentur, also als Agentin für Filmstoffe. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Stelle als festangestellte Autorin für so eine Fernsehserie, und das hat mir nicht besonders viel Spaß gemacht. Meine Freundin rief mich eines Tages an und sagte, Du, hier war grad jemand bei der Literaturagentin und sucht Krimis, setz Dich doch mal hin und schreib was. Das hab ich dann auch getan, ich dachte, das wird sowieso nix, aber gut, bevor ich mich langweile. Mein Job war, wie gesagt, nicht wirklich toll, und ich hatte auch einfach vor, etwas anderes zu machen, und ich dachte, das kostet mich ja jetzt nix außer Zeit und mal den Versuch. Ja, und kurz darauf hatte ich dann einen Drei-Buch-Vertrag für eine Krimireihe, die in Rostock angesiedelt ist. Das habe ich dann noch unter einem anderen Namen geschrieben. Ich saß dann erstmal sehr konsterniert zu Hause und dachte, verdammt, was habe ich getan, jetzt muss ich auch noch Bücher schreiben. So kam das, ja.

Findest Du Deine Geschichten oder finden Sie Dich?

Wir finden uns, wir begegnen uns. Wenn ich merke, dass mich ein Thema sehr berührt und ich dann Charaktere vor mir sehe und dass es sofort anfängt, in mir zu arbeiten. Ich habe mich gestern mit jemandem unterhalten, das war eher so eine Zufallsunterhaltung, und ich bin heute Morgen wach geworden und dachte mir: oh, das ist so eine interessante Figur, das kann ich einbauen. Es kann sein, dass es die Hauptfigur für den nächsten Roman wird, es kann sein, dass es eine Nebenfigur ist, es kann sein, dass eine Kurzgeschichte draus wird oder überhaupt nichts, aber dieses Gefühl, das stellt sich dann manchmal eben ein.

Hast Du einen Schreibrhythmus und brauchst Du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

Ja, ich bin nicht so ein Tagsübermensch. Das passt ja zum Blog, ich bin mehr so der nachtgedankliche Mensch (lacht). In der Nacht ist es ruhig, da ruft niemand an, naja, manchmal rufen auch Leute an, die eben auch nachts arbeiten, aber es ist insgesamt deutlich ruhiger, es kommen weniger Mails, und auf Facebook wird ja dann auch nicht so viel gepostet. Wenn ich schreibe, mache ich in der Zeit nichts anderes, also da kann ich nicht sagen, jetzt schreib ich mal zwei Tage und dann habe ich noch einen Tag für einen Artikel, dann mache ich mal morgens die Übersetzung und abends das Schreiben, das geht nicht. Ich schließ mich dann wirklich weg zum Schreiben. Manchmal wechsle ich dann auch den Ort, dass ich mich irgendwo zurückziehe, etwas miete und sage, ok, jetzt bin ich hier zwei Monate. Natürlich hilft es am meisten, wenn man kein Internet hat. Ganz ehrlich. Und sich Notizen macht, was man gerne recherchieren möchte, und dann geht man für eine Stunde am Tag ins Netz und recherchiert das schnell durch. Das hatte ich in St. Andrews, das war total spannend. Da hatte ich mir ein Häuschen gemietet, es gab weder Telefon noch Internet, und ich musste mich dann jeden Tag mit meinem Bibliotheksausweis irgendwo hinten anstellen und warten, dass ich dann endlich dran kam. Und es gab dann nur eine halbe Stunde oder eine Stunde, länger durfte man nicht am Tag. Und ich dachte erst so: was, nur eine Stunde Internet am Tag, oh ist das furchtbar, das geht ja gar nicht, das kann ich nicht, das halte ich nicht aus. In der zweiten Woche habe ich mich nach einer halben Stunde gefragt, so, was mache ich hier jetzt noch, weil ich mich dann wirklich nur auf die Recherche beschränkt habe, und auch so dieses viele Kommunizieren, dieses, naja sinnlos ist jetzt ein blödes Wort, dieses müßig-vor-sich-hin-kommunizieren, dieses, ach ja, da kuck ich noch mal, och, was mach denn der gerade, das fällt dann natürlich alles weg. Und da hatte ich mich so auf die Arbeit konzentriert, ach, ich muss wieder nach St. Andrews. So sieht das Schreiben aus. Wegsperren, nachts, alles gut.

Was tust Du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Den Plot noch mal überdenken, meistens liegt es daran, dass ich mir nicht ganz sicher bin, wie es mit den Figuren weitergeht, wo sie hin wollen, was ich über die Figuren erzählen will. Wenn es klemmt, ist es meistens, das habe ich jetzt festgestellt, wirklich ein Fehler im Plot oder dass mir noch Puzzleteile fehlen. Oder dass ich etwas an der Figur nicht richtig durchdacht habe. Und das löst sich dann am besten durch Spazieren gehen, Sport machen, das Gehirn mal ausschalten, mit Leuten drüber reden, mal einen Film kucken, mal ein ganz anderes Buch lesen, das möglichst nicht zum Thema ist, damit die Gedanken mal wieder etwas freier werden. Aber Verzweifeln hilft nicht.

Welche Musik hörst Du am liebsten, und lässt Du Dich durch Musik beim Schreiben inspirieren?

Das ist sehr stimmungsabhängig, das kann von Ravels Klaviermusik bis Dead Can Dance und P.J. Harvey gehen. Ich habe verschiedene Playlists gemacht, es gibt auch zu verschiedenen Figuren verschiedene Playlisten. Da es mittlerweile so schöne Sachen wie Spotify online gibt, kann man da auch teilweise reinkucken, ich weiß gar nicht, welche ich öffentlich habe und welche nicht. Ich komme ja eher trotz des Klavierspielens, oder wegen des Klavierspielens, aus der alternativeren Ecke, was man früher Indie genannt hat, ich mag auch die etwas härtere Musik. Ja, das ist dann sehr abhängig davon, was ich gerade schreib, was dazu passt, und manchmal passt überhaupt keine Musik, da muss ich ausschalten. Da muss es ganz, ganz, ganz still sein.

Welche Phase eines Buches oder einer Kurzgeschichte ist die anstrengendste für Dich?

Ich glaube die Überarbeitungsphase, aber das sage ich nur, weil ich gerade etwas überarbeiten muss und es ganz, ganz furchtbar finde. Ich hasse es zu überarbeiten. Ich hasse es noch mal, wenn ich dann sehe, dass die Lektorin recht hatte. Das finde ich so doof, aber sie hat leider recht. Überarbeiten ist grausam. Aber, es ist ja alles eine sehr handwerkliche Sache, und jeder Part ist auf seine Art und Weise schwer. Aber Ideen suchen und finden, das macht ja Spaß, die Figuren zu konzipieren macht Spaß, selbst das Schreiben macht Spaß, und ich glaub wirklich, das Überarbeiten ist nicht so mein Lieblingsthema.

Du bist bereits Glauser-Preisträgerin für die beste Kurzgeschichte 2010, 2011 folgte eine weitere Nominierung, Du warst dieses Jahr für den DeLiA-Preis nominiert, mit Das zerbrochene Fenster bist Du im September auf der KrimiZEITbestenliste in den Top Ten unter den Größten des Genres. Spornen Dich die Preise und Nominierungen an oder ist es eine nette Beigabe zum Schreiben?

Da müsste ich jetzt lügen, wenn ich sagen würde, ach, das ist mir egal, ob ich Preise kriege. Letztendlich, ob man jetzt gewinnt oder nicht, das ist dann sehr situativ. Aber allein in Betracht gezogen zu werden, allein, so eine Wertschätzung von einer Jury zu bekommen, das finde ich ganz, ganz toll. Ich hab auch letztens irgendwo jemanden getroffen – ich darf auch keine Namen nennen, nicht dass die Dame Ärger kriegt – und die meinte, ja, Dein Buch xy hab ich ja mal für die Blabla-Jury gelesen und mir hat das so gut gefallen, leider ist es nicht auf die Shortlist gekommen. Ich find das natürlich toll, weil ich dann das Gefühl habe, es findet sich langsam das Publikum. Publikum finden finde ich wahnsinnig schwer. Da gibt es ja diese Diskussion, wie sollen die Cover aussehen und was soll vorne draufstehen, und dann steht Thriller drauf, und dann denken die Leute, das ist jetzt so ein blutiges Gemetzel, und sie sind natürlich enttäuscht und sagen, das ist ein langweiliges, blödes Buch, und was will ich denn mit dem ganzen Familiengeschichtenscheiß, und da soll doch jetzt mal bitte jemand tot umfallen und ausgeweidet werden, dann hat man einfach sein Publikum nicht gefunden. Aber wenn jemand sagt, das fand ich super, so super, dass ich sagen kann, es hat mir am besten gefallen von soundso vielen Büchern, weil es genau meinen Geschmack getroffen hat und dann auch noch diese handwerkliche Wertschätzung dazu, weil ich dann doch denke, dass Juroren auf so was kucken, ist es sauber geplottet, ist es gut durchgezogen, das ist toll, ja, das gibt natürlich einen Boost. Mit gibt es, sehr zum Leidwesen der Verlage sicherlich, mehr Schwung als gute Verkaufszahlen (lacht).

Du hast schon in verschiedenen Genres veröffentlicht, zuletzt einen Jugendroman, Edvard, und wieder einen Thriller. Gibt es noch ein Genre, in dem Du unbedingt noch ein Buch schreiben möchtest?

Vielleicht ein Buch, das nicht genregebunden ist. Also einfach eine Geschichte schreiben und kucken, wo sie hingeht. Ich weiß ziemlich genau, was ich alles nicht so kann, ich wäre glaube ich nicht besonders gut in historischen Romanen, weil ich faul bin. Was muss man da recherchieren! Das ist ja bewundernswert, was die da alle sowohl sprachlich als auch inhaltlich leisten, und die sitzen den ganzen Tag in den Bibliotheken, das muss man wollen. Mich interessieren da eher so diese menschlichen, diese inneren Abgründe und Beweggründe, müssen ja nicht nur Abgründe sein. Die neuere Geschichte, das interessiert mich auch, aber so dieses Zurückgehen in zurückliegende Jahrhunderte, wo es keine Zeitzeugen mehr gibt, das wär nicht meins. Erotik kann ich nicht, zum Beispiel. Science Fiction können auch andere sehr viel besser, auch wenn ich Science Fiction ganz klasse finde. Ich muss auch weiter kucken, was ich kann, und ich weiß nicht, ob das dann weiterhin genregebunden sein wird oder sein muss. Man wirft mir ja auch jetzt gerne beim Krimi vor, dass ich da zu sehr in andere Richtungen ausufere oder zu wenig den Krimi bediene, manche wollen halt die Rätselgeschichte haben und manche wollen, wie gesagt, das blutige Ausweiden mit dem Psychopathen. Ich sag jetzt nicht, ok, damit verkaufe ich besonders viel oder das ist ein Genre, das super läuft, deshalb will ich das jetzt auch mal mitnehmen, sondern, was will ich eigentlich erzählen, und vor allem auch, was kann ich. Und da bin ich immer ganz froh, wenn Leute mir da auch in der Richtung helfen und sagen, ok, das ist jetzt nicht so Deins, aber so und so musst Du weitermachen. Krimi oder alles, was so sehr dunkel, abgründig, düster, mysteriös ist, mit psychisch kranken Menschen, was auch immer das über mich sagen mag, aus irgend einem Grund gefällt mir das. Edvard hat ja auch eine deutliche Persönlichkeitsstörung, natürlich ist es irgendwo ein normaler Teenager, aber irgendwo ist er dann wieder auch nicht normal, er hat vielleicht noch nicht so eine richtige Störung, aber er ist auf dem Weg, er könnte, wenn die Eltern weiterhin alles glauben richtig zu machen, auch ganz schön einen an der Klatsche behalten. Es kann auch sein, dass er sich fängt und völlig normal wird und irgendwo auf der Behörde seinen Job findet und total glücklich wird. Leute, die ein bisschen oder auch sehr weit neben sich stehen, das interessiert mich. Was sie für Probleme haben und warum sie einfach nicht wie jeder andere durch den Tag kommen.

Welches Genre liest Du gern selbst? Hast Du einen Lieblingsautor?

Ich habe eine ganze Menge Lieblingsautoren, ich lese gerne im Kriminalromanbereich, ich les auch gerne, was man so die „normale“ Literatur nennt, da gibt es sehr viele sehr unterhaltsame, sehr gut geschriebene, sehr abgründige, sehr schräge Sachen. Es muss nicht immer jemand sterben, es darf lustig sein, ich lese einfach gerne gute Bücher. Und dann ist es mir auch egal, was vorne drauf steht als Genre.

Hast Du literarische Vorbilder?

Es gibt Texte, die mich inspirieren, wenn ich sie lese. Nicht, weil ich genauso schreiben möchte, sondern weil ich denke, kuck mal, wie der oder die mit Sprache umgeht und die Sätze baut, die Figuren einführt, die Szenen baut. Das dann schon. Alles was mich wirklich zum Nachdenken bringt. Ich finde Ian Rankin oder Denise Mina sehr inspirierend, das sind beides schottische Krimiautoren. Die nenne ich glaube ich immer, das wird langsam langweilig. Was mich total begeistert hat, war, als ich zum ersten Mal Don Winslow gelesen habe, weil der so anders war und mal endlich wirklich eine neue und ungewöhnliche Stimme. Es gibt schon Gründe, warum er so einen Riesenerfolg hat. Jetzt fällt mir auf Anhieb natürlich nichts ein, aber in letzter Zeit gab es schon einiges, wo ich die erste Seite gelesen und gedacht habe, Mensch, da kann aber jemand schreiben. So muss es sein. Wen ich als Kind gerne gelesen habe, das war aber eher eine inhaltliche, weniger eine sprachliche Sache, da habe ich, und da bediene ich jetzt sicher auch wieder Klischees, Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann sehr geliebt. Auch da die Abgründe, der Wahn, dieses Nichtwissen, was ist jetzt Realität und was ist nur in meinem Kopf. Im Moment lese ich gerade mit großer Begeisterung Rocking Horse Road von Carl Nixon. Das ist aus der Wir-Perspektive geschrieben, ganz ungewöhnlich, ganz spannend. Ich habe schon einmal ein anderes Buch aus der Wir-Perspektive gelesen, And Then We Came to the End von Joshua Ferris, solche Sachen lese ich einfach wahnsinnig gern, dieses etwas Experimentellere. Deshalb sage ich Vorbilder, das sind weniger eine Person, sondern ich versuche mich eher davon leiten zu lassen, was man alles mit der Sprache machen kann und wie man Geschichten erzählen kann.

Du pendelst zwischen Berlin und Edinburgh. Gibt es noch eine weitere Stadt, in der Du gerne leben möchtest?

Ich habe schon in so vielen Städten gelebt. Ich bin ja auch sehr viel in München. München ist hier in Deutschland sicherlich meine zweite Heimat nach Berlin. Berlin ist ja eine relativ neue Heimat. Ich möchte mit Sicherheit irgendwann mal wieder eine längere Zeit in London sein, ich habe Dublin noch auf dem Plan stehen. Und ich meine das jetzt alles nicht für Wochenendausflüge, das mache ich ja oft genug, sondern einfach für länger. Und dann muss ich halt kucken, wie es sich finanziell ausgeht und wo mich das alles so hintreibt, aber ich bin schon eher im englischprachigen Raum unterwegs. Hat ganz egoistische Gründe, da kenne ich wenigstens die Sprache, da habe ich nicht so Angst, das ich etwas Falsches auf der Speisekarte bestelle oder nicht weiß, wo ich lang laufen muss, da bin ich ein bisschen schüchtern.

Wie hoch ist Dein aktueller SUB?

Das S steht bei mir nicht für Stapel, sondern eher für Schrank. Ich habe den Überblick schon lange verloren. Ich sortiere dann auch immer mal wieder ein paar von den ungelesenen Büchern aus und denke so, ok, ich komme eh nicht mehr dazu, sie zu lesen, dann kann ich sie jetzt auch verschenken. Ich verschenke oder ich setze sehr viele Bücher aus, weil ich sonst untergehe. Es gibt so viele tolle Sachen, ich bin so froh über Leseproben und so froh über den Kindle. Jetzt kotzen die Buchhändler wieder, aber es tut mir leid, ich unterstütze den Buchhandel, ich kaufe so viele Bücher, ehrlich, aber manchmal hole ich mir auch gerade die englischsprachigen Sachen auf den Kindle. Die hassen mich jetzt, die Buchhändler, aber nein, ich liebe Euch!

Kannst Du uns schon etwas über Dein nächstes Projekt sagen?

Nein, weil ich es diese Woche erst besprechen werde. Ich wechsle gerade den Verlag, das ist glaube ich mittlerweile kein Geheimnis mehr, ich werde mir da jetzt natürlich überlegen, ob ich Figuren mitnehme, ob ich die Landschaft mitnehme oder einen Schauplatz mitnehme, im Moment bin ich da erstmal ganz offen und werde mir in diesen Tagen mit Sicherheit noch ein paar Notizen machen und dann noch weiter überlegen. So gegen Ende des Jahres werde ich Entscheidungen getroffen haben.

Also dürfen wir hoffen, noch etwas von Ben und Cedric zu lesen?

Wollt ihr das denn?

Also ich schon.

Aber die hatten wir doch jetzt schon so oft.

Es sind aber sehr interessante Figuren und es sind ja auch noch einige Fragen offen.

Ja, ich habe mir schon überlegt, ob ich das nicht irgendwie so als Goodie mache, also falls ich mit den Figuren nicht weiter mache, dass ich einfach Cedrics Geschichte noch mal zusammenschreibe, gerade die Geschichte mit seinem Vater. Ich mach das Ding auf 50 Seiten und haue es als kostenloses ebook raus. Habe ich mir auch schon überlegt. Ich meine, warum nicht? Ich habe das Gefühl, vielleicht ist Cedric auserzählt. Wir kennen ihn ja schon, und natürlich könnte ich jetzt noch weitermachen. Jetzt hat er den Halbbruder und wie geht denn das weiter, aber Cedric ist jetzt in Behandlung, er hat seinen Therapeuten, er nimmt seine Tabletten, wir wissen, dass er Probleme hat. Ich möchte dann auch nicht, wie andere, diesen Fluch der Serie, dass ich dann irgendwie nach 17 Büchern immer noch dieselben Geschichten erzähle oder mich dann selber mit denen langweile. Keine Ahnung, ich muss es überlegen.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein und was ist das Nervigste?

Da müssen wir mal erfolgreiche Autorinnen fragen.

Hier sitzt eine vor mir.

Ich darf das machen, was im am Großartigsten finde, ich darf Bücher schreiben. Und das ist das Tollste daran. Und kann davon auch leben. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Das Nervigste ist die Angst davor, wie sich das nächste Buch verkauft und ob es weitergeht. Das sind wirklich rein existenzielle Sachen, ansonsten nervt überhaupt nichts. Und ich glaube, was mich nervt ist das, was jeder in seinem Job hat, jeder Selbständige hat. Gerade so als Freiberufler macht man ja meistens etwas, das einem Spaß macht. Sollte man. Weil man da so viel Zeit investiert. Aber wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, und das wissen ja viele Freiberufler nicht so ganz genau, mittlerweile auch viele Angestellte nicht mehr so genau, das ist halt einfach das Nervige daran. Und natürlich würde gerne jeder von uns pauschal seine 100.000 im Jahr kriegen, oder vielleicht auch nur 50.000, keine Ahnung, aber einen Haufen Geld dafür überwiesen kriegen, dafür, dass er oder sie das macht, was man am liebsten tut. Es hat leider sehr viel mit Geld verdienen und sehr wenig mit Hobby zu tun, es ist ein Beruf, es ist ein Handwerk, man muss es ordentlich machen und sich weiterbilden und dann noch kucken, wie man damit weiterkommt. Das ist genauso anstrengend wie ne Kneipe zu führen und wie als Kindergärtnerin zu arbeiten und wie Arzt zu sein oder sonst was. Es ist einfach anstrengend.

Erzählst Du uns noch eine Anekdote aus Deinem Schriftstellerleben?

Anekdote, hmm. Ach ja, das erzähle ich ganz gerne, die hängt zwar nicht direkt, sondern eher indirekt mit mir zusammen. Ich stand in einer Buchhandlung, zwei Mädels um die Zwanzig kucken in dem Bereich Krimis. Da steht ja meistens immer nur „Krimi“. Dann sagt die eine: Ah ist das blöd hier, kuck mal, da steht Krimis und hier sind aber überall Thriller, also das finde ich ja echt nicht in Ordnung, dass die das alles so zusammen werfen. Sagt ihre Freundin: Was ist denn der Unterschied? Sagt die erste wieder: Naja, Thriller sind halt einfach besser. Also, das ist einfach eine nicht besonders trennscharfe Geschichte, weil man ja auch darüber diskutieren müsste, was bedeutet jetzt eigentlich Thriller, was bedeutet Kriminalroman und wo sind die Grenzen und wie fließend sind sie, aber das hat halt auch viel damit zu tun, was von Buchhandelsketten durch ihre Etikettierung gelenkt wurde. Und dann sprachen sie weiter, nämlich über meinen sehr lieben und sehr geschätzten Kollegen und Freund Sebastian Fitzek: Fitzek ist ja total geil, spannende Bücher, haste den schon gelesen? – Jaja, total geil und spannend und voll krass und so. – Der hat ja auch eine Tochter, da habe ich gehört, der liest ihr abends immer seine Geschichten vor, und die ist ja noch ganz klein, noch ein echtes Kleinkind. – Boah, krass, solche Leute sollten echt keine Kinder haben. Und ich steh direkt daneben und denk so, das tut er doch nicht! Ich wusste nicht, ob ich etwas sagen sollte, ich dachte nur, oh Gott, das tut er doch gar nicht! Das stimmt doch nicht. Aber wenn man sieht, was sich da für Legenden bilden, kaum, dass man etwas veröffentlicht. Und Sebastian hat ja eine Riesenfangemeinde auf Facebook und Twitter und ein sehr lebhaftes Profil, und so entstehen einfach die unglaublichsten Gerüchte. Sebastian Fitzek sitzt da und liest nachts seiner Tochter seine Geschichten vor. Was dachten die denn, wie alt das Mädchen ist? Wahrscheinlich irgendwas zwischen zwei und fünf, und er liest ihr ganz grausame Geschichten vor? Völliger Unsinn. Und eine Anekdote, die mit mir direkt zu tun hat: Ich geh in eine Buchhandlung, die ein Schaufenster mit meinem neuesten Buch dekoriert hatte. Ich hab mich so wahnsinnig gefreut, dass die das gemacht haben. Ich geh also rein und sage: Hallo, ich bin Zoë Beck, ich freue mich so über das Schaufenster! Und die Frau schaute mich an und sagte: Was? Sie wusste von nichts. Und dann hab ich sofort die Ohren hängen lassen und bin wieder rausgeschlichen (lacht). Das hat ein bisschen wehgetan, weil ich mich vorher so gefreut hatte und dachte, die wissen jetzt alle Bescheid, wenn ich reinkomme und meinen Namen sage. Und diese Frau hat mich einfach so glasig angekuckt, weil sie halt mit der Schaufensterdeko nichts zu tun hat. Natürlich ist es so. Das ist das harte Geschäft.

Ganz herzlichen Dank für dieses tolle Interview und alles Gute!

Ja, dankeschön!

Foto Victoria Tomaschko

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Interview mit Angela Brower

Head Shots 2007 012 Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben, Frau Brower. Vielleicht erzählen Sie uns zum Einstieg etwas über Ihren Werdegang?

Ich komme aus Amerika, aus Phoenix, Arizona. Ich habe an der Arizona State University studiert und dort meinen Bachelor’s Degree gemacht. Dann habe ich an der Indiana University studiert für meinen Master’s Degree.

Hatten Sie da schon während des Studiums die Möglichkeit, ganze Rollen szenisch auszuprobieren?

Während meines Studiums habe ich nur die Zweite Dame aus der Zauberflöte einstudiert und auf der Bühne gesungen. Oh, ja, und in meinem Master‘s Degree habe ich Cherubino gesungen, das war toll. Ich habe in der Zeit nicht so viele Rollen gesungen. Ich habe im Studium viele Lieder und Melodien einstudiert und gesungen, und Stimmtechnik gemacht. Nicht so viele Opernrollen.

Im Jahr 2008 wurden Sie in das „Young American Artists Program“ der Glimmerglass Opera aufgenommen. Welche Möglichkeiten ergaben sich dadurch?

2008 war ich bei dem „Young American Artists Program“. Daraus ergab sich die Möglichkeit für mich, hier in München zu sein. Denn zwei Personen von der Bayerischen Staatsoper waren nach New York geflogen. Sie veranstalteten ein Vorsingen für die Bayerische Staatsoper – es ist eine amüsante Geschichte, weil ich mich nicht für das Vorsingen angemeldet hatte. Ich dachte mir: „Ich habe noch ein Jahr Studium vor mir, ich bin noch nicht so weit, ich kann noch nicht nach Deutschland gehen.“ Aber ich war Cover (d.h., Zweitbesetzung) für Giulio Cesare. Die beiden Männer von der Bayerischen Staatsoper kamen zur Probe und hörten mich singen, als Giulio Cesare, weil meine Kollegin nicht da war. Sie sagten: „Warum haben Sie sich nicht für das Vorsingen heute angemeldet?“, denn sie hatten den ganzen Tag Vorsingen. Ich sagte: „Ich weiß nicht.“ (Lacht.) Dann hatten wir am nächsten Tag ein Vorsingen, und sie sagten: „Wir hätten großes Interesse daran, dass Sie zu uns kommen.“ Von da an änderte sich alles für mich. Ich habe Amerika verlassen, ich habe mein Auto verkauft. Ich kam nach München und fing im Opernstudio an, und ab dann war alles wunderbar.

Zur Spielzeit 2008/2009 kam der Wechsel nach München. Wie kann man sich die Arbeit im Opernstudio vorstellen?

Es war wirklich toll und ein sehr gutes Erlebnis für mich. Ich habe viel gelernt, und habe noch viel zu lernen, und es war besser als – nun, nicht besser, aber ich habe mehr gelernt als an der Universität. Ich sollte das nicht sagen, denn ich habe an der Universität viel gelernt, Stimmtechnik und Lieder, und so weiter. Aber hier in München hatte ich die Möglichkeit, auf der Bühne zu spielen und zu singen. Dadurch bin ich wirklich gewachsen als Sängerin, besonders als Opernsängerin. Wir haben gute Kollegen hier, und ich habe wirklich tolle Möglichkeiten, zu singen und zu spielen auf der Bühne.

Sie haben natürlich hier dann auch noch die Möglichkeit gehabt, die ganzen Kollegen zu hören.

Ja, und von den besten Sängerinnen der Welt zu lernen. Es ist ein Traum, wirklich!

Seit der Spielzeit 2010/2011 sind Sie festes Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper. Welche Veränderungen ergaben sich durch diesen Wechsel vom Opernstudio ins feste Ensemble?

Die erste Veränderung war, dass ich mehr Zeit hatte. (Lacht.) Im Opernstudio sind wir so beschäftigt, wir hatten jeden Monat Konzerte, und dazu unsere Rolle auf der Bühne. Wir hatten immer so viel zu tun. Es war wirklich anstrengend. Als ich im Ensemble war, konnte ich endlich „aufatmen“, sofort. Ich bin dankbar für meine Zeit im Opernstudio, wirklich. Ich beschwere mich nicht, es war wundervoll. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, das half mir, als ich dann im Ensemble war, ich konnte viel daraus mitnehmen. Ja. Was sich änderte war: Ich bekam mehr Rollen, mehr große Rollen zu singen, natürlich, und mehr Möglichkeiten, auf der Bühne zu singen und zu spielen.

In dieser Spielzeit waren Sie in einigen Mozartrollen zu hören: Dorabella in Cosi Fan Tutte, Cherubino in Le Nozze di Figaro und Zweite Dame in der Zauberflöte. Wie ist Ihre Beziehung zu dem Komponisten Mozart?

Ich liebe Mozart. (Lacht.) Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich Mozart schon geliebt. Meine Mutter spielt Klavier, nicht professionell, aber sie liebt es, zu spielen. Ich habe immer Musik gehört, besonders Mozart. Ich war immer fasziniert von seinem Genius, seinem Intellekt und seiner Musik. Als ich dann größer wurde und zu singen begann, habe ich es geliebt, Mozart zu singen. Es ist sehr gesund. Es macht Spaß, es liegt mir einfach. Es ist gut für meine Stimme, Mozart zu singen, und ich spüre das.

Man kann auch immer gut die Stimme überprüfen bei Mozart.

Ja. Es gibt eine besondere Farbe in Mozarts Musik, glaube ich. Ich genieße es sehr.

Die Produktion an der Staatsoper …

Ja. In Le Nozze di Figaro, Cherubino ist natürlich eine tolle Rolle zu singen. Sie ist wirklich lustig. Es gibt so viele Farben in diesem Charakter, in seiner Mentalität und seinen Motiven. Dorabella auch. Sie ist mir ähnlich. Ich liebe es, diese Figur zu singen, es ist wirklich schön.

Die zwei Produktionen sind ja auch wirklich schön.

Ja. Danke!

Sie waren auch als Wellgunde in Wagners Rheingold und Götterdämmerung zu hören. Wie war die Zusammenarbeit mit Kent Nagano und dem Regisseur Andreas Kriegenburg?

Der Ring war ein großes Projekt. Und das war, ich muss es ehrlich sagen, eine Herausforderung für mich, Wagner zu singen. Denn gleichzeitig habe ich auch Mozart gesungen, und das sind völlig unterschiedliche Fächer, sozusagen. Aber ich hatte das Glück, dass ich gute Kollegen hatte, Eri Nakamura und Okka von der Damerau. Es ist so schön und so angenehm, mit ihnen zu singen, und das machte dieses Erlebnis einfacher für mich. Wagner – Mozart – Wagner – Mozart, das war ein bisschen anstrengend. Ich musste lernen, beide zu singen, in einer gesunden Art und Weise. Kent Nagano war toll, und Andreas Kriegenburg war auch toll. Das ganze Team hat uns sehr unterstützt und war nett, und das hilft, das hat mir geholfen. Ich hatte das Gefühl dass ich wirklich spielen konnte auf der Bühne. Das hilft meiner Stimme, freier zu sein.

Können Sie uns in diesem Zusammenhang erzählen, wie Sie sich eine neue Rolle erarbeiten?

Die Vorbereitung auf eine neue Rolle? Zuerst kaufe ich einen Klavierauszug. Dann höre ich mit einer CD die ganze Oper, lese den Klavierauszug durch, markiere meine Partie mit einem Leuchtstift und übersetze den Text ins Englische, damit ich wirklich verstehen kann, was ich singe und was ich fühle. Dann singe ich von Anfang an. Ich muss sagen, dass ich es liebe, eine CD zu hören. Ich kann nicht so gut Klavier spielen. Ich kann es ein bisschen, gut genug, aber ich möchte alle Gefühle von der Musik. Das hilft. Ich liebe es auch, von anderen Sängerinnen zu lernen. Es ist auch interessant für mich, wie zum Beispiel Anne Sofie von Otter das singt, oder Susan Graham oder Frederica von Stade, denn diese Sängerin bringt immer unterschiedliche Farbe und Ideen in ihre Partie ein.

Kommen wir zum Hoffmann. Bei den Festspielen waren Sie als Nicklausse / Muse in Les Contes d‘Hoffmann zu hören. Ist das eine Rolle, die Ihnen in Stimme und Darstellung besonders liegt?

Hoffmann. Ich liebe Hoffmann!

Das merkt man!

Das war mein „big break“! (Lacht.) Wir hatten so viel Spaß! Ich bin wirklich traurig, dass es schon vorbei ist, denn ich habe so viel gelernt durch diese Rolle. Über mich selbst, als Person und als Sängerin, und auch über das Spielen und Singen auf der Bühne. Das war anfangs eine große Herausforderung für mich. Diese Rolle war ganz neu für mich, es war mein Debüt. Die Frage ist natürlich immer: Wie läuft das, oder wie geht das? Ich muss sagen: Rolando Villazón war super für mich, ein ganz toller Kollege. Ich habe so viel von ihm gelernt, nur dadurch, dass ich ihm zugeschaut habe, wie er auf der Bühne spielt. Und das geht perfekt mit meiner Figur, denn ich sollte sein Spiegel sein. Ich liebe diese Figur. Die Musik ist nicht so einfach zu singen. Sie ist wirklich hoch, und dann wirklich tief. Die Barcarole ist so tief. Das erste Stück, als die Muse sich vorstellt, liegt sehr hoch. Ich hatte also diese große Bandbreite von hoch zu tief, aber es hat gut funktioniert. Ja, ich war sehr glücklich damit. Es ist eine wunderschöne Rolle, und ich habe sie sehr gerne gesungen, wirklich.

Es ist ja immer ein bisschen schwierig mit den verschiedenen …

Ja. – Hoch, und dann ganz tief. In drei oder vier Stunden, es ist wirklich anstrengend.

Da sind so Kollegen wie Rolando Villazón oder Diana Damrau schon hilfreich.

Ja. Sie waren super. Sie haben mich so sehr unterstützt, sie haben mir so viel positive Energie gegeben. Das hilft, immer. Ich war auf der Bühne mit diesen großen Stars und habe gedacht: „Warum bin ich da?“ (Lacht.) Es war wirklich unglaublich für mich, ein schönes Erlebnis.

War das jetzt dann bei den Festspielen schwieriger, mit den ganzen Umbesetzungen?

Ja, das war interessant, und wir hatten nicht so viele Proben vor unserer ersten Vorstellung. Wir haben einfach unser Bestes gegeben. Es war anders, aber ich denke, es war letztendlich okay.

Machen Sie lieber Neuproduktionen oder Repertoire?

Meinen Sie die Inszenierung? Okay … ich komme aus Amerika. Wir haben normalerweise traditionelle Inszenierungen, das war also meine Mentalität. Aber als ich herkam, wurde ich da aufgeschlossener. Ich liebe beide. Ich glaube, zuweilen ist es passender und besser, bei der traditionellen Inszenierung zu bleiben. Aber manchmal finde ich es interessant, wenn eine neue Idee umgesetzt wird. Das kann sehr interessant sein, besonders für ein europäisches Publikum. Europäer sind mit Opern vertraut. In Amerika sind wir das nicht, also müssen wir Amerikaner vielleicht noch mehr über Opern lernen. Ich glaube, deshalb haben wir mehr traditionelle Inszenierungen. Aber hier in Europa ist es interessanter, etwas extremer zu sein oder so. Aber beide Inszenierungsweisen sind gut.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten?

Mozart. Ich liebe Mozart. (Lacht.) Immer Mozart. Aber es gibt so viele gute Komponisten. Strauss, ich liebe Strauss auch. Fauré. Debussy. Chausson. Rossini, das macht Spaß. Ja. Ich liebe Mozart. Warum? Weil ich von Mozart immer so viel lerne, denn es ist etwas Grundlegendes. Man muss eine gute Technik haben, ein gutes Verständnis von Belcanto-Technik. Es ist immer gut, zu Mozart zurückzukommen.

Welche Rollen stehen noch auf Ihrer Wunschliste?

Welche Rolle ich noch singen möchte? Charlotte in Werther würde ich sehr gerne singen, und Octavian im Rosenkavalier. Hänsel in Hänsel und Gretel. Ich singe diese Rolle im Dezember, das ist schön. Ja, viele. Diese dramatischen Rollen wie die Charlotte. Strauss: Octavian, Komponist. Es gibt viele wundervolle Partien. Ich entdecke immer wieder Neues und sage: „Oh, dies möchte ich singen, oh, das möchte ich singen.“ Und ich muss mir selbst sagen: Immer mit der Ruhe. Stück für Stück.

In der nächsten Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper kommt Rosina in Il Barbiere di Siviglia. Freuen Sie sich auf diese Aufgabe?

Ja! Ja! Auch Rosina. Ja, ich freue mich darauf. Es wird mein Debüt sein, ich habe diese Rolle noch nie gesungen. Es ist eine großartige, sehr traditionelle Inszenierung. Die Produktion ist sehr schön. Es macht viel Spass, Rossini zu singen, die Koloraturen, es ist immer eine interessante Herausforderung. Ich verwende dieses Wort oft, sorry. Es ist immer interessant, es ist nicht immer so leicht, aber wenn man es dann singen kann, fühlt es sich wirklich gut an. Ich freue mich sehr darauf.

In welchen Rollen können wir Sie in Zukunft hören?

In der nächsten Zukunft? Ich bin noch zwei weitere Jahre hier in München. Ich hoffe, dass noch weitere interessante Aufgaben auf mich zukommen. Ich habe ein Konzert im Oktober beim “Maggio Musicale” in Florenz, ich werde Leonard Bernsteins „Sinfonie Nr. 1 Jeremiah“ singen. Dann habe ich im April 2013 ein Konzert mit dem NDR Sinfonieorchester Hamburg und mit Donald Runnicles, und das wird spannend. Ich werde Ravel und Chausson singen, das wird schön. Ich bin noch zwei Jahre hier, wir werden sehen, was noch geschieht. Ich weiß es nicht, ich bin gespannt. Neue Aufgaben kommen jetzt, das ist schön. Ich werde Octavian singen, in der Zukunft, aber Genaueres kann ich noch nicht verraten, aber das kommt, darauf freue ich mich. Wir werden sehen.

Sie singen ja auch gerne Lieder. Liederabende, wird es da etwas geben?

Noch nicht. Aber ich habe mit meiner Agentur gesprochen, denn ich möchte gerne einen Liederabend machen. Ich liebe die Wesendonck-Lieder von Wagner, die möchte ich gerne singen. Wenn ich einen Liederabend mache, möchte ich auch etwas von Brahms singen, und etwas von Fauré, und einige französische Melodien.

Es ist natürlich schwieriger, einen Liederabend vorzubereiten.

Ja. Denn es ist keine Rolle, man kann sich nicht verstecken. Ich bin es, die singt. Es ist nicht Cherubino, es ist Angela Brower, und das ist schwer. Man ist – verletzlich. Ich kenne viele Sänger, die Liederabende hassen, weil das so schwierig ist. Und stimmlich – man hat keine Pause, man singt eineinhalb Stunden, und manchmal sehr schwere Lieder. Ich denke, das wäre eine gute Erfahrung für mich. Ich habe noch keine Pläne für einen Liederabend, aber ich hoffe, dass es bald dazu kommt.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Gern geschehen!

(Das Interview wurde geführt am 8. August 2012 in München.)

 

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Interview mit Camilla Nylund

Camilla Nylund Können Sie uns zu Beginn einen Einblick in Ihren Werdegang geben?

Ich habe als Kind immer gesungen. Viel im Chor und manchmal auch solistisch. Mit 14 habe ich dann angefangen, Gesangsunterricht zu nehmen in Vasa am Musikinstitut. Ich habe nach dem Abitur ein Jahr Musikwissenschaft in Turku und Gesang am Konservatorium studiert, ich war seitdem ich 15 war jeden Sommer beim Gesangskurs, u.a. in Rom, Wien und dann in Salzburg. 1988 habe ich die Aufnahmeprüfung am Mozarteum bestanden. Bis 2005 habe ich dann studiert, danach fing ich am Niedersächsischen Staatstheater in Hannover meine Karriere an. 1999 wechselte ich nach Dresden an die Semperoper, von wo ich meine internationale Karriere starten konnte. 2008 wurde ich zur sächsischen Kammersängerin ernannt.

Was gab den Ausschlag, Sängerin zu werden?

Ich habe immer gesungen, konnte alle ABBA-Lieder auswendig, wollte eigentlich Pop-Sängerin werden. Durch den Gesangsunterricht bin ich dann zum klassischen Gesang gekommen. Meine erste klassische Platte war eine Mozart-Platte mit Kathleen Battle, die hat mich schwer beeindruckt.

Mit welchen Rollen haben Sie nach den Anfängen international debütiert?

Ich habe mit Strauss-Partien wie Marschallin, Arabella und Salome international debütiert sowie mit Leonore in Fidelio und Elisabeth in Tannhäuser .

Gibt es ein Opernhaus, in dem Sie besonders gerne singen?

Ich singe sehr gerne in Wien. Das Wiener Publikum ist toll und kennt sich wirklich gut aus. Die Semperoper ist mein altes Stammhaus, mit fantastischer Akustik und einem tollen Orchester, leider singe im Moment gar nicht dort.

Sie singen nun im zweiten Jahr in Bayreuth die Elisabeth im Tannhäuser, inszeniert von Regisseur Sebastian Baumgarten.Wie sehen Sie die Inszenierung und wie ist Ihre Rolle angelegt? Wie kann man sich die Arbeit in Bayreuth vorstellen?

Der zweite Sommer ist bald zu Ende, ich muss sagen, dass es mir diesen Sommer viel besser gefallen hat. Wir hatten ja diesen Sommer mit Thielemann einen neuen Dirigenten, und das hat dem Stück viel gebracht. Ich finde die Inszenierung sehr interessant und es gibt besonders für meine Rolle als Elisabeth neue Aspekte. Sie inszeniert sich als Märtyrerin. Die Gesellschaft bringt sie dazu. Ich finde es sehr entspannend, in Bayreuth zu sein. Man kann sich sehr gut konzentrieren auf seine Aufgaben.

Wie erarbeiten Sie sich eine neue Rolle?

Ich studiere immer meine Partien mit meinem Pianisten Jobst Schneiderrat in Dresden und gehe danach zu meiner Gesangslehrerin Irmgard Boas, um die Partie mit ihr durchzuarbeiten.

Wie wichtig ist Ihnen der schauspielerische Aspekt in ihrer Arbeit?

Sehr wichtig! Ich liebe Oper, weil man hier singen und agieren kann. Ich liebe es, in eine neue Rolle zu schlüpfen!

In diesem Jahr gab es am grünen Hügel einen Dirigentenwechsel. Christian Thielemann dirigierte statt Thomas Hengelbrock. Was bedeutet es für das Ensemble, wenn ein Dirigent kurzfristig wechselt,  und gab es große musikalische Veränderungen?

Für die Produktion hat es viel bedeutet. Wir hatten diesen Sommer einen viel besseren Erfolg. Christian Thielemann hat die Fähigkeit, dem Stück mehr Dichte zu geben.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten?

Ich singe sehr gerne Richard Strauss.

Welche Rolle singen Sie am liebsten?

Eigentlich immer die Rolle, die ich gerade singe!

Sie haben auch Operette in ihrem Repertoire. Wie wichtig ist Ihnen dieses Genre?

Operette gut zu machen ist sehr schwierig. Ich habe damals bei der Rosalinde in Die Fledermaus sehr viel gelernt. Dialoge zu sprechen ist nicht immer leicht, da benutzt man die Stimme ganz anders als beim Singen.

Gibt es eine Traumrolle für Sie, die in Zukunft auf Sie zukommt? Yannick Nézet-Séguin (conductor), Willy Decker (director), Meisje Barbara Hummel (preparation), Wolfgang Gussmann (sets), Wolfgang Gussmann & Susana Mendoza (costumes), Hans Toelstede (lighting design), Klaus Bertisch (dramaturge)

Ich hoffe, dass ich noch viele Strausspartien singen werde und natürlich, dass ich eines Tages die Isolde singen kann.

Bleibt neben der regen Tätigkeit in der Oper noch Zeit für moderne Musik oder Liederabende?

Liederabende mache ich manchmal. Leider fehlt die Zeit, um sie regelmäßig zu machen. Das gleiche gilt für die moderne Musik.

Können Sie uns noch einen Ausblick in Ihre Zukunft geben? Wo und mit welchen Rollen können wir Sie hören?

In Zukunft werde ich viel Strauss singen. Kaiserin in Die Frau ohne Schatten von Strauss kommt in ein paar Jahren, sonst werde ich viele Partien wieder singen, die ich im Repertoire habe. Ich gebe auch viele Konzerte und habe auch da in Zukunft viele interessante Aufgaben.

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Interview mit Tanja Ariane Baumgartner

fotosalzb2 Sehr geehrte Frau Baumgartner, vielen Dank für dieses Interview. Zum Einstieg möchte ich Sie bitten, etwas über Ihren Werdegang zu erzählen.

Ich war zuerst Geigerin; ich habe Geige studiert, obwohl ich immer als Kind sehr gerne gesungen habe, aber das war so ganz selbstverständlich. Dann ging es darum, ein Instrument zu lernen. Da habe ich mir die Geige ausgesucht – ich glaube, auch aus dem Grund, weil die Farbe der Geige der einer Stimme am nächsten ist. Irgendwann hatte ich dann einen sehr guten Lehrer und fing an, sehr viel zu üben, da ich auch merkte: Musik muss in meinem Leben doch eine zentrale Rolle spielen. Ich habe dann Violine studiert, in Freiburg, bis zum Diplom. Ich habe im Orchester als Aushilfe gespielt, im Theater Freiburg und der Jungen Deutschen Philharmonie. Ich habe aber schon während des Studiums auch meine Stimme entdeckt, und es hat immer so ein kleines weinendes Auge zu den Sängern herübergeschaut. Ich habe dann beschlossen, danach Gesang zu studieren. So kam das.

Wie kam dann der berufliche Einstieg auf der Bühne?

Am Anfang war ich Sopran. Ich habe also ganz hoch begonnen; ich habe wirklich zur Aufnahmeprüfung die erste Arie der Königin der Nacht gesungen, und “Exsultate, Jubilate”. Man glaubt es jetzt nicht mehr. (Beide lachen.) Ich habe dann aber als Sopran hauptsächlich Konzerte gesungen, auf der Opernbühne hat man mir den lyrischen Sopran nicht geglaubt. Ich war einfach immer Mezzo, schätze ich, allerdings mit einem sehr großen Stimmumfang, der viel ermöglicht. Aber es war auch schön, die Schöpfung, Jahreszeiten, Elias und die wunderbaren Oratorien und Passionen als Sopran zu singen. Eine meiner ersten Opernpartien war an der Jungen Oper in Stuttgart, in einer Kinderoper. Danach kam der Wechsel, und mein Debüt als Mezzo war in Wien an der Kammeroper als Rosina.

Wann war das?

Das war 2002. Danach kam sofort das erste Teilzeit-Engagement in Luzern.

Luzern, genau, bis 2008. Da gibt es ja bestimmt auch viele Erinnerungen an diese Zeit?

Ja, es war eine schöne Zeit. Ich meine, in so einem Ensemble – am Anfang ist es aufregend. Aber dann lebt man ja relativ ruhig an einem kleinen Haus. Man hat zwar viel zu tun, aber man singt 25 Mal die Zauberflöte, dritte Dame und solche Partien. Einige größere Partien, aber auch viele kleine und unbekannte Partien, bei denen man sich ganz ruhig frei spielen und singen kann.

Und größere Rollen kamen dann auch schon?

Doch, doch, es kam Charlotte (Werther), es kam eine Mrs. Quickly (Falstaff) – es gab eine Giulietta in Hoffmanns Erzählungen, Baba the Turk (The Rake’s Progress), usw. Aber die größeren Fachpartien habe ich dann eigentlich in Basel gemacht, mit Penthesilea, Prinzessin Eboli (Don Carlo).

Wie erarbeiten Sie sich eine Rolle, wenn Sie neu an eine Rolle herangehen?

Ich lese erst einmal die Noten und den Text, dann gehe ich an die Hintergründe und historischen Zusammenhänge. Dann gehe ich zu meinem Pianisten. Ich gehe meistens relativ früh und lerne gerne mit meiner eigenen Aufnahme dann das Stück. Ich versuche, mir so eine Master-Aufnahme zu machen. Am liebsten eigentlich so. Denn ich finde, dann hat man auch einen freieren Kopf. Ich lerne es auch am besten mit meiner eigenen Stimme. (Lacht.)

Singen Sie lieber Neuproduktionen oder Repertoire?

Ich finde beides spannend. Ich finde, eine Neuproduktion ist immer etwas Tolles, denn natürlich hat man sehr viel Zeit für die Rolle. Auf der anderen Seite, in einer Repertoire-Vorstellung, wenn das Stück schon sehr lange läuft, kann es auch sehr spannend sein, sich da hineinzufinden. Es muss eben dann sehr schnell gehen und man muss sehr viel Interpretationsarbeit zu Hause machen. Es wird mehr von einem selber gefordert.

Man kann sich auch besser einbringen?

Es kommt darauf an, manchmal hat man in einer neuen Produktion einen Regisseur, der einem viele Freiheiten lässt, manchmal nicht. Dasselbe gilt auch für die Assistenten in einer Wiederaufnahme.

Seit der Spielzeit 2009/10 sind Sie in Frankfurt am Haus. Wie kam es zu dem Engagement?

Der Intendant der Oper Frankfurt war in einer Repertoire-Vorstellung im Luzerner Theater und hat mich als Mrs. Quickly gehört, und hat mir am nächsten Tag schon einen Vertrag angeboten. Dann kam er noch zur Penthesilea in Basel, danach war alles klar. Zwei Jahre später habe ich dann in Frankfurt begonnen.

Hatten Sie vorher schon Verbindungen nach Frankfurt?

Außer, dass ich dort einmal eine Vorstellung von Faust gesehen habe, keine.

Und vom Ensemble her fühlen Sie sich da auch sehr wohl, vom Ausprobieren her, oder von …?

Ja, sehr! Ich habe tolle Kollegen, und das Opern- und Museumsorchester ist ein fantastischer Klangkörper, was ich sehr, sehr wichtig finde, wenn man irgendwo fest ist. Dann finde ich es schön, weil wir so viel Repertoire spielen – es gibt ca. 30 oder 32 Opern und davon 14 oder 16 Neuproduktionen, ich weiß die Zahlen nicht ganz genau. Aber es ist eine gute Mischung. Und es ist doch viel drin: italienisches, deutsches, auch französisches Repertoire. – Sie kennen die Oper Frankfurt?

Ich bin öfters in Frankfurt, ich habe auch ein Abonnement für die Oper Frankfurt.

Das freut mich. Gefällt es Ihnen?

Ja. Gerade das Ensemble in Frankfurt ist eine tolle Sache. Die Grund-Qualität ist so hoch, dass es immer wieder interessant ist und Spaß macht.

Ja, das macht auch Spaß. Ich finde es schon wichtig, wenn die Kollegen toll sind. Ich hatte jetzt gerade ein Kammermusik-Konzert hier in Salzburg, mit dem Bennewitz-Quartett. Ich war so berührt, mit dem Quartett Musik machen zu dürfen. Das funktioniert natürlich auch in einem guten Ensemble genauso. Wir kennen uns und wissen, obwohl wir alle Solisten sind und natürlich oft die rein solistische Fähigkeit gefragt ist, so sind wir doch auch Teamplayer.

Und dann das sehr gute Orchester noch – das macht bestimmt auch den Sängern immer wieder Spaß, die Unterstützung von dem Orchester zu haben.

Ja die unterstützen uns sehr, sie geben uns oft ein Feedback und man merkt, dass sie jedem Sänger auch zuhören und ihn begleiten und unterstützen wollen.

Gibt es Vorlieben bei Ihnen für eine bestimmte Richtung?

Dem italienische Repertoire, dem gehört schon meine besondere Liebe. Wobei – Wagner ist auch für mich sehr, sehr spannend, und im französischen Repertoire gäbe es auch noch sehr viel zu entdecken: Gerade diese Meyerbeer-Sachen, die sehr selten gespielt werden, die sehr viel Virtuosität erfordern – also, das würde mich sehr reizen. Carmen habe ich ja jetzt gerade gesungen, das werde ich immer wieder gerne machen. Aber eben mal so was Außergewöhnliches…

Gibt es da im italienischen Fach eine Lieblingsrolle? Ich glaube, Verdi-Partien liegen Ihnen auch sehr am Herzen?

Ja, schon Prinzessin Eboli (Don Carlo), Amneris (Aida) auch, die zwei, ja. Eboli vielleicht sogar noch mehr.

In Frankfurt und in Basel, Sie haben es schon erwähnt, haben Sie die Titelrolle in Othmar Schoecks Penthesilea gesungen, in der Inszenierung von Hans Neuenfels – ein großer Erfolg. Wie ist es denn, auf der Bühne alleine das Ganze zu gestalten, da einzutauchen, quasi?

In diesen Wahnsinn? (Beide lachen.) Am Anfang, die erste Produktion, also in Basel diese Rolle zu erarbeiten, das war unglaublich, wirklich sehr viel Arbeit, und es ging an physische und psychische Grenzen. Denn das ist schon eine Rolle, die einen einfach sehr mitnimmt. Sowohl sängerisch, sie liegt extrem unsanglich in vielen Teilen, als auch physisch, denn natürlich, jede Sekunde muss da gefüllt und konzentriert sein, und psychisch. Diese Spannung, und dieser Wahnsinn, in den die Figur sich begibt, das ist nicht ganz leicht auszuhalten. Denn man hat ja auch keine Pause – ich glaube, ich gehe einmal ab, für fünf Minuten. Oder vielleicht sind es sieben oder so, aber das war es dann eigentlich. Und davor geht es Schlag auf Schlag.

Wie war die Zusammenarbeit mit Hans Neuenfels?

Spannend. Also, ich muss sagen, Neuenfels war einer, der hat bei mir Türen geöffnet, die noch kein anderer vorher so geöffnet hat. Ein künstlerischer Durchbruch.

In Salzburg haben Sie 2010 als Gräfin Geschwitz in Alban Bergs Oper Lulu debütiert. Wie ist die Atmosphäre in Salzburg, wie ist es, in der Festspielzeit hier zu arbeiten?

Aufregend! Es ist toll. Ich finde es wirklich schön. Am Anfang, bevor die Festspiele begonnen haben, ist es sehr, sehr familiär.

Wenn noch keiner da ist …

Genau. Es sind dann doch aber alle Künstler da. Sie haben ein schönes Künstlerfest gemacht, kurz vor der Eröffnung, wo dann alle zusammen noch mal gegessen und gefeiert haben. Das ist schon so richtig Familien-Treffen. Ich würde es ein bisschen vergleichen – also, ohne die Kompetition, aber es ist eine Art Olympiade, vom Treffen her. (Nicht, dass jetzt hier Sport oder Wettkämpfe ausgetragen werden, um Gottes Willen.) Aufregend. Toll. Ja, ich bin sehr gerne hier. Das ganze Festspielhaus atmet die Vergangenheit, und hier haben die größten Sänger gesungen und die größten Dirigenten und Orchester dirigiert respektive gespielt. Ich freue mich unglaublich, dass ich dabei sein darf.

fotosalzbrg Die Atmosphäre; die ganze Vergangenheit, die hier in dem Bau steckt.

Genau.

Jetzt in der Festspielzeit singen Sie in Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann die Charlotte – würden Sie uns einen Einblick in das Stück geben, und wie Ihre Rolle da angelegt ist?

Ich bin die Schwester der Soldaten-Marie. Marie hat einen Freund, fängt dann mit einem anderen etwas an, dann kommt der Nächste, immer auf der Suche nach dem Glück und besseren Lebensumständen, bis sie als Soldatenhure endet… ich bin die mahnende Schwester, ich bin auch manchmal ein bisschen neidisch, weil Marie natürlich auch sehr viel Erfolg bei den Männern hat und das Ganze am Anfang etwas leichter nimmt, was ich nicht schaffe.

Wie ist da die Zusammenarbeit, mit dem Regisseur Alvis Hermanis, dem Dirigenten Ingo Metzmacher, den Kollegen, so kleine Eindrücke?

Es ist ein fantastisches und auch nettes Cast, die Kollegen sind so toll und gut. Dieses Stück gilt, glaube ich, als das schwerste Stück der Moderne. Ich dachte, Reimanns Medea sei schwer, aber das toppt es noch. Und das gilt für alle Partien. Der Dirigent hat immer wieder Geduld mit uns, und wir machen wieder Proben, und der Regisseur ist toll. Er gibt sehr viel darstellerische Freiheit und greift nur ein, wenn er denkt, dass man in eine falsche Richtung läuft.

Würden Sie uns einen Ausblick in Ihre nächste Spielzeit geben, bzw. was in Zukunft noch kommt?

Jetzt kommt die Wiederaufnahme von Adriana Lecouvreur in Frankfurt, ein Verdi-Requiem in Straßburg, ein erster Akt Tristan in Glasgow/Edinburgh mit Donald Runnicles, Nina Stemme und Scottish BBC. Meine erste Santuzza in Düsseldorf, Cornelia in Giulio Cesare in Frankfurt, meine ersten Frickas in Frankfurt, die erste Ortrud in Frankfurt, Eboli wieder, dann gibt es einen Opernabend an der Staatsoper in Berlin mit Purcells Fairy Queen Kompositionen von Öhring. 2014 meine erste Brangäne an der Deutschen Oper. Das sind so die Highlights. Eine CD mit Pfitzner-Liedern nehme ich im Dezember auf.

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview!

Danke!

(Das Interview wurde geführt am 29. Juli 2012 in Salzburg, Fotos von Luigi Caputo.)

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Interview mit Liviu Petcu

Liviu Petcu Sehr geehrter Herr Petcu, herzlichen Dank, dass Sie sich bereiterklärt haben zu einem Interview. Würden Sie uns zu Beginn des Gesprächs etwas zu Ihrem Werdegang erzählen?

Vielen Dank auch für das Interview. – Ich bin in Rumänien geboren und kam knapp sechzehnjährig nach Deutschland. Ich habe zunächst ein paar Monate in Berlin gelebt. Dann kam ich nach Bad Königshofen im Grabfeld. Das ist ein ganz kleines unterfränkisches Städtchen, das aber den Vorzug hatte, gleich drei Schulen zu haben, davon eine Berufsfachschule für Musik, die für mich quasi ausschlaggebend war, mit Musik weiterzumachen. In Rumänien hatte ich das nämlich von Kindheit an gemacht, mit sieben Jahren angefangen, in der ersten Klasse. In Bad Königshofen hat sich ergeben, dass ich eine vorbereitende Ausbildung gemacht habe, drei Jahre lang, woraufhin ich dann zum Studieren nach Saarbrücken ging. In Saarbrücken habe ich zuerst Klavierlehrer studiert, dann Konzertreife Klavier, anschließend noch Dirigieren. Nach dem Studium bin ich nach Münster gekommen, zu den Städtischen Bühnen, wo ich Repetitor mit Dirigierverpflichtung wurde, bis 2007. Seit 2007 bin ich hier in München am Gärtnerplatztheater. Und jetzt sitze ich auf dieser Couch (im Gärtnerplatztheater). (Lacht.)

Welche Musik haben Sie als Kind gehört?

Als Kind habe ich – hm, jetzt muss ich mal kurz überlegen: Natürlich die Klavierliteratur, die ich ja üben musste, teilweise, während meine Freunde draußen Fußball oder Tischtennis spielten und ich manchmal wehmütig aus dem Fenster schaute, während ich meine Mozart-Sonatinen und so weiter geübt habe. Also: Mozart, Klassik im allgemeinen, Beethoven. Dann kam irgendwann Queen dazu. Mein Vater hat eine Platte auf dem Schwarzmarkt erwerben können, und die habe ich dann ziemlich oft gehört. Das war irgendwann Mitte der Achtziger, da war ich noch ein Kind.

Welche Platte von Queen war das?

Greatest Hits. Ja, ansonsten, so in der Zeit eben: Michael Jackson, und auch die gute, alte Popmusik, die es heutzutage leider nicht mehr gibt, und zwar überhaupt nicht mehr gibt. Kindheit. Später kam – obwohl, zählt 15, 16 noch zur Kindheit? Ja. Dann kam nämlich Brahms in mein Leben. Seine Symphonien, Konzerte, Lieder und überhaupt. Ich hatte eine Phase, in der ich extremer Brahms-Süchtling war, kann man sagen. Fanatiker.

Und heute?

Heute, möchte ich sagen, höre ich jede Art gute Musik. Das ist natürlich ein sehr, sehr weiter Begriff, ein sehr weites Feld. Zugegeben, wenn ich privat bin, dann höre ich meistens Jazz zuhause. Funk höre ich auch ganz gerne. Ziemlich selten Klassik, das kommt irgendwie durch den Beruf – dadurch, dass wir ständig diese Musik machen, braucht man so eine Art Abwechslung oder Erholung von dem, was natürlich immer konzentriert erfolgt. Ja. Das ist dann die Entspannungsphase.

Sie haben gerade gesagt, Sie haben Klavier bis zur Konzertreife studiert. Spielen Sie noch andere Instrumente?

Nein, gottseidank (lacht).

Haben Sie musikalische Vorbilder?

Ja, da gibt es doch gewiss einige. Früher habe ich sehr für Krystian Zimerman geschwärmt, den polnischen Pianisten, der den Chopin-Wettbewerb 1975 gewonnen hat. Natürlich Vladimir Horowitz, Arthur Rubinstein – großartige Künstler. Dinu Lipatti, ein Landsmann von mir. Aber eben auch Leonard Bernstein, ganz, ganz weit oben. Ansonsten Dirigenten: Carlos Kleiber war ein ganz großartiger Dirigent, den ich sehr schätze. Unter den Lebenden, gottlob: Mariss Jansons schätze ich auch sehr. Dann von den Jazzern: Bill Evans. Das ist ein unglaublich toller Pianist gewesen. Wen kann man da noch nennen? György Sebök. Das ist ein Klavierlehrer in Bloomington gewesen, in den USA, Indiana University. Bei dem hatte ich das Glück, zwei Kurse zu machen, und er hat mich sowohl künstlerisch als auch, denke ich, menschlich sehr stark geprägt.

Braucht ein Dirigent Kondition, und wenn ja, was tun Sie dafür?

Die zweite Frage ist ganz schnell beantwortet: Ich tue (leider) nichts dafür. Und die erste Frage: Ja, ein Dirigent braucht natürlich Kondition, und ich merke das immer wieder nach einem aufreibenden, zehrenden Abend. Wie neulich La Cage aux Folles, eine Vorstellung, die ich vorgestern zum ersten Mal dirigiert habe. Da war ich nach diesen drei Stunden schweißgebadet und ich schätze mal zweieinhalb Kilo leichter. Ich fahre ziemlich viel Rad in letzter Zeit, gerade wenn es nicht mehr ganz so kalt ist. Ansonsten laufe ich sträflich vor dem Sport davon…

(Lacht.) Das ist doch auch eine Art von Sport. – Haben Sie das absolute Gehör?

Nein.

Beeinträchtigt Sie das?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe eine Art gebundenes absolutes Gehör. Das heißt, wenn ich Klaviermusik höre, Klavierklänge, dann weiß ich meistens ziemlich genau, welche Töne das sind, welche Akkorde. Ich habe ein relativ gutes Gehör im Allgemeinen, aber, wie gesagt, nicht das absolute Gehör. Was manchmal auch störend sein kann, so habe ich zumindest von Kollegen oder Freunden, die es haben, gelernt.

Wie bereiten Sie sich auf ein neues Dirigat vor?

Ich besorge mir natürlich die Partitur. Je nachdem, was das für ein Stück ist, also in letzter Zeit natürlich meistens am Theater eine Produktion, an der ich idealerweise auch selbst beteiligt war (Einstudierung, Solo- und Bühnenproben), so dass ich die musikalischen Vorgänge vorher schon kenne. Dann gilt es eben, sich die Stimmen einzurichten, die ganzen Einsätze, die Struktur der Partitur zu erkennen und sich zu notieren, welchem Instrument man jetzt den Einsatz gibt, oder geht das jetzt in Vierteln oder in Halben und so weiter. Dann besorge ich mir auch meistens eine DVD von der Produktion, die es zu dirigieren gilt, um eben auch die Darsteller auf der Bühne zu sehen. Da schreibe ich manchmal hin: XY links vorne, oder: Chor hinten, und dergleichen. Ansonsten – um noch einmal auf La Cage aux Folles zurückzukommen: Da bin ich vor ein paar Tagen auf der Terrasse unserer Kantine gesessen, viereinhalb Stunden lang, und habe die ganzen Stichwörter eingetragen. (Dabei habe ich meine Stirn ein wenig in der Sonne verbrannt…)

Sie haben in den letzten Jahren sich hier immer sehr für das jtg engagiert, für das Junge Theater am Gärtnerplatz. Sie haben auch die letzte große Produktion von Anfang an begleitet, haben sie auch dirigiert. Erzählen Sie uns mal ein bisschen was von Heimatlos. Es ist ja jetzt schon wieder vorbei, es waren nur vier Vorstellungen, leider, denn es war wirklich ein ganz tolles Erlebnis.

Heimatlos ist, wie eigentlich jedes Projekt mit dem jtg, ein sehr kurzes Projekt gewesen, zumindest was die Anzahl der Vorstellungen betrifft. Wenn ich daran denke, dass für unser erstes großes Stück, Footloose, vor ziemlich genau drei Jahren, nur drei Vorstellungen angesetzt waren, worauf wir dann eine vierte (Zusatz-)Vorstellung bekommen haben, aufgrund der wirklich sehr großen Nachfrage, und wenn ich bedenke, dass wir immer mindestens 3-4 Monate am Arbeiten sind mit der Jugend, dann ist das fast schon, ja, wie kann man das sagen – kriminell wäre schon zu extrem formuliert – aber das steht in keinem so guten Verhältnis. Aber was ich von der Jugend gelernt habe in dieser Zeit, also seit viereinhalb Jahren, seit ich der musikalische Leiter bin, ist, dass man Energie gibt, sie aber vermehrt zurückbekommt von den Jugendlichen, und dass diese teilweise extrem anstrengende Arbeit sich tausendfach lohnt. Die Proben für Heimatlos fingen irgendwann im November, Anfang Dezember an. Zu Jahresbeginn habe ich angefangen, mit der Band zu proben, mit den Jugendlichen vom Pestalozzi-Gymnasium, und ich habe gezählt: Es waren genau zehn Wochen von der ersten Probe mit ihnen bis zur Premiere. Da war es zum Beispiel so, dass in der ersten Probe alles wie Kraut und Rüben klang, und die teilweise eben nicht so genau wussten, was z. B. „in zwei“ oder „in vier“ heißt, also unsere dirigentischen Basics. So kann man nur staunen, was am Ende dabei herausgekommen ist. Sogar bis zu der Tatsache, dass die Musiker unten im Graben jeden Text mitsprechen konnten, der auf der Bühne lief. Dann waren sie immer ganz Ohr, wenn plötzlich ein Extra-Lacher im Publikum war, wo sie es nicht vermutet hatten, und solche Geschichten. Besonders schön war natürlich auch die Zusammenführung jtg – stg (das Seniorentheater am Gärtnerplatz) und die acht Solisten, die wir aus dem Ensemble auf der Bühne hatten, und zu erleben, wie das so harmonisch und organisch ineinander übergeht, und dass man irgendwann tatsächlich – gut, vielleicht bin ich jetzt ein wenig voreingenommen – , aber dass man tatsächlich oft nicht unterscheiden konnte: Wer ist jetzt Profi, wer ist kein Profi – und das zeigt mir erstens, wie wichtig und wie fruchtbar diese Arbeit gerade von Holger Seitz war, dem Gruppenleiter,  und wie sich die Profis quasi von dieser Energie, die ich anfangs erwähnt habe, von dieser Energie, von dieser Verve, diesem Engagement und diesen glühenden großen Augen der Jugend haben anstecken lassen.

Wie kam es zu dieser Entscheidung, die Band mit Schülern des Pestalozzi-Gymnasiums und Mitgliedern der Münchener Musikschule zu besetzen?

Mit der Musikschule hatten wir bis jetzt schon zwei Projekte gehabt. Footloose war das erste. Daraus entstand eben der Gedanke: Lasst uns doch noch ein Stück mit denen spielen, Honk, das war das zweite. Jetzt für das dritte Stück haben wir hin und her überlegt: Ja, es soll eben diese Zusammenführung stattfinden: jtg und Profis. Die Profis haben am Ende nur auf der Bühne agiert und nicht im Graben. Eine Entscheidung, die ich auch besser fand, denn die Besetzung der Band wäre nicht so richtig kompatibel gewesen mit dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Wir haben beispielsweise nur eine Reed-Stimme dringehabt, also eine Bläserstimme, die zwischen sechs Instrumenten wechselt. Darunter auch ein Saxophon, und das wäre sowieso ein Gast gewesen; ferner nur eine Violine, die zu Akkordeon bzw. Bratsche in drei-vier Nummern wechselt. Kurzum: verschiedene technisch-organisatorische Argumente. Und dann habe ich mir gedacht: Warum nicht Pestalozzi? Denn es war auch früher, noch vor meiner Zeit hier am Gärtnerplatz, so, dass man sehr gut mit diesem Gymnasium zusammengearbeitet hat. Darüber hinaus hatte ich in meiner früheren Band, also von Footloose und Honk, auch zwei, drei Leute vom Pestalozzi-Gymnasium, die ich sehr geschätzt habe. Und dann dachte ich mir: Gut, dann machen wir jetzt ein pädagogisches Projekt auch in der Band daraus. Also quasi, dass junge Menschen die Möglichkeit bekommen, etwas von Anfang an mitzulernen und bis zur Aufführung zu bringen. Das, was im jtg eigentlich blüht; eine Chance, wie die sie bekommen: Hätte ich die in meiner Kindheit gehabt, dann wäre ich mit Sicherheit noch früher zum Theater gekommen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Musiker ausgewählt?

Nach gar keinen. Ich habe sie strenggenommen zugeteilt bekommen. Ich hatte eine Kontaktperson am Pestalozzi-Gymnasium, Sebastian Reutter. Er hat quasi für mich das übernommen, er hat mit den ganzen Instrumentallehrern gesprochen – er kennt ja sein Kollegium – und die sagten: „Ja, der käme dafür in Frage, die wäre ganz gut, und der wäre noch nicht ganz so weit, deswegen nehmen wir den“, und so weiter. Dann habe ich eine Liste bekommen mit Jugendlichen, die zwischen 15 und 17 waren, einer ist 18, glaube ich. So um den Dreh. Ziemlich junge Menschen, natürlich, verglichen mit dem jtg – naja, obwohl mittlerweile das jtg sich auch verjüngt hat in letzter Zeit. Gerade bei diesem Projekt haben wir etliche 16- und 17-jährige drin. Insofern hat es auch wieder gepasst.

Wie war die Arbeit mit den Jugendlichen, im Unterschied zu Profimusikern?

In der Band? Es war zeitweise eine sehr anstrengende Angelegenheit. Weil Jugendliche doch gleichermassen ziemlich unruhig und lethargisch sein können. Wir haben ja immer samstags geprobt, und das ist ihr Wochenende. Es sind so viele Eindrücke, die auf sie einprasseln: „Ach, das habe ich dir noch nicht erzählt“ , “wie war denn deine Franz-Schulaufgabe?” etc. – und dann sitzen sie nebeneinander … Die Disziplin, großes Stichwort. Dazu kam, dass sie, wie gesagt, noch nicht so genau wussten: wie spielt man eigentlich diesen Ton? Oder: was meinst du: „in vier“? Einerseits. Andererseits haben die sich unglaublich gesteigert, in jeglicher Hinsicht. Und, man muss sagen, jetzt im Vergleich zu den Profis, dass die Jugendlichen einen unheimlichen Lerneifer haben, und eine Wissbegier und eine Neugier im allgemeinen, die ich den Kollegen aus meinem Orchester hier am Gärtnerplatz um Gottes Willen nicht absprechen will, aber wie das halt so ist: Profis sind Profis, die wissen ganz genau, was sie tun. Es geht um Nuancen bei einer Einstudierung. Sie schauen nach vorne zum Dirigenten, Taktstock, Dirigier-Figuren, Tempo, Ausdruck. Bei den Proben sagt er eben, wie er es haben will, und das wird dann auch gemacht. Mit den Jugendlichen war es dann doch ziemlich anders; eine Mischung aus Pädagogik, Entertainment, Zehnkampf und Fun. Ich hatte wahnsinnigen Spaß mit ihnen, weil ich auch oft genug fünf habe gerade sein lassen. Dadurch, dass ich selber Klavier gespielt habe und durch die ganze Proberei selber nicht so richtig zum Üben meiner Partie gekommen bin, wie ich es ansonsten gemacht hätte. Auch durch diesen Mix: dirigieren und selber spielen, da habe ich mir auch gedacht: Das wird so schon gehen; ich muss die jetzt nicht unnötig überstrapazieren und quälen.

Hat das Musical Heimatlos musikalische Besonderheiten?

Dieses Musical ist – ich sag mal so: ein Sammelsurium von Einfällen und Klischees, und zwar nicht im negativen Sinne Klischees, sondern musikalischen Typologien, und dieser Mix veredelt einerseits das Stück und macht es andererseits angreifbar. Sprich: „Mensch, das klingt ja wie das.“ Oder: „Das hat er bei dem-und-dem geklaut“ oder ähnlich. Es gibt wiederum ja auch Stücke, die klingen wie Mozart. Oder wie Haydn. Mozart klingt manchmal wie Haydn. Das ist das, was man Stilistik nennen würde. Nehmen wir das Beispiel „Und jetzt“. Das ist eine der Nummern, wo die Driscolls, Harry und Maggie Driscoll, singen und ihre Machenschaften durchziehen. Es ist eine Swingnummer, die natürlich an Leonard Bernsteins West Side Story angelehnt ist. Das hört jeder Esel, um Johannes Brahms zu zitieren, der das gesagt hat, nachdem man das Thema in seiner ersten Symphonie im letzten Satz moniert hat: „Mensch, das klingt ja wie Beethovens Ode an die Freude.“ Worauf Brahms: „Jawohl, und noch merkwürdiger ist, dass das jeder Esel gleich hört“. Mit anderen Worten: wenn man das bewusst macht und bewusst anlehnt, aber dann doch das gewisse Quentchen Andersartigkeit reinbringt, dann finde ich das einfach gut. Und nicht wie es in der einen oder anderen Kritik rüberkam: „epigonenhaft“ und so weiter. Ich finde das irrelevant. Oder es gibt zum Beispiel in „Harrys Traum“, wo er auf der Bühne auf seinem Fahrrad erscheint und nicht nur von seiner Krämerhalle träumt, sondern von ganz verrückten Dingen und natürlich auch ein bisschen nackte Haut gezeigt wird auf der Bühne, und viel Bein, da gibt es eine hinreißend getanzte Samba. Eben dieses Samba-Stück, das muss man auch erst mal schreiben in einem Musical; das passiert nicht immer! Es ist ein sehr schöner Mix, wie ich finde, aus schönen Balladen, aus ganz zärtlichen Nummern, wo Vater Vitalis auftritt, mit seinen drei Tieren und seinem Findelkind Remi, das er freikauft: Das ist eine ganz lyrische Musik. Auch alles sehr transparent instrumentiert, sowohl in den schnellen Show-Nummern als auch eben in den leisen Passagen. Dann gibt es natürlich auch – was mich in der Arbeit manchmal zur Weißglut gebracht hat – ziemlich schwere, komplizierte Nummern, meistens genau dann, wenn auf der Bühne viel Aufregung ist. Als eben Remi verkauft werden soll auf dem Jahrmarkt. Oder wenn es zu der Schlägerei kommt zwischen dem Polizisten und Vater Vitalis. Da wechseln die Taktarten ständig, und das muss man eben koordinieren können von unten, vom Dirigenten- bzw. Pianistenpult. Das war nicht immer einfach, denn man muss ja immer auf das Bühnengeschehen reagieren. Dafür gibt es die sogenannten Vamps, wo man einfach abwarten muss, bis das Stichwort kommt bzw. bis die Position erreicht wird, und dann muss es weitergehen, und dieses Weitergehen läuft nicht immer so reibungslos ab. Aber das haben wir am Ende doch gut hingekriegt.

Der Komponist war in der Premiere anwesend – hatten Sie Kontakt zu ihm?

Ja, ich habe mich durch die gefühlt 230 Leute durchschlängeln können, die in der Kantine waren, und er war voller Lob für die Produktion im Ganzen und im Besonderen eben für die Band. Ich musste ihm versprechen, dieses Lob weiterzugeben. Was ich natürlich mit größtem Vergnügen getan habe, wo meine Band dann eben auch mit Riesen-Augen mich angeschaut hat, mit offenem Mund: „Wirklich?“ – Ja, wirklich. Er fand es großartig und erzählte auch von der Premiere bzw. von der Uraufführung in Oslo – er sagte, es sei ein Theaterorchester gewesen, ich weiß es nicht, wird schon so stimmen – wo ihn der Kontrabassist damals angesprochen hat: „Wie kann man sowas schreiben? Das kann man ja gar nicht spielen!“ Genauso die Posaunenstimme, die ist teilweise fast schon überambitioniert gewesen – die Stimme, meine ich – und der Kollege Willert, der das bei uns gemacht hat, aus dem Orchester, der hat auch die ganze Zeit gesagt: „Das Ding hat es in sich.“ Er hat hier und da Dinge verändert, damit die Geste stimmt. Der Komponist war wie gesagt sehr, sehr angetan und sehr glücklich, genauso sein Partner Wiik, der Librettist des Stückes.

Das war ein sehr schöner Erfolg zum Ende der fünfjährigen Ära des jtg. Wissen Sie schon, wie es weitergeht mit der Jugendarbeit hier am Gärtnerplatztheater?

Ehrlich gesagt, nein. Das weiß ich noch nicht. Es heißt, dass es Jugendarbeit geben wird; ich weiß allerdings nicht genau, in welcher Form. Ich denke, das wird sich spätestens im Herbst zeigen, wenn das neue Team seine Arbeit aufnimmt.

Was ist das Beste an Ihrem Beruf, und was ist das Nervigste?

Das Beste an meinem Beruf ist, dass man etwas erlebt, und zwar tagtäglich erlebt oder erleben kann, sagen wir mal so … (das ist ja in den Proben nicht immer Höchstform. Manchmal wird auch markiert, manchmal wird auch nur improvisiert ) – aber dass man Kunst bekommt von den Kollegen oder teilweise auch selbst mit verantwortet, die man ansonsten nur als Publikum oder Zuschauer erleben würde. Vor zwei Jahren, glaube ich, habe ich eine Probe gehabt, Zauberflöte, und eine liebe Kollegin hat „Ach, ich fühl’s“ gesungen, Paminas Arie, und sie hat das so gemacht, als wäre sie auf der Bühne gewesen, obwohl das nur ein Klavier war, total verstimmt, muss man dazu noch sagen. Ich habe sie am Klavier begleitet, und hinterher war ich gerührt und glücklich. Ich war einfach so sprachlos, dass das gerade passiert war. Und sie auch. Wir haben uns alle nur angestrahlt. Wir waren nur zu dritt: die Regisseurin, diese Sängerin und ich. Ja. So etwas passiert in meinem Beruf, wenn sich das ergibt. Und das tut es ziemlich oft. – Nervig ist, wenn ich im Supermarkt an der Kasse bin und man sagt zu mir: „Schönes Wochenende!“ … denn ich habe kein Wochenende. (Lacht.) Ja. Nein, das ist eigentlich nicht nervig. Manchmal ergibt sich ein ziemlich hartes Pensum an Arbeit. Ich habe zum Beispiel jetzt – der letzte Sonntag war mein erster freier Sonntag seit neun Wochen, glaube ich, und seit Januar hatte ich vielleicht zwei, drei freie Tage, und das sind immerhin jetzt drei Monate gewesen. Sowas kann eben auch passieren.

Haben Sie noch ein Wunsch-Stück, das Sie irgendwann unbedingt dirigieren möchten?

Naja, da wären schon eine ganze Menge, so gesehen. Ich würde am liebsten alle Mozart-Opern mal dirigieren. Brahms, mit dem ich großgeworden bin (lacht). Seit 2002 bin ich ja auch Wagnerianer, auch wenn man das nicht so mitkriegt. Natürlich, wie denn auch. Hier am Gärtnerplatztheater geht das ja kaum. So ein Tristan, das wäre doch großartig. Aber eben auch das, was jetzt ansteht: Cabaret werde ich auch übernehmen in der nächsten Spielzeit, da freue ich mich auch unheimlich darauf. La Cage Aux Folles hatte ich jetzt vor ein paar Tagen das Vergnügen. Die Zauberflöte kommt am 8. April, meine erste, und da freue ich mich auch irrsinnig darauf.

Das wäre eigentlich schon meine letzte Frage gewesen: der Ausblick auf die Zukunft. Kommt nächste Spielzeit noch etwas?

Die nächste Spielzeit wird zumindest von der Vielfalt der Arbeit, was das Dirigieren zumindest angeht, etwas entspannter. Ich werde in zwei Stücken dabei sein, und zwar in Dschungelbuch und Cabaret. Das werden die Stücke sein, die ich nachdirigieren werde. Ich freue mich auch sehr darauf, ich freue mich im allgemeinen auf diese Umbauzeit. Naja, man kann schon mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man daran denkt, was alles passiert. Aber genau dieses Ungewisse und dieses Chaos, das erwarte ich mit großer Vorfreude, denn – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hobbyphilosophisch, aber Chaos ist ja durchaus etwas Künstlerisches. Also, aus Chaos entsteht oft Ordnung, oder wenn man das Chaos irgendwie bändigt, dann wird etwas Kreatives oder etwas Schönes daraus. Das ist das eine, was uns/mir hier am Gärtnerplatz blüht. Ansonsten erhole ich mich immer wieder mit Liederabenden oder Chanson-Abenden. Chanson, Jazz, all das mache ich in letzter Zeit verstärkt, und verstärkt gerne, und das werde ich auf jeden Fall auch weiter verfolgen.

Dann wünsche ich alles Gute für die Zukunft und sage herzlichen Dank für das Interview!

Danke ebenfalls!

(Dieses Interview wurde geführt am 30.03.2012 in München.)

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