Nach Boccaccio in 2009 und Viva la Mamma! in 2011 war das die dritte konzertante Aufführung eines Gärtnerplatz-Stückes, das ich in der Philharmonie Köln erlebt habe. Wieder gelang es allen Beteiligten, die Atmosphäre des Stückes einzufangen und auch bei einer konzertanten Aufführung das Schauspielerische nicht zu kurz kommen zu lassen.
Dazu genügten die Kostüme und ein Möbelstück. Und ein Ensemble, das mit Lust dabei war. Ich gestehe, mir hat Der Bettelstudent anfangs nicht gefallen, ich fand die Melodien irgendwie doof und bis auf den Schulterkuss kannte ich nichts. Das hat sich nach dem zweiten Mal sehen und hören aber schon geändert und nun haben sich die Melodien in meinem Kopf festgesetzt und spuken da von Zeit zu Zeit rum. Musikalisch war es sehr schön und durch den weitgehenden Wegfall des Szenischen (lediglich die Auftritte und Abgänge und, soweit es die Platzverhältnisse zuließen, choreographische Elemente wurden gespielt) konnte ich mich ganz auf den Text konzentrieren und habe diesmal wirklich alles bis ins kleinste verstanden
Elvira Hasanagic ist wirklich eine ganz fantastische Laura. Ihr glockenheller Sopran überstrahlte bereits im Prinzregententheater mit Leichtigkeit auch große Ensembles, hoffentlich gibt es ein Wiedersehen mit der talentierten jungen Sängerin. Zusammen mit ihrem Bühnenpartner Daniel Prohaska, der wieder dem Symon Symonowicz sehr schön Stimme und Gestalt verlieh, sang sie das Liebesduett Ich setz den Fall ausgesprochend berührend. Auch das zweite Paar, Simona Eisinger als Bronislava und Mathias Hausmann als Jan Janicki, glänzten in ihrem Duett besonders, beide sind wirklich hervorragende Sänger und Darsteller. Besonders gut gefallen hat mir übrigens die Kombination von Tenor mit Bariton; die eigentlich vorgeschriebene Tenor/Tenor-Variante kann ich mir insbesondere in den Duetten von Symon und Jan gar nicht richtig vorstellen. Köstlich auch wieder die vier sächsischen Offiziere, angeführt von Holger Ohlmann. Der Ollendorf bekam für die extra für Köln gedichtete Strophe des Couplets rauschenden Applaus. Torsten Frisch sächselte den Enterich akustisch sehr verständlich und machte die Rolle damit zu einem kleinen Höhepunkt. Susanne Heyng bei ihrem wirklich letzten Auftritt für das Gärtnerplatztheater vor dem Ruhestand, Franz Wyzner, Frances Lucey und Martin Hausmann komplettierten das bestens aufgelegte Ensemble.
Der Chor zeigte, dass er auch singen kann, wenn er nicht spielt, und Florian Wolf, Stefan Thomas und Marcus Wandl erfüllten ihre kleinen Soli mit Leben.
Ein sehr schöner Abend, der nicht nur mir Spaß gemacht hat. Schade, dass die Vorstellung gleichzeitig die Dernière war.
“Schaust du es dir noch mal an?”, fragte mich verständnislos ein Theatermitarbeiter. Ausgerechnet. Wahrscheinlich trübt es den Genuss ein wenig, wenn man dort arbeitet, wo andere ihre Freizeit verbringen. Der Tonfall erinnerte mich sehr an meine Oma: “Aber Kind, das hast du doch schon mal gesehen!” Eh, ja. Ich habe diese Produktion jetzt schon mehr als einmal gesehen, obwohl der Bettelstudent gar nicht meine Lieblingsoperette ist – aber ein sehr solide gearbeiteter Vertreter des Operetten-Genres mit schönen Melodien. Wieso geht ein Mensch, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist und auch sonst durchaus etwas anderes zu tun hätte, mehrmals die Woche ins Musikheater? Was für Gründe gibt es, eine Inszenierung mehrmals anzuschauen? Keiner meiner wenigen besten Freunde würde auch nur im Traum auf die Idee kommen, so eine, mit Verlaub, unreflektierte Frage zu stellen. Der Reiz, ein- und dieselbe Produktion öfters zu sehen, erschließt sich entweder sofort oder gar nicht. Ich finde es faszinierend, den komplizierten Mechanismus zu beobachten, der einer Musiktheater-Vorstellung zugrunde liegt. Alle stehen pünktlich Gewehr bei Fuß, egal, ob es stürmt oder schneit oder irgendwelche privaten Themen anliegen. Die Sänger bringen jeden Abend aufs Neue eine oft sehr umfangreiche Partie auf die Planken; das ist gerade bei Opernsängern eine immense Leistung, weil man das darstellerische Element und die Choreografie neben allem anderen auch berücksichtigen muss. Es ist interessant, zu sehen, wie sie das an jedem Abend nahezu identisch abrufen, und es ist natürlich noch viel spannender, wenn das mal nicht klappt. Fast alle geben ihr Bestes, jeden Abend aufs Neue auf der Suche nach Perfektion. Irgendeiner ist immer dabei, der das nicht tut; das ist ein Naturgesetz. An guten Abenden hat man Glück, und dieser Jemand ist für die Vorstellung nicht besonders relevant.
Ein paar Tage Pause sind oft eine gute Idee: Das Theater war fast ausverkauft, mit gutgelauntem Publikum, die Darsteller waren mit Verve dabei, man konnte die Spielfreude wirklich sehen. Der Enterich war prächtig in Form. Oberst Ollendorf zeigte seine Entertainer-Qualitäten; das Publikum fand besonders seine Couplets ganz toll – dabei kann ich Couplets generell nicht ausstehen. Sie sind aber, das stimmt, eine Remineszenz an die Ursprünge der Operette. Die beiden romantischen Pärchen gefielen mir ganz ausgezeichnet. Ebenso das Offiziersballett, bestehend aus Holger Ohlmann, Till Kleine-Möller, Victor Petersen, Dustin Smailes, das dafür sorgt, dass es auf der Bühne keine Sekunde langweilig wird, es gibt nämlich immer etwas zu sehen. Diese ausgefeilte Choreografie ist superwitzig und so detailliert, dass ich davon ausgehe, dass die Darsteller sich teilweise selbst inszeniert haben. (Ein guter Regisseur zeichnet sich auch dadurch aus, dass er gute Leute an der langen Leine führt.) Die Chorsolisten des Gärtnerplatztheaters sind alle gut, auch wenn sie nicht singen, sondern nur spielen: hier waren es Thomas Hohenberger, Stefan Thomas und Florian Wolf.
Schwungvoll, spritzig, gut gesungen, und endlich mal wieder eine Operette: Der Bettelstudent, diese älteste und berühmteste Polen-Operette spielt zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Polen war zu der Zeit unter sächsischer Fremdherrschaft. Torsten Frisch als bestechlicher Gefängniswärter Enterich sächselt deshalb munter vor sich hin. Bei ihm klingt das sogar ausgesprochen nett (das muss man vielleicht selbst gehört haben, um es zu glauben). Die Regisseurin Emmy Werner hat die Inszenierung auf dem Zeitpfeil um 180 Jahre weiter geschoben und so in die Entstehungszeit des Stückes verlegt. Es gibt also keine Barock-Kostüme zu sehen, aber dafür farbenfrohe polnische Trachten und ein wunderschönes Hochzeitskleid. Die Rollen sind durchgehend sehr ansehnlich besetzt: Die gutaussehenden Herren müssen aufpassen, dass sie nicht übereinanderfallen, und in diesen Uniformen sehen sie alle noch schneidiger aus. Die Damen sind allesamt hinreißend. In schwierigen Zeiten dreht sich auch in hochwohlgeborenen Kreisen alles ums Geld: Die Gräfin Palmatica Nowalska gehört zum verarmten polnischen Adel. Noch schlimmer: Sie hat zwei Töchter, die an den Mann und unter die Haube gebracht werden müssen. Die drei Grazien gehen deshalb flanieren, sie wollen sehen und gesehen werden. Hoffentlich findet sich bald ein Mann, der die Familienfinanzen soweit saniert, dass die bezaubernde Komtesse Bronislawa mal wieder etwas anderes essen kann als Erdäpfel.
Der geeignete Bewerber muss aber adelig sein, darauf besteht die Frau Mama. Adel verpflichtet, man kann ja nicht einfach seine Prinzipien aufgeben, nur weil man sich bald nicht mal mehr die Kartoffeln leisten kann. Wer ist adelig und wer nicht? Das ist in der Operette ein großes Thema, und in diesem Stück ganz besonders wichtig. Oberst Ollendorf ist zwar der Gouverneur von Krakau, aber er hat keinen polnischen Adelstitel, schon weil er Sachse ist. Als er der hinreißenden Komtesse Laura am Vorabend beim Tanz einen unziemlichen Kuss auf die Schulter gab, schlug diese ihn mit ihrem Fächer ins Gesicht. Darüber echauffiert sich der eitle Ollendorf über alle Maßen – das ist ihm noch nie passiert. Dabei ist er ja nicht irgendwer – er ist nicht nur einflussreich, sondern hochgefährlich: Als oberster Besatzer kann er alles anordnen, bis hin zur Liquidation. Jetzt will er sich rächen: Dann soll Laura eben einen mittellosen Bettelstudenten heiraten und sich ein Leben lang wünschen, sie hätte den Gouverneur genommen… Die beiden Studenten Jan und Symon werden also aus dem Gefängnis freigelassen und in den romantischen Rachefeldzug geschickt.
Studieren war zu der Zeit, in der Der Bettelstudentspielt, noch eine abenteuerliche Angelegenheit. Wer sich ganz ohne Unterstützung durchschlagen musste, führte tatsächlich den Titel “Bettelstudent”. Symon lässt sich für zehntausend Dukaten gerne überreden, der Komtesse Laura den Hof zu machen. Als er sie zum ersten Mal sieht, ist es sowieso um ihn geschehen, und dann wird die Handlung auch sofort ziemlich turbulent. Die Männer singen und spielen alle sehr gut. Am allerbesten gefielen mir aber die Frauen, angefangen bei Elvira Hasanagic, die in jeder Hinsicht die Idealbesetzung für die Hauptrolle der Laura ist. Simona Eisinger ist eine supersüße Bronislawa mit einem wunderbaren Sopran. Fantastisch sind die Arien und Duette, vor allem die Liebesduette. Zwei absolute Publikumslieblinge sind Gisela Ehrensperger als Gräfin Nowalska, die mit allen Mitteln gegen den sozialen Abstieg ihrer Familie kämpft, und Franz Wyzner, ihr Diener (und vielleicht ein bisschen mehr). Der Chor singt und tanzt, dass es eine wahre Freude ist.
Carl Millöcker arbeitete gleich mit zwei Librettisten zusammen: Friedrich Zell wurde unter dem Namen Camillo Walzel geboren und war ursprünglich Donaudampfschiffkapitän von Beruf. Seine Spezialität waren die Dialoge. Richard Genée war der Lyriker, der die Liedtexte schrieb. Die Lieder in dieser Operette haben wirklich das Zeug, zu Ohrwürmern zu werden. Die Regisseurin Emmy Werner hat das Libretto gestrafft und etwas bearbeitet, was die Handlung viel schlüssiger macht: Die schöne Laura ist hier nicht der Spielball des Schicksals, sondern sie hat sich den Mann ihres Lebens von Anfang an selber ausgeguckt. Das prächtige Prinzregententheater ist akustisch nicht an allen Stellen optimal: In den hintersten Ecken ist die Textverständlichkeit etwas eingeschränkt. Die Sicht ist aber überall sehr gut, und optisch wird auch viel geboten. Als ich hörte, was das Regieteam im Vorfeld über das Bühnenbild und die Kostüme erzählte, war ich zuerst skeptisch, aber manchmal muss man einfach ein bisschen Vertrauen haben: Rainer Sinell macht das ganz wunderbar. Großer und wohlverdienter Applaus für eine sehr amüsante Vorstellung.
Krakau 1704. Eine polnische Universitätsstadt mit turbulenter Geschichte. Polen war ein Wanderpokal, der von einem Machthaber zum nächsten weitergereicht wurde und um seine territoriale Integrität bangen musste. Zu der Zeit, in der die Operette Der Bettelstudent spielt, war ein Sachse König von Polen: Friedrich August I. von Sachsen, genannt August der Starke, war ein kunstsinniger Monarch, der Dresden zu einem Barockzentrum ausbaute. Kreativ war auch sein Griff nach der polnischen Krone: Er hatte die polnischen Adligen bestochen, ihn auf den Thron zu manövrieren. Ständig trug er eine Urkunde mit sich herum, die seine Konversion zum katholischen Glauben bezeugte. Es wurden ihm 365 Nachkommen und ein leidenschaftlicher Hang zur Sauferei nachgesagt, wobei davon auszugehen ist, dass diese Legenden zumindest teilweise in dem Hass der Bevölkerung auf die Fremdherrschaft begründet sind. Die polnischen Adelsfamilien waren zerstritten, halb ausgestorben und verarmt. Jozef Wybicki schrieb 1797 das Lied, das später zur polnischen Nationalhymne wurde und mit den Worten beginnt: “Noch ist Polen nicht verloren”. Rein zufällig findet sich in dieser Operette ebenfalls ein Fürst Wybicki.
Der Komponist Carl Millöcker wurde am 29. April 1842 in Wien geboren (in dieses Jahr fiel übrigens auch die Gründung der Wiener Philharmoniker). Er wurde nicht Goldschmied, wie der Herr Papa, sondern trat schon in jungen Jahren als Flötist auf und wurde später Theaterkapellmeister im Theater an der Wien. Bald begann er, Stücke zu schreiben. Die Librettisten für diese Operette waren das österreichische Erfolgsduo Zell/Genée. Friedrich Zell war zuständig für das Finden neuer Stoffe und plünderte dafür mit Vorliebe die französische Bühnenliteratur. Richard Genée schrieb die Liedtexte. 1882 wurde Der Bettelstudent uraufgeführt und wurde alsbald zum Welterfolg.
Christoph Wagner-Trenkwitz, ein beiläufig-brillianter Moderator, der mit seinem Wiener Charme im Handumdrehen die Herzen der stolzesten Abonnenten erobert, widerlegte gleich zu Anfang das Vorurteil, dass Männer nur ein Paar elegante Schuhe besitzen: Der Trend geht ganz eindeutig zum Zweitschuh. Der musikalische Leiter Michael Brandstätter hat diese Produktion schon 2010 in Klagenfurt dirigiert, hat aber jetzt mit einer anderen Fassung des Stücks gearbeitet, wo interessante Elemente zu entdecken waren. Für die Produktion des Gärtnerplatztheaters hat er einige neue Elemente aufgenommen, die zu einem früheren Zeitpunkt herausgenommen wurden (ein Duett wurde z.B. noch von den Autoren gestrichen, ist aber dramaturgisch sinnvoll). Der Dirigent erzählte von Mazurkas, von einer “Täuschungs-Mazurka” in dem Stück, wo das Taktschema ineinander verschachtelt ist, und erklärte, dass die Mazurka, Varsovienne, Polka mazur bzw. der mazurkische Walzer, wie auch immer man es nennen will, zur großen Walzer-Familie gehören.
Die Regisseurin Emmy Werner leitete von 1988 bis 2005 das Volkstheater in Wien. Sie kann schnell und amüsant erzählen und erklärte, dass in diesem Stück ständig gelogen und betrogen wird. Es war ihr wichtig, diese ständigen Drehungen herauszuarbeiten. Der Ausstatter Rainer Sinell stellte eine Kulisse für ein heruntergekommenes Hotel in Krakau auf die Bühne. Die Regisseurin wollte die Atmosphäre bewusst ärmlich halten. Das Krakauer Volk war damals ärmlich, sagte sie. Nachdem Der Bettelstudent eigentlich in der Barockzeit angesiedelt ist, aber die Regisseurin keine Barockkostüme wollte, wurde es für diese Inszenierung in die Entstehungszeit verlegt (um 1880 – da war Krakau übrigens von den Österreichern besetzt).
Also, wenn ich das richtig verstanden habe, hat die Regisseurin die Handlung aus der Barockzeit, wo die Damen wunderprächtige Barock-Kleider und Lockenperücken trugen, in eine Zeit verlegt, wo man modisch eher fad unterwegs war. An dem Ausstatter lag es vermutlich nicht, dessen Kostüme sind der Regisseurin immer noch ein bisschen “zu schön”. Aber zumindest gibt es Kostüme und die Klamotten sind nicht zeitgeistig vom Discounter; wir Zuschauer haben gelernt, schon für Selbstverständlichkeiten dankbar zu sein. Der Geschmack von Künstlern, die nicht primär durch die Oper oder Operette sozialisiert wurden, beißt sich zuweilen mit dem, was traditionelle Opernliebhaber gerne sehen. Emmy Werner kommt vom Sprechtheater, und aus der Gewohnheit heraus verwendete sie auch mal das Wort “Schauspieler”. Sie korrigierte sich jedoch umgehend, denn das trifft es im Musiktheater natürlich nicht so ganz … da hat im Zweifelsfall der Gesang Vorrang vor dem Szenischen.
Kleiner Exkurs: Der berühmte Schulterkuss, bekannt durch das Lied des Oberst Ollendorf, war in römischer Zeit ein Begrüßungsritual unterwürfiger Bittsteller gegenüber dem Kaiser. Von dieser Erkenntnis war Hans Gröning, der Bass-Buffo, der den Ollendorf singt, selbst überrascht: Da dachte man, das sei ganz einfach sexistisch zu verstehen, und dann gehört da so ein intellektueller Überbau dazu… (Wobei man das vermutlich unter “information overload” verbuchen kann; dramaturgisch scheint dieser Aspekt in dieser Operette nicht wirklich relevant zu sein.) In einem alten Operettenführer stand neben der Partie des Ollendorf nicht “Tenor” bzw. “kann auch von einem Bariton mit guter Höhe gesungen werden”, sondern da stand schlicht “Komiker”. Es handelt sich jedoch um eine Rolle, die einen guten Sänger braucht, weil sie durchaus anspruchsvoll ist. Zum Beweis hörte das Publikum gleich das Lied “Ach, ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst…” In dieser Inszenierung wird der Oberst glücklicherweise nicht einfach als tumber Tor dargestellt. Das Problem, dass Hans Gröning für seine Rolle eigentlich zu gut und distinguiert aussieht, kann von der Maskenbildnerin leicht behoben werden.
Sechs Opernsänger für vier Euro, das hat was. Vor allem, wenn es Sänger sind, für die ich auch gerne vierzig Euro ausgebe. Diese vier Euro sind natürlich nur ein Schnupperpreis, vormittags. Normalerweise singen die Herrschaften abends, und dann wird es teurer. Gehen Sie also am besten gar nicht hin, nicht dass es Ihnen noch gefällt … Man weiß ja, wie das endet: Erst kauft man sich eine Eintrittskarte, dann noch eine, dann ein Abo, und dann geht dieses Hobby allmählich ins Geld. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber wie meine Freundin so schön sagte: “Man hat ja sonst nichts anderes.” Jedenfalls nichts sonst, was so unterhaltsam wäre. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Einführungsmatinée nur schwer zu übertreffen sein dürfte: Die Reihen waren voll.
Die beliebte Sängerin Gisela Ehrensperger sowie Elvira Hasanagic und Simona Eisinger sangen ein reizendes Terzett, in dem sie (als Gräfin Palmatica Nowalska mit ihren beiden Töchtern Laura und Bronislawa) zum Shopping gehen. Oder zumindest so tun als ob, weil sie eigentlich überhaupt kein Geld haben. Liviu Petcu begleitete am Klavier. Es gab ein zauberhaftes Liebesduett von Simona Eisinger und Mathias Hausmann. Die Rolle des armen Studenten Jan Janicki ist eigentlich eine Tenor-Rolle. Sie wird hier aber von dem wunderbaren Bariton Mathias Hausmann gesungen, der dann eben auf ein paar der hohen Töne verzichtet. Für den anderen Bettelstudenten, Symon Symonowicz, hat der Komponist nämlich schon genügend hohe Töne geschrieben: Daniel Prohaska sang ein hochromantisches Duett mit Elvira Hasanagic, ein “Konditionalduett”, wie es der Moderator nannte (Ich setz den Fall…): Wenn wir einfach mal ganz theoretisch annehmen, dass ich eventuell das alles gar nicht hätte, was ich dir da so erzählt habe, und arm wäre wie eine Kirchenmaus… Laura hat eine ganz andere Frage: Gesetzt den Fall, ich bin irgendwann mal nicht mehr die Jüngste, und eine andere macht dir schöne Augen…? Was antwortet da der Operettenheld? Aber auf gar keinen Fall wird es für mich jemals eine andere geben, Schatzimausi!
Daniel Prohaska, der befragt wurde, warum er nicht wie viele Kollegen spezialisiert ist, sondern Musical, Operette und Oper singt, sagte, dass er keine Genre-Grenzen im Kopf hat. Diese Einteilung ist seiner Meinung nach eine Sache für Musikwissenschaftler, Dramaturgen und Kritiker, aber er sieht da auf der Bühne keine Unterschiede – es geht nur um die Rolle selbst. Elvira Hasanagic hat in München studiert und ihr Gesangsstudium gerade erst abgeschlossen. (Die nicht ganz einfache Partie der Laura wird ihre letzte Prüfung sein.) Für das begeisterte Publikum hörte sich das ausgesprochen gut an. Großer Applaus für alle Beteiligten.
über die Pressekonferenz vom Vormittag habe ich drüben bei mucbook geschrieben.Die Pressekonferenz war gut besucht, allerdings finden sich bisher nur wenige Artikel online, zB. bei der SZ, bei der AZ und dem BR. Jakobine Kempkens Beitrag ist beim Neuen Merker leider total versteckt . Die PK war gut besucht. leider hatte ich einen sehr unangenehmen Sitznachbarn, der nicht nur abwechselnd nach Fußschweiß und kaltem Rauch stank und total verdreckte und dem Geruch nach urteilen schon länger nicht gewaschene Klamotten anhatte, sondern sich auch noch beständig mit seiner Nachbarin unterhielt. Nächstes Jahr suche ich mir einen Platz, von dem ich flüchten kann, ohne drei Leute aufzuscheuchen.
Das Programm des Gärtnerplatztheaters für die kommende Spielzeit sieht sehr ansprechend aus. Für meinen Geschmack könnte es etwas mehr Oper sein, aber in Anbetracht der Sachzwänge, denen das herumvagabundierende Gärtnerplatztheater ausgesetzt ist, wollen wir mal fünfe gerade sein lassen. Oder besser gesagt, elfe. Elfeinhalb Neuinszenierungen sind es nämlich in der nächsten Spielzeit.
Dazu kommen Wiederaufnahmen von Peter und der Wolf (ab 19.12.2013, ein Ballett keineswegs nur für Kinder, sehr empfehlenswert), des Balletts Dornröschen (ab 26.12.2013, ein großartiges Stück!) und der komischen Oper DonPasquale, die schon vor der Premiere 2012 komplett ausverkauft war (ab 29.3.2014). Die Dancesoap Minutemade wird fortgesetzt. Die Kooperation mit dem Deutschen Theater wird nicht fortgesetzt, dafür spielt man im Juli im Zirkus Krone, und überhaupt geht die neue Spielzeit bis Ende Juli, das ist sehr erfreulich.
Semele. (24.10.2013, Cuvilliestheater) Oratorium von G.F. Händel, in englischer Sprache. Regie: Karoline Gruber.
Berlin 1920 – Eine Burleske. (21.11.2013, Cuvilliestheater) Ballett von Karl Alfred Schreiner – Uraufführung.
Der Flaschengeist. (23.1.2014, Carl-Orff-Saal) Singspiel von Wilfried Hiller (bekannt als Komponist des Goggolori). Regie: Nicole Claudia Weber. Bühne und Kostüme: Judith Leikauf, Karl Fehringer.
Die Entführung aus dem Serail. (30.1.2014, Cuvilliestheater) Singspiel von W.A. Mozart. Regie: Stephanie Mohr. Kostüme: Alfred Mayerhofer.
Kifferwahn. (14.2.2014, Akademietheater) Musical von Dan Studney – Münchner Erstaufführung; eine Kooperation mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding.
Jolanta. (15.2.2014, Alte Kongresshalle) Oper von Peter I. Tschaikowsky. Konzertante Aufführung in russischer Sprache.
Arsen – Ein Rokokothriller. (20.3.2014, Cuvilliestheater) Ballett von Jo Stromgren – Uraufführung. Musik von Antonio Vivaldi u.a.
Tschitti Tschitti Bäng Bäng. (30.4.2014, Prinzregententheater) Musical von den Sherman-Brüdern – Deutsche Erstaufführung (und Kontinental-Erstaufführung!). Regie: Josef E. Köpplinger. Bühne: Judith Leikauf, Karl Fehringer. Kostüme: Alfred Mayerhofer.
Aida. (18.6.2014, Prinzregententheater) Oper von Giuseppe Verdi in italienischer Sprache. Regie: Torsten Fischer.
Jesus Christ Superstar. (22.7.2014, Circus Krone) Rockoper von Andrew Lloyd Webber. Konzertante Aufführung in englischer Sprache.
Darüber hinaus gibt es noch Konzerte jeglicher Form und Farbe: Kammer-, Jugend-, Weihnachts-, Operetten-, Silvester-, Kinder-, Barock- und Wasweißichnoch-Konzerte. Opern auf Bayrisch. Liederabende. Die Einführungsmatineen, die immer interessant oder unterhaltsam sind, oft auch beides. Was es allerdings nicht gibt, ist ein Faschingskonzert, und dabei hatte ich mir extra eine Pappnase gekauft.
Der Intendant, Josef E. Köpplinger, erklärte dem interessierten Abonnentenpublikum, dass das Gärtnerplatztheater eines der wenigen Theater in Europa ist, die alle Musiktheater-Sparten bedienen. Theater soll Grenzen einreißen. Er sprach von den besorgniserregenden Entwicklungen in Ungarn, wo sowohl die Nationaloper als auch das Nationalschauspiel in Budapest von bekennenden Rechtsfaschisten geleitet werden; diese Gefahr wird seiner Ansicht nach europaweit unterschätzt. Er betonte die Freiheit des Individuums; Theater fungiert als Spiegel der Zeit. Die Operette liegt dem Intendanten sehr am Herzen, wobei es natürlich eine Gratwanderung darstellt, sie an unsere Zeit anzupassen, ohne sie zu verbiegen. Er will ein Operetten-Repertoire und ein Mozart-Repertoire aufbauen. Wenn das Kernrepertoire steht, kann man sich an Experimente wagen.
Der Intendant ist gegen das “allgemeine Verdeutschen”, sondern bevorzugt Stücke in der Originalfassung. Das ist ein Bruch mit der Tradition des Gärtnerplatztheaters, wo die aufgeführten Stücke fast immer in einer deutschen Fassung gespielt wurden, die normalerweise sehr gut gemacht war. Diesen Richtungswechsel halte ich persönlich nur bedingt für sinnvoll: Gerade jugendliche Zuschauer, die ohne Vorbereitung in die Oper gehen, sind dann mit dem Stück überfordert. Ich selber spreche auch nicht so gut Russisch oder Tschechisch, und Übertitel sind oft eher eine Verständnishürde, weil sie die Aufmerksamkeit vom Stück ablenken. Andererseits muss man natürlich zugeben, dass die Originalfassung immer einen ganz eigenen Charme hat. Auch wenn die Aida auf italienisch aufgeführt wird, sieht der Intendant das Gärtnerplatztheater nicht als Konkurrenz zur Staatsoper, sondern eher als Ergänzung: Er will dafür sorgen, dass auch eine vierköpfige Familie in die Oper gehen kann, ohne sich finanziell zu ruinieren.
Die Sonntagsvorstellungen werden in der nächsten Spielzeit um 18.00 Uhr beginnen. Die technischen Unzulänglichkeiten im Spielort Reithalle wurden gelöst bzw. man arbeitet daran. (Bei der Reithalle scheiden sich die Geister. Mir gefällt sie sehr gut, auch wenn die Verkehrsanbindung nicht optimal ist. Andere finden sie schrecklich.) Zum Baufortschritt am Stammhaus äußerte sich der geschäftsführende Direktor Max Wagner sehr positiv; bis jetzt liegen die Arbeiten im Plan. (Das Theater ist übrigens nicht der Bauherr, der geschäftsführende Direktor sitzt zwar mit am Tisch, kann aber nur Wünsche äußern.)
Josef E. Köpplinger bedankte sich beim Publikum für seine Treue. Die Zuschauerzahlen, sagte er, übertrafen die Erwartungen bei weitem. Er stellte sich dann geduldig den Fragen der Abonnenten. Von diesen trauern viele noch dem Solistenensemble des Gärtnerplatztheaters nach. Das Ensemble wurde ja weitestgehend aufgelöst, weil der neue Intendant vor seinem Amtsantritt fast allen Sängern die Nichtverlängerung aussprach, bzw. aussprechen musste (je nachdem, wen man fragt). Er sagte, er hätte gerne elf Sänger übernommen, was aber aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen sei. Es wird aber wieder ein Ensemble geben, sobald man wieder im Stammhaus spielen kann (also im Jahr 2015, wenn alles gut geht). Seine Talentscouts sind schon intensiv auf der Suche nach den besten Sängern. (Dann hoffe ich mal, die Headhunter suchen nicht nur in Österreich, wie es bis jetzt offensichtlich der Fall war.) Es muss ein Kernensemble geben; mit einer neuen Besetzung fängt man immer wieder von vorne an. (Zitat J.E. Köpplinger!). Der Intendant sagte, “Punktlandungen” wie die vielgelobte Don Pasquale -Inszenierung seien mit einem Ensemble nicht möglich. (?? – Da erlaube ich mir, energisch zu widersprechen: Am Gärtnerplatztheater gab es in den letzten Jahren genial gute Inszenierungen, viele davon preisgekrönt, und die wurden selbstverständlich alle fast komplett aus dem Ensemble heraus besetzt: Die Liebe zu den drei Orangen, Joseph Süß, Die verkaufte Braut, Die Piraten von Penzance, Mahagonny, Death in Venice und andere.) Richtig ist, dass man im ensuite-Betrieb (wenn die Stücke im Block gespielt werden) kein Ensemble braucht. Der Intendant betonte, dass er für die Entwicklung der Sänger verantwortlich ist, denn man tut natürlich nicht jedem Sänger mit jeder Rolle einen Gefallen, und das könne man im ensuite-Betrieb nicht leisten.
Natürlich gab es nicht nur kritische Fragen des fachkundigen Publikums (einige der Abonnenten gehen seit vielen Jahrzehnten ins Gärtnerplatztheater), sondern es gab auch viel Lob. Der neue Intendant hat sich mittlerweile sehr gut mit den Gegebenheiten arrangiert und sieht zuversichtlich in die Zukunft: “Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass das alles super wird, aber die Zutaten sind da.” Am 14. September 2013 findet das Gärtnerplatzfest statt, das die neue Spielzeit eröffnet.
Mit der zweiten Musicalpremiere innerhalb einer Woche setzt das Team des Gärtnerplatztheaters neue Maßstäbe in der Unterhaltungsmusiktheaterlandschaft in München. Obwohl beide Stücke in der gleichen Zeit spielen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Während in Cabaret eher eine düstere Grundstimmung vorherrscht, regiert hier die Fröhlichkeit und die Lebenslust. Natürlich ist Anything Goes kein Stück mit Tiefgang, aber darf Musiktheater auch nicht einfach nur unterhalten? Natürlich darf es das, vor allem, wenn die Unterhaltung so gut gemacht ist wie an diesem Abend.
Ausgangspunkt für die Entstehung des Musicals war der Produzent Vinton Freedly, dem die Idee dazu auf einem Schiff kam, mit dem er sich vor seinen Gläubigern aus dem Staub machte. Er beauftragte Guy Bolton und P.G. Wodehouse damit, das Buch dazu zu schreiben, letzterer vor allem bekannt durch seine köstlichen Romane, unter anderem die Jeeves & Wooster-Serie, genial verfilmt mit Stephen Fry und Hugh Laurie. Die Story beinhaltete eine Bombendrohung und einen Schiffbruch und muss ziemlich chaotisch gewesen sein. Als wenige Wochen vor der Premiere vor der Küste New Jerseys ein Feuer auf einem Luxusliner 138 Menschen das Leben kostete, musste die Geschichte schnellstmöglich umgeschrieben werden. Da die originalen Autoren gerade nicht verfügbar waren, stammt das Libretto, so wie wir es heute kennen, von Howard Lindsay und Russell Crouse, die hier erstmals zusammenarbeiteten. Die Musik stammt von Cole Porter, der nach Roger Hammerstein und George Gershwin eigentlich nur die dritte Wahl war, und so ist es nur natürlich, dass sie sofort ins Ohr geht und sich da festsetzt. Praktisch jeden Song hat man schon mal in der ein oder anderen Version gehört, der Wiedererkennungseffekt ist beträchtlich und das Publikum ist von der ersten Minute voll dabei.
Das Gärtnerplatztheater hat sich entschieden, nur die Dialoge auf Deutsch zu bringen und die Songs im Original zu belassen. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn man die Dialoge immer gut verstehen könnte, was insbesondere am Anfang ein bisschen schwierig ist. Überhaupt kommt das Stück erst langsam auf Touren und zu Beginn ist man etwas überwältigt von dem schieren Überangebot an visuellen Reizen. Sieht man einer kleinen Detailhandlung rechts zu, verpasst man links was. Sehr geschickt, so muss man sich das Stück mehrfach ansehen. Es lohnt sich aber wirklich, denn es ist wirklich alles perfekt erarbeitet, die Choreografien sitzen, die Bewegungen erfolgen exakt im Takt der Musik, man wird absolut mitgerissen von der prallen Lebensfreude.
Um was geht’s, wenn alles geht? Billy Crocker ist ein kleiner Wallstreetbroker, der sich in ein Mädchen verliebt. Als er seinen Boss Elisha Whitney zum Schiff bringt, das in Kürze nach England ablegen soll, sieht er das bezaubernde Wesen wieder. Er erfährt, dass sie Hope Harcourt heißt und mitsamt ihrer überdrehten Mutter und dem stinkreichenVerlobten Lord Evelyn Oakleigh, der die Familienfinanzen sanieren soll, in die neue Heimat fährt. Mit von der Partie ist auch noch seine Bekannte Reno Sweeney, eine Nachtclubsängerin, die zur Predigerin mutiert ist, sowie der Staatsfeind Nummer 13, der so gerne die Nummer 1 wäre und dessen Freundin Erma. Billy schleicht sich an Bord, um die Heirat zu verhindern und Hope für sich zu erobern. Um an sein Ziel zu kommen, muss er in die verschiedensten Rollen schlüpfen. Für die Uraufführung 1934 war diese Rolle dem Komiker William Gaxton auf den Leib geschrieben, der berühmt für seine Verwandlungskünste war. Es kommt zu den absurdesten Situationen, befeuert durch viel Wortwitz und exzellente Darsteller auf der Bühne. Und weil nicht nur der Titel, sondern auch das Motto Anything goes heißt, werden die Paare bis zum Ende schön durcheinandergewürfelt.
Obwohl das Stück als Screwballcomedy daher kommt, schwingen auch sozialkritische Untertöne mit. Geschrieben kurz nach dem Ende der Prohibition und unter dem Eindruck der gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise, sind die Gangsterverherrlichung und Bußprediger ein Thema, ist das Schiff mit Trinkern, Spielern und Betrügern bevölkert. So kann man schon darüber nachdenken, wenn Billy feststellt, dass er als kleiner Börsenmakler in das Gefängnis geworfen werden würde und man ihm als Gangster Nummer 1 den roten Teppich ausrollt. Auch wenn man darüber lacht, dass der Mann von Mutter Harcourt wie ein Gentleman gefallen ist nach dem Sprung aus dem Fenster, weil man beim Börsencrash alles verloren hat, ist das doch eine tragische Geschichte. Das Musical hat sich mit den Jahren beständig verändert, es wurden Songs umgestellt und Cole-Porter-Schlager aus anderen Stücken eingebaut. Auch Regisseur Josef E. Köpplinger hat eine Szene hinzugefügt und einige aktuelle Bezüge aufgenommen, die sehr gut ankamen beim Publikum. Zu lachen gibt es viel an diesem Abend, Köpplinger setzt auf Tempo und exakt getimte Abläufe. Rainer Sinell, der auch für die zeitlich passenden Kostüme verantwortlich ist, nutzt eine Drehscheibe, um das Vorderdeck des zweistöckigen Schiffes in intime Kabinen zu verwandeln. Das Schiff nimmt im ersten Teil langsam an Fahrt auf und ist dann kaum mehr zu stoppen. Ähnlich wie in Cabaret gibt es auch hier leicht bekleidete Menschen, aber anders als in der Reithalle wirkt es hier nicht ordinär, sondern lustig. Das Ende kommt etwas abrupt, aber nach einem so temporeichen Abend verzeiht man das gerne.
Viel zu dem schwungvollen, temporeichen Abend trägt auch die Choreografie von Ricarda Regina Ludigkeit bei. Sie lässt das Ensemble sich die Seele aus dem Hals steppen und es gleichzeitig so leicht aussehen, dass es auch noch Spaß machen könnte. Sie gibt den Akteuren eine tolle Körpersprache von lasziv bis Czardas. Bei diesem Musical ist wirklich alles gefragt, die Akteure müssen singen, steppen und darstellen können. Fällt nur eines unter den Tisch, geht ein Teil des Zaubers verloren. Ganz hinreißend waren auch die Projektionen von Raphael Kurig und Thomas Mahnecke. Sie beschwörten zahlreiche Stimmungen herauf und schafften es, ein Schiff, dass sich nicht vom Fleck bewegt, mal in New York, mal auf hoher See zu zeigen.
Die Rollen sind mit ziemlicher Sicherheit für diese Münchner Erstaufführung 79 Jahre nach der Uraufführung am Broadway optimal besetzt. Anna Montanaro gibt der Reno Drive, aber auch besinnliche Momente. Sigrid Hauser ist eine herrlich überdrehte und dabei immer absolut süße Erma. Die Figur könnte einem auf die Nerven gehen, aber in der Interpretation von Sigrid Hauser möchte man sie eher mal fest in den Arm nehmen. Milica Jovanovic singt und spielt die Hope Harcourt mit sehr viel mädchenhaften Charme, kein Wunder, dass Billy ihr zu Füßen liegt. Es ist wirklich sehr schön, sie mal wieder auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters erleben zu dürfen. Dagmar Hellberg als ihre Mutter konnte mich anfangs nicht überzeugen, aber bei Birds do it, bees do it drehte sie dermaßen auf, dass es eine reine Freude war. Komplettiert wurde die sehr gute Frauenriege durch die tanzfreudigen Angels und Ulrike Dostal als Frieda, die hervorragende Akzente setzte.
Bei den Männern ist natürlich Billy Crocker der unbestrittene Chef im Ring. Daniel Prohaska spielt alle Facetten der Rolle aus und singt und tanzt dabei noch wie ein junger Gott. Naja, fast. Die Auftritte von Hannes Muik als Lord Evelyn Oakleigh zählten für mich zu den Highlights des Abends. Er strahlte bis in den kleinen Zeh Aristokratie aus und hat doch Paprika im Blut. Erwin Windegger als Elisha Whitney ist lustig und tiefgehend zugleich, und Boris Pfeifer als Moonface Martin verkörpert den etwas schmierigen Gangster perfekt. Besonders beeindruckend ist die Stimme von Previn Moore, der den Kapitän auf diesem Tollhaus namens M.S. Amerika mimt und Night and Day wirklich ganz wundervoll interpretiert. Frank Berg als Steward und neben anderen die drei Matrosen Maurice Klemm, Stefan Bischoff und Christian Schleinzer sowie eine engagierte Statisterie komplettieren das praktisch perfekte Ensemble. Der Hund Chuseok erwies sich als nervenstark und zeigte sich unbeeindruckt von seiner Rolle als Benjamin Franklin. Das kleine Orchester mit großer Rhythmusgruppe unter Michael Brandstätter kreierte den perfekten Bigbandsound passend zum Stück, und der hauseigene Chor zeigte sich zum wiederholten Male bewegungsfreudig und sehr gut einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen.
Am Ende wurden die Beteiligten frenetisch mit Standing Ovations gefeiert, damit waren sicher auch die vielen unsichtbaren Helfer gemeint, die Werkstätten, die diese schier unglaubliche Anstrengung zweier Premieren in einer Woche gemeistert haben, die Technik, die Kostümabteilung, die zwei Spielstätten gleichzeitig betreuen muss, die Maske, Souffleuse und Inspizient. Ein Stück zum Wiedersehen, ich bin mir sicher, auch beim dritten Besuch lassen sich noch weitere Details entdecken. Weitere Vorstellungen bis 22.03. jeweils Dienstag bis Sonntag, Karten von 25 – 60 € bei den bekannten Vorverkaufsstellen.
Der Interpretationsansatz von Regisseur Werner Sobotka konnte mich trotz einiger sehr starker Szenen nicht immer überzeugen, aber eine fantastische Nadine Zeintl in der Rolle der Sally Bowles und Münchner Publikumslieblinge Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner als Fräulein Schneider und Herr Schultz machen den Abend zu einem Erlebnis.
Als das MusicalCabaret am 20.11.1966 am New Yorker Broadhurst Theatre Premiere feierte, stellte es etwas Besonderes dar. Die Geschichte war anspruchsvoll und die dafür geschriebene Musik war spezifisch, in diesem Fall repräsentierte sie die frühen Dreißiger Jahre in Berlin. Anders als in den restlichen Großstädten Europas tobte hier das pralle Leben, man genoss den Augenblick und dachte nicht an den Morgen. Nachtclubs schossen aus dem Boden und verschwanden wieder, die Prostitution blühte und das Erstarken der Nazis überzog alles mit einem dunklen Schatten.
Christopher Isherwoods Novelle Goodbye to Berlin wurde von John Van Druten in das Theaterstück I am a camera adaptiert, auf dem wiederum das Musical beruht. Der Titel des Theaterstück trifft die Erzählweise sehr gut, denn es sind nur Momentaufnahmen, die hier präsentiert werden, es wird nur registriert und nicht kommentiert. Der Produzent Harold Prince kaufte die Rechte an Isherwoods und Van Drutens Werken und beauftragte Joe Masteroff mit der Umsetzung, später kamen noch John Kander und Fred Ebb dazu, die heute allgemein als Schöpfer des Musicals gelten. Vor allem das 1987er Broadway Revival brachte einige Änderungen mit, so kam der weltbekannte Song Money dazu. Der gleichnamige Film von 1972, der allerdings nur lose auf dem Musical beruht, machte die junge Liza Minelli weltberühmt.
Clifford Bradshaw ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der nach Berlin auf der Suche nach Inspiration kommt. Im Zug aus Paris trifft er auf Ernst Ludwig, der ihm hilft, ein billiges Zimmer zu finden und ihm für den bevorstehenden Silvesterabend den Kit-Kat-Club empfiehlt. Clifford bekommt tatsächlich ein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider, einer ältlichen Jungfer, die Zimmer vermieten muss, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Herr Schultz, ein älterer jüdischer Obsthändler und die Prostituierte Fräulein Kost wohnen ebenfalls dort. Den Abend verbringt er tatsächlich in dem Club und trifft dort auf Sally Bowles, eine junge Sängerin aus England. Die Nummern werden von einem Conférencier angesagt, der auch später immer wieder auftaucht. Am nächsten Tag erscheint Sally bei Cliff in der Pension, ihr Geliebter und Betreiber des Clubs Max hat sie hinausgeworfen, und zieht bei ihm ein. Monate später besteht dieses Arrangement immer noch, Sally und Cliff haben sich ineinander verliebt. ALs Sally bemerkt, dass sie schwanger ist aber nicht sicher sagen kann, ob Cliff der Vater ist, bestärkt dieser sie darin, das Baby zu bekommen und mit ihm eine Familie zu gründen. Herr Schultz macht Fräulein Schneider den Hof und wird von Fräulein Kost dabei erwischt, wie er das Zimmer seiner Vermieterin verlässt. Um den Schein zu wahren, erzählt er ihr, dass er und Fräulein Schneider bald heiraten werden. Die Vermieterin verbietet der Prostituierten, ihre Kunden mit aufs Zimmer zu nehmen und als Rache verrät diese Ernst Ludwig, der mittlerweile offen als Nazi auftritt, dass Herr Schultz Jude ist. Unter dem Druck der aufkommenden Herrschaft der Nazis sieht sich Fräulein Schneider gezwungen, die Verlobung wieder zu lösen. Cliff sieht die drohende Gefahr und möchte das Land verlassen, Sally möchte jedoch ihre Karriere im Nachtclub fortsetzen. Es kommt zum Bruch und Sally treibt das Kind ab. Sie singt im Club Life is a cabaret während Clifford im Zug sitzt und beginnt, seine Erinnerungen aufzuzeichnen.
Das Gärtnerplatztheater präsentiert das Musical in der sogenannten Reithalle, ein Spielort, der leider zu wünschen übrig lässt. Der Vorraum ist sehr klein, bei ausverkauftem Haus staut sich das Publikum beim Verlassen über Treppen bis in den Zuschauerraum zurück. Es ist auch alles offen, bei ruhigen Szenen stört das Klirren der Flaschen von der Gastronomie. In der Halle ist es sehr warm und die unbequemen Plastikstühle tragen dazu bei, dass ich am Ende zumindest auf der Rückseite total nassgeschwitzt war. Zudem gibt bei den Stühlen bei einem Schwergewicht wie mir die Lehne nach, was zu einer sehr ungemütlichen Sitzposition führt. Mich lädt das nicht zu wiederholten Besuchen ein.
Die Bühne ist etwas zweistöckig mit der Band oberhalb der Spielfläche, davor sind versenkt Tische platziert, an denen Zuschauer sitzen können. Leider ist die Bühne nicht erhöht und die Zuschauerreihen steigen erst ab der vierten Reihe an, so dass ich in selbst in der zweiten Reihe keine freie Bühnensicht hatte. Das Bühnenbild (Amra Bergman-Buchbinder) ist spartanisch, aber sehr wandlungsfähig. Zwei Spiegelwände können mal geöffnet, mal geschlossen werden und zeigen mal den Kit-Kat-Club, mal Cliffs Zimmer oder die Eingangshalle in der Pension, mal den Obstladen von Herrn Schultz. Ein paar Stühle halten für alles her und werden schon mal zum Bett. Das engt die Fantasie nicht ein und passt in den zeitlichen Kontext ebenso wie die Kostüme von Elisabeth Gressel. Die Choreografie von Ramesh Nair ist schwungvoll und hat starke Momente. Das Licht (Michael Heidinger) besticht vor allem in den Clubszenen.
Der Kit-Kat-Club ist ein schäbiger Nachtclub und schäbig sind auch seine Angestellten. Die Mädels treten in ausgeleierter Unterwäsche auf und auch die Jungs zeigen viel nackte Haut und Tattoos. Der Regisseur Werner Sobotka sagte in der Einführung, es soll ein Club sein, in den man nicht gerne geht, und das ist ihm wahrlich gut gelungen. Dieses ständige Betatschen männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane und die stilisierten Geschlechtsakte sind weder antörnend noch erotisch, sondern einfach nur abstoßend. Das ist nicht lasziv, sondern schlicht ordinär. Ich kann zwar verstehen, was damit bezweckt werden soll, aber es gefällt mir nicht, und das wirkt sich leider auf das gesamte Stück aus. Und wenn sich der Conférencier bei „Gentlemen“ in den Schritt greift, hat das nach dem zweiten Mal jeden Reiz verloren. Ob das wirklich das Lebensgefühl der Zeit, in der Cabaret angesiedelt ist, wiederspiegelt, bezweifle ich. Hier wurde übers Ziel hinausgeschossen, ebenso wie bei der Figur der Sally Bowles. So aufgedreht kann man doch nur unter schweren Drogen sein, oder? Aber wenn ich das richtig gesehen habe, schnupft sie ja in einer Szene Kokain. Mir ging sie jedenfalls mächtig auf den Keks und ich konnte bis zum Schluss, in der sie eine wirklich berührende und sehr starke Szene hatte, kein Mitleid für sie haben. Auch Ernst Ludwig, den Nazi, fand ich zu keinem Zeitpunkt sympathisch. Gleich zu Anfang schiebt er seinem Mitreisenden gefährliches Gepäck unter, wie kann ich so jemanden sympathisch finden? Irgendwie war mir das alles zu überdreht, zu laut und damit meine ich nicht die Band, die unter Andreas Kowalewitz am Klavier wirklich hervorragend war. Bacchantisch sollte der Conférencier sein, für mich war er einfach nur eine traurige Gestalt. Dabei ist Markus Meyer, der durch eine Erkältung gehandicapt war, was man aber nicht hörte, sehr ausdrucksstark und könnte meiner Meinung nach der Figur noch mehr Tiefe geben. Er tritt in einer Szene als Sally-Double auf, das ist schon genial.
Stark war auch das Ende der Verlobungsfeier, hier fühlte ich wirklich die Bedrohung, die von den Nazis ausgeht und sich wie ein Schatten über die Menschen legt. In diesem Stück verwandelt sich vieles, vom bezaubernd vorgetragenen Der morgige Tag ist mein durch den Hitlerjungen (überragend Felix Nyncke) zum fast schon Kampflied, angeführt von Fräulein Kost und Ludwig Ernst. Da wird aus dem leichten Tanztee ein stampfender Rhythmus und aus den Girls marschierende Soldaten. Absolut fantastisch war die letzte Szene der Sally Bowles, als sie frisch von der Abtreibung kommt. Nadine Zeintl spielt absolut grandios und sie singt, dass man die Tränen in ihrer Stimme hört. Die junge Österreicherin schafft die ganze Bandbreite von dem mädchenhaften, leider etwas zu überdrehten Sags nicht Mama über ein zackiges Mein Herr zu einem intensivem Maybe this time. Sie ist ein Ausnahmetalent, das ich gerne öfter auf Münchner Bühnen sehen würde. Mit Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner stehen ihr zwei in München wohlbekannte und beliebte Sänger zur Seite, die das zweite tragische Paar wirklich ganz bezaubernd verkörpern. Dominik Hees wirkt als Clifford Bradshaw sehr authentisch, kein Wunder, er ist ja auch erst 23 Jahre alt. Überhaupt passen die zwei Paare wirklich ganz ausgezeichnet zusammen. Julia Leinweber als Fräulein Kost, Jens Schnarre als Ernst Ludwig und Alex Frei in verschiedenen Rollen komplettierten das wirklich hervorragend besetzte Ensemble.
Ich habe mindestens einen weiteren Besuch geplant, ich glaube, es könnten auch noch mehr werden, der unschönen Spielstätte zum Trotz. Die abstoßenden Effekte werden sich abnutzen und was bleibt, ist ein großartiges musikalisches Erlebnis. Das Premierenpublikum feierte das Ensemble frenetisch und auch das Regieteam wurde heftig beklatscht. Wenn man nicht leicht zu schockieren ist, ein sehr sehenswerter Abend.
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nacht_gedanken Tolles Interview mit der wunderbaren Nina George unter anderem über ihr neues Buch "Das Lavendelzimmer" http://t.co/n3RAFXLzIW - gezwitschert am 07.05.2013 18:14
nacht_gedanken Das ist meine Bettlektüre in nächster Zeit. Was würdet Ihr an Euer 16-jähriges Ich schreiben? http://t.co/B66d80wUzU - gezwitschert am 06.05.2013 23:18
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