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Interview mit Frances Lucey

Frances Lucey

Liebe Frau Lucey, herzlichen Dank, dass Sie sich bereiterklärt haben für ein Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Erzählen Sie uns doch bitte etwas von Ihrem Werdegang.

Also erst mal: Vielen Dank für die Einladung! – Ich bin gebürtige Irin, in Dublin geboren, und kam mit 22 Jahren nach Deutschland. Vorher hatte ich schon einen Bachelor-Abschluss in Musik und Sprachen gemacht, ich hatte an der Universität in Dublin studiert, und Gesang nebenbei. Aber mein Ziel war, Sängerin zu werden. Ich hatte die Möglichkeit bekommen, ein Vorsingen für das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper zu machen. Es war erfolgreich, zu meiner Überraschung. Ich wusste gar nicht, was das wirklich hieß. Deswegen kam ich nach München, war zweieinhalb Jahre im Opernstudio, wurde dann übernommen ins Ensemble der Staatsoper, und nach neun Jahren als Ensemblemitglied habe ich dann gewechselt und kam dann ins Gärtnerplatz-Ensemble.

Gab es dafür Gründe? Das Repertoire im Gärtnerplatztheater?

Ja. Zum einen das Repertoire, weil Musical mich sehr reizt, und mir wurde versprochen, dass ich „West Side Story“ singen könnte, und das finde ich ein tolles Stück. Außerdem wusste ich, dass es schwer sein könnte, in der Staatsoper länger als zehn Jahre zu bleiben. Das war zur Zeit von Peter Jonas. Er hat mich sehr, sehr gemocht. Aber manchmal ist man dann plötzlich nicht mehr so beliebt. Ich fühlte mich dann nicht mehr so wohl, und deswegen habe ich ein bisschen geschaut. Ich hatte zu der Zeit Vorstellungen als Despina in „Cosi fan tutte“ und konnte Herrn Schulz zu einer Vorstellung einladen. Er war begeistert, und das hat mir dann die Möglichkeit verschafft, hierher zu kommen.

Wie sind Sie zu dem Beruf der Opernsängerin gekommen?

Eine gute Frage, weil: Mein Vater war gar nicht glücklich. Er hat sich große Sorgen gemacht. Ich bin eines von fünf Kindern, und er wollte eigentlich fünf Ärzte haben. Meine Mutter ist Ärztin, er war Ingenieur, und er hat es so weit gebracht, dass drei von den fünf Ärzte wurden. Ich bin die Jüngste, ich habe tatsächlich immer gesungen. Auch als vierjähriges Kind stand ich vor der Schule und habe für viele Leute gesungen. Es war immer ein Hobby. In Irland ist es dann schwierig, sich ein Leben als Opernsänger vorzustellen. Man muss natürlich Irland verlassen – obwohl, das ist nicht das Problem, das machen viele sowieso. Es war überhaupt nicht selbstverständlich, aber ich habe dann meinen Vater überzeugt, dass ich wenigstens Musik studieren sollte und Gesang. Und ja, dann hat er gesehen, dass ich wirklich Ehrgeiz hatte. Es war nicht so, dass er gesagt hat: „Auf keinen Fall!“ Ich habe ihn verstanden. Er wollte nur, dass ich nicht plötzlich auf der Straße lande. Ich glaube wirklich, die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen, hat es für mich möglich gemacht. Sonst, wahrscheinlich, wäre es nicht gegangen. Aber – ja, der Traum war immer da. Aber ich habe durchaus auch an Jura und ganz viele andere Sachen gedacht. Aber die Bühne kannte ich gottseidank von Schulaufführungen, ehrlich gesagt. Und auch Gesangswettbewerben. In Irland haben wir eine Tradition von Musikfestivals, die heißen auf Gälisch „Feis Ceol“, „Ceol“ ist das Wort für „Musik“. Da habe ich im Alter von zehn bis achtzehn Jahren jedes Jahr mitgemacht und verschiedene Preise und Pokale gewonnen, es war immer ein ganz großes Interesse. Und dann mit 17 Jahren, glaube ich, traf ich meine erste Gesangslehrerin. Eine ganz verrückte, große Persönlichkeit, aber sie hatte tatsächlich eine Karriere in Covent Garden gehabt. Und sie konnte einem wirklich zeigen, was es bedeutet. Ich habe schon sehr viel von ihr gelernt. Und zur Zeit hat meine ehemalige Lehrerin, Veronica Dunne, in der Staatsoper noch eine Schülerin: Tara Erraught.

Welche Musik haben Sie als Kind gehört?

Das war sehr gemischt. Da war Klassik dabei, auch sehr viel Musicals, sehr viel Gilbert & Sullivan (lacht), weil fast alle in meiner Familie singen. Auch sehr viel traditionelle irische Musik. Bei Familienfesten oder Familientreffen, da wurde musiziert. Und so hatte ich eigentlich zu der Zeit eine sehr lockere Einstellung zum Singen: Jeder musste singen, also meine Tante hat immer dieses Lied gesungen, oder mein Onkel jenes Lied. Dann kamen Freunde mit traditionellen irischen Instrumenten wie bodhran und uilleann pipes, das war schon toll. Es passierte nicht jedes Wochenende, aber schon öfters, so 6-7 Mal im Jahr. Dann habe ich auch Klavier gespielt, mein Bruder auch. Ja, dann haben wir auch natürlich klassische Musik gehört, aber, Singen, das war irgendwie schon immer im Haus. Einer von uns hat immer gesungen. Es war für mich dann ein bisschen ein Problem, als ich nach Deutschland kam, und plötzlich musste ich sagen, in welchem Fach. Und ich sagte: „Ja, Sopran.“ (Kichert) Punkt. Vorher habe ich an so etwas nicht wirklich gedacht. Ich habe einfach alles gesungen, was mir gefiel. Aber Tosca nicht, das gebe ich zu. Oder Brünnhilde. (Lacht)

Sie spielen Klavier. Spielen Sie auch noch ein anderes Instrument?

Leider nein. Ich hätte sehr gerne die irische Harfe gelernt oder studiert, das ist eine sehr schöne Kombination. Die ist kleiner als eine Konzertharfe. Oder Orgel fand ich auch ganz toll, aber kam leider nicht dazu. Das Singen hat dann schon mit 17, 18 Jahren die Oberhand gewonnen. Und das Klavierspiel wurde auch vernachlässigt, muss ich sagen. Ich kann noch spielen, aber ich möchte nicht als Pianistin auftreten (Lacht).

Haben Sie das absolute Gehör?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Wenn ich ein Stück gelernt habe, dann kann ich es. Ich weiß nicht, ob das ein Segen ist oder nicht, manchmal muss man sich einfach anpassen innerhalb des Ensembles oder so. Und man muss sowieso kontrollieren, denn oft ist es so, dass man wirklich nicht weiß, wie es da draußen klingt. Aber ich bin froh, dass ich, wie gesagt, ein sehr gutes Gedächtnis habe. Wenn ich etwas wirklich gut studiert habe, dann weiß ich: Das ist der Ton. Und ich singe sehr viel a-capella, aber das kommt eher von der irischen Kultur. Da singen wir sehr viel a-capella.

Sie sprechen sehr gut Deutsch.

Oh, danke! Ich weiß nicht, ob meine elfjährige Tochter einverstanden wäre.

Englisch sicher auch, und vermutlich auch Irisch. Sprechen Sie noch weitere Sprachen, und singen Sie auch in weiteren Sprachen?

Ja. Ursprünglich für meinen Bachelor habe ich Französisch und Italienisch auch studieren müssen, und gar kein Deutsch. Ich kam ohne Deutsch nach Deutschland. Ich fürchte, dass Deutsch natürlich jetzt auch viel stärker präsent ist in meinem Gehirn. Mit Gälisch – leider habe ich das nicht so gemocht in der Schule. Das war vielleicht ein bisschen wie Latein hier ist für manche Kinder, es war ein Pflichtfach, und das bereue ich wirklich. Aber ich singe schon auf Gälisch. Für mich die schwerste Sprache – ich habe Xenia in „Boris Godunov“ auf Russisch gemacht an der Staatsoper, und das fand ich sehr schwer. Wenn es wirklich kyrillisch geschrieben ist, erkennt man gar nichts. Das fand ich schwer. Aber Französisch, Italienisch, Spanisch, Deutsch, Englisch – das ist so quasi leicht.

Haben Sie musikalische oder szenische Vorbilder?

Musikalische Vorbilder? Ja, auf jeden Fall. Von Sängern? Das auf jeden Fall. Janet Baker kommt mir da sofort in den Sinn. Wir haben sehr viel von ihr gehört als Kinder, und auch Victoria de los Angeles. Die mochte meine Mutter sehr. Von der jetzigen Generation finde ich Garancha super. Jetzt habe ich zwei Mezzi erwähnt. Das ist tatsächlich ein bisschen ein Dilemma. Ich liebe diese dunklen Stimmen. Und das ist immer so ein Zwiespalt, denn – ja. Ich glaube nicht, dass ich wirklich sehr dunkel bin. Musikalische Vorbilder? Blasinstrumente imponieren mir immer sehr. Wenn eine Oboe ein schönes Legato hat, finde ich das wunderschön. Klaviermusik ist natürlich wunderbar. Aber es ist perkussiv. Die ganz Großen schaffen auch wunderbare Legati, aber ich glaube, von Blasinstrumenten und Sängern hoffe ich am meisten zu lernen.

Und szenische Vorbilder? Ich denke da an diese wunderbare Venus in „Orpheus in der Unterwelt“.

Da fällt mir eigentlich kein Name ein. Ich mag sehr viele Comedians. Lachen finde ich immer das Beste.

Welche Opern-Aufnahmen hören Sie privat am liebsten?

Hmm. Komischerweise höre ich am liebsten zu Hause Lieder, da fühle ich mich sehr wohl. In den 90er Jahren, bevor meine Tochter geboren ist, habe ich auch sehr viele Liederabende machen können, das war super. Aber von Opern – ooch, da so die ganze Palette. Sehr gerne Barock. Natürlich die Bach-Passionen, wunderbar. Das ist natürlich nicht Oper. Aber dann auch bei einer Puccini-Oper hinzuschmelzen, das ist wunderbar. Schwer zu sagen. Aber ich höre sehr gerne Klavier und Lieder in Kammermusik. So die kleinere Besetzung.

Hatten Sie schon internationale Auftritte?

Ja, ich habe einen sehr guten Agenten in Amerika, und durch ihn habe ich das Glück gehabt, in der Carnegie Hall aufzutreten, und auch in New York sehr viel, und dann auch mit der Seattle Opera und in Washington. In Amerika kam so einiges. Zuhause in Irland natürlich auch. Das war es eigentlich. Und sonst – o doch, in Spanien auch, da habe ich auch Oratorien gemacht und so. Aber wie Sie wissen, seit zehn Jahren bin ich eher Mutter, würde ich sagen, als Sängerin. Da bin ich sehr dankbar für das deutsche System hier. An ein Haus gebunden zu sein, gibt einer Sängerin große Sicherheit.

Sie haben ja gerade schon erwähnt, dass Sie Familie haben. Was für Komplikationen ergeben sich aus dem Lebensrhythmus eines Opernsängers an einem Ensembletheater?

Ja. Das Theater an sich ist nicht für Leute mit Familie gedacht. Komischerweise, das hat meine Mutter, als ich noch Studentin war, und noch an gar kein Theater gebunden war, auch gesagt: Meine Güte, du hast immer eine Probe, wenn wir essen müssen. – Das ist wirklich wahr! Wir arbeiten vormittags und dann hauptsächlich abends. Hier zumindest in Deutschland, das ist nicht überall so. Und ja, das ist genau die Zeit, wo man sonst denkt, dass die Familien zusammenkommen. Essenszeiten, die Abende natürlich, wir sind sehr viele Abende weg. Oder dass ich jetzt aufpassen muss und nicht zuviel reden oder nicht zu laut werde. Inzwischen versteht das meine Familie schon, wenn ich schweige oder meine Stimme schone, aber manchmal denken sie: „O mein Gott, jetzt spinnt sie wieder.“ Ich nehme an, wir erscheinen ziemlich eigen manchmal für Leute, die nicht verstehen, dass die Stimme doch für die meisten Leute fragil ist. Es gibt schon Sänger, Dennis O’Neill, vielleicht kennen Sie ihn noch, ein Waliser Tenor, der hat immer voll gesungen, bei jeder Probe, alles. Und ich habe ihn bewundert. Das konnte ich nie. Ich muss schon schauen – ich muss meine Stimme einteilen. Und das macht manchmal das Zusammenleben schwer. Man muss egoistisch sein und sich zurückziehen, und das fällt mir auch schwer, denn ich bin eigentlich gesellig. Deswegen sind Gastspiele, auch wenn sie manchmal ein bisschen einsam sind, plötzlich, was weiß ich, sechs Wochen in Seattle alleine zu sein – aber man hat den Luxus, sich nur auf sich zu konzentrieren. Super.

Was tut denn Ihrer Stimme gut, außer, sich ein bisschen zurückzunehmen, und was ist gar nicht gut für sie?

Reden. Reden, und ich rede viel. (Lacht.) Ja. Da muss ich aufpassen, wenn ich innerhalb einer Gruppe bin, dass ich nicht versuche, dem Lautstärkepegel zu entsprechen und auch lauter werde. Feiern, zuviel reden. Gottseidank trinke ich sowieso nicht. Das dehydriert, und das wäre nicht gut. Schlafen ist natürlich auch, finde ich, sehr erholsam, wenn man vielleicht ein bisschen länger schlafen kann. Man muss natürlich auch diese Balance finden zwischen Zuviel, oder dass man rechtzeitig aufsteht, bevor die Vorstellung losgeht oder so. Aber ich versuche auch, normal zu sein. Als ich im Opernstudio angefangen habe – und man muss natürlich auch noch bedenken, ich komme aus einer Arztfamilie, und als Kind musste ich wirklich dem Tode nahe sein, wenn ich die Schule nicht besuchen durfte. Und das, glaube ich, war gar nicht schlecht. Denn für mich war das Opernstudio plötzlich wie die Schwarzwaldklinik. Die kamen alle: „Oh, heute ist das. – Oh, ich glaube, jetzt spüre ich was.“ Und ich dachte: „Mein Gott, was haben die alle?“ Und das kann ansteckend sein. Ich verstehe es auch: Wenn man nervös ist, kann man sehr schnell was kriegen, tatsächlich. Oder man bildet sich das ein. Es ist so viel Psychologie dahinter. Und ich glaube, es ist ganz gut, dass ich diese harte Schule in der Kindheit hatte: Krank sein ist was anderes. Und da muss man diszipliniert mit sich selber umgehen: Nein, komm, es ist okay. Es wird schon gehen. Und es gibt natürlich ein-, zweimal im Jahr, wo man unbedingt dann absagen muss. Ich habe es einmal erlebt, lange her, bei „Die Sache Makropulos“ mit Hildegard Behrens in der Staatsoper. Ich hatte irgendeine Magen-Darm-Geschichte und fühlte mich wirklich nicht wohl. Ich bin sogar umgekippt in meiner Wohnung vorher und ich dachte: „O Gott, schaffe ich die Vorstellung heute Abend?“ und habe eine Ansage gemacht. Und da kamen einige Sänger auf mich zu und sagten: „Ja, was ist los? Aber die Stimme ist in Ordnung!“ Ich habe gesagt: „Es war eigentlich nicht die Stimme!“ – Also für Sänger gibt es nur eine Möglichkeit. (Lacht.) Ich fühlte mich sonst schrecklich unwohl. Am besten, wenn man krank ist, dann einfach ganz absagen. Ansagen finde ich etwas problematisch.

Was tun Sie für Ihre Kondition? Oder brauchen Sie überhaupt Kondition als Opernsängerin?

Ja, doch, doch, schon. Oh, ich habe schon Fitness-Studios und alles mögliche gemacht. Seit einem halben Jahr habe ich einen Hund (lacht), und ich bin tatsächlich eineinhalb bis zwei Stunden mit ihm draußen, und das finde ich super, die frische Luft. Ich habe wirklich auch nichts gehabt, seit ich Lucky habe. Das ist ganz gut. Natürlich, selber üben, dann hofft man, dass die richtige Muskulatur gestärkt und entwickelt wird. Aber man muss schon fit sein. Glaube ich schon. Ja.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor?

Als erstes geht man einfach mit dem Highlighter durch, ganz banal. Dann lese ich es, und ich versuche zuerst den Rhythmus, und Text. Ich spreche den Rhythmus zuerst vor. Ich versuche es dann, in kleine Abschnitte für mich aufzuteilen, so, dass es leichter ist zu lernen, und dass ich auch genau sehe, wo es ein Problem geben könnte. Ich versuche, ziemlich weit zu kommen ohne Repetition. Natürlich, hier im Theater ist das anders, man hat sehr früh Repetition. Aber wenn ich etwas außerhalb des Theaters lernen muss, mache ich das so. Und dann arbeite ich dann doch intensiv, aber ich möchte das Gefühl vorher haben, ich habe wirklich so viel wie möglich alleine gemacht. Und dann aufnehmen, natürlich, viel aufnehmen und selber hören, was manchmal schwer fällt. Denn du denkst: Oh, das war bestimmt toll! Und dann bist du manchmal so etwas von enttäuscht von dem Ergebnis. Aber das muss sein. Ja, und natürlich viel üben!

Sie haben vorhin gesagt, Sie haben in der Kindheit schon Gilbert & Sullivan gehört. Sie sind damit vermutlich die Gilbert & Sullivan-Expertin an diesem Theater.

O nein, das möchte ich nicht sagen!

Haben Sie denn schon mal vor den PIRATEN VON PENZANCE, in denen Sie ja auch mitgewirkt haben, schon mal Gilbert & Sullivan gesungen?

Jaa, ja, ja. Yum-Yum hatte ich gemacht, Mabel hatte ich gemacht, natürlich. „Trial by Jury“ und auch „Iolanthe“.„Pinafore“ habe ich selber nicht gemacht, aber innerhalb meiner Familie waren „Pinafore“, MIKADO und die PIRATEN die beliebtesten Stücke.

Wird es eine traditionelle Inszenierung?

Halb-halb, würde ich sagen. Ich war nicht sicher, denn die PIRATEN waren sehr traditionell, und ich hatte das Gefühl, der Regisseur wollte sich vielleicht nicht selber wiederholen. Ich bin angenehm überrascht zu sehen, dass er das nicht tut, und trotzdem – Es ist eine gute Balance, würde ich sagen, zwischen modern, von der Ausstattung, und trotzdem japanisch. Und dass wir auch Gilbert & Sullivan entsprechend spielen. Ich bin zufrieden, wirklich. Ich war am Anfang nicht sicher: Wird es wieder gut klappen? Aber ich fühle mich wohl, es ist jetzt traditionell genug. Wir müssen nicht an irgendetwas kleben, natürlich, das wäre auch falsch.

Sie übernehmen die Partie der Yum-Yum. Erzählen Sie uns ein bisschen davon.

Yum-Yum ist das junge Mädchen, das jetzt aus dem Internat kommt. Sie ist schon Koko, dem Schneider, versprochen, mit ihm verlobt. Da ist sie nicht begeistert, weil Koko viel älter ist als sie. Sie will leben, sie will etwas erleben. Eine sehr angenehme Partie zu singen. Insgesamt finde ich, Mikado hat sehr schöne Melodien. Sie soll auch spritzig sein, aber sie hat eine sanfte, runde Seite. Aber ist, ja, hoffentlich auch witzig. Das ist mein Ziel.

Welche Freiheiten haben Sie bei der Interpretation dieser Rolle gehabt?

Ich konnte mit dem Regisseur Holger Seitz schon darüber reden, wie ich es schon erlebt habe. Das ist natürlich nicht immer der Fall. Viele Regisseure wollen das nicht wissen. Das war sehr schön. Auch mit Benjamin Reiners, dem Dirigenten. Das war sehr schmeichelhaft, dass er zuhören wollte, was ich schon gehört hatte. Ansonsten – Ich fühle mich sehr als ein Teil von einer Gruppe. Es ist nicht so, als ob ich plötzlich sage: Ich will unbedingt zwei Schritte vor den anderen stehen. Das entspricht nicht meinem Wesen. Ich will mich eigentlich anpassen und trotzdem der Rolle gerecht werden.

Was ist das Schönste an Ihrer Partie – Sie haben gerade schon erwähnt, dass sie sehr rund ist und sanft – und was ist das Schwierigste daran?

Ja, manches scheint sehr leicht und sehr einfach. Ich glaube, das ist eine Binsenweisheit: Was leicht scheint, ist meistens nicht so. Man muss es trotzdem machen wie der Schwan auf dem See, so elegant oben: Man sieht überhaupt keine Mühe, aber unter dem Wasser arbeitet er wie verrückt. So muss es bei uns auch sein. Das Lied von Yum-Yum liegt mir sehr am Herzen, und das muss mühelos und schwebend klingen. Das ist manchmal leichter, und manchmal nicht.

Yum-Yum ist, wie Sie vorhin schon gesagt haben, ein junges Mädchen, das gerade aus dem Internat kommt und sich in Nanki-Poo verliebt. Aber als sie dann hört, dass sie, wenn er stirbt, mit verbrannt werden soll, da flacht die Liebe dann schon ein bisschen ab. Ist sie wankelmütig?

Nein, ich sehe das nicht so: Koko hat auch vorher im Finale eins gesagt, dass er bereit ist, Yum-Yum aufzugeben. Und er liebt Yum-Yum sehr, keine Frage! Aber er liebt sich selber mehr. Da, finde ich, ist Gilbert einfach vernünftig. Let’s be honest! Wie viele wollen wirklich lebendig begraben werden, auch für den schönsten Adonis der Welt? Ein brutaler Tod! Das verzeihe ich ihr. Ich sehe das nicht als wankelmütig, aber das ist schon viel verlangt, oder? Nicht realistisch. Und vor allem glaube ich, das ist auch das Schöne an Gilbert und Sullivan: Die zeigen die Ideale, und wichtige Leute, Autoritäten, und sagen: Komm. Let’s look at what it really is like. Schauen wir es uns an, wie es wirklich ist: Die meisten Leute, die wichtige Positionen haben, haben keine Ahnung. Die meisten Leute, die sagen, dass sie verliebt sind – naja, also: Was ist Liebe?

Aber Nanki-Poo und Yum-Yum werden glücklich am Ende.

Genau. Jaaa. Es gibt ein Happy-End. Das war lange vor Walt Disney!

Waren Sie schon mal in Japan?

Ja, das war ich, insgesamt dreimal. Ah, das habe ich vergessen bei der Frage vorher. Ja, da war ich mit Sawallisch, da war ich mit einem Projekt, in der Münchner Partnerstadt Sapporo. Da war ich mit einer Tournee für eine Kinder-Aufführung der „Zauberflöte“. Und noch einmal. In der Santori Hall habe ich auch die „Schöpfung“ gemacht.

Ist Ihnen dabei auch das traditionelle Japan begegnet?

Es war eine Augenweide. Denn es ist so voll, so viele Leute da auf kleiner Fläche. Sehr modern, sehr amerikanisch. Und tatsächlich dann doch diese Punkte von einer ganz anderen Kultur. Auf den ersten Blick denkst du: Oh, die haben zuviel von Amerika übernommen. Und dann siehst du: Nein, das stimmt nicht. Eine Hochzeit zum Beispiel. In einem Hotel, wo ich übernachtet habe, da gab es sehr viele Hochzeiten. Da war ich tatsächlich acht Wochen lang. Und, oh meine Güte, wie sie sich schmücken, Kimonos und Obis, das ist wirklich fantastisch! Ich glaube, da müsste man längere Zeit da bleiben, um es wirklich zu verstehen. Ich glaube, es ist immer noch schwierig, eine Frau zu sein dort. Als ich nach der ersten Tournee wieder zurückgeflogen und in Frankfurt gelandet bin, dachte ich: „Ja, jetzt bin ich wieder in meiner Welt, meiner Kultur.“ Obwohl ich Irin bin! Aber das war so ganz anders in Japan. Es war faszinierend.

Im MIKADO ist Kritik an der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Großbritannien verpackt – sehen Sie da auch aktuelle Bezüge?

O ja. Komisch, als Sie gesagt haben: 19. Jahrhundert – ja, das stimmt. Ich meine, mein Gott, mit Berlusconi oder – ja, vielleicht sollte man nicht zu viel sagen. Aber Pooh-Bah ist natürlich ein fantastisches Beispiel für Korruption in Regierungen. Ja, aktuell auf jeden Fall. Ich glaube, das ist ein Teil des Reizes von Gilbert & Sullivan, oder? Nicht nur, dass die Musik hübsch ist, aber dass es immer noch so auf den Punkt trifft.

Können Sie uns erklären, warum der MIKADO das erfolgreichste Stück von Gilbert & Sullivan ist?

Hmm. Ich finde, es hat durchweg die stärkste Musik. Fast jede Nummer ist gut. Aber das ist vielleicht zu einfach, ich weiß es nicht. Ich glaube auch, dass es dieser Kontrast zwischen Japan und der westlichen Welt ist, das ist es auch vielleicht, eine gelungene Handlung, gelungener Text. Aber, gute Frage, denn, ich meine, PIRATEN hat auch starke Nummern. Aber es gibt so viele „winners“ in MIKADO, und so viele, die umgangssprachlich bekannt sind, immer noch, in der englischen Sprache. Ich glaube, das muss es sein, oder?

Ist der Humor dieses Stückes ein englischer, oder ist es ein allgemeingültiger?

Ich behaupte, guter Humor ist dann vielleicht doch allgemein. Aber es hat natürlich diese englischen Nuancen. Wie dieses berühmte Understatement. Ja.

Noch ein paar abschließende Fragen: Haben Sie Lampenfieber, und wenn ja, was tun Sie dagegen?

Es kommt darauf an. Ich bin schon lange dabei, aber wenn es etwas Neues ist, insbesondere wenn es ein neues Stück ist oder vielleicht ein neuer Spielort, kann es mir auch passieren. Nicht in der Art wie viele Leute, dass ich da schwitze und flattere, nein, ich merke, dass meine Konzentration vielleicht nicht fokussiert ist oder dass ich das Gefühl habe: O Gott, jetzt bin ich müde. – Und das ist natürlich Quatsch: Das bin ich nicht. – Was tue ich? Ja, vor vielen, vielen Jahren hat eine Lehrerin mir gesagt: „The antidote to nerves is a clear conscience.“ (Gegen Nervenflattern hilft ein reines Gewissen.) Und das stimmt. Wenn man das Gefühl hat, ich habe wirklich meine Hausaufgaben gemacht, ich habe alles gecheckt, ich bin rechtzeitig ins Bett gegangen, ich habe wirklich dieses Stück in mir drin, dann muss man, auch wenn das Herz klopft, sagen: „Beruhige dich. Es wird gut.“ Und auch bei Stressbewältigung sagt man sowieso: „Denk nicht zu weit voraus!“ Denk nur an die nächste Nummer, oder den nächsten Takt, oder das, was als Nächstes passiert. Und das versuche ich.

Der Mikado

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf, und was ist das Nervigste?

Ich empfinde es schon als sehr schön – auch wenn ich vorher gelästert habe über die Arbeitszeiten, aber die Tatsache, dass ich nicht irgendwo um 8 Uhr sein muss, oder jeden Tag das gleiche habe. Es gibt schon viel Abwechslung. – Das Nervigste ist, dass man immer selbstkritisch sein muss und immer eigentlich demütig sein muss und sagen: Nein, wir müssen wieder von vorne anfangen. Dass man immer sich selber betrachten muss, das finde ich schwer. Aber das ist nur eine Seite. Ja, es gibt sehr, sehr viel Konkurrenz. Und da muss man ehrlich sein und sagen: „Ja, das habe ich nicht gut gemacht.“ Oder Kritik, natürlich. Ob es in einer Zeitung ist, dann musst du das – ja, ich finde nicht am nächsten Tag lesen. Aber vielleicht in einem Monat oder so. Oder man hört es. Es gibt so viele Sänger, die sagen: „Ich lese es nie.“ Das stimmt. Ich suche es nicht heraus. Aber irgendjemand dann sagt: „Oh, übrigens, das tut mir leid.“ Oder: „Übrigens, Gratulation!“ Und dann siehst du es, und dann musst du wirklich ehrlich sein und überlegen: „Was ist dran? Stimmt das? Stimmt das nicht?“ Ich finde diese Nabelschau manchmal nervig.

Haben Sie noch eine Wunschpartie?

Nein. Das klingt jetzt nicht besonders ehrgeizig, aber: Ich würde gerne viel mehr ins Oratorium gehen. Früher habe ich mehr, wie gesagt, „Schöpfung“ und „Messias“ und „Matthäuspassion“ gemacht. Ich würde gerne zurück ins Konzertfach gehen. Allerdings bin ich ein Bühnenmensch, das stimmt. Ich würde gerne … das ist jetzt ein Geheimnis: Ich würde gerne etwas spielen, ohne Gesang. Straight. Wirklich Sprechtheater. Aber ich würde es niemandem auf Deutsch zumuten. Also dann auf Englisch. (Lacht.)

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses tolle Interview und Toi-toi-toi für die Premiere!

Vielen Dank! Es hat Spaß gemacht!

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