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Tierkunde I

iconentwurf2-1 In einem Opernhaus begegnet man so manchem seltsamen Getier, wie Andreas M. Bräu beobachtet.
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Premiere: Die Zirkusprinzessin, 19.07.2014, Gärtnerplatztheater (im Cirkus Krone) – Nachtkritik

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Hat irgendjemand hier Tschitti gesehen? Ja? Hat es Ihnen gefallen? Dann sind Sie bei der Zirkusprinzessin bestens aufgehoben, die ist nämlich noch um Längen besser. Ein Wirbel aus Musik und Farben. Der Regisseur hatte hier alle Voraussetzungen, die es braucht, um eine fabelhafte Operette auf die Beine zu stellen, und er hat sie alle genutzt. Das ist so selten, dass man den Hut ziehen muss. Oder? Stimmt das überhaupt, mit den optimalen Voraussetzungen? Eigentlich hatte er anfangs gar nichts, nur eine Zirkusmanege. Das klingt zwar erst mal gut, ist aber in Sachen Bühnenbild eine Herausforderung (um nicht zu sagen: ein Problem) und akustisch ähnlich schwierig wie der Gasteig, nur eben ganz anders, weil rund statt eckig. Dirigent, Orchester und Tontechniker machen das Beste aus den Gegebenheiten. Kálmáns Musik ist toll, lauter Gassenhauer, die man nicht kennt, aber eigentlich doch.

Clowns und Pierrots tänzeln durch das Zirkusrund, mal albern, mal melancholisch. Weil es kein Bühnenbild im klassischen Sinne gibt, konnte man sich bei den Kostümen austoben. Alle Farben des Regenbogens sind geboten. Man fühlt sich an pointillistische Impressionen erinnert, vielleicht Seurats Zirkusreiterin, aber mit Smarties ausgelegt. Es wird Frühling in Sankt Petersburg, die Herzen und Rosen fliegen nur so durch die Gegend. Die Clownerie rahmt die Liebespärchen ein. Von diesen gibt es – Moment, ich muss nachzählen – mindestens vier. Am schönsten ist die Liebesgeschichte zwischen dem berühmten Zirkusreiter Mister X und der verwöhnten Fürstin Fedora Palinska. An dem Standesunterschied zwischen den beiden ist die Fürstin nicht ganz unschuldig, obwohl sie nichts dafür kann. Die Liebe, versucht er ihr zu erklären, kümmert sich nicht darum, ob sie einen Adeligen oder einen Artisten trifft. Diese Amour Fou ist so romantisch, dass es schon nicht mehr kitschig ist.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Genauso wild verliebt, und hinreißend komisch, das Buffo-Pärchen Mabel (zickig und zauberhaft) und Toni (phänomenal phantastisch). Die beiden Energiebündel fegen über die Bühne. Toni reist dem Zirkus hinterher, weil Mabel dort auftritt. Mit Tonis Avancen ist sie erst mal überfordert. Jessasmariadajosef!, jammert Miss Mabel Gibson, die in Wirklichkeit gar keine Engländerin ist und die Sprache auch nicht spricht. (Auf Englisch hieße das: Oh my God!) Mabels Reputation als Pudeldompteuse ist zweifelhaft, ihr guter Ruf als anständiges Mädel soll jedoch bis zur Verheiratung unangetastet bleiben. Tatschen und tasten darf er also nicht, da gibt es gleich was auf die Finger. Toni ist der Sohn vom “Erzherzog Karl”, genauer gesagt: seine Mutter besitzt ein Hotel dieses Namens in Wien. Dieser kleine semantische Unterschied wird noch von Bedeutung sein.

Prinz Sergius will die reiche Fedora für sich gewinnen und verheddert sich in seiner eigenen Intrige. Bei den Husaren sitzen die Pistolen locker - deswegen wohl die Altersbeschränkung auf zwölf Jahre. Wen zwei Schüsse nicht stören (es knallt ganz laut, aber auf der Bühne kommt keiner zu Schaden), der kann auch sehr viel kleinere Kinder in die Vorstellung mitnehmen. Meine Meinung. Zierliche Püppchen fliegen durch die Luft, die schneidigen Husaren fallen der schönen Dame zu Füßen. Von der mächtigen Fürstin lassen sie sich eine Abfuhr noch gefallen, von den Dienstmädchen vermutlich nicht – da schwingt schon auch unterschwellig eine Form von Sozialkritik mit. Es gibt eine Blitztrauung, Blitzeis, Schnee und Schneemann. Elegante Herrschaften rutschen auf der imaginären Eisfläche aus. Eisbär, Hund und Pelikan treten in der Manege auf. Die Spitzenwäsche, von der Toni singt, bekommt man dann sogar zu sehen, von zwei entzückenden finnischen Artistinnen säuberlich aufgestapelt.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Showdown, zwölf Uhr mittags in dem feinen Wiener Hotel “Erzherzog Karl”. Die Fürstin und ihr Mister X streiten sich, und das auch noch ohne sich anzusehen, sozusagen über Bande: Es geht um die leidigen Standesunterschiede. Oder? Toni indessen hat seine Mabel auf Zimmer 16 einquartiert und wartet auf den richtigen Moment, um der resoluten Frau Mama seine Eroberung vorzustellen. Im Hotel geht jedoch alles drunter und drüber: Der Portier geht den halben Tag spazieren, Linzer Schnitte ist schon fast aus, und irgendjemand muss auch noch den Wintergarten saubermachen. Die Hotelchefin siezt ihren Oberkellner Pelikan immer noch, obwohl man sich nach 25 Jahren doch schon sehr gut kennt. Der Pelikan, ein berühmter Wiener Schauspieler, verwandelt die operettentypische ruhige Phase kurz vor dem Ende in einen spannenden Krimi. Auch der Zirkusdirektor und seine Frau greifen noch einmal in das Geschehen ein. Der Chor des Gärtnerplatztheaters spielt und singt fantastisch.

Die Atmosphäre bei diesem Stück ist von Anfang an etwas ganz Besonderes. Es war mir schon bei der Einführungsmatinée aufgefallen: diese fast übermütige Grundstimmung, die entsteht, wenn bei den Proben zu einer Komödie alles rund läuft und das Ensemble sich kennt und schätzt. Das Libretto wurde etwas umgeschrieben, was der Zirkusprinzessin sehr gut tut. Ein wilder Spaß. Der ultimative Ritterschlag kam von Yvonne Kálmán, der Tochter des Komponisten. Sie ergriff bei der Premierenfeier das Wort, sagte, sie sei vom vielen Bravo-Rufen schon ganz heiser und verlieh dem Regisseur, Josef E. Köpplinger, den Titel “DER Kálmán-Regisseur”. Das ist ein Adelstitel, den man nicht erben kann. Den muss man sich erarbeiten.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Die Zirkusprinzessin. Operette von Julius Brammer und Alfred Grünwald. Musik von Emmerich Kálmán. Musikalische Leitung: Karsten Januschke a.G. Regie: Josef E. Köpplinger. Choreografie: Karl Alfred Schreiner. Bühne: Rainer Sinell. Kostüme: Marie-Luise Walek. Licht: Michael Heidinger. Besetzung: Fürstin Fedora Palinska: Alexandra Reinprecht. Prinz Sergius Wladimir: Erwin Windegger. Rittmeister Graf Saskusin: Simon Heinle. Leutnant von Petrowitsch: Matthias Schlüter. Baron Peter Brusowsky, Adjutant: Frank Berg. Zirkusdirektor Stanislawski: Franz Wyzner. Wanja, dessen Frau: Gisela Ehrensperger. Mister X: Daniel Prohaska. Miss Mabel Gibson: Nadine Zeintl. Carla Schlumberger, Hotelbesitzerin: Sigrid Hauser. Toni Schlumberger, ihr Sohn: Otto Jaus. Pelikan, Oberkellner: Robert Meyer. Maxl, Piccolo: Alexander Wertmann. Frantischek, Portier: Fritz Graas. Fedja, Billeteur/Kellner: Jan Alexander Naujoks. Mascha: Ulrike Dostal. Offiziere: Thomas Hohenberger, Dirk Lüdemann, Adrian Sandu, Stefan Thomas, Marcus Wandl. Artistinnen: Stina Kopra, Lotta Paavilainen. Jongleur: Thomas Dietz. Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz: Rita Barao Soares, Anna Calvo, Ariella Casu, Aina Clostermann, Camilla Montesi, Natalia Palshina, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Francesco Annarumma, Matteo Carvone, Davide Di Giovanni, David Hemm, Russell Lepley, Filippo Pelacchi, Morgan Reid, Javier Ubell. Chor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz. In Kooperation mit der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Altersempfehlung ab 12 Jahren.

 

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Premierenfieber

Ansichten eines Akteurs Selbst den erfahrensten Profi kann es erwischen, das Premierenfieber.

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Einführungsmatinée: Die Zirkusprinzessin, 06.07.2014, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Die Zirkusprinzessin Frivol, liederlich, sittengefährdend… das wurde der Operette früher gerne vorgeworfen. Operetten waren ein Spaß fürs Volk, den man in Varietés und Music Halls aufführte, Ich habe den Verdacht, an diesem Anspruch wird sich die neue Inszenierung der Operette Die Zirkusprinzessin orientieren. Hoffe ich jedenfalls. Hat man mir angedeutet. Ich kenne nämlich jemanden, der einen kennt, der mit jemandem gesprochen hat, der bei dem Stück mitmacht… In den guten alten Zeiten wurde übrigens auch Mozarts Entführung aus dem Serail als Operette bezeichnet; diese Genrebezeichnung ist also insgesamt nicht wirklich hilfreich. Die Zirkusprinzessin wird im Zirkus-Krone-Bau aufgeführt werden: Die Gelegenheit, diese Spielstätte für diese Operette zu nutzen, war einfach zu gut.

Auftritt Christoph Wagner-Trenkwitz, der Moderator, Dramaturg, Festspielintendant, Schauspieler und Tausendsassa aus Wien, der in bestgelaunter Hochform war, was wirklich ein Hochgenuss ist. Gleich zu Anfang gab es einen Running Gag für Insider, will sagen: für die regelmäßigen Matinée-Besucher. Der Moderator wies mit strahlendem Lächeln darauf hin, dass er zwei gleiche Schuhe trug. Um den darauf einsetzenden Applaus zu verstehen, muss man ein bisschen in die Annalen zurückgreifen: Es begab sich nämlich bei der Einführungsveranstaltung zu einer anderen Operette (der Bettelstudent war’s), dass der Moderator in der Eile im heimischen Schuhschrank zwei unterschiedliche schwarze Schuhe erwischt hatte (glücklicherweise einen rechten und einen linken), die er dann mit Nonchalance zu seinem Anzug trug, nicht ohne das Matinéen-Publikum im Vorfeld höflich darauf hinzuweisen. (Das war eine rücksichtsvolle Geste, damit diejenigen, die eine Matinée mit zwei spiegelsymmetrischen Schuhen gebucht hatten, ihre Eintrittskarten zurückgeben konnten… nehme ich zumindest an.)

Also gut, was zeichnet eine gute Operette aus? Ein Stichwort, an das man anfangs gar nicht denkt: Standesunterschiede. In fast allen Operetten wird der Gegensatz zwischen dem Adel und dem niedrigen Volk thematisiert, ein großer Graben, der immer für einen Lacher oder eine Anspielung gut ist und der willkommenerweise für die nötigen Probleme sorgt, welche dann im dritten Akt gelöst werden bzw. sich in Luft auflösen. Bei der Zirkusprinzessin sieht das so aus: Ein junger, attraktiver Mann in einem bürgerlichen Inkognito verschaut sich… in eine Adelige. Nachdem er in Wirklichkeit auch aus adeligem Hause ist, kann man schon recht bald die Nachtigallen trapsen hören.

Anwesend bei dieser Matinée war Charles Kalman, ein Sohn des Komponisten Emmerich Kalman. Das Lied “Zwei Märchenaugen” ist wohl das bekannteste Stück aus der Zirkusprinzessin, und dementsprechend sind diese zwei Wörter auch auf den Werbeplakaten des Gärtnerplatztheaters zu sehen, großgedruckt und quietscherot auf giftiggrünem Hintergrund. “Als Sehtest lässt sich das nicht wirklich verkaufen”, lästerte CWT. Aber ja doch, für die Untersuchung von Rot-Grün-Blindheit bietet sich gerade dieses Plakat doch an… Wer “Zwei Meerschweinchenaugen” sagt, wie die hochgeschätzte Bayerische Kammersängerin Gisela Ehrensperger, fängt sich zumindest einen vielsagenden Blick des Moderators ein.

“In Österreich wird ja nichts so schnell abgeschafft”, deswegen gibt es die Adelstitel aus den Operetten alle noch in der Wirklichkeit (und dazu noch einige mehr). “Ich habe auch einen Freund, der ist Fürst, und der lässt’s mich fast nie merken…” Der junge Adelige aus dem Märchen, äh, aus dieser Operette, ist ein blondgelockter Jüngling namens Daniel Prohaska. Er erzählte, dass er sein Debüt am Gärtnerplatztheater mit Hello Dolly hatte, im Jahr 2001. Vor kurzem sang er einen Tassilo, und da ist die Zirkusprinzessin jetzt fast eine Umstellung, weil hier der Mister X einen Ton tiefer liegt. Die Gesamtstimmung ist also anders, etwas baritonaler. Deswegen hatte er sich an jenem Morgen mit Mozart eingesungen, um die Stimme wieder zu “verschlanken”.

Die Zirkusprinzessin Karl Kraus mochte Operette nicht, erzählte der Moderator. Offensichtlich mochte er auch das Operettenpublikum nicht: “Auf der Galerie bemerkte man die, die bei der Mariza-Premiere noch in den Logen saßen…” Die Uraufführung der Zirkusprinzessin, am 26. März 1926 im Theater an der Wien in Wien, dauerte 6 Stunden. In Worten: sechs. Das Publikum konnte nicht genug bekommen. Mit den Zerstreuungen war es damals nicht so weit her, der Tonfilm sollte erst 1930 erfunden werden. Die Kritiker überschlugen sich und schrieben von der “Ekstase der Aufmachung”. Es gab Bären, dressierte Hunde und 16 Kosakengirls mit Marzipanbeinen. Als es bei der Uraufführung verbrannt roch (vermutlich hatte ein Scheinwerfer sich nach fünfeinhalb Stunden verabschiedet) behauptete Hubert Marischka, das sei inszeniert gewesen. Besagter Marischka war bei der Uraufführung übrigens erster Tenor, Theaterdirektor und Regisseur der Zirkusprinzessin in Personalunion.

Der Dirigent Karsten Januschke, der für diese Operette als Gast geholt wurde, stammt aus Schleswig-Holstein, hat aber in Wien studiert und gearbeitet. Dieses Stück ist sein erster Kalman. Er sprach über die musikalischen Besonderheiten der Zirkusprinzessin: Der Komponist Emmerich Kalman ist noch beim Tanz, sagte er. Es gibt in diesem Stück Einflüsse aus Amerika, Foxtrots, Wiener Walzer, Shimmys, Modetänze. Das ungarische Kolorit ist eine Herausforderung. Das typische “rubato” ist in kleiner Besetzung noch recht einfach zu spielen, artet aber im großen Orchester zuweilen in eine Rubatoschlacht aus, kommentierte der Moderator. “Rubato” bedeutet wörtlich “geraubt”, das heißt: ein leicht verschobenes Taktmaß, das beschwingte Effekte wie im Jazz erzeugt. Es muss aber sehr korrekt gespielt werden, weil die geraubten Taktbruchteile nach Art eines “ehrlichen Diebes” wieder zurückgegeben werden sollen. Das ist aber nicht die einzige Schwierigkeit: Im Zirkus Krone dreht der Dirigent der Bühne den Rücken zu, man behilft sich mit Monitoren, und überdies ist die Akustik eher hallig. Außerdem instrumentiert Kalman nicht gerade bescheiden, sagte der Dirigent. Das bedeutet, man muss sehr bewusst musizieren und auf Transparenz achten. Ausgedünnt wird aber nicht, alle Instrumente bleiben in der vorgesehenen Anzahl, weil der Dirigent großen Respekt vor der Arbeit des Komponisten hat: Es gibt einen Klavierauszug mit Instrumentationsbezifferung, wie das bei Operetten oft so ist, und dieser Klavierauszug wurde von Kalman derart mühevoll und akkurat ausgearbeitet, dass davon auszugehen ist, dass sich der Komponist schon was dabei gedacht hat.

Nun “wollen wir einen Schlager uns akustisch anhören”, sagte CWT, unter besonderer Berücksichtigung des Schüttelreims. “… diese kleinen Zirkusfeen, achte, neune oder zehn, wär’n mir nicht zuviel…” Das klingt ja vielversprechend. Wenn sich da mal keiner übernimmt… Im nächsten Schlager wird aber angedeutet, dass manch einer schon um eine einzige dieser Zirkusfeen froh wäre: “… ach wie das duftet, wie das rauscht, wenn sich beim Tanz…” – wie ging es weiter? Das Röckchen bauscht? Ich hab’s vergessen, aber das Prinzip ist klar, wie in der “Bar zum Krokodil” von Fritz Löhner-Beda: Reim dich oder ich fress dich. Da reimt sich das Wort “Trikot” auf “apropos” und vielleicht noch auf “Pernod”, aber damals dachte jeder, der das hörte, an das ungesagt bleibende Reimwort “Po”. Darauf käme heute kein Mensch – und da heißt es immer, unsere Gesellschaft wäre heutzutage so hypersexualisiert? Gegen die Schwerenöter von damals sind wir Waisenknaben! (Misstrauisch überlegt man, was die beiden Trikotagenhersteller im Weißen Rössl wirklich zu bedeuten haben…)

“Erotik ist die Kunst des Nichtgesagten”, wurde dem gespannt zuhörenden Publikum erklärt. Geraschelt werden darf aber schon, nämlich mit der “Spitzenwäsch”, welche diese kleinen Zirkusfeen wohl untendrunter tragen und die in dem Schlagertext eine wichtige Rolle einnimmt, als Symbol für das Unerreichbare, raschelnd, mit eingebauter Alarmanlage sozusagen.

“Wie ist das, in einem Zirkus eine Operette zu behaupten?”, fragte CWT den Regisseur, Josef E. Köpplinger. Dieser schwärmte vom Zirkus Krone, weil das Publikum dort viel näher am Geschehen dran ist als in einem Opernhaus. In der Spielstätte Zirkus-Krone-Bau werden die Sänger mit Mikrofonen verstärkt. Es ginge auch ohne, für das Publikum jedenfalls, aber die Mitwirkenden in der Manege verstehen sich dann akustisch nicht. Statt sechs Stunden wird die Zirkusprinzessin zweidreiviertel Stunden dauern, das ist auch ganz ordentlich, aber im üblichen Rahmen. Die Tänzer der Ballettkompanie werden eingesetzt, und zwar als Clowns; eine Allegorie auf das Leben. Karl Alfred Schreiner erzählte charmant von seinen Tänzern, die sich da mit Spaß und Verve hineinwerfen. So wird das Motto “Zirkus” bedient, als Unterbau für die Sänger und als atmosphärische Grundlage für das ganze Stück. Im Zirkus-Krone-Bau gibt es keine Drehbühne, keine “Züge”, an denen man Elemente hinunterlassen oder hochziehen könnte, kurz gesagt: nichts, was ein modernes Theater gerne so hat und braucht. Das macht es für den Bühnenbildner entweder sehr schwer oder ganz leicht. Da braucht man sich nicht mal mehr Gedanken machen, ob das Glas nun halb  leer oder halb voll ist. Rainer Sinell hatte beschlossen, das Glas als ganz voll zu betrachten und schwärmte von der Ähnlichkeit der Zirkusmanege mit dem griechischen Amphitheater oder der Shakespeare-Bühne.

“Das Stück ist frauenfeindlich”, sagte der Regisseur, “da muss man aus heutiger Sicht respektvoll draufschauen.” Ja, das ist bestimmt richtig. Wobei ich, die ich nicht politisch korrekt sein muss, der Meinung bin: ein bisschen Sexismus tut einem komischen Stück oft sehr gut. “Man kann Operette lieben, ohne ein seltsames verstörtes Weichei zu sein – das muss man gesellschaftlich weitergeben”, sagte der Intendant, äh, Regisseur, egal, jedenfalls war es nicht der erste Tenor. Die schneidigen Husaren sind ja eine zweischneidige Sache, und Josef E. Köpplinger bekannte sein Unbehagen beim Anblick von Uniformen. Der Moderator stimmte zu: “Husaren… da liegt die Vergewaltigungsfreude auch in der Luft.” Man lobte die Freiheiten der heutigen Zeiten – wobei natürlich Husaren heutzutage weniger Freiheiten haben als früher. “Wie in Schnitzlers “Reigen”… da hatte nicht jedes Stubenmädel die Freiheit, Nein zu sagen”, sinnierte der Regisseur. In Ungarn gibt es derzeit nicht ganz so viele Freiheiten; Oper unterliegt der Zensur (!), und es wird dort gar nicht so viel Kalman gespielt, wie man meinen sollte. Der Intendant arbeitet lieber an Lösungen als an Problemen: “Es wird so viel gegen die Machbarkeit des Theaters geschrieben. … Das Dagegensein ist mehr zur Mode geworden in der Kunst als das Dafürzusein und es mal zu wagen.”

Otto Jaus imitierte Peter Alexander, Nadine Zeintl spielte eine Szene so energisch, dass sie ein Wasserglas zerbrach und die Scherben unter die Stühle flogen, Alexandra Reinprecht machte einen lieblichen Eindruck, und der fabelhafte Franz Wyzner samt Bühnengattin hatten einen zauberhaften Auftritt. Robert Meyer, unter anderem ein hervorragender Schauspieler aus Wien, wird hier sein Bayern-Debüt geben. Als Pelikan. Zum Abschluss sang in einer Uraltaufnahme Richard Tauber. Richard Tauber ist “… der Erfinder des Vokals “ngh”…”, erläuterte der Moderator. Man vermeinte, in dieser näselnden Stimme Pomade und Monokel zu hören. Ganz große Klasse.

 

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Canapés auf dem Kanapee

Gärtnerplatzfest Ja, von wegen. Ich träume ja immer davon, den ganzen Tag in Spitzenwäsche auf der Chaiselongue zu liegen und Häppchen zu mampfen – oder wenigstens wie ein brasilianisches Faultier vom Baum zu hängen und vor mich hin zu grinsen, gerne auch in Begleitung eines Aperols – aber meistens kommt da was dazwischen. Gestern war das zuallererst eine sehr interessante und superkomische Einführungsmatinee, für die ich extra früh aufgestanden bin. (Früh? Naja, jedenfalls aufgestanden.) Die Gelegenheit, die Theaterprominenz, die bei der nächsten Premiere auf der Bühne stehen wird, live und in Farbe ganz aus der Nähe zu sehen… das hat schon was. Nein, ich habe nicht nach Autogrammen gefragt. Ich bin zu schüchtern. Egal.

Die Zirkusprinzessin, eine zauberhafte Operette von Emmerich Kalman, wird große Klasse werden. Nun ist ja die Operette das Aschenputtel im Musiktheater: hinreißend supertoll, wenn sie gut gemacht ist. Zuschauer mit wenig Erfahrung im Musiktheater halten Operette entweder für viiiel zu anspruchsvoll und intellektuell (schließlich ist da das Wort Oper enthalten, was für den Enthusiasten nach “Spaß und Spiele” klingt, für viele Laien aber anscheinend eher in einer Liga mit Steuererklärungen und Zahnarztbesuchen spielt)… oder aber, das andere Extrem, man hält Operette für zu prollig, so ein Wechselbalg, das irgendwo zwischen König der Löwen und Heino angesiedelt ist. Kinder, neiiin!! Eine gut gemachte Operette ist mit das Genialste, was es gibt. Und, man kann es nicht oft genug wiederholen, sehr anspruchsvoll zu singen.

Bei dieser Einführung traf ich eine ganz entzückende Bekannte, die Operetten nicht ausstehen kann: “Das ist mir zu zuckrig. Ich mag auch beim Essen keinen Zucker”, sagte sie mit reizendem Lächeln. “Wer das mag, für den ist es ja schön. Meine Oma hat sowas immer gehört. Ich dachte, die Operette wäre schon lange tot?” Nein, Schätzchen. Da, wo du wohnst, ist sie das vielleicht. Bei uns ist sie ziemlich lebendig.

Dann sagte sie noch kopfschüttelnd: “Nein. Operette ist so… reaktionär.” Dieses Wort rief später bei meiner Münchner Clique brüllendes Gelächter hervor. Woraufhin ich erst mal bei Wikipedia nachschauen musste: Re-ak-ti-o-när, reaktionärer, am reaktionärsten. Synonyme: Erzkonservativ, fortschrittsfeindlich, rückschrittlich. Oh. Ach deswegen haben die so gelacht. Unser Lieblingstheater, das Gärtnerplatztheater, ist derzeit vermutlich das modernste Theater Deutschlands: Jeden Tag gibt es was Neues. Sogar die Zuschauer müssen im Gegenteil reaktionsschnell und flexibel sein. Dieses Theater verlangt zur Zeit sehr viel von allen Beteiligten. Umbauphasen sind Umbruchphasen sind anstrengend. Aber, wie meine Freundin sagte: We are the survivors. Das ist nicht immer lustig, aber meistens schon. Da müssen wir jetzt durch, solange das Stammhaus noch umgebaut wird. Der Intendant hat seine Leute arrondiert wie ein Schäferhund seine Schafherde. Das ist auch richtig so. Genauer gesagt: es ist in so einer Situation absolut notwendig. So kann man gelassen in die neue Spielzeit sehen.

Nach der herrlichen Matinee (Isch liiiebe disch!) ging ich zum Mittagessen in einen der exklusivsten Klubs Münchens, den Schornstraßen-Klub, der so heißt, weil er dort vor fast 70 Jahren gegründet wurde. Da residiert er aber nicht mehr, sondern das Klublokal wechselt ständig. Neuaufnahmen gibt es nur selten, und man braucht mindestens einen Bürgen. Strenggenommen erfülle ich die Aufnahmevoraussetzungen nicht, aber ich wurde zum Ehrenmitglied ernannt, darauf bin ich sehr stolz. Gleich danach traf ich nicht ganz zufällig eine erfolgreiche Autorin historischer Romane, die für ein paar Tage in Deutschland war, und wir tranken einen Eiskaffee zusammen. Dann begab man sich zum Gärtnerplatz, wo ich die Baustelle besichtigte (sieht ganz okay aus) und en passant meinen privaten Soundcheck durchführte.

Die Akustik war eine riesengroße Überraschung: Sie war gut. Sehr gut sogar. Das ist etwas ganz Ungewöhnliches, denn - nur mal unter uns Betschwestern gesagt – ich war jetzt seit soundsoviel Jahren immer auf diesem Gärtner-Open-Air, und der Sound war immer unter aller Sau. Egal, auf welcher Bierbank ich saß. Okay, vielleicht bin ich zu streng: Er war nicht optimal. Gewesen. Dieses Jahr jedoch hatte man die Bühne zwanzig Meter nach links verschoben, und das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich übertreibe nicht; die Klangqualität war fast so gut wie in einem Konzertsaal, und das von jeder Position aus.

Dann wurde ich einem Künstler aus Südafrika vorgestellt, den ich schon lange mal kennenlernen wollte, und der zur Zeit in München ausstellt. Zwei seiner Werke, ein Mandela-Portrait und die Skulptur eines Kopfes, sind in einer kleinen Galerie in der Reichenbachstraße zu sehen, zwischen dem Gasthof Deutsche Eiche und dem Gärtnerplatz. Die schwarz-weißen Stelzenläufer habe ich auch noch gesehen, aber kurz vor Beginn des kulturellen Highlights musste ich gehen. Ich nehme nicht an, dass mich beim Konzert irgendjemand vermisst hat; die Rede ist von 8000 Zuhörern. Ich wäre gerne noch geblieben, der Wein war gut, die Stimmung auch und das Wetter war superb, aber ich musste los, zum ersten und einzigen offiziellen Termin meines Tages. Dort erschien ich dann mit Wattekopf und Sonnenbrand, aber das fiel gar nicht auf, weil ich sowieso zu spät dran war.

Ja, und wenn Sie jetzt glauben, ich hätte ständig Highlife und Halligalli, dann muss ich Ihnen sagen: Ja, das ist allerdings so. Jedenfalls diese Woche. Nächste Woche wäre es gar nicht so wild, wenn da nicht die Zirkusprinzessin anliefe. Die muss ich sehen, das wird ein Riesenspaß. Wie machen das andere Leute, dass sie zwei Stunden Fernsehen in ihrem Tag unterbringen? Das ist mir völlig rätselhaft, wer hat denn für sowas Zeit? Eigentlich wäre ich am liebsten ein Langweiler, der sich langweilt, aber momentan kriege ich’s echt nicht hin. Das Problem kannte schon Ödön von Horvath: Eigentlich bin ich ganz anders; ich komme nur so selten dazu.

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Alle für die Oper

Alle für die Oper

Ein Kulturenthusiast muss wetterfest sein. Sei es bei Freiluftaufführungen zwischen Gewitter und Sturmwind, sei es im Schneechaos auf dem Weg zum Theater. Insbesondere aber zur Festspielsaison, wenn die Oper für alle lockt. Was ist das für eine großartige Einrichtung, den schönsten Platz Münchens in ein Festivalgelände zu verwandeln und gemeinsam aneinander gekuschelt der Musik zu lauschen und eine Vorstellung zu erleben, die ansonsten dem betuchten Festspielpublikum vorbehalten bliebe. Das eigene Tuch spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn die Wettergötter stehen mit den Musikgöttern wohl so gar nicht auf einer Seite. Jahr für Jahr regnet es ausgerechnet an diesem Tag mit Vorliebe. Der Enthusiast ging nicht im Rhein, aber im Regen baden, als er 2012 die Götterdämmerung am Platz erleben wollte. Kaum dämmerte die Ouvertüre, ergoss sich auch der Himmel aus allen Kübeln und Hörnern. Die kunstunlieben Aufpasser einer Sicherheitsfirma verboten dämlicherweise einen Luftpolster unter dem enthusiasmierten Unterteil. Die Gefahr einer Stolperschwelle im Gefahrenfalle wäre ja auch massiv gewesen, verblieben doch einige dutzend Wettergegerbte auf dem Platz, als kurz danach der Himmel dämmerte und für etwa zwei Stunden Ruhe mit dem Regen war. Kaum starb aber Siegfried, weinte auch der bayrische Himmel erneut und am Ende des Abends waren Tränen der Erlösung vom patschnassen Regenwasser nicht mehr zu trennen.
Ein R(h)einfall? Oh nein.
Das Wetter man halt nicht kiesen kann.
In diesem Fall nun spülte das Arbeitsschicksal den Enthusiasten auf die andere Seite der Absperrung hinein ins Festspielhaus zur Tellpremiere. Nicht wehmütig, aber ein wenig verwirrt ob der Entwicklung blickte er von den Festivalstufen neben russischer Sopranistin und gealterten Schätzchen hinüber zu den vielen Enthusiasten. Vorsorglich im Cape wurden sie wieder geduscht, doch auch sie blieben, bis der Apfel platzte, ein Regenbogen seine Bahn zum Galopp zog und schlussendlich Luftballons gen Himmel stiegen. Der Enthusiast freut sich über so viele Begeisterte, die das Wetter weniger wichtig als die Kunst nehmen. Was macht schon Nässe aus, wenn Rossini wärmt? Wer braucht einen Sitzplatz, wenn er neben der/dem Liebsten auf der gleichen Decke sitzt? Wer will ausgschamde Käferhäppchen bei mitgebrachtem Sekt und Leckereien? Wer braucht das Schätzchen, wenn er einen Schatz hat?
Am Ende werden sie alle belohnt. Sie haben dem Wetter getrotzt und ausgehalten, bis die Schweiz befreit und der Himmel beruhigt war. Die Soli kamen heraus, der Bachler grüßt, der Applaus brandet auf und das höfliche Zaunpublikum leistet sich weniger Buhs als die Ränge der Ganz-Gscheiden. Warum? Weil sie den Sinn der Oper verstanden haben und nicht nur alle in den Genuss der Musik kamen, sondern alle etwas für die Oper getan haben, indem sie an einem Sommerabend zwischen Kübel, Cape und Tell gezeigt haben, dass es noch immer genügend Menschen gibt, die aus Enthusiasmus und Liebe zur Musik ausharren, genießen, loben und lieben.
Der Enthusiast zieht gerührt seinen getrockneten Hut.

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AIDA, 22.06.2014, Gärtnerplatztheater (im Prinzregententheater)

Aida Mein Männergeschmack ist ja ziemlich Mainstream, da bin ich wenig originell. Im Theater ist es oft ähnlich: Insgesamt hat das Opernpublikum frei nach Oscar Wilde einen ganz einfachen Geschmack und ist generell mit dem Besten durchaus zufrieden. Besonders fällt das bei dieser AIDA auf. Obwohl die Premierenbesetzung und die Alternativbesetzung von der ganzen Art her sehr unterschiedlich sind und daher auch die Atmosphäre eine ganz andere ist, ist das Publikum von beiden Besetzungen begeistert, und das zu Recht. Mit dieser Produktion war bis jetzt noch nahezu jeder glücklich, auch wenn die optische Umsetzung polarisiert. Ich finde die Inszenierung großartig, andere Zuschauer hätten gerne mehr Plüsch. Nun ja, Opernliebhaber sind ein buntes Völkchen. Der Regisseur jedenfalls wollte keines dieser üblichen Bühnenbilder, wo ein Schwung beliebiger Gegenstände aus der Requisite vergoldet und auf die Bühne gestellt wird. Der Eindruck von Pomp und Prunk vermittelt sich durch die Massenszenen.

Die Soundbites in der Pause sind gerade im Prinzregententheater Kunst im öffentlichen Raum, eine Art Impro-Theater, für das man auch Eintritt verlangen könnte. Hier ein paar Fetzen aus dem vom Publikum produzierten Klangteppich: “Die Musik ist voll geil.” – “Das ist deine Elektrozigarette?” – “Das System ist halt null flexibel.” - “Wenn ich bedenke, wie der Licitra geschwitzt hat…” – “Ich find die Schauspielerin halt krass theatralisch.” – ??? – Bei diesem Satz musste ich mich dann doch mal umdrehen. Ausgesprochen hatte ihn eine junge Frau, die definitiv nicht Amneris hieß. Sie wirkte ein bisschen unschlüssig, ob ihr dieses Theatralische nun gefallen sollte oder nicht. Ich drehte mich wieder weg, um sie nicht vollzutexten: “Das muss so!! Erstens sind wir hier im Theater, da darf man theatralisch sein. Zweitens ist diese Schauspielerin eine Opernsängerin, und zwar eine richtig gute. Drittens ist das Verdi. Dieses krass Theatralische. Extreme Emotionen, immer in die Vollen. Pathos, Gefühlsbäder, riesige Fallhöhen. So einer würde heutzutage bei “Game of Thrones” mitarbeiten. Und, mal ganz unter uns: Dein Boyfriend ist cool. Taubenblaue Socken zu braunen Loafern, das traut sich nicht jeder. Den solltest du unbedingt behalten…”

Aida Beide Besetzungen habe ich jetzt zwei Mal gehört, und ich kann immer noch nicht sagen, welche mir besser gefällt. Aber am Morgen nach dieser Vorstellung hatte ich beim Aufwachen die Stimme von Dubravka Musovic im Ohr, ihre Klageschreie, als sie versteht, dass ihr Liebster sterben wird. Das war unglaublich toll, absolut irre. So stelle ich mir die Schauspiel-Legende Sarah Bernhardt vor: Groß, dünn, blass, lange rote Haare und wahnsinnig intensiv. Diese Amneris ist fast so groß wie ihr Vater, der König (hier ein Sänger, der auch nicht gerade zu den Kleinen, Zierlichen zählt). In den ersten beiden Akten fand ich sie einfach nur sehr gut. Im vierten Akt aber erkennt Amneris, dass es um Leben und Tod geht, und da dreht sie richtig auf.

Was vorher geschah: Die gefangene äthiopische Prinzessin Aida liebt den Ägypter Radames. Der will unbedingt als oberster Feldherr Karriere machen, damit er dann als erfolgreicher Mann seine Aida heiraten kann. Das nächste Projekt in der Pipeline ist der Feldzug gegen die Äthiopier. Ja, ganz richtig: das Heimatland der Prinzessin. Die Situation ist absolut schizophren. In schönster aristotelischer Tradition hat Radames die beklopptestmögliche hochtragische Kombination gewählt: Die falsche Frau zur falschen Zeit am falschen Ort. Es sind sogar zwei falsche Frauen. Von der Königstochter Amneris will er zwar nichts, aber sie liebt ihn bis zum Wahnsinn, und noch dazu ist sie die Tochter vom Chef, äh, vom Pharao. Der Mann hat wirklich kein Glück, und später kommt auch noch Pech dazu: Radames ist aus Liebe zu Aida zum Hochverräter geworden, eher aus Versehen: Aida hat ihm eine hochgeheime Information entlockt, wozu sie von ihrem Vater quasi emotional erpresst wurde… der wiederum gar nicht anders handeln konnte, schließlich trägt er als äthiopischer König die Verantwortung für sein Land. Eine klassische griechische Tragödie hat der Regisseur da angelegt: Es gibt keine Hoffnung, von Anfang an steuert alles auf die Katastrophe zu.

Aida Amneris beschwört Radames, er soll sich von ihr retten lassen. Anfangs stellt sie noch Bedingungen: Wenn sie ihn also rettet, darf er Aida nie wieder sehen. Dann fleht sie ihn nur noch an. Er will nicht. “Du hast mich ins Unglück gestürzt, du hast mir Aida weggenommen”, sagt er zu ihr. Amneris behält einigermaßen die Nerven, schließlich ist sie als Pharaonentochter erzogen worden. Sie singt um sein Leben. Da ist nicht jeder Ton schön, aber wahrhaftig. (Das entspricht ausdrücklich Verdis Intentionen: Giuseppe Verdi wusste sehr gut, dass eine Frau nicht mehr lieblich klingt, wenn ihr Geliebter eingemauert werden soll.) Wie eine Zauberin steht sie vor Radames und versucht mit aller Kraft, ihn zu überzeugen. Wie es wohl sein mag, von so einer Furie geliebt zu werden? Aber vielleicht wäre diese Königstochter als glücklich verliebte Frau so sanft und zärtlich wie eine Tigerin mit ihren Jungen. “Oh! Chi lo salva?”, singt sie dann, zum Steinerweichen, wer rettet ihn jetzt? Amneris erkennt, dass es keinen Zweck hat, die Priester kommen. Ramphis zerrt sie fort. Später wird sie an der Seite des Hohepriesters über das Land herrschen.

Wegen solcher Momente gehe ich in die Oper. Es ist ja nicht so, dass ich zuviel Zeit habe und mich nur deswegen so häufig im Theater aufhalte. Nein, ich habe meine Gründe. Opernliebhaber sind wie andere Liebende auch: Man schleicht um das Objekt der Begierde herum, immer wieder, und lauert auf den Moment, wo wie durch Zauberhand alle Teile an ihren Platz fallen und auf einmal alles passt. Solche Augenblicke fühlen sich an, als würde man fliegen. Manchmal dauert das nur ein paar Sekunden. Manchmal, wenn man Glück hat, eine ganze Vorstellung hindurch. Das Publikum war hingerissen.

Aida Die anderen Sänger waren übrigens auch sehr gut, auch wenn ihre Partien nicht ganz so theatralisch angelegt waren… Wunderschön vom ersten Ton bis zum letzten singt Tamara Haskin die Aida. Ihre Stimme klingt auch noch warm, wenn sie verzweifelt ist. Aber die kleinen Lieblichen können einen Mann genauso gut ins Unglück stürzen wie die großen Megären. Angus Wood gefällt mir ausgesprochen gut als Radames, eine sehr schöne Tenorstimme, ein herrliches Italienisch. Manch eine Zuschauerin hielte einen Radames mit blutverschmiertem bloßem Oberkörper für szenisch noch überzeugender, aber an und für sich kommt eine gute Figur auch in einem schwarzen zerfetzten T-Shirt tadellos zur Geltung.

Unsere Akustik-Tests haben übrigens ergeben: Für das scharfe Klangbild ist tatsächlich das Bühnenbild verantwortlich: Im hinteren Teil des Zuschauerraums klingt es weicher als vorn. Gut klingt beides, so oder so. Am kommenden Samstag, 28. Juni, kann man diese Besetzung zum letzten Mal sehen. Unbedingt hingehen!

AIDA. Oper in vier Akten. Musik von Giuseppe Verdi. Libretto von Antonio Ghislanzoni. Italienisch mit deutschen Übertiteln. Dauer: 3 Std. (einschließlich Pause). Regie: Torsten Fischer. Bühne und Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos. Licht: Wieland Müller-Haslinger. Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen. Musikalische Leitung: Marco Comin. Besetzung: Der König von Ägypten: Holger Ohlmann. Amneris, seine Tochter: Dubravka Musovic. Amonasro, König von Äthiopien: Francesco Landolfi. Aida, seine Tochter: Tamara Haskin. Radames, ägyptischer Feldherr: Angus Wood. Ramphis, oberster Priester: Sergii Magera. Thermouthis, eine Priesterin: Elaine Ortiz Arandes. Ein Bote: Stefan Thomas. 

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Vorankündigung: Wolferl hat keine Zeit, 4. und 6. Juli 2014, Kammeroper München im Johannissaal, Schloss Nymphenburg

wolferl1 Eine musikalische Begegnung zwischen Mozart und dem Fußball

Auch der beste Fußballer aller Zeiten trifft nicht immer nur das Tor. Aber der 7jährige Willi erwischt einen fremden Jungen am Kopf, und der nimmt auch noch seinen Ball mit nach Hause!

Ihn zurückzuholen entpuppt sich als Willis größtes Abenteuer, denn an Wolfgang Amadeus Mozart ist einfach nicht heranzukommen. Der ist nämlich ein Wunderkind und macht den ganzen Tag nur Musik: auf dem Klavier, der Geige und sogar am Schreibtisch! Seinen Ball zurückbekommen, schön und gut. Doch zunächst einmal muss Willi jetzt wissen, wie das geht: Komponieren!

Und was eine Sonate ist! Und eine Sinfonie! Und eine Oper!

Willi schafft es schließlich doch in Wolferls Zimmer, wo die beiden zum Schluss gemeinsam ein geniales Fußball-Konzert erfinden…

 Geschichte und Regie           Dominik Wilgenbus

Arrangement                          Alexander Krampe

Erzähler                                  Dominik Wilgenbus

Puppenspieler                       Albrecht von Weech

Flöte                                       Christiane Steffens

Klarinette                              Christophe Gördes

Fagott                                     Ruth Gimpel

Klavier                                    Dominik Wilgenbus

Termine:       4. Juli 2014, 16 Uhr,  6. Juli, 11 Uhr, 13:30 Uhr und 15 Uhr

Ort:                 Johannissaal, Schloss Nymphenburg

Preis:             Kinder 9 €, Erwachsene 13 €

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Premiere: AIDA, 18.06.2014, Gärtnerplatztheater (im Prinzregententheater)

Aida Sehr sehenswert. Eine schlichte, grafisch anmutende Inszenierung. Sehr hörenswert. Das Prinzregententheater kommt mit den großen Stimmen, die hier auf der Bühne standen, hervorragend zurecht. Das Orchester unter Marco Comin ist wunderbar, der Verdi klingt scharf, schön und laut. Der etwas ungewohnte Klang ist vielleicht auch dem Bühnenbild geschuldet: großformatige grauglänzende Metallplatten, die wie eine Wasserfläche den Blick beruhigen und gleichzeitig eine Grundspannung vermitteln.

Aida Nach der Arie “Celeste Aida” gab es die ersten Bravorufe: Dieser Radames hat für einen Tenor sehr viel Stimme, das ist beeindruckend, gerade bei der Killerarie am Anfang, wo der Sänger eigentlich erst mal warm werden muss. Die leisen Töne kann er auch, im zweiten Teil. Der Regisseur Torsten Fischer verlangt von dieser Rolle viel, und Gaston Rivero gibt szenisch alles, wobei der Kraftakt fast mühelos wirkt. Ein Sänger, der in dieser Dreiecksgeschichte gegen diese beiden Powerfrauen bestehen kann, muss auch richtig gut sein. Aida, die gefangene Prinzessin und Amneris, die Königstochter, gefielen mir beide sehr gut. Die andere Aida ist übrigens ebenfalls großartig, ich habe sie schon gehört.

Aida Interessant ist das Herrschaftsdrama, das der Regisseur im Hintergrund anlegt: Ein schwacher König, dem der strategische Überblick fehlt und der sich mit dem schmutzigen Geschäft seines Feldherrn am liebsten gar nicht befassen möchte. Angewidert sieht er auf Radames’ blutverschmierten Oberkörper, muss ihn schließlich doch anfassen, seine weißen Handschuhe werden befleckt. Der Hohepriester Ramphis weiß von Anfang an, dass diese beiden Schwächlinge eine Gefahr für den Staat sind. Er tut, was getan werden muss, in unbarmherziger Staatsraison. Am Ende sieht er seine Chance und ergreift sie. Alles andere wäre unverzeihliche Dummheit. Die Ukraine ist anscheinend voll von sehr guten Sängern, Sergii Magera ist einer davon.

Aida Francesco Landolfi als Aidas Vater Amonasro, der seine Tochter ins Unglück stürzt bei dem Versuch, sein Volk zu retten, ist hervorragend besetzt. Elaine Ortiz Arandes, zierlich mit aufmerksamem Blick, holt aus der Rolle der Priesterin Thermoutis mehr heraus, als eigentlich darin ist. Ganz toll. Die Choreografie für den Chor gefiel mir ausgesprochen gut, die Massenszenen sind sehr effektvoll, die Kostüme wirken durch ihre strengen Schnitte und die schiere Menge. Torsten Fischer ist zwar Schauspielregisseur, aber das merkt man nur im positiven Sinne. Er achtet bei seiner Inszenierung darauf, die Sänger tatsächlich singen zu lassen.

Aida Ausgerechnet diese Aida-Premiere – eine Oper, von der viele sagen, sie sei “nicht die Lieblingsoper” – war eine der schönsten Vorstellungen, die ich in dieser Spielzeit gesehen habe. Die Sache mit den Elefanten hätte ich dann gerne das nächste Mal, und eine dieser vielgeschmähten Versionen mit Aida als Putzfrau im ägyptischen Museum bitte beim übernächsten Mal. Merci, Bussi, Babaa, habe die Ehre.

Aida AIDA. Oper in vier Akten. Musik von Giuseppe Verdi. Libretto von Antonio Ghislanzoni. Italienisch mit deutschen Übertiteln. Dauer: 3 Std. (einschließlich Pause). Regie: Torsten Fischer. Bühne und Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos. Licht: Wieland Müller-Haslinger. Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen. Musikalische Leitung: Marco Comin. Besetzung: Der König von Ägypten: Holger Ohlmann. Amneris, seine Tochter: Monika Bohinec. Amonasro, König von Äthiopien: Francesco Landolfi. Aida, seine Tochter: Sae Kyung Rim. Radames, ägyptischer Feldherr: Gaston Rivero. Ramphis, oberster Priester: Sergii Magera. Thermouthis, eine Priesterin: Elaine Ortiz Arandes. Ein Bote: Stefan Thomas. 

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