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Lisa See – China Dolls

15:12 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin: Jodi Long
Hörprobe bei audible.de *klick*

(freie Übersetzung des englischen Klappentextes)
San Franzisko, 1938: Auf Treasure Island laufen die Vorbereitungen für eine Weltausstellung, auf der anderen Seite des Ozeans braut sich ein Krieg zusammen und die Stadt selbst ist voller Möglichkeiten. Grace, Helen und Ruby, drei junge Frauen völlig unterschiedlicher Herkunft, treffen sich zufällig im exklusiven und glamorösen Nachtclub Forbidden City. Grace Lee, eine in den USA geborene Chinesin, ist aus dem Mittleren Westen geflüchtet, mit einem gebrochenen Herzen, Talent und einem Paar Tanzschuhe. Helen Fong lebt mit ihrer Großfamilie in Chinatown, wo ihre konservativen Eltern darauf bestehen, ihren Ruf wie ein Stück wertvolle Jade zu schützen. Die überwältigende Ruby Tom stößt mit ihrem grenzenlosen Ehrgeiz und sturen Einstellung ständig an die Grenzen der Konventionen.

Die drei jungen Frauen werden enge Freundinnen, die einander durch gute und schlechte Zeiten begleiten. Als ihre dunklen Geheimnisse enthüllt werden und das Schicksal sie noch enger aneinander bindet, finden sie die Stärke nach ihren Träumen zu greifen. Jedoch drohen nach dem Angriff auf Pearl Harbour Paranoia und Misstrauen ihre Leben zu zerstören und ein unvorstellbarer Verrat verändert alles…

Leider kein dritter Teil der Familiengeschichte um Pearl, May und Joy, diesmal eine ganz andere Geschichte.

Alle drei Hauptfiguren, alle gerade um die 18 Jahre alt, wurden in den USA geboren und fühlen sich mehr als Amerikanerinnen, denn der fernen asiatischen “Heimat” zugehörig, sowie deren strengen Moral. Die amerikanische Inhaltsangabe ist brilliant verfasst, weil ein möglicher größerer Spoiler elegant vermieden wurde und das erste Viertel hat mir sehr gut gefallen.

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Trudi Canavan – Thief’s Magic (Die Magie der tausend Welten: Die Begabte)

17:36 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecher: Grant Cartwright, Hannah Norris
Hörprobe beim Verlag: *klick*

Zum Inhalt
Der junge Magier und Archäologe Tyen entdeckt ein magisches Buch, in dem seit vielen Jahrhunderten das Bewusstsein einer Frau gefangen ist: Vella war einst eine talentierte Buchbinderin, bis ein mächtiger Magier sie mit einem Zauber belegte und dazu verfluchte, für alle Zeit das Wissen der Welt in sich aufzunehmen. Und so weiß Vella, dass Tyens Heimat und allen, die ihm am Herzen liegen, eine schreckliche Katastrophe droht.
In einer anderen Welt lebt die junge Rielle in ständiger Furcht entdeckt zu werden, denn sie verfügt über magische Begabung. Nur Priester dürfen Magie verwenden und Männer können Priester werden.

Meine Meinung
“Thief’s Magic” ist der Auftakt zu Trudi Canavans neuster Trilogie, deren deutsche Fassung für November 2014 angekündigt ist, mit dem Titel “Die Magie der tausend Welten: Die Begabte”. (Interessant, wie der deutsche Titel auf die weibliche Hauptfigur ausgerichtet ist, der englische auf die männliche.)

Sicherlich gibt es gewisse Parallelen zu ihrer sehr erfolgreichen Trilogie um “Die Gilde der Schwarzen Magier”, wieder stehen junge magisch Begabte im Mittelpunkt, wieder spielt eine Akademie (aka Gilde) eine tragende Rolle und wieder sind Korruption und Gier wichtige Faktoren. Dort enden jedoch die Parallelen, denn die Welt, in der die Leser den jungen Magier Tyen kennenlernen, ist so ganz anders als die von Sonea.

Hier ist die gerade stattfindende industrielle Revolution von Magie abhängig und jene Magie scheinbar nur begrenzt verfügbar. Das Wissen um die Endlichkeit der vorhandenen Magie wird von der Leitung der Akademie streng geheimgehalten. Alle, die sich öffentlich mit dem drohenden Ende der Magievorräte und einer möglichen Lösung beschäftigen, gelten als Verräter. Tyen gerät zwischen die Fronten, weil er bei einer Expedition ein besonderes Buch gefunden hat, das aus dem Körper einer Magierin und Buchbinderin namens Vella geschaffen wurde. Vella wiederum weiß sowohl, dass der Vorrat an Magie in Tyens Welt begrenzt ist, als auch, dass es eine Lösung für diese Problem gibt – jene Lösung, die von den Oberen als ketzerische Lüge abgetan wird.
In einer anderen Welt lebt die junge Rielle, dort herrschen Priester mit drakonischen Regeln, die insbesondere das Leben von Frauen stark einschränken und ein wenig and die hier vor einigen Jahrhunderten übliche Regeln erinnern oder auch an strenge Auslegungen des Islam, sowohl in punkto Kleidung als auch Bildung. Während Tyens Heimat von der Akademie beherrscht wird, es möglich ist, dort und nur dort Magie zu studieren und zu lehren, sieht das in Rielles Heimat ganz anders aus. Die Verwendung von Magie gilt als Diebstahl von den Engeln und nur die stets männlichen Priester dürfen sie verwenden.

Ein junger Magier, der seine Welt retten will, jedoch der intensiven Ausbeutung der natürlichen Ressourcen kritisch gegenüber steht, insbesondere wenn auch andere Länder oder gar Welten für die eigene industrielle Revolution bluten sollen. Eine junge Magierin, die schon durch ihre magische Begabung zur Ausgestoßen werden könnte und sich gegen die Regeln der Gesellschaft auflehnt, nicht zuletzt, weil sie ihrer ersten Liebe im Weg stehen…

Natürlich ist in beiden Ländern nicht alles so, wie es die Oberen gerne glauben machen würden und sowohl Tyen als auch Rielle widersetzen sich den Regeln, wobei dies bei beiden nicht als bewusste Wahl geschieht, sondern sich durch von außen geschaffene Umstände ergibt und auch durch ihr jugendliches Alter.

Wieder gelingt es Trudi Canavan, lebendige und authentisch wirkende Hauptfiguren zu schaffen, die sehr unterschiedlich sind und diese in einer in sich schlüssigen Umgebung anzusiedeln. Anfangs sind sowohl Tyen und Rielle recht leichtgläubig, insbesondere gegenüber den Lehrern bzw. Priestern, ihre Entwicklung war mir manchmal etwas zu langsam, jedoch gleichzeitig glaubwürdig. Vella ist ebenfalls eine interessante Figur, sie lebt zwar in dem Buch weiter, jedoch scheint fast nur noch die analytische Seite übrig zu sein, was auch ihre Bestimmung ist. Da verzeihe ich auch die gelegentlichen Längen sehr gerne, bin zu gespannt, wie es weitergeht. Hoffentlich erfahren die Leser bzw. Zuhörer dann auch etwas mehr darüber, warum sich Tyens bzw. Rielles Welt so entwickelt haben, weshalb hier die Akademie herrscht und dort die Priester.

Grant Cartwright und Hannah Norris erwecken nicht nur Tyen und Rielle zum Leben, sondern auch Vella. Hoffentlich lesen diese beiden auch den zweiten und dritten Teil.

Fazit
Trudi Canavans neue Trilogie beginnt vielversprechend, mit interessanten Ideen und Hauptfiguren, die gerade an der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Ihre Entwicklung und Verhalten wirkten auch mich sehr glaubwürdig, die Handlung ist größtenteils spannend angelegt, so dass ich gewissen Längen gerne verzeihe und hoffe, dass die beiden Folgebände nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Im November erscheint der Roman sowohl als Buch, Hörbuch und in elektronischer Form auf Deutsch.

 

Trudi Canavan wurde 1969 im australischen Melbourne geboren. Sie arbeitete als Grafikerin und Designerin für verschiedene Verlage und begann nebenbei zu schreiben. 1999 gewann sie den Aurealis Award für die beste Fantasy-Kurzgeschichte. Ihr Erstlingswerk, der Auftakt zur Trilogie Die Gilde der Schwarzen Magier, erschien 2001 in Australien und wurde weltweit ein riesiger Erfolg. Seither stürmt sie mit jedem neuen Roman die internationalen Bestsellerlisten. Allein in Deutschland wurden bislang über 2,5 Mio Bücher von Trudi Canavan verkauft.

 

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Übers Lesen, Vor- und Verlesen

Ansichten eines Akteurs Die Lesung boomt – und hat verschiedene Tücken. Andreas M. Bräu kann davon ein Liedchen singen.

http://www.nacht-gedanken.de/ansichten-eines-akteurs/

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Sabine Weigand – Das Buch der Königin

Sabine Weigand – Das Buch der Königin

Konstanze von Sizilien war eine faszinierende Frau, die leider bisher von Autoren historischer Romane übersehen wurde. Sabine Weigand hat sich nun ihrer angenommen und ein einzigartiges Romanporträt dieser vergessenen Herrscherin geschaffen.
Es beginnt mit einem Prolog, der eigentlich das Ende vorwegnimmt: Friedrich II. wird als Kind zum König von Sizilien gekrönt und Konstanze hat damit ihr Lebensziel erreicht. Bereits hier wird das Besondere des Romans deutlich. Konstanze bekommt Stimme und Gestalt, weil der Roman teilweise aus ihrer Sicht in Ich-Form geschrieben ist. Damit kommt diese historische Persönlichkeit ganz nah an den Leser, man erlebt sozusagen ihr Leben aus erster Hand.
Sabine Weigand lässt die Jugendjahre der späteren Kaiserin lebendig werden, entwirft ein Bild von Sizilien, dass man sofort dort hinfahren möchte und all die Pracht und die gelungene kulturelle Mischung mit eigenen Augensehen möchte. Gleichzeitig wird die andere Hauptfigur eingeführt, der Schreiber Gottfried, eine fiktive Figur, die nicht weniger lebendig wirkt als die historischen Menschen in diesem Roman.
Der Leser begleitet beide Figuren auf ihrem Lebensweg, Konstanze, wie sie schließlich herausgerissen wird aus ihrem selbstbestimmten Leben auf Sizilien und dem deutschen König und späteren Kaiser Heinrich als Ehefrau ins kalte Deutschland folgen muss. Ihre verzweifelten Versuche, schwanger zu werden, immerhin ist sie schon dreißig, als sie Heinrich heiratet, berühren den Leser und ich habe mich für sie gefreut, als Friedrich geboren wurde, wie man sich für eine Freundin freut. Man erlebt ihr Entsetzen über die Grausamkeit ihres Mannes, ihre Einsamkeit, ihre unerfüllte Liebe hautnah und nimmt Teil am Leben dieser faszinierenden Frau.
Gottfried verliert durch einen Angriff die Eltern und die väterliche Burg und muss Hals über Kopf mit seiner kleinen Schwester Hemma fliehen. Er wird zum Schreiber und Buchmaler ausgebildet und trifft am Hof Heinrichs auf Konstanze. Zusammen mit ihr entsteht das titelgebende Das Buch der Königin, eine wirklich existierende wunderbare Schrift aus dem Mittelalter, das den Experten Rätsel aufgibt, die Sabine Weigand in ihrem Roman in ihrer unnachahmlichen Art löst. Mit leichter Hand spinnt sie eine Geschichte, die sich genau so zugetragen haben könnte, verwebt historische Fakten und Fantasie, bis ein buntes Bild entsteht, das dem Leser nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Leser erfährt nicht nur sehr ausführlich und profund, wie im Mittelalter ein Buch entstanden ist, die Geschichte ist auch gleichzeitig so spannend, dass man den Roman kaum noch aus der Hand legen möchte.
Wie schon in ihren früheren Romanen gelingt es Sabine Weigand, Wissen zu vermitteln, ohne belehrend zu wirken. Ihre Figuren, egal ob fiktiv oder historisch, sind so lebendig, dass man an ihrem Leben teilnimmt und mit ihnen fiebert. Sie hat eine eigene, einzigartige Stimme, die jede ihrer Geschichten farbig und authentisch werden lässt.
Ein sehr gelungenes Porträt einer vergessenen Herrscherin und ihrer Zeit.

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Vorankündigung: Elke Pistor – Vergessen

Smart, cool und sensibel – Verena Irlenbusch ist der neue Star am Ermittlerhimmel

Kommissarin Verena Irlenbusch steht unter Druck: Während sie einen hochintelligenten Psychopathen jagt, verschlimmert sich die Alzheimererkrankung ihrer Großmutter. Außerdem wurde ihr der schlechtgelaunte Kollege Christoph Todt an die Seite gestellt, dem sie jede Information aus der Nase ziehen muss. Doch Verena bleibt liebevolle Enkelin und professionelle Ermittlerin – auch wenn es sie fast zerreißt. Als sie schließlich auf die Spur des Mörders kommt, verfängt sich Verena in ein Netz aus lang vergessener Schuld und neuem Hass. Wird sie diesen Fall heil überstehen?

 

 

Am 8.8. erscheint der neue Krimi eine meiner Lieblingsautorinnen: Vergessen von Elke Pistor. Worum es geht, erzählt sie in einem kurzen Video-Interview.

Zum Start könnt ihr hier auf Nachtgedanken zwei signierte Exemplare des Romans gewinnen. Einfach bis 15.8. hier oder bei Facebook kommentieren, warum ihr Vergessen lesen möchtet. Die Verlosung folgt dann am 16.8.

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Tierkunde I

iconentwurf2-1 In einem Opernhaus begegnet man so manchem seltsamen Getier, wie Andreas M. Bräu beobachtet.
http://www.nacht-gedanken.de/auf-der-galerie/

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Premiere: Die Zirkusprinzessin, 19.07.2014, Gärtnerplatztheater (im Cirkus Krone) – Nachtkritik

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Hat irgendjemand hier Tschitti gesehen? Ja? Hat es Ihnen gefallen? Dann sind Sie bei der Zirkusprinzessin bestens aufgehoben, die ist nämlich noch um Längen besser. Ein Wirbel aus Musik und Farben. Der Regisseur hatte hier alle Voraussetzungen, die es braucht, um eine fabelhafte Operette auf die Beine zu stellen, und er hat sie alle genutzt. Das ist so selten, dass man den Hut ziehen muss. Oder? Stimmt das überhaupt, mit den optimalen Voraussetzungen? Eigentlich hatte er anfangs gar nichts, nur eine Zirkusmanege. Das klingt zwar erst mal gut, ist aber in Sachen Bühnenbild eine Herausforderung (um nicht zu sagen: ein Problem) und akustisch ähnlich schwierig wie der Gasteig, nur eben ganz anders, weil rund statt eckig. Dirigent, Orchester und Tontechniker machen das Beste aus den Gegebenheiten. Kálmáns Musik ist toll, lauter Gassenhauer, die man nicht kennt, aber eigentlich doch.

Clowns und Pierrots tänzeln durch das Zirkusrund, mal albern, mal melancholisch. Weil es kein Bühnenbild im klassischen Sinne gibt, konnte man sich bei den Kostümen austoben. Alle Farben des Regenbogens sind geboten. Man fühlt sich an pointillistische Impressionen erinnert, vielleicht Seurats Zirkusreiterin, aber mit Smarties ausgelegt. Es wird Frühling in Sankt Petersburg, die Herzen und Rosen fliegen nur so durch die Gegend. Die Clownerie rahmt die Liebespärchen ein. Von diesen gibt es – Moment, ich muss nachzählen – mindestens vier. Am schönsten ist die Liebesgeschichte zwischen dem berühmten Zirkusreiter Mister X und der verwöhnten Fürstin Fedora Palinska. An dem Standesunterschied zwischen den beiden ist die Fürstin nicht ganz unschuldig, obwohl sie nichts dafür kann. Die Liebe, versucht er ihr zu erklären, kümmert sich nicht darum, ob sie einen Adeligen oder einen Artisten trifft. Diese Amour Fou ist so romantisch, dass es schon nicht mehr kitschig ist.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Genauso wild verliebt, und hinreißend komisch, das Buffo-Pärchen Mabel (zickig und zauberhaft) und Toni (phänomenal phantastisch). Die beiden Energiebündel fegen über die Bühne. Toni reist dem Zirkus hinterher, weil Mabel dort auftritt. Mit Tonis Avancen ist sie erst mal überfordert. Jessasmariadajosef!, jammert Miss Mabel Gibson, die in Wirklichkeit gar keine Engländerin ist und die Sprache auch nicht spricht. (Auf Englisch hieße das: Oh my God!) Mabels Reputation als Pudeldompteuse ist zweifelhaft, ihr guter Ruf als anständiges Mädel soll jedoch bis zur Verheiratung unangetastet bleiben. Tatschen und tasten darf er also nicht, da gibt es gleich was auf die Finger. Toni ist der Sohn vom “Erzherzog Karl”, genauer gesagt: seine Mutter besitzt ein Hotel dieses Namens in Wien. Dieser kleine semantische Unterschied wird noch von Bedeutung sein.

Prinz Sergius will die reiche Fedora für sich gewinnen und verheddert sich in seiner eigenen Intrige. Bei den Husaren sitzen die Pistolen locker - deswegen wohl die Altersbeschränkung auf zwölf Jahre. Wen zwei Schüsse nicht stören (es knallt ganz laut, aber auf der Bühne kommt keiner zu Schaden), der kann auch sehr viel kleinere Kinder in die Vorstellung mitnehmen. Meine Meinung. Zierliche Püppchen fliegen durch die Luft, die schneidigen Husaren fallen der schönen Dame zu Füßen. Von der mächtigen Fürstin lassen sie sich eine Abfuhr noch gefallen, von den Dienstmädchen vermutlich nicht – da schwingt schon auch unterschwellig eine Form von Sozialkritik mit. Es gibt eine Blitztrauung, Blitzeis, Schnee und Schneemann. Elegante Herrschaften rutschen auf der imaginären Eisfläche aus. Eisbär, Hund und Pelikan treten in der Manege auf. Die Spitzenwäsche, von der Toni singt, bekommt man dann sogar zu sehen, von zwei entzückenden finnischen Artistinnen säuberlich aufgestapelt.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Showdown, zwölf Uhr mittags in dem feinen Wiener Hotel “Erzherzog Karl”. Die Fürstin und ihr Mister X streiten sich, und das auch noch ohne sich anzusehen, sozusagen über Bande: Es geht um die leidigen Standesunterschiede. Oder? Toni indessen hat seine Mabel auf Zimmer 16 einquartiert und wartet auf den richtigen Moment, um der resoluten Frau Mama seine Eroberung vorzustellen. Im Hotel geht jedoch alles drunter und drüber: Der Portier geht den halben Tag spazieren, Linzer Schnitte ist schon fast aus, und irgendjemand muss auch noch den Wintergarten saubermachen. Die Hotelchefin siezt ihren Oberkellner Pelikan immer noch, obwohl man sich nach 25 Jahren doch schon sehr gut kennt. Der Pelikan, ein berühmter Wiener Schauspieler, verwandelt die operettentypische ruhige Phase kurz vor dem Ende in einen spannenden Krimi. Auch der Zirkusdirektor und seine Frau greifen noch einmal in das Geschehen ein. Der Chor des Gärtnerplatztheaters spielt und singt fantastisch.

Die Atmosphäre bei diesem Stück ist von Anfang an etwas ganz Besonderes. Es war mir schon bei der Einführungsmatinée aufgefallen: diese fast übermütige Grundstimmung, die entsteht, wenn bei den Proben zu einer Komödie alles rund läuft und das Ensemble sich kennt und schätzt. Das Libretto wurde etwas umgeschrieben, was der Zirkusprinzessin sehr gut tut. Ein wilder Spaß. Der ultimative Ritterschlag kam von Yvonne Kálmán, der Tochter des Komponisten. Sie ergriff bei der Premierenfeier das Wort, sagte, sie sei vom vielen Bravo-Rufen schon ganz heiser und verlieh dem Regisseur, Josef E. Köpplinger, den Titel “DER Kálmán-Regisseur”. Das ist ein Adelstitel, den man nicht erben kann. Den muss man sich erarbeiten.

DIE ZIRKUSPRINZESSIN Die Zirkusprinzessin. Operette von Julius Brammer und Alfred Grünwald. Musik von Emmerich Kálmán. Musikalische Leitung: Karsten Januschke a.G. Regie: Josef E. Köpplinger. Choreografie: Karl Alfred Schreiner. Bühne: Rainer Sinell. Kostüme: Marie-Luise Walek. Licht: Michael Heidinger. Besetzung: Fürstin Fedora Palinska: Alexandra Reinprecht. Prinz Sergius Wladimir: Erwin Windegger. Rittmeister Graf Saskusin: Simon Heinle. Leutnant von Petrowitsch: Matthias Schlüter. Baron Peter Brusowsky, Adjutant: Frank Berg. Zirkusdirektor Stanislawski: Franz Wyzner. Wanja, dessen Frau: Gisela Ehrensperger. Mister X: Daniel Prohaska. Miss Mabel Gibson: Nadine Zeintl. Carla Schlumberger, Hotelbesitzerin: Sigrid Hauser. Toni Schlumberger, ihr Sohn: Otto Jaus. Pelikan, Oberkellner: Robert Meyer. Maxl, Piccolo: Alexander Wertmann. Frantischek, Portier: Fritz Graas. Fedja, Billeteur/Kellner: Jan Alexander Naujoks. Mascha: Ulrike Dostal. Offiziere: Thomas Hohenberger, Dirk Lüdemann, Adrian Sandu, Stefan Thomas, Marcus Wandl. Artistinnen: Stina Kopra, Lotta Paavilainen. Jongleur: Thomas Dietz. Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz: Rita Barao Soares, Anna Calvo, Ariella Casu, Aina Clostermann, Camilla Montesi, Natalia Palshina, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Francesco Annarumma, Matteo Carvone, Davide Di Giovanni, David Hemm, Russell Lepley, Filippo Pelacchi, Morgan Reid, Javier Ubell. Chor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz. In Kooperation mit der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Altersempfehlung ab 12 Jahren.

 

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Premierenfieber

Premierenfieber

So etwa ab dem Mittag kann ich nichts mehr essen. Am frühen Nachmittag setzt das Magengrummen ein. Gegen Abend hin wird es heiß und sobald ich viel zu früh im Theater angekommen bin, wird es anstrengend. Vor allem weil die Zeit bis zur Initialzündung ab der Maske zerdehnt wird, dass man am liebsten selbst die Leute auf ihre Premierenplätze bitten würde.
Dabei war ich nie einer der wirklich Aufgeregten, wenn es darum geht, die allererste, doch hoffentlich gänzlich ausverkaufte, und überall beblickte Vorstellung zu überstehen. Im Gegenteil, aus feierlustigem Größenwahn legte ich die Kinipremiere 2011 mit meinem Wiegenfestreinfeiertermin zusammen und beging diesen mit 70 geladenen Gästen, die dann auch alle in der Premiere saßen, was den Druck nicht unbedingt verringerte.
Vor der Ersten ist man immer nervös, je mehr beindruckenswerte nahe Menschen aber drinsitzen, umso komplizierter wird die Geschichte. Denn eigentlich geneigt und freundlich habe diese den Vergleich und sollen nach Möglichkeit besonders bespaßt und erfreut werden. Sitzt aber niemand Liebes in der Premiere, macht das den Abend noch abstruser, vielleicht unterspannt und trotzdem wichtig. Natürlich liegt es auch an der Gründlichkeit der Proben, ob man mit heißkalten Nacken ohne einen Clou in Richtung Bühne improvisiert oder passgenau die Abläufe gleiten lässt.
Da hilft auch die Hungerkur nichts und die Aufregung ohnehin nicht. Das helfen nur Proben und selbst dann entscheidet die Magie und die Chemie über Gelingen oder Misslingen einer fiebrigen Premiere.

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Einführungsmatinée: Die Zirkusprinzessin, 06.07.2014, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Die Zirkusprinzessin Frivol, liederlich, sittengefährdend… das wurde der Operette früher gerne vorgeworfen. Operetten waren ein Spaß fürs Volk, den man in Varietés und Music Halls aufführte, Ich habe den Verdacht, an diesem Anspruch wird sich die neue Inszenierung der Operette Die Zirkusprinzessin orientieren. Hoffe ich jedenfalls. Hat man mir angedeutet. Ich kenne nämlich jemanden, der einen kennt, der mit jemandem gesprochen hat, der bei dem Stück mitmacht… In den guten alten Zeiten wurde übrigens auch Mozarts Entführung aus dem Serail als Operette bezeichnet; diese Genrebezeichnung ist also insgesamt nicht wirklich hilfreich. Die Zirkusprinzessin wird im Zirkus-Krone-Bau aufgeführt werden: Die Gelegenheit, diese Spielstätte für diese Operette zu nutzen, war einfach zu gut.

Auftritt Christoph Wagner-Trenkwitz, der Moderator, Dramaturg, Festspielintendant, Schauspieler und Tausendsassa aus Wien, der in bestgelaunter Hochform war, was wirklich ein Hochgenuss ist. Gleich zu Anfang gab es einen Running Gag für Insider, will sagen: für die regelmäßigen Matinée-Besucher. Der Moderator wies mit strahlendem Lächeln darauf hin, dass er zwei gleiche Schuhe trug. Um den darauf einsetzenden Applaus zu verstehen, muss man ein bisschen in die Annalen zurückgreifen: Es begab sich nämlich bei der Einführungsveranstaltung zu einer anderen Operette (der Bettelstudent war’s), dass der Moderator in der Eile im heimischen Schuhschrank zwei unterschiedliche schwarze Schuhe erwischt hatte (glücklicherweise einen rechten und einen linken), die er dann mit Nonchalance zu seinem Anzug trug, nicht ohne das Matinéen-Publikum im Vorfeld höflich darauf hinzuweisen. (Das war eine rücksichtsvolle Geste, damit diejenigen, die eine Matinée mit zwei spiegelsymmetrischen Schuhen gebucht hatten, ihre Eintrittskarten zurückgeben konnten… nehme ich zumindest an.)

Also gut, was zeichnet eine gute Operette aus? Ein Stichwort, an das man anfangs gar nicht denkt: Standesunterschiede. In fast allen Operetten wird der Gegensatz zwischen dem Adel und dem niedrigen Volk thematisiert, ein großer Graben, der immer für einen Lacher oder eine Anspielung gut ist und der willkommenerweise für die nötigen Probleme sorgt, welche dann im dritten Akt gelöst werden bzw. sich in Luft auflösen. Bei der Zirkusprinzessin sieht das so aus: Ein junger, attraktiver Mann in einem bürgerlichen Inkognito verschaut sich… in eine Adelige. Nachdem er in Wirklichkeit auch aus adeligem Hause ist, kann man schon recht bald die Nachtigallen trapsen hören.

Anwesend bei dieser Matinée war Charles Kalman, ein Sohn des Komponisten Emmerich Kalman. Das Lied “Zwei Märchenaugen” ist wohl das bekannteste Stück aus der Zirkusprinzessin, und dementsprechend sind diese zwei Wörter auch auf den Werbeplakaten des Gärtnerplatztheaters zu sehen, großgedruckt und quietscherot auf giftiggrünem Hintergrund. “Als Sehtest lässt sich das nicht wirklich verkaufen”, lästerte CWT. Aber ja doch, für die Untersuchung von Rot-Grün-Blindheit bietet sich gerade dieses Plakat doch an… Wer “Zwei Meerschweinchenaugen” sagt, wie die hochgeschätzte Bayerische Kammersängerin Gisela Ehrensperger, fängt sich zumindest einen vielsagenden Blick des Moderators ein.

“In Österreich wird ja nichts so schnell abgeschafft”, deswegen gibt es die Adelstitel aus den Operetten alle noch in der Wirklichkeit (und dazu noch einige mehr). “Ich habe auch einen Freund, der ist Fürst, und der lässt’s mich fast nie merken…” Der junge Adelige aus dem Märchen, äh, aus dieser Operette, ist ein blondgelockter Jüngling namens Daniel Prohaska. Er erzählte, dass er sein Debüt am Gärtnerplatztheater mit Hello Dolly hatte, im Jahr 2001. Vor kurzem sang er einen Tassilo, und da ist die Zirkusprinzessin jetzt fast eine Umstellung, weil hier der Mister X einen Ton tiefer liegt. Die Gesamtstimmung ist also anders, etwas baritonaler. Deswegen hatte er sich an jenem Morgen mit Mozart eingesungen, um die Stimme wieder zu “verschlanken”.

Die Zirkusprinzessin Karl Kraus mochte Operette nicht, erzählte der Moderator. Offensichtlich mochte er auch das Operettenpublikum nicht: “Auf der Galerie bemerkte man die, die bei der Mariza-Premiere noch in den Logen saßen…” Die Uraufführung der Zirkusprinzessin, am 26. März 1926 im Theater an der Wien in Wien, dauerte 6 Stunden. In Worten: sechs. Das Publikum konnte nicht genug bekommen. Mit den Zerstreuungen war es damals nicht so weit her, der Tonfilm sollte erst 1930 erfunden werden. Die Kritiker überschlugen sich und schrieben von der “Ekstase der Aufmachung”. Es gab Bären, dressierte Hunde und 16 Kosakengirls mit Marzipanbeinen. Als es bei der Uraufführung verbrannt roch (vermutlich hatte ein Scheinwerfer sich nach fünfeinhalb Stunden verabschiedet) behauptete Hubert Marischka, das sei inszeniert gewesen. Besagter Marischka war bei der Uraufführung übrigens erster Tenor, Theaterdirektor und Regisseur der Zirkusprinzessin in Personalunion.

Der Dirigent Karsten Januschke, der für diese Operette als Gast geholt wurde, stammt aus Schleswig-Holstein, hat aber in Wien studiert und gearbeitet. Dieses Stück ist sein erster Kalman. Er sprach über die musikalischen Besonderheiten der Zirkusprinzessin: Der Komponist Emmerich Kalman ist noch beim Tanz, sagte er. Es gibt in diesem Stück Einflüsse aus Amerika, Foxtrots, Wiener Walzer, Shimmys, Modetänze. Das ungarische Kolorit ist eine Herausforderung. Das typische “rubato” ist in kleiner Besetzung noch recht einfach zu spielen, artet aber im großen Orchester zuweilen in eine Rubatoschlacht aus, kommentierte der Moderator. “Rubato” bedeutet wörtlich “geraubt”, das heißt: ein leicht verschobenes Taktmaß, das beschwingte Effekte wie im Jazz erzeugt. Es muss aber sehr korrekt gespielt werden, weil die geraubten Taktbruchteile nach Art eines “ehrlichen Diebes” wieder zurückgegeben werden sollen. Das ist aber nicht die einzige Schwierigkeit: Im Zirkus Krone dreht der Dirigent der Bühne den Rücken zu, man behilft sich mit Monitoren, und überdies ist die Akustik eher hallig. Außerdem instrumentiert Kalman nicht gerade bescheiden, sagte der Dirigent. Das bedeutet, man muss sehr bewusst musizieren und auf Transparenz achten. Ausgedünnt wird aber nicht, alle Instrumente bleiben in der vorgesehenen Anzahl, weil der Dirigent großen Respekt vor der Arbeit des Komponisten hat: Es gibt einen Klavierauszug mit Instrumentationsbezifferung, wie das bei Operetten oft so ist, und dieser Klavierauszug wurde von Kalman derart mühevoll und akkurat ausgearbeitet, dass davon auszugehen ist, dass sich der Komponist schon was dabei gedacht hat.

Nun “wollen wir einen Schlager uns akustisch anhören”, sagte CWT, unter besonderer Berücksichtigung des Schüttelreims. “… diese kleinen Zirkusfeen, achte, neune oder zehn, wär’n mir nicht zuviel…” Das klingt ja vielversprechend. Wenn sich da mal keiner übernimmt… Im nächsten Schlager wird aber angedeutet, dass manch einer schon um eine einzige dieser Zirkusfeen froh wäre: “… ach wie das duftet, wie das rauscht, wenn sich beim Tanz…” – wie ging es weiter? Das Röckchen bauscht? Ich hab’s vergessen, aber das Prinzip ist klar, wie in der “Bar zum Krokodil” von Fritz Löhner-Beda: Reim dich oder ich fress dich. Da reimt sich das Wort “Trikot” auf “apropos” und vielleicht noch auf “Pernod”, aber damals dachte jeder, der das hörte, an das ungesagt bleibende Reimwort “Po”. Darauf käme heute kein Mensch – und da heißt es immer, unsere Gesellschaft wäre heutzutage so hypersexualisiert? Gegen die Schwerenöter von damals sind wir Waisenknaben! (Misstrauisch überlegt man, was die beiden Trikotagenhersteller im Weißen Rössl wirklich zu bedeuten haben…)

“Erotik ist die Kunst des Nichtgesagten”, wurde dem gespannt zuhörenden Publikum erklärt. Geraschelt werden darf aber schon, nämlich mit der “Spitzenwäsch”, welche diese kleinen Zirkusfeen wohl untendrunter tragen und die in dem Schlagertext eine wichtige Rolle einnimmt, als Symbol für das Unerreichbare, raschelnd, mit eingebauter Alarmanlage sozusagen.

“Wie ist das, in einem Zirkus eine Operette zu behaupten?”, fragte CWT den Regisseur, Josef E. Köpplinger. Dieser schwärmte vom Zirkus Krone, weil das Publikum dort viel näher am Geschehen dran ist als in einem Opernhaus. In der Spielstätte Zirkus-Krone-Bau werden die Sänger mit Mikrofonen verstärkt. Es ginge auch ohne, für das Publikum jedenfalls, aber die Mitwirkenden in der Manege verstehen sich dann akustisch nicht. Statt sechs Stunden wird die Zirkusprinzessin zweidreiviertel Stunden dauern, das ist auch ganz ordentlich, aber im üblichen Rahmen. Die Tänzer der Ballettkompanie werden eingesetzt, und zwar als Clowns; eine Allegorie auf das Leben. Karl Alfred Schreiner erzählte charmant von seinen Tänzern, die sich da mit Spaß und Verve hineinwerfen. So wird das Motto “Zirkus” bedient, als Unterbau für die Sänger und als atmosphärische Grundlage für das ganze Stück. Im Zirkus-Krone-Bau gibt es keine Drehbühne, keine “Züge”, an denen man Elemente hinunterlassen oder hochziehen könnte, kurz gesagt: nichts, was ein modernes Theater gerne so hat und braucht. Das macht es für den Bühnenbildner entweder sehr schwer oder ganz leicht. Da braucht man sich nicht mal mehr Gedanken machen, ob das Glas nun halb  leer oder halb voll ist. Rainer Sinell hatte beschlossen, das Glas als ganz voll zu betrachten und schwärmte von der Ähnlichkeit der Zirkusmanege mit dem griechischen Amphitheater oder der Shakespeare-Bühne.

“Das Stück ist frauenfeindlich”, sagte der Regisseur, “da muss man aus heutiger Sicht respektvoll draufschauen.” Ja, das ist bestimmt richtig. Wobei ich, die ich nicht politisch korrekt sein muss, der Meinung bin: ein bisschen Sexismus tut einem komischen Stück oft sehr gut. “Man kann Operette lieben, ohne ein seltsames verstörtes Weichei zu sein – das muss man gesellschaftlich weitergeben”, sagte der Intendant, äh, Regisseur, egal, jedenfalls war es nicht der erste Tenor. Die schneidigen Husaren sind ja eine zweischneidige Sache, und Josef E. Köpplinger bekannte sein Unbehagen beim Anblick von Uniformen. Der Moderator stimmte zu: “Husaren… da liegt die Vergewaltigungsfreude auch in der Luft.” Man lobte die Freiheiten der heutigen Zeiten – wobei natürlich Husaren heutzutage weniger Freiheiten haben als früher. “Wie in Schnitzlers “Reigen”… da hatte nicht jedes Stubenmädel die Freiheit, Nein zu sagen”, sinnierte der Regisseur. In Ungarn gibt es derzeit nicht ganz so viele Freiheiten; Oper unterliegt der Zensur (!), und es wird dort gar nicht so viel Kalman gespielt, wie man meinen sollte. Der Intendant arbeitet lieber an Lösungen als an Problemen: “Es wird so viel gegen die Machbarkeit des Theaters geschrieben. … Das Dagegensein ist mehr zur Mode geworden in der Kunst als das Dafürzusein und es mal zu wagen.”

Otto Jaus imitierte Peter Alexander, Nadine Zeintl spielte eine Szene so energisch, dass sie ein Wasserglas zerbrach und die Scherben unter die Stühle flogen, Alexandra Reinprecht machte einen lieblichen Eindruck, und der fabelhafte Franz Wyzner samt Bühnengattin hatten einen zauberhaften Auftritt. Robert Meyer, unter anderem ein hervorragender Schauspieler aus Wien, wird hier sein Bayern-Debüt geben. Als Pelikan. Zum Abschluss sang in einer Uraltaufnahme Richard Tauber. Richard Tauber ist “… der Erfinder des Vokals “ngh”…”, erläuterte der Moderator. Man vermeinte, in dieser näselnden Stimme Pomade und Monokel zu hören. Ganz große Klasse.

 

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Canapés auf dem Kanapee

Gärtnerplatzfest Ja, von wegen. Ich träume ja immer davon, den ganzen Tag in Spitzenwäsche auf der Chaiselongue zu liegen und Häppchen zu mampfen – oder wenigstens wie ein brasilianisches Faultier vom Baum zu hängen und vor mich hin zu grinsen, gerne auch in Begleitung eines Aperols – aber meistens kommt da was dazwischen. Gestern war das zuallererst eine sehr interessante und superkomische Einführungsmatinee, für die ich extra früh aufgestanden bin. (Früh? Naja, jedenfalls aufgestanden.) Die Gelegenheit, die Theaterprominenz, die bei der nächsten Premiere auf der Bühne stehen wird, live und in Farbe ganz aus der Nähe zu sehen… das hat schon was. Nein, ich habe nicht nach Autogrammen gefragt. Ich bin zu schüchtern. Egal.

Die Zirkusprinzessin, eine zauberhafte Operette von Emmerich Kalman, wird große Klasse werden. Nun ist ja die Operette das Aschenputtel im Musiktheater: hinreißend supertoll, wenn sie gut gemacht ist. Zuschauer mit wenig Erfahrung im Musiktheater halten Operette entweder für viiiel zu anspruchsvoll und intellektuell (schließlich ist da das Wort Oper enthalten, was für den Enthusiasten nach “Spaß und Spiele” klingt, für viele Laien aber anscheinend eher in einer Liga mit Steuererklärungen und Zahnarztbesuchen spielt)… oder aber, das andere Extrem, man hält Operette für zu prollig, so ein Wechselbalg, das irgendwo zwischen König der Löwen und Heino angesiedelt ist. Kinder, neiiin!! Eine gut gemachte Operette ist mit das Genialste, was es gibt. Und, man kann es nicht oft genug wiederholen, sehr anspruchsvoll zu singen.

Bei dieser Einführung traf ich eine ganz entzückende Bekannte, die Operetten nicht ausstehen kann: “Das ist mir zu zuckrig. Ich mag auch beim Essen keinen Zucker”, sagte sie mit reizendem Lächeln. “Wer das mag, für den ist es ja schön. Meine Oma hat sowas immer gehört. Ich dachte, die Operette wäre schon lange tot?” Nein, Schätzchen. Da, wo du wohnst, ist sie das vielleicht. Bei uns ist sie ziemlich lebendig.

Dann sagte sie noch kopfschüttelnd: “Nein. Operette ist so… reaktionär.” Dieses Wort rief später bei meiner Münchner Clique brüllendes Gelächter hervor. Woraufhin ich erst mal bei Wikipedia nachschauen musste: Re-ak-ti-o-när, reaktionärer, am reaktionärsten. Synonyme: Erzkonservativ, fortschrittsfeindlich, rückschrittlich. Oh. Ach deswegen haben die so gelacht. Unser Lieblingstheater, das Gärtnerplatztheater, ist derzeit vermutlich das modernste Theater Deutschlands: Jeden Tag gibt es was Neues. Sogar die Zuschauer müssen im Gegenteil reaktionsschnell und flexibel sein. Dieses Theater verlangt zur Zeit sehr viel von allen Beteiligten. Umbauphasen sind Umbruchphasen sind anstrengend. Aber, wie meine Freundin sagte: We are the survivors. Das ist nicht immer lustig, aber meistens schon. Da müssen wir jetzt durch, solange das Stammhaus noch umgebaut wird. Der Intendant hat seine Leute arrondiert wie ein Schäferhund seine Schafherde. Das ist auch richtig so. Genauer gesagt: es ist in so einer Situation absolut notwendig. So kann man gelassen in die neue Spielzeit sehen.

Nach der herrlichen Matinee (Isch liiiebe disch!) ging ich zum Mittagessen in einen der exklusivsten Klubs Münchens, den Schornstraßen-Klub, der so heißt, weil er dort vor fast 70 Jahren gegründet wurde. Da residiert er aber nicht mehr, sondern das Klublokal wechselt ständig. Neuaufnahmen gibt es nur selten, und man braucht mindestens einen Bürgen. Strenggenommen erfülle ich die Aufnahmevoraussetzungen nicht, aber ich wurde zum Ehrenmitglied ernannt, darauf bin ich sehr stolz. Gleich danach traf ich nicht ganz zufällig eine erfolgreiche Autorin historischer Romane, die für ein paar Tage in Deutschland war, und wir tranken einen Eiskaffee zusammen. Dann begab man sich zum Gärtnerplatz, wo ich die Baustelle besichtigte (sieht ganz okay aus) und en passant meinen privaten Soundcheck durchführte.

Die Akustik war eine riesengroße Überraschung: Sie war gut. Sehr gut sogar. Das ist etwas ganz Ungewöhnliches, denn - nur mal unter uns Betschwestern gesagt – ich war jetzt seit soundsoviel Jahren immer auf diesem Gärtner-Open-Air, und der Sound war immer unter aller Sau. Egal, auf welcher Bierbank ich saß. Okay, vielleicht bin ich zu streng: Er war nicht optimal. Gewesen. Dieses Jahr jedoch hatte man die Bühne zwanzig Meter nach links verschoben, und das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich übertreibe nicht; die Klangqualität war fast so gut wie in einem Konzertsaal, und das von jeder Position aus.

Dann wurde ich einem Künstler aus Südafrika vorgestellt, den ich schon lange mal kennenlernen wollte, und der zur Zeit in München ausstellt. Zwei seiner Werke, ein Mandela-Portrait und die Skulptur eines Kopfes, sind in einer kleinen Galerie in der Reichenbachstraße zu sehen, zwischen dem Gasthof Deutsche Eiche und dem Gärtnerplatz. Die schwarz-weißen Stelzenläufer habe ich auch noch gesehen, aber kurz vor Beginn des kulturellen Highlights musste ich gehen. Ich nehme nicht an, dass mich beim Konzert irgendjemand vermisst hat; die Rede ist von 8000 Zuhörern. Ich wäre gerne noch geblieben, der Wein war gut, die Stimmung auch und das Wetter war superb, aber ich musste los, zum ersten und einzigen offiziellen Termin meines Tages. Dort erschien ich dann mit Wattekopf und Sonnenbrand, aber das fiel gar nicht auf, weil ich sowieso zu spät dran war.

Ja, und wenn Sie jetzt glauben, ich hätte ständig Highlife und Halligalli, dann muss ich Ihnen sagen: Ja, das ist allerdings so. Jedenfalls diese Woche. Nächste Woche wäre es gar nicht so wild, wenn da nicht die Zirkusprinzessin anliefe. Die muss ich sehen, das wird ein Riesenspaß. Wie machen das andere Leute, dass sie zwei Stunden Fernsehen in ihrem Tag unterbringen? Das ist mir völlig rätselhaft, wer hat denn für sowas Zeit? Eigentlich wäre ich am liebsten ein Langweiler, der sich langweilt, aber momentan kriege ich’s echt nicht hin. Das Problem kannte schon Ödön von Horvath: Eigentlich bin ich ganz anders; ich komme nur so selten dazu.

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