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Frisch eingetroffen: Michael Ende, Charlotte Lyne – Jim Knopf findet’s raus

Wie entsteht ein Gewitter? Und wie weit ist es bis zur Sonne? Jim Knopf will alles ganz genau wissen. Am liebsten würde er sofort losfliegen und den Himmel erforschen, gemeinsam mit seinem besten Freund Lukas und der Lokomotive Emma. Doch eine alte gemütliche Lokomotive zum Fliegen zu bringen, ist gar nicht so einfach … 18 spannende Geschichten über Flugzeuge, Sternbilder, Regenbogen und vieles mehr!

Michael Ende (1929-1995) hat in einer nüchternen, seelenlosen Zeit die fast verloren gegangenen Reiche des Phantastischen und der Träume zurückgewonnen. Er zählt heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern und war gleichzeitig einer der vielseitigsten Autoren. Neben Kinder- und Jugendbüchern schrieb er poetische Bilderbuchtexte und Bücher für Erwachsene, Theaterstücke und Gedichte. Viele seiner Bücher wurden verfilmt oder für Funk und Fernsehen bearbeitet. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche deutsche und internationale Preise. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von über 35 Millionen Exemplaren erreicht.

Charlotte Lyne, geboren 1965 in Berlin, studierte Germanistik, Latein, Anglistik und Italienische Literatur in Berlin, Neapel und London. Bevor sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nach London zog, lebte sie einige Zeit in Glencoe, der schottischen Heimat ihrer Schwiegerfamilie. Charlotte Lyne arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Lektorin.

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Frisch eingetroffen: Mhairie McFarlane – Es muss wohl an Dir liegen

Mit ihren tizianroten Haaren und ihren Kurven ist Delia vielleicht nicht ganz der Model-Typ, aber dass Paul sie nach zehn Jahren gemeinsamen Glücks mit einer Studentin betrügt, trifft sie ziemlich unvorbereitet. Am Anfang glaubt sie, alles sei ihre Schuld. Doch dann erkennt Delia, dass die zerplatzten Seifenblasen von gestern die Chance auf das Glück von morgen bedeuten: Denn nun kann sie selbst entscheiden, wie sie die bunten Puzzleteile ihres Lebens neu zusammensetzt. Kurzerhand zieht sie zu ihrer besten Freundin Emma nach London und sucht sich einen neuen Job. Alles könnte gut werden. Wäre da nicht Adam, ein Skandalreporter und der härteste Konkurrent ihres neuen Arbeitgebers – denn er bringt die Schmetterlinge in Delias Bauch plötzlich kräftig in Wallung. Und zu allem Übel setzt Paul wieder alle Hebel in Bewegung, um Delia zurückzugewinnen.

Mhairi McFarlane wurde 1976 in Schottland geboren. Ihre geographischen Lebensdaten in Kurzform lauten Falkirk – Afrika – Milton Keynes – Nottingham und entsprechen in etwa dem Weg, den ein Designerkleidungsstück zurücklegt, bevor es in einem Laden zur Ruhe kommt. Mhairis Ruhepol ist in Nottingham, wo sie mit einem Mann und einer Katze lebt. Bereits ihr erster Roman “Wir in drei Worten” gelang der Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste. Mit ihrem zweiten Roman “Vielleicht mag ich dich morgen” eroberte sie dann die Herzen der Leser im Sturm und kletterte bis auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

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Frisch eingetroffen: Nina George – Das Traumbuch

Ein Unfall verändert die Leben dreier Menschen: Edwinna, genannt Eddie, die Verlegerin für phantastische Literatur mit besonderem Gespür für das Wunderbare. Sam, der hochbegabte 13-jährige, der Klänge als Farben sieht und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahrnimmt als andere. Und Henri, Eddies einstiger Geliebter. Der ehemalige Kriegsreporter ist Sams Vater, der nach einem Unfall acht Minuten lang tot war und nun darum kämpft, aus dem Koma zu erwachen. Denn von dort, wo er beinah verlorengegangen ist, bringt er eine Botschaft für die, die er liebt.
Poetisch und wahr, klug und bewegend: Nina George erzählt in ihrem neuen Roman Das Traumbuch von den unbekannten Welten zwischen Leben und Tod, Realität und Traum – und von den kleinen Momenten, in denen sich Türen zu ganz anderen Lebenswegen öffnen. Die zu gehen wir uns nur nicht trauen.

Die Schriftstellerin Nina George, geboren 1973 schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Die Mondspielerin” erhielt 2011 die DeLiA, den Preis für den besten Liebesroman. Für ihren Kurzkrimi „Das Spiel ihres Lebens” wurde Nina George 2012 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer” stand weit über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wurde in 30 Sprachen übersetzt und eroberte auch international die Bestsellerlisten, so die New York Times Bestsellerliste in den USA, die Bestsellerlisten in England und Italien. Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jens „Jo” Kramer, schreibt Nina George unter dem Doppel-Pseudonym Jean Bagnol Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und Sprecherin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne.

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Jim Kelly – Hot Potato

Der Film: Die Tochter eines Senators wird irgendwo in Asien entführt, und eine kleine Truppe unter Führung von “Black Belt” Jones macht sich auf sie zu befreien und alle zu verhauen, die dagegen sind.

In den 60er Jahren wurden in den USA sowohl Blaxploitationfilme sowie Martial-Arts-Filme populär, da war es nur eine Frage der Zeit bis jemand auf die Idee kam beides zu vermischen. Der Sportler Jim Kelly hatte gerade in “Enter the Dragon” gezeigt das er Leuten äußerst wirkungsvoll eine reinhauen konnte und war somit als Hauptdarsteller geradezu prädestiniert.

“Black Belt Jones” war noch ein zwar einfach gestrickter und dennoch recht unterhaltsamer Actionfilm für späte Samstagabende, sein Nachfolger hingegen ist an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten.
Wir sind jetzt im exotischen Asien, wo alles bunt und… naja, exotisch ist und wo böse Obergangster in beeindruckenden Behausungen hausen und auf der anderen Seite niedliche asiatische Kinder hinter dem Dorf ihren Wasserbüffel piesacken. Außerdem gibt es finstere Banditen, die in Bandenformation aus den Büschen springen und -wie all die anderen Finsterlinge die alle Nase lang auftauchen – von Jones und Kumpanen so lange gehauen werden bis sie A) wieder weggehen oder B) ohne Bewusstsein in der Landschaft verbleiben.

Wo wir gerade das Thema Bewusstsein haben: Das fehlte offensichtlich nicht nur den vertrimmten Finsterlingen, sondern auch Drehbuchautor (zumindest wird im Vorspann einer erwähnt – merkt man aber so nix von) und Regisseur, vom Rest der Belegschaft ganz zu schweigen.

Das unabhängige Kino der 70er Jahre hat einige zwar inhaltlich fragwürdige aber dennoch unglaublich unterhaltsame und originelle Filme hervorgebracht – und war darüber hinaus oft richtungsweisend und, was die Entwicklung des Mainstreamfilms angeht, einflussreicher als die Blockbuster der großen Studios. Es waren diese Independent-Produktionen die Grenzen niederrissen und oft auf geradezu anarchistische Art und Weise auf alle Regeln schissen und Unterhaltungskino machten.
Roger Corman ist sicherlich der König des Schundfilmreiches, doch auch viele andere Filmschaffende prägten diese oft sehr spassigen Unterhaltungsfilme denen eines gemeinsam war: Sie waren billig. Viele – nicht alle (!) – sahen auch so aus.

Das Handkanten-Kelly hier nicht wegen seines Schauspieltalents angeheuert wurde muß glaube ich nicht extra erwähnt werden. Und warum die Anderen vor der Kamera rumhängenden Hominiden erwählt wurden diese Zelluloidverschwendung mit Gesichtern und Körpern zu verschandeln wird wohl für immer eines der großen ungelösten Rätsel der Filmgeschichte bleiben – vor allem weil die Antwort sicherlich keine Sau interessiert!

Warum also all das hier? Warum nicht eine Rezension zu einem guten, sehenswerten Film?
Weil er so ein Schundfilm ist! Und zwar von der Sorte die den erstklassigen Schundfilm in Verruf bringt und für lange Zeit diskreditiert.

Und außerdem übt diese Art Film eine seltsame Faszination aus: War den Machern irgendwann klar was sie da tun? Denn für die Existenz von Filmen wie diesem scheint es kaum eine vernünftige Erklärung zu geben.

Und manchmal hat ausgelebte Fassungslosigkeit auch ihren Reiz!

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Louise Welsh – Tamburlaine muss sterben

Immer wieder ist er davongekommen – mit Glück, durch einflussreiche Freunde…
Doch als er nun vor dem Kronrat steht schwand es Christopher Marlowe, dem literarischen Tausendsassa und revolutionären Erneuerer des Theaters, das ihm seine Probleme dieses Mal über den Kopf wachsen könnten. Das Schriftstück – welches eindeutige Anspielungen auf Marlowes Werke, allen voran das umstrittene Stück “Tamburlaine” enthält – wird eindeutig ihm zugeschrieben.
Marlowe hat nur wenig Zeit der Sache auf den Grund zu gehen, und er kann sich nie sicher sein, wem er vertrauen kann.

Es ist meine Aufgabe als Buchhändler die Menschen, die mich im Laden – oder auch sonst – um Rat ersuchen mit guten Büchern zu versorgen, an welchen sie hoffentlich Gefallen finden.Über die Jahre entwickelten sich so gute Bekanntschaften oder gar Freundschaften mit jenen, die einen Buchgeschmack ähnlich dem meinigen haben. In vielen Fällen bleibt das Empfehlen lesenswerter Bücher mitnichten eine einseitige Sache….

So wurde ich auch auf dieses Buch aufmerksam, ein literarisches Kleinod, welches sowohl dem Leser historischer Romane wie dem Freund ausgefallenerer Krimis großes Vergnügen bereiten wird!
Es ist ein schmales Bändchen, kaum über 140 Seiten stark, der Inhalt entfaltet allerdings eine literarische Wucht, die in der heutigen Zeit ihresgleichen kaum zu finden vermag. Ausserdem setzt dieses Buch einem der einflussreichsten Dichter nicht nur seiner Zeit ein würdiges Denkmal.

Die Autorin führt uns hier in ein London jenseits der Paläste und des Adels – es sind dunkle Gassen und verkommene Spelunken, welche sie uns durch Marlowes Augen sehen lässt.
Über der ganzen Geschichte liegt eine bedrohliche Spannung, welche Louise Welch den gesamten Text über beibehält und die den eigentlichen Zusammenhalt der Geschichte darstellt, weniger die Frage nach der Auflösung des Rätsels, wer in der Gestalt des von Marlowe erdachten Tamburlaine hier für sein Verderben sorgen will.
Der gehetzte Dichter kann niemandem mehr vertrauen, denn auch der beste Freund wird auf der Folter irgendwann Verrat üben. Der Kronrat, immer darauf bedacht die eigene Macht und den Einfluss, der diesem Amt innewohnt zu erhalten, ist bereit alles zu tun dieses nicht zu gefährden. Die Verkommenheit der verrufenen Gassen durch welche sich Marlowe schlängelt setzt sich bis in die höchsten Kreise fort. Welch setzt hier die adligen Mitglieder des Rates der Bevölkerung von Londons Gosse irgendwie gleich: Beide versuchen zu sichern was sie haben und Reichtum und Einfluss wenn nicht zu vermehren beides doch zumindest zu erlangen.

Geschrieben in einer durchaus kunstvoll zu nennenden Sprache verleiht die Autorin Marlowes Erzählung durch die immer wiederkehrende Verwendung von Fäkalausdrücken eine große Authentizität – jenseits des Theatertextes ist das, was die Menschen sprechen ebenso profan wie heute auch immer noch.

Louise Welsh hat hier ein kleines großes Werk geschaffen, welches hoffentlich – durch eine längst fällige Taschenbuchausgabe womöglich – nicht, wie so viele Bücher, die besseres verdient hätten, der Vergessenheit anheim fällt.

Die in London geborene Louise Welsh studierte Geschichte und arbeitete lange in einem Antiquariat, bevor sie nach Abschluss eines “Creative Writing”-Studiums mit dem Schreiben begann.

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Garry Disher – Bitter Wash Road

Vor allem wegen seiner umstrittenen Rolle in einem Korruptionsskandal innerhalb der Polizei wird Constable Paul Hirschhausen – kurz Hirsch genannt – ins Nirgendwo der Australischen Provinz verbannt. Dort ist er nicht nur “Der Neue” in einer stetig gewachsenen Gesellschaft, welche schon seit Generationen verbunden ist, er gilt auch als Verräter, als “Ratte”.

Als ein junges Mädchen an einer einsamen Landstraße tot aufgefunden wird soll Hirsch den scheinbar klaren Fall – ein Unfall mit Fahrerflucht – untersuchen. Seine Versuche einige Ungereimtheiten zu klären werden von seinem Vorgesetzten abgewiegelt, und auch die von ihm befragten Zeugen scheinen einiges zu verbergen. Dann gibt es einen weiteren Todesfall, und wieder scheint der Tathergang keine Fragen offen zu lassen. Doch gegen alle Widerstände ermittelt Hirsch weiter, und er findet heraus, das in dieser Gegend nicht nur Straßen, sondern ganze Ortschaften aus Dreck gebaut sind….

Garry Disher wartet hierzulande noch auf seinen großen Durchbruch, der ihm mit diesem Werk durchaus gelingen könnte, zeigt dieses nicht nur einen großartigen Schriftsteller in der Nähe eines James Lee Burke, sondern gleichzeitig als kongenialen Chronisten des Australischen Hinterlandes.

Nun, Kleinstädte unter deren Oberfläche sich viele Schichten Schmutzes finden lassen gab es unzählige in der Kriminalliteratur, von Thompsons “180 Schwarze Seelen” über einige Werke Daniel Woodrells, William Days und Joe Lansdale – um nur diejenigen zu nennen deren Werke ich hier in meinem unmittelbaren Blickfeld habe.

Was Dishers Roman von vielen der oben genannten unterscheidet ist die Tatsache, das er – ähnlich dem ober erwähnten Burke – die Krimihandlung als Teil der Gesamtgeschichte der Gegend behandelt und sich nicht allein auf die Auflösung konzentriert.
Er verwendet viel Zeit und viele Seiten darauf zum Beispiel die Personen und ihre Verbindung untereinander und dem Land, das sie bewohnen zu schildern, so das wir als Leser ein recht genaues und umfassendes Bild des Hintergrunds der Geschichte erhalten.

Auch muß Hirsch neben seinen Ermittlungen noch die üblichen Arbeiten eines Constable verrichten, er muß verschwundene Schafe und gestohlene Rasenmäher suchen, eine Sportveranstaltung schützen und so weiter. Der eigentliche Kriminalfall ist hier nur Teil seiner Polizeiarbeit, auch wenn er die verschiedenen Spuren gegen den Willen seines Vorgesetzten – und eines Teiles der Bevölkerung – verfolgt.

Aufgrund seiner Rolle bei der Aufklärung eines Korruptionsfalles gilt Hirsch nicht nur bei seinen Kollegen als Verräter und Nestbeschmutzer, auch aus der Bevölkerung schlägt ihm unverhohlenes Mißtrauen und Ablehnung entgegen. Er erträgt dieses mit stoischem Gleichmut.
Er ist nicht etwa abgestumpft oder gleichgültig, er hat einfach – wie einige seiner Literarischen Brüder und Schwestern – einen moralischen Kompass, dessen Richtungsanzeige ihm wichtiger ist als die Strömung des ihn umgebenden Wassers.

Dabei macht ihn Disher nie zum oberschlauen Superhelden, Hirsch ist einfach ein guter Polizist, der seine Arbeit tut. Dabei haben seine vergangenen Erfahrungen sicherlich zu seiner defensiven Trotzhaltung gegenüber seinem Vorgesetzten und seinen Kollegen geführt.

Natürlich kann man Disher hier vorwerfen an der Landbevölkerung kein gutes Haar zu lassen. Allesamt sind sie entweder verkommene Perverslinge, tumbe Schläger oder einfach zu blöd, vor dem Pinkeln die Hose zu öffnen. Auch die Tatsache das der Handlungshintergrund – oben sprach ich dieses bereits an – nun wirklich alles andere als neu ist mag man ihm negativ ankreiden.

Auch wenn diese Vorwürfe sicherlich nicht ganz unberechtigt sind muß man jedoch folgendes bedenken:

Dieser Hintergrund – wie der gesamte Roman – funktioniert einfach. In den Händen eines minderen Autoren würden diese Vorwürfe sicherlich zutreffen, ein Schriftsteller wie Disher allerdings entkommt diesen Klischees durch die hohe Qualität seiner Arbeit. Und durch die Tatsache das er auch Nebenfiguren durchaus differenziert darstellt entgeht er auch dem Vorwurf, eine Gruppe von Menschen durch eine nicht zulässige Verallgemeinerung zu diffamieren.

Der australische Schriftsteller Garry Disher wurde vor allem durch seine Kriminalromane bekannt, neben seinen Thrillern um den Berufsverbrecher Wyatt (Ein “Verwandter” von Richard Starks “Parker) ist es vor allem Detective Inspector Hal Challis, der Dishers Ruhm begründet. Er schrieb des weiteren Sachbücher zur Geschichte Australiens, sowie einen Schreibratgeber und Kinderbücher. Garry Disher wurde für sein Werk mehrfach mit namhaften Preisen ausgezeichnet.

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Lesung Volker Klüpfel & Michael Kobr, 19.03.2016, Leipziger Buchmesse

Die beiden Autoren betraten sehr entspannt die Bühne, um das erste Mal nicht aus einem Kluftinger-Roman vorzulesen. Mit einem Augenzwinkern erzählten sie, nach acht Kluftis seien sie urlaubsreif gewesen und wollten ausprobieren, ob es auch mit einem anderen Thema klappen würde.

In diesem Roman sind ihre Kindheitserinnerungen verarbeiten, es sei zusagen Trauma-Bewältigung. Beide hätten als Kinder die gleichen Stationen im Urlaub erlebt. Stressige Vorbereitungen und dann mit dem vollem Auto ohne Handy und Navi über den Brenner nach Italien.

Im Mittelpunkt steht der Mitvierziger Alex Klein, der ein Fotoalbum findet – mit Fotos des 15-jährigen Alex aus dem damaligen Italienurlaub. Daraufhin wacht er im Körper des hochpubertierenden Ichs auf, just am Tag der Abreise in diesen Urlaub. In einem krassen Jahrzehnt der Mode, aus dem man viele Fotos lieber verstecken würde. Damals fanden sich die beiden Autoren „wahnsinnig attraktiv“ in ihren Klamotte und Frisuren. Heute würden sie beim Betrachten der Urlaubsfotos verstehen, warum es mit den Italienerinnen nicht klappte.

In jener Zeit seien die bequemen Jogginghosen in Mode gekommen, die auch oft für die Fahrt getragen wurden. Auch heute sei die Jogginghosendichte am Brenner nicht niedriger geworden.

Es folgte eine kurze Lesung Darbietung aus dem Buch, in der ein äußerst charmanter Italiener am Strand den weiblichen Familienmitgliedern „coco bello“ verkaufen möchte und man sah dem Publikum deutlich an, dass hier oft eigene Erinnerungen wach wurden.
Später wurde noch ein Anruf beim daheimgebliebenen Großvater vorgetragen, nicht minder humorvoll. Lachen

Heute wirke die praktisch unveränderte Anlage sehr ungemütlich und viel kleiner, außerdem müsse man heute als Vater das Eis selbst bezahlen. Damals hätten sie sich wie an der Copacabana mit Palmen gefühlt. Die Moderatorin fragte, ob sie nicht lieber in den Ferien in die große weite Welt geflogen wären.

1989 sei nicht nur in Leipzig stark für die Reisefreiheit gekämpft worden. Im Westen hingegen seien viele jedes Jahr wieder an die Adria gefahren. Eine Flugreise konnte sich damals kaum jemand leisten und zweitens empfanden beide Autoren die italienische Adria als die große weite Welt. Es wurden zwei Grenzen überquert, eine andere Währung kam ins Spiel und sobald eine fremde Sprache gesprochen wurde, begann das Abenteuer. Wenn man sich beim ersten Mal nicht den Magen verdarb, fuhr man wieder hin. In der Regel mit reichlich Lebensmitteln aus der Heimat, sogar die selbstgekochte Marmelade wurde mitgenommen. Das könnten sich jüngere Zuschauer heute kaum vorstellen.

Der Held ihrer Geschichte tauche in einer deutschen Kolonie auf, in der man sich um die drei Tage alte Bildzeitung stritt. Heute würde ein 15-Jähriger seine Eltern verklagen, wenn er 14 Tage Urlaub ohne Handy und Facebook verbringen solle. Damals sei die eigene Fantasie gefragt gewesen, wenn das dritte Lustige Taschenbuch ausgelesen war. Heute würde man viel Geld für das Entschleunigen bezahlen.

Ihre Eltern erfuhren erst von dem neuen Gemeinschaftsprojekt, als es schon fertig war. Einer der Väter habe eher irritiert reagiert. Nachdem die beiden Autoren in einer Talkshow erzählten, dass die Eltern damals im Auto rauchten, folgte am nächsten Tag ein Anruf „Wir haben überall geraucht, aber nie im Auto.“

Sie würden vor dem Schreiben genau festlegen, wer welche Szenen schreibt und was passiert. So gebe es keine Überraschungen, auch wenn vielleicht einer in der Hängematte im Urlaub schreibe und der andere von zu Hause aus. Bisher habe auch dieses andere Buch noch alle überzeugt, außerdem erscheine im September der neue Klufti.

Beim Signieren nach der Veranstaltung wurden die beiden von jedem zweiten Fan gefragt, ob sie auch dieses Hörbuch selbst eingelesen haben – was leider verneint wurde. Sie seien keine professionellen Sprecher, andere könnten das besser. Ihre Fans sahen das ganz anders.

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Lesung Karin Duve,19.03.2016, Leipziger Buchmesse

Die Moderatorin Doris Akrap erzählte zu Beginn, dass Macht ihr erstes Buch von Karen Duve war. Als sie gefragt wurde, ob sie diese Veranstaltung am Stand der taz moderieren wolle, habe sie sich das Buch bestellt. Leider sei es erst angekommen, nachdem sie die ersten vernichtenden Rezensionen von „Männern im Mittelalter“ gelesen hatte. Nach der Lektüre der ersten 20-30 Seiten habe sie sich gefragt, ob die Rezensenten ein anderes Buch gelesen hatten.

Macht spielt in unserer Welt im Jahr 2030 und versucht sich an einigen provokanten Themen. Es wurde eine Pille zur Verjüngung erfunden, die die Zellteilung verändert und das marode Gesundheitswesen saniert. Wer diese Pille nehmen möchte, muss unterschreiben, im Krebsfall nur die Grundbehandlung in Anspruch zu nehmen, keine Krebsbehandlung.

Eigentlich wollte Karen Duve einen Krimi aus diesem Thema machen, brauchte jedoch ein Setting, in dem die Menschen Dinge tun können, die völlig außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Also entschied sie sich für Science Fiction. In ihrer Welt wissen die Menschen, dass durch den selbstverursachten Klimawandel die Welt in wenigen Jahren untergehen wird.

Das Grundthema sei von Natascha Kampusch bzw. Fritzl inspiriert. Karen Duve fragte sich damals, ob es so unnormal sei, sich völlige Kontrolle über einen anderen Menschen haben zu wollen. Ob es das nicht auch der normalen Gesellschaft gebe. Im Mittelpunkt ihres Romans steht eine Figur, die sich als Greenpeace Aktivist und Feminist ausgibt. Dieser Mann begegnet einer attraktiven ehemaligen Klassenkameradin, die irgendwann sein Geheimnis entdeckt und in seinem Keller eingesperrt wird.

Eigentlich sei es die Geschichte einer wiederentdeckten Liebe. Er fühlt sich toll in seinem immer jünger werdenden Körper, wäre da nicht seine bereits im Keller eingesperrte Frau…

Und sei es nicht heute schon so, dass Männer nicht offen zugeben könnten, von Frauenquoten genervt zu sein? Es gebe doch sicher Männer mit der Ansicht, dass diese Quoten nicht notwendig wären, wenn Frauen wirklich so intelligent seien? Karen Duve war neugierig, wie es sich im Kopf eines solchen Mannes anfühle. Schuldzuweisungen statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Erstaunlicherweise habe es in ihrem Verlag keinen Widerstand gegeben, sondern großes Interesse.

In ihrem Roman gibt es unsere aktuelle Staatsform nicht mehr, sondern eine „kontrollierte Demokratie“. Es war ihr wichtig klarzustellen, dass sie dies nicht für die perfekte Staatsform halten, sondern nur die Idee von z.B. Eignungstests für Politiker interessant fand.

Abschließend wurde Karen Duve nach ihrem aktuellen Wohnort gefragt, der sich in der sächsischen Schweiz befindet. Ja, sie lebe freiwillig und gerne dort. Leider erschrecke sie die Menschenverachtung und den Hass einiger Bekannter, wie z.B. die ihr gegenüber geäußerte Vorstellung, die griechische Küste komplett abzuschotten und Flüchtlinge ertrinken zu lassen. Das schockiere sie immer wieder, insbesondere bei Menschen, die sie eigentlich möge. Sobald dann Kontakt zu Flüchtlingen bestehe, änderten sich diese Ansichten in der Regel.

Damit endete eine interessante Veranstaltung zu einem Buch, das ich vermutlich hören werde, obwohl es irgendwie überfrachtet wirkte.

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Interview mit Nina George auf der Leipziger Buchmesse 2016

9783426653852Am 20.3.2016 durfte ich als krönenden Messeabschluß mit der Bestsellerautorin Nina George ein Interview führen. Sie hat auf der Messe nicht nur ihren neuen Roman Das Traumbuch vorgestellt, sondern auch jede Menge Termine zu den Themen Urheberrecht und Internetpiraterie wahrgenommen. Am 19.3. fand eine fantastische Lesung aus ihrem neuen Roman statt. Damit Ihr Euch vorstellen könnt wie toll Nina liest, hat sie einen kleinen Absatz eingelesen, den ich unten anhänge.

Liebe Nina, herzlichen Dank, dass Du Dir am Ende einer sehr stressigen Messe Zeit genommen hast für ein Interview. Vor zwei Tagen ist Das Traumbuch erschienen. Es ist Dein dritter Roman nach Die Mondspielerin und Das Lavendelzimmer unter Nina George….

Nein.

Nein?

Nein, das ist nicht mein dritter Roman, sondern ich glaube mein siebter oder achter. Oder Neunter? Ich bin mir gar nicht sicher. Bei 26 Büchern…oder 27? Aber ich befürchte, es sind irgendwie schon mehr als drei Romane. Ich denke, es sind um die acht oder neun.

Nach dem Lavendelzimmer, das in 32 Sprachen übersetzt wurde, das acht Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand, war da der Druck sehr groß?

Der Druck war enorm, vor allen Dingen der, den ich mir innerlich gemacht habe. Ich wollte mindestens etwas schreiben, was genauso intensiv, persönlich und berührend war und auch große Themen beinhaltete. Und ich habe zuerst den Versuch gemacht ein anderes Buch zu schreiben, das wurde relativ schnell nachgefragt, von den Vertretern, vom Verlag, und ich dachte, ich krieg das hin, aber dann suchte und suchte ich die Geschichte, schrieb zweihundertfünfzig Seiten, und nochmal hundert Seiten und nochmal, und ich fand das Thema nicht und nicht den Sound. Ich habe das Buch, das direkt nach dem Lavendelzimmer folgen sollte (Anm. d.R.: Die Sternensucherin), abgebrochen, das wird es wahrscheinlich auch nicht geben.
Erst als ich sehr dicht am eigenen Ableben entlang schrammte, erst dann hatte ich wieder das Gefühl, auch wieder ein großes Thema gefunden zu haben. Das war keine Absicht, also man sollte es als Autorin auch nicht provozieren, dass sie die großen Themen nur findet, wenn es einem schlecht geht. Aber komischerweise hing das miteinander zusammen. Als ich dann wieder endlich eine Idee hatte, habe ich mich tatsächlich ein Jahr lang nur handschriftlich damit beschäftigt, wieder Ton und Geschichte zu finden. Mut zu sammeln, nach diesem großen Erfolg des Lavendelzimmers überhaupt wieder zu schreiben. Die ersten Sätze waren furchtbar. Ich habe sie angesehen und mir gedacht: „Aha, so schreibt also irgendwie eine Frau, die eine Bestsellerin ist, also nee, geht gar nicht, muss wieder weg und nochmal neu schreiben.“ Ich musste mich davon lösen, dass ich einen Erfolg gehabt habe und zu dem zurückkommen, was der Kern meiner Aufgabe ist: eine gute Geschichte zu schreiben. Ich musste alles wegschieben, jede Angst, jede Hoffnung, alles. Und das war tatsächlich ein harter Job, das dauerte über anderthalb Jahre.

Das Schreiben an sich ging dann aber sehr schnell?

Das stimmt, ich hatte sehr viel recherchiert, dann habe ich mich ein paar Monate lang eingeschrieben, aber das Kernschreiben war erneut schnell. Nicht so schnell wie beim Lavendelzimmer, wo es acht Wochen dauerte, diesmal habe ich, glaube ich zehn gebraucht. Also drei Monate einschreiben, ein Jahr recherchieren und dann ad hoc richtig zehn Wochen lang durchschreiben und dann noch ein bisschen Lektorat und so summiert sich dann die Zeit.

© Urban Zintel

© Urban Zintel

Stellst Du uns bitte Deine Protagonisten aus Das Traumbuch vor?

Wir haben vier Protagonisten, wobei ich aus drei Perspektiven jeweils in „Ich“ berichte. Das ist ein durchaus interessantes, komplexes Unterfangen. Die erste Perspektive ist Henri, ein ehemaliger Kriegsreporter, der genau in dem Moment, in dem er weiß, was er im Leben falsch gemacht hat, wo er gezögert hat, wo er sich nicht getraut hat, ein Wagnis eingegangen ist, überfahren wird. Er weiß endlich, was er alles falsch gemacht hat und wie er sein Leben leben muss, damit es seins ist, doch dann fällt er in ein Koma. In diesem Koma erzähle ich einerseits Empfindungen und Wahrnehmungen, die dieser Mann in der Nähe des Todes hat. Ich lasse ihn, ob es nun koma-induziert ist, ob es Halluzinationen, Träume oder Parallelrealitäten sind, immer wieder an Punkte seine Lebens kommen, an denen er sich falsch entschieden hat. Und ich lasse ihn anders entscheiden. Ich lasse ihn immer wieder erleben, was geworden wäre wenn er an einem bestimmten Punkt seines Lebens zum Beispiel nicht diese Frau verlassen, sondern mit ihr geschlafen oder ein Kind gezeugt oder kein Kind gezeugt hätte. Ich führe sozusagen anhand Henris Schicksal im Koma auf, welche Variationen unseres eigenen Lebens es gibt und wie klein und banal meistens die Entscheidungen sind, die zu einem völlig anderen Leben führen. Ich glaube persönlich daran, dass es immer nur die kleinen Momente im Leben sind, die entscheidend sind und selten die großen. Die anderen beiden Figuren sind Eddie, Edwinna heißt sie eigentlich, eine Verlegerin für Phantastik. Phantastik, nicht Fantasy, das ist sehr wichtig. Das ist sozusagen das Wunderbare, das dennoch wissenschaftlich fundiert ist. Dazu gehört Science Fiction, dazu gehören Quantenmechnaik, Jules Verne oder Parallelrealitäten, dazu gehört magischer Realismus. Sie ist eine Exfreundin von Henri, er hat sie verlassen, hat ihr aber zugemutet, dass sie im Falle eines Unfalles für ihn verantwortlich ist. Das heißt, sie ist jetzt zwischen zwei Männern, einem Mann im Koma und einem im Leben und muss sich entscheiden: will sie sich wirklich um diesen Mann kümmern, der sie verlassen hat und jetzt im Koma liegt oder nicht. Der Dritte im Bunde ist ein vierzehnjähriger Synästhetiker, ein Hochbegabter, er heißt Sam, Samuel und er hat nicht nur seine erste zarte Liebe, die er erlebt in diesem Buch, sondern er ist auch fähig aufgrund seiner Synästhesie, aufgrund seiner quasi Übersinnlichkeit, seiner hohen Sinneswahrnehmungen, seinen Vater, der im Koma liegt, auch noch dann zu spüren, wenn die Ärzte ihn schon aufgegeben haben. Diese drei Menschen ringen gemeinsam um Alles: um Familie, um Freundschaft, um Liebe, um Sich-selbst-Finden, um herauszufinden, welche Entscheidungen im Leben einen glücklich machen, ob das vielleicht auch die falschen sein können.
Und sie ringen gemeinsam um Person Nummer 4: Ein Mädchen, Madelyn, die in einem Psychokoma liegt, und sich weigert, in diese Welt hinein zu erwachen.
Dieses Buch ist tatsächlich nicht einfach zu erklären.

Du bist selbst Synästhetikerin, kannst Du erläutern, was das bedeutet?

Entwa sieben Prozent aller Menschen besitzen die Gabe der Synästhesie, sie haben sozusagen nochmal zwei, drei Sinne mehr und diese sind auch anders verdrahtet, sie vermischen sich bei jedem Sinnesreiz miteinander. Wenn ich Zahlen sehe, sehe ich auch gleichzeitig Farben. Für mich ist die Vier gelb, die Acht grün, die Fünf blau. Als wir vorhin ein Podium hatten, habe ich mal rumgefragt, ob es noch Synästhetiker gibt und von den hundert, hundertzwanzig Zuschauern waren drei, die sich gemeldet haben. Das entspricht tatsächlich dem Bundesdurchschnitt von Leuten, deren Sinneswahrnehmungen anders verdrahtet sind. Bei mir ist es noch so, dass ich Persönlichkeiten auch als Landschaften wahrnehme. Wenn ich in Räumen komme, habe ich das Gefühl, die Emotionen, die häufig in diesem Raum gelebt und ausgesprochen wurden, hängen noch in den Wänden. Ich fühle sozusagen traurige Räume oder einsame Häuser oder beschädigte, blutige Landschaften. Bei Sam ist es so, dass er Zahlen auch mit Farben sieht, dass er Musik geradezu körperlich spürt – etwa als Regen oder als milde Brise – und dass er in Menschen hineinsehen kann und an ihrer Stimme ablesen kann, ob sie zum Beispiel lügen (Lügen hören sich weiß an, Wahrheiten grün). Das Leben ist für ihn sehr intensiv und überfordernd. Er ist ein zauberhafter kleiner Kerl, weil er auch gleichzeitig mutig ist und im ganzen Buch über sich hinauswächst. Er wird vom Kind zum jungen Mann.

Du hast einen Sidekick, der ein bisschen Leichtigkeit reinbringen soll. Das ist ein (ebenfalls) Teenager. Wie schwierig war das für Dich?

Ganz leicht. Ich selbst bin mir selbst als Teenager noch sehr nahe. Der Sidekick heißt Scott, das ist der beste Freund von Samuel. Er ist ein Snob, er hat eine lose Zunge, er ist ebenfalls hochbegabt und wahnsinnig intelligent. Er versucht, jede Woche mit einem anderen Look die Girls zu begeistern. Er ist furchtbar reich und gleichzeitig beneidet er Sam um dessen Fähigkeit, das Leben wahrzunehmen. Scott macht immer wieder despektierliche Sprüche über alles Konventionelle. Er ist jemand, der dem Buch auch Leichtigkeit gibt, ich mochte ihn wirklich sehr, sehr gern. Gleichzeitig sind Teenager mir nah, weil ich innerlich immer noch ein Teenager bin. Teenager sind die Menschen, die wir alle, wenn wir älter sind, wieder sein wollen. Als Teenager haben wir schon bestimmte Prinzipen, bestimmte Lebensträume, bestimmte Gefühle und oft erlebe ich, dass Erwachsene, wenn sie dann später in Therapie gehen, versuchen, genau diese verschütteten Prinzipien, Gefühle und Träume ihrer Jugendzeit wieder zu entdecken. Manchmal möchte ich den Teenagern zurufen: Ihr wisst schon alles! Bleibt genauso, wie ihr jetzt seid, denn ihr wisst schon alles. Aber das ist eine recht unorthodoxe Herangehensweise an Teenager.

Jean Perdu hat Bücher empfohlen für alle Lebenslagen. Wem würdest Du Das Traumbuch empfehlen?

Ich würde es Menschen empfehlen, die sich fragen, was sie sich nicht zugetraut haben im Leben. Dieses Buch muss jeder lesen, der sich fragt: was ist noch offen in meinem Leben?
Demjenigen zu sagen, den ich begehre, dass ich ihn begehre. Wage ich es, meine Stimme zu erheben, wenn ich Widerstand leisten muss. Lebe ich mein Leben, traue ich mich das? Oder bleibe ich eingesperrt im kleinen Käfig der Konventionen und in meiner Angst.

Gibt es bei Dir noch etwas Offenes?

Nein, seit einigen Jahren tue ich genau das, was ich will. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, ob noch etwas offen ist und ich etwas zu bedauern habe. Nein, ich habe alles gemacht, was ich machen wollte.
Nachtrag am 28. März: Ich würde sehr gerne Boule spielen lernen. In einem entspannten Club in Berlin, die unter Platanen spielen und dabei Rosé trinken. Bitte meldet Euch, wenn ihr einen kennt!

Du bist unglaublich engagiert für das Urheberrecht, Du bist Mitglied im Verwaltungsrat der VG Wort, Du bist Beirätin im PEN-Präsidium. Wie schaffst Du das?

Alles nach und nach und ich habe eine neue Kraftquelle für mich entdeckt, das Tangotanzen. Ich tanze etwas zwei Stunden pro Tag Tango im Berlin im Mala Junta. Die haben jeden Tag Kurse, ich tanze und dort vergesse ich alles. Dort bin ich auch nur ich. Da bin ich nur Nina. Die Menschen, die ich dort treffe, teilen mit mir die Leidenschaft für den Tango. Es ist die höchste Form von Entspannung und Meditation, danach bin ich tatsächlich wie aufgetankt. Manchmal denke ich mir, ich habe keine Kinder, ich bin gesund, und vielleicht ist das eine gute Arbeitsteilung: Andere haben Kinder und sorgen für den Fortbestand der Menschheit, sorgen dafür, dass wir vielleicht irgendwann in dreißig Jahren eine neue Kanzlerin kriegen oder sorgen für neue Ärztinnen oder Schriftstellerinnen oder für Nachwuchs der Front von Klimaschutzforschung. Mein Job ist es, mich für Autorinnenenrechte und Kultur einzusetzen. Ich finde das eine gute Arbeitsverteilung.

Du hast auf einer der Veranstaltungen auf der Messe einen sehr schönen Satz gesagt: Leser wirken an einer Geschichte mit, weil sie in ihrem Kopf entsteht. Kannst Du das noch ein bisschen erläutern?

Sehr gerne. ich glaube zum Beispiel nicht an „Mitmach-Bücher“, an Interaktivität während des Schreibens oder dass Leser befragt werden sollten: Wie soll meine Figur heißen, was sollte jetzt passieren? Das ist nicht ihr Job. Ihr Job ist es, am Ende dieses Kunstwerk erst in sich entstehen zu lassen. Buchstaben auf Papier sind gar nichts. das ist einfach nur eine Verschmutzung von Papier. Ein Buch entsteht in dem Moment, in dem es gelesen wird. Ohne Leser bin ich auch keine Schriftstellerin, bin ich auch nichts. Ich habe unfassbar viel Respekt vor der Leistung der Leser, weil dieses Werk, dieser Film, diese Gefühle, diese Landschaften erst in ihrem Kopf entstehen und zwar in jedem ganz anders. Meine Aufgabe ist es, ihnen das so gut wie möglich zu ermöglichen, indem ich Bilder schaffe, Assoziationen, indem ich psychologisch überzeugend bin, indem ich eine schöne Sprache benutze. Aber letztlich entsteht dieses Kunstwerk erst im Kopf des Lesers. das ist eine Haltung, die mir gut gefällt, denn sie macht mich auch frei in dem Sinne, dass ich mir gar keine Gedanken machen muss, ob und was ich schreiben muss um einem Leser zu gefallen. Er oder sie wird sowieso seinen oder ihren eigenen Film im Kopf erschaffen, unabhängig von mir. Ich finde das eine unglaublich großartige Kommunikation, weil der Leser und ich, wir zusammen erschaffen diese Kunst erst. Ich könnte das nicht ohne Leser und ein Leser nicht ohne mich. Wir sind eine Symbiose. Das das Verrückte. wenn man sich das einmal bewusst gemacht hat, vergisst man es nie wieder. Leserin und Autorin sind eine Symbiose – aber erst nachdem das Buch geschrieben wurde.

Das Lavendelzimmer soll verfilmt werden. Zerstört das dann nicht in einer gewissen Weise diese Symbiose?

Da bin ich relativ gelassen. Filmemacher sind Kunsthandwerker, die eine andere Kunst als ich beherrschen. Ich lasse in dem Moment mein Buch völlig los, weil ich es ja schon geschrieben habe, es gibt es, so wie es ist, ist es da. Wenn jemand einen Film daraus macht und es so umsetzt, wie er oder sie es versteht, da werde ich nicht reinquaken. Es ist auch nicht mehr meine Entscheidung, wie jemand diesen Film wahrnimmt. Ob er lieber seinen eigenen hat, wenn er das Buch liest oder ob er lieber den Film sieht. Es ist mir zwar nicht egal, aber ich kann es unfassbar gut loslassen, weil es alles eine eigene Kunstform ist. Wenn jemand sich von meinem Buch inspirieren lässt, eine Film daraus zu machen, bin ich dankbar und froh und lass ihn einfach machen.

Gibt es schon konkrete Pläne?

Eine Hollywoodfirma wird es verfilmen und ich denke, so in zwei, drei Jahren ist Drehbeginn und sie werden an Originalschauplätzen drehen. Aber der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, also sind wir noch im Daumendrückmodus. Das Angebot ist da, es ist schon ziemlich konkret, aber noch ist die Tinte nicht trocken.

Wir drücken mit. Kannst Du schon etwas sagen über Dein nächstes Projekt?

Es wird wieder in Frankreich spielen, erst in Paris ein paar Kapitel lang und dann das ganze Buch fast ausschließlich in der Bretagne im Sommer. Die Hauptfigur wird diesmal eine Frau werden, nachdem mit Henri im Das Traumbuch ja wieder ein Mann im Mittelpunkt stand. Zwar auch noch ein Junge und eine weitere Frau, aber ich bin doch sehr froh, dass ich wieder zu einer Frau – übrigens in meinem Alter – als Protagonistin zurückkehren kann. Die in der Mitte ihres Lebens steht und sich fragt, ob sie die geworden ist, die sie hätte sein können. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, aber unter anderem wird die Bretagne vorkommen, versteinerte Geheimnisse und ein verdammt heißer, sehr heißer Sommer.

Findest Du es schwierig, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben?

Überhaupt nicht. Ich habe das große Glück oder auch das große Pech, Empathie an- und ausschalten zu können. Als Kind konnte ich das nicht, da war ich überflutet von Empfindungen und Mitgefühl, jetzt kann ich es bewusst Einschalten. Und auch Aushalten, indem ich einfach die Augen zu mache, die Brille abnehme, mit meinem Handy rumspiele oder wirklich einfach alles runterklappe oder -fahre und niemandem mehr sehe und auch nicht höre.
Wenn ich die Sinne aufmache, fällt es mir sehr leicht, Menschen nachzufühlen. Es ist dann auch völlig egal, ob es kleine oder große Menschen sind, Männer oder Frauen. Es fällt mir sehr leicht, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben, wobei ich aber dann auch männliche Erstleser, zum Beispiel meinen Mann, frage, ob ich psychologisch schlüssig diese männlich Persönlichkeit dargestellt habe. Das ist schon noch so ein bisschen mein Rettungsschirm. Gewisse Dinge, die ein Mann sieht und empfindet, kann ich nicht wissen, weil ich nun mal eine Frau bin. Männer sind anders sozialisiert, Männer verbinden zum Beispiel Sex niemals mit Gewalt oder Gefahr, Frauen immer. Frauen müssen immer fürchten, dass sie vergewaltigt werden könnten oder ungewollt schwanger. Männer verbinden zum Beispiel Sexualität ausschließlich mit Spaß oder vielleicht noch mit emotionaler Verpflichtung. Allein dieser Unterschied schon der Sozialisation hat einen ganz anderen Einfluss auf Psyche, Verhalten und Auftritt, vor allem was den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Das muss einem, wenn man aus der Perspektive des anderen genders schreibt, erst mal bewusst werden. Erst dann kann man eine Figur überzeugend schreiben, die einen anderen Chromosomenbausatz hat.

Du bist Teil des Autorenduos Jean Bagnol. Gibt es da auch bald einen dritten Band?

Wir schreiben gerade an Band Nummer Drei, der im Arbeitstitel heißen wird Commissaire Mazan und die Spur des Korsen. Wir waren gerade jeweils eine Woche in Marseille und der Provence und haben dort recherchiert. Es wird die Mafia dabei sein, es werden Trüffel dabei sein, es werden Polizeiskandale dabei sein und sämtliche bisherigen Mitwirkenden sind auch dabei. Wir haben schon die ersten Kapitel geschrieben und der Prolog ist der Hammer. Das wird ein Erdbeben und von dort aus steigern wir uns. Das wird der rasanteste Jean Bagnol, den wir je geschrieben haben.

Gibt es schon einen Erscheinungstermin?

Ich glaube, 2017 im April.
Herzlichen Dank für dieses Interview und noch eine schöne Restmesse.

Sehr gerne.

 

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Christiane Franke wurde an der Nordseeküste geboren und lebt immer noch gerne dort. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Herausgeberin arbeitet sie als Dozentin für kreatives Schreiben.

Cornelia Kuhnert lebt in Hannover und hat dort als Lehrerin gearbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht und Anthologien herausgegeben.

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