[singlepic id=1834 w=320 h=240 float=left]Die Zusammenarbeit des norwegischen Choreografen Jo Strømgren mit dem Gärtnerplatztheater versprach spannend zu werden, ist der Norweger doch dafür bekannt, genreübergreifend zu arbeiten. Herausgekommen ist ein Handlungsballett, das meine Erwartungen weit übertroffen hat, ich habe noch nie einen so unterhaltsamen Ballettabend erlebt.
Zur Zeit Max III Joseph – eine sehr schöne Referenz an den Spielort, das Cuvilliéstheater wurde in seinem Auftrag erbaut – vertreibt man sich im Schloß und Parks von Baron und Baronin die Zeit mit mal lustigen, mal weniger lustigen Spielchen und ausufernden Festen. Die Adeligen sind bunt gemischt und kommen aus vieler Herren Länder. Als jedoch ein Paar aus Ungarn anreist, das ein bisschen anders ist, wird es ausgegrenzt. Bals darauf stirbt die Baronin unter ungeklärten Umständen und die höfische Gesellschaft bekommt es mit der Angst zu tun. Seelischen Beistand können sie von dem etwas kopflos agierenden Pfarrer auch nicht erwarten. Bald geht man jedoch wieder zur Tagesordnung über, bis das Böse erneut zuschlägt.
[singlepic id=1831 w=240 h=320 float=right]Jo Strømgren gelingt ein fast schon genialer Mix aus Schauspiel und Tanz, es ist lustig, es ist böse, manchmal werden Grenzen überschritten und dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Er hält uns einen Spiegel vor, wir erkennen uns selbst, wollen es aber nicht wahrhaben. Das spielt doch im Rokoko, was kann das mit unserer Zeit zu tun haben? Sehr viel.
Da kommen zwei, die aus dem Rahmen fallen. Die eingeschworene Gemeinschaft beobachtet sie kritisch, lässt sie außen vor, zerreißt sich das Maul über sie, lässt sie auflaufen, imitiert sie dabei heimlich. Höfische Schreittänze gegen modernen Tanz. Dabei sind sie doch alle nur Versuchskaninchen. Da werden Menschen als Sklaven gehalten, dürfen nur Lendenschürze tragen. müssen die anderen bedienen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es sind die Gastarbeiter aus dem Osten, es fehlt eigentlich nur das “Ferner” und schon sind wir in der heutigen Zeit, wo Menschen in Fabriken sterben, damit wir billige Kleider kaufen können.
Da wird Blinde Kuh gespielt und als nächstes Weiber abknallen im Stile einer Schießbude. Ich zumindest fühle mich da an einige Verbrechen auch in letzter Zeit erinnert. Die Kunst von Jo Strømgren, der im letzten Jahr bereits mit dem Ballettensemble einen Akt von Minutemade erarbeitet hat, ist es, dies alles mit leichter Hand zu servieren, man merkt gar nicht, was sich da eigentlich vor einem abspielt. Sicher, ich hab auch nicht alles verstanden und einiges verpasst, denn es ist meistens ziemlich viel los auf der Bühne. In einem entscheidenden Moment gibt es einen Rewind und man kann sich die Szene dann nochmal in Zeitlupe ansehen. Und für alles andere gibt es einen zweiten und dritten Besuch, der sich auf alle Fälle lohnt. Es sind einige tolle Gags dabei, die sicher auch bei einer Wiederholung zünden. Da werden Tänzer als Statuen weggetragen, da gibt es eine orientalische Version des höfischen Schreittanzes, da wird viel gemordet, nicht nur mit Arsen, und wieder auferstanden. Der Abend lebt von der Situationskomik, die das Ensemble präsentiert als ob sie nie etwas anderes machen würden. Ganz großes Kino.
[singlepic id=1825 w=320 h=240 float=left]Die Bühne, ebenfalls von Jo Strømgren, bezaubert mit federleichten Umbauten von der Kapelle zum Schloss und wieder zum Garten, die Kostüme von Bregje van Balen lassen Rokokopracht erkennen, ohne die Tänzer allzu sehr einzuschränken.
Die Tänzer zeigen, dass sie nicht nur ausgezeichnet Tanzen, sondern auch sehr gut Schauspielern können, ohne das hätte der ganze Abend nicht funktioniert. Denn es wird beileibe nicht nur getanzt, sondern auch sehr viel gespielt. Eine tolle Leistung des Ensembles, die auch noch zusammen mit Strømgren die Choreografie entwarfen. Ich empfinde den Abend als ideal geeignet für den Ballettneuling, aber bitte nicht zu jung, das Theater empfiehlt einen Besuch ab 13 Jahre. Einerseits wird toll getanzt, zum Beispiel wirklich wunderbare Pas de Deux, andererseits kann man auch herzhaft Lachen. Man verbringt einen sehr unterhaltsamen Abend, dessen Tiefgang sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Einzig am Ende plätscherte es mir etwas zu sehr dahin, hier hätte mir ein Schlussakkord mit einem Paukenschlag besser gefallen.
[singlepic id=1832 w=320 h=240 float=right]Unterlegt ist das Ganze mit Stücken von Antonio Vivaldi, Tomaso Albinoni, Arcangelo Corelli, Heinrich Ignaz Franz Biber und Rabih Abou-Khalil, präzise dargeboten vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter dem musikalischen Leiter Jürgen Goriup. Besonders gefallen haben mir die Cello-Soli von Hans-Peter Besig. Es war nichts dabei, was wirklich ins Ohr ging, aber es passte immer hervorragend zu dem Geschehen auf der Bühne.
Weitere Vorstellungen am Sa. 22. März 2014 19.30 Uhr*, So. 23. März 2014 18.00 Uhr, Di. 1. April 2014 19.30 Uhr, Do. 3. April 2014 19.30 Uhr, Mo. 7. April 2014 19.30 Uhr, Mi. 9. April 2014 19.30 Uhr*, Fr. 11. April 2014 19.30 Uhr * KiJu-Vorstellung es gibt noch Restkarten für alle Vorstellungen von 14€ bis 50€ online oder unter 089 21 85 19 60
Musikalische Leitung Jürgen Goriup, Choreografie Jo Strømgren mit den Tänzerinnen und Tänzern des Staatstheaters des Gärtnerplatz, Bühne Jo Strømgren, Kostüme Bregje van Balen, Licht David Bofarull (aai), Dramaturgie David Treffinger, Tanz Rita Barão Soares, Anna Calvo, Ariella Casu, Aina Clostermann, Marta Jaén, Natalia Palshina, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Lieke Vanbiervliet, Francesco Annarumma, Alessio Attanasio, Matteo Carvone, Davide Di Giovanni, Giovanni Insaudo, Neel Jansen, Javier Ubell, Russell Lepley, Filippo Pelacchi, Morgan Reid, Isabella Pirondi, Sprecher Patrick Teschner
[singlepic id=1659 w=320 h=240 float=left]Berlin in den Zwanziger Jahren, die Stadt atmet das Leben, man amüsiert, raucht, säuft, kokst, liebt sich zu Tode. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind groß. Haste was, dann biste was, haste nüscht, dann biste nüscht. Diese schmerzliche Erfahrung muss auch Hans machen. Hans ist Fabrikarbeiter und liebt eine Tochter aus gutem Hause. Die liebt ihn auch, irgendwie, aber als der Industrielle Richard von Stetten auftaucht, der sie fördert, lässt sie Hans fallen. Eva träumt davon, ein Varietéstar zu werden, Richard lässt sie in seinem Club auftreten, sie wird seine Geliebte, aber ihre Eltern träumen immer noch vom gesellschaftlichen Aufstieg durch Heirat. Ein Jahr später liebt Hans Eva immer noch, aber Richard hat sich einer anderen zugewandt und wirft Eva aus dem Club. Hans wird Zeuge dieser Auseinandersetzung und rächt Eva.
Mit sehr viel Gespür für die kleinen zwischenmenschlichen Gesten erzählt Ballettchef Karl Alfred Schreiner die Geschichte einer Liebe die nicht sein darf und setzt sie zugleich in den historischen und gesellschaftlichen Kontext. Da fühlt man sich auf eine Galeere versetzt, wenn die Tänzer in der Fabrikszene auf Fässern trommeln, sehr beeindruckend, wenn auch ein wenig laut. Die Musik hierzu ist eine Auftragskomposition von David Sitges-Sardà und die Umsetzung ist wirklich phänomenal. Karl Alfred Schreiner hat bei der Einführung gesagt, er möchte, dass die Tänzer mit ihrem Körper die Geschichte erzählen, wie damals zur Stummfilmzeit, an die sich das gesamte Ambiente auch anlehnt. Das ist wirklich hervorragend gelungen. Richard von Stetten, exzellent in Szene gesetzt von Davide Di Giovanni, ist ein Mann, der sehr viel Platz einnimmt und dabei so glatt wie ein Fisch ist. Egal, ob es um ein Streitgespräch mit anschließender Versöhnung von Hans und Eva, die von Alessio Attanasio und Sandra Salietti ganz ausgezeichnet getanzt wurden, geht oder um unerfüllte Liebe, die der beste Freund von Hans, Harry (ganz fantastisch Russell Lepley) ihn emtgegenbringt, man fühlt mit den Menschen auf der Bühne, ihre Emotionen durchdringen den ganzen Saal.
[singlepic id=1664 w=320 h=240 float=right]Andererseits darf aber auch mal gelacht werden, wenn Evas Mutter (Lieke Vanbiervliet) sich aus Versehen die von Hans mit Drogen versehenen Würfelzucker in den Tee gibt und dann im Drogenrausch von einer Karriere als Steppwunder mit Pudelunterstützung träumt. Überhaupt sind diese Drogenräusche sehr aufschlussreich und offenbaren noch mehr über die Seele des Träumenden als seine realen Handlungen. Da versetzt sich Eva, als ihr Startraum geplatzt ist, wieder in ihre Kindheit auf den Jahrmarkt, da wird von Badeschwämmen und Priestern geträumt. Die schönste, innigste, emotionalste Szene ist sicher der Besuch Evas im Gefängnis, die durch den fulminanten Schlusspunkt noch betont wird. Ein sehr runder, atmosphärischer, ausdrucksvoller Abend.
[singlepic id=1671 w=240 h=320 float=left]Die Bühne (Rainer Sinell) ist enorm wandlungsfähig, beinahe alles kommt blitzschnell von oben, von der Straßenlaterne bis zur Clubbühne, das ist wirklich sehr gut gemacht. Und was nicht von oben kommt, tragen die Tänzer selbst herein und so werden mit wenigen Mitteln Illusionen erzeugt. Interessant sind auch die Projektionen (Raphael Kurig und Thomas Mahnecke), sie machen die Wandlung von der Fabrikhalle über den Club bis hin zum Boxring vollkommen. Die Kostüme von Jan Meier sind sehr eng mit der Zeit verbunden und unterstreichen die Stummfilmästhetik. In den Drogenräuschen hat er sich dann ausgetobt und quietschbuntes dagegen gestellt.
Die Musikauswahl ist ausgesprochen gelungen. Es war darauf Wert gelegt worden, dass die Komponisten entweder aus Berlin stammten oder in der Zeit, in der das Stück angesiedelt ist, dort gelebt haben und so atmet jede Note das damalige Lebensgefühl. Mit Hanns Eisler, Kurt Weill und Ernst Krenek fand man hier wirklich ganz herausragende Vertreter dieser Zeit. Das Orchester unter Michael Brandstätter lief erneut zur Höchstform auf. Dessen Wandlungsfähigkeit ist wirklich bemerkenswert. Vor zwei Wochen noch gefeiertes Barockorchester, lässt man nun den Geist der Zwanziger Jahre wiederauferstehen. Chapeau! Ergänzt wurde das ganze durch alte Aufnahmen von Schlagern von Peter Kreuder, Paul Abraham und anderen Größen dieser Zeit. Dazu sang Nadine Zeintl, dem Gärtnerplatzpublikum noch bestens in Erinnerung durch ihre famose Interpretation der Sally Bowles. Das klang mir ein bisschen zu flach, sie hob sich nicht genug von der Musik ab. Ansonsten war es musikalisch ein wirklich toller Abend.
Dem Gärtnerplatztheater ist nach Dornröschen in der letzten Spielzeit erneut eine hervorragende Ballettproduktion gelungen. Karl Alfred Schreiner und seine Tänzer etablieren sich als feste Größe in der Münchner Theaterszene.
Musikalische Leitung Michael Brandstätter, Choreografie Karl Alfred Schreiner, Bühne Rainer Sinell, Licht Marco Policastro, Kostüme Jan Meier, Video und Projektionen Raphael Kurig, Thomas Mahnecke, Dramaturgie Judith Altmann Hans Klein Alessio Attanasio / Davide Di Giovanni, Eva Klimpke Sandra Salietti / Rita Barão Soares, Harry Weber, Hans’ bester Freund Russell Lepley / Filippo Pelacchi, Gertrude Klimpke, Evas Mutter Lieke Vanbiervliet / Marta Jaén, Wilhelm Klimpke, Evas Vater Morgan Reid / Neel Jansen, Richard von Stetten, ein Großindustrieller Davide Di Giovanni / Francesco Annarumma, Oskar Stein, Richards Bodyguard Neel Jansen / Morgan Reid, Kiki Schuster, Richards Mätresse Isabella Pirondi / Ariella Casu, Zwei Prostituierte Marta Jaén, Lieke Vanbiervliet, Natalia Palshina, Transvestit Filippo Pelacchi / Russell Lepley, Polizist Morgan Reid / Neel Jansen, Zwei Boxer Filippo Pelacchi, Gaetano Montecasino, Javier Ubell, Hans im Rausch Matteo Carvone, Eva im Rausch Anna Calvo, Gertrude im Rausch Ariella Casu, Wilhelm im Rausch Filippo Pelacchi / Russell Lepley, Richard im Rausch Gaetano Montecasino, Priester im Rausch Russell Lepley / Filippo Pelacchi, Arbeiter, Showgirls, Rauschwesen u.a. Rita Barão Soares, Anna Calvo, Ariella Casu, Aina Clostermann, Marta Jaén, Natalia Palshina, Isabella Pirondi, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Lieke Vanbiervliet, Francesco Annarumma, Alessio Attanasio, Matteo Carvone, Davide Di Giovanni, Neel Jansen, Russell Lepley, Gaetano Montecasino, Filippo Pelacchi, Morgan Reid, Javier Ubell, Chansonette Nadine Zeintl, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Uraufführung am 21. November im Cuvilliéstheater
Weitere Vorstellungen am 22., 23., 24., 26., 27., 28. und 30. November
Vorstellungsbeginn 19.30 Uhr, am 24. November 18.00 Uhr
Benefizveranstaltung zugunsten der Münchner AIDS-Hilfe am 30. November
Preise 14,- bis 55,- Euro,Schüler- und Studentenkarten 50% ermäßigt, an der Abendkasse und für die Vorstellungen am 22. und 27. November bereits im Vorverkauf 8,- Euro
Tickets gibt es an den Vorverkaufsstellen, unter www.gaertnerplatztheater.de, Tel. 089 2185 1960 oder tickets@gaertnerplatztheater.de
[singlepic id=1637 w=320 h=240 float=left]Unser Autor Andreas M. Bräu hat ebenfalls über die Semele-Premiere des Gärtnerplatztheaters am 24.10.2013 berichtet, drüben bei Opernnetz.
SEMELE. Barockoper / Oratorium von Georg Friedrich Händel. Libretto nach William Congreve. Musikalische Leitung: Marco Comin. Regie: Karoline Gruber. Bühne: Roy Spahn. Kostüme: Magali Gerberon. Choreografie: Beate Vollack. Besetzung: Jupiter: Ferdinand von Bothmer. Cadmus: Holger Ohlmann. Athamas: Franco Fagioli. Somnus: István Kovács. Apollo: Juan Carlos Falcón. Juno: Adrineh Simonian. Iris: Elaine Ortiz Arandes. Semele: Jennifer O’Loughlin. Ino: Ann-Katrin Naidu.
[singlepic id=1594 w=320 h=240 float=left]Das Gärtnerplatztheater eröffnete die neue Spielzeit mit dem Musical Der Mann von La Mancha in der Reithalle und feierte eine gelungene Premiere.
Als den größten Roman aller Zeiten bezeichnete Christoph Wagner-Trenkwitz die Geschichte um den Dichter Cervantes, der des Hochverrates angeklagt wird und sich im Gefängnis einer ganz eigenen Gerichtsverhandlung gegenübersieht. Seine Mitgefangenen, Diebe , Mörder, politisch Verfolgte, sitzen über ihn zu Gericht und zu seiner Verteidigung erzählt Cervantes die Geschichte vom Edelmann Alonso Quijana, der wiederum sich selbst in die Ritterrolle hineinträumt und als Don Quijote die Ebenen von La Mancha unsicher macht. In seiner Vorstellung wird aus einer Windmühle ein gefährlicher Riese, aus einer Spelunke eine Burg und aus einer Küchenmagd ein Edelfräulein. Nicht immer stößt er dabei auf Verständnis seiner Umwelt, aber seine Sichtweise ist ansteckend und am Ende träumen alle den unmöglichen Traum.
Miguel de Cervantes saß selbst mindestens dreimal im Gefängnis und auch er hat als Steuereintreiber gearbeitet, insofern dürfte in der Rahmenhandlung ziemlich viel Biographisches stecken. Außerdem war er auch noch Soldat und Pirat und ein eher erfolgloser Schriftsteller, der erste Teil von Don Quijote war zwar ein Kassenschlager, kassiert hat aber nur der Verleger. Selbst seinen Todestag muss er sich mit William Shakespeare teilen, sein Roman wirkt indes noch lange nach und hat Werke von Purcell, Telemann, Richard Strauss und verschiedene Zarzuelas beeinflusst. 1965 entstand das Musical von Dale Wasserman, der auch Einer flog über das Kuckucksnest für das Theater adaptierte. Ursprünglich sollte W. H. Auden die Liedtexte schreiben, aber er war zu sozialkritisch, deshalb wurde Joe Darion damit beauftragt. Es war ein riesiger Erfolg am Broadway und zählt noch heute zu den am längsten gespielten Stücken.
[singlepic id=1602 w=320 h=240 float=right]Premiere hatte das Musical in einem Theater, das eigentlich abgerissen werden sollte und dementsprechend schon teilweise demontiert war. So hatte das Theater keinen Vorhang mehr und genau das empfindet die Bühne von Thomas Stingl nach. Ein Podest zwischen zwei Tribünen stellt die Spielfläche dar und stellt die Mitwirkenden vor besondere Herausforderungen. Bis auf die Gefängniswärter sind ausnahmslos alle ständig – man spielt ziemlich genau zwei Stunden ohne Pause – auf oder neben der Bühne. Da kann man sich nicht mal eben die Nase putzen oder schnell einen Müsliriegel essen. Jeder steht ständig unter Beobachtung und es ist sehr schwierig, beim ersten Mal wirklich alle Aspekte zu erfassen. Regisseur Josef E. Köpplinger, der nach eigenem Bekunden als Kind Angst vor dem Stück hatte, versteht sich auf die Personenregie und schafft mit einfachen Mitteln Illusionen und setzt damit die Essenz des Romanes perfekt um. Das Konzept der zu zwei Seiten offenen Bühne ist sehr gut umgesetzt, natürlich wird einem schon mal der Rücken zugedreht aber generell merkt man doch die Bemühung, beide Tribünen gleichermaßen einzubeziehen. Die Vergewaltigungsszene war mir persönlich etwas zu explizit umgesetzt und insgesamt ist mir das Stück zu textlastig, auch wenn es natürlich so geschaffen wurde. Die Kostüme geben in der Rahmenhandlung eine Jetztzeit vor – aus dem Gefängnis wurde ein Auffanglager -, für die Zeit des Theaterstückes konnte ich aber keine Renaissancekostüme entdecken, das war eher so irgendwie historisch. Das tut aber der Aussage dieses Stückes keinen Abbruch, der philosophische Hintergrund wird trotzdem deutlich.
[singlepic id=1603 w=320 h=240 float=left]Die Sänger waren allesamt gut, für mich herausragend war Carin Filipčić, die ein unglaublich berührendes Portrait der Hure Aldonza zeichnete und auch stimmlich für mich die beste des Abends war. Peter Lesiak als Diener bzw Sancho und Erwin Windegger als Cervantes/Don Quijote ergänzten sich prächtig. Alle Rollen waren gut bis sehr gut mit teilweise bekannten Gesichtern wie zum Beispiel Maurice Klemm (Weißes Rössl/Anything goes) besetzt. Das Orchester des Staatstheaters am Gätnerplatz bewies mal wieder seine Vielseitigkeit und ließ unter Andreas Kowalewitz die zum größten Teil spanisch angehauchten Rhythmen strömen.
Weitere Vorstellungen bis 19. Oktober, Karten von 17€ biss 55€ an allen bekannten Vorverkaufsstellen.
Musikalische Leitung Andreas Kowalewitz, Regie und Licht Josef E. Köpplinger, Co-Regie Nicole Claudia Weber, Choreografie Hannes Muik, Bühne Thomas Stingl, Kostüme Bettina Breitenecker, Dramaturgie David Treffinger, Cervantes / Don Quijote Erwin Windegger, Diener / Sancho Peter Lesiak, Aldonza / Dulcinea Carin Filipčić, Gouverneur / Gastwirt Martin Hausberg, Padre Jesper Tydén, Herzog / Dr. Carrasco Frank Berg, Antonia Katja Reichert, Barbier / Juan, Maultiertreiber / Maure Maurice Klemm, Jose, Maultiertreiber / Maure Hannes Muik, Anselmo, Maultiertreiber / Maure Christoph Graf, Tenorio, Maultiertreiber / Maure Peter Neustifter, Paco, Maultiertreiber / Maure Alexander Moitzi, Pedro, Maultiertreiber / Maure Florian Peters, Haushälterin Snejinka Avramova, Maria, Frau des Gastwirts Marika Lichter, Fermina, Dienstmädchen Frances Lucey, Maurin Kenia Bernal Gonzàles, Hauptmann Peter Windhofer, Pferd / Maultiertreiber / Maure Pál Szepesi, Esel / Maultiertreiber / Maure Nicola Gravante, Gefängniswärter u.a. Statisterie, Orchester, Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
[singlepic id=1536 w=320 h=240 float=left]Nach Boccaccio in 2009 und Viva la Mamma! in 2011 war das die dritte konzertante Aufführung eines Gärtnerplatz-Stückes, das ich in der Philharmonie Köln erlebt habe. Wieder gelang es allen Beteiligten, die Atmosphäre des Stückes einzufangen und auch bei einer konzertanten Aufführung das Schauspielerische nicht zu kurz kommen zu lassen.
Dazu genügten die Kostüme und ein Möbelstück. Und ein Ensemble, das mit Lust dabei war. Ich gestehe, mir hat Der Bettelstudent anfangs nicht gefallen, ich fand die Melodien irgendwie doof und bis auf den Schulterkuss kannte ich nichts. Das hat sich nach dem zweiten Mal sehen und hören aber schon geändert und nun haben sich die Melodien in meinem Kopf festgesetzt und spuken da von Zeit zu Zeit rum. Musikalisch war es sehr schön und durch den weitgehenden Wegfall des Szenischen (lediglich die Auftritte und Abgänge und, soweit es die Platzverhältnisse zuließen, choreographische Elemente wurden gespielt) konnte ich mich ganz auf den Text konzentrieren und habe diesmal wirklich alles bis ins kleinste verstanden 😉
Elvira Hasanagic ist wirklich eine ganz fantastische Laura. Ihr glockenheller Sopran überstrahlte bereits im Prinzregententheater mit Leichtigkeit auch große Ensembles, hoffentlich gibt es ein Wiedersehen mit der talentierten jungen Sängerin. Zusammen mit ihrem Bühnenpartner Daniel Prohaska, der wieder dem Symon Symonowicz sehr schön Stimme und Gestalt verlieh, sang sie das Liebesduett Ich setz den Fall ausgesprochend berührend. Auch das zweite Paar, Simona Eisinger als Bronislava und Mathias Hausmann als Jan Janicki, glänzten in ihrem Duett besonders, beide sind wirklich hervorragende Sänger und Darsteller. Besonders gut gefallen hat mir übrigens die Kombination von Tenor mit Bariton; die eigentlich vorgeschriebene Tenor/Tenor-Variante kann ich mir insbesondere in den Duetten von Symon und Jan gar nicht richtig vorstellen. Köstlich auch wieder die vier sächsischen Offiziere, angeführt von Holger Ohlmann. Der Ollendorf bekam für die extra für Köln gedichtete Strophe des Couplets rauschenden Applaus. Torsten Frisch sächselte den Enterich akustisch sehr verständlich und machte die Rolle damit zu einem kleinen Höhepunkt. Susanne Heyng bei ihrem wirklich letzten Auftritt für das Gärtnerplatztheater vor dem Ruhestand, Franz Wyzner, Frances Lucey und Martin Hausmann komplettierten das bestens aufgelegte Ensemble.
Der Chor zeigte, dass er auch singen kann, wenn er nicht spielt, und Florian Wolf, Stefan Thomas und Marcus Wandl erfüllten ihre kleinen Soli mit Leben.
Ein sehr schöner Abend, der nicht nur mir Spaß gemacht hat. Schade, dass die Vorstellung gleichzeitig die Dernière war.
[singlepic id=1484 w=320 h=240 float=left]über die Pressekonferenz vom Vormittag habe ich drüben bei mucbook geschrieben. Die Pressekonferenz war gut besucht, allerdings finden sich bisher nur wenige Artikel online, zB. bei der SZ, bei der AZ und dem BR. Jakobine Kempkens Beitrag ist beim Neuen Merker leider total versteckt. Leider hatte ich einen sehr unangenehmen Sitznachbarn, der nicht nur abwechselnd nach Fußschweiß und kaltem Rauch stank und total verdreckte und dem Geruch nach urteilen schon länger nicht gewaschene Klamotten anhatte, sondern sich auch noch beständig mit seiner Nachbarin unterhielt. Nächstes Jahr suche ich mir einen Platz, von dem ich flüchten kann, ohne drei Leute aufzuscheuchen.
[singlepic id=1470 w=320 h=240 float=left]Mit der zweiten Musicalpremiere innerhalb einer Woche setzt das Team des Gärtnerplatztheaters neue Maßstäbe in der Unterhaltungsmusiktheaterlandschaft in München. Obwohl beide Stücke in der gleichen Zeit spielen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Während in Cabaret eher eine düstere Grundstimmung vorherrscht, regiert hier die Fröhlichkeit und die Lebenslust. Natürlich ist Anything Goes kein Stück mit Tiefgang, aber darf Musiktheater auch nicht einfach nur unterhalten? Natürlich darf es das, vor allem, wenn die Unterhaltung so gut gemacht ist wie an diesem Abend.
Ausgangspunkt für die Entstehung des Musicals war der Produzent Vinton Freedly, dem die Idee dazu auf einem Schiff kam, mit dem er sich vor seinen Gläubigern aus dem Staub machte. Er beauftragte Guy Bolton und P.G. Wodehouse damit, das Buch dazu zu schreiben, letzterer vor allem bekannt durch seine köstlichen Romane, unter anderem die Jeeves & Wooster-Serie, genial verfilmt mit Stephen Fry und Hugh Laurie. Die Story beinhaltete eine Bombendrohung und einen Schiffbruch und muss ziemlich chaotisch gewesen sein. Als wenige Wochen vor der Premiere vor der Küste New Jerseys ein Feuer auf einem Luxusliner 138 Menschen das Leben kostete, musste die Geschichte schnellstmöglich umgeschrieben werden. Da die originalen Autoren gerade nicht verfügbar waren, stammt das Libretto, so wie wir es heute kennen, von Howard Lindsay und Russell Crouse, die hier erstmals zusammenarbeiteten. Die Musik stammt von Cole Porter, der nach Roger Hammerstein und George Gershwin eigentlich nur die dritte Wahl war, und so ist es nur natürlich, dass sie sofort ins Ohr geht und sich da festsetzt. Praktisch jeden Song hat man schon mal in der ein oder anderen Version gehört, der Wiedererkennungseffekt ist beträchtlich und das Publikum ist von der ersten Minute voll dabei.
Das Gärtnerplatztheater hat sich entschieden, nur die Dialoge auf Deutsch zu bringen und die Songs im Original zu belassen. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn man die Dialoge immer gut verstehen könnte, was insbesondere am Anfang ein bisschen schwierig ist. Überhaupt kommt das Stück erst langsam auf Touren und zu Beginn ist man etwas überwältigt von dem schieren Überangebot an visuellen Reizen. Sieht man einer kleinen Detailhandlung rechts zu, verpasst man links was. Sehr geschickt, so muss man sich das Stück mehrfach ansehen. Es lohnt sich aber wirklich, denn es ist wirklich alles perfekt erarbeitet, die Choreografien sitzen, die Bewegungen erfolgen exakt im Takt der Musik, man wird absolut mitgerissen von der prallen Lebensfreude.
Um was geht’s, wenn alles geht? Billy Crocker ist ein kleiner Wallstreetbroker, der sich in ein Mädchen verliebt. Als er seinen Boss Elisha Whitney zum Schiff bringt, das in Kürze nach England ablegen soll, sieht er das bezaubernde Wesen wieder. Er erfährt, dass sie Hope Harcourt heißt und mitsamt ihrer überdrehten Mutter und dem stinkreichenVerlobten Lord Evelyn Oakleigh, der die Familienfinanzen sanieren soll, in die neue Heimat fährt. Mit von der Partie ist auch noch seine Bekannte Reno Sweeney, eine Nachtclubsängerin, die zur Predigerin mutiert ist, sowie der Staatsfeind Nummer 13, der so gerne die Nummer 1 wäre und dessen Freundin Erma. Billy schleicht sich an Bord, um die Heirat zu verhindern und Hope für sich zu erobern. Um an sein Ziel zu kommen, muss er in die verschiedensten Rollen schlüpfen. Für die Uraufführung 1934 war diese Rolle dem Komiker William Gaxton auf den Leib geschrieben, der berühmt für seine Verwandlungskünste war. Es kommt zu den absurdesten Situationen, befeuert durch viel Wortwitz und exzellente Darsteller auf der Bühne. Und weil nicht nur der Titel, sondern auch das Motto Anything goes heißt, werden die Paare bis zum Ende schön durcheinandergewürfelt.
[singlepic id=1469 w=320 h=240 float=right]Obwohl das Stück als Screwballcomedy daher kommt, schwingen auch sozialkritische Untertöne mit. Geschrieben kurz nach dem Ende der Prohibition und unter dem Eindruck der gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise, sind die Gangsterverherrlichung und Bußprediger ein Thema, ist das Schiff mit Trinkern, Spielern und Betrügern bevölkert. So kann man schon darüber nachdenken, wenn Billy feststellt, dass er als kleiner Börsenmakler in das Gefängnis geworfen werden würde und man ihm als Gangster Nummer 1 den roten Teppich ausrollt. Auch wenn man darüber lacht, dass der Mann von Mutter Harcourt wie ein Gentleman gefallen ist nach dem Sprung aus dem Fenster, weil man beim Börsencrash alles verloren hat, ist das doch eine tragische Geschichte. Das Musical hat sich mit den Jahren beständig verändert, es wurden Songs umgestellt und Cole-Porter-Schlager aus anderen Stücken eingebaut. Auch Regisseur Josef E. Köpplinger hat eine Szene hinzugefügt und einige aktuelle Bezüge aufgenommen, die sehr gut ankamen beim Publikum. Zu lachen gibt es viel an diesem Abend, Köpplinger setzt auf Tempo und exakt getimte Abläufe. Rainer Sinell, der auch für die zeitlich passenden Kostüme verantwortlich ist, nutzt eine Drehscheibe, um das Vorderdeck des zweistöckigen Schiffes in intime Kabinen zu verwandeln. Das Schiff nimmt im ersten Teil langsam an Fahrt auf und ist dann kaum mehr zu stoppen. Ähnlich wie in Cabaret gibt es auch hier leicht bekleidete Menschen, aber anders als in der Reithalle wirkt es hier nicht ordinär, sondern lustig. Das Ende kommt etwas abrupt, aber nach einem so temporeichen Abend verzeiht man das gerne.
Viel zu dem schwungvollen, temporeichen Abend trägt auch die Choreografie von Ricarda Regina Ludigkeit bei. Sie lässt das Ensemble sich die Seele aus dem Hals steppen und es gleichzeitig so leicht aussehen, dass es auch noch Spaß machen könnte. Sie gibt den Akteuren eine tolle Körpersprache von lasziv bis Czardas. Bei diesem Musical ist wirklich alles gefragt, die Akteure müssen singen, steppen und darstellen können. Fällt nur eines unter den Tisch, geht ein Teil des Zaubers verloren. Ganz hinreißend waren auch die Projektionen von Raphael Kurig und Thomas Mahnecke. Sie beschwörten zahlreiche Stimmungen herauf und schafften es, ein Schiff, dass sich nicht vom Fleck bewegt, mal in New York, mal auf hoher See zu zeigen.
Die Rollen sind mit ziemlicher Sicherheit für diese Münchner Erstaufführung 79 Jahre nach der Uraufführung am Broadway optimal besetzt. Anna Montanaro gibt der Reno Drive, aber auch besinnliche Momente. Sigrid Hauser ist eine herrlich überdrehte und dabei immer absolut süße Erma. Die Figur könnte einem auf die Nerven gehen, aber in der Interpretation von Sigrid Hauser möchte man sie eher mal fest in den Arm nehmen. Milica Jovanovic singt und spielt die Hope Harcourt mit sehr viel mädchenhaften Charme, kein Wunder, dass Billy ihr zu Füßen liegt. Es ist wirklich sehr schön, sie mal wieder auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters erleben zu dürfen. Dagmar Hellberg als ihre Mutter konnte mich anfangs nicht überzeugen, aber bei Birds do it, bees do it drehte sie dermaßen auf, dass es eine reine Freude war. Komplettiert wurde die sehr gute Frauenriege durch die tanzfreudigen Angels und Ulrike Dostal als Frieda, die hervorragende Akzente setzte.
[singlepic id=1468 w=320 h=240 float=left]Bei den Männern ist natürlich Billy Crocker der unbestrittene Chef im Ring. Daniel Prohaska spielt alle Facetten der Rolle aus und singt und tanzt dabei noch wie ein junger Gott. Naja, fast. Die Auftritte von Hannes Muik als Lord Evelyn Oakleigh zählten für mich zu den Highlights des Abends. Er strahlte bis in den kleinen Zeh Aristokratie aus und hat doch Paprika im Blut. Erwin Windegger als Elisha Whitney ist lustig und tiefgehend zugleich, und Boris Pfeifer als Moonface Martin verkörpert den etwas schmierigen Gangster perfekt. Besonders beeindruckend ist die Stimme von Previn Moore, der den Kapitän auf diesem Tollhaus namens M.S. Amerika mimt und Night and Day wirklich ganz wundervoll interpretiert. Frank Berg als Steward und neben anderen die drei Matrosen Maurice Klemm, Stefan Bischoff und Christian Schleinzer sowie eine engagierte Statisterie komplettieren das praktisch perfekte Ensemble. Der Hund Chuseok erwies sich als nervenstark und zeigte sich unbeeindruckt von seiner Rolle als Benjamin Franklin. Das kleine Orchester mit großer Rhythmusgruppe unter Michael Brandstätter kreierte den perfekten Bigbandsound passend zum Stück, und der hauseigene Chor zeigte sich zum wiederholten Male bewegungsfreudig und sehr gut einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen.
Am Ende wurden die Beteiligten frenetisch mit Standing Ovations gefeiert, damit waren sicher auch die vielen unsichtbaren Helfer gemeint, die Werkstätten, die diese schier unglaubliche Anstrengung zweier Premieren in einer Woche gemeistert haben, die Technik, die Kostümabteilung, die zwei Spielstätten gleichzeitig betreuen muss, die Maske, Souffleuse und Inspizient. Ein Stück zum Wiedersehen, ich bin mir sicher, auch beim dritten Besuch lassen sich noch weitere Details entdecken. Weitere Vorstellungen bis 22.03. jeweils Dienstag bis Sonntag, Karten von 25 – 60 € bei den bekannten Vorverkaufsstellen.
Musikalische Leitung Michael Brandstätter / Regie Josef E. Köpplinger / Choreografie Ricarda Regina Ludigkeit / Bühne und Kostüme Rainer Sinell / Dramaturgie Michael Otto / Reno Sweeney Anna Montanaro / Billy Crocker Daniel Prohaska / Elisha Whitney Erwin Windegger / Evangeline Harcourt Dagmar Hellberg / Hope Harcourt Milica Jovanović / Lord Evelyn Oakleigh Hannes Muik / Moonface Martin Boris Pfeifer / Erma Sigrid Hauser / Kapitän Previn Moore / Steward Frank Berg / 1. Matrose Alexander Moitzi / Reporter, 2. Matrose Christoph Graf /Reverend Henry Swiss Dobson, 3. Matrose Maurice Klemm / 4. Matrose Nicola Gravante / Chinese Luke, 5. Matrose Stefan Bischoff / Chinese John, 6. Matrose Christian Schleinzer / Reinhild Reinheit, Angel Susanne Seimel / Kirsten Keuschheit, Angel Katharina Lochmann / Niki Nächstenliebe, Angel Kenia Bernal Gonzàles / Trude Tugend, Angel Stéphanie Signer / Frieda, Whitneys Sekretärin Ulrike Dostal / Benjamin Franklin, Hund Chuseok
[singlepic id=1466 w=320 h=240 float=left]Der Interpretationsansatz von Regisseur Werner Sobotka konnte mich trotz einiger sehr starker Szenen nicht immer überzeugen, aber eine fantastische Nadine Zeintl in der Rolle der Sally Bowles und Münchner Publikumslieblinge Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner als Fräulein Schneider und Herr Schultz machen den Abend zu einem Erlebnis.
Als das Musical Cabaret am 20.11.1966 am New Yorker Broadhurst Theatre Premiere feierte, stellte es etwas Besonderes dar. Die Geschichte war anspruchsvoll und die dafür geschriebene Musik war spezifisch, in diesem Fall repräsentierte sie die frühen Dreißiger Jahre in Berlin. Anders als in den restlichen Großstädten Europas tobte hier das pralle Leben, man genoss den Augenblick und dachte nicht an den Morgen. Nachtclubs schossen aus dem Boden und verschwanden wieder, die Prostitution blühte und das Erstarken der Nazis überzog alles mit einem dunklen Schatten.
Christopher Isherwoods Novelle Goodbye to Berlin wurde von John Van Druten in das Theaterstück I am a camera adaptiert, auf dem wiederum das Musical beruht. Der Titel des Theaterstück trifft die Erzählweise sehr gut, denn es sind nur Momentaufnahmen, die hier präsentiert werden, es wird nur registriert und nicht kommentiert. Der Produzent Harold Prince kaufte die Rechte an Isherwoods und Van Drutens Werken und beauftragte Joe Masteroff mit der Umsetzung, später kamen noch John Kander und Fred Ebb dazu, die heute allgemein als Schöpfer des Musicals gelten. Vor allem das 1987er Broadway Revival brachte einige Änderungen mit, so kam der weltbekannte Song Money dazu. Der gleichnamige Film von 1972, der allerdings nur lose auf dem Musical beruht, machte die junge Liza Minelli weltberühmt.
Clifford Bradshaw ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der nach Berlin auf der Suche nach Inspiration kommt. Im Zug aus Paris trifft er auf Ernst Ludwig, der ihm hilft, ein billiges Zimmer zu finden und ihm für den bevorstehenden Silvesterabend den Kit-Kat-Club empfiehlt. Clifford bekommt tatsächlich ein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider, einer ältlichen Jungfer, die Zimmer vermieten muss, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Herr Schultz, ein älterer jüdischer Obsthändler und die Prostituierte Fräulein Kost wohnen ebenfalls dort. Den Abend verbringt er tatsächlich in dem Club und trifft dort auf Sally Bowles, eine junge Sängerin aus England. Die Nummern werden von einem Conférencier angesagt, der auch später immer wieder auftaucht. Am nächsten Tag erscheint Sally bei Cliff in der Pension, ihr Geliebter und Betreiber des Clubs Max hat sie hinausgeworfen, und zieht bei ihm ein. Monate später besteht dieses Arrangement immer noch, Sally und Cliff haben sich ineinander verliebt. ALs Sally bemerkt, dass sie schwanger ist aber nicht sicher sagen kann, ob Cliff der Vater ist, bestärkt dieser sie darin, das Baby zu bekommen und mit ihm eine Familie zu gründen. Herr Schultz macht Fräulein Schneider den Hof und wird von Fräulein Kost dabei erwischt, wie er das Zimmer seiner Vermieterin verlässt. Um den Schein zu wahren, erzählt er ihr, dass er und Fräulein Schneider bald heiraten werden. Die Vermieterin verbietet der Prostituierten, ihre Kunden mit aufs Zimmer zu nehmen und als Rache verrät diese Ernst Ludwig, der mittlerweile offen als Nazi auftritt, dass Herr Schultz Jude ist. Unter dem Druck der aufkommenden Herrschaft der Nazis sieht sich Fräulein Schneider gezwungen, die Verlobung wieder zu lösen. Cliff sieht die drohende Gefahr und möchte das Land verlassen, Sally möchte jedoch ihre Karriere im Nachtclub fortsetzen. Es kommt zum Bruch und Sally treibt das Kind ab. Sie singt im Club Life is a cabaret während Clifford im Zug sitzt und beginnt, seine Erinnerungen aufzuzeichnen.
[singlepic id=1465 w=320 h=240 float=right]Das Gärtnerplatztheater präsentiert das Musical in der sogenannten Reithalle, ein Spielort, der leider zu wünschen übrig lässt. Der Vorraum ist sehr klein, bei ausverkauftem Haus staut sich das Publikum beim Verlassen über Treppen bis in den Zuschauerraum zurück. Es ist auch alles offen, bei ruhigen Szenen stört das Klirren der Flaschen von der Gastronomie. In der Halle ist es sehr warm und die unbequemen Plastikstühle tragen dazu bei, dass ich am Ende zumindest auf der Rückseite total nassgeschwitzt war. Zudem gibt bei den Stühlen bei einem Schwergewicht wie mir die Lehne nach, was zu einer sehr ungemütlichen Sitzposition führt. Mich lädt das nicht zu wiederholten Besuchen ein.
Die Bühne ist etwas zweistöckig mit der Band oberhalb der Spielfläche, davor sind versenkt Tische platziert, an denen Zuschauer sitzen können. Leider ist die Bühne nicht erhöht und die Zuschauerreihen steigen erst ab der vierten Reihe an, so dass ich in selbst in der zweiten Reihe keine freie Bühnensicht hatte. Das Bühnenbild (Amra Bergman-Buchbinder) ist spartanisch, aber sehr wandlungsfähig. Zwei Spiegelwände können mal geöffnet, mal geschlossen werden und zeigen mal den Kit-Kat-Club, mal Cliffs Zimmer oder die Eingangshalle in der Pension, mal den Obstladen von Herrn Schultz. Ein paar Stühle halten für alles her und werden schon mal zum Bett. Das engt die Fantasie nicht ein und passt in den zeitlichen Kontext ebenso wie die Kostüme von Elisabeth Gressel. Die Choreografie von Ramesh Nair ist schwungvoll und hat starke Momente. Das Licht (Michael Heidinger) besticht vor allem in den Clubszenen.
Der Kit-Kat-Club ist ein schäbiger Nachtclub und schäbig sind auch seine Angestellten. Die Mädels treten in ausgeleierter Unterwäsche auf und auch die Jungs zeigen viel nackte Haut und Tattoos. Der Regisseur Werner Sobotka sagte in der Einführung, es soll ein Club sein, in den man nicht gerne geht, und das ist ihm wahrlich gut gelungen. Dieses ständige Betatschen männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane und die stilisierten Geschlechtsakte sind weder antörnend noch erotisch, sondern einfach nur abstoßend. Das ist nicht lasziv, sondern schlicht ordinär. Ich kann zwar verstehen, was damit bezweckt werden soll, aber es gefällt mir nicht, und das wirkt sich leider auf das gesamte Stück aus. Und wenn sich der Conférencier bei „Gentlemen“ in den Schritt greift, hat das nach dem zweiten Mal jeden Reiz verloren. Ob das wirklich das Lebensgefühl der Zeit, in der Cabaret angesiedelt ist, wiederspiegelt, bezweifle ich. Hier wurde übers Ziel hinausgeschossen, ebenso wie bei der Figur der Sally Bowles. So aufgedreht kann man doch nur unter schweren Drogen sein, oder? Aber wenn ich das richtig gesehen habe, schnupft sie ja in einer Szene Kokain. Mir ging sie jedenfalls mächtig auf den Keks und ich konnte bis zum Schluss, in der sie eine wirklich berührende und sehr starke Szene hatte, kein Mitleid für sie haben. Auch Ernst Ludwig, den Nazi, fand ich zu keinem Zeitpunkt sympathisch. Gleich zu Anfang schiebt er seinem Mitreisenden gefährliches Gepäck unter, wie kann ich so jemanden sympathisch finden? Irgendwie war mir das alles zu überdreht, zu laut und damit meine ich nicht die Band, die unter Andreas Kowalewitz am Klavier wirklich hervorragend war. Bacchantisch sollte der Conférencier sein, für mich war er einfach nur eine traurige Gestalt. Dabei ist Markus Meyer, der durch eine Erkältung gehandicapt war, was man aber nicht hörte, sehr ausdrucksstark und könnte meiner Meinung nach der Figur noch mehr Tiefe geben. Er tritt in einer Szene als Sally-Double auf, das ist schon genial.
Stark war auch das Ende der Verlobungsfeier, hier fühlte ich wirklich die Bedrohung, die von den Nazis ausgeht und sich wie ein Schatten über die Menschen legt. In diesem Stück verwandelt sich vieles, vom bezaubernd vorgetragenen Der morgige Tag ist mein durch den Hitlerjungen (überragend Felix Nyncke) zum fast schon Kampflied, angeführt von Fräulein Kost und Ludwig Ernst. Da wird aus dem leichten Tanztee ein stampfender Rhythmus und aus den Girls marschierende Soldaten. Absolut fantastisch war die letzte Szene der Sally Bowles, als sie frisch von der Abtreibung kommt. Nadine Zeintl spielt absolut grandios und sie singt, dass man die Tränen in ihrer Stimme hört. Die junge Österreicherin schafft die ganze Bandbreite von dem mädchenhaften, leider etwas zu überdrehten Sags nicht Mama über ein zackiges Mein Herr zu einem intensivem Maybe this time. Sie ist ein Ausnahmetalent, das ich gerne öfter auf Münchner Bühnen sehen würde. Mit Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner stehen ihr zwei in München wohlbekannte und beliebte Sänger zur Seite, die das zweite tragische Paar wirklich ganz bezaubernd verkörpern. Dominik Hees wirkt als Clifford Bradshaw sehr authentisch, kein Wunder, er ist ja auch erst 23 Jahre alt. Überhaupt passen die zwei Paare wirklich ganz ausgezeichnet zusammen. Julia Leinweber als Fräulein Kost, Jens Schnarre als Ernst Ludwig und Alex Frei in verschiedenen Rollen komplettierten das wirklich hervorragend besetzte Ensemble.
Ich habe mindestens einen weiteren Besuch geplant, ich glaube, es könnten auch noch mehr werden, der unschönen Spielstätte zum Trotz. Die abstoßenden Effekte werden sich abnutzen und was bleibt, ist ein großartiges musikalisches Erlebnis. Das Premierenpublikum feierte das Ensemble frenetisch und auch das Regieteam wurde heftig beklatscht. Wenn man nicht leicht zu schockieren ist, ein sehr sehenswerter Abend.
Musikalische Leitung Andreas Kowalewitz / Regie Werner Sobotka / Choreografie Ramesh Nair / Bühne Amra Bergman-Buchbinder / Kostüme Elisabeth Gressel / Lichtdesign Michael Heidinger / Dramaturgie Judith Altmann / Conférencier Markus Meyer / Sally Bowles Nadine Zeintl / Cliff Bradshaw Dominik Hees / Fräulein Schneider Gisela Ehrensperger / Herr Schultz Franz Wyzner / Ernst Ludwig Jens Schnarre / Fräulein Kost, Rosi Julia Leinweber / Fritzi Anita Holm / Helga Alixa Kalasz / Inge Maren Kern / Betti Maxi Neuwirth / Max, Hermann, Gorilla Alex Frei / Bobby Timo Radünz / Hans, Zollbeamter Thomas Zigon / Viktor Maximilian Widmann / Two Ladies Anita Holm, Timo Radünz / Hitlerjunge Felix Nyncke
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