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Avenue Q, 20.04.2019, Landestheater Niederbayern

Dem Genre Musical haftet ja heute oftmals das Vorurteil an, dass es seichte Unterhaltung für die ganze Familie sei. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass die großen privaten Musicaltheater in Deutschland tatsächlich auch genau darauf setzen. Da ist es natürlich schön, dass vor allem die öffentlichen Theater durchaus immer häufiger Werke abseits des Mainstream auf den Spielplan setzen. Avenue Q ist eines dieser Stücke: im englischsprachigen Raum durchaus ein großer Erfolg wurde dieses Stück in Deutschland bisher eher selten gezeigt. Das Plakat des Landestheaters Niederbayern kommt dabei mit den bunten Puppen und grellen Farben durchaus anziehend für Kinder daher, würde nicht groß „FSK 18“ darauf prangen. Tatsächlich ist das Musical von Robert Lopez, Jeff Marx und Jeff Whitty nämlich alles andere als jugendfrei.

Foto: Peter Litvai

Auf den ersten Blick erinnert es dabei sehr an die Sesamstraße, mit der wohl die meisten auch bei uns in Deutschland aufgewachsen sind: In einer Nachbarschaft treffen menschliche Charaktere und Puppen aufeinander, es werden fröhliche Lieder gesungen… aber schnell stellt sich heraus, dass man in der Avenue Q weitab vom Idyll der Sesamstraße oder Muppets ist. Hier wohnen Menschen und Monster, die in New York durch das soziale Raster gefallen und vor allem pleite sind. Der frische Uni-Absolvent Princeton findet hier eine billige Bleibe und wird durchaus freundlich in die neue Nachbarschaft aufgenommen. Vor allem seine reizende Nachbarin, das Monster Kate, hat es ihm schnell angetan. Der Hausmeister ist der ehemalige Kinderstar Gary, dessen Eltern sein ganzes Geld verprasst haben. Dann gibt es noch eine ungleiche Männer-WG, die sehr an Ernie und Bert aus dem

Foto: Peter Litvai

Kinderfernsehen erinnern. Nicky und Rod sind jedoch weitaus weniger harmonisch, vor allem weil der gutmütige aber chaotische Nicky seinen peniblen Mitbewohner endlich dazu bringen will sich zu outen. Auch das beliebte Krümelmonster scheint hier einen Verwandten zu haben: der heißt Trekkie, hat aber anstatt einer Keks-Sucht eine Vorliebe für Internet-Pornos. Und dann sind da noch die beiden putzigen Bullshit-Bären, die die Bewohner der Avenue zu Alkoholismus, betrunkenem Sex und anderen fragwürdigen Aktionen verleiten wollen.
Stefan Tilch zeigt in seiner Regiearbeit angesichts dieser Voraussetzungen großen Mut zur Respektlosigkeit. Wie selbstverständlich werden rassistische Witze zum Besten gegeben und (Puppen-)Sex auf der Bühne gezeigt. Trotz der meist vorherrschenden guten Laune schafft der Regisseur es jedoch, bei den Charakteren eine tiefe Frustration angesichts ihrer Situation durchscheinen zu lassen. Und vor allem erinnert die Inszenierung trotz der erwachsenen Themen im Spiel der Darsteller noch immer an die Sesamstraße.
Die Bühne von Beate Kornatowska zeigt einen versifften Straßenabschnitt, in den man sich im wirklichen Leben nicht unbedingt verirren möchte. Im Laufe der Inszenierung wächst der Müllberg, für den sich keiner zuständig zu fühlen scheint und alles scheint, als könnte es einen neuen Anstrich gebrauchen. Die Band unter der Leitung von Basil Coleman ist hinter der Jalousie eines geschlossenen Ladens versteckt und so ab und an auch zu sehen. Die Band begleitet die Sänger mit viel Schwung und erfreulicherweise auch von den Lautstärken sehr gut abgestimmt, sodass man die Solisten gut verstehen kann. Ein kleiner Wehrmutstropfen war im Theaterzelt, dass die laute Musik vom Circus Krone, der gerade einige hundert Meter weiter seine Zelte aufgeschlagen hat manchmal in stilleren Szenen zu hören war. Da hätten die temporären Nachbarn etwas mehr Rücksicht auf das (im Moment wegen Renovierungsarbeiten ausquartierte) Stadttheater nehmen können.
Dass diese schrägen Charaktere eine unterhaltsame und spannende Geschichte erzählen ist fast klar und so düster wie es die heruntergekommene Umgebung vielleicht vermuten lässt ist es dann auch tatsächlich nicht. Einige Figuren wie der jüdische Möchtegern-Comedian und die japanische Therapeutin Christmas Eve finden trotz Streitereien schnell ihr Glück. Auch für Princeton und Kate sieht es anfangs nach einer heißen Liebesnacht gut aus, doch wird ersterer von der Torschlusspanik erfasst und lässt sich daraufhin mit der Pornodarstellerin Lucy ein. Doch trotz mancher Rückschläge zeigen alle Charaktere am Ende, dass sie doch zusammenhalten und so gibt es dann doch irgendwie für jeden ein Happy End.
Das Spiel mit den Handpuppen, die stilistisch Jim Henson nachempfunden sind (und der neben den Muppets unter anderem auch am Film Der kleine Horrorladen und der beliebten Serie Die Dinos beteiligt war) ist natürlich die größte Besonderheit dieses Stücks. Während man jedoch in der Regel in Film und Fernsehen die Puppenspieler nicht sieht stehen sie in diesem Musical ebenso im Zentrum wie ihre Charaktere. Manchmal kann man sich als Zuschauer gar nicht entscheiden, ob man jetzt die Puppen oder die Sänger beobachten, vor allem weil die Mimik dieser oftmals schlichtweg grandios ist! Am meisten zu tun hat dabei Reinhard Peer, der den chaotischen Nicky, das versaute Trekkie-Monster und einen der bösartig-niedlichen Bullshit-Bären spielt. Vor allem stimmlich sind diese drei Charaktere so grundverschieden, dass man zunächst vielleicht gar nicht merkt, dass es ein und derselbe Darsteller ist. Eine wundervolle, kraftvolle Gesangsstimme zeigt Catherine Chikosi sowohl als brave Kate als auch als frivole

Foto: Peter Litvai

Lucy, auch sie schafft es, den beiden Frauen nicht nur stimmlich sondern auch in ihrer Körperhaltung und Mimik eine ganz eigene Charakteristik zu geben. Hauptdarsteller Julian Ricker gibt neben dem sympathischen Idealisten Princeton auch den spießigen Rod. Durchaus spannend wird es, wenn mehrere Puppen desselben Darstellern auf der Bühne sind. Das Spiel übernimmt in diesem Fall ein anderes Ensemblemitglied, während die Stimme noch vom Darsteller kommt. Besonders interessant ist es hier etwa, wenn Stefan Sieh die Puppe von Lucy übernimmt und dann dazu passend laszive Mimik und Bewegungen zum Besten gibt.
Besonders spannend ist jedoch wirklich das Zusammenspiel der Protagonisten aus Plüsch mit ihren menschlichen „Nachbarn“. Sarah Est gibt mit Christmas Eve eine wundervoll unkorrekt Klischee-Asiatin, die vor allem ihrem Partner Brian gegenüber sehr herrschsüchtig ist und im nächsten Moment wieder engelsgleich die Therapeutin mimt. Zu dieser stereotypen Erscheinung trägt vor allem auch das Kostüm von Beate Kornatowska bei, die meines Wissens neben den „Großen“ auch die Puppen einkleidete. Dem Komiker Brian gibt David Lindermeier eine wundervoll entspannte und sympathische Ausstrahlung, die auch bei den Wutausbrüchen von Eve selten ins Wanken gerät. Mona Fischer zeigt als ehemaliger Kinderstar Gary Coleman eine rockige Gesangsstimme und vor allem eine unerschütterliche Lässigkeit und positive Grundeinstellung. Und das, obwohl die Bewohner der Avenue sich schon zu Beginn des Stückes einig sind, dass er das schlimmste Schicksal von allen hat.
Zusammenfassend muss man wirklich das gesamte Ensemble bewundern, das Zusammenspiel funktioniert wundervoll und so wurde es mir im Publikum keine Sekunde langweilig. Vor allem hat mich fasziniert, dass einige Handpuppen wie Nicky und Trekkie von zwei Darstellern gleichzeitig gespielt wurden. Dass sich die bei den Choreografien nicht gegenseitig auf die Füße treten ist bemerkenswert.
Wer erwachsenen Humor und ungewöhnliche Musicals mag wird an Avenue Q wahrscheinlich große Freude haben! Noch gibt es zwei Möglichkeiten, die schräge Inszenierung im Mai in Passau zu sehen, was ja vor allem von München aus auch bequem mit der Regionalbahn zu erreichen ist 😉

Weitere Termine:
3. und 4. Mai 2019, 19.30 Uhr im Stadttheater Passau

https://www.landestheater-niederbayern.de/events/285

Princeton / Rod: Julian Ricker
Brian: David Lindermeier
Nicky / Trekkie Monster / Bullshit-Bär: Reinhard Peer
Neuankömmling / Ensemble: Stefan Sieh
Gary Coleman: Mona Fischer
Christmas Eve: Sarah Est
Kate Monster / Lucy: Catherine Chikosi
Bullshit-Bär / Frau Semmelmöse / Ensemble: Elena Otten
Ensemble: Susanne Prasch

Regie: Stefan Tilch
Musikalische Leitung: Basil Coleman
Ausstattung: Beate Kornatowska
Choreografie: Susanne Prasch
Puppen: Birger Laube
Puppen-Coaching: Dennis M. Rudisch
Videos: Florian Rödl
Dramaturgie: Dana Dessau

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Heute Abend: Lola Blau, 14.04.2019, Ensemble Südsehen in der Pasinger Fabrik

Ulrike Dostal als Lola Blau © Thomas Trüschler

Ulrike Dostal als Lola Blau © Thomas Trüschler

Georg Kreisler, der sonst im Park Tauben vergiften geht, hat 1971 ein Musical für eine  Darstellerin geschrieben, das bestimmt auch autobiografische Züge trägt.

Worum geht es? Wien. 1938.  Ein Zimmer bei einer möblierten Wirtin. Eine junge Schauspielerin – Lola Blau – auf dem Weg zu ihrem ersten Engagement. Telefonanrufe. Der Onkel auf dem Weg nach Prag. Der Freund auf dem Weg nach Basel. Der Führer feiert den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich. Die Schauspielerin interessiert sich nicht für Politik. Sie freut sich auf ihr Engagement. Doch der Theaterdirektor sagt ihr kurzfristig ab, die möblierte Wirtin hat schon die neue Fahne rausgehängt und „bittet“ Lola Blau umgehend das Zimmer zu räumen. Und so beginnt ihre Odyssee. In Basel trifft sie ihren Freund nicht. In Zürich wird sie ausgewiesen. Sie hat Glück, reist per Schiff in USA, kann Karriere machen. Nach dem Krieg hört sie von ihrem Freund. Statt nach Basel ging seine Reise nach Dachau. Sie kehrt zurück nach Wien. Der Rassenwahn ist vorbei. Eine österreichische Dame wurde nur Deutsche, denn sie hatte nicht das “Glück” als Jüdin nach Übersee zu gehen.

Ulrike Dostal verkörpert in diesem Ein-Frau-Musical die Lola Blau, die von der einfältigen jungen Frau über die ungewünschte Asylantin zum gefeierten Star mit viel Erotik wird und erkennen muss, dass ihre früheren Nachbarn statt ihrer eigenen Schuld nur Selbstmitleid und weitere Ausgrenzung kennen. Diese 10 Jahre Reifung konnte ich unmittelbar spüren. Genauso übertrugen sich die Gefühle. Dazu kamen großartige Songs, die genau zu den Lebensabschnitten passten, wie der Song über die Damen der ersten Klasse auf dem Ozeanriesen wie auch das Lied für die jiddischen Flüchtlinge im Unterdeck. Oder der Marlene-Dietrich-Verschnitt als alkoholgetränkter blauer Engel. Unter die Haut gingen erst recht die Worte, die von Wiener Melodien begleitet waren.

Robert Ludewig hat in seiner Inszenierung die Handlung mit Filmausschnitten zur Geschichte angereichert. So wurde die Handlung noch verständlicher.
Am Klavier wurde  Ulrike Dostal von Lutz Müller-Klossek begleitet.

Weitere Vorstellungen:

28.04.2019 20:00 Uhr

15.06.2019 20:00 Uhr

16.06.2019 20:00 Uhr

Pasinger Fabrik
August-Exter-Str. 1, München

Karten VVK oder 089 82929079 (18,-)

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Gratwanderung zwischen Spaß und Tragik – Gedanken zu „Anatevka“ an der Komischen Oper Berlin

7. Februar 2019

Eine graue Wand und eine Schranktür. Ein Junge mit dicken weißen Kopfhörern fährt auf einem Skateboard über die Bühne. Oh weh, denke ich. Schon wieder eine Inszenierung, die eine alte Geschichte ins Jetzt versetzt. Doch dann: Der Junge verstaut das Skateboard im Schrank zwischen alten Mänteln und zieht einen Geigenkasten hervor. Er spielt eine kleine Melodie und auf einmal treten Menschen aus dem Schrank und bevölkern die Bühne – Anatevka entsteht aus der Erinnerung, die die kleine Melodie hervorruft. Es scheint nicht die Erinnerung des Buben zu sein, dafür ist er zu jung … ist es die Erinnerung der Geige? Dessen, der sie einst gespielt hat?

Ein wunderbares Bild und ein genialer Schachzug von Regisseur Barrie Kosky, den Zuschauer hineinzuziehen in eine Welt, mit der er scheinbar so überhaupt nichts zu tun hat. Ich bin fasziniert. Wie ein Kaleidoskop entsteht diese fremde Welt des osteuropäischen Schtetls Anatevka mitten in Berlin.

Das Bühnenbild besteht aus alten und teilweise recht renovierungsbedürftigen Gründerzeitmöbeln, die wie auf einem Flohmarkt übereinander gestapelt herumstehen und durch ihre Schranktüren die unterschiedlichsten Möglichkeiten für Auf- und Abgänge der Protagonisten bieten. Es entsteht ein Bild wie auf einer Sepia-Fotografie. Dominierend sind alle Farbtöne zwischen Beige, Braun, Grau und Schwarz – und die Farben, die sich in den Kostümen dazwischenmischen wirken ebenfalls mehr wie einem dezent kolorierten Schwarzweißbild entstiegen.

Wir erfahren, wie wichtig die Tradition in dieser Gesellschaft ist: sie gibt Halt, Zusammenhalt zwischen Menschen, die immer bedroht sind. Bedroht von Armut, von Einschränkungen und Pogromen, von mehr oder weniger offenen Anfeindungen der Christen um sie herum. Die Tradition regelt das gesamte Leben, den Tagesablauf und alle Feste, die auch einem bestimmten Schema zu folgen haben.

Tewje, der berühmteste Milchmann der Geschichte (Markus John), gehört mit Leib und Seele in die Gesellschaft, die hier gezeichnet wird und hinterfragt den Sinn der Tradition nicht. Bis, ja, bis die erste seiner Töchter, Zeitel (Talya Lieberman), aufbegehrt gegen die Heiratspläne ihrer resoluten Mutter (Dagmar Manzel), die die Älteste mit dem reichen Metzger des Dorfes verkuppeln will. Das ist Tradition und die Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Doch dieses Kind rebelliert. Heimlich verlobt sich Zeitel mit dem armen Schneider Mottel (Johannes Dunz). Tewje, der seine Töchter über alles liebt, beginnt zu sinnieren: „Andrerseits… andrerseits…“ und er stimmt letztlich der Verbindung zu. Nur: wie das jetzt seiner Frau beibringen? Ein angeblicher Traum (wunderbar schrill als verstorbene Großmutter: Sigalit Feig) bringt Golde zu der „selbst gewonnenen“ Einsicht, dass Mottel doch die allerbeste Partie für ihre Tochter ist.

Das Glück der Aufmüpfigen scheint besiegelt und es wird ein ausgelassenes Hochzeitsfest gefeiert (auch hier mischt sich immer wieder der kleine Fiedler unter das Volk auf der Bühne). Beinahe kommt es zum Eklat, weil der Verehrer der zweiten Tochter Hodel etwas revolutionäre Flausen im Kopf hat und nicht nur die gesamte russische Gesellschaft umkrempeln will, sondern auch ganz konkret im Dorf anfängt und die Tanzregeln (nur Männer!) auf den Kopf stellt. Offen tanzt er mit Hodel, was erst einen Aufschrei der Empörung hervorruft, dann aber die Festgesellschaft, inklusive dem Rabbi, im lustigen Tanz vereint. Solcherart in bester Feststimmung trifft es den Zuschauer wie ein Keulenschlag, als Rassisten die Hochzeitsfeier überfallen, alle zusammentreiben und mit dem wertvollen Gut des Tewje, der Milch aus seinen vollen Eimern überschütten. Hier fließt kein Tröpfchen Blut und doch gefriert dem Zuschauer das seine. Das hat in seiner Eindrücklichkeit und in dem sepia-schwarz-grau gehaltenen Bühnenbild einen ähnlichen Effekt wie der schwarz-weiß gedrehte Film „Schindlers Liste“. Betroffen sieht das Publikum den Vorhang zur Pause fallen.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: auch Hodel darf mit ihrem Verehrer ziehen, schweren Herzens lässt Tewje sie gehen. Nur die dritte heiratsfähige Tochter Chava, die einen Christen liebt, wird von ihrem Vater verstoßen. Seine Liebe und sein Abwägen haben Grenzen, über diesen Schatten kann er einfach nicht springen. Hervorragend gespielt und gesungen macht es Markus John dem Publikum verständlich – alles, was ihm wertvoll ist, kann er einfach nicht opfern für das Glück seiner Tochter. So gibt es auch kein Happy-End: Das Dorf Anatevka wird durch ein Pogrom aufgelöst, die Gemeinde in alle Winde zerstreut. Tewje und Golde emigrieren mit den jüngeren Töchtern nach Amerika – ob sie jemals wieder ihre großen Töchter sehen werden?

Diese Inszenierung gleitet nie ab in Kitsch, nie in Verklärung einer „guten alten Zeit“. Klischees werden zwar bedient (die Haartracht der Männer z.B.) aber nie übertrieben. Durch die Figur des jungen Fiedlers, der immer wieder als staunender Beobachter durch die Szene huscht bekommt das Publikum einen Einblick in eine ihm fremde Gesellschaft. Wie ein neugieriges Kind hat der Zuschauer Teil an einer Welt, zu der er nicht gehört, der er aber durch irgendwas verbunden ist – durch ein altes Erbstück (Geige) oder den gemeinsamen Abend im Theater.

Die sprechende Singweise des Stücks kommt besonders Dagmar Manzel entgegen, die eine herrlich resolute Golde gibt. Dass Anatevka dabei manchmal wie ein Vorort von Berlin wirkt, tut dem Genuss keinen Abbruch, wirkt nur in den Szenen mit der Heiratsvermittlerin Jente etwas seltsam. Auch die Opernstimmen der drei Töchter passen sich hervorragend dem Stil des Stücks an und wirken nie aufgesetzt. Nur im Orchester hätte ich mir bei den Klarinetten etwas mehr Klezmer-Klang gewünscht – aber das ist so eine spezielle Spieltechnik, dass es nicht verwundert, wenn klassisch ausgebildete Klarinettisten etwas anders klingen dabei. Wie sagte Klezmer-Großmeister Giora Feidman sinngemäß: Man nehme sich eine Zeitung und spiele die Nachrichten mit der Klarinette – wenn dann die Zuhörer verstehen, was in der Welt los ist, dann ist es richtig… So betrachtet habe ich wohl die Zeitung gehört, aber nicht die Nachrichten darin.

Am Schluss dieser Derniere (hoffentlich nur für diese Spielzeit!) gab es dann noch eine Auszeichnung: Die Theatergemeinde Berlin verlieh dem Stück und allen Beteiligten eine Urkunde für die „Beste Aufführung der Spielzeit 2017/18“. Dem Publikum scheint es genauso gefallen zu haben wie mir. Bravi tutti!

Musikalische Leitung Koen Schoots
Inszenierung Barrie Kosky
Choreographie Otto Pichler
Bühnenbild Rufus Didwiszus
Co-Bühnenbild Jan Freese
Kostüme Klaus Bruns
Dramaturgie Simon Berger
Chöre David Cavelius
Licht Diego Leetz
Sounddesign Sebastian Lipski, Simon Böttler

Besetzung
Tevje, Milchmann Markus John
Golde, seine Frau Dagmar Manzel
Zeitel, seine älteste Tochter Talya Lieberman
Hodel, zweite Tochter Alma Sadé
Chava, dritte Tochter Maria Fiselier
Sprintze, vierte Tochter Lisa Mendez
Bielke, fünfte Tochter Liliane Fehsenfeld
Lazar Wolf, Metzger Carsten Sabrowski
Mottel Kamzoil, Schneider Johannes Dunz
Perchik, Hodels Verehrer Ezra Jung
Jente, Heiratsvermittlerin Barbara Spitz
Fruma-Sara, Lazar Wolfs erste Frau / Oma Zeitel, Goldes Großmutter Sigalit Feig
Rabbi Peter Renz
Fedja, ein junger Russe Ivan Turšić
Wachtmeister Karsten Küsters
Mendel, Sohn des Rabbi Dániel Foki
Motschach, Gastwirt Jan-Frank Süße
Awram, Buchverkäufer Carsten Lau
Nachum, Bettler Tim Dietrich
Schandel, Mottels Mutters Saskia Krispin
Der Fiedler auf dem Dach Raphael Küster
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Tänzer Shane Dickson, Damian Czarnecki, Davide De Biasi, Zoltan Fekete, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Csaba Nagy, Hunter Jaques, Christoph Jonas, Daniel Ojeda, Marcell Prét, Lorenzo Soragni

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Die stillen Nächte des Ludwig Rainer, 07.07.2018, SteudlTenn Uderns

Traditionen sind wichtig. Das ist nicht nur meinen Kollegen vom Feldmochinger Volkstheater und mir bewusst, sondern hat auch allgemein in der Kulturlandschaft mehr Aufmerksamkeit verdient, als es aktuell der Fall ist. Zu einer persönlichen Tradition ist es für uns inzwischen quasi geworden, dass wir bei unseren Kurzurlauben im Zillertal auch einen Abend der regionalen Theaterkultur widmen. Bei unserem letzten Ausflug gibt es zu den Theatertagen in Stumm, dieses mal verschlug es uns zum Kulturfestival SteudlTenn in Uderns.
Ist das Zillertal im Winter vor allem für Skitourismus bekannt, so hat es in den warmen Monaten tatsächlich eine großartige Vielfalt an Amateur- und Profitheater zu bieten. Auf die Empfehlung eines befreundeten Schauspielers hin fuhren wir am vergangenen Wochenende also hinunter ins Tal, um das musikalsiche Theaterstück Die stillen Nächte des Ludwig Rainer von Hakon Hirzenberger anzusehen. Der Name Ludwig Rainer sagte uns Bayern nichts, in Tirol scheint der Volkssänger jedoch auch heute noch berühmt und beliebt zu sein. Die Rainer-Sänger brachten im 19. Jahrhundert das Liedgut der Region in die ganze Welt, unter anderem machten sie das berühmte Weihnachtslied Stille Nacht (das in diesem Jahr sein 200-jähriges Jubiläum feiert) auch in Amerika bekannt. Das Stück des Festival-Organisators Hirzenberger hat eben Rainer selbst im Zentrum und erzählt seine Lebensgeschichte mit schlichten Mitteln aber dafür mit viel wundervoller Musik.

Foto: Christian Wind

Vier Darsteller und ein kleiner Chor sind fast permanent auf der Bühne, spielen Szenen aus der Biografie des Sängers, kommentiere diese Ereignisse jedoch im nächsten Moment oder zeigen eine alternative Version. Das sorgt immer wieder für viel Humor, der sich auch durch den Theaterabend zieht. Trotzdem spiegelt das Werk doch auch wider, wie schwer es in diesen Zeiten gerade in abgelegeneren Regionen für die Menschen war, sich irgendwie über Wasser halten zu können. Die ersten Rainer-Sänger schlossen sich aus dem Titelhelden, seiner Nichte Helene, Rainers späterer Frau Margarethe Sprenger und Simon Hollaus zusammen und traten anfangs vor allem in Europa auf. Nach den großartigen Versprechungen eines französischen Geschäftsmanns zogen die Sänger arglos in die USA, wo der Erfolg zunächst ausbleibt. Erst durch das bereits bekannte Weihnachtslied kam ein erster finanzieller Erfolg, trotzdem müssen sie nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren. Zwar wird ihr Erfolg mit der traditionellen Musik ihrer Heimat weltweit immer größer, doch verraten sie mit Kitsch-Trachten und viel Show auch immer weiter ihre Kultur.
Das Konzept mag vielleicht nach viel österreichischem Heimat-Kitsch klingen, doch so sehr Ludwig Rainer allgemein geschätzt wird, so wird in diesem Stück auch deutlich gezeigt, dass er wohl ein sehr getriebener und schwieriger Mensch war. Er kann sich nie für einen Lebensweg entscheiden, schiebt die Schuld für Misserfolge gerne auf seine Kollegen, hat Probleme mit emotionalen Bindungen und zeigt allgemein eine cholerische Ader. Roland Jaeger spielt diesen launischen Patriarchen sehr emotional und vielschichtig und schafft es so, das Publikum von der ersten Minute an zu packen, obwohl man dem Charakter manchmal gerne eine Ohrfeige verpassen würde. Große Wandlungsfähigkeit zeigen die beiden Damen Juliana Haider und Caroline M. Hochfelner, die die verschiedenen Ehefrauen und Reisegefährtinnen Rainers darstellern. Hochfelner wandelt sich im Laufe des Stücks von der schüchternen Nichte Helene zur aufgekratzten Wirtstochter Anna. Haider spielt mit Margarethe Sprenger eigentlich einen etwas traurigen Charakter, schließlich wurde sie dem Stück zufolge nur von Rainer geheiratet, weil er enttäuscht über das Auflösen seiner Gruppe war. Obwohl sie die Geschichte ihrer Charaktere eher locker und beiläufig erzählt schwingt doch manchmal sehr viel Melancholie in allem mit. Der vierte im Bunde ist Andreas Haun – der dem Münchner Publikum unter anderem vom Blutenburgtheater bekannt sein könnte – als Simon Hollaus. Dieser scheint wie der ewige Kontrahent Rainers, widerspricht ihm gerne und macht im Laufe des Stücks sogar seine eigene Gesangsgruppe auf. Dieser Konflikt zwischen den beiden Herren wird zwar nicht in Aggressionen gezeigt, wird jedoch in Kleinigkeiten wie Mimik oder dem Verlassen der Hauptbühne sehr deutlich.

Foto: Christian Wind

Die vier Darsteller zeigen durchweg eine großartige darstellerische und gesangliche Leistung. Unterstützt von einem kleinen Chor und ein paar Instrumenten wird neben aller Historie vor allem die Tiroler Musik und Tradition zur Hauptfigur dieses Abends. Manche älteren Herrschaften im Publikum sangen die alten Lieder gerührt mit und auch, wenn ich bis auf eines kein einziges dieser Werke kannte, so berühren den Zuschauer die Texte und Melodien sehr. Das Bühnenbild ist sehr schlicht gehalten. An der Stallwand gibt es ab und zu Projektionen von Landschaften oder Gebäuden um die verschiedenen Reisestationen der Sänger zu zeigen, auf einer kleinen Erhöhung stehen ein paar Kisten und Bänke, auf dem sich der Chor und am Anfang auch drei der Schauspieler niederlassen, bevor sie nach und nach als Figuren in das Stück einsteigen.
Und auch uns „Fremden“ zeigt sich in der Musik wie im Stück, dass die Zillertaler Kultur scheinbar das Melancholische mit großer Lebensfreude perfekt vereinen kann. Ich und meine Begleiter waren jedenfalls hellauf begeistert von diesem Theaterabend und hoffen sehr, dass diese Produktion auch im nächsten Jahr wieder aufgenommen wird. Wir können nämlich auch außerhalb der Skisaison ein Wochenende im Zillertal mit ein wenig Kultur am Abend durchaus empfehlen.

DIE STILLEN NÄCHTE DES LUDWIG RAINER VON HAKON HIRZENBERGER / DI 3. JULI / MI 4. JULI / SA 7. JULI / SO 8. JULI

Autor/Regie: Hakon Hirzenberger
Bühne: Gerhard Kainzner
Kostüm: Andrea Bernd
Videoinstallation: Bernd Kranebitter
Licht: Sabine Wiesenbauer
Regieassistenz: Nadja Prader
Musikalische Leitung: Gerhard Anker
Chor: Anna Geisler, Sabine Lechner, Monika Lechner, Monika Pfister, Gerhard Anker, Martin Waldner und Sebastian Egger
Mit: Roland Jaeger, Juliana Haider, Caroline M. Hochfelner, Andreas Haun und Johannes Rhomberg

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Pumuckl, 07.05.2018, Gärtnerplatztheater

Hurra, hurra, der Pumuckl ist wieder da! Ich denke ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass auch heute nicht nur junge (und junggebliebene) Bayern den frechen Kobold kennen und lieben. Seit 1962 begleitet die Kunstfigur der Autorin Ellis Kaut Generationen von Menschen und lässt sie in eine fantasievolle Welt eintauchen die – zumindest den Münchnern – trotzdem so vertraut ist. Ich selbst habe die Abenteuer von Pumuckl durch die Fernsehserie, die Bücher und die Sendung Pumuckl-TV kennen gelernt und mich sehr auf das neue Musical im Gärtnerplatztheater gefreut, wenn auch mit dem leisen Hintergedanken: wird es so sein wie früher?
Also habe ich mich bei der Vormittagsvorstellung unter die zahlreichen Schüler gemischt und war mindestens genauso gespannt wie sie. Das neue Musical von Anne Weber mit der Musik von Franz Wittenbrink spielt in der heutigen Zeit, was sich auch in der Musik widerspiegelt. Etwas jazzig, ein bissl bayerischer Flair mit Tuba und Zither und natürlich viel moderner Musicalsound. Auf der Drehbühne steht eine wundervolle, minimalistische Version von München, entworfen von Judith Leikauf und Karl Fehringer mitsamt Rathaus, Frauen- und Peterskirche. Die Kostüme von Tanja Hofmann sind knallbunt und passen definitiv in ein Kinderstück, das ja für die Jüngsten auch etwas fürs Auge bieten sollen.

Foto: Christian POGO Zach

Die Handlung des Stücks ist aus den verschiedensten Abenteuern Pumuckls zusammengemischt, die ein oder andere Szene kam mir also durchaus bekannt vor und ließ mich in Kindheitserinnerungen schwelgen. Und wie früher auch ist zwar alles sehr lustig, aber auch durchaus tiefgründig. Zum Beispiel erfahren wir im Musical, wie Pumuckl nach München gekommen ist. Die vielen kleinen Abenteuer wurden aber geschickt verbunden, wenn der Pumuckl etwa in Möbelstücken versteckt durch München reist.
Aber natürlich würde alles ohne gute Darsteller nichts nützen. Zwar muss man sich in dieser Hinsicht beim Gärtnerplatztheater selten Sorgen machen, aber ich war vor allem gespannt, wie Pumuckl und Meister Eder in die Fußstapfen ihrer Vorgänger treten würden. Gustl Bayrhammer war mein größter Kindheitsheld, aber Ferdinand Dörfler spielt die Rolle des grantigen Schreinermeisters wundervoll, ohne dabei zu versuchen seinen Vorgänger zu kopieren. Er gibt den eher gemütlichen Bayern (mit wunderbar ungetrübtem Dialekt), der trotzdem auch temperamentvoll werden kann. Dagegen ist Christian Schleinzer einen dauerquirligen Kobold, der sich von der ersten Sekunde in die Herzen der jungen (und älteren) Zuschauer spielt. Stimmlich ist der Gärtnerplatz-Pumuckl nicht ganz so krächzend wie der legendäre Hans Clarin und sein Nachfolger Kai Taschner, aber das ist zu verzeihen, weiß man doch wie sehr das auf die Stimme geht. Außerdem passt seine kindliche Art ebenfalls perfekt zu dieser Figur und lässt das Publikum unweigerlich mit ihm mitfiebern. Auch nach der Vorstellung machte sich Schleinzer übrigens bei den Kindern sympathisch, da er – noch im Kostüm – aus seiner Garderobe heraus Bonbons wirft.

Foto: Christian POGO Zach

Da ich mich mit dem Thema Dialekt im Theater viel befasse, fand ich es natürlich besonders spannend, dass nicht nur Meister Eder sondern auch viele andere Figuren wie das Schlosserehepaar Schmitt, gespielt von Ulrike Dostal und Stefan Bischoff oder die Stammtischbrüder Meister Eders im Biergarten. Eim komödiantisches Highlight ist Pumuckls Ausflug ins Schloss, bei dem die Dienstmädchen (Susanne Seimel und Ulrike Dostal) und der herrlich nervöse Butler (Peter Neustifter) mit dem Hausgeist inklusive blutiger Handabdrücke und stehen gebliebener Uhren zu kämpfen haben.
Der tosende Applaus der großen und kleinen Zuschauer zeigt mal wieder, dass Geschichten wie die von Ellis Kaut zeitlos die Menschen begeistern können und die ausverkauften Vorstellungen zeigen, dass der Pumuckl in München sehr gut ankommt. Aber für alle enttäuschten Fans, die keine Karten mehr ergattern konnten, gibt es eine gute Nachricht: Der Kobold darf auch in der nächsten Saison wieder das Staatstheater durcheinander bringen.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/Pumuckl-musical.html/m=364

Dirigat: Andreas Kowalewitz
Regie: Nicole Claudia Weber
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Judith Leikauf / Karl Fehringer
Kostüme: Tanja Hofmann
Licht: Jakob Bogensperger
Dramaturgie: David Treffinger

Pumuckl: Christian Schleinzer
Meister Eder: Ferdinand Dörfler
Frau Reitmayer, Lehrerin: Marianne Sägebrecht
Frau Steinhauser / Gräfin: Dagmar Hellberg
Monika Steinhauser, ihre Schwiegertochter: Angelika Sedlmeier
Hanna, ihre Enkelin / Vreni, Dienstmädchen: Susanne Seimel
Schlosser Schmitt: Stefan Bischoff
Gerti Schmitt, seine Frau / Vroni, Dienstmädchen: Ulrike Dostal
Schubert: Maximilian Berling
Bartel: Alexander Bambach
Wirt: Martin Hausberg
Butler Jakob: Peter Neustifter
Chauffeur: Frank Berg
Wirtshausgäste: Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger

Kinderchor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Pressekonferenz des Gärtnerplatztheaters zur Spielzeit 2018/2019, 27.04.2018

„Kunst ist etwas, bei dem man Spaß haben kann und sich nicht dafür schämen muss.“

Foto: Christian POGO Zach

Im neuen Haus gibt es wohl kaum einen schöneren Raum für eine Pressekonferenz, als den neuen Orchesterprobensaal. Mit einer kühlen Johannisbeerschorle in der Hand und dem Ausblick auf die Maximilianskirche erwarteten die Vertreter der verschiedensten Medien die Männer, die dem Gärtnerplatztheater in der laufenden Saison zu so viel Erfolg verholfen haben. Mit stolzen 97,98 % Auslastung und 99994 Zuschauern bis zum 24. April kann sich das neueröffnete Staatstheater schmücken. Schöne Zahlen für einen Theaterbetrieb, wobei Staatsintendant Köpplinger sich auch bewusst ist, dass diese auch mitunter der Neugier auf das neu renovierte Haus geschuldet sind. Nichtsdestotrotz wollen sein Team und er die Ideale des Theaters auch in der nächsten Spielzeit weiter verfolgen, die es eben von so vielen anderen Kultureinrichtungen unterscheidet: Konventionelles Theater muss nicht schlecht sein. Dies ist es eben, das das Gärtnerplatztheater für jeden einzelnen interessant macht. Auch, wenn die Inszenierungen modern und neu gestaltet sind, werden sie den Werken gerecht und jeder kann sie verstehen.
Und Neues gibt es durchaus in der nächsten Saison zu sehen. Gleich drei Uraufführungen stehen auf dem Spielplan. Im Dezember öffnet sich der Samtvorhang (dem das neue Spielzeitheft thematisch gewidmet ist) für die weltweit erste Opernfassung von Michael Endes berührendem Roman Momo, erschaffen von Wilfried Hiller und Wolfgang Adenberg. Gleich im nächsten Monat weht dann ein Hauch der Dreißigerjahre durch das Theater in der Revueoperette Drei Männer im Schnee nach Erich Kästner, die gemeinsam von den vier Komponisten Konrad Koselleck, Christopher Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor (der auch das Buch verfasst) im Auftrag des Gärtnerplatztheaters geschaffen wird. Das Ballett unter der Leitung von Karl Alfred Schreiner darf im Juni das Expeditionsballett Atlantis erstmals auf die Bühne bringen.
Bis auf den Opernklassiker La Bohème stehen bei den sonstigen Premieren ausschließlich neuere Werke des 20. und 21. Jahrhundert auf dem Spielplan. Musicalfans dürfen sich auf die Inszenierung von Leonard Bernsteins On The Town freuen, die Josef Köpplinger in St. Gallen inszeniert hat und die im Austausch gegen Priscilla nach München kommt. Zum 100. Geburtstag Gottfried von Einems wurde Dantons Tod als erste Spielzeitpremiere im Oktober ausgesucht, gefolgt von der choreografischen Uraufführung des Balletts Romeo und Julia mit der Gastchoreografin Erna Ómarsdóttir, die mit den Tänzern bereits im Rahmen von Minutemade arbeiten durfte. Für das Amüsement sorgen dann der Einakter L’Heure Espagnole von Ravel, der im April auf der Probebühne gezeigt wird und Henzes Der junge Lord, der im Mai Premiere feiern darf.
Insgesamt 29 Produktionen werden 2018/2019 im Gärtnerplatztheater zu sehen sein, darunter Klassiker wie Hänsel und Gretel, Martha und Die Zauberflöte und die Kassenschlager My Fair Lady, Im Weissen Rössl, Tschitti Tschitti Bäng Bäng und selbstverständlich Priscilla – Königin der Wüste.

Foto: Christian POGO Zach

Auch das Orchester darf wieder unter der Leitung von Anthony Bramall und seinen Kollegen das Publikum mit Konzerten verwöhnen. Das Neujahrskonzert wechselt diesmal von London nach Venedig, dazu werden Hector Berlioz’ wundervolle Symphonie Phantastique und Franz Liszts Faust-Symphonie präsentiert. Die Barockkonzert widmen sich diesmal Antonio Vivaldi, in kleinerer Besetzung werden im Foyer wieder verschiedene Kammerkonzerte aufgeführt.
Gespannt darf man auf die Liederabende mit einzelnen Ensemblemitgliedern sein, die über das Jahr verteilt im Orchesterprobensaal, dem Foyer und dem Salon Pitzelberger stattfinden. Vom Musiktheater wird sich schließlich an zwei Abenden entfernt bei den Gastspielen von Louie’s Cage Percussion und den österreichischen Chartstürmern Paul Pizzera und Otto Jaus (letzterer dürfte dem Münchner Publikum noch als Toni Schlumberger in der Zirkusprinzessin bekannt sein).
Neben Momo, Hänsel und Gretel und Tschitti Tschitti Bäng Bäng ist selbstverständlich auch wieder einiges speziell für das junge Publikum geboten. Weiterhin darf die Maus Anton aus dem Opernhaus berichten, unterwegs zu den Schulen ist Elaine Oritz Arandes mit Was macht man mit einer Idee?. Die Jugendgruppe widmet sich in der nächsten Saison der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.
Man sieht also, es ist wieder für jeden etwas geboten im Gärtnerplatztheater! Wir sind guter Dinge, dass die Zuschauer auch weiterhin dem neuen Stammhaus treu bleibt, man darf aber angesichts der restlos ausverkauften Abos in dieser Spielzeit durchaus optimistisch sein. Auch durch die Verstärkung des Ensembles durch vier Mitglieder können wir auch in Zukunft von bester Musiktheaterqualität in allen Genres ausgehen.
Alle Infos und Inszenierungen der neuen Saison sind natürlich im neuen Spielzeitheft und der Webseite zu sehen. Auch die Künstler des Theaters freuen sich auf die neuen Herausforderungen. Denn um Josef Köpplinger zu zitieren: „Wenn der Vorhang aufgeht, sind wir alle eins.“

Spielplan Saison 2018/2019

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Uraufführung Pumuckl – Das Musical, 19.04.2018, Gärtnerplatztheater

 Benjamin Oeser (Pumuckl) © Christian POGO Zach


Benjamin Oeser (Pumuckl)
© Christian POGO Zach

Schabernack am Gärtnerplatz – erfrischend humorige Uraufführung von Pumuckl – Das Musical

Zugegeben, ich war sehr skeptisch bei dem Projekt, den Pumuckl meiner Kindheit als Musical-Uraufführung zu erleben. Insbesondere nach dem bayerisch-österreichischen Kauderwelsch der My Fair Lady fürchtete ich ein ähnliches Schicksal auch für die ur-Münchner Geschichte vom Meister Eder und seinem „zuagroasten“ Klabautermann.

Aber was gestern Abend über die Bühne ging, hat mich vor Begeisterung umgehauen. Sämtliche Fallen, die das Projekt bereithielt (wie eine über 50 jahre alte Geschichte sanft modernisieren, ohne dass das Altbekannte und -geliebte verlorengeht? Wie eine Zeichentrickfigur, die unsichtbar werden kann, überzeugend auf die Bühne bringen? Wie Münchner Lokalkolorit herstellen, ohne zu übertreiben?) wurden grandios gelöst:

 Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger (Wirtshausgäste), Martin Hausberg (Wirt), Alexander Bambach (Bartel), Maximilian Berling (Schubert), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt) © Christian POGO Zach

Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger (Wirtshausgäste), Martin Hausberg (Wirt), Alexander Bambach (Bartel), Maximilian Berling (Schubert), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt)
© Christian POGO Zach

Das Libretto (Anne X. Weber) wählt klug einige charakteristische Episoden aus und fügt sie harmonisch in einen Spannungsbogen ein, der vom Kennenlernen der Protagonisten (Pumuckl bleibt am Leimtopf von Schreinermeister Eder kleben und wird für ihn sichtbar) über eine schwere Beziehungskrise der beiden (Pumuckl stiehlt eine Haarspange und wird von Meister Eder aus dem Haus geworfen) bis zum Happy End (Versöhnung und Erkenntnis, dass man sich am besten so nimmt, wie man eben ist: den Pumuckl als Unsinnstifter und Meister Eder als Grantler). Die Sprache des Textbuches versteht es geschickt, altbekannte Textstücke und Reime in ein modernes Gerüst zu packen, das aber nie anbiedernd wirkt. Jeder Charakter darf sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist (herrlich gebabbelt: Dagmar Hellberg mit ihrem IKarlsruhe-Leinenbeutel als Kundin Frau Steinhauser). Humor und Sprachwitz kommen auch nicht zu kurz (aus Burnout wird bei Pumuckl einfach ein „Birn-Out“).

Pumuckl ist kein klassisches Musical im strengen Sinn, koboldtypisch springen die Stile munter durcheinander, was überaus erfrischend auf mich gewirkt hat. Die bekannte Serienmelodie „Hurraa, hurraa, der Kobold mit dem roten Haar“ wird natürlich eingebunden, aber nicht nur als direktes Zitat – im Schloss kommt sie z.B. mit Trompeten in barocker Manier daher. Franz Wittenbrink versteht es, nie Langeweile aufkommen zu lassen, mal bayrisch-schnadahüpfelnd, mal jazzig, mal rockig bietet Pumuckl – Das Musical für alle Ohren etwas. Dabei ist immer ein Augenzwinkern dabei, so zum Beispiel, wenn Schlosser Schmitt zum Schlaflied mit Tubasolo in seinem Bett schnarcht, dass der Pumuckl nicht schlafen kann.

 Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Benjamin Oeser (Pumuckl) © Christian POGO Zach

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Benjamin Oeser (Pumuckl)
© Christian POGO Zach

Hervorragend die Leistung aller Darsteller, ganz voran Benjamin Oeser als Pumuckl und Ferdinand Dörfler als Meister Eder. Oeser bewältigt die Herausforderung mit Bravour, die bekannte Pumucklstimme Hans Clarins in Gesang zu übertragen. Insbesondere, wenn die Töne fürs Falsett zu tief werden ist es schwierig, dennoch den Pumuckl-typischen Klang beizubehalten, gelingt Oeser aber bewundernswert. Die lyrischen Stellen („eine halblange Spange“) gelingen zart und ohne Pathos und schauspielerisch klabautert Oeser mit großer Spielfreude über die Bühne.

Meister Eder (Ferdinand Dörfler) hatte ebenfalls ein schweres Erbe anzutreten, hatte doch fast jeder im Publikum den kongenialen Gustl Bayerhammer im Kopf. Dörfler versteht es hervorragend, seinen Meister Eder nicht als Bayerhammer-Imitat anzulegen, sondern ihm eine ganz eigene Charakteristik zu verleihen. Dieser Meister Eder wirkt auf mich introvertierter als das Vorbild, was wunderbar zu der Bühnenstory passt. Auch die Entwicklung der Figur arbeitet Dörfler überzeugend heraus: vom duldenden Grantler hin zu einem Menschen, der erkannt hat, das der Pumuckl sein Leben bereichert – trotz aller Schwierigkeiten, die sich im Zusammenleben mit dem unsichtbaren Wesen ergeben.

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Dagmar Hellberg (Frau Steinhauser), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt), Ulrike Dostal (Gerti Schmitt), Frank Berg (Chauffeur), Angelika Sedlmeier (Monika Steinhauser) © Christian POGO Zach

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Dagmar Hellberg (Frau Steinhauser), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt), Ulrike Dostal (Gerti Schmitt), Frank Berg (Chauffeur), Angelika Sedlmeier (Monika Steinhauser)
© Christian POGO Zach

Auch alle anderen Darstellerinnen und Darsteller spielen mit Begeisterung und auf ganzer Linie überzeugend: Ulrike Dostal keift herrlich im ehelichen Streit mit Schlosser Schmitt (Stefan Bischoff), der nicht Meister Eders Geduld mitbringt und den Pumuckl am liebsten einfangen und per Paket ans andere Ende der Welt verschicken will. Susanne Seimel gelingt es darstellerisch und stimmlich, die Rolle des Mädchens Hanna überzeugend zu verkörpern. Schön gerade gesungen ohne zu sehr ins Naive abzudriften. Auch die kleineren Rollen werden liebevoll und mit viel Spaß am Spiel in Szene gesetzt, vom gespenstergläubigen Butler Jakob (Peter Neustifter) über die resolute Lehrerin (Marianne Sägebrecht) bis zu den Stammtischbrüdern und Wirtshausgästen. Auch der Kinderchor darf nicht fehlen und gespenstert im doppelten Wortsinn „begeistert“ durchs Schloss.

Zum Schluss ein ganz besonderer Applaus für die Requisite, die mit viel Phantasie und Liebe zum Detail die Streiche des unsichtbaren Kobolds auf die Bühne bringt. Da wandert ein Hammer die Wand hoch, ein Blutfleck (eine Hommage an das Gespenst von Canterville?) verschwindet von Geisterhand, Schwerter fallen von der Wand und Mützen schweben durch die Luft. Ganz große Klasse – dankeschön und ein verdienter Applaus vom Publikum.

Fazit: Unbedingt hingehen (falls ihr noch Karten bekommt…)!
Besetzung am 19.04.2018
Dirigat Andreas Kowalewitz
Regie Nicole Claudia Weber
Choreografie Karl Alfred Schreiner
Bühne Judith Leikauf / Karl Fehringer
Kostüme Tanja Hofmann
Licht Jakob Bogensperger
Dramaturgie David Treffinger

Pumuckl Benjamin Oeser
Meister Eder Ferdinand Dörfler
Frau Reitmayer, Lehrerin Marianne Sägebrecht
Frau Steinhauser / Gräfin Dagmar Hellberg
Monika Steinhauser, ihre Schwiegertochter Angelika Sedlmeier
Hanna, ihre Enkelin / Vreni, Dienstmädchen Susanne Seimel
Schlosser Schmitt Stefan Bischoff
Gerti Schmitt, seine Frau / Vroni, Dienstmädchen Ulrike Dostal
Schubert Maximilian Berling
Bartel Alexander Bambach
Wirt Martin Hausberg
Butler Jakob Peter Neustifter
Chauffeur Frank Berg
Wirtshausgäste Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger

Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Weitere Termine:

Sa 21.04.2018 18:00 Uhr
Di 24.04.2018 10:30 Uhr
Mi 25.04.2018 10:30 Uhr
Sa 28.04.2018 18:00 Uhr
Do 03.05.2018 10:30 Uhr
Mo 07.05.2018 10:30 Uhr
Mi 09.05.2018 10:30 Uhr
Do 17.05.2018 10:30 Uhr
Do 24.05.2018 18:00 Uhr
Sa 09.06.2018 18:00 Uhr
Mo 25.06.2018 10:30 Uhr
So 22.07.2018 18:00 Uhr
Mo 23.07.2018 10:30 Uhr

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Priscilla – Königin der Wüste, 14.03.2018, Gärtnerplatztheater


Ensemble
© Marie-Laure Briane

Mit dem Barbie Camper in die Jugend

Heute ging es für mich mittlerweile zum 8. Mal mit dem alten Schulbus quer durch Australien. 3 reizende Fahrtbegleiterinnen machten die Reise unvergesslich. Fangen wir mit Adam an. Jung, schön, frech. Mit dem Traum, Kylie Minogue auf dem Ayers Rock darzustellen. Bernadette, die älteste. Sie hat viel erlebt. Doch fürs Herz hatte sie noch nicht das richtige. Und Tick. Eine Frau hat seine Ehe auseinander gebracht. Die Frau in ihm. Doch seine Frau bittet ihn zu Beginn des Stücks zu ihr zu kommen und in ihrem Hotel aufzutreten. Die drei machen sich auf den Weg und erleben viel. Viel Liebe aber auch Abscheu.
Das ganze wird durch die Songs getragen. Die Songs meiner Jugend. Ein Hit nach dem anderen. Dazwischen Tiefe und ganz viel Komik. Aber immer Glamour und ganz viel Tanz.

Taucht man richtig in das Stück ein, fühlt man immer mehr die Handlung und weniger weniger die Musik. Das zeigt, dass die Folge der Disco-Hits und Szene-Hymnen nur oberflächlich ist. Beeindruckend ist die Altersweisheit von Bernadette. Trotz der Wortgefechte mit Adam zeigt sie immer wieder starke Gefühle. Die Jugend muss auch hier Erfahrungen machen, aber das Alter fängt sie auf, beschützt sie. Erwin Windegger schafft es hier, bei der Verletzlichkeit von Bernadette das Wohlgefühl herzustellen, wenn man eine starke Person braucht. Irgendwie spiegelt das auch viel von mir. Belohnt wird Bernadette mit der Zuneigung von Bob (Frank Berg), der trotz seiner bodenständigen und einfachen Art, im Gegensatz zu der sonstigen Bevölkerung des Outbacks, den Menschen und nicht sein Äußeres beurteilt, und dadurch vorurteilsfrei Kunst genießen kann.

Das Ensemble war fantastisch. Hervorzuheben jedoch die 3 Hauptdarsteller: Neben Erwin Windegger, Armin Kahl und Terry Alfaro. Sowie mein besonderer Liebling, die Vokuhila-Queen, perfekt dargestellt von Angelika Sedlmeier. Tolle Kostüme von Alfred Mayerhofer, eine bewegte Choreografie von Melissa King, in einem abwechslungsreichen Bühnenbild von Jens Kilian. Fantastisch inszeniert von Gil Mehmert.

Einen kleinen Wehmutstropfen hatte ich aber heute: meinen Platz. Vorn im Parkett aber fast am Rand. Während Bernadette die Kunst der synchronen Lippen beschwörte, konnte ich meine Augen und Ohren nicht richtig synchronisieren. Der Klang kam laut aus dem Lautsprecher von links, zu sehen gab es aber nur etwas rechts. Das macht etwas se(e/h)krank.

Besetzung am 14.03.2018

Dirigat Jeff Frohner
Regie Gil Mehmert
Choreografie Melissa King
Bühne Jens Kilian
Kostüme Alfred Mayerhofer
Licht Michael Heidinger
Video Raphael Kurig, Meike Ebert
Dramaturgie Michael Alexander Rinz

Tick Armin Kahl
Bernadette Erwin Windegger
Adam Terry Alfaro
Diven Dorina Garuci, Amber Schoop, Jessica Kessler
Bob Frank Berg
Marion Tanja Schön
Benji Matthias Thomas
Cynthia Marides Lazo
Shirley Angelika Sedlmeier
Miss Verständnis Eric Rentmeister
Miss Fernanda Falsetta Jurriaan Bles
Jimmy Karim Ben Mansur
Ensemble John Baldoz / Jurriaan Bles / Alex Frei / Dorina Garuci / Luke Giacomin / Jessica Kessler / Marides Lazo / Karim Ben Mansur / Rachel Marshall / Andreas Nützl / Eric Rentmeister / Adriano Sanzò / Tanja Schön / Amber Schoop / Susanne Seimel / Samantha Turton

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Dinner with Gershwin, 26.1.2018, Theater Drehleier

Zum Abschluss meiner Theaterwoche zog es mich am vergangenen Freitag erstmals ins Theater Drehleier zwischen Ostbahnhof und Rosenheimer Platz. Zusammen mit den Gewinnern unserer Adventsverlosung kam ich an diesem Abend in den Genuss der musikalischen Komödie Dinner with Gershwin, die die drei Künstler Peter John Farrowski, Andreas Michael Roth und Philip Tillotson zusammen auf die Beine stellten.

Foto: Rolf Demmel

Die Handlung spielt in dem heruntergekommenen Wiener Lokal „Zum Weissen Stößel“, in dem der Kellner Franzl sein Dasein als Kellner fristet. Eigentlich ist er Sänger, doch Opern sind ihm inzwischen zu langweilig, er wartet lieber auf seine Chance, im Bereich Jazz und Swing eine Karriere zu machen. Sein Kollege Camillo sitzt indessen auch lieber am Klavier, als in der Küche zu helfen. Eines Tages kündigt der Chef telefonisch den Besuch eines Kontrolleurs vom Gesundheitsamt an, stattdessen taucht jedoch der französische Tenor Fréderic auf, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern ist und dem ein Auftritt in einem berühmten Wirtshaus am Wolfgangssee versprochen wurde. Aufgrund des kaputten Türschildes landet er jedoch in Franzls Restaurant. Dort treffen sehr eigene Charaktere aufeinander, etwa die Wiener Nutte Gitti oder der derbe Schweizer Klemptner Rüdisüli. Alle sieben Charaktere werden von den drei Künstlern verkörpert, was tatsächlich dank solistischer Musikeinlagen und Stimmen aus dem Off wunderbar funktioniert. Nicht nur durch die verschiedenen Dialekte wird jeder Figur ein ganz eigener Charakter verliehen, mit ganz vielen Klischees, doch gerade das macht die Aufführung zu einem wunderbaren leichten und lustigen Theaterabend. Schließlich ist nach einer anstrengenden Woche ein humorvolles Stück mehr als perfekt!

Foto: Rolf Demmel

Doch darstellerisch und musikalisch wird bestes Musiktheater geboten. Philip Tilltson hält sich als Pianist Camillo meist im Hintergrund, jedoch immer mit einem kleinen Seitenhieb gegen die anderen Charaktere und einem süffisanten Grinsen auf dem Gesicht. Peter John Farrwoski gibt als Kellner Franzl den „goscherten“ doch sympathischen Bayern, der sich trotzdem sehr gut um den vermeintlichen Restaurantprüfer kümmert und ihm etwa bei einem Fläschchen Vodka die Geschichte des Stroganoff-Filets besingt. Aber das absolute Highlight ist er mit roten High Heels und Miniröckchen als Gitti, mit Wiener Schmäh und fester Arbeitsmoral, die jedoch sehr leicht von mehr oder weniger charmanten Herren umgestoßen wird. Am besten ist der Kollege Roth als Hausmeister Rüdisühli, einem richtigen Antitypen, der über eine verstopfte Damentoilette in Rage gerät und dessen T-Shirt mysteriöse braune Flecken zieren. Am Ende geht es natürlich – allen Konflikten zum Trotz – für alle Charaktere gut aus. Und auch das Publikum darf manchen der Charaktere hautnah kennen lernen, da nicht nur die Bühne bespielt wird und einem die ein oder andere Bühnenfigur auch in der Pause Gesellschaft leistet.
Geboten wird musikalisch nicht nur Gershwin, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Diverse Meisterwerke der Musical-, Schlager- und Swingmusik wurden von den Herren durchaus passend umgedichtet, wobei manch ein Reim ab und zu etwas holprig wirkt. Doch in jedem Fall ist es sehr amüsant und passt wunderbar ins Gesamtkonzept der Inszenierung. Zwar sind manchen Witze derb, doch nie geschmacklos, weshalb sicher bei keinem Zuschauer ein Auge trocken bleibt. Es gibt also durchaus unterhaltsames und gutes Musiktheater in München abseits der großen Produktionen. Weitere Termine: 2. / 3. März, 20. / 21. April 2018, 20 Uhr

Teile der Einnahmen werden übrigens dem Münchner Tierheim gespendet. Man tut also nicht nur den eigenen Lachmuskeln, sondern auch den Vierbeinern etwas Gutes!

Franzl Bösenböck, Kellner / Wilhelmine Potracek, Hausfrau / Gitti Wagon, Bezirksnutte: Peter John Farrowski
Frédéric la Combuse, Pariser Tenor / Rüdisühli, Hausmeister / Herbert Hartmann, Gerichtsvollzieher: Andreas Michael Roth
Camillo di Pomodoro, Pianist: Philip Tillotson

https://theater-drehleier.de/programm/event/02032018_oder_doch_nur_palatschinken_im_dreivierteltakt

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Premiere Priscilla – Königin der Wüste, 14.12.2017, Gärtnerplatztheater

In München kommt ja mit dem Tollwood-Festival in der Vorweihnachtszeit die ganze Welt nach Bayern. Und so einen Hauch von Exotik bekommt man nun auch im Gärtnerplatztheater zu spüren; zum Einen mit der australischen Videocollage unter dem klassizistischen Bühnenportal, zum Anderen mit den bunten Vögeln, die sich bei der deutschen Erstaufführung von Priscilla – Königin der Wüste dort auf der Bühne tummeln.
Das Musical basiert auf dem gleichnamigen Kultfilm, der vor dreizehn Jahren die Welt im Sturm eroberte, obwohl er mit günstigsten Mitteln gemacht war. Im Jahr 2006 wurde der Stoff dann von Stephan Elliot und Allan Scott für die Bühne adaptiert und feiert weltweit Erfolge. Da wurde es Zeit, dass man das herrlich schräge Stück endlich nach Deutschland bringt und die Münchner können ihrem Intendanten Josef Köpplinger nicht genug danken, dass ihm dieser Coup gelungen ist.

Foto: Marie-Laure Briane

Erzählt wird in Priscilla – Königin der Wüste die Geschichte der Dragqueen Tick, der vor Jahren eine Frau geheiratet hat und nun endlich seinen Sohn kennen lernen will. Unter dem Vorwand, für eine Show in Alice Springs engagiert worden zu sein, überredet er seine Freunde Bernadette und Adam, mit ihm quer durch Australien zu reisen. Bernadette ist eine – etwas in die Jahre gekommene – Transsexuelle, deren Lover erst kürzlich beim Haare-Bleichen erstickte. Adam ist eine erfolgreiche Dragqueen, der aber keine Gelegenheit für ein Abenteuer auslässt. So nimmt das Trio zusammen mit dem ausgemusterten Schulbus namens Priscilla ohne Rücksicht auf die heimische Fauna Fahrt auf und lernt auf der Reise vieles über ihre Mitmenschen und sich selbst.
In erster Linie ist dieses knallbunte Musical mit Hits der 70er und 80er Jahre natürlich eine unterhaltsame Show mit grandiosen Bühnenbildern (Jens Kilian), herausragenden Darstellern und einer wahren Schlacht an opulenten Kostümen (Alfred Mayerhofer). Trotzdem verleiht Regisseur Gil Mehmert seinen Protagonisten auch Tiefe und facettenreiche Charakterzüge. Tick scheint anfangs gar keinen rechten Spaß mehr zu haben an seinem Dasein als Dragqueen Doris Gay in Sydney und sieht in der Reise eher eine Suche nach einem Sinn in seinem Leben. Armin Kahl spielt einen wundervoll sensiblen Mann, der hin und her gerissen ist zwischen der Liebe zu seinem Sohn und der Angst, von ihm wegen seines Berufs abgelehnt zu werden. Terry Alforo hingegen verleiht Adam einen Hand zur Übertreibung und eine jugendliche Aufgedrehtheit. Seine ständige Suche nach Spaß steckt seine Mitreisenden zwar auch mal an, doch bringt sie ihn in einem Bergarbeiter-Städtchen in große Schwierigkeiten. Das Highlight und die größte Überraschung war für mich aber zweifellos Erwin Windegger als Bernadette. Zu keinem Zeitpunkt wirkte er wie eine Parodie auf Transsexuelle, sondern man sah in ihm die würdevolle Diva mit Durchsetzungsvermögen. Die derben Sprüche der alternden Lady sind einfach nur großartig und die zarte Romanze zwischen Bernadette und dem Mechaniker Bob (unglaublich liebenswert und mit fast kindlicher Begeisterung von Frank Berg gespielt) ist wohl eine der schönsten und ehrlichsten Liebesgeschichten, die die Bühne des Gärtnerplatztheaters jemals gesehen hat.

Foto: Marie-Laure Briane

Doch leider werden die Heldinnen im Musical mit ähnlichen Problemen konfrontiert, wie sie auch bei uns immer noch Menschen mit anderen Gesinnungen durchleiden müssen. Zwar scheinen etwa die Bewohner von Priscillas erstem Zwischenstopp nach einem kurzen Streit mit der burschikosen Barbesitzerin Shirley (die von Angelika Sedlmeier großartig derb gespielt wird) tolerant und feiern die Dragqueens, später schmieren sie jedoch „Verpisst euch Schwuchteln“ an den Bus, was die Jungen erschüttert, für die ältere Bernadette jedoch wohl schon so zur traurigen Gewohnheit geworden zu sein scheint. Da tut es gut, dass sie mit Bob und Ticks Sohn Benji auf tolerante Menschen stoßen, die ihnen nicht das Gefühl geben Außenseiter zu sein.
Stimmlich kann man beim besten Willen nichts an dem Ensemble aussetzen, die drei Hauptdarsteller harmonieren wundervoll miteinander und auch mit den drei omnipräsenten „Diven“ Dorina Garuci, Amber Schoop und Jessica Kessler, die als allegorische Weiblichkeit die drei Queens durch die Wüste begleiten. Zwar zickte bei der Premiere ab und an ein Mikrofon, bei meinem zweiten Besuch am 19. Dezember war die Tontechnik jedoch schon weitaus besser.
Immer wieder schön ist im Gärtnerplatztheater die musikalische Begleitung der Musicals. Statt einer kleinen Band (wie in anderen Großproduktionen inzwischen leider üblich) sitzen unter der Leitung von Jeff Frohner viele Mitglieder des Orchesters im Graben, die den Discohits einen satten Sound verpassen.
Nicht nur wegen der Bewältigung der spektakulären Choreografien von Melissa King muss übrigens dem Ensemble ein großer Respekt gezollt werden, auch die extrem schnellen Umzüge in die gefühlt zweihundert Kostüme scheinen bereits auf dem Zuschauerraum abenteuerlich und anspruchsvoll. Bei der Show von Tick, Adam und Bernadette in Alice Springs fliegen gerade so die Kostümteile und Perücken durch die Gegend.
Priscilla – Königin der Wüste steht den großen Broadway-Hits definitiv in nichts nach. Und man bekommt so viel mehr zu sehen als glitzernde Outfits und schöne junge Männer mit Sixpack. Die Inszenierung ist gleichermaßen berührend und bestens unterhaltend! Noch bis April kann man sich im Gärtnerplatztheater diesen Hauch der 80er entgegen wehen lassen.

Foto: Marie-Laure Briane

Weitere Vorstellungen: 21. und 22. Dezember / 5. und 13. Januar / 1., 2. und 17. Februar / 13., 14. und 17. März / 11. und 12. April um 19.30 Uhr
31. Dezember / 6. und 14. Januar / 18. Februar um 18.00 Uhr
Karten von 8 bis 70 € an den bekannten Vorverkaufsstellen

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/priscilla.html/m=276

Dirigat: Jeff Frohner
Regie: Gil Mehmert
Choreografie: Melissa King
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Video: Raphael Kurig, Meike Ebert
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

Tick: Armin Kahl
Bernadette: Erwin Windegger
Adam: Terry Alfaro
Diven: Dorina Garuci, Amber Schoop, Jessica Kessler
Bob: Frank Berg
Marion: Tanja Schön
Benji: Timothy Scannell
Cynthia: Marides Lazo
Shirley: Angelika Sedlmeier
Miss Verständnis: Eric Rentmeister
Miss Fernanda Falsetta: Jurriaan Bles
Jimmy: Karim Ben Mansur
Ensemble: John Baldoz / Jurriaan Bles / Alex Frei / Dorina Garuci / Luke Giacomin / Jessica Kessler / Marides Lazo / Karim Ben Mansur / Rachel Marshall / Andreas Nützl / Eric Rentmeister / Adriano Sanzò / Tanja Schön / Amber Schoop / Susanne Seimel / Samantha Turton

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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