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Feiern wir den 32. Dezember 1932

Welturaufführung der Operette „Drei Männer im Schnee“ nach Erich Kästner
  Chor und Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Ensemble  © Christian POGO Zach

Chor und Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Ensemble © Christian POGO Zach

 Am 30. Januar 1933 begann in Deutschland der Krieg gegen die Operette. 86 Jahre und einen Tag später wurde wieder eine Schlacht gegen die Bagatellisierung dieser Form des Musiktheaters gewonnen. Früher wurde in Berlin, am schönen Nollendorfplatz Operette gesungen, heute wird der Nollendorfplatz in der Operette besungen. Das kommt dabei raus, wenn man Operette wiederbelebt. Und genau das hat das Autorenteam um Thomas Pigor geschafft. Er, Konrad Koselleck, Christoph Israel und Benedikt Eichhorn liefern die ohrwurmträchtige Musik, die den höchstgescheiten Blödsinn aus Gesellschaftskritik, Erotik und pointierter Unterhaltung untermalt.

Das Gärtnerplatztheater holte mit Drei Männer im Schnee eine Operetten-Uraufführung auf die Bühne, die die Operettenwelt vor 1933 aufnahm und ins heute brachte. Erich Kästner, seine Bücher wurden verbrannt, schrieb 1934 den Roman, machte eine Komödie daraus, die mehrfach verfilmt wurde. Jetzt hat sie auch die Chance eine Klassiker des musikalischen Unterhaltungstheater zu werden, spätestens wenn unter anderen Abraham wiederentdeckt und das weiße Rössl einmal nicht springen soll. Auf der Bühne wird die Handlung auf den Jahreswechsel 1932/33 gelegt. Wir wissen heute, dass die Ausgelassenheit nicht einmal einen Monat später endete, die Personen im Stück nicht. Sie leben einfach. Noch ist Operette Operette. So folgt den ganzen Abend ein Lacher auf den anderen.

Das ganze Ensemble ist großartig. Der Multimillionär Tobler (Erwin Windegger), der armen Mann spielt, aber doch jeder Zeit die Sicherheit hat, sofort wieder in das reiche Leben zurückzukehren, bleibt der Menschenfreund, der sich trotz bestem Willen nicht in die Gefühle anderer versetzen kann. Zutiefst menschlich, wer kann kann schon aus seiner Haut. Da bleibt es nur ehrlich zu sein und offen für anderes. Das ist er und diese Gabe wünscht man jedem. So kann er endlich der Welt zu offenbaren, dass die Haushälterin Kunkel (Dagmar Hellberg) für ihn mehr bedeutet. Der arbeitslose Erfinder Dr. Hagedorn (Armin Kahl) ist Objekt der Gesellschaft. Er selbst kann durch alle Mühen wenig bewegen. Er bekommt, weil man ihn für reich hält, Zuwendung. Die ist nicht ehrlich. Anerkennung bleibt erst einmal verwehrt. Er findet aber dann die Liebe in Hilde Tobler (Julia Klotz), die knallharte Geschäftsfrau, die sich in den Naturgewalten am Wolkenstein dem Gefühl hingibt, und dieses wohl auch dauerhaft zulässt. Aber das weiß der Wolkenstein allein. Toblers KammerdienerJohann Kesselhuth (Alexander Franzen) hat die Welt der gesellschaftlichen Klassen verinnerlicht. Er darf sie aber auch wechseln. Im Gegensatz zu seinem Chef stilsicher in die andere Richtung. So kann er doch noch für Bequemlichkeit sorgen, wenn diesem die Rolle des armen Schluckers nicht mehr gefällt.

  Laura Schneiderhan, Florine Schnitzel, Alexander Bambach (Ensemble), Peter Neustifter (Toni Graswander), Susanne Seimel (Mrs. Sullivan), Alexander Franzen (Johann Kesselhuth), Katharina Wollmann (Ensemble)  © Christian POGO Zach

Laura Schneiderhan, Florine Schnitzel, Alexander Bambach (Ensemble), Peter Neustifter (Toni Graswander), Susanne Seimel (Mrs. Sullivan), Alexander Franzen (Johann Kesselhuth), Katharina Wollmann (Ensemble) © Christian POGO Zach

Auch Johann findet seine Liebe, kann auch offener werden. Es wäre zu wünschen, wenn er nicht nur am Berliner Nollendorfplatz mit Toni Graswander (Peter Neustifter), dem Tiroler Skilehrer, dauerhaft glücklich werden könnte. Letzterer träumt davon, aus der Enge der Tiroler Bergwelt herauszukommen, nach Innsbruck, vielleicht sogar ganz weit weg, nach München. Für den Zuschauer wäre es tragisch. Denn wer würde sonst die Skistunde Skifahr’n im Schnee mit dem Graswander Toni anführen, die zur großen Steppnummer auf Skiern wurde. Auch wenn sie nicht ganz unfallfrei abläuft. Liebevoll klischeehaft wird die österreichische Dorfbevölkerung, die unter anderem das Hotelpersonal darstellt, gezeigt. Hotelpagen, die dauernd die Hand aufhalten (Maximilian Berling, Alexander Bambach, Christian Schleinzer) sorgen für viele Lacher. Der mit allen verwandte Eisbahnwart Sepp Graswander (Stefan Bischoff) weiß, wie man andere einspannen kann. Für das heimatselig-österreichische Kolorit sorgte der hinterlistige, auf seinen Vorteil bedachte Portier Polter (Eduard Wildner) musikalisch. Sein immer für telefonische Erreichbarkeit sorgender Hoteldirektor Kühne (Frank Berg) war bei seiner Degradierung richtig erleichtert, weil die Verantwortung von ihm fiel. Karriere und gleichzeitig jederzeit jeden Wunsch anderer erfüllen zu wollen, geht halt nicht. Zu Beginn des Silvester-Kostümballs sorgte Polter, auch typisch österreichisch, für einen besonderen Lacher, als er über SA-Uniformierte sagte: „Das sind keine Nazis, das sind Österreicher“. Als am Morgen danach die junge Schottin Mrs. Sullivan (Susanne Seimel) plötzlich das „Kostüm“-Hemd eines dieser Österreicher trug, blitzte bei mir unter dem Schnee ein Grüner Hügel hervor.

  Armin Kahl (Dr. Fritz Hagedorn), Erwin Windegger (Eduard Tobler), Alexander Franzen (Johann Kesselhuth)  © Christian POGO Zach


Armin Kahl (Dr. Fritz Hagedorn), Erwin Windegger (Eduard Tobler), Alexander Franzen (Johann Kesselhuth)
© Christian POGO Zach

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich bereits, als die männerverführende Frau Calabré (Sigrid Hauser) sich musikalisch als besonders anpassungsfähige Frau vorstellte (Ich pass’ mich an). Warum dachte ich sofort bei dem SCHWARZ-WEIßEM Kleid und den ROTen Haaren an die Alternative zu schwarz-rot-gold. Vielleicht lag es an den auf die Spitze gestellten rechten Winkeln? Auf jeden Fall eines von vielen tollen Kostümen von Dagmar Morell. Aber zurück zu Frau Calabré. Ihr heimtückisches Benehmen, ihren Willen durchzusetzen, erschauderte einen bei aller Komik. Gänzlich kam dieses Gefühl, als sie im Schlussbild, erblondet und sittsam gekleidet, neben ihrem Nazi-Ehemann stand. Warum musste ich da an die Kinder im Führerbunker denken und an ihre Mutter, die erst mit einem Großindustriellen und später mit dem Propagandaminister verheiratet war? Jetzt fällt es richtig schwer, auf alle anderen auf der Bühne zurückzukommen. Da gab es noch eine vom Kinderchor, Chor, die später immer wieder zum Lachen bringende Auftritte hatten, sowie dem Ensemble gesungenen Ouvertüre. Ganz modern also, da weiß das Publikum gleich, dass es keine Hintergrundmusik zur Unterhaltung mit dem Sitznachbarn ist. Und ohne die Menschen am Rande mit den ganz kleinen Geschichten (Florian Sebastian Fitz, Alexander Moitzi, Laura Schneiderhan, Florine Schnitzel, Katharina Wollmann, Martin Emmerling, Christian Weindl, Corinna Klimek, Veronika Kröppel und Kim Mira Meyer) hätte auch viel Stimmung gefehlt.

  Sigrid Hauser (Frau Calabré), Armin Kahl (Dr. Fritz Hagedorn)  © Christian POGO Zach


Sigrid Hauser (Frau Calabré), Armin Kahl (Dr. Fritz Hagedorn)
© Christian POGO Zach

Mich berührt also gute Operette. Ich hatte fast drei Stunden einen Heiden Spaß, habe mich selten so gut amüsiert. Die Musik setzte sich sofort in mir fest und ich hätte mitsingen können, obwohl ich sie das erste Mal hörte und sie doch anspruchsvolle Brüche in sich trug. Man hatte dauernd das gute Gefühl der Geborgenheit, alles zu kennen, jedoch merkte man immer, es ist alles ganz neu. Josef E. Köpplinger hat es wieder geschafft im klassisch geprägtem Bühnenbild von Rainer Sinell Menschen zu zeigen, die ganz nah bei uns sind, die einen berühren, mit denen man mitfühlt, auch wenn man herzhaft über sie lachen kann. Ist nicht das Lachen der beste Weg ins Nachdenken zu kommen? Wenn jeder ein klein wenig davon mitnimmt, dann haben wir uns die Operette zurückerobert.

DREI MÄNNER IM SCHNEE
Revueoperette

von Thomas Pigor
Nach dem Roman von Erich Kästner
Musik von Konrad Koselleck, Christoph Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor
Orchestrierung von Konrad Koselleck
Kreative Mitentwicklung: Michael Alexander Rinz
Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Uraufführung am 31. Januar 2019

Altersempfehlung ab 12 Jahren

Dirigat Andreas Kowalewitz
Regie Josef E. Köpplinger
Choreografie Adam Cooper
Bühne Rainer Sinell
Kostüm Dagmar Morell
Licht Michael Heidinger, Josef E. Köpplinger
Dramaturgie Michael Alexander Rinz

Eduard Tobler Erwin Windegger
Hilde Tobler, seine Tochter Julia Klotz
Dr. Fritz Hagedorn Armin Kahl
Johann Kesselhuth, Toblers Kammerdiener Alexander Franzen
Claudia Kunkel, Hausdame bei Toblers Dagmar Hellberg
Portier Polter Eduard Wildner
Hoteldirektor Kühne Frank Berg
Frau Calabré Sigrid Hauser
Toni Graswander Peter Neustifter
Sepp Graswander Stefan Bischoff
Tierhändler Seidelbast / Herr Calabré Florian Sebastian Fitz
Emir von Bahrein Alexander Moitzi
Liftboy Christian Schleinzer
Mrs. Sullivan Susanne Seimel
Zimmermädchen 1 Laura Schneiderhan
Zimmermädchen 2 Florine Schnitzel
Zimmermädchen 3 Katharina Wollmann
Page Beppi Maximilian Berling
Page Franzl Alexander Bambach
SA-Mann Martin Emmerling, Christian Weindl
Milchfrauen Corinna Klimek, Veronika Kröppel, Kim Mira Meyer
Chor, Kinderchor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Uraufführung Drei Männer im Schnee, 31.01.2019, Gärtnerplatztheater

Foto: Christian POGO Zach

Nach dem Jahreswechsel ist der Winter inzwischen doch wieder in München angekommen, passend zur neuesten Uraufführung im Gärtnerplatztheater. Drei Männer im Schnee, frei nach dem Roman von Erich Kästner aus dem Jahr 1934, wurde von Kabarettist und Liedermacher Thomas Pigor zusammen mit den Komponisten Konrad Koselleck, Christoph Israel und Benedikt Eichhorn, im Auftrag des Theaters geschaffen. Intendant Josef Köpplinger führte selbst Regie in dieser neuen Revueoperette. Die Grundgeschichte um die drei “Schneemänner” Eduard Tobler, Fritz Hagedorn und Johann Kesselhuth wurde für die Münchner Bühnenversion erweitert, sodass alle drei und nicht nur Hagedorn eine Liebesgeschichte erleben dürfen.

Setzt man sich mit der Geschichte des Gärtnerplatztheaters auseinander, so findet man bald heraus, dass vor allem in der Zeit der Nationalsozialisten das Genre der Revueoperette äußerst beliebt war, um die Menschen ins Theater zu locken und vielleicht auch von den politischen Vorgängen abzulenken. Daher hat diese Theaterform nach Ende des Zweiten Weltkriegs durchaus in ihrem Ansehen gelitten. Dem möchten die Künstler des Gärtnerplatztheaters nun wieder etwas entgegenwirken, schließlich kann solch ein bunter, aufwändiger und vor allem humorvoller Theaterabend auch für das heutige Publikum noch eine große Freude sein.

Da die Handlung der Operette zu Beginn der Dreißigerjahre spielt, wird das Thema der beginnenden NS-Zeit sehr wohl in einer kleinen Szene angedeutet, von den Protagonisten jedoch noch als harmlose Spinnerei abgetan, schließlich ist man ja nicht in Deutschland.

Im Mittelpunkt der Operette stehen die drei bereits erwähnten Herren, die gemeinsam einen Urlaub in den Alpen verbringen. Dieses hat die Firma des reichen Industriellen Tobler im Rahmen eines Wettbewerbes verlost. Der Erfinder Fritz Hagedorn würde sich zwar statt der Reise lieber eine Anstellung oder zumindest Geld wünschen, fährt aber dann trotzdem nach Österreich, wo er durch eine Verwechslung für den reichen Geschäftsmann gehalten und deshalb nach allen Regeln der Kunst verwöhnt wird. Auch Tobler reist nämlich unter dem Pseudonym Schulz in die Berge, denn er möchte mal erleben, wie man als einfacher Mann behandelt wird. Begleitet wird er von seinem Kammerdiener Johann, der ihm ab und zu heimlich ein Essen ausgeben soll. Trotz der Standesunterschiede freunden sich die drei Männer an und lassen im Grand Hotel beim Schneemann-Bauen und einer Kostümparty zu Silvester ihrem inneren Kind freien Lauf. Für große Verwirrung sorgen nun eher die Frauen, zum einen die männermordende Frau Calabré, die sich dem vermeintlich reichen Hagedorn an den Hals wirft, als auch Toblers Tochter Hilde und seine Hausdame Claudia, die ihm hinterher reisen und ihn überreden wollen, ein lukratives Geschäft mit einem reichen Araber abzuschließen.

Foto: Christian POGO Zach

Ganz operettenhaft gibt es viele Irrungen und Wirrungen in diesem Stück sowie natürlich auch eine große Portion Humor. Dass das Ende natürlich dann im Zeitraffer alle Handlungsstränge zusammenführt und gut ausgehen lässt mag manchen Fan von zeitgenössischem Theater vielleicht stören, der Laune der Zuschauer schadet es jedoch nicht im Geringsten. Es ist schön, dass hier – wie eben auch häufiger im Gärtnerplatztheater – einfach noch gute Unterhaltung ohne großen moralischen Vorschlaghammer geboten wird.

Und noch etwas ist wundervoll anzusehen: eine wahre Schlacht an aufwändigen Kostümen und Bühnenbildern! Der Schnürboden und die Drehbühne werden voll ausgenutzt und verwandeln die Bühne so von der Berliner Fabrik mit rauchenden Schornsteinen im Hintergrund in die gemütliche Wohnung Toblers mit schlafender Katze. Und schließlich in das wundervolle Jugendstil-Hotel, Skipisten, Seilbahnen und eine urige Berghütte. Dazu passen die farbenfrohen Kostüme von Dagmar Morell, die ebenfalls das Flair der Dreißiger auf die Bühne zaubern.

Regisseur Josef Köpplinger bietet den Zuschauern eine rasante Inszenierung, in der auch im Hintergrund immer etwas los ist. Wie gewohnt arbeiten der Intendant und sein Team mit sehr viel Liebe zum Detail, das keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Ein Highlight ist definitiv die Ski-Steppnummer von Adam Cooper, die Ensemble und Statisten auf der „schneebedeckten“ Bühne zum besten geben dürfen. Auch ohne Beteiligung des Balletts ist vom ruhigen Paartanz bis zu wuseligen Massenszenen auch tänzerisch einiges geboten.

Foto: Christian POGO Zach

Ein großes Lob muss man natürlich auch dem wundervollen Ensemble aussprechen, dessen Freude an dieser Produktion ansteckend ist. Erwin Windegger gibt einen sympathischen Eduard Tobler, der selbst als unfreiwillige Putzkraft im Grand Hotel eine kindliche Freude an den Tag legt. Ganz im Gegensatz zu seiner Tochter Hilde, gespielt von Julia Klotz, die weitaus erwachsener und geschäftsmäßiger wirkt und erst in ihren sanften Annäherungen an Fritz Hagedorn ihre roamntische Seite zeigt. Ähnlich resolut ist Dagmar Hellberg als Haushälterin Kunkel, trotzdem scheint sie die Verrücktheiten ihren „Chefs“ durchaus sympathisch zu finden. Armin Kahl gibt den arbeitslosen Erfinder Hagedorn anfangs etwas grummelig, aber auch er wird von seinen neuen Freunden mit guter Laune und Optimismus angesteckt, wenn er nicht gerade vor Frau Calabré flüchtet. Diese wunderbar aufdringliche Femme Fatale gibt Sigrid Hauser. Der Dritte im Bunde schließlich ist Kammerdiener Johann, gespielt von Alexander Franzen, der die Annehmlichkeiten des Rollentauschs mit seinem Chef sichtlich genießt und ebenfalls zarte Liebesbande knüpfen darf.

Tatsächlich und verdientermaßen sind inzwischen die Karten für Drei Männer im Schnee ziemlich rar geworden, ich hoffe sehr, dass man dieses Gute-Laune-Stück auch in der nächsten Spielzeit wieder auf der Bühne erleben darf!

DREI MÄNNER IM SCHNEE
Revueoperette

von Thomas Pigor
Nach dem Roman von Erich Kästner
Musik von Konrad Koselleck, Christoph Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor
Orchestrierung von Konrad Koselleck
Kreative Mitentwicklung: Michael Alexander Rinz
Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Uraufführung am 31. Januar 2019

Altersempfehlung ab 12 Jahren

Dirigat Andreas Kowalewitz
Regie Josef E. Köpplinger
Choreografie Adam Cooper
Bühne Rainer Sinell
Kostüm Dagmar Morell
Licht Michael Heidinger, Josef E. Köpplinger
Dramaturgie Michael Alexander Rinz

Eduard Tobler Erwin Windegger
Hilde Tobler, seine Tochter Julia Klotz
Dr. Fritz Hagedorn Armin Kahl
Johann Kesselhuth, Toblers Kammerdiener Alexander Franzen
Claudia Kunkel, Hausdame bei Toblers Dagmar Hellberg
Portier Polter Eduard Wildner
Hoteldirektor Kühne Frank Berg
Frau Calabré Sigrid Hauser
Toni Graswander Peter Neustifter
Sepp Graswander Stefan Bischoff
Tierhändler Seidelbast / Herr Calabré Florian Sebastian Fitz
Emir von Bahrein Alexander Moitzi
Liftboy Christian Schleinzer
Mrs. Sullivan Susanne Seimel
Zimmermädchen 1 Laura Schneiderhan
Zimmermädchen 2 Florine Schnitzel
Zimmermädchen 3 Katharina Wollmann
Page Beppi Maximilian Berling
Page Franzl Alexander Bambach
SA-Mann Martin Emmerling, Christian Weindl
Milchfrauen Corinna Klimek, Veronika Kröppel, Kim Mira Meyer
Chor, Kinderchor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Priscilla – Königin der Wüste, 14.03.2018, Gärtnerplatztheater


Ensemble
© Marie-Laure Briane

Mit dem Barbie Camper in die Jugend

Heute ging es für mich mittlerweile zum 8. Mal mit dem alten Schulbus quer durch Australien. 3 reizende Fahrtbegleiterinnen machten die Reise unvergesslich. Fangen wir mit Adam an. Jung, schön, frech. Mit dem Traum, Kylie Minogue auf dem Ayers Rock darzustellen. Bernadette, die älteste. Sie hat viel erlebt. Doch fürs Herz hatte sie noch nicht das richtige. Und Tick. Eine Frau hat seine Ehe auseinander gebracht. Die Frau in ihm. Doch seine Frau bittet ihn zu Beginn des Stücks zu ihr zu kommen und in ihrem Hotel aufzutreten. Die drei machen sich auf den Weg und erleben viel. Viel Liebe aber auch Abscheu.
Das ganze wird durch die Songs getragen. Die Songs meiner Jugend. Ein Hit nach dem anderen. Dazwischen Tiefe und ganz viel Komik. Aber immer Glamour und ganz viel Tanz.

Taucht man richtig in das Stück ein, fühlt man immer mehr die Handlung und weniger weniger die Musik. Das zeigt, dass die Folge der Disco-Hits und Szene-Hymnen nur oberflächlich ist. Beeindruckend ist die Altersweisheit von Bernadette. Trotz der Wortgefechte mit Adam zeigt sie immer wieder starke Gefühle. Die Jugend muss auch hier Erfahrungen machen, aber das Alter fängt sie auf, beschützt sie. Erwin Windegger schafft es hier, bei der Verletzlichkeit von Bernadette das Wohlgefühl herzustellen, wenn man eine starke Person braucht. Irgendwie spiegelt das auch viel von mir. Belohnt wird Bernadette mit der Zuneigung von Bob (Frank Berg), der trotz seiner bodenständigen und einfachen Art, im Gegensatz zu der sonstigen Bevölkerung des Outbacks, den Menschen und nicht sein Äußeres beurteilt, und dadurch vorurteilsfrei Kunst genießen kann.

Das Ensemble war fantastisch. Hervorzuheben jedoch die 3 Hauptdarsteller: Neben Erwin Windegger, Armin Kahl und Terry Alfaro. Sowie mein besonderer Liebling, die Vokuhila-Queen, perfekt dargestellt von Angelika Sedlmeier. Tolle Kostüme von Alfred Mayerhofer, eine bewegte Choreografie von Melissa King, in einem abwechslungsreichen Bühnenbild von Jens Kilian. Fantastisch inszeniert von Gil Mehmert.

Einen kleinen Wehmutstropfen hatte ich aber heute: meinen Platz. Vorn im Parkett aber fast am Rand. Während Bernadette die Kunst der synchronen Lippen beschwörte, konnte ich meine Augen und Ohren nicht richtig synchronisieren. Der Klang kam laut aus dem Lautsprecher von links, zu sehen gab es aber nur etwas rechts. Das macht etwas se(e/h)krank.

Besetzung am 14.03.2018

Dirigat Jeff Frohner
Regie Gil Mehmert
Choreografie Melissa King
Bühne Jens Kilian
Kostüme Alfred Mayerhofer
Licht Michael Heidinger
Video Raphael Kurig, Meike Ebert
Dramaturgie Michael Alexander Rinz

Tick Armin Kahl
Bernadette Erwin Windegger
Adam Terry Alfaro
Diven Dorina Garuci, Amber Schoop, Jessica Kessler
Bob Frank Berg
Marion Tanja Schön
Benji Matthias Thomas
Cynthia Marides Lazo
Shirley Angelika Sedlmeier
Miss Verständnis Eric Rentmeister
Miss Fernanda Falsetta Jurriaan Bles
Jimmy Karim Ben Mansur
Ensemble John Baldoz / Jurriaan Bles / Alex Frei / Dorina Garuci / Luke Giacomin / Jessica Kessler / Marides Lazo / Karim Ben Mansur / Rachel Marshall / Andreas Nützl / Eric Rentmeister / Adriano Sanzò / Tanja Schön / Amber Schoop / Susanne Seimel / Samantha Turton

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Ganz viel Spaß und genauso viel Wut und Trauer

Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Ensemble
© Christian POGO Zach

Wenn am 27. Januar eine Operette wie Viktoria und ihr Husar auf dem Spielplan steht, regen sich ganz unterschiedliche Gefühle. Eine große Freude auf einen Strauß fabelhafter Melodien und absurd-komischer Dialoge. Auf der anderen Seite eine wahnsinnige Wut auf die Verbrechen der Nazis und auf die, die dieses Regime ermöglichten und ihm dienten.

Die Geschichte von Viktoria und ihr Husar ist schnell erzählt: Ein ungarischer Husar flieht aus früh-sowjetischer Gefangenschaft über die Grenze nach Japan. Entdeckt dort seine Verlobte, Viktoria, die mittlerweile den US-Botschafter geheiratet hat. Dieser wird am Folgetag nach Petrograd versetzt, nimmt Frau und den Husaren mit. Viktoria steht zwischen beiden Männern. Keiner wird glücklich. Der Husar geht lieber zurück ins Kriegsgefangenenlager und wartet auf die Hinrichtung. Der Botschafter lässt sich scheiden. In Ungarn treffen sich alle wieder. Viktoria heiratet dann endlich ihren Husaren. Dazu zwei Buffopaare mit schnellerem Liebesglück. Bei diesen Ortswechseln konnte sich Paul Abraham mit den verschiedensten Musikstilen 1930 austoben.

Josef Ellers (Janczy), Katja Reichert (Riquette) © Christian POGO Zach

Was macht man mit so einer Story? Als Josef E. Köpplinger das vor 2 Jahren in die Hand nahm, sollte eine nachvollziehbare Geschichte daraus werden. Der Husar flieht nicht, sondern muss sich eine Geschichte ausdenken, die er seinen Bewachern erzählt. Und wenn man 1917/1918 in Sibirien in einem improvisierten Lager sitzt, können die Gedanken schon etwas verrückt spielen. Das Lager, ein alter Wirtshaussaal mit Bühne, wird zur Traumkulisse. Hier treffen die oben beschriebenen Personen ein. Genauso der Bursche des Husaren, der die „französische“ Gesellschafterin Viktorias lieben lernt, wie auch Viktorias Bruder, der eine Halb-Pariserin-Halb-Japanerin heiratet. Letztere den Alkohol nicht abgeneigt, erstere die ewige Treue – mit Einjahresgarantie, schwörend. Beide sehr selbstbewusst und emanzipiert. Wenn diese Paare auf einander treffen, tobt der Saal. Sei es bei den Duetten Meine Mama war aus Yokohama und Mausi, süß warst Du heute Nacht oder dem Tanz mit dem immer kleiner werdenden Handtuch des Burschen. Für diese Rollen braucht man Allroundtalente, die nicht nur singen, sondern auch Komödie sprechen und spielen und auch tanzen können. Mit Katja Reichert (Riquette) und Josef Ellers (Janczy) sowie Susanne Seimel (Lia San) und Peter Lesiak (Graf Ferry), der die Rolle bereits in Mörbisch, jetzt aber am Gärtnerplatztheater das erste Mal spielt (und hier nur den Frack und nicht noch Hemd und Hose bei Mausi verliert), hat man die passende Besetzung gefunden. Gleiches gilt auch für Alexandra Reinprecht als Viktoria und Daniel Prohaska als Stefan Koltay, den Husaren, die sich lange wegen ihrer Liebe zueinander und der gesellschaftlichen Norm quälen. Erwin Windegger als Botschafter John Cunlight hat die Rolle des edlen, aber auf sein Glück verzichtenden, Liebenden. Daneben sieht man auf der Bühne noch eine Menge mehr. Eine riesige Statistenmannschaft lässt das Lagerleben einer gefangenen Dorfgemeinschaft vom Kind bis zum Greis niemals aufhören. Der Chor gibt die Traumgesellschaft und dazwischen tanzt das Ballett zwischen Sumōringern, Pyjamapartyfreaks und Pusztafantasien.

Ensemble © Christian POGO Zach

Nach der heutigen Wiederaufnahme freue ich mich auf 5 weitere Vorstellungen. Die eingangs erwähnte Wut und Trauer kommt – nicht nur am Holocaust-Gedenktag – dadurch zustande, dass der eine Textdichter, Fritz Löhner-Beda, dem wir ganz viele Operetten und Schlager verdanken, bereits einen Tag nachdem die in Österreich einmarschierenden Nazi-Truppen zum Teil jubelnd empfangen wurden, verhaftet, und 1942 nach den abfälligen Worten einiger IG-Farben-Direktoren, die im Nachkriegsdeutschland noch herausragende Stellungen bekamen, erschlagen wurde. Der Komponist Paul Abraham konnte 1933 Berlin und 1938 auch Wien noch rechtzeitig verlassen, ebenso der zweite Textdichter Alfred Grünwald.

Es stellt sich jedes Mal neu die Frage, welche Blüte aufgegangen wäre, hätte man die menschenverachtende Politik und deren Verbrechen früh genug verhindert. Deshalb braucht man diese Erinnerung. Jeder Mensch hat das Recht in Freiheit geschützt zu leben. Und wer diese nicht hat, dem müssen wir sie geben. Denn auch jeder von uns kann ganz schnell in die gleiche Lage geraten, wenn wir nicht aufpassen und die Freiheit verteidigen.

Dirigat Oleg Ptashnikov
Regie Josef E. Köpplinger
Choreografie Karl Alfred Schreiner
Bühne Karl Fehringer, Judith Leikauf
Kostüme Alfred Mayerhofer
Licht Michael Heidinger
Choreinstudierung Felix Meybier
Video Meike Ebert, Raphael Kurig
Dramaturgie David Treffinger

Leutnant Petroff, Kosak und Lagerleiter in Sibirien Gunther Gillian
Stefan Koltay, Husarenrittmeister Daniel Prohaska
Janczy, sein Bursche Josef Ellers
Unteroffizier Krutow, Lageraufseher Uwe Thomsen
John Cunlight, amerikanischer Gesandter Erwin Windegger
Gräfin Viktoria, seine Frau Alexandra Reinprecht
Graf Ferry Hegedüs auf Doroszma, Viktorias Bruder Peter Lesiak
O Lia San, Ferrys Braut Susanne Seimel
Riquette, Viktorias Kammerfrau Katja Reichert
Bela Pörkölty, Bürgermeister von Doroszma Florian Wolf
James, Butler von Cunlight Maximilian Berling
Chor, Ballett, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Weitere Vorstellungen am 28. und 31.01.18 sowie am 03., 04. und 10.02.18, Restkarten erhältlich.

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Uraufführung Gefährliche Liebschaften, 22.02.2015, Gärtnerplatztheater (im Cuvilliéstheater)

Gefährliche Liebschaften Eine berühmte Romanvorlage und bekannte Adaptionen machen eine Neuinterpretation schwierig. Das Team um Regisseur Josef Köpplinger konnte mit der Uraufführung des Musicals Gefährliche Liebschaften trotzdem neue Akzente setzen.

Die Marquise de Merteuil ist eine Meisterin im Intrigenspiel um Macht und Sex. Sie möchte, dass der Vicomte de Valmont eine ehemalige Klosterschülerin verführt, die kurz vor der Heirat mit einem Grafen steht. Dieser war einst der Liebhaber der Marquise und hatte sie verlassen, das hat sie ihm nicht verziehen. Doch Valmont ist hinter der prüde-verschlossenen Madame de Tourvel her, ihre Eroberung sieht er als sein Meisterstück. Sollte ihm dies gelingen, winkt ihm als Belohnung eine Liebesnacht mit der Marquise, die gegen ihn gewettet hat. Anfangs läuft alles nach Plan, aber als Valmont sich in Madame de Tourvelle verliebt, wenden sich die Intrigen der Marquise gegen sie selbst.

Gefährliche Liebschaften Dass das Stammhaus am Gärtnerplatz mittlerweile seit fast drei Jahren geschlossen ist, bedeutet Unannehmlichkeiten, aber auch Chancen. Die Musicaluraufführung von Gefährliche Liebschaften im wundervollen Rokokoambiente des Cuvilliéstheaters spielen zu können, ist definitiv eine. Die aufwendigen Kostüme von Alfred Mayerhofer passen perfekt in die Zeit und lassen ein Gefühl für die Zeit aufkommen. Die Bühne von Rainer Sinell ist schon fast sensationell in ihrem raffnierten Understatement: eine Treppe, ein Podest, ein riesiger Spiegel und ein paar wechselnde Möbel auf einer Drehbühne lassen vom Opernhaus über ein intimes Bouduoir bis hin zum Nonnenkloster alles entstehen. Das Podest ist wirklich genial: der Boden wechselt immer wieder, schachbrettartige Fliesen, fließender Stoff, Blätter und rinnendes Blut werden passend zur jeweiligen Handlung angezeigt. Zusammen mit dem Spiegel, der beweglich ist und in verschiedene Höhen und Neigungswinkel gefahren werden kann, ergeben sich je nach Sitzposition des Betrachters verschiedene faszinierende Einblicke. Das Licht von Michael Heidinger und Regisseur Josef Köpplinger ist sehr athmosphärisch.

Gefährliche Liebschaften Zusammen mit seinem Co-Regisseur und Choreograf Adam Cooper gelingt letzterem eine überzeugende Umsetzung des bekannten Stoffes. Es passiert sehr viel auf der Bühne, so dass man schon sehr genau oder am Besten mehrfach hinschauen muss, um alles mitzubekommen. Manches passiert sogar gleichzeitig, da wird ein Brief geschrieben und gelesen, in einem Zug oder nahtlos ineinander übergehend. Briefe spielen natürlich eine große Rolle, ist doch die literarische Vorlage von Choderlos de Laclos ein Briefroman. Als besonders beeindruckend empfand ich die Szene, als die Briefe der Marquise vom Himmel fallen und einer mit ein bisschen Verzögerung schon fast majestätisch zu Boden schwebte. Die Regie arbeitet die Figuren sehr gut heraus, vor allem der Wandel der Madame de Tourvel von der zurückhaltenden, fast schon vergeistigten Prüden zur rückhaltlos verfallenen Liebenden war gut nachvollziehbar. Und ja, es gibt einigen Sex in diesem Stück, schließlich gehts ja darum. Aber er ist immer mit Gefühlen verbunden – Gier, Liebe, Hass – so dass man das Gefühl hat, die Darstellung gehört

Gefährliche Liebschaften Das Libretto von Wolfgang Adenberg bietet eine ansprechende Umsetzung des Stoffes, er hält die Spannung den ganzen Abend. Die Musik von Marc Schubring erschließt sich so richtig leider erst beim mehrfachen Hören. Sein Anspruch, sie von Parfüm zu Gift zu verwandeln, hat zur Folge, dass bis kurz vor der Pause kein einziger wirklich eingängiger Song dabei ist, allerdings dreht er dann mit Valmonts Allmächtig auch mächtig auf. Nach der Pause beginnt das Gift zu wirken und das Erzähltempo wird schneller und die Melodien eingängiger. Das Orchester unter Andreas Kowalewitz arbeitete feinste Klangnuancen heraus, die dem Stück Tiefe verliehen. Die Sänger überzeugten in ihren jeweiligen Rollen, sie spielten sehr expressivund leidenschaftlich und sangen auch ganz hervorragend.

Standing Ovation für eine gelungene Uraufführung eines Musicals, das die deutsche Musiktheaterlandschaft bereichert.

Musik von Marc Schubring, Buch und Liedtexte von Wolfgang Adenberg. Nach dem Roman von Choderlos de Laclos. Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Musikalische Leitung Andreas Kowalewitz, Regie Josef E. Köpplinger, Choreografie u. Co-Regie Adam Cooper, Bühne Rainer Sinell, Kostüme Alfred Mayerhofer,Licht Michael Heidinger / Josef E. Köpplinger, Video Raphael Kurig / Thomas Mahnecke, Dramaturgie Michael Otto

Marquise de Merteuil Anna Montanaro, Vicomte de Valmont Armin Kahl, Madame de Tourvel Julia Klotz, Cécile de Volanges Anja Haeseli, Chévalier de Danceny Florian Peters, Madame de Rosemonde Gisela Ehrensperger, Madame de Volanges Carin Filipčić, Azolan Erwin Windegger, Joséfine de Fontillac / Madame Gérard u. a. Anna Thorén, Émilie / Nonne u. a. Nazide Aylin, Julie u. a. Evita Komp, Christine / Opernsängerin u. a. Eva Aasgaard, Victoire u. a. Johanna Zett, Prévan u. a. Carl van Wegberg, Belleroche / Gérard u. a. Peter Neustifter, Jean / Comte de Gercourt u. a. Jörn Linnenbröker, Steuereintreiber / Priester u. a. Florian Hackspiel, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Dauer 2 Stunden 45 Minuten, Altersempfehlung ab 15 Jahre

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Tschitti Tschitti Bäng Bäng Ein Regisseur hat einen Kindheitstraum und ein ganzes Theater träumt mit ihm. Heraus kommt ein fulminanter Abend, der allen Beteiligten lange im Gedächtnis bleiben wird.

Charmant erzählte Regisseur und Staatsintendant Josef E. Köpplinger bei der Einführung, dass er als Fünfjähriger den Film zum ersten Mal sah und sofort im Anschluss den Besuch einer weiteren Vorstellung durchsetzte, wie, das wollen wir hier nicht verraten 😉 Seitdem hegte er den Wunsch, den Film auf die Bühne zu bringen und 2002 schien sich dieser sich zu erfüllen, als der Musicalfilm von 1968 für die Bühne bearbeitet wurde. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis er das Stück endlich für das Gärtnerplatztheater inszenieren durfte. Es war sehr schwierig, die Rechte zu bekommen, schließlich hat es aber doch geklappt. Die kontinental-europäische Erstaufführung ist ein hinreißender Abend geworden, den man wirklich jedem nur empfehlen kann.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng Caractacus Potts ist ein Erfinder, der seine zwei Kinder zusammen mit dem Großvater  aufzieht, nachdem die Mutter gestorben ist. Es ist zwar nie viel Geld vorhanden, aber man liebt sich und die Kinder wachsen in einer glücklichen Umgebung auf. Das Herz der Beiden hängt an einem Schrottauto, das nun an einen Alteisenhändler verkauft werden soll. Um seinen Kindern nicht das Herz zu brechen, treibt Caractacus das Geld unter im wahrsten Sinne haarsträubenden Bedingungen auf. Dabei lernt die kleine Familie eine entzückende Frau kennen, die wunderschöne Truly Scrumptious. Abgesehen auf das Auto hat es aber auch der böse Baron Bomburst, der eigentlich immer noch ein Kind ist und immer bessere, größere und schönere Spielzeuge braucht. Was er nicht braucht, ist die Frau Baronin, aber die wird er leider nicht los. Die hat eine Kinderallergie und so gibt es im Reiche Vulgarien, das beide regieren, keine Kinder, es wird ihnen sogar der Garaus gemacht durch einen fiesen Kinderfänger. Der Baron lässt den Großvater entführen, den er irrtümlich für den Erfinder hält und Caractacus, Truly und die Kinder reisen ihnen in inzwischen umgebauten Auto nach. Tschitti Tschitti Bäng Bäng heißt es und kann Schwimmen und sogar Fliegen. Natürlich gibt es ein Happy End, aber erst nach dem die kleine Familie Stärke und Zusammenhalt bewiesen hat.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng Josef E. Köpplinger greift in die Vollen, stellt 123 Darsteller auf die Bühne, lässt für die 39 Mann im Orchestergraben von John Owen Edwards eine erweiterte Orchesterfassung arrangieren und beschäftigt 92 Kollegen hinter der Bühne. Der Aufwand ist riesig, aber jede Minute ist es wert. Die Bühne vom bewährten Team Judith Leikauf und Karl Fehringer ist ein Musterbeispiel dafür, wie man auch mit wenig Platz großartige Illusionen erzeugen kann. Es fühlt sich echt an, wie das Auto fährt schwimmt und auch fliegt. Wann hat schon jemals ein technisches Gerät einen Auftrittsapplaus bekommen? In dieser Premiere war das irgendwie selbstverständlich. Es ist wirklich ein technisches Wunderwerk, die Werkstätten des Gärtnerplatztheaters haben wirklich Großartiges vollbracht. Wenn man gehört hat, mit wie viel Leidenschaft der neue Technische Direktor Heiko Pfützner bei der Einführung über das Auto gesprochen hat, kann man vielleicht nachvollziehen, wie viel Herzblut und Arbeit in dieser Produktion steckt.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng Die Szene wechselt ständig, die Bühne ist wie gezeichnet, wirklich sehr, sehr schön. Die Techniker an diesem Abend haben wirklich herausragend gearbeitet, jeder Wechsel klappte reibungslos. Bedingt durch die vielen Darsteller und die ständigen Szenenwechseln braucht es natürlich auch viele Kostüme, die Alfred Mayerhofer wirklich zauberhaft entworfen hat. Ungefähr 700 wären es, erzählte er bei der Einführung. Das ist natürlich aufwändig, aber es lohnt sich. Die Choreografie von Ricarda Ludigkeit hat sehr viel Schwung, einer der Höhepunkte des Abends war sicher der Bombie-Samba, im sehr langen Applaus gab es sogar Zugabe-Rufe. Die Melodien gehen selbst Menschen wie mir, die den Film nicht kennen, sofort ins Ohr. Das Publikum folgte atemlos der Handlung, es war bei einer Dauer von 2 Stunden 40 Minuten keine Sekunde weder für das junge Publikum noch für die Erwachsenen langweilig. Die Regie von Josef E. Köpplinger zeigt einmal mehr, wie gut er sich auf das jeweilige Stück einstellen kann, da stimmt jede Geste, da klappten die Slapstickmomente genauso gut wie die etwas ruhigeren, etwa wenn Caractacus seine Kinder ins Bett bringt oder er und Truly sich zum ersten Mal tief in die Augen schauen. Es passiert unglaublich viel auf der Bühne, einmal ansehen ist wirklich zu wenig, man hat immer grad irgendwas verpasst. Ein wirklich toller Abend für alle Generationen. In meiner Begleitung waren drei einer Familie und alle waren begeistert.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng Die beiden sehr talentierten Kinder Marinus Hohmann und Amelie Spielmann waren die unbestrittenen Stars des Abends. Sie wirkten sehr natürlich und hatten nicht nur viel zu Singen, sondern auch sonst sehr viel Text und waren sehr präsent auf der Bühne. Peter Lesiak als Caractacus und Nadine Zeintl als Truly sind den Münchner mittlerweile von ihren vorherigen Produktionen ein Begriff und waren ein tolles Paar. Ihre Gegenspieler, Baron und Baronin Bomburst, wurden von Erwin Windegger und Sigrid Hauser verkörpert, die beiden sind ebenfalls keine unbekannten in München mehr. Besonders Sigrid Hauser räumte mit ihrer fabelhaften Darstellung der kinderfeindlichen Baronin im großen Stil ab, die Wandlung von der resoluten Rösslwirtin über die naive Erma in Anything Goes zur schnuckelig-bösen Baronin ist äußerst gelungen. Die vielseitige Sängerin wird ab Juli als Hotelbesitzerin Schlumberger in der Zirkusprinzessin zu sehen sein.

Frank Berg war ein sehr liebenswerter Großvater Potts und Markus Meyer verlieh dem Kinderfänger etwas Dämonisches, das mir Schauer über den Rücken liefen lies. Eigentlich müsste man wirklich jeden Einzelnen erwähnen, es ist ein großartiges Ensemble, das Josef E. Köpplinger für das Stück verpflichtet hat. Der Chor (Einstudierung Jörn Hinnerk Andresen) zeigte mal wieder, wie eigentlich immer, dass er nicht nur Singen, sondern vor allem auch Spielen kann. Das trägt zum Gelingen von Stücken wie diesem maßgeblich bei. Der Kinderchor, bestens vorbereitet von Verena Sarré, ist sicherlich einer der Besten in Deutschland. Auch das Ballett schien Spaß zu haben, das Publikum hatte ihn sicherlich. Last but not Least zeigte das Orchester unter dem 1. Kapellmeister Michael Brandstätter seine Wandlungsfähigkeit und trug dazu bei, dass dieser Abend ein ganz großer wurde.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng Ich bin jetzt noch heiser vom vielen Bravo rufen, die Zuschauer im ausverkauften Prinzregententheater sprangen wie ein Mann auf, nachdem der Vorhang sich geschlossen hatte und der Applaus wollte schier nicht enden. Selten habe ich so großen Jubel gehört und noch seltener habe ich aus vollem Herzen mitgemacht. Danke für diesen großartigen Abend an ein großartiges Staatstheater!

Kontinentale Erstaufführung

Musik und Gesangstexte von Richard M. Sherman und Robert B. Sherman, für die Bühne bearbeitet von Jeremy Sams und Ray Roderick, basierend auf dem gleichnamigen MGM-Film, Deutsch von Frank Thannhäuser Dauer ca 2 Stunden und 40 Minuten

Musikalische Leitung Michael Brandstätter, Regie Josef E. Köpplinger, Choreografie Ricarda Regina Ludigkeit, Bühne Judith Leikauf, Karl Fehringer, Kostüme Alfred Mayerhofer, Licht Michael Heidinger, Dramaturgie Michael Otto

Caractacus Potts Peter Lesiak, Truly Scrumptious Nadine Zeintl, Großvater Potts Frank Berg, Baron Bomburst Erwin Windegger, Baronin Bomburst Sigrid Hauser, Der Kinderfänger Markus Meyer, Jeremy Potts Marinus Hohmann, Jemima Potts Amelie Spielmann, Boris David Jakobs, Goran Hannes Muik, Lord Scrumptious / Ausrufer u.a. Alexander Franzen, Der Spielzeugmacher / Bill Coggins u.a. Frank Winkels, Truthahnzüchter Patrick A. Stamme, Schrotthändler / Hauptmann / Sidney Andreas Goebel, Violet Evita Komp, Edison / Soldat Nicola Gravante, Miss Phillips Susanne Seimel, Erfinder Alexander Franzen, Carl van Wegberg, Patrick A. Stamme, Peter Neustifter, Jörn Linnenbröker, Christian Schleinzer, Ensemble Carl van Wegberg, Kerstin Ibald, Patrick A. Stamme, Peter Neustifter, Andreas Goebel, Evita Komp, Jörn Linnenbröker, Corinna Ellwanger, Nicola Gravante, Katharina Lochmann, Christian Schleinzer, Susanne Seimel, Chor, Kinderchor und Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Weitere Vorstellungstermine
Mi. 30. April 2014 19.30 Uhr, Fr. 2. Mai 2014 19.30 Uhr*, So. 4. Mai 2014 18.00 Uhr*, Di. 6. Mai 2014 19.30 Uhr, Do. 8. Mai 2014 19.30 Uhr, Sa. 10. Mai 2014 19.30 Uhr*, Mo. 12. Mai 2014 19.30 Uhr, Mi. 14. Mai 2014 19.30 Uhr, Fr. 16. Mai 2014 19.30 Uhr*, Sa. 17. Mai 2014 19.30 Uhr*, So. 18. Mai 2014 18.00 Uhr* * KiJu-Vorstellung Altersempfehlung ab 6 Jahren

Weitere Vorstellungen im September 2014

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Premiere Der Mann von La Mancha, 02.10.2013, Gärtnerplatztheater in der Reithalle – Nachtkritik

DER MANN VON LA MANCHA Das Gärtnerplatztheater eröffnete die neue Spielzeit mit dem Musical Der Mann von La Mancha in der Reithalle und feierte eine gelungene Premiere.

Als den größten Roman aller Zeiten bezeichnete Christoph Wagner-Trenkwitz die Geschichte um den Dichter Cervantes, der des Hochverrates angeklagt wird und sich im Gefängnis einer ganz eigenen Gerichtsverhandlung gegenübersieht. Seine Mitgefangenen, Diebe , Mörder, politisch Verfolgte, sitzen über ihn zu Gericht und zu seiner Verteidigung erzählt Cervantes die Geschichte vom Edelmann Alonso Quijana, der wiederum sich selbst in die Ritterrolle hineinträumt und als Don Quijote die Ebenen von La Mancha unsicher macht. In seiner Vorstellung wird aus einer Windmühle ein gefährlicher Riese, aus einer Spelunke eine Burg und aus einer Küchenmagd ein Edelfräulein. Nicht immer stößt er dabei auf Verständnis seiner Umwelt, aber seine Sichtweise ist ansteckend und am Ende träumen alle den unmöglichen Traum.

Miguel de Cervantes saß selbst mindestens dreimal im Gefängnis und auch er hat als Steuereintreiber gearbeitet, insofern dürfte in der Rahmenhandlung ziemlich viel Biographisches stecken. Außerdem war er auch noch Soldat und Pirat und ein eher erfolgloser Schriftsteller, der erste Teil von Don Quijote war zwar ein Kassenschlager, kassiert hat aber nur der Verleger. Selbst seinen Todestag muss er sich mit William Shakespeare teilen, sein Roman wirkt indes noch lange nach und hat Werke von Purcell, Telemann, Richard Strauss und verschiedene Zarzuelas beeinflusst. 1965 entstand das Musical von Dale Wasserman, der auch Einer flog über das Kuckucksnest für das Theater adaptierte. Ursprünglich sollte W. H. Auden die Liedtexte schreiben, aber er war zu sozialkritisch, deshalb wurde Joe Darion damit beauftragt. Es war ein riesiger Erfolg am Broadway und zählt noch heute zu den am längsten gespielten Stücken.

DER MANN VON LA MANCHA Premiere hatte das Musical in einem Theater, das eigentlich abgerissen werden sollte und dementsprechend schon teilweise demontiert war. So hatte das Theater keinen Vorhang mehr und genau das empfindet die Bühne von Thomas Stingl nach. Ein Podest zwischen zwei Tribünen stellt die Spielfläche dar und stellt die Mitwirkenden vor besondere Herausforderungen. Bis auf die Gefängniswärter sind ausnahmslos alle ständig – man spielt ziemlich genau zwei Stunden ohne Pause – auf oder neben der Bühne. Da kann man sich nicht mal eben die Nase putzen oder schnell einen Müsliriegel essen. Jeder steht ständig unter Beobachtung und es ist sehr schwierig, beim ersten Mal wirklich alle Aspekte zu erfassen.  Regisseur Josef E. Köpplinger, der nach eigenem Bekunden als Kind Angst vor dem Stück hatte, versteht sich auf die Personenregie und schafft mit einfachen Mitteln Illusionen und setzt damit die Essenz des Romanes perfekt um. Das Konzept der zu zwei Seiten offenen Bühne ist sehr gut umgesetzt, natürlich wird einem schon mal der Rücken zugedreht aber generell merkt man doch die Bemühung, beide Tribünen gleichermaßen einzubeziehen. Die Vergewaltigungsszene war mir persönlich etwas zu explizit umgesetzt und insgesamt ist mir das Stück zu textlastig, auch wenn es natürlich so geschaffen wurde. Die Kostüme geben in der Rahmenhandlung eine Jetztzeit vor – aus dem Gefängnis wurde ein Auffanglager -, für die Zeit des Theaterstückes konnte ich aber keine Renaissancekostüme entdecken, das war eher so irgendwie historisch. Das tut aber der Aussage dieses Stückes keinen Abbruch, der philosophische Hintergrund wird trotzdem deutlich.

DER MANN VON LA MANCHA Die Sänger waren allesamt gut, für mich herausragend war Carin Filipčić, die ein unglaublich berührendes Portrait der Hure Aldonza zeichnete und auch stimmlich für mich die beste des Abends war. Peter Lesiak als Diener bzw Sancho und Erwin Windegger als Cervantes/Don Quijote ergänzten sich prächtig. Alle Rollen waren gut bis sehr gut mit teilweise bekannten Gesichtern wie zum Beispiel Maurice Klemm (Weißes Rössl/Anything goes) besetzt. Das Orchester des Staatstheaters am Gätnerplatz bewies mal wieder seine Vielseitigkeit und ließ unter Andreas Kowalewitz die zum größten Teil spanisch angehauchten Rhythmen strömen.

Weitere Vorstellungen bis 19. Oktober, Karten von 17€ biss 55€ an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Musikalische Leitung Andreas Kowalewitz, Regie und Licht Josef E. Köpplinger, Co-Regie Nicole Claudia Weber, Choreografie Hannes Muik, Bühne Thomas Stingl, Kostüme Bettina Breitenecker, Dramaturgie David Treffinger, Cervantes / Don Quijote Erwin Windegger, Diener / Sancho Peter Lesiak, Aldonza / Dulcinea Carin Filipčić, Gouverneur / Gastwirt Martin Hausberg, Padre Jesper Tydén, Herzog / Dr. Carrasco Frank Berg, Antonia Katja Reichert, Barbier / Juan, Maultiertreiber / Maure Maurice Klemm, Jose, Maultiertreiber / Maure Hannes Muik, Anselmo, Maultiertreiber / Maure Christoph Graf, Tenorio, Maultiertreiber / Maure Peter Neustifter, Paco, Maultiertreiber / Maure Alexander Moitzi, Pedro, Maultiertreiber / Maure Florian Peters, Haushälterin Snejinka Avramova, Maria, Frau des Gastwirts Marika Lichter, Fermina, Dienstmädchen Frances Lucey, Maurin Kenia Bernal Gonzàles, Hauptmann Peter Windhofer, Pferd / Maultiertreiber / Maure Pál Szepesi, Esel / Maultiertreiber / Maure Nicola Gravante, Gefängniswärter u.a. Statisterie, Orchester, Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Premiere Anything Goes, 28.02.2013, Gärtnerplatztheater (im Deutschen Theater) – Nachtkritik

»Anything Goes« Mit der zweiten Musicalpremiere innerhalb einer Woche setzt das Team des Gärtnerplatztheaters neue Maßstäbe in der Unterhaltungsmusiktheaterlandschaft in München. Obwohl beide Stücke in der gleichen Zeit spielen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Während in Cabaret eher eine düstere Grundstimmung vorherrscht, regiert hier die Fröhlichkeit und die Lebenslust. Natürlich ist Anything Goes kein Stück mit Tiefgang, aber darf Musiktheater auch nicht einfach nur unterhalten? Natürlich darf es das, vor allem, wenn die Unterhaltung so gut gemacht ist wie an diesem Abend.

Ausgangspunkt für die Entstehung des Musicals war der Produzent Vinton Freedly, dem die Idee dazu auf einem Schiff kam, mit dem er sich vor seinen Gläubigern aus dem Staub machte. Er beauftragte Guy Bolton und P.G. Wodehouse damit, das Buch dazu zu schreiben, letzterer vor allem bekannt durch seine köstlichen Romane, unter anderem die Jeeves & Wooster-Serie, genial verfilmt mit Stephen Fry und Hugh Laurie. Die Story beinhaltete eine Bombendrohung und einen Schiffbruch und muss ziemlich chaotisch gewesen sein. Als wenige Wochen vor der Premiere vor der Küste New Jerseys ein Feuer auf einem Luxusliner 138 Menschen das Leben kostete, musste die Geschichte schnellstmöglich umgeschrieben werden. Da die originalen Autoren gerade nicht verfügbar waren, stammt das Libretto, so wie wir es heute kennen, von Howard Lindsay und Russell Crouse, die hier erstmals zusammenarbeiteten. Die Musik stammt von Cole Porter, der nach Roger Hammerstein und George Gershwin eigentlich nur die dritte Wahl war, und so ist es nur natürlich, dass sie sofort ins Ohr geht und sich da festsetzt. Praktisch jeden Song hat man schon mal in der ein oder anderen Version gehört, der Wiedererkennungseffekt ist beträchtlich und das Publikum ist von der ersten Minute voll dabei.

Das Gärtnerplatztheater hat sich entschieden, nur die Dialoge auf Deutsch zu bringen und die Songs im Original zu belassen. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn man die Dialoge immer gut verstehen könnte, was insbesondere am Anfang ein bisschen schwierig ist. Überhaupt kommt das Stück erst langsam auf Touren und zu Beginn ist man etwas überwältigt von dem schieren Überangebot an visuellen Reizen. Sieht man einer kleinen Detailhandlung rechts zu, verpasst man links was. Sehr geschickt, so muss man sich das Stück mehrfach ansehen. Es lohnt sich aber wirklich, denn es ist wirklich alles perfekt erarbeitet, die Choreografien sitzen, die Bewegungen erfolgen exakt im Takt der Musik, man wird absolut mitgerissen von der prallen Lebensfreude.

Um was geht’s, wenn alles geht? Billy Crocker ist ein kleiner Wallstreetbroker, der sich in ein Mädchen verliebt. Als er seinen Boss Elisha Whitney zum Schiff bringt, das in Kürze nach England ablegen soll, sieht er das bezaubernde Wesen wieder. Er erfährt, dass sie Hope Harcourt heißt und mitsamt ihrer überdrehten Mutter und dem stinkreichenVerlobten Lord Evelyn Oakleigh, der die Familienfinanzen sanieren soll, in die neue Heimat fährt. Mit von der Partie ist auch noch seine Bekannte Reno Sweeney, eine Nachtclubsängerin, die zur Predigerin mutiert ist, sowie der Staatsfeind Nummer 13, der so gerne die Nummer 1 wäre und dessen Freundin Erma. Billy schleicht sich an Bord, um die Heirat zu verhindern und Hope für sich zu erobern. Um an sein Ziel zu kommen, muss er in die verschiedensten Rollen schlüpfen. Für die Uraufführung 1934 war diese Rolle dem Komiker William Gaxton auf den Leib geschrieben, der berühmt für seine Verwandlungskünste war. Es kommt zu den absurdesten Situationen, befeuert durch viel Wortwitz und exzellente Darsteller auf der Bühne. Und weil nicht nur der Titel, sondern auch das Motto Anything goes heißt, werden die Paare bis zum Ende schön durcheinandergewürfelt.

»Anything Goes« Obwohl das Stück als Screwballcomedy daher kommt, schwingen auch sozialkritische Untertöne mit. Geschrieben kurz nach dem Ende der Prohibition und unter dem Eindruck der gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise, sind die Gangsterverherrlichung und Bußprediger ein Thema, ist das Schiff mit Trinkern, Spielern und Betrügern bevölkert. So kann man schon darüber nachdenken, wenn Billy feststellt, dass er als kleiner Börsenmakler in das Gefängnis geworfen werden würde und man ihm als Gangster Nummer 1 den roten Teppich ausrollt. Auch wenn man darüber lacht, dass der Mann von Mutter Harcourt wie ein Gentleman gefallen ist nach dem Sprung aus dem Fenster, weil man beim Börsencrash alles verloren hat, ist das doch eine tragische Geschichte. Das Musical hat sich mit den Jahren beständig verändert, es wurden Songs umgestellt und Cole-Porter-Schlager aus anderen Stücken eingebaut. Auch Regisseur Josef E. Köpplinger hat eine Szene hinzugefügt und einige aktuelle Bezüge aufgenommen, die sehr gut ankamen beim Publikum. Zu lachen gibt es viel an diesem Abend, Köpplinger setzt auf Tempo und exakt getimte Abläufe. Rainer Sinell, der auch für die zeitlich passenden Kostüme verantwortlich ist, nutzt eine Drehscheibe, um das Vorderdeck des zweistöckigen Schiffes in intime Kabinen zu verwandeln. Das Schiff nimmt im ersten Teil langsam an Fahrt auf und ist dann kaum mehr zu stoppen. Ähnlich wie in Cabaret gibt es auch hier leicht bekleidete Menschen, aber anders als in der Reithalle wirkt es hier nicht ordinär, sondern lustig. Das Ende kommt etwas abrupt, aber nach einem so temporeichen Abend verzeiht man das gerne.

Viel zu dem schwungvollen, temporeichen Abend trägt auch die Choreografie von Ricarda Regina Ludigkeit bei. Sie lässt das Ensemble sich die Seele aus dem Hals steppen und es gleichzeitig so leicht aussehen, dass es auch noch Spaß machen könnte. Sie gibt den Akteuren eine tolle Körpersprache von lasziv bis Czardas. Bei diesem Musical ist wirklich alles gefragt, die Akteure müssen singen, steppen und darstellen können. Fällt nur eines unter den Tisch, geht ein Teil des Zaubers verloren. Ganz hinreißend waren auch die Projektionen von Raphael Kurig und Thomas Mahnecke. Sie beschwörten zahlreiche Stimmungen herauf und schafften es, ein Schiff, dass sich nicht vom Fleck bewegt, mal in New York, mal auf hoher See zu zeigen.

Die Rollen sind mit ziemlicher Sicherheit für diese Münchner Erstaufführung 79 Jahre nach der Uraufführung am Broadway optimal besetzt. Anna Montanaro gibt der Reno Drive, aber auch besinnliche Momente. Sigrid Hauser ist eine herrlich überdrehte und dabei immer absolut süße Erma. Die Figur könnte einem auf die Nerven gehen, aber in der Interpretation von Sigrid Hauser möchte man sie eher mal fest in den Arm nehmen. Milica Jovanovic singt und spielt die Hope Harcourt mit sehr viel mädchenhaften Charme, kein Wunder, dass Billy ihr zu Füßen liegt. Es ist wirklich sehr schön, sie mal wieder auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters erleben zu dürfen. Dagmar Hellberg als ihre Mutter konnte mich anfangs nicht überzeugen, aber bei Birds do it, bees do it drehte sie dermaßen auf, dass es eine reine Freude war. Komplettiert wurde die sehr gute Frauenriege durch die tanzfreudigen Angels und Ulrike Dostal als Frieda, die hervorragende Akzente setzte.

»Anything Goes« Bei den Männern ist natürlich Billy Crocker der unbestrittene Chef im Ring. Daniel Prohaska spielt alle Facetten der Rolle aus und singt und tanzt dabei noch wie ein junger Gott. Naja, fast. Die Auftritte von Hannes Muik als Lord Evelyn Oakleigh zählten für mich zu den Highlights des Abends. Er strahlte bis in den kleinen Zeh Aristokratie aus und hat doch Paprika im Blut. Erwin Windegger als Elisha Whitney ist lustig und tiefgehend zugleich, und Boris Pfeifer als Moonface Martin verkörpert den etwas schmierigen Gangster perfekt. Besonders beeindruckend ist die Stimme von Previn Moore, der den Kapitän auf diesem Tollhaus namens M.S. Amerika mimt und Night and Day wirklich ganz wundervoll interpretiert. Frank Berg als Steward und neben anderen die drei Matrosen Maurice Klemm, Stefan Bischoff und Christian Schleinzer sowie eine engagierte Statisterie komplettieren das praktisch perfekte Ensemble. Der Hund Chuseok erwies sich als nervenstark und zeigte sich unbeeindruckt von seiner Rolle als Benjamin Franklin. Das kleine Orchester mit großer Rhythmusgruppe unter Michael Brandstätter kreierte den perfekten Bigbandsound passend zum Stück, und der hauseigene Chor zeigte sich zum wiederholten Male bewegungsfreudig und sehr gut einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen.

Am Ende wurden die Beteiligten frenetisch mit Standing Ovations gefeiert, damit waren sicher auch die vielen unsichtbaren Helfer gemeint, die Werkstätten, die diese schier unglaubliche Anstrengung zweier Premieren in einer Woche gemeistert haben, die Technik, die Kostümabteilung, die zwei Spielstätten gleichzeitig betreuen muss, die Maske, Souffleuse und Inspizient. Ein Stück zum Wiedersehen, ich bin mir sicher, auch beim dritten Besuch lassen sich noch weitere Details entdecken. Weitere Vorstellungen bis 22.03. jeweils Dienstag bis Sonntag, Karten von 25 – 60 € bei den bekannten Vorverkaufsstellen.

 

Musikalische Leitung Michael Brandstätter / Regie Josef E. Köpplinger / Choreografie Ricarda Regina Ludigkeit / Bühne und Kostüme Rainer Sinell / Dramaturgie Michael Otto / Reno Sweeney Anna Montanaro / Billy Crocker Daniel Prohaska / Elisha Whitney Erwin Windegger / Evangeline Harcourt Dagmar Hellberg / Hope Harcourt Milica Jovanović / Lord Evelyn Oakleigh Hannes Muik / Moonface Martin Boris Pfeifer / Erma Sigrid Hauser / Kapitän Previn Moore / Steward Frank Berg / 1. Matrose Alexander Moitzi / Reporter, 2. Matrose Christoph Graf /Reverend Henry Swiss Dobson, 3. Matrose Maurice Klemm / 4. Matrose Nicola Gravante / Chinese Luke, 5. Matrose Stefan Bischoff / Chinese John, 6. Matrose Christian Schleinzer / Reinhild Reinheit, Angel Susanne Seimel / Kirsten Keuschheit, Angel Katharina Lochmann / Niki Nächstenliebe, Angel Kenia Bernal Gonzàles / Trude Tugend, Angel Stéphanie Signer / Frieda, Whitneys Sekretärin Ulrike Dostal / Benjamin Franklin, Hund Chuseok

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Einführungsmatinee Anything Goes, 17.02.2013, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Probenfoto »Anything Goes« Unterhaltsam, sehr informativ und mit großem Aufwand – die Einführungsmatineen entwickeln sich zum echten Renner.

Diesmal ging es um die nächste Musicalpremiere, die Münchner Erstaufführung von Anything Goes. Was geht? Alles! Ist derzeit in München des Öfteren zu lesen. Nur eine Woche nach der Premiere des Musicals Cabaret in der Reithalle folgt schon der nächste Streich im Zelt des Deutschen Theaters in Fröttmaning. Michael Otto stellte in mittlerweile gewohnt souverän-charmanter Art das Stück vor und Regisseur Josef. E. Köpplinger – den Intendanten hatte er zu Hause gelassen – erläuterte nicht nur seine Sicht auf das Stück, sondern steuerte auch erheiternde Anekdoten von der Probenzeit in Klagenfurt bei, wo er 2001 das Stück zum ersten Mal inszeniert hat. Interessierte Besucher können ja mal nach der bleibenden Erinnerung am Stadttheater Klagenfurt suchen 😉

Die erste musikalische Einlage kam von Milica Jovanovic und Daniel Prohaska, sie zeigten wirklich ganz bezaubernd It’s delightful mit voller Choreografie und Teilen des Bühnenbildes. Das ist es, was den Reiz der Einführungen in dieser Spielzeit ausmacht: man bekommt nicht nur musikalische Kostproben, sondern tatsächlich schon szenische Eindrücke. Natürlich wäre so etwas in den beengten Platzverhältnissen des oberen Foyers im Stammhauses nicht möglich gewesen, aber trotzdem wird hier schon ein Aufwand getrieben, der einen Besuch unbedingt empfehlenswert macht. Wenn ich richtig gezählt habe, waren bei dieser Einführung allein 25 Personen auf der Bühne, von den “unsichtbaren” Mitarbeitern der Technik, Beleuchtung, Requisite, Möbler ganz zu schweigen. Der Zuschauer bekommt wirklich einen tiefen Einblick in die Produktion und die dazugehörige Probenarbeit, das hilft auch, die unglaubliche Anstrengung, die in einem Stück von der ersten Korrepetition bis zur Premiere stecken zu würdigen.

Anna Montanaro als Reno Sweeney riss das Publikum mit ihrer temperamentvollen Darbietung quasi von den Sitzen. Sowohl mit Boris Pfeifer als Moonface Martin wie auch mit Hannes Muik als Lord Evelyn Oakleigh als Partner rockt die sympathische Musicaldarstellerin, die es als dritte Deutsche nach Hildegard Knef und Ute Lemper an den Broadway geschafft hat, das Haus.Begleitet wurden die Solisten von Anke Schwabe.  Ein weiterer Höhepunkt dieses Vormittags war die ziemlich umfangreiche Einführung in die Kunst des Steptanzes durch die Choreografin Ricarda Regina Ludigkeit. Wirklich sehr beeindruckend, und in den musikalischen Teilen dieser Matinee konnte man schon einen guten Eindruck ihrer schönen Choreografie gewinnen. Michael Brandstätter als musikalischer Leiter ging  auf die Besonderheiten des Stückes ein. So gehen die Songs von Cole Porter vom Wort aus. Das und die vielen feinen Wortspiele hat wohl das Produktionsteam dazu bewogen, die Songs auf Englisch zu belassen und nur die Dialoge aus Deutsch zu bringen. Ob es eine Übertitelung gibt, blieb offen. Am Ende ging Regisseur Josef E. Köpplinger noch auf die tierische Hauptrolle, die erst ein paar Tage zuvor vergeben worden war, ein. Damit hat er einen PR-Coup gelandet, selbst überregionale Zeitungen wie Die Welt berichteten darüber. Vier kleine Hunde werden dann in den Vorstellungen alternierend als “Benjamin Franklin” über die Bühne getragen. Sie steigen erst ab den Proben im Zelt des Deutschen Theaters ein, damit sie sich nicht an verschiedenen Spielorte gewöhnen müssen.

Diese Matinee war wirklich außerordentlich gut dazu geeignet, Lust auf die Premiere am 28.02. im Zelt des Deutschen Theaters in Fröttmaning zu machen. Weiter Vorstellungen bis 22.03. jeweils Dienstag bis Sonntag, Karten von 25 – 60 € bei den bekannten Vorverkaufsstellen.

 

 

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