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Das Land des Lächelns – Lehár Festival Bad Ischl

Thomas Blondelle und Alexandra Reinprecht © www.fotohofer.at

Thomas Blondelle und Alexandra Reinprecht
© www.fotohofer.at

Die gar nicht lustige Witwe

Schon 1905 brachte Franz Lehár eine selbstbewusste, junge Frau auf die Bühne: Hanna Glawari, die als lustige Witwe ihren Danilo aus dem Maxim in den Ehestand holte. Die Lisa in Land des Lächelns musste sich nicht so große Mühe geben, um ihrer Liebe zu folgen, denn am Ende des ersten Aktes reiste sie mit ihrem Prinzen Sou-Chong ab nach China. Aber die noch stärker auf Außenwirkung und Tradition setzende Gesellschaft lässt eine nur auf Liebe basierende Verbindung zweier Menschen nicht zu. So bleibt Lisa am Ende nur die Rückkehr nach Wien, die als Entführung aus der verbotenen Stadt beginnt – allein ohne ihren Prinzen, der nur in der Güte, die Europäer ziehen zu lassen, einem Bassa Selim gleicht. Das klingt eher nach einer Puccini-Oper in Erinnerung an Mozart, und Lehárs Musik ähnelte auch manchmal der seines italienischen Freundes. Aber wie macht man dann daraus eine Operette? Man schreibt noch Buffo-Rollen dazu und ergänzt dafür eine passende Musik. Und schon ist die Operette fertig.

Chor des Lehár Festivals Bad Ischl © www.fotohofer.at

Chor des Lehár Festivals Bad Ischl © www.fotohofer.at

Die Wiener Kostüme erinnern an das untergehende K. u. K. Die Chinesen sind so gekleidet, wie man sich das kaiserliche China vorstellt, wobei die laut Text bei der Ministerernennung nicht anwesenden Damen eher klassische, kurze, rote Kleider tragen. Das Bühnenbild stellt einen alten Stadtplan Wiens dar, der in den China-Akten teilweise von hinten mit Lampions beschienen und durch hohe Paravents ergänzt wird. Die Ausstattung stammt von Toto.

Jetzt zur Inszenierung. Diese ist ganz auf die Personenführung eingestellt, wobei man die Geschichte ganz klassisch erzählt. Jedoch schaffen es fast alle Darstellerinnen und Darsteller mich von ihrer persönlichen Geschichte zu überzeugen und mich zum Nachdenken zu bringen. So entfaltet sich für mich ein zweiter Blick. Lisa, unsere junge Witwe, zeigt Modernität. Sie steht für den gesellschaftlichen Wandel. Dieser fällt aber nicht auf fruchtbaren Boden. Sogar die Frauen, denen viele Rechte vorenthalten werden, kritisieren sie. Prinz Sou-Chong, der in Wien noch für alles Neue offen ist, wird Ministerpräsident. Er hat also politische Macht. Er lässt sich aber nicht auf Neues ein. Unter dem Druck eines angeblichen Volkswillen, das nur lautstark durch seinen Onkel führt er die alten Zustände weiter, obwohl er selbst spürt und auch bei seiner Schwester sieht, wie menschenverachtend diese Politik ist. Da stellt sich die Frage, müsste nicht ein Politiker gescheiter sein und nicht besonders laut verkündeten Parolen hinterher laufen? Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Besucht wurde die Vorstellung am 4. August 2018

BESETZUNG

Musikalische Leitung: Daniela Musca

Inszenierung: Wolfgang Dosch

Ausstattung: Toto

Lisa, Tochter des Grafen Ferdinand Lichtenfels: Alexandra Reinprecht
Prinz Sou-Chong: Thomas Blondelle
Mi, dessen Schwester: Verena Barth-Jurca
Graf Gustav von Pottenstein (Gustl): Peter Kratochvil

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Die Blume von Hawaii – Lehár-Festival Bad Ischl

Da steppt die Südsee

Sieglinde Feldhofer und Chor des Lehár Festivals Bad Ischl © www.fotohofer.at

Sieglinde Feldhofer und Chor des Lehár Festivals Bad Ischl
© www.fotohofer.at

Die Operetten von Paul Abraham erleben eine Renaissance. Das ist insbesondere Henning Hagedorn und Matthias Grimminger zu verdanken, die auf Basis der Originalpartituren eine bühnentechnische Einrichtung erarbeiten, die uns heute einen Eindruck verschafft, wie die damals moderne, jazzige Musik klang, bevor nach völkischen Klängen der Nazizeit und der – für die Operette – ebenso schlechten Zeit der Heile-Welt-Weichspülung die freche, moderne Version dieses musikalischen Unterhaltungstheater verschwand. Die Musik hat diese Wiederentdeckung verdient. Das Aber was macht man mit der oft hanebüchenen Handlung? Da braucht es neue Ideen. Und die hatte der neue Intendant des Lehár-Festivals Thomas Enzinger. Er baute die frei erfundene Geschichte der letzten Königin von Hawaii in eine sehr nachdenklich machende Rahmenhandlung ein. Paul Abraham selbst, gespielt von Mark Weigel, ersteht wieder auf. Von der Syphilis verwirrt berichtet er aus seinem Leben und wie er damals, als er gefeierter Star in Deutschland war, die Operette schrieb. Sein Arzt (Gaines Hall) und auch er selbst werden zu Figuren in dieser Südsee-Operette. Es beginnt zum einem ein Heidenspaß mit viel Komik, platten, hier aber wunderbar passenden Witzen, zum anderen zwei sehr bewegende Geschichten, die für Hawaii einsetzende Kolonialzeit und die Flucht des gefeierten Komponisten und sein Absturz. Wie sagt er hier: Er hätte nie gedacht, dass man der Operette den Krieg erklärt. Besonders bewegt hat mich seine Schilderung, wie er, als um sein Leben zu retten, Geflüchteter auf eine seine Leistungen nicht anerkennende, fremde Welt trifft. Da kann man nur hoffen, dass diese Botschaft beim Publikum ankommt. Leider bezweifle ich das bei einigen, denn als er von seinen Fehlfunktionen des Gehirns aufgrund seiner Syphilis berichtete, kommentierten dies doch recht viele Zuschauerinnen und Zuschauer mit Gelächter. Es sind wohl zu viele aus der Zeit, als die Operette den Krieg verloren hatte, im Saal. Ischl braucht hier dringend Nachwuchs, der sich auf die politische, erotische und freche Operette einlässt. Und es lohnt sich, was hier zu sehen ist.

René Rumpold, Ramesh Nair und Chor des Lehár Festivals Bad Ischl © www.fotohofer.at

René Rumpold, Ramesh Nair und Chor des Lehár Festivals Bad Ischl
© www.fotohofer.at

Jetzt aber zum richtig vergnüglichen Teil der Inszenierung. Tragendes Element war der Tanz. Das ganze Ensemble wirbelte und steppte wie im Broadway-Musical, wie man es zum Beispiel von Cole Porter kennt. Choreografiert hat dieses Ramesh Nair, der selbst als Botschaftssekretär sein komisches Talent unter Beweis stellte. Mit immer neuen, aber oft wirkungsfreien Ideen, die Liebe zur Gouverneursnichte Bessi zu gewinnen, stand ihm die geschäftstüchtige, witzige Hawaiianerin Raka (Susanna Hirschler) zur Seite. Hauptperson war aber Prinzessin Laya, hinreißend gespielt von Sieglinde Feldhofer, die sich zwischen dem Elvis-Prinzen Lili-Taro (Clemens Kerschbaumer), der für sie und die Freiheit Hawaiis den Tod vorziehend am Ende des zweiten Akts in den „ewigen Frühling“ aufs offene Meer hinaus fuhr, und dem seine vaterländischen Pflichten aus Liebe vergessenden Kapitän Stone (René Rumpold) entscheiden musste. Im dritten Akt hat Stone, der Lilo-Taro aus dem Pazifik gerettet hat, ganz viel Glück beim Spiel in Monte Carlo, wofür natürlich Layas späte Entscheidung für ihr Lilo-Taro Ursache ist. Zum Glück von Stone ist die Rolle von Frau Feldhofer eine Doppelrolle, und Stone bekommt die Doppelgängerin, den Bühnenstar Suzanne Provence, als Braut. Aber auch ein viertes Paar findet sich, die selbstbewusste Raka bekommt mit den Jazzsänger Jim Boy (Gaines Hall), dessen Rolle die Regie bestimmt vor eine schwere Aufgabe gestellt hat. Statt hier ein rassistisches Blackfacing zu zeigen, wurde dieses in die Handlung einbezogen und nur durch ein paar Schwarze Fingerstreifen angedeutet, wie auch der Song, in dem sich Jim selbst als Nigger bezeichnet, durch den Verweis auf Abrahams eigene Verfolgung als Jude in einen kritischen Zusammenhang gestellt wurde.

Entsprechend der Rahmenhandlung waren auch die Kostüme der Spielhandlung im 50er Jahre-Style, dabei aber Hawaii-bunt. Toto, der sowohl Kostüme wie auch das Bühnenbild verantwortete, reduzierte letzteres auf ein paar glitzernde oder blumige Deko-Elemente, was genügend Platz auf der kleinen Bühne, die den Orchestergraben umschloss, für das eigentliche Spiel gab.

Die Vorstellung endete damit, dass Paul Abraham wieder in die Realität von 1950 in der New Yorker Nervenheilanstalt zurück geholt wurde, um ihn für den Flug nach Deutschland vorzubereiten, was mit projizierten Fotos seinen Abschluss fand.

Ein ganz großes Lob für dieses hervorragende Inszenierung. So wird Operette wieder lebendig.

Besucht wurde die Vorstellung am 5. August 2018

Besetzung
Musikalische Leitung: Marius Burkert
Inszenierung: Thomas Enzinger
Ausstattung: Toto
Choreografie: Ramesh Nair
Licht: Sabine Wiesenbauer
Dirigent & Chorleitung: Gerald Krammer

In den Rollen:
John Buffy, Sekretär des Gouverneurs: Ramesh Nair
Raka, eine junge Hawaiierin: Susanna Hirschler
Prinzessin Laya (und Suzanne Provence): Sieglinde Feldhofer
Prinz Lilo-Taro: Clemens Kerschbaumer
Reginald Harold Stone, Kapitän der amer. Marine: René Rumpold
Jim Boy, ein amerikanischer Jazzsänger: Gaines Hall
Bessi Worthington, Nichte des Gouverneurs: Nina Weiß
Paul Abraham (und Lloyd Harrison, amer. Gouverneur): Mark Weigel

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Die stillen Nächte des Ludwig Rainer, 07.07.2018, SteudlTenn Uderns

Traditionen sind wichtig. Das ist nicht nur meinen Kollegen vom Feldmochinger Volkstheater und mir bewusst, sondern hat auch allgemein in der Kulturlandschaft mehr Aufmerksamkeit verdient, als es aktuell der Fall ist. Zu einer persönlichen Tradition ist es für uns inzwischen quasi geworden, dass wir bei unseren Kurzurlauben im Zillertal auch einen Abend der regionalen Theaterkultur widmen. Bei unserem letzten Ausflug gibt es zu den Theatertagen in Stumm, dieses mal verschlug es uns zum Kulturfestival SteudlTenn in Uderns.
Ist das Zillertal im Winter vor allem für Skitourismus bekannt, so hat es in den warmen Monaten tatsächlich eine großartige Vielfalt an Amateur- und Profitheater zu bieten. Auf die Empfehlung eines befreundeten Schauspielers hin fuhren wir am vergangenen Wochenende also hinunter ins Tal, um das musikalsiche Theaterstück Die stillen Nächte des Ludwig Rainer von Hakon Hirzenberger anzusehen. Der Name Ludwig Rainer sagte uns Bayern nichts, in Tirol scheint der Volkssänger jedoch auch heute noch berühmt und beliebt zu sein. Die Rainer-Sänger brachten im 19. Jahrhundert das Liedgut der Region in die ganze Welt, unter anderem machten sie das berühmte Weihnachtslied Stille Nacht (das in diesem Jahr sein 200-jähriges Jubiläum feiert) auch in Amerika bekannt. Das Stück des Festival-Organisators Hirzenberger hat eben Rainer selbst im Zentrum und erzählt seine Lebensgeschichte mit schlichten Mitteln aber dafür mit viel wundervoller Musik.

Foto: Christian Wind

Vier Darsteller und ein kleiner Chor sind fast permanent auf der Bühne, spielen Szenen aus der Biografie des Sängers, kommentiere diese Ereignisse jedoch im nächsten Moment oder zeigen eine alternative Version. Das sorgt immer wieder für viel Humor, der sich auch durch den Theaterabend zieht. Trotzdem spiegelt das Werk doch auch wider, wie schwer es in diesen Zeiten gerade in abgelegeneren Regionen für die Menschen war, sich irgendwie über Wasser halten zu können. Die ersten Rainer-Sänger schlossen sich aus dem Titelhelden, seiner Nichte Helene, Rainers späterer Frau Margarethe Sprenger und Simon Hollaus zusammen und traten anfangs vor allem in Europa auf. Nach den großartigen Versprechungen eines französischen Geschäftsmanns zogen die Sänger arglos in die USA, wo der Erfolg zunächst ausbleibt. Erst durch das bereits bekannte Weihnachtslied kam ein erster finanzieller Erfolg, trotzdem müssen sie nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren. Zwar wird ihr Erfolg mit der traditionellen Musik ihrer Heimat weltweit immer größer, doch verraten sie mit Kitsch-Trachten und viel Show auch immer weiter ihre Kultur.
Das Konzept mag vielleicht nach viel österreichischem Heimat-Kitsch klingen, doch so sehr Ludwig Rainer allgemein geschätzt wird, so wird in diesem Stück auch deutlich gezeigt, dass er wohl ein sehr getriebener und schwieriger Mensch war. Er kann sich nie für einen Lebensweg entscheiden, schiebt die Schuld für Misserfolge gerne auf seine Kollegen, hat Probleme mit emotionalen Bindungen und zeigt allgemein eine cholerische Ader. Roland Jaeger spielt diesen launischen Patriarchen sehr emotional und vielschichtig und schafft es so, das Publikum von der ersten Minute an zu packen, obwohl man dem Charakter manchmal gerne eine Ohrfeige verpassen würde. Große Wandlungsfähigkeit zeigen die beiden Damen Juliana Haider und Caroline M. Hochfelner, die die verschiedenen Ehefrauen und Reisegefährtinnen Rainers darstellern. Hochfelner wandelt sich im Laufe des Stücks von der schüchternen Nichte Helene zur aufgekratzten Wirtstochter Anna. Haider spielt mit Margarethe Sprenger eigentlich einen etwas traurigen Charakter, schließlich wurde sie dem Stück zufolge nur von Rainer geheiratet, weil er enttäuscht über das Auflösen seiner Gruppe war. Obwohl sie die Geschichte ihrer Charaktere eher locker und beiläufig erzählt schwingt doch manchmal sehr viel Melancholie in allem mit. Der vierte im Bunde ist Andreas Haun – der dem Münchner Publikum unter anderem vom Blutenburgtheater bekannt sein könnte – als Simon Hollaus. Dieser scheint wie der ewige Kontrahent Rainers, widerspricht ihm gerne und macht im Laufe des Stücks sogar seine eigene Gesangsgruppe auf. Dieser Konflikt zwischen den beiden Herren wird zwar nicht in Aggressionen gezeigt, wird jedoch in Kleinigkeiten wie Mimik oder dem Verlassen der Hauptbühne sehr deutlich.

Foto: Christian Wind

Die vier Darsteller zeigen durchweg eine großartige darstellerische und gesangliche Leistung. Unterstützt von einem kleinen Chor und ein paar Instrumenten wird neben aller Historie vor allem die Tiroler Musik und Tradition zur Hauptfigur dieses Abends. Manche älteren Herrschaften im Publikum sangen die alten Lieder gerührt mit und auch, wenn ich bis auf eines kein einziges dieser Werke kannte, so berühren den Zuschauer die Texte und Melodien sehr. Das Bühnenbild ist sehr schlicht gehalten. An der Stallwand gibt es ab und zu Projektionen von Landschaften oder Gebäuden um die verschiedenen Reisestationen der Sänger zu zeigen, auf einer kleinen Erhöhung stehen ein paar Kisten und Bänke, auf dem sich der Chor und am Anfang auch drei der Schauspieler niederlassen, bevor sie nach und nach als Figuren in das Stück einsteigen.
Und auch uns „Fremden“ zeigt sich in der Musik wie im Stück, dass die Zillertaler Kultur scheinbar das Melancholische mit großer Lebensfreude perfekt vereinen kann. Ich und meine Begleiter waren jedenfalls hellauf begeistert von diesem Theaterabend und hoffen sehr, dass diese Produktion auch im nächsten Jahr wieder aufgenommen wird. Wir können nämlich auch außerhalb der Skisaison ein Wochenende im Zillertal mit ein wenig Kultur am Abend durchaus empfehlen.

DIE STILLEN NÄCHTE DES LUDWIG RAINER VON HAKON HIRZENBERGER / DI 3. JULI / MI 4. JULI / SA 7. JULI / SO 8. JULI

Autor/Regie: Hakon Hirzenberger
Bühne: Gerhard Kainzner
Kostüm: Andrea Bernd
Videoinstallation: Bernd Kranebitter
Licht: Sabine Wiesenbauer
Regieassistenz: Nadja Prader
Musikalische Leitung: Gerhard Anker
Chor: Anna Geisler, Sabine Lechner, Monika Lechner, Monika Pfister, Gerhard Anker, Martin Waldner und Sebastian Egger
Mit: Roland Jaeger, Juliana Haider, Caroline M. Hochfelner, Andreas Haun und Johannes Rhomberg

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Musik und Menschlichkeit – Die Deutsche Orchestervereinigung setzt ein Zeichen

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens vlnr ©Maren Strelau

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Halle an der Saale, 24. April: Die rund 300 Gäste in der Georg-Friedrich-Händel-Halle, fast alles Berufsmusiker, erheben sich geschlossen und applaudieren begeistert dem Kollegen auf der Bühne. Dort steht Albert Ginthör vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Doch nicht einer musikalischen Darbietung gelten die Ovationen sondern dem beispielhaften Mut und der Hartnäckigkeit, mit der der Geiger seinem afghanischen Musikerkollegen Ahmad Shakib Pouya das Leben gerettet hat.

Eine Geschichte wie ein Opernlibretto: Seit 2010 lebt Pouya, der in seiner Heimat wegen seiner pro-westlichen Einstellung von den Taliban mit dem Tod bedroht wird, in Deutschland, integriert sich vorbildlich und wirkt als Hauptdarsteller des Gomatz in “Zaide. Eine Flucht” (ein Opernprojekt auf Basis der unvollendeten Mozartoper Zaide) mit. Doch die deutschen Behörden wollen ihn in seine angeblich sichere Heimat abschieben. Da eine Abschiebung eine Wiedereinreisesperre nach Deutschland nach sich ziehen würde, entschließt sich Pouya, “freiwillig” nach Afghanistan zurückzukehren.

Albert Ginthör, der über das Opernprojekt mit Pouya in Kontakt kommt, erkennt, wie gefährlich diese Reise ist. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung des Kollegen zu verhindern. Doch alle Petitionen, auch an hochrangige Politiker, bleiben erfolglos. So entschließt sich Ginthör ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, Pouya nach Kabul zu begleiten. “Wenn die Behörden meinen, Afghanistan sei ein sicheres Land, dann sollen sie sich mal um meine Sicherheit kümmern” meint er beherzt und setzt sich als einziger Europäer (von den Abschiebebeamten einmal abgesehen) in den Flieger.

In Kabul angekommen erwarten ihn und Pouya Maschinengewehre und ständige Angst und Unsicherheit. Sie wechseln ständig ihren Aufenthaltsort, Kontakte mit Freunden und Familie von Pouya sind schwierig, um diese nicht zu gefährden. Eine Art Leben im Untergrund. Gleichzeitig versucht Ginthör, Pouya einen Termin in der Deutschen Botschaft zu verschaffen, um ihm die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen.

Dank der Intervention der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und eines neuen Rollenangebotes der Münchner Schauburg für das Fassbinder-Stück “Angst essen Seele auf” gelingt es schließlich, Pouya mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland wieder einreisen zu lassen.

Happy End also und gleichzeitig die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.

Wie bei fast jeder Geschichte, bei jedem Theaterstück frage ich mich: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich irgendwann aufgegeben? Hätte ich auch mein Leben riskiert? Bei Opernstoffen ist diese Identifizierung immer ein Stück weit Phantasie, aber hier, bei dieser Geschichte, da ist es etwas anderes. Und ich glaube, genau das ist es, was uns Albert Ginthör gezeigt hat: Wer von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt ist, wer Gerechtigkeit und Menschlichkeit liebt, der lebt auch dafür und da stellt sich die Frage nach dem “Ob” gar nicht, da gibt es nur eine Antwort, die das Gewissen einem gibt: Gib nicht auf, tu alles, um dein Ziel zu erreichen.

Das haben wohl alle Gäste im Saal gespürt und Albert Ginthör applaudiert, als er ein wenig schüchtern (“wenn ich Ihnen auf meiner Geige etwas vorspielen dürfte, wäre das etwas anderes”) den undotierten Sonderpreis des Hermann Voss Kulturpreises 2018 entgegennimmt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Auch die Hauptpreisträgerin, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW hat mit Leidenschaft und persönlichem Einsatz etwas wertvolles erreicht, nämlich den Kulturhaushalt ihres Bundesland signifikant zu erhöhen. Das verdient gerade in einer Zeit, die von unsäglichen Neid-Debatten geprägt ist, großen Respekt. Ist es denn nicht so, dass Kultur zeigt, wie gut es um eine Gesellschaft bestellt ist, dass Kultur uns vereinfacht gesagt, erst zu “Menschen” macht?

Gerade für mich als Coach für Stressbewältigung war auch das restliche Programm des prall gefüllten Tages absolut spannend. In dem Forum, für das ich mich eingeschrieben hatte, ging es vorrangig um die “Arbeitsbedingungen für Musikvermittler(inne)n”. In der Diskussion mit einer der Referentinnen, der Psychiaterin Dr. Déirdre Makorn wurde aber schnell klar, dass nicht nur Musikvermittler (diese vor allem durch die wirtschaftliche Unsicherheit ihres Berufsfeldes) sondern auch alle Orchestermusiker einer erhöhten Stressbelastung ausgesetzt sind. Das hat viel mit Ängsten zu tun (zu versagen, Fehler zu machen etc.) als auch mit den Konflikten in einem Team, das aus lauter hoch spezialisierten Individualisten besteht. Leistungsdruck bei Vorspielen sind nur der Anfang, auch im späteren Orchesteralltag bewegen sich die Musiker(innen) stets auf einer Gratwanderung zwischen Perfektionismus, Leistungsanspruch und der Be- und oft Ab-Wertung von Kolleg(inn)en und – nicht zu vergessen! – auch von sich selbst. Ich denke, das ist den wenigsten von uns bewusst, wenn wir ins Theater oder Konzert gehen und beim Genuss der Musik uns bereichern lassen.

Dieser Tag hat mir viele Erkenntnisse geschenkt und ich bin sicher, dass ich mit noch mehr Hochachtung als ich sie bisher schon hatte, auf die Bühne und in den Orchestergraben schauen werde.

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Nachlese Edinburgh International Book Festival 2016

Auch dieses Jahr war ich im August wieder auf dem Edinburgh International Book Festival oder kurz EdBookFest. Wie auch in den Jahren zuvor wurden einige Events in voller Länge aufgezeichnet und Interviews im YouTube Channel des Festivals veröffentlicht. Es lohnt sich immer wieder, einen Blick hineinzuwerfen, da immer mal wieder neue Videos dazu kommen.

Viele Bilder findet man auch bei Flickr:

2016 Edinburgh International Book Festival

Für mich war es erneut ein Wahnsinns-Erlebnis. Entgegen meinem ursrünglichen Plan, nächstes Jahr mal was anderes zu machen, habe ich jetzt doch schon wieder gebucht 🙂

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Lesungen und Tango Criminale, 24.05.2014, Programmkino Casablanca und Tafelhalle Nürnberg

Petra Busch Der für mich letzte Tag der Criminale 2014 begann mit einer Lesung im Programmkino Casablanca, dem ältesten seiner Art in Nürnberg. Nachdem der vorherige Betreiber es aufgeben wollte, übernahm vor fünf Jahren ein Verein den Betrieb des Kinos. Mittlerweile verfügt man über drei Kinosäle, neue Bestuhlung und ab Herbst kann man sogar Filme in 3D zeigen.

Als erste las Petra Busch aus ihrem letzten Thriller Zeig mir den Tod. Mit klug ausgewählten Passagen und sehr ausdrucksstarker Stimme machte die Glauser-Preisträgerin (bestes Debüt 2011) Lust auf mehr. Im Anschluss las Petra Mattfeld, die bisher unter dem Pseudonym Caren Benedikt historische Romane veröffentlicht hat, aus ihrem ersten Kriminalroman Sekundentod. In diesem dramatischen Roman wird eine Autorin ermordet und zwar nach einer Mordmethode, die sie selbst in ihrem letzten, noch unveröffentlichten Buch beschrieben hat. Sehr gruselig. Den Abschluss bildete Nessa Altura, die erste Glauserpreisterägerin in der Sparte Kurzgeschichte, mit Jebrüder Behneken, die passenderweise in einem Kino in Berlin spielt.

Im Anschluss entspann sich eine rege Diskussion über die Art und Weise, wie die einzelnen Autorinnen an ihre Geschichten herangehen, die beste Art, sie anschliessend gedruckt zu bekommen und den Unterschied zwischen Romanen und Kurzgeschichten. Ein sehr informativer Nachmittag, der einen guten Einblick in das Leben und die unterschiedliche Arbeitsweise der drei Autorinnen gab.

Den Höhepunkt jeder Criminale bildet zweifelsohne der Tango Criminale mit der Verleihung des Hansjörg-Martin-Preises und des Freidrich-Glauser-Preises in verschiedenen Sparten. Die Moderation der Veranstaltung in der nicht optimalen Tafelhalle in Nürnberg lag in den bewährten Händen von Ralf Kramp. Er führte locker, schlagfertig und witzig durchs Programm und schoss den sicher weltgrößten Selfie. Er ist eine Bereicherung für jede Veranstaltung und so waren es sehr kurzweilige Stunden. Musikalisch umrahmt wurde der Abend und die darauf folgende Party von The Ballroomshakers. Warum sie so heißen, wurde spätestens nach dem ersten Lied klar: der Bass dröhnte, dass man die Resonanz deutlich spüren konnte. Die Sängerin hatte eine geile Röhre und auch die Saxofonistin war spitze. Eine gute Wahl der Veranstalter.

Der neugewählte zweite Bürgermeister der Stadt Nürnberg Christian Vogel hielt eine sehr launige Rede – gerade mal seine 14. im Amt. Befragt nach seiner letzten Straftat, bekannte er, vor 10 Minuten im Halteverbot geparkt zu haben. Na wenn das mal kein Knöllchen gab.

Die erste Preisverleihung des Abends war der Hansjörg-Martin-Preis für das beste Jugendbuch. Die Laudatio wurde durch die Kinderjury gehalten und diese hat vielleicht die bemerkenswertesten Worte des Abends gesagt. Ein Mädchen meinte, an die Verlage gewandt, man wolle keine pinken Cover, man wolle keine Bücher nur für Mädchen oder Jungs. Und keine Frauen mit abgeschnittenen Köpfen, fügte ich in Gedanken hinzu. Und keine -in-Romane. Und, und, und. Die Verlage dürfen den Lesern durchaus etwas Intelligenz zutrauen. In die gleiche Kerbe schlug auch ein Junge, als er anmerkte, die Verlage mögen doch bitte nicht am falschen Ende sparen und Bücher mit einem schlechten Lektorat auf den Markt bringen. Wahre Worte. Gewonnen hat den Preis dann schließlich Alice Gabathuler für No_Way_Out.

In der Sparte Bester Debüt-Kriminalroman konnte Harald Gilbers mit Germania unter 63 Einsendungen die Jury überzeugen. Der kurze Ausschnitt, der von dem Schauspieler Stefan Willi Wang gelesen wurde, klang interessant. Ein jüdischer Kommissar muss sich im Berlin der Nazizeit auf die Suche nach einem grausamen Frauenmörder machen. Dabei steht nicht nur das Leben der Frauen, sondern auch sein eigenes auf dem Spiel.

Sehr zur Erheiterung trug das Ukulele Orchestra of German Crime Writers bei. Egal, ob sie 6 Monate oder nur eine halbe Stunde geprobt hatten, das Ergebnis war beachtlich. Der Saal tobte und hätte eigentlich gerne noch eine Zugabe gesehen.

Zum besten Kurzkrimi wurde durch die prominent besetzte Jury die Geschichte Auf deine Lider senk ich Schlummer von Alexander Pfeiffer aus der Anthologie Küche, Diele, Mord gekürt. Die ausgezeichnete Laudatio von Judith Merchant brachte sehr gut rüber, wie die Jury zu diesem Ergebnis kam.

 

Michael Theurillat, der Glauser-Preisträger in der Sparte bester Roman von 2012, hielt schließlich die Laudatio auf den besten Roman, Die Deutschlehrerin von Judith Taschler. Die Autorin freute sich hörbar und hielt eine witzige Dankesrede, anscheinend würden die Österreicher jetzt alles gewinnen und es sei wunderbar, dass sie nach Conchita Wurst sozusagen in der Stadt der Würste gewonnen habe.

Der Ehrenglauser für besondere Verdienste um den Kriminalroman wurde in diesem Jahr dem Verleger Hermann-Josef “Hejo” Emons zuerkannt. Die Laudatio hielt Frank Schätzing der gleich zu Anfang warnte, dass es lang werden würde. Das stimmte dann auch, aber nur, weil Herr Schätzing zwar eloquent, aber hauptsächlich über sich selbst sprach. Irgendwas muss er da missverstanden haben. Der Verleger freute sich sichtlich, lies aber im Gegensatz zu seinem Laudator erkennen, dass er ein bescheidener Mann ist.

Eine sehr schöne Veranstaltung, die die Vielfalt der im Syndikat organisierten Autoren gezeigt hat und ein würdiger Rahmen für die Verleihung des größten deutschen Krimipreises war.

 

 

 

 

 

 

 

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Lesungen Criminale, 23.05.2014, Nürnberg und Feuchtwangen

imageDas Schöne an der Criminale ist für mich, dass man eine unglaubliche Vielfalt geboten und neue Leseanregungen bekommt und das in einer Konzentration, die wirklich seinesgleichen sucht.
Die erste Lesung des Tages fand für mich im historischen Henkerhaus in Nürnberg statt. Das war früher die Wohnung des Henkers und ist die einzige bebaute Brücke über die Pegnitz. Da das Haus entlang der ehemaligen Stadtmauer liegt, ist es eher langgestreckt und damit als Lesungsort eine Herausforderung. Wir sassen sozusagen den Autoren auf dem Schoß.
Den Anfang machte Veit Müller, der aus seinem im Herbst erscheinenden Roman Tod am Kreuzweg las. Dies ist der fünfte Band in seiner Reihe um den Lokaljournalisten Luka Blum. Myriane Angelowski widmet sich in ihrem Roman Finkenmoor der Frage nach Strafe und Gerechtigkeit und las daraus ein paar sehr packende Passagen, die Opfer, Täter und Angehörige vorstellten.
Sybille Baecker hat mit Das Recht zu töten einen Roman aus Täterinnensicht vorgelegt. An ihrem Titel entspann sich eine rege Diskussion um die Einflussmöglichkeiten von Autoren auf das Cover und den Titel eines Romanes. Hier zeigte es sich, dass das von Verlag zu Verlag unterschiedlich ist. Auch die Frage, ob die Autoren denn am Anfang schon wüssten, wie der Roman ausgeht, wurde unterschiedlich beantwortet. Manche Autoren haben schon von Anfang an ein festes Gerüst, an dem sie entlangschreiben und bei anderen entwickeln die Figuren ein Eigenleben und es geht plötzlich anders aus als geplant.
imageDer Nachmittag war sehr kurzweilig und die Autoren nahmen sich im Anschluss noch Zeit, ihre Bücher zu signieren und weitere Fragen zu beantworten.
Am Abend ging es dann ins 90 Kilometer entfernte Feuchtwangen, denn nicht nur in Nürnberg und Fürth fanden Lesungen statt. Insgesamt 18 Städte und Gemeinden in der Metropolregion Nürnberg wurden im letzten Jahr von Autoren besucht, die dann eine Kurzgeschichte für die Criminale-Anthologie Nicht nur der Hund begraben schrieben.
Der Abend fand im Sängermuseum statt, dem deutschlandweit einzigem Museum, dass sich mit dem Chorwesen beschäftigt. In einer interessanten Ausstellung wird das Chorwesen in seiner Wandlung von 1809 bis in die Gegenwart dargestellt.
Dazu gibt es spannende Geschichten, wie zum Beispiel, dass Frauen erst gegen 1900 an den Liedertafeln teilnehmen durften, davor aber durchaus ihren abwesenden Männern den Platz freihalten durften. Auf großformatigen Fotos wurden die Männerchöre dargestellt, verstarb einer, wurde sein Kopf ausgeschnitten und durch den seines Nachfolgers ersetzt.
Ein Archiv, das aus Notenmaterial, Fahnen und sonstigen Gegenständen aus dem Besitz von Sammlern und aufgelösten Gesangsvereinen stammt, bietet Möglichkeiten zur Forschung. Ein interessantes kleines Museum, in dem sich eine Führung lohnt.
Der Abend begann mit einer launigen Begrüßung des Bürgermeisters Patrick Ruh. Musikalisch sehr schön umrahmt wurde die Lesung von den jungen Musikern Thomas Hähnlein am Saxofon und Philipp Schiepek an der Gitarre.
imageIm ersten Teil lasen Nina George und Jo Kramer aus ihrem Provence-Krimi Commissaire Mazan und die Erben des Marquis. In freier Rede stellten sie die beiden Protagonisten Zadira Matéo, eine Polizistin, die von Marseille in das Kaff Mazan strafversetzt wird, und Commissaire Mazan, einen streunenden Kater, der detektivische Fähigkeiten entwickelt, vor.
Nina George hatte in ihrer Vorstellung erwähnt, dass sie eigentlich Schauspielerin werden wollte, aber man ihr nach den Vorsprechen geraten habe, einen anderen Beruf zu ergreifen. Wenn man allerdings einmal ihre Darstellung des Hundes Artus bei den Lesungen gesehen hat, zweifelt man an der Urteilsfähigkeit der damaligen Juroren. An ihr ist mit Sicherheit eine gute Schauspielerin verloren gegangen.
In zwei Ausschnitten und in insgesamt neun verschiedenen Rollen machte das Autorenehepaar Lust auf ihren spannenden Krimi.
Nach der Pause lasen die beiden dann ebenfalls mit verteilten Rollen Nina Georges Geschichte für die Anthologie Romeo und Julia kamen nur bis Feuchtwangen. Geschickt webt sie Lokalkolorit in eine spannende Geschichte mit einem überraschenden Ende ein. Das Publikum war begeistert und lies die beiden erst nach langem Applaus gehen.
Ein wunderbarer Abend in einem schönen Ambiente.

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Lesungen Criminale 2014, 22.05.2014, Nürnberg und Fürth

imageDas Schlimme an der Criminale ist, dass man sich eigentlich vierteilen müsste, weil es so viele interessante Termine gibt. Das Wunderbare an der Criminale ist, dass man sich eigentlich vierteilen müsste, weil es so viele interessante Termine gibt.

Erste Anlaufstelle war das Galeriehaus Nord in Nürnberg, wo es an diesem Nachmittag um Kaffee, Kunst und Korruption gehen sollte. Für den Kaffee war es allerdings zu heiß, blieben Kunst und Korruption. Das erste war nicht nur in den Büchern, aus denen gelesen wurde, präsent, sondern auch an den Wänden: zur Zeit läuft im Galeriehaus Nord die Ausstellung Nachtabsenkung mit Bildern von Mathias Otto. Die Bilder passten hervorragend zu den Krimis, zeigten sie doch die dunkle Seite der Welt.

Als erstes las Eva Ehley aus ihrem vierten Sylt-Krimi Mörder weinen, in dem es um die Ermordung eines Galeristen geht. In Kurschattenerbe versetzte Sigrid Neureiter das Publikum nach Meran und weckte die Neugier auf Oswald von Wolkenstein. Ihre Hobbydetektivin Jenny Sommer macht sich auf die Suche nach einem verschwundenen Professor.

Als Letzter las schliesslich Bernhard Aichner, der mich ja gestern schon mit seiner Kurzgeschichte Dürers Hase begeistert hat. Bemerkenswert ist, dass bereits in seinem 2006 erschienenen Roman Nur Blau, der von der Obsession eines Mannes mit Bildern von Yves Klein handelt, seine einzigartige Erzählstimme erkennbar ist, die seinen neuesten Roman Totenfrau so genial macht. image

Im Thalia-Buchhaus CAMPE in der Nürnberger Fußgängerzone las am frühen Abend Elisabeth Herrmann aus ihrem Bestseller Versunkene GräberIch hatte ja schon in Leipzig daraus eine Lesung gehört,  aber sie las noch mal andere Textstellen, so dass die Stunde eigentlich viel zu kurz für diesen spannenden Roman war.

Zum Abschluß ging es dann noch nach Fürth, wo im Bühlers ebenfalls Kunst und Literatur verlinkt wurden. Die Räume der Galeristin und Sammlerin Sabine Pillenstein bildeten einen fantastischen Rahmen für einen gelungenen Abend. Dort sind zur Zeit die Bilder von Katrin Heichel, einer Meisterschülerin von Neo Rauch, in einer Ausstellung unter dem Titel Die Nacht zu sehen. Es gab nicht nur Literatur und Kunst, sondern auch Häppchen, Wein und die Möglichkeit, mit allen an diesem Abend in Fürth lesenden Autoren ins Gespräch zu kommen, ein wirklich gelungener Abend.

Den Auftakt bildete Ingrid Schmitz mit ihrem vierten Kriminalroman Liebeskiller.  Dieser ist gerade erst erschienen, so dass es sich bei der Lesung sogar um die Buchpremiere handelte. Leider war es ein bisschen schwierig, die einzelnen Stimmen auseinanderzuhalten, aber der Anfang klang schon mal spannend. Wolfgang Polifka stellte seinen Roman Die Rosenberg-Pergamente vor, der in Kronach spielt. Die Autoren stellten sich jeweils gegenseitig vor und seine einleitenden Worte für das Autorenehepaar Jean Bagnol waren wirklich der Kracher. image

Hinter Jean Bagnol verbergen sich Nina George und Jo Kramer, die auch mit ihren Soloprojekten erfolgreich sind. Sie lasen aus der Anthologie Auf leisen Sohlen kommt der Tod ihre Kurzgeschichte Der Heiratsschwindler. Mit verteilten Rollen, unglaublich witzig und charmant, machten sie Lust auf diese Geschichte und auf ihren Roman Commissaire Mazan und die Erben des Marquis. Sicherlich einer der Höhepunkte dieser Criminale.

Der Tag, angefüllt mit neuen Eindrücken und Anregungen für mindestens ein halbes Jahr Lesestoff, klang noch an der Criminalebar aus, wo das Publikum Gelegenheit hat, mit den Autoren ins Gespräch zu kommen.

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Criminale 2014 – Eröffnung, 21.05.2014, Stadttheater Fürth

imageGibt es einen schöneren Rahmen für die Eröffnung der Criminale 2014 als das Stadttheater Fürth? Wohl kaum.

Angela Eßer ist spontan, witzig und klug, die besten Voraussetzungen, um einen Abend wie diesen kurzweilig zu moderieren. Ob es die schicken Swingschnitten waren, die für die musikalische Untermalung sorgten und mit ihrem Namen schon so manchen Moderator in die Verzweiflung getrieben haben dürften, der Tipp an alle Ehefrauen, den lästigen Mann doch ja von vorne zu ermorden, sonst wäre es ja Heimtücke oder die Gebrauchsanweisung für verirrte Autoren war, sie hatte für jede vorhergesehene und unvorhergesehene Situation einen lockeren Spruch auf Lager und brachte das Publikum nicht nur einmal zum Lachen.

Sie begrüßte die Ehrengäste und Sponsoren, führte witzige Interviews mit der Leiterin des Fürther Kulturamtes und dem hiesigen Oberbürgermeister, mit Preisträgern, Autoren, Vortragenden und animierte das Publikum zum Singen. Eine bessere Moderatorin hätte man sich wirklich nicht wünschen können.

Die reine Frauenband Die schicken Swingschnitten umrahmten den Abend mit einem extra einstudierten Programm musikalisch. Das gelang ganz gut, auch wenn sie am Ende einen etwas bizarren Auftritt hinlegten, im Verlaufe dessen die Sängerin als Leiche von der Bühne geschleift wurde. image

Im ersten Teil trugen Bernhard Aichner für Nürnberg und Sunil Mann für Fürth ihre Geschichten für die Criminale-Anthologie Nicht nur der Hund begraben teilweise vor, natürlich nur bis zu einem Punkt, an dem man einfach weiterlesen muss – und sich dann wohl das Buch zulegen muss. Bernhard Aichner erzählt in Dürers Hase die Geschichte des Zuhälters Albrecht Dürer und zwar aus der Sicht einer Frau – absolut packend und einfühlsam. Sunil Mann wiederum versetzte sich in Winterkalt – vermutlich – in einen Auftragskiller, der  einen 83-jährigen erledigen soll.

Im zweiten Teil wurde dann zum 3. Mal der Fränkische Krimipreis für Nachwuchsautoren verliehen, der von den Nürnberger Nachrichten und vom ars vivendi Verlag ausgeschrieben wurde. Es wurden 128 Geschichten eingereicht, der jüngste Teilnehmer war 14, der älteste 83. Die Vorgabe war, dass die Geschichte in Franken spielen muss und der Autor noch keine eigenständige Veröffentlichung haben darf. Eine Jujorin äußerte sich in meinen Augen abfällig über die Geschichten, was angesichts der Qualität des Ausschnitts aus den beiden vorgetragenen verwunderlich war. Auch im nächsten Jahr wird es wieder einen Fränkischen Krimipreis geben.image

Den Publikumspreis konnte Susanne Reiche mit Der Tod des Baulöwen erringen, der gleichzeitig von der Jury auf den dritten Platz gewählt wurde. Eine Geschichte, die in Nürnberg spielt und offensichtlich voller Anspielungen steckte, da es im Publikum immer wieder Heiterkeitsausbrüche gab.  Den zweiten Platz belegte Barbara Dicker mit Steuber im Sturm, der Laudatio nach ein gelungenes Schelmenstück. Den ersten Platz sicherte sich Theobald Fuchs mit Der Tote im Wehr. Auch hier versprach der Anfang ein starkes Krimivergnügen. Alle drei Geschichten sind im fünften Band von Mörderisches Franken erschienen.

Ein gelungener Auftakt für ein spannendes Krimifestival in einer spannenden Region.

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Die DeLiA-Liebesromantage 2014 in Büsum

imageZugegeben, Büsum ist nicht gleich um die Ecke, aber die lange Fahrt dahin wurde mit einem wundervollen Wochenende belohnt. Besonders meine herzliche Aufnahme durch die Teilnehmerinnen hat die Tage zu etwas Besonderem gemacht.

Da ist zum einen der Ort selbst. Büsum hat ca 4800 Einwohner und durchschnittlich 16000 Touristen. Das ist für so ein großes Literaturevent wie die DeLiA-Liebesromantage schon eher klein, aber was der Ort auf die Beine gestellt hatte, konnte sich sehen lassen. Alle großen Publikumsveranstaltungen wurden im Gäste- und Veranstaltungszentrum abgehalten, das immerhin 300 Personen Platz bot für die große Gala mit Preisverleihung am Samstag Abend. Dazu kommt noch, dass der Ort wirklich ganz wunderbar am Wattenmeer liegt und die Zeit zwischen den einzelnen Veranstaltungen gestalteten sich so sehr erholsam.image

Offiziell los ging es für mich mit der langen Lesenacht am Freitag Abend. Moderiert wurde dieser Abend von Andrea Reichart, die die einzelnen Autorinnen und ihre jeweiligen Werke vorstellte. Zwischen den einzelnen Lesblöcken gab es immer wieder Pausen, in denen man am gut bestückten Büchertisch stöbern konnte oder mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen konnte. Der Abend begann mit Elisabeth Büchle, die aus dem dritten Band Hoffnung eines neuen Tages ihrer damit vollendeten 1.-Weltkriegs-Trilogie las. Patricia Mennen entführte anschließend in das Indien des 19. Jahrhunderts mit einer spannenden Passage aus ihrem neuesten Roman Im Land der sieben Schwestern, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet.

Im zweiten Block las Kerstin Gier in ihrer unnachahmlichen und natürlichen Art ebenfalls aus einem Auftaktband zur einer Trilogie, Silber – das 1. Buch der Träume, bevor Angelika Schwarzhuber das Publikum mit Hochzeitsstrudel und Zwetschgenglück auf witzige Weise das Publikum ins tiefste Bayern entführte. Am Ende dieses kurzweiligen Abends stellte Tania Krätschmar noch ihren Roman Eva und die Apfelfrauen vor sowie das erfolgreiche Autorenehepaar Iny und Elmar Lorentz den zweiten Teil ihrer Mexiko-Auswanderersaga Der weiße Stern. Eine sehr gelungene Veranstaltung, die die Vielfalt der in der Autorenvereinigung DeLiA vertretenen Schriftsteller repräsentierte.

Weiter ging es am Samstag Vormittag mit der Preisverleihung im Kurzgeschichten Wettbewerb. Hier gab es zwei verschiedene Ausschreibungen, einmal für Schüler der Jahrgangsstufen 8 -10 und 11 – 13, die in Zusammenarbeit mit einer Schule vor Ort durchgeführt wurde, und einmal eine für Erwachsene, die im gesamten deutschsprachigen Raum durchgeführt wurde. DeLiA-Präsidentin Rebecca Michèle erläuterte, dass die Jugendförderung ein erklärtes Ziel der Organisation sei und es gar nicht so einfach ist, eine gute Kurzgeschichte zu schreiben. Sie selbst würde lieber Romane mit 700 Seiten abliefern. Die Vorsitzende der Jugendjury wie auch der Bürgermeister Maik Schwartau und der Vertreter der Sparkasse  betonten die Qualität der eingereichten Kurzgeschichten der Schüler, zeigten sich aber gleichzeitig betroffen darüber, dass das Thema “Wellen” sehr viele depressive Geschichten hervorbrachte. Die Gewinnergeschichten, Wellen der Erinnerung von Marieke Bühl in der Jahrgangsstufe 8-10 sowie Die Kraft eines Geistes von Timo Stecker, wurden von den beiden vorgetragen und hatten hohes literarisches Niveau. Von beiden wird man sicher hören, wenn sie eine literarische Laufbahn einschlagen.

Der Kurzgeschichtenwettbewerb für Erwachsene hatte das etwas weiter gefasste Thema “Büsum oder Nordsee” und handelten nach Aussage der Jury ebenfalls viel von unglücklicher Liebe und es gab wenige Happy Ends. bei allen drei prämierten Geschichten sei man sich einig  gewesen. Es wurden 56 Geschichten eingereicht, die den Kriterien entsprachen. Den 3. Platz belegte Verena Jenner mit Eine zweite Chance, auf den 2. Platz kam Felicita Brandt mit Spuren im Sand und zur Siegerin wurde Leonie Lastella gekürt mit der sehr feinen Kurzgeschichte Tropfen auf unserer Haut.  Der kurzweilige Vormittag endete mit der musikalischen Umrahmung der Kurband.

imageHöhepunkt war dann die Gala am Samstag Abend zur Verleihung des DeLiA-Literaturpreises für den besten Liebesroman 2013. Die Moderation lag wieder in den bewährten Händen von Andrea Reichart, die souverän und kurzweilig durch den Abend führte. Sie nutzte die Gelegenheit, die Geschichte und die Ziele von DeLiA den zahlreich erschienenem Publikum vorzustellen. Die Autorenvereinigung DeLiA wurde 2003 von 12 Autorinnen gegründet und zählt mittlerweile fast 200 Mitglieder. Sie widmet sich genreübergreifend der Förderung des deutschsprachigen Liebesromans. Denn: ohne Liebe ist alles nichts!

2004 wurden 36 Romane für den DeLiA-Literaturpreis eingereicht,  für dieses Jahr schlugen 74 Verlage Romane vor, von denen 195 zugelassen wurden. Und das sind die Romane, die es bis auf die Shortlist geschafft haben:

Doch bevor es zur Preisverleihung ging, wurde erst das Lovely Cover prämiert. Dieses Jahr erhielt Micaela Jary und ihr Roman Das Bild der Erinnerung den begehrten Publikumspreis.

Schliesslich wurde der dritte Platz bekannt gegeben: er ging an René Freund und Liebe unter Fischen. 

Die Meinung der Jury (bestehend aus Stefanie Gerstenberger, Katrin Müller, Cosima B. Quirini, Britt Reissmann und Vorsitzende Petra Schier):

Dem Autor gelingt es auf herausragende Weise, das Besondere im Alltäglichen greifbar zu machen. Seine Liebesgeschichte ist mit Humor gewürzt, und sein Held mit all seinen Fehlern und Macken sympathisch und liebeswert. Ein Lesegenuss.

Der zweite Platz ging an Philipp Andersen und Miriam Bach für ihren bewegenden Roman Warte auf mich.

Die Meinung der Jury:

Die Geschichte einer Affäre zwischen einem älteren Schriftsteller und einer jungen Kollegin, die zu einer Liebesbeziehung wird, ist von der ersten Zeile an packend geschrieben. Durch die abwechselnde Sicht der beiden Hauptfiguren, taucht man als Leser in die unterschiedliche männliche und weibliche Welt der Gefühle ein. Man meint diese Welt der Verliebtheit, die zu Liebe wird, der Zwänge, der mutigen Vorstöße und der verwirrten Rückzieher, zu kennen, und wird doch von der unprätentiösen, klaren und gleichzeitig sehr sinnlichen Erzählweise und dem Ende überrascht.

Der erstplatzierte Roman war wie im letzten Jahr ein Jugendbuch, Julie Leuze und Der Geschmack von Sommerregen.

Die Meinung der Jury:

Sophie und Matti verlieben sich ineinander, doch bevor sie miteinander glücklich werden, muss Sophie noch einiges über sich, ihre Familie und ihr geheimnisvolles Farben-Sehen lernen. Endlich mal ein Jugendbuch, das auf spannende und wunderschöne Weise die erste Liebe und den ersten Sex beschreibt, dabei aber das alberne Augenzwinkern und die gewollt coole Jugendsprache weglässt. In Julie Leuzes klischeebefreiten Charakteren kann man sich mühelos wieder finden, auch wenn man schon ein bisschen älter ist.

Im Anschluß an die Preisverleihung wurde noch bis spät in die Nacht gefeiert. Eine sehr schöne und gut organisierte Gala!

Natürlich gab es nicht nur die hier aufgeführten Veranstaltungen. Darüber hinaus gab es Schullesungen, Workshops, ein Werkstattgespräch und eine Signierstunde. Es war also wirklich viel geboten für das zahlreiche Publikum. Die nächsten DeLiA-Literaturtage finden vom 28.05. – 31.05.15 in Sulzbach im Saarland statt. Literaturbegeisterte sollten sich diesen Termin schon ganz dick im Kalender anstreichen.

 

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