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Charlotte Lyne – Kains Erben

Mit Kains Erben gelingt es Charlotte Lyne einmal mehr, Leser in einen vergessenen Winkel der britischen Geschichte mitzunehmen und eine starke Geschichte zu erzählen.
Isle of Wight, Ende des 13. Jahrhunderts. Isabel de Fortibus regiert die Insel, die eine Sonderstellung im englischen Königreich einnimmt, weil sie nicht der Steuermacht des Königs unterliegt. Ihr zu Seite steht Adam de Stratton, der dabei nicht immer zu legalen Mitteln greift. Diese beiden historisch verbürgten Figuren spielen zwar entscheidende Rollen im Verlauf der Geschichte, erzählt wird jedoch das Leben von drei fiktiven Figuren. Amicia, genannt Amsel, lebt seit einem Überfall bei den Laienbrüdern einer Abtei. Vyves, jüdischer Herkunft und ihr Jugendfreund sowie Matthew, der als Abgabeneintreiber des Königs zum ersten Mal auf die Insel kommt. Ihre Schicksale sind untrennbar miteinander verbunden und Charlotte Lyne versteht es meisterhaft, Schicht für Schicht freizulegen, bis sie schließlich alle Fäden entwirrt und am Ende ein klares, buntes, ergreifendes Bild vor dem Leser liegt.
Das besondere bei Büchern dieser Autorin ist, dass sie Typen erschafft, an denen der Leser sich reibt, die so ungewöhnlich und verschiedenartig sind, dass es für jeden Leser da draußen eine eigene Lieblingsfigur gibt. Denn sie widmet sich nicht nur ihren Protagonisten ausführlich, sondern erzählt auch für jede Nebenfigur ein eigenes Schicksal. Dabei flicht sie geschickt einen Aspekt der englischen Geschichte ein, der vielen hierzulande nicht geläufig sein dürfte, dem Edict of Expulsion, der gewaltsamen Vertreibung der Juden aus England. Ihr Stil ist wie immer kraftvoll, aber doch vielleicht etwas leichter zugänglich als in ihren vorhergehenden Büchern. Trotzdem oder auch deswegen hat es mich berührt, mir Tränen in die Augen getrieben, mich nachdenklich gemacht, mein Herz höher schlagen lassen.
Leser von anspruchsvollen und ausgezeichneten historischen Romanen mit Freude an kraftvoll erzählten, historisch akkuraten Geschichten werden um Kains Erben nicht herumkommen.

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C. J. Sansom – Revelation

Serien lassen ja oft nach, bei C.J. Sansom werden sie von Band zu Band besser.
Obwohl, geht das eigentlich? Mir haben schon die ersten drei Bände gut gefallen, aber dieser vierte hier noch einen Tick besser. Vielleicht liegt es daran, dass von Matthew Shardlake hier nochmal neue Facetten gezeigt werden.
Er findet am Ostersonntagmorgen des Jahres 1543 seinen Studienfreund und Ehemann seiner Jugendliebe Dorothy bestialisch ermordet auf. Er verspricht ihr, den Mörder zu fassen, ohne zu wissen, dass er sich damit wieder in die Politik hineinziehen lässt. Denn Roger ist nicht der erste Tote, der auf eine ähnliche Weise ermordet wurde. Alles deutet daraufhin, dass jemand versucht, die Heirat von Catherine Parr mit König Henry VIII zu verhindern. Shardlake tritt wieder in die Dienste von Erzbischof Cramner und findet bald heraus, dass die Morde einem Muster folgen, einer Bibelstelle aus der Offenbarung des Johannes. Der Täter ist ihm immer einen Schritt voraus und spielt mit ihm. Shardlake muss hohe Risiken eingehen und schwebt mehr als einmal selbst in Lebensgefahr.
C.J. Sansom gelingt es immer wieder, mich tief in die Welt des London zu Beginn der Neuzeit zu entführen. Das Jahr 1543 bringt viele Änderungen mit sich. Henry VIII will sich zum sechsten Mal verheiraten und wendet sich wieder dem Papismus zu – nur ohne Papst. Die Stadt ist in verschiedene religiöse Lager gespalten und wenn man mit religiösem Eifer auffällt, landet man bestenfalls in der Irrenanstalt Bedlam und schlechtestenfalls auf dem Scheiterhaufen. Sansom beschreibt die Atmosphäre sehr eindringlich, beeindruckend sind insbesondere seine Schilderungen der Zustände in Bedlam und der säkularisierten Klöster sowie die Folgen für Mönche und Laienbrüder. Seine Figuren haben alle eine ausgefeilte Hintergrundstory und springen einem quasi von der Seite entgegen. Der Krimiplot ist ausgereift, die Handlung spannend bis zum Schluß. Ich wusste nicht vor der Auflösung, wer der Täter ist und selbst dann bleibt es spannend. Matthew Shardlake gewinnt hier nochmal an Tiefe und ich fühlte mit diesem Antihelden.
Am Ende dieses Buches wollte ich am Liebsten gleich mit Band 5 anfangen, so sehr hat mich die Geschichte gefangen genommen. Ein Muss für alle Freunde des anspruchsvollen Histokrimis.

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Die Zauberflöte, 23.12.2012 19:00 Uhr, Staatsoper Hamburg

Die Zauberflöte TheaterzettelVier Zauberflöteninszenierungen habe ich bisher gesehen, und diese hier war mit Abstand die Schlechteste.
Ein Tamino, der auf Großwildjagd ist und mit seinem Gewehr gleich mal ins Publikum zielt. Das geht gar nicht, wirklich! Und warum erschießt er die Schlange dann nicht gleich, verdammt noch mal? Dann wäre uns der Rest dieses zumindest szenisch verschwendeten Abends erspart geblieben. Da wurde echt nichts ausgelassen, was an Geschmacklosigkeiten zu bieten war. Eine drei Meter hohe Königin der Nacht, die neckisch mit dem schlecht nachgebildeten Füßchen kokettiert. Ein noch größerer Sarastro, der so auf der Hinterbühne platziert war, das man ihn sicher aus dem zweiten Rang schon nicht mehr richtig sehen konnte. Was ich im vierten Rang erkennen konnte, war eine große, missgebildete Hand, in der offensichtlich ein Mensch steckte. Daumen und Zeigefinger sind nunmal nicht gleich lang, auch wenn sie von den Armen eines Menschen dargestellt werden. Ansonsten war das ganze sterbenslangweilig. Keine Komik, die ja durchaus in der Zauberflöte auch vorhanden ist. Nur Schenkelklopferhumor wie bei dem erwähnten Füßchen der Königin der Nacht. Einzig die schauspielerischen Leistungen der Sänger brachten Emotionen in das Stück. Der Regisseur Achim Freyer versuchte besser zu sein als die Musik, aber Mozart setzt sich halt überall durch. Warum man eine solche Geschmacksverirrung 30 Jahre auf dem Spielplan behält, verstehe ich nicht. Man kann nur hoffen, dass sich die Staatsoper Hamburg demnächst mal eine Neuinszenierung gönnt. Auf der Homepage der Staatsoper Hamburg steht bei dieser Vorstellung “Letzte Aufführung”, man darf also vielleicht hoffen.
Musikalisch war es ein hingegen ein guter Abend. Ich war ja eigentlich wegen Peter Sonn auf diese Zauberflöte aufmerksam geworden, der an diesem Abend den Tamino singen sollte und den ich noch aus seiner Zeit am Münchner Gärtnerplatztheater in guter Erinnerung hatte. Leider, es ist Winter, es ist kalt, musste er erkrankungsbedingt absagen. Martin Homrich vertrat ihn jedoch gut. Für mich die beste des ganzen Abends war Christiane Karg als Pamina. Eine wunderbare Innigkeit bei Ach, ich fühls und auch sonst glänzte sie in ihrer Rolle. Mandy Fredrich sang eine ganz ausgezeichnete Königin der Nacht und der Sarastro von Wilhelm Schwinghammer gefiel mir gut – die Stimme, nicht das sogenannte Kostüm, wohlgemerkt. Positiv durch seine Textverständlichkeit ist mir auch Chris Lysack als Monostatos aufgefallen. Gregor Bühl leitete das Orchester souverän und mit guter Rücksichtnahme auf die Sänger.
Szenisch zum Davonlaufen, Musikalisch gut – nach der altbackenen Traviata in 2008 konnte mich die Staatsoper Hamburg wieder nicht überzeugen.

Musikalische Leitung Gregor Bühl; Chor Christian Günther; Sarastro Wilhelm Schwinghammer; Tamino Martin Homrich; Pamina Christiane Karg; Sprecher Jan Buchwald; Priester Manuel Günther; Königin der Nacht Mandy Fredrich; Erste Dame Katja Pieweck; Zweite Dame Maria Markina; Dritte Dame Renate Spingler; Papageno Moritz Gogg; Papagena Solen Mainguené; Monostatos Chris Lysack; Erster Geharnischter Jürgen Sacher; Zweiter Geharnischter Szymon Kobylinski; Drei Knaben Solisten des Tölzer Knabenchors; Orchester Philharmoniker Hamburg

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Ali Baba und die vierzig Räuber, 20.12.2012, Komische Oper Berlin

Mit dem Auftrag an den Komponisten Taner Akyol, eine deutsch-türkische Kinderoper auf der Grundlage der Geschichte von Ali Baba zu erschaffen, hat die Komische Oper Berlin einen echten Volltreffer gelandet.
Das Märchen von Ali Baba und dem “Sesam öffne dich”- Spruch kennen vermutlich die meisten. Dieses in eine Oper umsetzen, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Spaß macht, ist dem Komponisten Taner Akyol zusammen mit den Librettisten Çetin İpekkaya und Marietta Rohrer-İpekkaya wirklich ganz ausgezeichnet gelungen. Dabei wird sowohl in Musik als auch in der Sprache Deutsch und Türkisch vermischt. Die orientalischen Anklänge in der Musik und die teilweise türkischen Texte ergänzen sich mit dem deutschen Text hervorragend. Da braucht es auch keine Übertitel, denn die Musik ist eine Universalsprache. Und das die Kinder an diesem Vormittag alles verstanden haben, daran bestand kein Zweifel.
Ali Baba ist ein armer Schlucker. Er lebt bescheiden mit Frau und Sohn in einer einfachen Hütte und muss Holz sammeln um zu überleben. Sein großkotziger Bruder Kasım dagegen lebt mit Frau und Sklavin Sirin feudal nebenan. Als Ali Baba eines Tages auf seinen Streifzügen auf die Höhle der Räuber trifft und auch noch das Zauberwort zur Öffnung mitbekommt, ist er bescheiden und nimmt nur wenig mit. Das bekommt allerdings sein Bruder mit und zwingt ihn zur Herausgabe der Losung. Angesichts des vielen Goldes vergisst er diese jedoch, wird von den Räubern gefangen genommen und gevierteilt. Sein Bruder Ali Baba und dessen Frau haben nun gleich mehrere Probleme an den Backen. Wie erklärt man der Nachbarschaft den gevierteilten Kasım und wie wird man die Räuber wieder los? Mit viel List gelingt es Sirin und ihrem Geliebten Vehbi, Ali Babas Sohn, alles zum Guten zu wenden.
Die Bühne von Sanne Danz ist sehr wandlungsfähig, in kurzer Folge entstehen ein orientalischer Basar, die Häuser von Ali Baba und seinem Bruder Kasim und die Räuberhöhle inklusive Goldschatz. Die Kostüme von Judith Peters repräsentieren eine märchenhafte Realität, die sich auch in der Regie von Matthias Davids wiederfindet. Das ist wirklich schön und für Kinder perfekt gemacht. Die Schulklassen an diesem Donnerstag Vormittag waren denn auch hingerissen, wenn auch vielleicht ein bisschen zu engagiert. So bald ein Räuber auf der Bühne auftauchte (sie verstecken sich gegen Ende in Fässern, um die Party zu sprengen), waren sie nicht mehr zu halten und übertönten mit ihren “Räuber, Räuber”- Rufen sogar das Orchester. Das nenne ich mal tiefes Eintauchen in die Geschichte! Allerdings haben auch nicht alle das Vierteilen von Kasım wirklich abstrahieren können, da gab es Tränen und ängstliche Mädchen, die sich an die Lehrerin drückten.
Musikalisch war es ein wirklich schöner Vormittag, es zahlt sich halt aus, wenn man auch für die Kinderoper ein Ensemble von guten Opernsängern parat hat. Ariana Strahl als Sirin gefiel mir besonders gut, Stefan Sevenich durfte neben seiner hervorragenden Stimme auch seine komische Seite und seine Akrobatik unter Beweis stellen und last but not least war Daniel Drewes als treuer Esel Ali Babas der Liebling der Kinder. Kristiina Poska leitete das Orchester sicher und engagiert durch die bestimmt nicht einfache Partitur.
Sehr empfehlenswert auch schon für kleine Kinder, auch wenn es trotzdem eine gewisse Vorbereitung braucht.

Musikalische Leitung Kristiina Poska; Inszenierung Matthias Davids; Bühnenbild Sanne Danz; Kostüme Judith Peter;
Ali Baba Jens Larsen; Rosa, Ali Babas Frau Nina von Möllendorff; Vehbi, Ali Babas und Rosas Sohn Tansel Akzeybek; Karakaçan, Ali Babas treuer Esel Daniel Drewes; Kasım, Ali Babas Bruder Stefan Sevenich; Ayşe, Kasıms Frau Caren van Oijen; Şirin, Sklavin im Haus von Kasım Ariana Strahl; Räuberhauptmann Carsten Sabrowski;
Baba İdris, Schneider Manfred Sabrowski; Pazarbaşı Hans-Martin Nau; Tom Tom Osman Frank Baer;

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 19.12.2012, Komische Oper Berlin

Bisher kannte ich nur die geniale Inszenierung von Thomas Schulte-Michels am Münchner Gärtnerplatztheater, deshalb wurde es Zeit, mal eine andere zu sehen.
Leider hat mich das Konzept von Andreas Homoki, dem früheren Intendanten der Komischen Oper, jetzt in Zürich, völlig kaltgelassen. Der Spannungsbogen war eher überspannt, aber da, wo sich in München Gänsehaut eingestellt hat, reichte es hier für nicht mehr als ein Schulterzucken. Warum projeziert man die Regieanweisungen Brechts quasi als Übertitel auf die Bühne, nur um sich dann nicht dran zu halten? Um zu zeigen, dass man es kann? Ich habe hier zwangsläufig einen Vergleich gezogen und finde die Version von Brecht besser.
Die Bühne besteht in der Hauptsache aus einem großen Metallquadrat. Während des Aufbaus von Mahagonny sind riesige Papierwände daran befestigt, auf denen die Losungen von Mahagonny wie “Eintracht” gepinselt werden. Während des Hurricans werden diese Papierwände zerstört und Mahagonny entsteht nun aus quietschebunten Lamellen aus Plastik, die von dem Quadrat herunterhängen und bis in den Zuschauerraum stinken. Ich frage mich, wie man mit einem solchen Gestank auf der Bühne überhaupt singen kann. Jack lacht, statt tot umzufallen, nachdem er sich überfressen hat. Das Geld wird massenhaft in die Luft geworfen, man hätte es auch zum Fenster hinauswerfen können, das wäre genauso ausgelutscht gewesen. Man schleppt das Geld in großen Säcken durch die Gegend, prügelt sich damit, anstatt zu boxen und Sparbüchsenbill hält seinen immer ganz fest. Die Beziehung zwischen Jim und Jenny bleibt oberflächlich und bildet irgendwie nicht mal das Verhältnis Hure-Freier ab. Das war mir alles entwederzu ostentativ oder zu unterkühlt, um mich zu berühren.
Musikalisch war es zum größten Teil hervorragend. Noëmi Nadelmann war mir eine szenisch und stimmlich zu zurückhaltende Jenny, aber vielleicht war das auch so gewollt. Christiane Oertel sang eine umwerfende Witwe Begbick, musste sich szenisch aber meiner Meinung nach auch zu sehr zurückhalten. John Daszak als Jim Mahoney war fulminant, sang aber leider mit Akzent, was mich persönlich etwas störte. Herausragend szenisch und musikalisch waren Philipp Meierhöfer als Sparbüchsenbill und Stafan Sevenich, der in einer seiner Paraderollen am Gärtnerplatztheater, dem Dreieinigkeistmoses, auch an der Komischen Oper glänzen konnte. Christoph Späth als Fatty, Stephan Boving als Jack und Carsten Sabrowski als Joe zeigten überzeugende Rollenportraits.
Der Chor war von André Kellinghaus hervorragend einstudiert, zerfiel jedoch gerne in Individuen, statt eine Einheit zu bilden. Stefan Blunier leitet das Orchester präzise und mit der richtigen Mischung zwischen Bach und Schlager, die Kurt Weill auszeichnet.
Szenisch für mich kein großer Wurf, aber musikalisch durchaus empfehlenswert.

Musikalische Leitung Stefan Blunier, Inszenierung Andreas Homoki, Chöre André Kellinghaus, Leokadija Begbick Christiane Oertel, Fatty Christoph Späth, Dreieinigkeitsmoses Stefan Sevenich, Jenny Noëmi Nadelmann, Jim Mahoney John Daszak, Jakob Schmidt Stephan Boving, Bill Philipp Meierhöfer, Joe Carsten Sabrowski

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Peter Prange – Der Kinderpapst

Peter Prange steht für spannende, emotionale historische Romane und auch mit seinem neuesten Roman Der Kinderpapst enttäuscht er seine Leser nicht.
Eingebettet in eine Quasi-Gegenwartshandlung, die 1981 spielt, erzählt er das wechselvolle Leben des Teofilo di Tusculo. Zwölfjährig wird er 1033 zum Papst gewählt, um die Macht seiner Familie zu erhalten. Dafür muss er alle Zukunftspläne aufgeben, er wollte schon von Kindesbeinen an seine Cousine Chiara di Sasso heiraten. Seiner großen Liebe beraubt, schlittert er immer mehr in Mord, Erpressung und Hurerei hinein. Seine Amtszeit als Benedikt IX. geht als eine der grausamsten in die Geschichte ein. Kann er trotzdem Gottes Werk getan haben?
Peter Prange erklärt im Nachwort, welche Personen historische Vorbilder haben und spätestens hier wird deutlich, wie genial er wieder Fakten und Fiktion verwebt. Er erzählt eine unglaublich spannende Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, aber erst durch seine Figuren zum Leben erwacht. Teofilo und Chiara sind zwei sehr lebensnahe Figuren, wie überhaupt alle Figuren direkt aus dem Leben entsprungen sein könnten. Sie handeln, wie Meschen handeln, aus Liebe, aus Ehrgeiz, aus Gier, aus Verzweiflung. Sie entwickeln sich, nicht immer zum Guten, aber immer nachvollziehbar. Auch seine Schilderung des mittelalterlichen Roms sprüht nur so vor Lebendigkeit. er zeichnet ein buntes Bild einer Stadt in Armut und Not, aber auch einer feiernden, einer ehrfürchtigen, einer ängstlichen Stadt. Er bringt dem Leser Rituale der katholischen Kirche näher, die schon seit Jahrhunderten vollzogen werden und auch heute noch Bestand haben. Dadurch regt er zum Nachdenken an, ohne polemisch zu werden oder die Gefühle von gläubigen Katholiken zu verletzen.
Ein gelungener Roman über einen interessanten Menschen in einer spannenden Zeit.

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Hänsel und Gretel, 16.12.2012, Bayerische Staatsoper

Hänsel und Gretel Obwohl mir die Inszenierung am Gärtnerplatztheater besser gefallen hat, wird mir auch die Version der Staatsoper von 1965 fehlen, war diese doch im Winter 1977/78 meine erste Liveaufführung einer Oper.
Ich weiß noch genau, dass meine Eltern damals mit mir vor der Vorstellung besprochen haben, wie man sich in einem Opernhaus verhält. Wir haben auch die Oper zu Hause schon mehrfach angehört und ich war völlig gefangen genommen bei dieser Liveaufführung. Warum ich meine Liebe zur Oper dann erst 25 Jahre später entdeckt habe, kann ich nicht genau sagen, eines weiß ich jedoch sicher: Verhaltensregeln bringt man den Kindern und Jugendlichen heute nicht mehr bei. Ich habe mich ja schon damit abgefunden, dass in dieses als Kinderoper verkauftes Werk bereits Dreijährige hineingeschleppt werden, die dann ihre Umgebung mit munterer Plapperei unterhalten. Aber dass mitten während der Vorstellung eine Sechzehnjährige telefoniert und die Mutter ungerührt dabei sitzt, damit werde ich mich nicht abfinden. Dann kann man nämlich in 10 Jahren keine Vorstellung mehr besuchen. Wenn schon die Eltern ihren Kindern keinen Benimm mehr beibringen, sollte man es vielleicht in den Musikunterricht mitaufnehmen.
Die Inszenierung ist klassisch, man sieht eine richtige Kate der Eltern, es werden noch Besen gebunden, es gibt eine richtige Hexe und ein richtiges Hexenhaus. Zugegeben, die Engel finde ich extrem kitschig, aber insgesamt ist es eine schöne Inzenierung. Die an diesem Abend leider zum drittletzten Mal lief. Denn laut Bayerischer Staatsoper sind die Kulissen nicht mehr zu retten und anstatt sie neu zu erstellen, kauft man lieber eine neue Produktion ein, die am 24. März 2013 Premiere hat. Wir werden sehen. Ich lass mich überraschen.
Musikalisch war es ein ausgesprochen schöner Abend. Eri Nakamura als schwarzhaarige Gretel sang ganz bezaubernd und textverständlich, Angela Brower nahm man den kecken Hänsel in Gesang und Darstellung jederzeit ab. Irmgard Vilsmaier und Markus Eiche waren als Eltern ein tolles Paar und Yulia Sokolik und Iulia Maria Dan verliehen dem Sand- bzw. Taumännchen jugendliche Frische. Einzig Ulrich Reß konnte mich als Hexe nicht ganz überzeugen, das mag aber auch daran gelegen haben, dass er an diesem Tag schon zum zweiten Mal ran musste. Kazushi Ono leitete das Staatsorchester souverän und schaffte es trotz der teilweise bombastischen Musik von Humperdinck die Solisten nicht zuzudecken. Allerdings hätte es mir besser gefallen, wenn zwischen dem ersten Akt und dem Zwischenspiel keine Pause gewesen wäre, damit fällt die Spannung meiner Meinung nach ziemlich ab. Der Kinderchor schließlich rundete den sehr schönen Abend gut ab.
Es ist wirklich sehr schade, dass diese Produktion abgesetzt wurde. Es bleibt nur zu hoffen, dass dem Opernliebhaber wenigstens die schöne Inszenierung des Gärtnerplatztheater erhalten bleibt.

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Charlotte Link – Im Tal des Fuchses

Auch wenn mich nicht alle Aspekte des Romans restlos überzeugt haben, so ist Charlotte Links Im Tal des Fuchses trotzdem ein hochspannender Thriller, den ich kaum aus der Hand legen konnte.
Der Kleinganove Ryan entführt aus Geldnot eine Frau, um von ihrem offensichtlich wohlhabenden Ehemann ein Lösegeld zu erpressen. Er hält sie in einer abgelegenen Höhle im Tal des Fuchses gefangen und versorgt sie mit Lebensmitteln für eine Woche. Doch bevor er Matthew eine Forderung zukommen lassen kann, wird er verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Aus Feigheit schweigt er über seine Gefangene. Als er wieder frei kommt, setzt sich eine Spirale von Ereignissen in Gang.
Fangen wir mal mit den Minuspunkten an. Der Roman spielt zu großen Teilen in Wales, aber leider merkt man das nicht. Der Schauplatz ist ziemlich beliebig und Frau Link sind da auch einige Fehler unterlaufen. Ein Waliser denkt sicher nicht, er müsste weg aus England, wenn er auf den Kontinent fliehen will. Solche Schludrigkeiten nerven mich ehrlich gesagt und irgendwie hatte ich den Eindruck, es sollte halt mal woanders als in England spielen, aber der Rechercheaufwand war nicht wirklich groß.
Auf der anderen Seite sind die Figuren exzellent gezeichnet, machen nachvollziehbare Entwicklungen durch und warten doch mit der ein oder anderen Überraschung auf. Die Handlung ist spannend erzählt, gut geplottet und ohne Logikfehler. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht, die Geschichte hatte mich in ihren Bann gezogen.
Alles in allem ein gelungener Einstieg für mich in die Romanwelt von Charlotte Link, das war sicher nicht das erste und letzte Buch, das ich von ihr lesen werde.

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Premiere Johanna auf dem Scheiterhaufen, 12.12.2012, Gärtnerplatztheater (in der Alten Kongresshalle) – Zweite Rezension

Johanna auf dem Scheiterhaufen Fleissigen Gärtnerplatztheaterbesuchern ist sicher die Giovanna d’Arco noch in Erinnerung, die Oper von Giuseppe Verdi in der Inszenierung des leider viel zu früh verstorbenen Thomas Wünsch, die die Spielzeit 2009/10 eröffnete. Mit dem Oratorium von Arthur Honegger bringt das Theater eine ganz andere Umsetzung des gleichen Stoffes auf die Bühne.

Zuerst einmal ein paar Worte zum Ort der Aufführung. Die alte Kongresshalle ist ein wirklich schönes Bauwerk, das einen ganz eigenen Fünfziger-Jahre-Charme hat. Leider fehlen hier die lieb gewonnen Einlass- und Garderobendienste des Gärtnerplatztheaters. Die Garderobe war ein einziges Chaos, weil man offensichtlich der Meinung war, mitten im Winter bei Schneefall ist es ausreichend zwei von ungefähr zehn Garderoben aufzumachen. Die Schlangen waren megalang und es war ein echtes Wunder, dass am Ende alles wiedergefunden wurde. Ich sag jetzt mal ganz ketzerisch: am Gärtner hätts das nicht gegeben. Der Saal selbst ist für konzertante Aufführungen wie diese eigentlich ganz gut geeignet, schließlich ist da der Blick auf die Bühne zweitrangig. Der Saal steigt nämlich so gut wie überhaupt nicht an und da kann einem kleineren Menschen schon mal der Blick nach vorne versperrt sein. Problematisch ist aber, wie an diesem Abend, die Akustik. Die Sprechrollen waren mit Mikroports verstärkt, die Sängerrollen mit normalen Mikros. Für mich hat sich das auf meinem Platz (4. Reihe ziemlich weit links) leider gar nicht gut gemischt. Der Lichtinstallation von Max Keller konnte ich nichts abgewinnen, das waren halt verschieden farbige Hintergründe, das war bei früheren Konzerten nicht anders.

Bruder Dominik ruft Johanna zu sich. Gemeinsam schauen sie auf Johannas Leben zurück, auf ihren größten Triumph, die Krönung des Dauphin und die Vereinigung Frankreichs, auf ihre Jugend, aber auch auf ihre Verurteilung und ihren Weg zum Scheiterhaufen. Am Ende wird sie von ihm verzehrt. Musikalisch war der Abend ein echtes Erlebnis. Die Musik von Arthur Honegger ist unglaublich vielfältig und kraftvoll. Sie zaubert einem Bilder in den Kopf. Folklore, Jazz, Barock, alles ist vorhanden und Marco Comin leitet das fabelhafte Orchester des Staatstheaters sicher und mit großer Eleganz durch die Klippen der Partitur. Der Chor (Einstudierung Jörn-Hinnerk Andresen) und der Kinderchor (Einstudierung Verena Sarré) waren an diesem Abend eine Klasse für sich. Absolut präzise und ausdrucksstark. Die solistischen Einzelleistungen waren teilweise hervorragend, besonders beeindruckend war Felix Nyncke, der die Kinderstimme ätherisch schön sang. Leider habe ich ihn während der Vorstellung nicht gesehen, man hätte ihn zum Applaus ruhig nach vorne holen können.

Alles in allem ein außergewöhnlicher Abend. Ich hätte es mir gerne noch einmal angesehen, leider gab es nur fünf Vorstellungen kurz nacheinander.

Johanna auf dem Scheiterhaufen (Konzertante Aufführung). Dramatisches Oratorium in 11 Szenen. Musik: Arthur Honegger. Libretto: Paul Claudel. Deutsch von Hans Reinhart. Musikalische Leitung: Marco Comin. Licht: Max Keller. Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen. Einstudierung Kinderchor: Verena Sarré.

Sprechrollen: Jeanne d’Arc: Julia Stemberger. Bruder Dominik: Michael von Au. 3. Herold / Der Esel / Der Herzog von Bedford / Johann von Luxemburg / Mühlenwind / Ein Bauer: Jens Schnarre. Der Zeremonienmeister / Regnault von Chartres / Wilhelm von Flavy / Perrot / Ein Priester: Jan Nikolaus Cerha. Mutter Weinfass / Eine Bäuerin: Angelika Sedlmeier.

Gesangspartien: Die Jungfrau: Elaine Ortiz Arandes. Margarethe: Ann-Katrin Naidu. Katharina: Snejinka Avramova. Eine Stimme / Porcus / 1.Herold / Der Schreiber: Ferdinand von Bothmer. Eine Stimme / 2. Herold / Ein anderer Bauer: Holger Ohlmann. Eine Kinderstimme: Felix Nyncke.

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Liv Winterberg – Sehet die Sünder

Seit ihrem Debüt Vom anderen Ende der Welt ist Liv Winterberg den Liebhabern des historischen Genres ein Begriff. Mit ihrem zweiten Roman zeigt sie nun, dass der Erfolg keine Eintagsfliege war.
Bretagne im 15. Jahrhundert. Die Bewohner des Dorfes Saint Mourelles bilden eine gute Gemeinschaft und können sich über ihren Lehnsherren, Baron de Troyenne, nicht beklagen. Das ändert sich schlagartig, als die ersten Kinder aus dem Dorf verschwinden. Avel, ein Junge mit dem Gemüt eines vierjährigen Kindes, wird verdächtigt. Als aber auch er tot aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder woanders zu suchen ist. Der alte Pfarrer versucht die Dorfgemeinschaft zusammen zu halten, aber sie zerbricht immer mehr. Misstrauen und Angst bestimmen den Alltag. Derweil ist auf Schloss Troyenne auch nicht alles Gold, was glänzt. Der Baron ist verschwendungsüchtig, seine Frau entfremdet sich immer mehr von ihm. Als das Leben dort für sie unerträglich wird, flüchtet sie auf einen kleinen Landsitz in der Auvergne. Aber auch dort kann sie sich dem Einfluss ihres Mannes nicht entziehen. Es kommt zu immer weiteren Morden und am Ende erkennen die Dörfler, dass sie nur wieder in Frieden Leben können, wenn sie zusammenstehen.
Liv Winterberg erzählt die Geschichte in zwei Strängen, die Geschichte der Dorfgemeinschaft und die Geschichte des Barons. Beide sind sehr lebendig, mit gut gezeichneten Figuren, die interessante Entwicklungen durchleben. Ich konnte sehr gut eintauchen in die Geschichte, die Gegensätze zwischen den beiden Welten, hier Lehnsherr, dort Bauern, wird sehr deutlich gemacht. In den kleinen Details erkennt man, das die Fakten gut recherchiert und ausgezeichnet aufbereitet sind. Die Autorin hat einen schönen Stil, ich war nur etwas irritiert, als mitten im Geschehen plötzlich zwei, drei Sätze aus der Ich-Perspektive des Bauern Mathis auftauchten. Die Handlung ist spannend, ich wusste bis zum Ende nicht, wer der Mörder ist.
Ein spannender Roman mit viel lebendigem Geschichtshintergrund.

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