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Die Zauberflöte, 23.12.2012 19:00 Uhr, Staatsoper Hamburg

Die Zauberflöte TheaterzettelVier Zauberflöteninszenierungen habe ich bisher gesehen, und diese hier war mit Abstand die Schlechteste.
Ein Tamino, der auf Großwildjagd ist und mit seinem Gewehr gleich mal ins Publikum zielt. Das geht gar nicht, wirklich! Und warum erschießt er die Schlange dann nicht gleich, verdammt noch mal? Dann wäre uns der Rest dieses zumindest szenisch verschwendeten Abends erspart geblieben. Da wurde echt nichts ausgelassen, was an Geschmacklosigkeiten zu bieten war. Eine drei Meter hohe Königin der Nacht, die neckisch mit dem schlecht nachgebildeten Füßchen kokettiert. Ein noch größerer Sarastro, der so auf der Hinterbühne platziert war, das man ihn sicher aus dem zweiten Rang schon nicht mehr richtig sehen konnte. Was ich im vierten Rang erkennen konnte, war eine große, missgebildete Hand, in der offensichtlich ein Mensch steckte. Daumen und Zeigefinger sind nunmal nicht gleich lang, auch wenn sie von den Armen eines Menschen dargestellt werden. Ansonsten war das ganze sterbenslangweilig. Keine Komik, die ja durchaus in der Zauberflöte auch vorhanden ist. Nur Schenkelklopferhumor wie bei dem erwähnten Füßchen der Königin der Nacht. Einzig die schauspielerischen Leistungen der Sänger brachten Emotionen in das Stück. Der Regisseur Achim Freyer versuchte besser zu sein als die Musik, aber Mozart setzt sich halt überall durch. Warum man eine solche Geschmacksverirrung 30 Jahre auf dem Spielplan behält, verstehe ich nicht. Man kann nur hoffen, dass sich die Staatsoper Hamburg demnächst mal eine Neuinszenierung gönnt. Auf der Homepage der Staatsoper Hamburg steht bei dieser Vorstellung “Letzte Aufführung”, man darf also vielleicht hoffen.
Musikalisch war es ein hingegen ein guter Abend. Ich war ja eigentlich wegen Peter Sonn auf diese Zauberflöte aufmerksam geworden, der an diesem Abend den Tamino singen sollte und den ich noch aus seiner Zeit am Münchner Gärtnerplatztheater in guter Erinnerung hatte. Leider, es ist Winter, es ist kalt, musste er erkrankungsbedingt absagen. Martin Homrich vertrat ihn jedoch gut. Für mich die beste des ganzen Abends war Christiane Karg als Pamina. Eine wunderbare Innigkeit bei Ach, ich fühls und auch sonst glänzte sie in ihrer Rolle. Mandy Fredrich sang eine ganz ausgezeichnete Königin der Nacht und der Sarastro von Wilhelm Schwinghammer gefiel mir gut – die Stimme, nicht das sogenannte Kostüm, wohlgemerkt. Positiv durch seine Textverständlichkeit ist mir auch Chris Lysack als Monostatos aufgefallen. Gregor Bühl leitete das Orchester souverän und mit guter Rücksichtnahme auf die Sänger.
Szenisch zum Davonlaufen, Musikalisch gut – nach der altbackenen Traviata in 2008 konnte mich die Staatsoper Hamburg wieder nicht überzeugen.

Musikalische Leitung Gregor Bühl; Chor Christian Günther; Sarastro Wilhelm Schwinghammer; Tamino Martin Homrich; Pamina Christiane Karg; Sprecher Jan Buchwald; Priester Manuel Günther; Königin der Nacht Mandy Fredrich; Erste Dame Katja Pieweck; Zweite Dame Maria Markina; Dritte Dame Renate Spingler; Papageno Moritz Gogg; Papagena Solen Mainguené; Monostatos Chris Lysack; Erster Geharnischter Jürgen Sacher; Zweiter Geharnischter Szymon Kobylinski; Drei Knaben Solisten des Tölzer Knabenchors; Orchester Philharmoniker Hamburg

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 19.12.2012, Komische Oper Berlin

Bisher kannte ich nur die geniale Inszenierung von Thomas Schulte-Michels am Münchner Gärtnerplatztheater, deshalb wurde es Zeit, mal eine andere zu sehen.
Leider hat mich das Konzept von Andreas Homoki, dem früheren Intendanten der Komischen Oper, jetzt in Zürich, völlig kaltgelassen. Der Spannungsbogen war eher überspannt, aber da, wo sich in München Gänsehaut eingestellt hat, reichte es hier für nicht mehr als ein Schulterzucken. Warum projeziert man die Regieanweisungen Brechts quasi als Übertitel auf die Bühne, nur um sich dann nicht dran zu halten? Um zu zeigen, dass man es kann? Ich habe hier zwangsläufig einen Vergleich gezogen und finde die Version von Brecht besser.
Die Bühne besteht in der Hauptsache aus einem großen Metallquadrat. Während des Aufbaus von Mahagonny sind riesige Papierwände daran befestigt, auf denen die Losungen von Mahagonny wie “Eintracht” gepinselt werden. Während des Hurricans werden diese Papierwände zerstört und Mahagonny entsteht nun aus quietschebunten Lamellen aus Plastik, die von dem Quadrat herunterhängen und bis in den Zuschauerraum stinken. Ich frage mich, wie man mit einem solchen Gestank auf der Bühne überhaupt singen kann. Jack lacht, statt tot umzufallen, nachdem er sich überfressen hat. Das Geld wird massenhaft in die Luft geworfen, man hätte es auch zum Fenster hinauswerfen können, das wäre genauso ausgelutscht gewesen. Man schleppt das Geld in großen Säcken durch die Gegend, prügelt sich damit, anstatt zu boxen und Sparbüchsenbill hält seinen immer ganz fest. Die Beziehung zwischen Jim und Jenny bleibt oberflächlich und bildet irgendwie nicht mal das Verhältnis Hure-Freier ab. Das war mir alles entwederzu ostentativ oder zu unterkühlt, um mich zu berühren.
Musikalisch war es zum größten Teil hervorragend. Noëmi Nadelmann war mir eine szenisch und stimmlich zu zurückhaltende Jenny, aber vielleicht war das auch so gewollt. Christiane Oertel sang eine umwerfende Witwe Begbick, musste sich szenisch aber meiner Meinung nach auch zu sehr zurückhalten. John Daszak als Jim Mahoney war fulminant, sang aber leider mit Akzent, was mich persönlich etwas störte. Herausragend szenisch und musikalisch waren Philipp Meierhöfer als Sparbüchsenbill und Stafan Sevenich, der in einer seiner Paraderollen am Gärtnerplatztheater, dem Dreieinigkeistmoses, auch an der Komischen Oper glänzen konnte. Christoph Späth als Fatty, Stephan Boving als Jack und Carsten Sabrowski als Joe zeigten überzeugende Rollenportraits.
Der Chor war von André Kellinghaus hervorragend einstudiert, zerfiel jedoch gerne in Individuen, statt eine Einheit zu bilden. Stefan Blunier leitet das Orchester präzise und mit der richtigen Mischung zwischen Bach und Schlager, die Kurt Weill auszeichnet.
Szenisch für mich kein großer Wurf, aber musikalisch durchaus empfehlenswert.

Musikalische Leitung Stefan Blunier, Inszenierung Andreas Homoki, Chöre André Kellinghaus, Leokadija Begbick Christiane Oertel, Fatty Christoph Späth, Dreieinigkeitsmoses Stefan Sevenich, Jenny Noëmi Nadelmann, Jim Mahoney John Daszak, Jakob Schmidt Stephan Boving, Bill Philipp Meierhöfer, Joe Carsten Sabrowski

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Hänsel und Gretel, 16.12.2012, Bayerische Staatsoper

Hänsel und Gretel Obwohl mir die Inszenierung am Gärtnerplatztheater besser gefallen hat, wird mir auch die Version der Staatsoper von 1965 fehlen, war diese doch im Winter 1977/78 meine erste Liveaufführung einer Oper.
Ich weiß noch genau, dass meine Eltern damals mit mir vor der Vorstellung besprochen haben, wie man sich in einem Opernhaus verhält. Wir haben auch die Oper zu Hause schon mehrfach angehört und ich war völlig gefangen genommen bei dieser Liveaufführung. Warum ich meine Liebe zur Oper dann erst 25 Jahre später entdeckt habe, kann ich nicht genau sagen, eines weiß ich jedoch sicher: Verhaltensregeln bringt man den Kindern und Jugendlichen heute nicht mehr bei. Ich habe mich ja schon damit abgefunden, dass in dieses als Kinderoper verkauftes Werk bereits Dreijährige hineingeschleppt werden, die dann ihre Umgebung mit munterer Plapperei unterhalten. Aber dass mitten während der Vorstellung eine Sechzehnjährige telefoniert und die Mutter ungerührt dabei sitzt, damit werde ich mich nicht abfinden. Dann kann man nämlich in 10 Jahren keine Vorstellung mehr besuchen. Wenn schon die Eltern ihren Kindern keinen Benimm mehr beibringen, sollte man es vielleicht in den Musikunterricht mitaufnehmen.
Die Inszenierung ist klassisch, man sieht eine richtige Kate der Eltern, es werden noch Besen gebunden, es gibt eine richtige Hexe und ein richtiges Hexenhaus. Zugegeben, die Engel finde ich extrem kitschig, aber insgesamt ist es eine schöne Inzenierung. Die an diesem Abend leider zum drittletzten Mal lief. Denn laut Bayerischer Staatsoper sind die Kulissen nicht mehr zu retten und anstatt sie neu zu erstellen, kauft man lieber eine neue Produktion ein, die am 24. März 2013 Premiere hat. Wir werden sehen. Ich lass mich überraschen.
Musikalisch war es ein ausgesprochen schöner Abend. Eri Nakamura als schwarzhaarige Gretel sang ganz bezaubernd und textverständlich, Angela Brower nahm man den kecken Hänsel in Gesang und Darstellung jederzeit ab. Irmgard Vilsmaier und Markus Eiche waren als Eltern ein tolles Paar und Yulia Sokolik und Iulia Maria Dan verliehen dem Sand- bzw. Taumännchen jugendliche Frische. Einzig Ulrich Reß konnte mich als Hexe nicht ganz überzeugen, das mag aber auch daran gelegen haben, dass er an diesem Tag schon zum zweiten Mal ran musste. Kazushi Ono leitete das Staatsorchester souverän und schaffte es trotz der teilweise bombastischen Musik von Humperdinck die Solisten nicht zuzudecken. Allerdings hätte es mir besser gefallen, wenn zwischen dem ersten Akt und dem Zwischenspiel keine Pause gewesen wäre, damit fällt die Spannung meiner Meinung nach ziemlich ab. Der Kinderchor schließlich rundete den sehr schönen Abend gut ab.
Es ist wirklich sehr schade, dass diese Produktion abgesetzt wurde. Es bleibt nur zu hoffen, dass dem Opernliebhaber wenigstens die schöne Inszenierung des Gärtnerplatztheater erhalten bleibt.

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Premiere Johanna auf dem Scheiterhaufen, 12.12.2012, Gärtnerplatztheater (in der Alten Kongresshalle) – Zweite Rezension

Johanna auf dem Scheiterhaufen Fleissigen Gärtnerplatztheaterbesuchern ist sicher die Giovanna d’Arco noch in Erinnerung, die Oper von Giuseppe Verdi in der Inszenierung des leider viel zu früh verstorbenen Thomas Wünsch, die die Spielzeit 2009/10 eröffnete. Mit dem Oratorium von Arthur Honegger bringt das Theater eine ganz andere Umsetzung des gleichen Stoffes auf die Bühne.

Zuerst einmal ein paar Worte zum Ort der Aufführung. Die alte Kongresshalle ist ein wirklich schönes Bauwerk, das einen ganz eigenen Fünfziger-Jahre-Charme hat. Leider fehlen hier die lieb gewonnen Einlass- und Garderobendienste des Gärtnerplatztheaters. Die Garderobe war ein einziges Chaos, weil man offensichtlich der Meinung war, mitten im Winter bei Schneefall ist es ausreichend zwei von ungefähr zehn Garderoben aufzumachen. Die Schlangen waren megalang und es war ein echtes Wunder, dass am Ende alles wiedergefunden wurde. Ich sag jetzt mal ganz ketzerisch: am Gärtner hätts das nicht gegeben. Der Saal selbst ist für konzertante Aufführungen wie diese eigentlich ganz gut geeignet, schließlich ist da der Blick auf die Bühne zweitrangig. Der Saal steigt nämlich so gut wie überhaupt nicht an und da kann einem kleineren Menschen schon mal der Blick nach vorne versperrt sein. Problematisch ist aber, wie an diesem Abend, die Akustik. Die Sprechrollen waren mit Mikroports verstärkt, die Sängerrollen mit normalen Mikros. Für mich hat sich das auf meinem Platz (4. Reihe ziemlich weit links) leider gar nicht gut gemischt. Der Lichtinstallation von Max Keller konnte ich nichts abgewinnen, das waren halt verschieden farbige Hintergründe, das war bei früheren Konzerten nicht anders.

Bruder Dominik ruft Johanna zu sich. Gemeinsam schauen sie auf Johannas Leben zurück, auf ihren größten Triumph, die Krönung des Dauphin und die Vereinigung Frankreichs, auf ihre Jugend, aber auch auf ihre Verurteilung und ihren Weg zum Scheiterhaufen. Am Ende wird sie von ihm verzehrt. Musikalisch war der Abend ein echtes Erlebnis. Die Musik von Arthur Honegger ist unglaublich vielfältig und kraftvoll. Sie zaubert einem Bilder in den Kopf. Folklore, Jazz, Barock, alles ist vorhanden und Marco Comin leitet das fabelhafte Orchester des Staatstheaters sicher und mit großer Eleganz durch die Klippen der Partitur. Der Chor (Einstudierung Jörn-Hinnerk Andresen) und der Kinderchor (Einstudierung Verena Sarré) waren an diesem Abend eine Klasse für sich. Absolut präzise und ausdrucksstark. Die solistischen Einzelleistungen waren teilweise hervorragend, besonders beeindruckend war Felix Nyncke, der die Kinderstimme ätherisch schön sang. Leider habe ich ihn während der Vorstellung nicht gesehen, man hätte ihn zum Applaus ruhig nach vorne holen können.

Alles in allem ein außergewöhnlicher Abend. Ich hätte es mir gerne noch einmal angesehen, leider gab es nur fünf Vorstellungen kurz nacheinander.

Johanna auf dem Scheiterhaufen (Konzertante Aufführung). Dramatisches Oratorium in 11 Szenen. Musik: Arthur Honegger. Libretto: Paul Claudel. Deutsch von Hans Reinhart. Musikalische Leitung: Marco Comin. Licht: Max Keller. Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen. Einstudierung Kinderchor: Verena Sarré.

Sprechrollen: Jeanne d’Arc: Julia Stemberger. Bruder Dominik: Michael von Au. 3. Herold / Der Esel / Der Herzog von Bedford / Johann von Luxemburg / Mühlenwind / Ein Bauer: Jens Schnarre. Der Zeremonienmeister / Regnault von Chartres / Wilhelm von Flavy / Perrot / Ein Priester: Jan Nikolaus Cerha. Mutter Weinfass / Eine Bäuerin: Angelika Sedlmeier.

Gesangspartien: Die Jungfrau: Elaine Ortiz Arandes. Margarethe: Ann-Katrin Naidu. Katharina: Snejinka Avramova. Eine Stimme / Porcus / 1.Herold / Der Schreiber: Ferdinand von Bothmer. Eine Stimme / 2. Herold / Ein anderer Bauer: Holger Ohlmann. Eine Kinderstimme: Felix Nyncke.

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Premiere Frank V., 16.01.2013, Münchner Galerie Theater im Heppel & Ettlich

Der Richter und sein Henker oder Die Physiker sind den meisten Deutschen aus dem Schulunterricht vertraut, aber die musikalische Komödie Frank V., Untertitel Oper einer Privatbank (Musik von Paul Burkhard) dürfte den wenigsten bekannt sein.

Das ist auch kein Wunder, stand das Stück doch zum Beispiel in München erst einmal auf dem Spielplan und das ist über fünfzig Jahre her. Die Familie Frank leitet schon in fünfter Generation eine kleine Schweizer Privatbank. Und weil man ja gerne im Wohlstand leben möchte, muss man Verbrechen begehen. Man wäre ja sooooo gerne gut, aber leider, leider macht man Kohle nur mit Verbrechen. Da muss dann schon mal der ein oder andere Kunde oder Bankangestellte dran glauben, denn schließlich habe man noch nie Geld ausgezahlt, wie die Bankiersgattin glaubhaft versicherte. Da gibt es schon mal eine extra Angestellte, Frieda Fürst, nur dafür, Herren wieder um das Geld zu erleichtern, das sie zuvor abgehoben haben. Ihre eigenen Kinder wachsen jedoch behütet auf und sollen es einmal besser haben. Sie sollen gut sein können, und deshalb muss die Privatbank liquidiert werden.  Doch die Kinder haben es längst ihren Eltern nach getan und sind bestens geschult in Prostitution und Erpressung. Sie verhindern die Liquidation und übernehmen die Bank. Selbst vor der Ermordung der eigenen Eltern schrecken sie nicht zurück. So kann es in kapitalistischen Zeiten keine Menschlichkeit geben.

Die Bühne von Manuela Clarin ist wirklich hinreißend. Ganz in schwarz-weiß gehalten, wirkt das Bankgebäude wie mit Kreide gezeichnet. Auch verschiedene Requisiten wie Gläser, Tassen und Flaschen sind gezeichnet und wirklich ganz entzückend. Vorhänge, die den Blick auf eine Gemäldegalerie und später den Tresor dahinter freigeben, lassen eine schnelle Verwandlung der Bühne zu. Die Darsteller sind, abgesehen von den Kindern – hier wächst bereits sichtbar eine neue Generation heran – , ganz in schwarz mit einer Leuchtfarbe gekleidet. Je größer die Krawatte und die Uhr, desto höher steht derjenige in der Hierarchie der Bank. Die Regie von Ingmar Thilo ist sehr geradlinig und direkt, lässt aber ein bisschen Zug vermissen. Auch die Anschlüsse könnten ein bisschen flüssiger sein, aber vielleicht war das auch der Premierennervosität geschuldet und spielt sich im Laufe der nachfolgenden Vorstellungen ein. So dehnt sich der Abend auf knapp drei Stunden. Es ist dabei aber nie langweilig und es kann auch viel gelacht werden. So gibt es zum Beispiel eine Szene, in der jeder davon singt, was er schon alles für die Bank getan hat – und was die persönlichen Folgen für denjenigen sind. Das ist wirklich witzig gemacht.

Die schauspielerischen Leistungen waren durch die Bank sehr gut. Einige hatten mehrere Rollen zu spielen und konnten diese gut trennen und glaubhaft darstellen. Maximilian Maier spielte den Bankier hervorragend, seine Frau (und die gemeinsame Tochter!) wurde von Ulrike Dostal dargestellt. Der Monolog, in dem sie erkennt, dass ihre Tochter eine Hure ist, hatte shakespeareske Dimensionen und wurde von ihr sehr mitreißend vorgetragen. Das war einer der Höhepunkte des Abends. Virginie Didier zeigte die Frieda Fürst in ihren schwachen und in ihren starken Momente gleichermaßen gut, Johannes Schindlbeck hatte als Personalchef Egli und heimlicher Geliebter von Frieda am Schluss eine ganz starke Szene. Amadeus Bodis überzeugte als Prokurist Böckmann und Raphaela Zick war eine herrlich überdrehte Kundin.Niklas Clarin, Momi von Fintel, Manuela Clarin und Andreas Berner in verschiedenen Rollen ergänzten das Ensemble aufs Beste. Sabrina Cherubini begleitete die Darsteller am Klavier.

Ein unterhaltsamer Abend, der aber auch nachdenklich macht. Geld regiert die Welt und der Kapitalismus das Leben. Weitere Vorstellungen am 18.01., 23. – 25.01. und 31.01. – 02.02. jeweils um 20 Uhr im Theater Heppel & Ettlich in der Feilitzschstraße. Karten zu 20,20€ über Münchenticket.

 

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Das Dschungelbuch, 06.12.2012, Gärtnerplatztheater (im Deutschen Theater)

Das Dschungelbuch Auch darüber hab ich drüben bei mucbook geschrieben.

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Premiere Die Csárdásfürstin, 12.01.2013, Theater Dortmund

Die Csárdásfürstin Die Csárdásfürstin ist ein gern gespieltes Werk und Emmerich Kálmáns erfolgreichste Operette. An der Oper Dortmund hatte jetzt eine umjubelte Neuproduktion mit der fabelhaften Heike Susanne Daum in der Titelrolle Premiere.

Das Theater Dortmund ist in vieler Hinsicht ein ungewöhnliches Haus. Der typische Bau der Sechziger Jahre bietet fast 1200 Zuschauern Platz. Die Sessel mit stärker zurück geneigter Lehne als üblich sind gewöhnungsbedürftig, aber auf die Dauer doch erstaunlich bequem. Es war nur, sowohl im Foyer wie auch im Zuschauerraum, über weite Strecken viel zu kalt. Dass die Zuschauer dies gewöhnt sind, konnte man an den vielen Schals und Jacken erkennen, die auch im Zuschauerraum getragen wurden. Ebenfalls ungewöhnlich sind die Garderobenschränke wie im Freibad. Dieses System hat sicher auch Vorteile, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig für Stammbesucher ein vertrautes Gesicht an der Garderobe ist. Das Programmheft, eigentlich nur ein Flyer, ist sehr dürftig ausgefallen. Man findet weder die Biografien der Beteiligten noch eine über einen kurzen Artikel und die Inhaltsangabe hinausgehende Beschäftigung mit dem Werk.

Die Csárdásfürstin ist eine Operette über Standesunterschiede und die Überwindung derselben durch die wahrhaftige Liebe. Obwohl, hätte sich Edwin wirklich am Ende gegen seinen Vater gestellt, wenn der ihm die Heirat nicht doch noch erlaubt hätte? Der hatte Standesdünkel ohne Ende und knickt erst ein, als er erkennen muss, dass er selbst schon seit langem mit einer Varietéhure, wie er die Chansonette Sylva Varescu mal abfällig genannt hat, verheiratet ist. Sein Sohn Edwin liebt Sylva zwar, aber er ist schwach und kann das Heiratsversprechen nicht einlösen, dass er ihr gegeben hatte. Da müssen halt wieder die Frauen die Sache in die Hand nehmen und so erzwingt Anhilte, seine Mutter, die Einwilligung des Vaters zur Heirat. Dazwischen gibt es sehr schöne, weit über diese Operette hinaus bekannt gewordene, Melodien. Kálmán spannt den musikalischen Bogen von Budapest nach Wien, von Csárdás bis Walzer, ohne in Operettenseligkeit zu versinken. Vielmehr spiegelt sein Werk ebenso wie das Libretto von Leo Stein und Béla Jenbach die Entstehungszeit 1914/15 wieder.

Die Inszenierung von Ricarda Regina Ludigkeit nach einem Regiekonzept von Josef Ernst Köpplinger (eine Übernahme vom Staatstheater Nürnberg) greift diese Zeit auf, da marschieren am Ende die Soldaten in eine ungewisse Zukunft. Die Hinterbühne des Orpheums, der Salon der Lippert-Weilersheims, Edwins Eltern, selbst die Hotellobby, in dem der letzte Akt spielt, alles besteht aus den gleichen Mauern, von denen der Putz abblättert, mit mal mehr, mal weniger luxuriösem Interieur (Bühne Rainer Sinnell). Wenig Sinn habe ich in den Tanzeinlagen gesehen. Was sollten uns schwarz maskierte Edwin/Sylva-Doubles sagen? Ober Clowns, die die Sänger bewegen wie Puppen? Ohne diese hätte man den Fokus noch mehr auf die ganz ausgezeichneten Sängerdarsteller legen können und noch ein bisschen mehr Temperament rauskitzeln können. Die Kostüme von Marie-Luise Walek sind sehr schön und passend zur Zeit, vor allem die Kleider der Damen.

Musikalisch und szenisch blieben keine Wünsche offen. Hier hat man wirklich nur die besten verpflichtet. Heike Susanne Daum ist die Rolle der Sylva Varescu auf den Leib geschneidert. Mit ihrer ebenso temperamentvollen wie anrührenden Darstellung und mit makellosem Gesang feierte sie eine umjubelte Rückkehr an ihr früheres Stammhaus. Die Duette mit Edwin waren die Höhepunkte des Abends, denn in Peter Bording fand sich ein kongenialer Partner. Aber auch die anderen zwei Paare, Stasi und Boni und Edwins Eltern, waren echte Traumpaare. Tamara Weimerich und Philippe Clark Hall sowie Johanna Schoppa und Andreas Ksienzyk zeichneten tolle Rollenportraits, ebenso Hannes Brock als Feri Bácsi. Der Chor bestach durch Spielfreude und war von Granville Walker sehr gut einstudiert. Philipp Armbruster leitete die Dortmunder Philharmoniker mit genau der richtigen Mischung von Temperament und Zurückhaltung. Am Ende großer Jubel für alle Beteiligten.

Choreinstudierung: Granville Walker, Leopold Maria, Fürst von und zu Lipper-Weylersheim: Andreas Ksienzyk, Anhilte, seine Gemahlin: Johanna Schoppa, Edwin, beider Sohn: Peter Bording, Stasi, seine Cousine: Tamara Weimerich, Graf Boni Káncsiánu: Philippe Clark Hall, Sylva Varescu, Varieté Sängerin: Heike Susanne Daum, Feri von Kerekes, genant Feri Bácsi: Ks. Hannes Brock, Eugen von Rohnsdorff: Bastian Thurner, Musikalische Leitung: Philipp Armbruster, Inszenierung und Choreografie: Ricarda Regina Ludigkeit, Regiekonzeption: Josef Ernst Köpplinger, Bühne: Rainer Sinell, Kostüme: Marie-Luise Walek

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Lesung Ulf Schiewe, 11.01.2013, Galerie49

Lesung Ulf Schiewe Ich habe ja schon einige ungewöhnliche Lesungsorte, vor allem im Rahmen der Leipziger Buchmesse erlebt, aber die Vernissage einer Ausstellung war noch nicht dabei.

Drei Zimmer einer Altbauwohnung in Schwabing umfassen die Räume der Galerie49 in der Agnesstraße 49 in München-Schwabing. Diese waren bis zum Bersten mit Zuhörern gefüllt, es wurden Stühle ohne Ende herangeschleppt und trotzdem reichten sie nicht für die große Zahl der Zuschauer. Ulf Schiewe las dann schließlich in der Mitte der Zimmerflucht, stehend, weil einfach keine Sitzgelegenheit mehr frei war. Er begann mit einer kleinen Einführung in seine Trilogie, stellte jeden Band kurz vor und ging dann ausführlich auf Die Hure Babylon ein. Er las die erste Szene, in der Ermengarda in ihrer Kammer erwacht und sich fragt, wo zum Teufel denn Edessa eigentlich liege.

Diese Frage beantwortete er ebenso wie diejenigen zu Bernard de Clairvaux, dessen erste Unterredung mit Ermengarda er sich in der nächsten Szene widmete. Dazwischen gab es immer wieder mit einer Präsentation unterstütze Information zum Roman und den einzelnen Figuren. So erzählte Ulf seinen Zuhörern, dass er sich gerne konkrete Gesichter zu seinen Figuren vorstelle, so komme Arnaut das Bildnis von Sebastian del Piombo Junger Mann in Rüstung und Ermengarda einem Portrait der Beatrice d’Este von Leonardo da Vinci nahe.

Als letztes las er noch eine Szene von der Überfahrt und der Ankunft von Arnaut in Outremer. Hier bekam man einen schönen Eindruck von der Dimension eines Kreuzfahrerheers. Im Anschluss konnte man bei Wein und Käse noch mit Ulf über seine Romane diskutieren oder mit der Künstlerin Ursula Fuchs über ihre Werke sprechen. Ein sehr interessanter Abend!

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Der grüne Kakadu, 10.01.2013, Theater Viel Lärm um Nichts (in der Pasinger Fabrik)

Der grüne Kakadu Ein Bühnenbild, das fast komplett mit rotem Samt ausgeschlagen ist, Tische am Rand, an denen das Publikum quasi mitten im Geschehen sitzt, eine Wirtin, die die Marsellaise komponiert.
So beginnt Arthur Schnitzlers Farce Der grüne Kakadu in der Inszenierung von Andreas Seyferth für das Theater Viel Lärm um Nichts. Prospère, die Wirtin, hatte eine Erbschaft gemacht und sich davon ein Theater eingerichtet. Doch das ging pleite und getreu dem alten Sprichwort mit dem Wirt leitet sie jetzt eine Spelunke in einem Pariser Kellerloch. Ihre alte Truppe zählt zu ihren Stammgästen und so wird auch die Kaschemme zur Bühne. Zur Belustigung der Adeligen, die sich ebenfalls dort vergnügen, erzählen sie ausgedachte Verbrechen. Oder doch nicht ausgedacht? Hier verschwimmen Realität und Trugbild zu einem einzigen atemlosen Wirbel. Am 14.07.1789 hört man dem Sturm auf die Bastille quasi live zu, als Henri, der Star der skurilen Truppe, seinen letzten und besten Auftritt hat, den Bericht von der Ermordung des Herzogs von Cadignan. Man amüsiert sich köstlich bis die Realität gnadenlos zuschlägt.
Andreas Seyferth gelingt es, den aus meiner Sicht etwas problematischen Bühnenraum optimal zu bespielen. Mit einer nach zwei Seiten offenen Bühne gewährte er optimale Einblicke. Die Personenführung war gut und kleine eingebaute Gags ließen auch immer wieder ein befreiendes Lachen zu. Die Kostüme von Johannes Schrödl waren teils zeitgemäß, teils zeitlos und teils überzeichnet. Das ergab eine sehr schöne Mischung, die trotzdem homogen wirkte.
Viele Personen treten auf, doch am Ende sind es nur acht Schauspieler, die sich verbeugen. Innerhalb kürzester Zeit mussten die meisten nicht nur Kostüme, sondern auch Persönlichkeiten wechseln. Das gelang immer fabelhaft, nur die teilweise etwas überzogenen Dialekte bzw. Spracheigenheiten haben mich ein wenig gestört. Marion Niederländer in der Rolle wirkt wie eine Dompteuse im Raubtierkäfig, fast erwartet man die Peitsche in ihrer Hand zu sehen, ihre Rolleninterpretation hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Theresa Bendel ist ein ganz entzückend tollpatschiger junger Adeliger vom Land, der zum ersten Mal allein unterwegs ist und gleich mit dem Lauf der Weltgeschichte konfrontiert wird. Stephan Joachim zeichnete ein intensives Portrait von Henri, dem Star der Truppe, der die Fantasie zur Wirklichkeit werden lässt oder auch nicht. Judith Bopp zauberte als Juliette immer wieder ein Lächeln in die Gesichter der Zuschauer, während sie als Léocadie eher kühl wirkte. Ute Pauer und Walter von Hauff konnten mich sowohl als vergnügungssüchtiges, dekadentes Adelspärchen überzeugen wie auch in ihrer jeweils anderen Rolle. Sven Schöcker war ein herrlich überzeichneter Strolch ebenso wie Rollin, der Dichter und konnte mich auch als Philosoph überzeugen. Die meisten unterschiedlichen Rollen, sechs, hatte Robert Ludewig zu stemmen und er meisterte diese Aufgabe ganz hervorragend. Da sah, hörte, fühlte ich wirklich sechs verschiedene Menschen auf der Bühne stehen, ganz besonders in der Rolle des Herzogs von Cadignan.
Ein gutes Stück in gelungener Umsetzung, das es sich anzuschauen lohnt. Weitere Vorstellungen bis 9. März (außer 22. Februar) jeweils Donnerstag bis Samstag um 20 Uhr. Karten Donnerstags 15€, sonst 18€. Reservierungen über die Homepage des Theaters.

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Portrait Sebastian Leitner

Sebastian Leitner

Der junge österreichische Filmemacher Sebastian Leitner ist seit 2004 in der Kreativszene tätig und leitet seit Anfang 2008 eine Filmproduktionsfirma. 2006 lernte er Aleksey Igudesman kennen und half bei der Veröffentlichung Igudesmans erster Show auf DVD mit. Seitdem arbeiten die beiden zusammen. Sebastian ist bevorzugt als Drehbuchautor und Editor tätig, als Kameramann dagegen nur selten. Beim Regieführen vermisst er teilweise das Kreative und die Unabhängigkeit, weil die Produzenten sich als Geldgeber meistens auch künstlerisch einbringen wollen. Am liebsten erzählt er Geschichten und setzt sie beim Schnitt um, da kann er seine Kreativität voll ausleben.

Mit Sebastian Leitner konnte ich in Wien über das letzte und größte Projekt des jungen Filmemachers sprechen: “Noseland”, ein Feature-Length-Projekt, gedreht 2010. Sebastian und Aleksey entwickelten das Konzept für diesen Film zusammen, die Aufgaben waren klar verteilt: Sebastian war für Kamera und Schnitt zuständig, “Noseland” war sein Debut für Schnitt bei einem Feature-Length-Projekt. Aleksey führte in erster Linie die Regie, es war sein Debut als Filmregisseur. Die jungen Filmemacher mussten viel dazulernen, über Vermarktung, Festivals usw. Sebastian erzählte, dass sie dieses Projekt ohne Budget anfingen, also ein Jahr lang ohne Geld arbeiteten, kreierten, ausprobierten, und nicht wussten, was daraus werden würde – bis sie an den Punkt kamen, wo sie einen Geldgeber brauchten, und glücklicherweise auch einen fanden.

“Noseland” wurde und wird auf verschiedenen Festivals in Europa und den USA gezeigt und gewann unter anderem den Titel „Most Entertaining Documentary” auf dem DocMiami Film Festival. Der Film bedeutet immer noch sehr viel Arbeit für das Drei-Mann-Team: Derzeit sind sie dabei, einen Verleiher bzw. einen Vertrieb zu finden. Das gestaltet sich ein wenig schwierig, sagte Sebastian, und das nicht nur, weil die Filmemacher derzeit nichts daran verdienen und alles in ihrer Freizeit organisieren müssen, sondern vor allen Dingen, weil es ein Projekt in dieser Art noch nie gab. Der Vertrieb dafür müsste sowohl mit der Musik-Szene als auch mit der Filmszene vertraut sein. Die jungen Filmemacher stießen auf sehr großes Interesse, aber für 2013 standen die Planungen natürlich überall schon fest, also laufen derzeit Gespräche für 2014. Sebastian erklärte, dass “Noseland” eigentlich fürs Kino gemacht ist und die Filmemacher ihn deshalb weltweit in ausgewählte Kinos bringen wollen: Zuhause vor dem Fernseher lässt der Zuschauer sich zu leicht ablenken. “Noseland” ist sowohl für die Klassik-Liebhaber gemacht, die sich in die Musik “hineinfallen lassen” möchten, als auch für diejenigen Zuschauer, die klassische Musik nicht kennen, aber sich zum Beispiel für John Malkovich interessieren und unterhalten werden möchten.

Julian Rachlin, ein Freund von Sebastian und Aleksey, wollte immer schon eine Dokumentation über Klassik machen. Auf dem von ihm organisierten Festival in Dubrovnik trifft man Weltgrößen der klassischen Musik, die alle mit ihm befreundet sind und gratis dort spielen. Es geht diesen Musikern dabei nicht ums Business, sondern sie wollen einfach mit Freunden und für das Publikum Musik machen. Julian Rachlin hatte sich einen humorvollen Film vorgestellt, der etwas Lockeres hat und auf diese Weise viele Menschen erreicht. Das Ergebnis, “Noseland”, ist von Musikern über Musiker gemacht, um den Zuschauern eine Welt nahezubringen, die ganz anders ist, als die meisten glauben.

“Die Musiker kommen im Frack, verbeugen sich, spielen, verbeugen sich, gehen wieder. Das war’s, keine Interaktion”, erklärte Sebastian. “Aber die Musiker würden am liebsten drei Meter entfernt vor dem Publikum spielen, nicht erhöht, auf demselben Level. Es geht um Energie, die Musik ist so entstanden, und das muss einfach bei der Interpretation da sein. Das wollte Julian Rachlin ‘rüberbringen, und er hat uns gefragt, ob wir das machen wollen. Wir haben in diesen zwei Wochen kaum geschlafen, wir haben wirklich gemacht, was ging. Tagsüber finden laufend Proben statt, abends das Konzert, man muss die Interviews unterbringen, überlegen, was man sonst noch macht. Das war schon ziemlich heftig und zeitaufwendig. Man muss sich quasi in den Zeitablauf der Musiker hineinbegeben, man muss sehen: Was bedeutet es, wie viel Arbeit ist es? Das ist bei einer Dokumentation sehr wichtig. Es ist in der Kunst immer eine Frage des Geldes, leider. Nur die Härtesten kommen durch, was sehr schade ist. Es ist nach der Hälfte dieser zwei Wochen schon jeder fix und fertig, weil nicht nur das Musikerdasein einfach ein beinharter Job ist, ein Knochenjob. Ich glaube, das transportiert die Dokumentation ganz gut.” In dieser Dokumentation zeigen die Filmemacher, wie viel Arbeit das ist und was alles dazugehört. “Gerade, wenn man etwas kreiert, will man sich keine Gedanken um das Geld machen, man will etwas erschaffen.”

Der Film “Noseland” will jungen Leuten zeigen: Klassische Musik ist nicht das abgehobene, steife Prestigemonster, wie man es präsentiert bekommt. Musiker sind im normalen Leben sehr leidenschaftliche, lustige, unterhaltsame, wirklich interessante Menschen. Viele weltbeste Musiker sind nur bekannt in ihrem eigenen Land. Die meisten haben nicht viel Geld, obwohl viele von ihnen anerkannt zu den weltbesten Pianisten, Cellisten oder was auch immer gehören. “Diese Musiker sind überhaupt nicht vergleichbar mit einem Andre Rieu, der meiner Meinung nach einfach schlecht ist und auch nicht an mehr interessiert, denn es funktioniert ja, aber dafür die Riesen-PR-Maschinerie hat”, sagte Sebastian. Die wenigsten Musiker können Geld und künstlerischen Anspruch kombinieren.

“Noseland” soll dem Zuschauer zeigen: Je mehr man über die Musik und die Musiker weiß, um so schöner ist die Musik. Einerseits wollen die Filmemacher die konservativen Musikliebhaber erreichen, andererseits junge Leute, um zu zeigen, dass nur das Business anstrengend ist. Die Musik ist fantastisch, und die Musiker sind interessant. Man lernt den Unterschied zu hören zwischen verschiedenen Produktionen; man kann dasselbe Stück zehnmal hören von zehn verschiedenen Interpreten, und es wird immer anders sein. Die Filmemacher haben die berühmten Namen wie Roger Moore oder John Malkovich bewusst verwendet, um “Noseland” aus der Nische herauszuholen, sie haben diese Namen aber nicht überstrapaziert. Es dreht sich um klassische Musik. Es ist ganz, ganz wichtig, dass man sich und dem Thema treu bleibt, findet Sebastian. Humor muss auch sein, um das Ganze zu transportieren. Über den Humor wollen sie die Türe zur klassischen Musik öffnen. Es ist nicht möglich, klassische Musik laufen zu lassen, ohne die Emotionen zu transportieren. Wenn es humorvoll ist, ist der Zugang viel leichter, weil das Thema aufgelockert wird. Wenn man die Emotionen transportieren kann, ist das fantastisch. Schubert beispielsweise war beflügelt durch Liebe, Beethoven durch seine Depression.

Das Schwierige an klassischer Musik ist für den Filmemacher, dass die Aufstellung auf der Bühne eine Interaktion bedingt, in die man nicht eingreifen kann. Es ist ein Gespräch, die Musiker kommunizieren miteinander. Man kann keine Regie führen, sonst wäre man beim Theater bzw. bei einer Inszenierung. Das ist aber bei einem Ensemble für klassische Musik nicht möglich. Es gibt fixe Positionen, wo die Musiker stehen, und sie verdecken sich teilweise, einfach aus Kommunikationsgründen; die Körpersprache ist wichtig. Ein Problemfall ist immer das Piano. Es ist extrem schwierig, gute Bilder von den Musikern zu bekommen, sagte Sebastian, weil es einfach diese intime Stimmung hat, weil das Publikum glaubt, quasi von der Musik verschluckt zu sein. Das ist schwierig. Einerseits kann man nicht die Tonqualität beeinflussen; man kann nicht hingehen und alles umbauen. Auch beim Licht ist nicht viel möglich, die Musiker sind sehr schnell geblendet. Jedes Mikrofon hat seine bestimmte Position und ist dann auf dem Bild. Da muss man Abstriche machen, da geht es einfach um Musik, und man muss ganz anders denken, man muss immer improvisieren. Sebastian Leitner schneidet weltweit viele Konzerte mit. “Als Filmemacher bekommt man da nicht immer das, was man gewohnt ist”, seufzte er. “Das ist die Schwierigkeit. Die Musiker schauen eben dann beim Spielen oft nicht dahin, wo sie hinschauen sollen.”

Der ganz besondere Reiz an dem Film “Noseland” ist gerade dieses Backstage-Feeling, diese Making-of-Atmosphäre, die absichtlich so angelegt war. Die Filmemacher haben hier aus der Not eine Tugend gemacht, ein stilistisches Mittel. Anders wäre es nicht möglich gewesen. Um so weniger Geld zur Verfügung steht, desto kreativer muss man werden.

Die Filmemacher hatten natürlich nicht die Mittel, die eine größere Produktion hat. Teilweise waren die Bilder unscharf, wenn ein nicht-professioneller Kameramann hinter der Kamera stand, oder es gab Nebengeräusche; das ließ sich nicht vermeiden. Man hat oft gar nicht die Möglichkeit, das zu proben, man muss Rücksicht nehmen, sonst leidet die Musikqualität. Das Wichtige ist, gerade bei der Klassik: Man ist sozusagen “nicht da”, man kann nicht improvisieren, man muss unauffällig sein.

Beim Schnitt haben Sebastian Leitner und Aleksey Igudesman teilweise Stücke gekürzt, Passagen neu gruppiert, Musik umgeschnitten, Nebengeräusche herausgefiltert, damit es ein lupenreiner Ton wurde. Es gibt ein Studio in Österreich, das nur darauf spezialisiert ist, Hall aus Stimmen herauszufiltern. Das Ergebnis klingt nach mehr als nach dem, was die Filmemacher zur Verfügung hatten. Nebengeräusche musste man entweder herausfiltern oder eine identische Passage aus einer anderen Stelle der Aufnahme einfügen. Weil es eben immer nur einen Take, eine Aufnahme gab von dem Konzert. Das ist schwierig, es kann nicht perfekt sein, denn auch der weltbeste Musiker verspielt sich mal. Das Schwierige für die Filmemacher war, dass sie in der zweiwöchigen Drehzeit kaum schliefen, weil sie jederzeit abrufbereit sein mussten.

Das Interessanteste war für Sebastian Leitner persönlich, dass sie bei den Proben dabei waren: “Bei den Proben sieht man, wie die Musiker wirklich sind, in Sporthose und T-Shirt.” Wie sind diese Musiker, wenn sie nicht während eines Konzerts auf der Bühne sind, sondern musizieren, das heißt, ein musikalisches Gespräch zusammen entwickeln? Das haben die Filmemacher versucht einzufangen.

“Man sollte öffentliche Proben machen”, fand Sebastian Leitner. “In Bukarest gibt es das, dort sind auf einem Musikfestival namens SoNoRo alle Proben öffentlich zugänglich, vor allem für Musikstudenten. Damit die sehen können: Was bedeutet es, im Beruf zu stehen? Normalerweise ist es abschreckend, man glaubt, das ist furchtbar konzentriert, und furchtbar steif und trocken. Die Musiker haben aber viel Spaß. Es ist viel Arbeit, aber anders geht es nicht. Wenn zu der vielen Arbeit noch ein zu großer Leistungsdruck käme, würde es nicht gehen.”

Das nächste Projekt, an dem das Team arbeitet, ist The Indian – eine klassische Komödie über amerikanische Filmklischees, die gut unterhält und solide gemacht ist. Die Budgetfrage muss noch geklärt werden, das ist extrem schwierig, obwohl wirklich gute Leute an diesem Projekt mitarbeiten. Gedreht wird voraussichtlich in den Filmstudios Nuboyana in Sofia. “Noseland” hat Sebastian Leitner einen sehr starken Schub gegeben, seinen künstlerischen Weg weiter zu verfolgen.

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