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Hänsel und Gretel, 14.04.2013, Komische Oper Berlin

Die Bilder der Inszenierung von Reinhard von der Thannen, die ich mir vor der Vorstellung im Internet angesehen habe, wirkten eigentlich ganz schön.Das war es dann aber auch. Mehr als eine opulente Ausstattung hatte der Regisseur nicht zu bieten. Wenn man den Anspruch hat, ein Stück für die ganze Familie zu machen, muss man bei den Kleinsten mit der Interpretation anfangen und kann vielleicht ein oder zwei Kniffe für Erwachsene einbauen. Hier wurde aber in der Interpretation nur auf Erwachsene eingegangen, für die lieben Kleinen sollten die bunten Bilder reichen. Das war aber nicht der Fall, die Kinder und Jugendlichen um mich herum taten entweder lautstark ihre Fragen oder ihre Langeweile kund.

Es ging schon mit der Einführung los. Pavel B. Jiracek, der produktionsbegleitende Dramaturg, redete wie ein Wasserfall, das war auch nötig. Die Ansätze des Regisseurs waren leider nicht selbsterklärend, wie es bei einer guten Regie der Fall sein sollte, sondern mussten vorab erläutert werden, sonst hätte man drei Viertel des Bühnengeschehens nicht verstanden.
Aber wollte ich wirklich wissen, dass “Ein Männlein steht im Walde” eine erotische Komponente hat und auf das sexuelle Erwachen der Gretel hindeutet und man ihr deshalb während des Liedes einen Johnny-Depp-mäßigen Fliegenpilz zur Seite stellte – der aber dann tatsächlich nur irgendwie etwas blöde im Wald umherschlich, mit einem Schlüssel spielte (Keuschheitsgürtel?), von Anmache keine Spur. Oder dass das Zerbrechen des Milchtopfes gleichbedeutend mit dem Abstillen eines Kindes ist? Oder dass Hänsel was mit der Hexe hat? Inzucht hätte doch sicher auch noch gut gepasst, schließlich setzt Hänsel der Gretel den bedeutungsschwangeren Kranz aufs Blondhaar. Ich frage mich wirklich, wie ich die Hälfte meines Lebens und ca. 50 Hänsel-Vorstellungen ohne diese tiefschürfenden Einsichten ausgekommen bin. Ich dachte eigentlich immer, dass Märchen uns helfen sollen, mit unseren Ängsten klarzukommen und nicht weitere zu schüren. Ich Dummerchen, ich.

Mal wieder kann man nicht auf die Kraft der Musik vertrauen und muss das Vorspiel bebildern, in diesem Fall mit computeranimierten Eiern, Lollies und Gebissen. Das animiert natürlich zum Lachen und Reden und störte die wirklich wundervollen Töne, die aus dem Orchestergraben kamen. Hänsel und Gretel sind dank gleicher Kleidung und fast gleicher Frisuren kaum zu unterscheiden und haben manchmal Hasenmasken auf, denn Hasen sind naiv. Oder so. Die Mutter hat die Hosen an, trägt aber in Wahrheit ein schickes Kleid, das irgendwie nicht zu der angenommenen Armut passt. Dafür darf der schwächliche Vater in langen Unterhosen und mit Dreirad auftreten, seine Shorts hatte er wohl im Suff auf den Gepäckträger geschnallt. Statt Speck, Zwiebeln und Kaffee gibt es überdimensionierte Eier. Der Milchtopf ist ein Plastikeimer und richtig lächerlich wird es, als man im Augenblick des Zerbrechens den Klang von zerbrochenem Porzellan einspielt. Schnell ab in den Wald, durch den Schrank, ja, genau, wie bei “Narnia” oder “Alice im Wunderland”. Dort sieht man die Bäume vor lauter Besteck nicht. Anscheinend war sich der Regisseur unschlüssig, ob er jetzt den Hunger oder das Erwachsenwerden thematisieren wollte. Richtig gruselig ist dort eigentlich nur die Engeltravestie. 14 halbbekleidete stilisierte männliche Engel, die sich an dem Abend zuvor im Don Giovanni gut gemacht hätten, hier aber völlig fehl am Platz waren, vollführen einen hausbacken wirkenden Tanz mit Bewegungen, die schon in den Siebzigern unmodern waren. An dieser Stelle wird nicht zum ersten Mal deutlich, dass der Choreograph nicht unbedingt die Musik im Sinn hatte, als er seine Arbeit machte. Besonders ärgerlich ist das Zerstören der Musik durch die beiden Knaller am Schluß des Tanzes und das Herzeigen von Pavianhintern (Warum???) der Tänzer. Das Taumännchen scheint aus der gleichen Show entsprungen zu sein, mit Glitzerschuhen und lächerlichen Ballons unterm Rock. Fast erwartete ich hier auch ein Platzen, denn in der Einführung wurde erwähnt, dass jedesmal, wenn die Religion ins Spiel käme, Luftballons zerplatzen würden, denn nicht sie schützt die Kinder, sondern die Musik. Aha.

Die arme Gretel muss an Turnringen über die Bühne schwingend die Traumerzählung singen. Rücksichtnahme auf Sänger kennt der Regisseur also auch nicht. Das Hexenhaus ist eine überdimensionierte Torte, auf der die grünlich schillernde Hexe wie eine fleischfressende Pflanze thront, Kinder, die aussehen sollen wie in Kokons eingesponnene Maden, marschieren vorüber. Vielleicht sollten es aber auch eher vorbereitete Freßpakete für die Hexenspinne sein, das würde irgendwie mehr Sinn machen. An dieser Torte ist alles künstlich, es gibt für Hänsel und Gretel hier absolut nichts zu essen, warum bleiben sie dann eigentlich da?
Der Zauberstab der Hexe ist eine Krücke, die sie aber anscheinend nicht wirklich benötigt, eigentlich ist sie noch ganz gut zu Fuß. Der weitere Verlauf wird immer abstruser, Hänsel und Gretel werden Plastiktüten über den Kopf gezogen, die Hexe stürzt eher beiläufig in ein Loch in der Torte, das wohl den Ofen symbolisieren soll, um gleich darauf wieder putzmunter auf der Torte zu stehen. Die Kinder setzen ihre Madenbrillen ab, bevor Hänsel und Gretel sie berühren, beziehungsweise berühren sie sie ja gar nicht, sondern scheinen eher Angst vor ihnen zu haben. Am Ende tragen Mutter und Vater ihren persönlichen Schrank mit sich rum. Warum? Keine Ahnung.
Entschädigung für die szenische Themaverfehlung kam aus dem Graben und von der Bühne. Das war wirklich wunderschön musiziert, das Orchester unter Kristiina Poska schwelgte in Humperdinck und ließ dennoch den Sängern Raum für Textverständlichkeit der Extraklasse. Maureen McKay als Gretel und Karolina Gumos als Hänsel ergänzten sich prächtig und ließen die Töne fließen, dass es eine Lust war. Ariana Strahl als Sand-/Taumännchen war wirklich ganz bezaubernd, Carola Guber als Gertrud und Stefan Sevenich als Peter komplettierten das Ensemble auf hohem Niveau. Lediglich Frederika Brillembourg hat mir nicht gefallen, das hat aber vermutlich daran gelegen, wie ihre Rolle angelegt wurde. Der Kinderchor war von Dagmar Fiebach ganz hervorragend einstudiert.
Nachdem dies die erste Inszenierung der Märchenoper von Engelbert Humperdinck an der Komischen Oper Berlin ist, hätte ich dem Haus eine Interpretation gewünscht, die weniger offene Fragen und Kopfschütteln zurücklässt.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 19.12.2012, Komische Oper Berlin

Bisher kannte ich nur die geniale Inszenierung von Thomas Schulte-Michels am Münchner Gärtnerplatztheater, deshalb wurde es Zeit, mal eine andere zu sehen.
Leider hat mich das Konzept von Andreas Homoki, dem früheren Intendanten der Komischen Oper, jetzt in Zürich, völlig kaltgelassen. Der Spannungsbogen war eher überspannt, aber da, wo sich in München Gänsehaut eingestellt hat, reichte es hier für nicht mehr als ein Schulterzucken. Warum projeziert man die Regieanweisungen Brechts quasi als Übertitel auf die Bühne, nur um sich dann nicht dran zu halten? Um zu zeigen, dass man es kann? Ich habe hier zwangsläufig einen Vergleich gezogen und finde die Version von Brecht besser.
Die Bühne besteht in der Hauptsache aus einem großen Metallquadrat. Während des Aufbaus von Mahagonny sind riesige Papierwände daran befestigt, auf denen die Losungen von Mahagonny wie “Eintracht” gepinselt werden. Während des Hurricans werden diese Papierwände zerstört und Mahagonny entsteht nun aus quietschebunten Lamellen aus Plastik, die von dem Quadrat herunterhängen und bis in den Zuschauerraum stinken. Ich frage mich, wie man mit einem solchen Gestank auf der Bühne überhaupt singen kann. Jack lacht, statt tot umzufallen, nachdem er sich überfressen hat. Das Geld wird massenhaft in die Luft geworfen, man hätte es auch zum Fenster hinauswerfen können, das wäre genauso ausgelutscht gewesen. Man schleppt das Geld in großen Säcken durch die Gegend, prügelt sich damit, anstatt zu boxen und Sparbüchsenbill hält seinen immer ganz fest. Die Beziehung zwischen Jim und Jenny bleibt oberflächlich und bildet irgendwie nicht mal das Verhältnis Hure-Freier ab. Das war mir alles entwederzu ostentativ oder zu unterkühlt, um mich zu berühren.
Musikalisch war es zum größten Teil hervorragend. Noëmi Nadelmann war mir eine szenisch und stimmlich zu zurückhaltende Jenny, aber vielleicht war das auch so gewollt. Christiane Oertel sang eine umwerfende Witwe Begbick, musste sich szenisch aber meiner Meinung nach auch zu sehr zurückhalten. John Daszak als Jim Mahoney war fulminant, sang aber leider mit Akzent, was mich persönlich etwas störte. Herausragend szenisch und musikalisch waren Philipp Meierhöfer als Sparbüchsenbill und Stafan Sevenich, der in einer seiner Paraderollen am Gärtnerplatztheater, dem Dreieinigkeistmoses, auch an der Komischen Oper glänzen konnte. Christoph Späth als Fatty, Stephan Boving als Jack und Carsten Sabrowski als Joe zeigten überzeugende Rollenportraits.
Der Chor war von André Kellinghaus hervorragend einstudiert, zerfiel jedoch gerne in Individuen, statt eine Einheit zu bilden. Stefan Blunier leitet das Orchester präzise und mit der richtigen Mischung zwischen Bach und Schlager, die Kurt Weill auszeichnet.
Szenisch für mich kein großer Wurf, aber musikalisch durchaus empfehlenswert.

Musikalische Leitung Stefan Blunier, Inszenierung Andreas Homoki, Chöre André Kellinghaus, Leokadija Begbick Christiane Oertel, Fatty Christoph Späth, Dreieinigkeitsmoses Stefan Sevenich, Jenny Noëmi Nadelmann, Jim Mahoney John Daszak, Jakob Schmidt Stephan Boving, Bill Philipp Meierhöfer, Joe Carsten Sabrowski

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