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Madama Butterfly, 24.01.2018, Bayerische Staatsoper

Wenn man eine Oper schon mehr als zwei Dutzend Mal gesehen hat und auf einmal einen ganz neuen Aspekt darin entdeckt, dann sind das genau die Sternstunden, für die es sich lohnt, Zeit und Geld zu investieren und Stücke mehrfach – sogar in derselben Inszenierung – zu sehen. So geschehen gestern in der Bayerischen Staatsoper mit “Madama Butterfly” von Puccini.

Altbekannte Handlung voller Schmalz und Herzschmerz: Amerikanischer Marineoffizier heiratet auf japanische Art (Scheidung jederzeit ohne Umstände oder Formalitäten durch einfaches Verlassen der Ehefrau möglich) eine Geisha aus einer guten, aber verarmten Familie. Problem bei der Sache ist nur, das das junge Mädchen sich ernsthaft in den Ausländer verliebt hat und voller Treue an der Beziehung festhält, auch längst, nachdem dieser wieder nach Amerika abgereist ist, “um eine echte Amerikanerin zu heiraten”. Operndramaturgisch bleibt ihr nur der Freitod, denn “in Ehren sterbe, wer nicht in Ehren leben kann”.

Die Münchner Inszenierung von 1973 gibt durch viele Knickse und gefaltete Hände eigentlich eine unterwürfige und stets lächelnde Cio Cio San vor – umso erstaunlicher, wie es die südamerikanische Sopranistin María José Siri trotzdem schafft, ihre Butterfly durchaus selbstbewusst zu gestalten: Als ein Mädchen mit Prinzipien und Werten, die auch die Konsequenzen zu tragen bereit ist. Von der Familie verstoßen gibt sie in ihrem Stolz auch dem Werben des reichen Yamadori nicht nach, weil sie felsenfest davon überzeugt ist, dass ihre Ehe mit Pinkerton – obwohl in Japan geschlossen – Bestand hat. Was oft (gerade in dieser Inszenierung) als kindliche Naivität und Trotzköpfigkeit dargestellt wird, macht Maria José Siri in einer anderen Deutung absolut plausibel. So wie sie singt, ist Cio Cio San nicht das unbedarfte Mädchen, das zu Unterwürfigkeit erzogen wurde, sondern eine junge Frau, die sich konsequent für ihren Geliebten entscheidet, wohl wissend, dass ihr dieser nicht dieselben tiefen Gefühle entgegenbringt wie sie ihm. Eine junge, mutige Frau, die mit stolz erhobenem Haupt die Demütigungen ihrer Familie und der Gesellschaft trägt, bis hin zum Tod. Absolut sicher in allen Stimmlagen verleiht Maria José Siri der Figur unglaubliches Leben und überzeugt auf ganzer Linie.

Zweite Überraschung an diesem Abend war die Interpretation des B. F. Pinkerton durch den sibirischen Tenor Alexey Dolgov. Noch nie habe ich einen so wenig “schön gesungenen” Pinkerton gehört wie gestern. Zunächst war ich befremdet und vermisste weiches Timbre und italienische Tenorseligkeit. Aber schon bald wich dieses Befremden der Erkenntnis: Dieser Pinkerton ist ein Eisklotz, rücksichtslos und mit Prinzipien: America for ever! (Er hätte genausogut “America first” singen können…) Da passt eine Japanerin nicht als Ehefrau. Und schmachtende Töne eben auch nicht. Alexey Dolgov gibt einen knallharten Typen, der sich nicht im Ansatz bemüht, die kulturelle Verschiedenheit zwischen Amerika und Japan auch nur zu sehen, geschweige denn, sich darauf einzulassen. So hochmütig und fast schon verächtlich habe ich noch keinen Sänger mit den Ahnenfigürchen der Butterfly herumspielen gesehen – darstellerisch und stimmlich. Genauso rücksichtslos wie er mit den Gefühlen von Cio Cio San spielt ist er am Ende auch gegen sich selbst. In der einzigen Arie zeigt Alexey Dolgov, dass er durchaus “schön” kann – kurz erlaubt es der Sänger seiner Figur, auch mal Gefühl zu zeigen (Addio, fiorito asil), aber es ist nur eine Traumwelt, die er ja nie so zulassen konnte. Der Mut, den Butterfly von Anfang an hatte, den hat dieser Pinkerton nie besessen. “Ich bin ein Feigling” … bei Dolgov könnte der Text genauso lauten “ich bin ein Arschloch”.

Gewohnt mitfühlend war die großartige Okka von der Damerau als Suzuki. Matthew Grills legt seinen Goro als spitzbübischen Kuppler an, der jedoch tiefes Mitgefühl für Cio Cio San zeigt – mehr als ich es bisher bei dieser Rolle wahrgenommen habe.

Daniele Callegari leitete das Bayerische Staatsorchester souverän und mit typisch italienischem Schwung, immer vorwärtsdrängend und nie langweilig, er gibt den Orchestersolisten den nötigen Raum, nicht nur mit den Kollegen im Graben, sondern mit der Bühne zu kommunizieren.

Insgesamt ein herrlicher Abend, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Bravi tutti!!!

Nur noch 26. und 30.01.2018, jeweils 19 Uhr in der Bayerischen Staatsoper (Restkarten).
Musikalische Leitung Daniele Callegari
Inszenierung Wolf Busse
Bühne Otto Stich
Kostüme Silvia Strahammer
Chor Stellario Fagone

Cio-Cio-San Maria José Siri
Suzuki Okka von der Damerau
B. F. Pinkerton Alexey Dolgov
Kate Pinkerton Niamh O’Sullivan
Sharpless Levente Molnár
Goro Nakodo Matthew Grills
Der Fürst Yamadori Sean Michael Plumb
Onkel Bonzo Peter Lobert
Yakusidé Oleg Davydov
Der Kaiserliche Kommissär Boris Prýgl

Dieses Video zeigt zwar nicht die Inszenierung der Bayerischen Staatsoper, aber man kann sich einen guten Eindruck von der Sängerpersönlichkeit von Maria José Siri machen.

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Poor President – Boris Godunow an der Staatsoper

Boris Godunow Sie funktioniert noch, diese russische, sperrige Politopera mit Zaren, Bojaren und Mönchen. Denn sie schneidet zeitlose Themen an: Die Rücksichtslosigkeit und damit verbundene Einsamkeit der Macht. Und darauf hat es Calixto Bieito auch abgesehen mit seiner modernen, naturalistischen, schlüssigen und wachen Interpretation von Mussorgskys Werk, die hier in der neuerdings gebräuchlichen Urfassung gegeben wird.

Bieito geht dabei in die Vollen. Seine Schläge bluten, die Bühnenmorde gehen leicht und spröde, ja professionell von der Hand; Gewalt und Bedrohung hinter jeder Wodkabude und Schüsse selbst von Kinderhand. Politik besteht hier in der Kraft des Stärkeren, die Logik der Mafia.

Die (nicht mehr ganz) aktuellen Politikhäupter werden dazu aktuellerweise schon zu Beginn überdimensional zur Schau und zu Grabe getragen. Das geknechtete, zum Jubel gezwungene Volk erhöht Putin, Blair und (wieder) Berlusconi. Damit es das tut, wird es geschlagen, getriezt, gepeinigt. Nun ja, Kindermörder sind unsere modernen Staatsoberhäupter nun nicht gerade, doch die Mechanismen der Mediendemokratie wie des modernen Populismus hat Bieito damit recht gut wiedergegeben. Der Regiejux, dass der neue, sich zur Regentschaft überreden lassende Boris aus der Königsloge seinem Volk und dem Publikum entgegentritt, erinnert an die Kür des TV-Hochadels.

Auch die Idee, aus den chronikenschreibenden Mönchen Journalisten zu machen, überzeugt. Grigorij (mit noch zu steigerndem Tenor Sergey Skorokhodor) – mit Phototasche auf der Flucht vor dem System – gibt den Kriegs- und Krisenberichterstatter. Nach Uraniumskandalen und wiederholten Repressionen gegen die freie Presse auch im arabischen Frühling aktueller denn je. Doch er will mehr. Vom Kirchenanzeiger zur Hauptstadtpresse sozusagen. Und nach der kühlen Logik der Macht und mit genügend mörderischer Rücksichtslosigkeit erreicht er sein Ziel am Ende. Hoffnung durch den Machtwechsel entsteht dadurch aber keine. Boris Godunow

Überhaupt beschreibt diese Inszenierung pessimistische Isolation. Am grandiosesten mit dem beeindruckenden Bühnenkubus, dem Bunker, dem Öltank, der Skulptur von Rebecca Ringst. Abgeschlossen, wendig und aufklappbar spiegelt sie die Misere der Macht. In einem oligarchischen feschen Mikrokosmos vegetiert dieser Boris an seinen Skrupeln und am Alleinsein der Herrschaft. Stimmgewaltig und nachvollziehbar auf dem Weg in den tödlichen Wahn überzeugt trotz weniger Glanzlichter in der Partitur nach der Art der Operà dialogué Alexander Tsymbalyuk. Er sitzt in seiner russischen Arche und sieht dem Geschehen zu. Egozentrisch mit sich beschäftigt, seine Skrupel los und doch diesen am Ende ausgeliefert.

Daneben Volk, Masse, Mensch. Analog zum bereits bestechend am Haus inszenierten Khovanshchina, das die diversen Soli noch via Splitscreen auf die Bühne aufteilte, streicht Bieito einfach – etwa den aus dem Rahmen fallenden Polenakt. Er konzentriert Handlung, Agieren und die eindringliche Musik zu einem Politkammerspiel.

Bei der Besetzung greift das Haus auf bewährte Kräfte um den sensationellen Anatoli Kotscherga als Chroniker Pimen und den quietschigen Ulrich Reß in einer Nebenrolle zurück. Nagano hantiert, wie bereits 2007, gekonnt mit der schweren, seidigen Musik und den donnernden brillianten Chören.

Damit ist ein aktueller, schwerer und doch zeitloser Kommentar gelungen. Mussorgsky liefert dafür eine reiche Musik und offene Handlung, aus der Bieito das Optimum herausholt, ohne den Sinn zu verfälschen.

Musikalische Leitung Kent Nagano /Inszenierung Calixto Bieito /Bühne Rebecca Ringst /Kostüme Ingo Krügler /Licht Michael Bauer /Dramaturgie Andrea Schönhofer /Chöre Sören Eckhoff /Boris Godunow Alexander Tsymbalyuk / Fjodor Yulia Sokolik /Xenia Eri Nakamura / Xenias Amme Heike Grötzinger /Fürst Schuiskij Gerhard Siegel /Andrej Schtschelkalow Markus Eiche /Pimen Anatoli Kotscherga /Grigorij Otrepjew Sergey Skorokhodov /Warlaam Vladimir Matorin /Missail Ulrich Reß /Schenkwirtin Okka von der Damerau /Gottesnarr Kevin Conners /Nikititsch Goran Jurić /Leibbojar Dean Power /Mitjucha Tareq Nazmi /Hauptmann der Streifenwache Christian Rieger

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Interview mit Angela Brower

Head Shots 2007 012 Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben, Frau Brower. Vielleicht erzählen Sie uns zum Einstieg etwas über Ihren Werdegang?

Ich komme aus Amerika, aus Phoenix, Arizona. Ich habe an der Arizona State University studiert und dort meinen Bachelor’s Degree gemacht. Dann habe ich an der Indiana University studiert für meinen Master’s Degree.

Hatten Sie da schon während des Studiums die Möglichkeit, ganze Rollen szenisch auszuprobieren?

Während meines Studiums habe ich nur die Zweite Dame aus der Zauberflöte einstudiert und auf der Bühne gesungen. Oh, ja, und in meinem Master‘s Degree habe ich Cherubino gesungen, das war toll. Ich habe in der Zeit nicht so viele Rollen gesungen. Ich habe im Studium viele Lieder und Melodien einstudiert und gesungen, und Stimmtechnik gemacht. Nicht so viele Opernrollen.

Im Jahr 2008 wurden Sie in das „Young American Artists Program“ der Glimmerglass Opera aufgenommen. Welche Möglichkeiten ergaben sich dadurch?

2008 war ich bei dem „Young American Artists Program“. Daraus ergab sich die Möglichkeit für mich, hier in München zu sein. Denn zwei Personen von der Bayerischen Staatsoper waren nach New York geflogen. Sie veranstalteten ein Vorsingen für die Bayerische Staatsoper – es ist eine amüsante Geschichte, weil ich mich nicht für das Vorsingen angemeldet hatte. Ich dachte mir: „Ich habe noch ein Jahr Studium vor mir, ich bin noch nicht so weit, ich kann noch nicht nach Deutschland gehen.“ Aber ich war Cover (d.h., Zweitbesetzung) für Giulio Cesare. Die beiden Männer von der Bayerischen Staatsoper kamen zur Probe und hörten mich singen, als Giulio Cesare, weil meine Kollegin nicht da war. Sie sagten: „Warum haben Sie sich nicht für das Vorsingen heute angemeldet?“, denn sie hatten den ganzen Tag Vorsingen. Ich sagte: „Ich weiß nicht.“ (Lacht.) Dann hatten wir am nächsten Tag ein Vorsingen, und sie sagten: „Wir hätten großes Interesse daran, dass Sie zu uns kommen.“ Von da an änderte sich alles für mich. Ich habe Amerika verlassen, ich habe mein Auto verkauft. Ich kam nach München und fing im Opernstudio an, und ab dann war alles wunderbar.

Zur Spielzeit 2008/2009 kam der Wechsel nach München. Wie kann man sich die Arbeit im Opernstudio vorstellen?

Es war wirklich toll und ein sehr gutes Erlebnis für mich. Ich habe viel gelernt, und habe noch viel zu lernen, und es war besser als – nun, nicht besser, aber ich habe mehr gelernt als an der Universität. Ich sollte das nicht sagen, denn ich habe an der Universität viel gelernt, Stimmtechnik und Lieder, und so weiter. Aber hier in München hatte ich die Möglichkeit, auf der Bühne zu spielen und zu singen. Dadurch bin ich wirklich gewachsen als Sängerin, besonders als Opernsängerin. Wir haben gute Kollegen hier, und ich habe wirklich tolle Möglichkeiten, zu singen und zu spielen auf der Bühne.

Sie haben natürlich hier dann auch noch die Möglichkeit gehabt, die ganzen Kollegen zu hören.

Ja, und von den besten Sängerinnen der Welt zu lernen. Es ist ein Traum, wirklich!

Seit der Spielzeit 2010/2011 sind Sie festes Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper. Welche Veränderungen ergaben sich durch diesen Wechsel vom Opernstudio ins feste Ensemble?

Die erste Veränderung war, dass ich mehr Zeit hatte. (Lacht.) Im Opernstudio sind wir so beschäftigt, wir hatten jeden Monat Konzerte, und dazu unsere Rolle auf der Bühne. Wir hatten immer so viel zu tun. Es war wirklich anstrengend. Als ich im Ensemble war, konnte ich endlich „aufatmen“, sofort. Ich bin dankbar für meine Zeit im Opernstudio, wirklich. Ich beschwere mich nicht, es war wundervoll. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, das half mir, als ich dann im Ensemble war, ich konnte viel daraus mitnehmen. Ja. Was sich änderte war: Ich bekam mehr Rollen, mehr große Rollen zu singen, natürlich, und mehr Möglichkeiten, auf der Bühne zu singen und zu spielen.

In dieser Spielzeit waren Sie in einigen Mozartrollen zu hören: Dorabella in Cosi Fan Tutte, Cherubino in Le Nozze di Figaro und Zweite Dame in der Zauberflöte. Wie ist Ihre Beziehung zu dem Komponisten Mozart?

Ich liebe Mozart. (Lacht.) Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich Mozart schon geliebt. Meine Mutter spielt Klavier, nicht professionell, aber sie liebt es, zu spielen. Ich habe immer Musik gehört, besonders Mozart. Ich war immer fasziniert von seinem Genius, seinem Intellekt und seiner Musik. Als ich dann größer wurde und zu singen begann, habe ich es geliebt, Mozart zu singen. Es ist sehr gesund. Es macht Spaß, es liegt mir einfach. Es ist gut für meine Stimme, Mozart zu singen, und ich spüre das.

Man kann auch immer gut die Stimme überprüfen bei Mozart.

Ja. Es gibt eine besondere Farbe in Mozarts Musik, glaube ich. Ich genieße es sehr.

Die Produktion an der Staatsoper …

Ja. In Le Nozze di Figaro, Cherubino ist natürlich eine tolle Rolle zu singen. Sie ist wirklich lustig. Es gibt so viele Farben in diesem Charakter, in seiner Mentalität und seinen Motiven. Dorabella auch. Sie ist mir ähnlich. Ich liebe es, diese Figur zu singen, es ist wirklich schön.

Die zwei Produktionen sind ja auch wirklich schön.

Ja. Danke!

Sie waren auch als Wellgunde in Wagners Rheingold und Götterdämmerung zu hören. Wie war die Zusammenarbeit mit Kent Nagano und dem Regisseur Andreas Kriegenburg?

Der Ring war ein großes Projekt. Und das war, ich muss es ehrlich sagen, eine Herausforderung für mich, Wagner zu singen. Denn gleichzeitig habe ich auch Mozart gesungen, und das sind völlig unterschiedliche Fächer, sozusagen. Aber ich hatte das Glück, dass ich gute Kollegen hatte, Eri Nakamura und Okka von der Damerau. Es ist so schön und so angenehm, mit ihnen zu singen, und das machte dieses Erlebnis einfacher für mich. Wagner – Mozart – Wagner – Mozart, das war ein bisschen anstrengend. Ich musste lernen, beide zu singen, in einer gesunden Art und Weise. Kent Nagano war toll, und Andreas Kriegenburg war auch toll. Das ganze Team hat uns sehr unterstützt und war nett, und das hilft, das hat mir geholfen. Ich hatte das Gefühl dass ich wirklich spielen konnte auf der Bühne. Das hilft meiner Stimme, freier zu sein.

Können Sie uns in diesem Zusammenhang erzählen, wie Sie sich eine neue Rolle erarbeiten?

Die Vorbereitung auf eine neue Rolle? Zuerst kaufe ich einen Klavierauszug. Dann höre ich mit einer CD die ganze Oper, lese den Klavierauszug durch, markiere meine Partie mit einem Leuchtstift und übersetze den Text ins Englische, damit ich wirklich verstehen kann, was ich singe und was ich fühle. Dann singe ich von Anfang an. Ich muss sagen, dass ich es liebe, eine CD zu hören. Ich kann nicht so gut Klavier spielen. Ich kann es ein bisschen, gut genug, aber ich möchte alle Gefühle von der Musik. Das hilft. Ich liebe es auch, von anderen Sängerinnen zu lernen. Es ist auch interessant für mich, wie zum Beispiel Anne Sofie von Otter das singt, oder Susan Graham oder Frederica von Stade, denn diese Sängerin bringt immer unterschiedliche Farbe und Ideen in ihre Partie ein.

Kommen wir zum Hoffmann. Bei den Festspielen waren Sie als Nicklausse / Muse in Les Contes d‘Hoffmann zu hören. Ist das eine Rolle, die Ihnen in Stimme und Darstellung besonders liegt?

Hoffmann. Ich liebe Hoffmann!

Das merkt man!

Das war mein „big break“! (Lacht.) Wir hatten so viel Spaß! Ich bin wirklich traurig, dass es schon vorbei ist, denn ich habe so viel gelernt durch diese Rolle. Über mich selbst, als Person und als Sängerin, und auch über das Spielen und Singen auf der Bühne. Das war anfangs eine große Herausforderung für mich. Diese Rolle war ganz neu für mich, es war mein Debüt. Die Frage ist natürlich immer: Wie läuft das, oder wie geht das? Ich muss sagen: Rolando Villazón war super für mich, ein ganz toller Kollege. Ich habe so viel von ihm gelernt, nur dadurch, dass ich ihm zugeschaut habe, wie er auf der Bühne spielt. Und das geht perfekt mit meiner Figur, denn ich sollte sein Spiegel sein. Ich liebe diese Figur. Die Musik ist nicht so einfach zu singen. Sie ist wirklich hoch, und dann wirklich tief. Die Barcarole ist so tief. Das erste Stück, als die Muse sich vorstellt, liegt sehr hoch. Ich hatte also diese große Bandbreite von hoch zu tief, aber es hat gut funktioniert. Ja, ich war sehr glücklich damit. Es ist eine wunderschöne Rolle, und ich habe sie sehr gerne gesungen, wirklich.

Es ist ja immer ein bisschen schwierig mit den verschiedenen …

Ja. – Hoch, und dann ganz tief. In drei oder vier Stunden, es ist wirklich anstrengend.

Da sind so Kollegen wie Rolando Villazón oder Diana Damrau schon hilfreich.

Ja. Sie waren super. Sie haben mich so sehr unterstützt, sie haben mir so viel positive Energie gegeben. Das hilft, immer. Ich war auf der Bühne mit diesen großen Stars und habe gedacht: „Warum bin ich da?“ (Lacht.) Es war wirklich unglaublich für mich, ein schönes Erlebnis.

War das jetzt dann bei den Festspielen schwieriger, mit den ganzen Umbesetzungen?

Ja, das war interessant, und wir hatten nicht so viele Proben vor unserer ersten Vorstellung. Wir haben einfach unser Bestes gegeben. Es war anders, aber ich denke, es war letztendlich okay.

Machen Sie lieber Neuproduktionen oder Repertoire?

Meinen Sie die Inszenierung? Okay … ich komme aus Amerika. Wir haben normalerweise traditionelle Inszenierungen, das war also meine Mentalität. Aber als ich herkam, wurde ich da aufgeschlossener. Ich liebe beide. Ich glaube, zuweilen ist es passender und besser, bei der traditionellen Inszenierung zu bleiben. Aber manchmal finde ich es interessant, wenn eine neue Idee umgesetzt wird. Das kann sehr interessant sein, besonders für ein europäisches Publikum. Europäer sind mit Opern vertraut. In Amerika sind wir das nicht, also müssen wir Amerikaner vielleicht noch mehr über Opern lernen. Ich glaube, deshalb haben wir mehr traditionelle Inszenierungen. Aber hier in Europa ist es interessanter, etwas extremer zu sein oder so. Aber beide Inszenierungsweisen sind gut.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten?

Mozart. Ich liebe Mozart. (Lacht.) Immer Mozart. Aber es gibt so viele gute Komponisten. Strauss, ich liebe Strauss auch. Fauré. Debussy. Chausson. Rossini, das macht Spaß. Ja. Ich liebe Mozart. Warum? Weil ich von Mozart immer so viel lerne, denn es ist etwas Grundlegendes. Man muss eine gute Technik haben, ein gutes Verständnis von Belcanto-Technik. Es ist immer gut, zu Mozart zurückzukommen.

Welche Rollen stehen noch auf Ihrer Wunschliste?

Welche Rolle ich noch singen möchte? Charlotte in Werther würde ich sehr gerne singen, und Octavian im Rosenkavalier. Hänsel in Hänsel und Gretel. Ich singe diese Rolle im Dezember, das ist schön. Ja, viele. Diese dramatischen Rollen wie die Charlotte. Strauss: Octavian, Komponist. Es gibt viele wundervolle Partien. Ich entdecke immer wieder Neues und sage: „Oh, dies möchte ich singen, oh, das möchte ich singen.“ Und ich muss mir selbst sagen: Immer mit der Ruhe. Stück für Stück.

In der nächsten Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper kommt Rosina in Il Barbiere di Siviglia. Freuen Sie sich auf diese Aufgabe?

Ja! Ja! Auch Rosina. Ja, ich freue mich darauf. Es wird mein Debüt sein, ich habe diese Rolle noch nie gesungen. Es ist eine großartige, sehr traditionelle Inszenierung. Die Produktion ist sehr schön. Es macht viel Spass, Rossini zu singen, die Koloraturen, es ist immer eine interessante Herausforderung. Ich verwende dieses Wort oft, sorry. Es ist immer interessant, es ist nicht immer so leicht, aber wenn man es dann singen kann, fühlt es sich wirklich gut an. Ich freue mich sehr darauf.

In welchen Rollen können wir Sie in Zukunft hören?

In der nächsten Zukunft? Ich bin noch zwei weitere Jahre hier in München. Ich hoffe, dass noch weitere interessante Aufgaben auf mich zukommen. Ich habe ein Konzert im Oktober beim “Maggio Musicale” in Florenz, ich werde Leonard Bernsteins „Sinfonie Nr. 1 Jeremiah“ singen. Dann habe ich im April 2013 ein Konzert mit dem NDR Sinfonieorchester Hamburg und mit Donald Runnicles, und das wird spannend. Ich werde Ravel und Chausson singen, das wird schön. Ich bin noch zwei Jahre hier, wir werden sehen, was noch geschieht. Ich weiß es nicht, ich bin gespannt. Neue Aufgaben kommen jetzt, das ist schön. Ich werde Octavian singen, in der Zukunft, aber Genaueres kann ich noch nicht verraten, aber das kommt, darauf freue ich mich. Wir werden sehen.

Sie singen ja auch gerne Lieder. Liederabende, wird es da etwas geben?

Noch nicht. Aber ich habe mit meiner Agentur gesprochen, denn ich möchte gerne einen Liederabend machen. Ich liebe die Wesendonck-Lieder von Wagner, die möchte ich gerne singen. Wenn ich einen Liederabend mache, möchte ich auch etwas von Brahms singen, und etwas von Fauré, und einige französische Melodien.

Es ist natürlich schwieriger, einen Liederabend vorzubereiten.

Ja. Denn es ist keine Rolle, man kann sich nicht verstecken. Ich bin es, die singt. Es ist nicht Cherubino, es ist Angela Brower, und das ist schwer. Man ist – verletzlich. Ich kenne viele Sänger, die Liederabende hassen, weil das so schwierig ist. Und stimmlich – man hat keine Pause, man singt eineinhalb Stunden, und manchmal sehr schwere Lieder. Ich denke, das wäre eine gute Erfahrung für mich. Ich habe noch keine Pläne für einen Liederabend, aber ich hoffe, dass es bald dazu kommt.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Gern geschehen!

(Das Interview wurde geführt am 8. August 2012 in München.)

 

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