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Der bayerische Sturm, 05.05.2018, Stadttheater Landshut

Der Sturm von William Shakespeare ist wohl unangefochten mein liebstes Theaterstück. Daher besuche ich natürlich möglichst alle Inszenierungen dieses Werkes in meiner Nähe. Als ich im Programm des Landestheater Niederbayern vom Bayerischen Sturm gelesen habe, musste ich natürlich mal wieder ins schöne Landshut in das Theaterzelt reisen (das Stadttheater wird im Moment renoviert). Es war die siebte Inszenierung des Sturms, die ich bisher gesehen habe und sicherlich die interessanteste Interpretation dieses Werkes.

Foto: Peter Litvai

Regisseur Wolfgang Maria Bauer versetzte die gesamte Handlung des elisabethanischen Schauspiels an sich in den Kopf Prosperos, eines an Alzheimer erkrankten Patienen in einer bayerischen Pflegeanstalt. Der ältere Mann sitzt meist vor einem Computerbildschirm, der Bilder einer tropischen Insel zeigt. Um ihn herum diskutieren die Schwestern und Pfleger anfangs über ihren Berufsalltag und ein geistig verwirrter Mitpatient versucht mit ihm zu kommunizieren und setzt sich dann schließlich ins Publikum. Zunächst gibt es also nicht viel Shakespeare zu hören, bis man schließlich während eines Anfalls in die Gedankenwelt des Kranken eintaucht. Dort lernt man den Luftgeist Ariel kennen, den treuen Diener Prosperos, der sich nun völlig klar und würdevoll als verstoßener Herzog Mailands sieht. Auch trifft der Zuschauer auf den Wilden Caliban, der jedoch anfangs nicht die menschliche Sprache beherrscht, sondern erst vom gestrandeten Trinculo tiefstes Bairisch lernt. Alle anderen Figuren erscheinen in der Gestalt des Krankenhauspersonals. Von da an läuft die Handlung von Shakespeares Werk, wenn auch stark gekürzt und mit weniger Personen (so wurden unter anderem der König von Neapel und sein Bruder gestrichen) ab, immer wieder unterbrochen von Ausflügen in die „Realität“. So reicht der Patient Propsero etwa die Hand seiner Lieblingskrankenschwester bzw. in seiner Fantasie seiner Tochter Miranda dem sympathischen Pfleger Ferdinand alias Prinz von Neapel. Diese Wechsel werden durch das Lichtdesign immer deutlich angezeigt. Gerade gegen Ende werden diese Realitätswechsel immer häufiger. Und schließlich merkt man, dass die beiden reinen Fantasiegestalten für Prosperos Kampf mit seiner Krankheit stehen: Ariel für seinen klaren Verstand, Caliban für das Vergessen und die Unfähigkeit sich zu artikulieren.
Das Bühnenbild und die Kostüme von Aylin Kaip zeigen vor allem die Kontraste zwischen Fantasie und Realität. Das Krankenzimmer ist ein halbrunder, steriler Raum mit riesigen Milchglasfenstern, die in verschiedenen Farben beleuchtet werden und in denen sich verschieden große Öffnungen befinden, die ein wenig an die Schubläden erinnerten, mit denen Psychologen gerne die menschliche Erinnerung vergleichen. In die Kostüme fließen verschiedene Elemente aus der Klinik ein, Ariel ist zum Beispiel in reine, weiße Verbände gewickelt, während Caliban eine dreckige Zwangsjacke trägt. Die Decke des Kranken wird zum Herzogsmantel und stellt sich später als überdimensionaler Bucheinband heraus, da ja auch Wissen und Bücher für Shakespeares Helden eine wichtige Rolle spielen.
Olaf Schürmann zeigt als Prospero eine beeindruckende Leistung. Der Darsteller wirkt am Anfang tatsächlich wie ein kranker alter Mann, der sich nicht mehr richtig artikulieren und bewegen kann und nur noch wenige klare Momente zeigt. In seinen Gedanken ist er jedoch ein stolzer und würdevoller Herrscher. Katharina Elisabeth Kram macht dem Luftgeist Ariel mit fließenden, sanften Bewegungen und milder Stimme alle Ehre. Joachim Vollrath habe ich witzigerweise bei meiner allerersten Inszenierung des Sturms vor neun Jahren als Ariel gesehen, nun durfte er in die Rolle des Wilden Caliban schlüpfen, der anfangs trotz fehlender Sprache seiner Wut gegenüber Prospero Ausdruck verleihen kann. Reinhard Peer darf als Trinculo beziehungsweise Verrückter in der Klinik für die Lacher des Abends sorgen, was einem manchmal aber im Halse stecken bleibt, wenn uns die Tragik der Situation eines geistig kranken Menschen bewusst wird. Paula-Maria Kirschner, Mona Fischer, Laura Puscheck und Ella Schulz spielen zumeist die Krankenschwestern und zeigen zusammen mit dem „Kollegen“ Julian Niedermeier vor allem den Alltag des Pflegepersonals, der trotz allen Stresses auch noch Menschlichkeit und Güte beinhaltet.

Untermalt wird die Inszenierung von der Musik Johnny Cashs, die von einem Musiker, der jedoch nicht in die Handlung eingreift, life gespielt und zum Teil von den Darstellern auf Englisch und Bairisch gesungen werden.

Foto: Peter Litvai

Der einzig kleine Kritikpunkt war, dass ich mir unter dem Titel ein wenig mehr Einflüsse aus der bayerischen Kultur und Sprache erwartet hatte. Die einzig bairisch sprechenden Rollen sind Trinculo und Caliban und die Klinik befindet sich in Bayern. Trotzdem war ich jedoch in keinster Weise enttäuscht.
Man braucht eventuell ein wenig, um die Kombination zwischen der Pflegethematik und Shakespeares Stück zu verstehen, doch lässt man sich erst einmal darauf ein, ist Der bayerische Sturm ein spannender und bewegender Theaterabend. Noch bis 2. Juni haben Zuschauer in Landshut, Straubing und Passau diese herausragende Inszenierung zu sehen. Weitere Informationen können auf der Webseite des Landestheaters Niederbayern gefunden werden.

http://landestheater-niederbayern.de/events/235

Regie: Wolfgang Maria Bauer
Kostüme / Bühne: Aylin Kaip

Prospero: Olaf Schürmann
Antonia, seine Schwester: Paula-Maria Kirschner
Ferdinand: Julian Niedermeier
Caliban: Joachim Vollrath
Trinculo: Reinhard Peer
Miranda: Mona Fischer
Ariel: Katharina Elisabeth Kram
Zwei Krankenschwestern: Laura Puscheck, Ella Schulz
Johnny Cash: David Moorbach

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Musik und Menschlichkeit – Die Deutsche Orchestervereinigung setzt ein Zeichen

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens vlnr ©Maren Strelau

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Halle an der Saale, 24. April: Die rund 300 Gäste in der Georg-Friedrich-Händel-Halle, fast alles Berufsmusiker, erheben sich geschlossen und applaudieren begeistert dem Kollegen auf der Bühne. Dort steht Albert Ginthör vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Doch nicht einer musikalischen Darbietung gelten die Ovationen sondern dem beispielhaften Mut und der Hartnäckigkeit, mit der der Geiger seinem afghanischen Musikerkollegen Ahmad Shakib Pouya das Leben gerettet hat.

Eine Geschichte wie ein Opernlibretto: Seit 2010 lebt Pouya, der in seiner Heimat wegen seiner pro-westlichen Einstellung von den Taliban mit dem Tod bedroht wird, in Deutschland, integriert sich vorbildlich und wirkt als Hauptdarsteller des Gomatz in “Zaide. Eine Flucht” (ein Opernprojekt auf Basis der unvollendeten Mozartoper Zaide) mit. Doch die deutschen Behörden wollen ihn in seine angeblich sichere Heimat abschieben. Da eine Abschiebung eine Wiedereinreisesperre nach Deutschland nach sich ziehen würde, entschließt sich Pouya, “freiwillig” nach Afghanistan zurückzukehren.

Albert Ginthör, der über das Opernprojekt mit Pouya in Kontakt kommt, erkennt, wie gefährlich diese Reise ist. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung des Kollegen zu verhindern. Doch alle Petitionen, auch an hochrangige Politiker, bleiben erfolglos. So entschließt sich Ginthör ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, Pouya nach Kabul zu begleiten. “Wenn die Behörden meinen, Afghanistan sei ein sicheres Land, dann sollen sie sich mal um meine Sicherheit kümmern” meint er beherzt und setzt sich als einziger Europäer (von den Abschiebebeamten einmal abgesehen) in den Flieger.

In Kabul angekommen erwarten ihn und Pouya Maschinengewehre und ständige Angst und Unsicherheit. Sie wechseln ständig ihren Aufenthaltsort, Kontakte mit Freunden und Familie von Pouya sind schwierig, um diese nicht zu gefährden. Eine Art Leben im Untergrund. Gleichzeitig versucht Ginthör, Pouya einen Termin in der Deutschen Botschaft zu verschaffen, um ihm die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen.

Dank der Intervention der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und eines neuen Rollenangebotes der Münchner Schauburg für das Fassbinder-Stück “Angst essen Seele auf” gelingt es schließlich, Pouya mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland wieder einreisen zu lassen.

Happy End also und gleichzeitig die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.

Wie bei fast jeder Geschichte, bei jedem Theaterstück frage ich mich: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich irgendwann aufgegeben? Hätte ich auch mein Leben riskiert? Bei Opernstoffen ist diese Identifizierung immer ein Stück weit Phantasie, aber hier, bei dieser Geschichte, da ist es etwas anderes. Und ich glaube, genau das ist es, was uns Albert Ginthör gezeigt hat: Wer von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt ist, wer Gerechtigkeit und Menschlichkeit liebt, der lebt auch dafür und da stellt sich die Frage nach dem “Ob” gar nicht, da gibt es nur eine Antwort, die das Gewissen einem gibt: Gib nicht auf, tu alles, um dein Ziel zu erreichen.

Das haben wohl alle Gäste im Saal gespürt und Albert Ginthör applaudiert, als er ein wenig schüchtern (“wenn ich Ihnen auf meiner Geige etwas vorspielen dürfte, wäre das etwas anderes”) den undotierten Sonderpreis des Hermann Voss Kulturpreises 2018 entgegennimmt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Auch die Hauptpreisträgerin, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW hat mit Leidenschaft und persönlichem Einsatz etwas wertvolles erreicht, nämlich den Kulturhaushalt ihres Bundesland signifikant zu erhöhen. Das verdient gerade in einer Zeit, die von unsäglichen Neid-Debatten geprägt ist, großen Respekt. Ist es denn nicht so, dass Kultur zeigt, wie gut es um eine Gesellschaft bestellt ist, dass Kultur uns vereinfacht gesagt, erst zu “Menschen” macht?

Gerade für mich als Coach für Stressbewältigung war auch das restliche Programm des prall gefüllten Tages absolut spannend. In dem Forum, für das ich mich eingeschrieben hatte, ging es vorrangig um die “Arbeitsbedingungen für Musikvermittler(inne)n”. In der Diskussion mit einer der Referentinnen, der Psychiaterin Dr. Déirdre Makorn wurde aber schnell klar, dass nicht nur Musikvermittler (diese vor allem durch die wirtschaftliche Unsicherheit ihres Berufsfeldes) sondern auch alle Orchestermusiker einer erhöhten Stressbelastung ausgesetzt sind. Das hat viel mit Ängsten zu tun (zu versagen, Fehler zu machen etc.) als auch mit den Konflikten in einem Team, das aus lauter hoch spezialisierten Individualisten besteht. Leistungsdruck bei Vorspielen sind nur der Anfang, auch im späteren Orchesteralltag bewegen sich die Musiker(innen) stets auf einer Gratwanderung zwischen Perfektionismus, Leistungsanspruch und der Be- und oft Ab-Wertung von Kolleg(inn)en und – nicht zu vergessen! – auch von sich selbst. Ich denke, das ist den wenigsten von uns bewusst, wenn wir ins Theater oder Konzert gehen und beim Genuss der Musik uns bereichern lassen.

Dieser Tag hat mir viele Erkenntnisse geschenkt und ich bin sicher, dass ich mit noch mehr Hochachtung als ich sie bisher schon hatte, auf die Bühne und in den Orchestergraben schauen werde.

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Vom Fliehen und Fliegen, 25.1.2018, Hofspielhaus

Das Hofspielhaus hat sich für mich mittlerweile als Adresse für spannende und ungewöhnlichere Theaterabende eingebürgert, so war ich auch sehr neugierig, was mich bei der Musiktheaterperformance Vom Fliegen und Fliehen erwarten würde.
Die Geschichte nach einer Parabel von Ingeborg Bachmann klingt eigentlich recht simpel: eine kleine Angestellte in einem Callcenter landet durch Zufall in einem Laden, der Träume verkauft. Anfangs zögerlich versinkt die Protagonistin in diesen Träumen, die letztendlich ihr geregeltes Leben zerstören.

Foto: Peter Schultze

Dieses geregelte Leben wird anfangs von der Darstellerin Bervian Kaya (die zusammen mit dem Regisseur Sebastian Brummer die Performance erarbeitete) beinahe provokant dargestellt. Mit einem gezwungen zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einer scheinbar unerschütterlichen Ruhe wiederholt sie in den ersten Minuten immer wieder pantomimisch den Tagesablauf ihrer Figur: aufstehen, Zähne putzen, essen, immer wieder dieselben Floskeln bei ihrem Job im Callcenter, schlafen gehen… Dieser scheinbar ewige Kreislauf wird erst unterbrochen, als sie ihren Wohnungsschlüssel nicht mehr finden kann. Auf der Suche nach Hilfe landet sie zufällig in einem kleinen, heruntergekommenen Laden mit einem großen Stapel schlichter Kisten. Der Inhaber des Ladens, gespielt von Fatima Dramé, ist im Gegensatz zur „grauen Maus“ der Hauptfigur ein lauter und bunter Zeitgenosse. Er schafft es, seine Kundin neugierig zu machen und zeigt ihr eine kleine Schachtel, die ihr einen Traum von Urlaub und Meer zeigt. Kurze Zeit später findet die Heldin einen herrenlosen Schatten, der den letzten Traum seines Besitzers nicht sehen konnte und daher nun alleine bleiben muss. Daher suchen die beiden im Laden nach einem neuen Traum, der zwar idyllisch beginnt, dann aber zum Albtraum von Krieg und Zerstörung wird. Davon traumatisiert flieht sie aus dem Laden und kann sich von da an nicht mehr auf ihren Alltag und ihre Arbeit konzentrieren und wird schließlich entlassen. Vorwurfsvoll wendet sie sich an den Ladenbesitzer und bricht schließlich im Laden zusammen, da es ihre Lebenszeit gekostet hat, den Träumen nachzuhängen.
Ich war nie ein Fan des „typischen“ Performance-Theaters, dieses Werk zeigt jedoch eine klare Handlung und Struktur, was es trotz der sehr philosophischen Thematik nicht allzu schwer macht, ihr zu folgen. Auch gibt es tatsächlich auch kleine humorvolle Momente, etwa wenn die Protagonistin ihren verlorenen Schlüssel nach dem Genuss von merkwürdigem grünem Bier aushustet oder wenn der Ladenbesitzer wirklich schlechte Witze reißt.
Auf der kleinen Bühne wird die Mystik des Themas sehr geschickt dargestellt mit von innen leuchtenden Kisten und der Projektion von Urlaubsbildern und dem einsamen Schatten. Die musikalische Untermalung dieser Szenen kommt zum Teil vom Band, wird aber auch virtuos life gespielt von der Saxofonistin Carolyn Breuer. Man versteht also auch ohne viele Requisiten, was erzählt wird.

Foto: Peter Schultze

Das Spiel der beiden Darstellerinnen ist jedoch definitiv das Fesselndste an diesem Abend, vor allem ihr Gegensatz. Die Protagonistin von Bervian Kaya wirkt zu Beginn immer kontrolliert, schüchtern aber doch zufrieden mit ihrem Leben. Doch ganz ohne Träume wirkt dieses Leben trist und leer. Fatima Dramé als Ladenbesitzer, der schon seit Jahrtausenden Träume verkauft, scheint die Hauptfigur am Anfang zu überfordern, doch ist hinter dieser überschwänglichen Fassade die Erkenntnis, dass in der heutigen Zeit selbst die Kinder verlernt haben zu träumen. Schließlich wünschen sich heute alle nur noch einen sicheren Job, Geld, einen perfekten Partner. Die Menschen leben nur noch um zu arbeiten und nicht anders herum.
Am 15. und 22. Februar gibt es noch einmal die Möglichkeit, diese Performance im Münchner Hofspielhaus zu sehen.

Mit Carolyn Breuer, Berivan Kaya und Fatima Dramé.
Regie: Sebastian Anton Maria Brummer
Bühnenbild: Peter Schultze

https://www.hofspielhaus.de/files/hsh/media/ProgrammePlakateFlyer/2018/DU_Flyeralarm_Spielplan_HSH_01-02-2018_420x594mm.pdf

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Ein Hoch auf das Geburtstagskind!

Innenraum des Gärtnerplatztheaters Mein liebes Gärtnerplatztheater,

kann man eine Institution, ein Gebäude lieben? In den letzten acht Jahren habe ich gelernt: man kann.

Unsere erste Begegnung fand wohl im Jahr 1991 statt, eine Vorstellung der Lustigen Weiber von Windsor, an die ich leider überhaupt keine Erinnerung habe. Erinnern kann ich mich an eine My Fair Lady, auch wenn ich damals noch nicht ahnte, dass ich dieses Stück noch zig-mal sehen würde. Und dann kam dieser schicksalhafte 28.05.2007 mit einer Vorstellung der Undine. Ich weiß es noch genau, in der 14. Reihe Parkett saß ich damals und was genau mich so fasziniert hat, bleibt unser beider Geheimnis, ok?

Von da ab besuchte ich Dich öfter, Die lustigen Weiber von Windsor, Der Barbier von Sevilla und wieder Undine. Dann war auch schon das Spielzeitende, es gab ein großes Abschiedsfest für den scheidenden Intendanten Klaus Schultz, vier Stunden dauerte es, ich konnte kaum sitzen wegen einer Schulterverletzung, aber Du hast mich nicht losgelassen.

In der Spielzeit 2007/2008 wurde unser Verhältnis intensiver, ich besuchte Dich jetzt in fast jedem Stück, nur mit dem Ballett hat es nicht so richtig geklappt, das kam erst später. Du hast mich eintauchen lassen in Deine Faszination, hast mir neue Welten erschlossen, mir eine Seite von mir gezeigt, die ich bis dahin nicht kannte. Ich wollte bei Mücken, Wespen, Fliegenchor aufspringen und tanzen, summte die Melodien aus Fra Diavolo beim Verlassen des Theaters und hatte hartnäckig Melodien im Kopf, die mich auch mehrere Tage nach der Vorstellung nicht verließen.

Die Spielzeit 2008/2009 brachte dann das erste Premierenabo, zusätzlich dazu gab es jede Menge Wahlabos, in der Spitze über 20 pro Spielzeit. Ich habe nämlich mit meiner Liebe zu Dir nicht hinterm Berg gehalten und auch andere Menschen damit angesteckt. Überhaupt, andere Menschen. Ich habe mit Dir und durch Dich Menschen kennengelernt, die mir viel bedeuten. Meine älteste Schulfreundin nach Jahren des losen Kontakts wiedergefunden und nicht mehr losgelassen. Eine Stammbesucherin, die Dich seit 65 Jahren kennt und mir viel von Deiner Geschichte nach dem Krieg erzählt hat, ist mittlerweile samt Familie zur guten Freundin geworden. Andere Dauerbesucher, Einlasspersonal, man kennt sich einfach, wenn man sich jeden zweiten Abend im Theater sieht. Schließlich durfte ich auch eine Blick hinter die Kulissen werfen und Deine Mitarbeiter kennenlernen.

Ich bin Dir auch hinterhergefahren. Piraten und Traviata in Ingolstadt, Liebe und Eifersucht in Ludwigsburg und Bayreuth, Boccaccio, Viva la Mamma! und Der Bettelstudent in Köln, Martha und Orpheus in der Unterwelt in Heilbronn, Mahagonny in Fürth und als absoluten Höhepunkt in Istanbul. Ich fand es immer sehr faszinierend, wie Deine Stücke auf anderen Bühnen gewirkt haben. Manche meiner Bekannten halten mich für verrückt, weil ich mir Stücke fünfundzwanzigmal ansehe, fünf Abende die Woche im Theater bin und einen großen Teil meines Geldes und meiner Freizeit in das Theater investiere. Ich sage: ich bin verliebt.

Und dann kam der Abschied am 22.04.2012, weil Dein Heimathaus geschlossen werden musste, um es sanieren zu lassen. Es war nötig und es war wichtig, dass es zu diesem Zeitpunkt geschah, aber es hat trotzdem wehgetan. Seitdem bist Du auf Wanderschaft durch die schönen und weniger schönen Spielstätten in München und ich bin Dir überall hingefolgt. So wie ein großer Teil Deines Stammpublikums und auch viele neue Freunde konntest Du in dieser Zeit gewinnen.

Die Spielzeit 2012/2013 schließlich brachte mir die Erfüllung eines Traumes, von dem ich bis dato gar nicht wusste, dass ich ihn hatte: Ich durfte als Statistin selbst auf der Bühne stehen. Gut, ich hatte vor Urzeiten mal im Schultheater den Schiller in einem Stück mit drei Varianten von Das Lied von der Glocke gespielt, aber meine Erinnerung daran ist eher geprägt von Schwitzen, Stammeln und Magenproblemen. Bei Dir habe ich mich vom ersten Augenblick wohl gefühlt, angekommen und glücklich. Ja, Du hast mir zuvor und auch danach viele Glücksmomente geschenkt, aber auf Deinen Brettern zu stehen, ist etwas ganz besonderes für mich. Seit diesem Zeitpunkt bin ich Dir mit Haut und Haar verfallen.

Seit acht Jahren hast Du mein Leben geprägt und mich verändert. Ohne Dich wäre ich heute ein anderer Mensch. Ich habe mit Dir gelacht, geweint, gezittert und gefeiert. Du hast mir neue Welten erschlossen, als Publikum und als Beteiligte. Danke für diese wunderbare Zeit!

Heute wirst Du 150 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, altes Haus, und bleib weiter so jung, wie Du bist.

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Kriegenburgs Ring an der Münchner Staatsoper als Menschheitsgeschichte – Eine Regiekritik

Die Walküre Wie viele sind an der Tetralogie gescheitert. Wie viele wurden von der Presse gescheitert, gescholten und getriezt. 2012 hat es nun also der Schauspielmann Kriegenburg nach seinen massiven Achtungserfolgen mit dem Wozzeck an der Staatsoper und dem Prozess an den Kammerspielen versucht. 2013 wurde der Ring zum Wagnerjahr mit einigen Umbesetzungen natürlich wieder aufgenommen und wird zu den Opernfestspielen erneut aufgeführt.

Um es vorweg zu nehmen: Die Regielinie ist grandios, schlüssig, neuartig und liefert bei den – selbst für barfüssige Wagnerianer manchmal zähen – 21 Stunden des Rings (bis auf den 2. Walküreakt) Schauwerte, Bühnenzauber und Kurzweil beim Untergang der Götter. Ein wirklicher Skandal ist ihm dabei bis auf die im Grunde zahmen Walkürenrosse wie dem betulichen Euroschaukelross (Gott sei Dank?) nicht gelungen.

Kriegenburg legt den Ring anthropologisch an und will nichts weniger als eine ästhetische Menschheitsgeschichte vorlegen, die als simpler wie genialer Ansatz mit Menschen und um Menschen spielt. Herden von bewegungs- und einsatzbereiten Statisten füllen die ausladende Staatsopernbühne. Zu Beginn des Rheingoldes als friedliche, picknickende weiße Urgemeinde vor dem Sündenfall der blauen Besudelung, die die Menschenhorde dank blauer Farbe in einen schönen, wabernden, aus Körperliedern fließenden Rhein verwandelt, der die berühmte Ouvertüre im wahrsten Sinne des Wortes ausfüllt. Sie kehren den ganzen Ring hindurch wieder, als gepeitschte Knechte des Nibelungen, als “comic-relief”-Ensemble der Schmiedeszene und immer wieder als Lichtmenschen, die anhand elektrischem Bühnenbeleuchtungszauber, einer subjektiven Kamera gleich, Licht auf die Sänger werfen, Intimität erzeugen und machmal notwendigerweise auch das Licht wegnehmen.

Zweisamkeit gibt es deshalb keine. Selbst in der dialogischen Annäherung zwischen Siegmund und Sieglinde bleibt die menschliche Staffage dabei, und wichtiger noch zwischen den Soli. Sie verhindern eine Annäherung der Blutsverwandten und erzeugen doch einen wahrhaft menschendeln Schutzraum für die folgende, inzestuöse Verschmelzung der Geschwister.

Nicht umsonst hat Spencer Tunick diesen Ring begleitet und mit gleicher Bildsprache der nackten, bemalten Körper fotografisch sozusagen eine Analogaussage zu Kriegenburgs Ansatz im Haus auf die Stufen vor dem Haus hingeworfen. Die Aussage der beiden Künstler ist eine Verwandte: Der Mensch entwickelt sich und gipfelt in der Katastrophe der Moderne. Nach drei lyrischen Teilen ist dieser nämlich bei Kriegenburg über die Antike (Götterstatuen des Rheingolds) und das Mittelalter (Ritter der Walküre) und die Industrialisierung (Pistolenkampf bei Fafner im Siegfried) in der Jetztzeit der Eurokrise angekommen. Die Rheinsöhne und -töchter sind nicht mehr die blau gischtenden, freien Körper, sondern vertaktete, synchronisierte Büromasse mit Aktenkoffern in aschfahlem Alltagsgrau. Die leere Bühne füllt sich mit Kapitalismus-Tand und die Natur – im Siegfried noch menschliche Bäume – verkommt zum eingetüteten Schauobjekt hinter Glas. Siegfried passt ebenso wenig wie die Idee des Freien, ja Menschlichen in diese kalte Jetztzeit und geht mit dem ganzen System im Rahmen eines Bankenbrandes unter.

Erst am Ende lässt Kriegenburg die weißen Menschen zurückkehren, die Gutrune – das Zentrum seiner optimistischen Schluss-Idee – trösten und in eine menschlichere, positive Zukunft nach dem Weltenbrand zurückführen.

 

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Theater, überraschend

Ich bin ja ein absoluter Feind dieser roten Tafeln zwischen den Säulen, das passt gar nicht zu dem Theater meines Vertrauens. Aber eine Schrift im Portal gab es offensichtlich auch irgendwann nach dem Krieg, die Karte, die  mittlerweile meine  stetig wachsende Gärtner-Sammlung ergänzt, gibt nichts weiter her. (Klicken macht groß)

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Leipzig 2009, Tag 5

Heute stand zwar keine Buchmesse mehr auf dem Programm, aber Kultur gab es trotzdem. Zuerst am Vormittag eine Führung über den alten Johannisfriedhof, mit sehr viel Wissen und Lokalkolorit wieder von dem Vorsitzenden der Paul-Benndorf-Gesellschaft durchgeführt. Besonders gut gefallen hat mir ein Grabmal, auf dem ein Text aus Calderon de la Barcas “Das Leben ein Traum” zitiert wird:

Was ist Leben? Trug der Sinne
Was ist Leben? Ein Schatten kaum
Ein Verblühn schon beim Beginne
Ein Phantom ein Schatten kaum

Keine leichte Kost für einen regnerischen Sonntagvormittag, aber manchmal brauche ich das.

p1000682p1000679p1000678Nachdem ich mich mit einem riesigen Kaffee erst mal innerlich und äußerlich wieder aufgewärmt hatte, ging ich mit meiner Begleitung der spannenden Frage nach, wie man ohne Karten in die Musikalische Komödie kommt. Ich hatte diese am Dienstag telefonisch bestellt und vereinbart, dass sie an der Kasse hinterlegt werden. Das Telefonat mit Herrn Nachtgedanken heute morgen ergab jedoch, dass die Karten doch übersandt wurden. Alles kein Problem, weil ich ja telefonisch bestellt habe, hätte ich über Internet, das aber ja nicht geht, weil nur bis drei Wochen vorher, weil man ja dann nicht mehr zuschicken könne….verstanden habe ich die Logik hinter dem Ganzen nicht, Hauptsache, wir waren drin. Bericht über die Vorstellung erfolgt später.

Das Abendessen in sehr netter Begleitung (nein, diesmal kein Schnitzel) rundete einen sehr gelungenen Tag ab. Leider beinhaltete er auch den temporären Abschied von zwei sehr lieben Eulen – aber wie heißt es so schön: man liest sich!

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Nachtgedanken, literaturgestresst

Irgendwie fühle ich mich momentan ziemlich als Versager. Ich bringe keine Leserunde zu Ende, ich habe einen Haufen angelesener Bücher rumstehen, von denen jedes Einzelne wert ist, zu Ende gelesen zu werden, mein SUB schwingt sich in vorher nie erreichte Höhen.Hier im Blog fehlen vier Rezis.

Dabei lese ich. In jeder freien Minute. Falls mich mal jemand sieht: ich bin die, die immer ein Buch in der Hand hat.

Morgens um halb sechs in der S-Bahn, in der Pause im Gärtner, nach der Vorstellung auf dem Heimweg.

Und trotzdem schaffe ich meine selbstgesteckten Ziele nicht. Zu viel vorgenommen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich zur Zeit permanent ein schlechtes Gewissen habe.

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Nachtgedanken, nachdenklich

Gerade wollte ich von den Friedhöfen schreiben, die ich gestern besucht habe. Wie gerne ich diese Orte aufsuche, weil sie für mich eine Stätte des Friedens, der Ruhe und des Nachdenkens sind.

Später vielleicht. Jetzt sind meine Gedanken bei einer Freundin, deren Mutter im Sterben liegt.

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Seltsame Moralvorstellungen

Laut BR-Online und diversen anderen Medien hat Martin Walser folgendes von sich gegeben:

Sowohl in Diskussionen in Politik und Wirtschaft als auch im Kulturbetrieb müsse stärker bedacht werden, dass es immer mindestens zwei Seiten einer Wahrheit gebe, sagte Walser («Tod eines Kritikers») am Mittwoch in München laut Redemanuskript beim 60-jährigen Jubiläum der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. «Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr», sagte Walser, der Akademie-Mitglied ist.

Als Beispiel nannte Walser den Siemens-Korruptionsskandal. «Neuestens hat die Verdächtigungsbereitschaft den Siemens-Konzern entdeckt», sagte er. Es sei bekannt, dass sich Firmen auf der ganzen Welt ihre Aufträge mit Hilfe von Bestechung besorgten. So sei es auch bei Siemens gewesen. Dabei hätten sich allerdings keine Manager persönlich bereichert. Bis 1998 seien solche Praktiken in Deutschland nicht einmal strafbar gewesen.

Quelle

Ah ja, hier taucht mal wieder ein Opernmotiv im Real Life auf, Cosi fan tutte, alle machen es. Und weil es alle machen, ist es in Ordnung, egal ob es unmoralisch ist oder nicht.

Wobei nebenbei bemerkt, in obigen Beispiel werden Firmen geschädigt, die versuchen, ohne Bestechung an Aufträge zu kommen. Und von Erfolgsbeteiligung hat Herr Walser anscheinend auch noch nie was gehört.

Sollte ich dem Herrn mal irgendwo begegnen, werde ich mich neben ihn setzen, das Iphone auf volle Lautstärke die Toten Hosen dröhnen lassen und ihn dann mal zu heuchlerischen Moralvorstellungen, die er den Deutschen vorwirft, befragen. Denn schließlich tuns alle und strafbar ist es auch nicht. Nur asozial.

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