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Thomas Keneally, 25.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Thomas Keneally at the 2019 Edinburgh International Book Festival
©Edinburgh International Book Festival

Eine der schönsten Veranstaltungen war für mich jene mit dem unglaublich charmanten und begeisterungsfähigen 83-jährigen Thomas Keneally, moderiert von Leslie McDowell im ausverkauften Main Theatre.

Er sei vor ein paar Jahren in Sydney geboren worden, habe als erster Australier den Booker Preis gewonnen und durch „Schindlers Liste“ sehr berühmt geworden. Gewinner zahlloser Literaturpreise und Nationalschatz von Australien, stellte Leslie McDowell ihn kurz vor und merkte mit einem Augenzwinkern an, dass Thomas Keneally gedroht habe, zu singen.

Thomas Keneally selbst freute sich sehr über die Einladung zum Book Festival in Edinburgh, nicht zuletzt, weil der Ursprung von Waltzing Matilda in Schottland liege, auch wenn es um einen Schafscherer ginge, der quer über den australischen Kontinent zu seinem Mädchen reise. Das Lied sei allen Australiern und vermutlich auch vielen Schotten sehr vertraut – so vertraut, dass ein Großteil des Publikums schnell mit einstimmte, als Thomas Keneally begann, Waltzing Matilda zu singen.

Seine Frau und er sind die Nachfahren von Strafgefangenen, die nach Australien deportiert wurden, u.a. für den Diebstahl eines Stoffballens in Limerick/Irland. In Australien sei seine Familie nie in Konflikt mit dem Gesetz gekommen, aber natürlich habe man in Australien niedrigere Standards.

1,8 Millionen Australier würden von Frauen abstammen, die in den für Fabriken arbeiteten, extra für weibliche Strafgefangene errichtet wurden. Viele Männer reisten nach ihrer Freilassung gezielt dorthin, hatten sich über Kontaktanzeigen mit Frauen verabredet. Sie machten den Frauen im Schnitt rund 1,5 Stunden den Hof, dann wurde ein Heiratsantrag gemacht und es ging ab in den Dschungel. Dann sang er sang einige Zeilen aus einem australischen Volkslied.

©Hodder&Stoughton

Im Mittelpunkt seines neuen Buches The Book of Science and Antiquities (in Australien unter dem Titel Two Old Men Dying erschienen) stehen um zwei alte Männer, der rund 42 000 Jahre alte Shade und der heute lebenden Shelby. Es gehe um unsere vergessenen Erinnerungen. Wenn wir Die Geschichte der Welt nach Boris Johnson lesen würde, wären die Ureinwohner Australiens klägliche, nackte und arme Wesen, die abfällig Pickaninny genannt würden.

Diese Sicht auf die Ureinwohner Australiens als unglückseligen Randbewohner wolle er korrigieren, denn sie seien schon vor 42 000 Jahren deutlich fortschrittlicher gewesen als man denke. Er sehe Mungo Man als Antwort auf die vorherige beiderseitige Ignoranz und hoffe, dass über Mungo Man zwischen Ureinwohnern und der anderen Bevölkerung mehr Gemeinsamkeiten entstehen könne. Die konservativen Politiker Australiens hätten kein Interesse an Mungo Man, auch wenn dieser zwanzig Mal so bedeutend wie Ramses sei.

Es sei diskutiert worden, ob er selbst die richtige Person sei, um darüber zu schreiben, da er kein Ureinwohner ist. Während des Schreibens habe er eng mit Experten gearbeitet, um alles auf korrekte Fakten und Darstellung prüfen zu lassen.

Beim Schreiben suche er nach einer Lücke in der Geschichte und 42 000 Jahre Abstand seien viel Abstand. So habe er zum Beispiel nicht die uns gewohnten Zeitangaben verwenden können, es habe andere Tiere gegeben wie zum Beispiel ein 2,5 Tonnen schweres Wombat.

In seinen Büchern befasse er sich mit einer Vielzahl verschiedener Themen, doch häufig stünde ein Kampf um Leben und Tod. Die im Mittelpunkt stehende Figur habe immer eine Überlebenschance, hätten Handlungsspielraum. Seiner Meinung seien seine Bücher optimistisch. Thomas Keneally beschrieb sich als Gefangener der Hoffnung und zitierte dazu Desmond Tutu. Er habe sich gefragt, wie das Leben gewesen sei, als Mungo Man lebte. Wenn man sich vorstelle, wie mutig die Menschen damals waren, so könne man Lieder darüber singen und es feiern. Die Australier seien gleichzeitig die besten Dichter und Killer der Welt.

Abwechselnd werde aus der Perspektive von Shelby und Shade erzählt. Der Dokumentarfilmer Shelby ist an Speiseröhrenkrebs erkrankt (eine Krankheit, die Thomas Keneally erst vor kurzem überlebte), aber noch nicht bereit, daran zu sterben. Der deutlich jüngeren Shade gehört zu den Stammesältesten und seine Vorfahren erscheinen ihm in Träumen.

Wenn er heute Schindlers Liste schreiben würde, wäre es ein anderes Buch. In der Originalfassung sei Oskar eine Linse auf etwas Unvorstellbares gewesen. Oskar habe alle Phase des Holocausts gesehen. Vor einiger Zeit habe er mit zwei Überlebenden des Holocausts gesprochen und sie seien sehr erstaunt darüber gewesen, wie früh Oskar Schindler von den Gaskammern gewusst habe. Das sei nur durch streng geheime Informationsquellen möglich gewesen.

Wenn er es heute schriebe, hätte es einen anderen Ton und eine andere Handlung. Schauplatz sei eine Stadt in der jetzigen Zeit und es seien möglicherweise Fake News. Bücher seien Kinder ihrer Zeit. Nur wenige gute Bücher könnten überleben, wie z.B. die von Charles Dickens oder die von George Eliot.

Lesley McDowell fragte, ob sich seine Herangehensweise mit der Zeit geändert habe, ob er zorniger, politischer geworden sei. Thomas Keneally ist der Ansicht, er sei kämpferischer geworden und als australisch-irischer Hillbilly leiste er sich in der heutigen Zeit diesen Luxus. Das Verhalten australischer Politiker entsetze ihn. Der Premierminister habe ein Stück Kohle mit ins Parlament gebracht um zu zeigen, dass man sich davor nicht fürchten müsse. Dieser Mann sei taub gegenüber der Zukunft und ein Künstler der Kurzfristigkeit, („Our PM is tone deaf to the future. He is an artist of short termism.”) dessen Politik das Great Barrier Reef zerstören werde.

In Schottland habe er Glasgow immer als die wilde, heidnische Seite gesehen, 48 Meilen vom zivilisierten Edinburgh entfernt. Ian Rankin habe dies geändert, flachste er mit einem Augenzwinkern. Sydney und Canberra seien rund 150 Meilen voneinander entfernt und man überlege, so etwas wie Gandhis Salzmarsch als Protest zu veranstalten.

Als er einige Zeit in den USA verbrachte, habe ihm selbst der Geist und der selbstabwertende Humor der Australier gefehlt. Die Amerikaner stammten von Menschen ab, die zu gut für England gewesen seien, seien Heilige gewesen. Die Australier hingegen seien aus England ins Straflager geschickt worden und daher ein ganz anderer Menschenschlag.

Die Bücher von Kate Grenville seien brilliant und beschäftigen sich damit, wie die australischen Ureinwohner das Eintreffen der ersten europäischen Siedler bewältigten.

Auf die Verfilmungen seiner Bücher angesprochen reagierte Thomas Keneally deutlich gelassener als viele andere Autoren. Er habe die Regisseure gekannt und wisse, dass für sie das Buch ein Sprungbrett sei, in dem sie einen Erzählstrang finden müssten und dann etwas Neues schaffen. Steven Spielberg habe bei den Dreharbeiten immer die Seiten des Buchs neben das Skript gelegt, sich davon jedoch nicht in seiner Phantasie einschränken lassen. Ein Autor sollte das verstehen, dann gebe es weniger gebrochene Herzen. In der Verfilmung von Schindlers Liste gebe eine Szene, die so faktisch nicht möglich sei, aber der Geist der Literatur solle der im Film erzählten Geschichte nicht im Weg stehen.

Zum Ende hin bedankte sich Thomas Keneally nochmal bei allen und entschwand ins Signierzelt, wo er noch mehrere Stunden verbrachte.

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