Madame Butterfly, 27.07.2011, Gärtnerplatztheater

Zum letzten Mal, diese Worte tun immer besonders weh, wenn einem eine Produktion gut gefällt. So erging es mir auch an diesem Tag. Seitdem ich diese wirkliche wunderbare, intelligente, einfach passende Inszenierung von zum ersten Mal gesehen habe, hat sie mich in ihren Bann gezogen. Die Übertragung ins heutige Japan funktioniert wirklich sehr gut und gefällt mir genauso gut wie die “authentische” der Staatsoper.
Obwohl mir das Orchester an manchen Stellen einfach zu laut war, habe ich diese Vorstellung sehr genossen. Die wirklich ausgezeichneten Solisten dieses Abends, allen voran die fabelhafte , die dieses junge Mädchen so herzzereissend singt und spielt. glänzte als Sharpless und sang den Pinkerton wie immer sehr gut. Hans Kittelmann hat mir als Goro wirklich ausgezeichnet gefallen, ebenso wie und .
Ein würdiger Abschied für dieses tolle Stück.

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7. Kammerkonzert – Festkonzert »Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden«, 24.07.2011, Gärtnerplatztheater

Ich muss gestehen, ich habe noch nie bewusst etwas von Gustav Mahler gehört. Aber ich habe ja schon so viele Sachen zum allerersten mal in Münchens schönsten Theater gehört, warum also nicht auch mal was von Mahler.
Den ersten Block bildeten “Die Lieder eines fahrenden Gesellen”, hervorragend vorgetragen von Daniel Fiolka. Das ist sicher etwas, das ich mir nochmal in aller Ruhe anhöre, beim ersten Mal habe ich mehr auf die Stimme geachtet als auf die Instrumente. Außerdem war das die Fassung für Kammerensemble von Arnold Schönberg, vielleicht ist das mit Orchester ja ganz anders.
Nach der Pause stand die Sinfonie Nr. 4 G-Dur auf dem Programm. Unter der musikalischen Leitung von Benjamin Reiners spielte das Kammerensemble in Höchstform. Ich empfand die Musik zwar nicht immer als melodisch, aber der Dialog der einzelnen Instrumente trat sehr deutlich hervor. Leider war dies die letzte Vorstellung des jungen und sehr talentierten Dirigenten, der ab der nächsten Spielzeit an der Staatsoper Hannover tätig ist. Ich empfinde das als herben Verlust für das schönste Theater Münchens, auch als Zuschauer hat man gemerkt, dass Ensemble und Orchester immer sehr gerne und gut mit ihm zusammen gearbeitet haben.
Im letzten Part der Sinfonie sang das Sopransolo, wie man es von ihren Bühnenauftritten gewohnt ist, mit sehr viel Ausdruck in der Stimme.
Insgesamt ein sehr schönes Konzert zum 10-jährigen Bestehen der Kammerkonzertreihe und ein Highlight zum Ende der Spielzeit.

Die Piraten von Penzance, 23.07.2011, Gärtnerplatztheater

Wenn ich richtig mitgezählt habe, war das die 25. Vorstellung dieser Inszenierung, die ich besucht habe. Und ich habe keine Minute bereut.

Die Piraten von Penzance - Staatstheater am Gärtnerplatz - Premiere 15. Mai 2009

Das auffälligste an dem Gesamtkunstwerk “Die Piraten von Penzance” ist die unglaublich positive Energie, die davon ausgegangen ist. Ob es nun an den Melodien, dem Ensemble, der Regie, der Bühne, den Kostümen, dem Licht lag? Vermutlich an allem zusammen. Das schönste Theater Münchens bot aber auch ideale Bedingungen für eine gelungene Inszenierung: gute Sänger, das waren an diesem Abend , der dem Piratenkönig noch ein Hauch mehr komische Durchschlagskraft verlieh als sonst, , die die Mabel resolut spielte und fein sang und , dessen Frederic einfach unglaublich schön gesungen und unglaublich komisch gespielt war. Den drein ein nichts nach standen als Samuel, als Generalmajor,  als Sergeant und Frances Lucey, Carolin Neukamm und Ulrike Dostal als die Leading Ladies der Töchterschar, nur Susanne Heyng war mir persönlich etwas zu sehr zurückhaltend.

Staatstheater am Gärtnerplatz, Die Piraten von Penzance, Premiere: 15.5.2009

Ihnen allen ist eines gemein: ein unglaublich komisches Talent, dass auch der wunderbare, zwitschernde Damenchor und der Piraten und Bobbies hervorragend repräsentierende Herrenchor besitzt. Ohne dieses Talent, ohne die wirklich gute Übersetzung und ohne ein Orchester, das den feinen, britisch-ironischen Ton von Arthur Sullivan so gut trifft, wäre das Stück sicher nicht so ein Erfolg geworden.

Staatstheater am Gärtnerplatz, Die Piraten von Penzance, Premiere: 15.5.2009

Ich bin sehr gespannt, ob die Neuinszenierung von “Der Mikado” in der nächsten Spielzeit wieder diese Leichtigkeit, diesen Witz und diese ironische Überzeichnung schafft, die das Münchner Publikum so ins Herz geschlossen hat. Das wäre ja dann zumindest ein Trostpflaster. So bleibt mir nur zu sagen: ByeBye Piraten, Bobbies, Mädchen, Generalmajor und Ruth (sind die beiden nicht ein allerliebstes Paar?), Sergeant und Edith, Samuel und Kate, Frederic und Mabel, Piratenkönig! Ich hab Euch in mein Herz geschlossen.

 

alle Bilder © Lioba Schöneck

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Lesung Richard Dübell, 19.07.2011, Restaurant Ludwigs

Nachdem ich die in Leipzig dieses Jahr verpasst hatte, bot sich hier die Gelegenheit, das versäumte nachzuholen. Und wer schon einmal eine des sympathischen Autors besucht hat, weiß, dass sich dafür auch lange Anfahrtswege lohnen.

In diesem Fall war kein weiter Weg nötig, den die fand im Restaurant Ludwigs statt, dass in München direkt am Viktualienmarkt liegt. Die Veranstalter hatten sich alle Mühe gegeben, den Raum lesungsgerecht herzurichten, allerdings war es sehr warm und der Autor, der ein Kostüm trug, war wirklich nicht zu beneiden. Außerdem wurde während der an der Bar gearbeitet und trotz Mikrofon waren diese Hintergrundgeräusche sehr störend.

Zu Beginn erklärte uns der Autor seine Gewand. Es war die typische Kleidung eines Edelmannes, Rogers de Bezers oder Rudolf von Habsburg könnten so etwas getragen haben. Besonders Hallo gab es im Publikum, als es an die Beinlinge und die Bruche ging und blieb es auch nicht erspart, einmal ganz kurz die Haube aufzusetzen ;-)

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik des Romans las der Autor eine Szene vom Beginn des Romans und zwar diejenige, die in den Besuch des Bischofs und seiner Entourage im Hospiz mündet. Wer die Szene kennt, weiß, dass es hier viel zu Lachen gab. Denn wie kein zweiter versteht es jeder Figur Leben einzuhauchen, indem er sie mit einer anderen Stimme versieht. Danach gab es eine kleine Pause, in der der Autor Bücher signierte, während draußen schon mal der Weltuntergang geprobt wurde.

Im zweiten Teil gab es dann eine eher zarte Stelle, die Nacht, in der Rogers und Yrmengard das erste Mal allein sind. Auch hier kamen die Emotionen sehr gut rüber, unterstützt noch durch leise, passende Musik und Töne. Danach beantwortete sehr geduldig Fragen des Publikums. Am Ende dieses sehr gelungenen Abends gab es viel verdienten Applaus für ihn.

 

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Der Freischütz, 16.07.2011, Veranstaltungsforum Fürstenfeld

Da ich den Freischütz zwar unheimlich gerne mag, aber die aktuelle Inszenierung am schönsten Theater Münchens szenisch ziemlich unterirdisch finde, war ich sehr gespannt auf die halbszenische Umsetzung im Rahmen des Jubiläumskonzertes zum 150-jährigen Bestehen der Chorgemeinschaft Fürstenfeldbruck.

Regisseur brachte das Wunder fertig, auf der eher kleinen Bühne ca. 80 Mitwirkende des Chores unterzubringen und den Solisten trotzdem noch Freiraum zum Spielen zu geben. Er verlegte die Handlung in die Fünfziger Jahre, was in sich stimmig war und die Geschehnisse stärker an das Publikum heranbrachte. Ein guter Teil davon dürfte sich eh an die Zeit noch erinnern ;-) Die Personenführung der Solisten war gut, besonders die Idee, den Samiel (ganz ausgezeichnet ) auch als Erzähler auftreten zu lassen, das straffte die Handlung etwas und lies keine Längen aufkommen. Auch sonst machte aus wenig viel, zum Beispiel hat mir die Wolfsschluchtszene sehr gut gefallen, trotz sicher eingeschränkter technischer Möglichkeiten war es ziemlich gruselig.

Die Solisten waren durch die Bank hervorragend. spielte und sang bei seinem Rollendebüt den Kaspar sehr eindringlich, genauso wie Tenor den Max. Auch die Frauenseite war exzellent besetzt, als Agathe und als Ännchen haben mir wirklich ganz ausgezeichnet gefallen, in den Duetten harmonierten beide Stimmen ganz wunderbar. Die restlichen Rollen waren mit , , und sehr gut repräsentiert. Der Chor spielte ein bisschen mit und sang sehr schön, auch wenn es mich etwas gewundert hat, dass einige Herren noch vom Blatt singen mussten. Das Orchester unter fand genau den richtigen -Ton, dramatisch und sanft zugleich.

Am Ende viel Jubel für alle Beteiligten, eigentlich schade, dass es nur eine Vorstellung gab. Das hätte ich mir glatt nochmal angesehen.

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Madame Butterfly, 16.07.2011, Gärtnerplatztheater

Vor zwei Jahren hat mich diese Inszenierung von sehr beeindruckt. Sehr modern, aber gut. In dieser Vorstellung war ich mit der Gesamtsituation irgendwie unzufrieden. Die Solisten waren alle hervorragend, und es kamen trotzdem nicht viele Emotionen auf. Ich fand es bedauerlich, dass der Kostümbildner nicht in einen Kimono investiert hat, und ich überlegte genervt, warum Cho-Cho-San denn nicht den reichen Yamadori nimmt. Da ist einer, der sie liebt, und sie ist zu blockiert, um das wahrzunehmen. Die Leute stehen sich ständig selbst im Weg, immer wieder ärgerlich anzusehen. – Wenn mein Gehirn sich an den sekundären Handlungssträngen aufhängt, ist das meist kein gutes Zeichen: Das war im großen und ganzen nicht die Gedankenwelt, die die Regisseurin erzeugen wollte. An diesem Abend war, für mich jedenfalls, ziemlich der Wurm drin. Das Orchester spielte für meine Ohren ganz außergewöhnlich ungewohnt. Teilweise klangen die Musiker so unbeholfen durcheinandergewürfelt, als würden sie ohne Dirigent spielen, und über weite Strecken waren sie einfach zu laut für den wundervollen lyrischen Sopran von , die ich über alle Maßen schätze, aber das Orchester muss sich natürlich anpassen, damit die Sänger angemessen zur Geltung kommen. Wenn diese schon auf Deutsch aufgeführt wird, hätte ich gerne auch ein bisschen was vom Text verstanden.

maneki_neko

Als ich das hochinteressante Interview mit las (hier auf diesem Blog), und über ihre Interpretation von Puccinis Intentionen nachdachte, bekam ich einen heftigen Anfall von Pedanterie, was vor allen Dingen zeigt, dass Hintergrundwissen dem Kunstgenuss nicht immer zuträglich ist: Ich meine, mit Puccini ist sein südländisches Temperament durchgegangen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Butterfly, eine Japanerin, tatsächlich die Drama Queen gewesen wäre, als die er sie darstellt. Natürlich kann man Puccini nicht vorwerfen, dass er nicht in Wikipedia recherchiert hat, und man wusste damals im Westen noch herzlich wenig über die japanische Mentalität. Mich reizt es aber zum Lachen, wenn Puccini sein romantisches Ideal der leidenschaftlichen Liebe (deren Größe oft nur durch den Tod eines Protagonisten so richtig überzeugend gezeigt werden kann) auf seine japanische Hauptfigur überträgt. Was er damals nicht wusste, ist, dass in der japanischen Gesellschaft Ehe und Sex nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun haben. Eine Freundin von mir sah in ihrer japanischen Gastfamilie, wie die Dame des Hauses ihrem Ehegatten völlig selbstverständlich neben seinem Taschengeld auch das Geld für seinen zweiwöchentlichen Bordellbesuch vorzählte. (Vermutlich mit der Ermahnung verbunden, nicht wieder das teuerste Mädchen zu nehmen.) Das ist für Japaner ganz normal. Was Puccini, der für ein vielseitiges Liebesleben bekannt war, sich wohl auch nicht vorstellen konnte: Asiatische Frauen interessieren sich bei Europäern eher für die inneren Werte. Oder, anders ausgedrückt: Viele Asiatinnen finden westliche Männer nicht per se äußerlich attraktiv. Das weiß ich jedenfalls von chinesischen Bekannten und einer koreanischen Freundin, und es ist schwer vorstellbar, dass für die abgeschottete, teilweise xenophobe japanische Kultur etwas anderes gelten sollte.

Die Sache mit den Ritualsuiziden ist in Japan ja leider aus der Mode gekommen: Statt der Entschuldigungen und Verbeugungen der Tepco-Manager, die für Fukushima verantwortlich sind, hätte ich persönlich lieber ein paar traditionelle Seppuku-Rituale gesehen (wobei Seppuku übrigens den Samurai vorbehalten war). So ein ritueller Selbstmord wurde damals ordentlich vorbereitet, oft über Monate hinweg, und war festen Regeln unterworfen, mit Protokollanten, Totengedicht und weißer Trauerkleidung. Er konnte durchaus auch Protest ausdrücken, aber er wurde nicht aus einem Affekt heraus durchgeführt, sondern wurde eher als Schlußpunkt für offizielle Angelegenheiten gewählt, selten für private Probleme. Bei Frauen gab es auch Ritualselbstmorde, aber das waren nur wenige Einzelfälle. Selbstverständlich hat die japanische Sprache ein anderes Wort dafür, sobald es sich um Frauen handelt: Jigai. Zwar waren Japaner in früheren Zeiten sehr ehrpusselig, aber das Konzept der “Ehre” schließt einen gewissen Pragmatismus nicht aus. Ich gehe ohnehin davon aus, dass Geishas einen elastischeren Ehrbegriff hatten als die Normgesellschaft. Es scheint wenig glaubhaft, dass ausgerechnet eine Geisha (beziehungsweise, wenn sie erst fünfzehn ist, wäre sie wohl eine Geisha-Schülerin) sich nur wegen eines Mannes derart echauffieren würde. Ein Mädchen aus dem Geisha-Milieu würde wissen, dass a) nicht nur Frauen wankelmütig sein können, b) andere Mütter auch schöne Söhne haben und c) sowieso in jedem Prinzen ein Frosch versteckt ist.

Das wäre hier Benjamin Franklin Pinkerton. In dieser Rolle konnte ich mir zuvor nicht so richtig vorstellen, aber ich fand ihn super, ganz große Klasse. Ebenfalls hervorragend war als Konsul Sharpless. als Suzuki sang sehr gut. Erstaunlicherweise wirkte sie vor der Pause nicht besonders japanisch, nach der Pause aber schon. Die anderen Sänger waren, wie gesagt, ebenfalls ausnahmslos alle gut. Dafür bin ich sehr dankbar, denn bei den ganzen Verwandten, Priestern und Beamten verliere ich immer sofort den Überblick. – Die rührendste Stelle der ganzen ist für mich übrigens nicht das Ende, wo Butterfly – nein, ich verrate nicht, wie es ausgeht – jedenfalls, die einzige Zeile, die ich aus diesem Abend mitgenommen habe, war von dem abgewiesenen Bewerber Yamadori, dargestellt von , der singt: “Ich gehe, aber mein Herz bleibt hier”, und dann setzt er seine Sonnenbrille wieder auf und verschwindet in der untergehenden Sonne. Ganz großes Kino. Ehem. Tschuldigung. Manchmal fehlt es mir einfach noch am nötigen Tiefgang.

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Ab heute heißt Du Sara, 10.07.2011, Gärtnerplatztheater

Über diese Vorstellung habe ich wieder drüben bei mucbook geschrieben.

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Die Liebe zu den drei Orangen, 09.07.2011, Gärtnerplatztheater

Nachdem uns hier langsam die Superlative ausgehen, wenn wir eine weitere exzellente Vorstellung von Sergej Prokofjews “Die Liebe zu den drei Orangen” besprechen wollen, werde ich jetzt einfach mal aus alten Liebesbriefen zitieren. Los gehts: “Zuerst fand ich dich ziemlich schräg, aber dann habe ich mich richtig heftig in dich verliebt. Dein hintergründiger Humor ist sehr ungewöhnlich.” (Aber ja, ich erinnere mich genau: Nach der ersten Verabredung hatte ich Kopfschmerzen.) Verliebtsein ist jedenfalls nichts für schwache Nerven, wie der getreue Truffaldino feststellt, der den Prinzen auf seiner Suche nach den Orangen begleiten muss. ( ließ sich zwar ansagen, aber er sang und spielte so hervorragend wie immer.) Baudelaire meinte dazu: “Liebe ist so unbedenklich und wohltuend wie ein Löffel Salzsäure auf nüchternen Magen.” Prokofjews Musik ist beim ersten Mal anstrengend, aber beim zweiten Mal geht es deutlich besser. Schon recht bald wird sie sogar sehr eingängig, und es kristallisieren sich regelrechte Gassenhauer heraus: Melodien, die ich auf der Straße pfeifen werde, wenn ich sie noch ein- oder zweimal gehört habe. Es gibt natürlich ganz verschiedene Spielarten der Liebe, und in diesem Stück werden sehr viele interessante Optionen umrissen. Zum Brüllen komisch finde ich die Szene, wo der Regisseur vermutlich sagte: “Die nächsten Minuten gibt’s Gruppensex für alle, und wenn danach jeder einen Stuhl wegträgt, dann ist die Bühne gleich wieder aufgeräumt.” – Ich weiß, ich bin ein schreckliches Lästerschweinchen, und ich möchte doch sehr bitten, meine kleinen Sticheleien souverän zu ignorieren, denn man muss neidlos zugeben: Die Inszenierung von ist perfekt. Ich liebe dieses Stück, es ist die interessanteste Inszenierung, die ich überhaupt jemals gesehen habe.

 

Die Liebe zu den 3 Orangen | Staatstheater am Gärtnerplatz
Bei der Besetzung hat man das Gefühl, da konnte einer aus dem Vollen schöpfen, auch wenn der Regisseur streng genommen wohl einfach nur das halbe Ensemble vorgesetzt bekam: An so einem Orangen-Abend stehen 16 Solisten auf der Bühne. Und sie sind alle sehr gut. Das wundert einen nicht mehr so, wenn man gehört hat, wie viel Energie der Intendant Dr. Peters dafür aufgewendet hat, die besten Kandidaten für sein handverlesenes Ensemble zu suchen und zu finden. An den Orangen sieht man, dass es diesen Aufwand wert war: Solch eine kann man sich nur in einem Ensemble-Betrieb gönnen, denn kein Intendant könnte es sich leisten, für so einen Abend so viele Gast-Solisten zu bezahlen. Umso ärgerlicher, dass der neue Intendant diese 150jährige Ensemble-Tradition des Gärtnerplatztheaters mal eben auf den Müllhaufen der Geschichte wirft. Schon unter künstlerischen Gesichtspunkten völlig unverständlich. Das ist genau wie bei kleinen Kindern: Spielzeuge kaputtmachen, aber nichts Neues aufbauen. Und dann ist es langweilig. – Ich warte schon gespannt wie ein Flitzebogen auf die Inszenierungen des Neuen. Ich nehme an, wir können uns auf Welt-Uraufführungen von Avantgarde-Opern wie “Warten auf Godot” und “Natascha Kampusch” freuen, wo jeweils nur zwei Solisten erforderlich sind, oder “Die Familie Barbapapa”, die man komplett mit Chormitgliedern besetzen könnte – ein Kinderspiel, auch weil manches andere Theater die Sänger, die das im Chor hat, mit Begeisterung als Solisten auf die Bühne stellen würde.
Aber weiter mit einem erfreulicheren Thema. Nächster Umschlag. Ein Computerausdruck. Liebesbriefe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. “Du bist so hinreißend witzig und sexy. Dieses tolle Kleid solltest du öfter tragen.” – Ja, vielen Dank, sehr freundlich, aber von meinem Gesicht war nicht die Rede? Wer war das denn eigentlich … da steht ja nicht mal der Name darunter. Männer denken ja immer, sie wären einzigartig. Und überhaupt: Marilyn Monroe hätte auch in einem Kartoffelsack gut ausgesehen. Da halte ich es eher mit dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent, der sagte: “Das schönste Kleid für eine Frau sind die Arme des Mannes, den sie liebt.” (Man beachte hier die interessante grammatikalische Konstruktion: Wenn man einen einzigen Buchstaben ändert, ist es eine ganz andere Geschichte.) Wobei eine Frau natürlich ein paar nette Sachen zum Ausziehen braucht. Das wunderschöne schwarze Kleid der Köchin, das aus Glasstäben bestehen und sehr schwer sein soll, wirkt bei dem Gentleman mit dem violetten Smoking sehr lang und bei der Lady, die sonst das weiße Kleid trägt, viel kürzer. Eines der vielen ungelösten Mysterien dieser Spielzeit.
Die Liebe zu den 3 Orangen | Staatstheater am Gärtnerplatz
Avanti il prossimo. Was für eine Schmiererei schon auf dem Umschlag. Von wem ist denn dieses Gekrakel? Das kann ja kein Mensch entziffern: “… aufregend … Dienstmädchen-Outfit … schwarze Strümpfe … erotisch …” Da kann ich mich jetzt gar nicht erinnern. Das ist mir jetzt aber unangenehm … entweder ich hatte einen Filmriss, oder … oh, ja, richtig, diesen Brief sollte ich überbringen und habe ihn aber nicht abgegeben, weil meine Freundin da gerade … aber das führt jetzt wirklich zu weit. Die Dienstmädchen-Kostüme und Strapse aus der Inszenierung kommen jedenfalls sehr gut, aber am meisten liebe ich die Kleider im Stil von Otto Dix. Sooo toll. Weiter mit dem nächsten Brief: “Ich denke oft an diesen Abend zurück.” Ja, ich auch, insbesondere an den Premierenabend von den “Drei Orangen”. Da gab es Augenblicke, die waren absolut atemberaubend. Nicht zuletzt erinnere ich mich an die wunderbare Szene mit , der als Prinz einfach traumhaft perfekt ist, wo er seiner Ninetta begegnet, besetzt mit der wunderbaren , die auch in jeder anderen Produktion jede Reise wert wäre: Der Prinz kniete sich neben Ninetta und nahm sie dann gleich ganz behutsam hoch, damit sie nicht zu lange auf dem kalten Boden liegen sollte. Etwas so Romantisches bekommt man nur selten zu sehen. Und von der zauberhaften Anfangsszene war sowieso schon die Rede.
Die Liebe zu den 3 Orangen | Staatstheater am Gärtnerplatz

P.S.: In dieser siebten (meiner dritten) Vorstellung habe ich es zum ersten Mal geschafft, Prinzessin Clarisse und die Hexe Fata Morgana zuverlässig auseinander zu halten.

P.P.S.: Das gehört jetzt wirklich nicht hierher, aber – an alle, die um Mitternacht mitgesungen haben: I love you! You made my day.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 06. und 07.07.2011, Rumeli Hisari Istanbul

Mich reizt am Gastspielen besonders die Möglichkeit, ein vertrautes Stück mal auf einer anderen Bühne zu erleben und zu sehen, wie es in einer anderen Umgebung als dem schönsten Theater Münchens wirkt.
Das Gastspiel am Bosporus war aber in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Da war zuerst einmal das Stück: . Würde dieses am sehr beliebte Stück in einer sich von unserer Kultur unterscheidenden angenommen werden? Die Organisatoren des 2. Istanbuler Opernfestival waren sich ihrer Sache sicher und der Publikumszuspruch gab ihnen recht. Zwei sehr gut besuchte Vorstellungen, ein in großen Teilen junges, türkisches Publikum folgte dem Geschehen auf der Bühne hochkonzentriert und feierte die Protagonisten am Ende mit Standing Ovations.
Diese waren auch mehr als verdient und galten sicherlich auch denjenigen, die nicht auf der Bühne standen, ohne deren gemeinsame Anstrengungen diese beiden Abende aber nicht möglich gewesen wären.
Denn gerade in diesem Stück wird die Drehbühne viel genutzt, fahren Stühle aus der Versenkung hoch, spielen Teile am Bühnenrand vor einem schwarzen Vorhang. Der Aufführungsort hätte unterschiedlicher nicht sein können: ein Amphitheater über dem Bosporus mit Felsenbühne und ohne Vorhang. Die Herausforderungen, die der Spielort an Bühnentechnik, Möbler, Beleuchtung, Ton, Orchester, Chor und Solisten stellte, wurden bravourös gemeistert. Schon allein, wie die drei großen Stühle, die die Klimax im Wachstum der Stadt Mahagonny symbolisieren, den Berg hinaufgeschafft und dort fixiert wurden, um in der Pause mit vereinten Kräften auf die Bühne getragen zu werden, hätte eigentlich einen Sonderapplaus verdient gehabt. Spielort Rumeli Hisari

Die Inszenierung wurde den Gegebenheiten angepasst, besonders gefallen hat mir, dass das Publikum in der vollen Breite der Bühne miteinbezogen wurde. Bei der zweiten Vorstellung saß ich ganz unten, und dieses Erlebnis war ganz besonders intensiv. Trotz der Intimität des schönsten Theater Münchens kommt man ja den Darstellern nie so nahe wie hier. Auch die Auftritte fanden teilweise aus den Rängen statt und sorgten für besondere Publikumsnähe.
Die Akustik war außerordentlich, und das Orchester unter Andreas Kowalewitz klang wirklich fabelhaft. Auch war die Textverständlichkeit außerordentlich gut, so dass ich einige Stellen für mich neu entdeckte und mitnehme in das wunderbare Theater am , wenn das Stück dort in der nächsten Spielzeit Wiederaufnahme hat.
Der Chor glänzte, wie schon so oft, durch Spielfreude und präzisen Gesang und wurde bestens von Inna Batyuk, der stellvertretenden Chordirektorin am , geleitet.
Die Besetzung war an beiden Abenden gleich, was ebenfalls bemerkenswert ist, denn die Partien, die von der Opernarie bis zum Musical reichen, sind sicher nicht ganz einfach zu singen. Alle Solisten waren wirklich unglaublich gut und machten diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis. Wolfgang Schwaninger, Harrie van der Plas, , , , , Marianne Larsen und wurden zu Recht vom Publikum gefeiert.
Es hat sich gelohnt, diesen Abstecher mitzumachen, das wunderbare Ensemble des Gärtnerplatztheaters mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Danke für diese tolle Zeit an alle Beteiligten!

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Der geduldige Sokrates, 03.07.2011, Gärtnerplatztheater

Barockmusik-Fans waren in diesen Tagen hervorragend bedient: Ende Juno gab es Alte Musik in Ingolstadt und die Premiere der -” am , dann am ersten Juli-Wochenende die Barocknacht in Olching am Samstag und die zweite Sokrates-Aufführung am Sonntag. Am Samstag war ich allerdings nicht in Olching (obwohl es dort ausgesprochen schön gewesen sein soll), sondern ebenfalls im , wo ich eine mal wieder ganz hervorragende Vorstellung der “Piraten” sah. Das hat mit Alter Musik nur insofern zu tun, als dass ebenfalls da war, und zwar in einer der Hauptrollen als Piratenkönig. Genau der Sänger, der am folgenden Abend seine persönliche Premiere in der Titelrolle des Sokrates hatte, in der ersten Vorstellung der Alternativbesetzung am Sonntag. Wir lernen daraus: Opern singen ist ein Knochenjob. (Er hat sich übrigens nicht geschont, falls diese Frage irgendjemandem auf der Zunge liegt.) Die Termineinteilung war allerdings, das sehe ich ein, organisatorisch nicht anders machbar, weil sich diverse Kollegen auf einem Gastspiel in der Türkei befinden.

In dieser zweiten Sokrates-Vorstellung war ein erstaunlich großer Teil der kleinen Fehler aus der Premiere ausgemerzt. Die ganze wirkte aufgeräumter und glattgeschliffener. Schade eigentlich. Das Wilde aus der Premiere, diese vereinzelten Barock-trifft-Punk-Momente – tja. Vermutlich nicht orthodox, aber ich fand es unwiderstehlich. Ich weiß ja, dass jede Aufführung anders ist, aber dass auch jeder Sitzplatz anders ist und den Kunstgenuss derart beeinflussen kann, das wird mir erst allmählich klar. Jedenfalls saß ich auf einem Platz, auf dem ich sonst nie sitze, und brauchte zwanzig Minuten, um mich daran zu gewöhnen. (Nachdem ich leider kein Akustik-Aufbaustudium absolviert habe, muss ich meine Platzwahl empirisch betreiben.) Wobei andererseits gerade der Anfang hochinteressant war, weil man mit der zweiten Besetzung Szenen einer ganz anderen Ehe erleben konnte.

Zu den Solisten: als Sokrates und Sandra Moon als die zänkische Xanthippe bekamen großen Applaus. Besonders schön fand ich die Sokrates-Arie “Quest’io so che nulla so”. Bei als Amitta war das Publikum merkwürdigerweise zurückhaltender, obwohl sie ganz herausragend fabelhaft war, besonders darstellerisch. Christina Gerstberger als Rodisette und Ella Tyran als Edronica waren für mich die Highlights des Abends – in Gesang und Darstellung überragend, absolut perfekt. Die wunderschönen Gesangspartien dieser beiden Prinzessinnen bieten natürlich auch eine tolle Vorlage, um Eindruck zu machen. ist als Prinz Melito ein Genuss, rundum super. Der Prinz Antippo, gesungen von Countertenor Yosemeh Adjei, hat eine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, das ist wirklich etwas Besonderes. als Nicia ist optimal besetzt, mit einer wunderbar kräftigen Stimme. Die Philosophie-Studenten Alcibiades (Stefan Thomas), Xenophon (Bernhard Appich) und Plato (Oliver Weißmann) haben mir ausgesprochen gut gefallen. Mauro Peter als Pitho durfte sich bei dieser zweiten Aufführung endlich gesondert verbeugen und bekam so den Applaus, den er schon zur Premiere verdient gehabt hätte. Maximilian Wintergerst (aus dem Kinderchor) als Cupido bezauberte durch sein unbefangenes Spiel. Der Tänzer Denys Mogylyov als lebende Adonis-Statue war – wie soll ich es ausdrücken? – genau richtig. So muss es sein, und nicht anders. Die beiden Cameo-Rollen des Malers (Christian Ammermüller) und des Bildhauers (Peter Hillebrand) waren hervorragend besetzt. Ach ja, ceterum censeo: Der Chor war sehr gut.

Das frischgebackene Barock-Orchester unter seinem Dirigenten Jörn Hinnerk Andresen bekam bei jeder Gelegenheit Riesenapplaus und Bravorufe. Ich finde, die Musik hat unter anderem Ähnlichkeit mit Bach, und ich mag diese höfische Musik. Vor meinem geistigen Auge sehe ich elegante Herren und Damen Menuette tanzen. Das würde ich bitte gerne in der nächsten Barock-Inszenierung auch noch sehen wollen. Aber es ist erstaunlich, wie viele Opernkenner man trifft, die Barockmusik nicht besonders mögen, die insbesondere den angeblich so beliebten Bach nicht ausstehen können, die aber witzigerweise den “Sokrates” ausgesprochen nett finden. Das ist wohl wie bei den einzelnen Szenen: Für jeden ist was geboten, und wenn zwischendrin etwas nicht gefällt, ist es auch gleich schon wieder vorbei und eine neue, ganz andere Szene beginnt, weil die Bilder immer nur wenige Minuten dauern.

Und zum Schluss ein kleines aber wichtiges Detail: In dem Programmheft, das so kulturbeflissen gestaltet ist, dass es problemlos auch in der Staatsoper erscheinen könnte, fehlen schmerzlich Erklärungen zu den Besonderheiten eines Barockorchesters und Abbildungen der ungewöhnlichen Instrumente. Soll sich das geneigte Publikum diese ganzen Spezialitäten im Internet zusammensuchen? Das ist ziemlich zeitaufwendig, wie wir hier auf dem Blog bei unseren Recherchen für das Interview mit dem Dirigenten Andresen festgestellt haben, und für viele Senioren eine Zumutung. Sophisten würden sagen, es ist mittelfristig vermutlich egal, und langfristig sind wir sowieso alle tot, aber ich finde doch, dass der Zuständige sich kurzfristig wenigstens die Mühe hätte machen können, diese Aufgabe zumindest zu delegieren.

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