“Es ist, als hätten sich die Sänger weiterentwickelt, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen”, sagte ein Freund von mir in der Pause nachdenklich. Das war bei manchen eine feine Sache, bei anderen nicht unbedingt … aber jedenfalls hatte die Dirigentin vor der Pause alle Hände voll zu tun, um Orchester und Solisten in Einklang zu bringen. Nach der Pause lief alles glatt, ebenso beim Chor, der in der ersten Hälfte ein paar unkonzentrierte Momente gehabt hatte. Besonders gut gefiel mir in dieser Vorstellung wieder Sergio Lukovic, der den Bürgermeister Van Bett sang – dabei war er gar nicht perfekt bei Stimme, aber gut genug – denn so einen wunderbaren Spielbass hört bzw. sieht man selten. Absolut perfekt war an diesem Abend der Tenor Peter Potzelt, der den Peter Iwanow sang, und der sich gesanglich und (wenn das überhaupt geht) sogar auch darstellerisch noch gesteigert hatte. Mein Highlight des Abends.
(Weitere Details finden Sie in meiner Besprechung der Vorstellung vom 22.7.2012 auf diesem Blog.)
Der Philharmonische Chor Fürstenfeld führte zusammen mit dem Akademischen Sinfonieorchester München die Spieloper Zar und Zimmermann auf. Der Stadtsaal im Veranstaltungsforum in Fürstenfeldbruck war voll, und das zu Recht, denn das war eine rundum charmante, kurzweilige Produktion. Albert Lortzing wird ja zur Zeit auf deutschen Bühnen nicht oft gespielt. Vielleicht, weil er sich nicht gut für avantgardistische, existenzialistische, abgedrehte Kreativtaten überdrehter Regisseure eignet. Diese Oper wirkt vermutlich am besten, wenn sie ganz ohne Allüren inszeniert wird. Eine amüsante Geschichte, ein schönes Libretto, mitreißende, gefühlvolle und volkstümliche Melodien – das muss ja wohl genügen, um sich bestens zu amüsieren. Von daher war der Regisseur Dieter Reuscher eine hervorragende Wahl: ein Mann, der erfahren genug ist, um sich nicht durch möglichst ausgefallenen Schnickschnack profilieren zu müssen. Sehr angenehm. Auch die Kostüme von Beate Heinsius und das Bühnenbild ordnen sich der Geschichte unter; klassisch, geschmackvoll, schön. Bevor es anging, winkte die Dirigentin Nazanin Aghakhani aus dem Orchestergraben: ihre Begeisterung übertrug sich sofort auf das Publikum.
Gleich zu Beginn schon machte der Chor einen hervorragenden Eindruck (in der Werft, wo Zar Peter inkognito als Zimmermann arbeitet). Zar Peter wurde sehr schön gesungen von dem österreichischen Bariton Florian Kresser. Als Peter Iwanow, der andere Russe auf der Werft, trat der Tenor Peter Potzelt auf, und trat damit in die Fußstapfen von Albert Lortzing, der bei der Uraufführung dieser Oper selber in dieser Rolle auf der Bühne stand. Diese Rolle war darstellerisch sehr anspruchsvoll angelegt, und Peter Potzelt war hochkonzentriert, immer auf den Punkt, in der Rolle des eifersüchtigen Liebhabers. (Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Auf Dauer ist das bestimmt anstrengend.) Dass er auch eine schöne Stimme hat, hörte man dann spätestens in den Sextetten. Seine Angebetete heißt Marie und ist die Nichte des Bürgermeisters. Marie liebt ihren Peter zwar heiß und innig, sieht das aber nicht ganz so verbissen: “Wär’ es mir erlaubt, zu fragen, ob Ihr Herz noch frei sich fühlt …” – das muss ein Verehrer doch fragen dürfen, ohne gleich mit Blicken erdolcht zu werden, findet sie. Die junge Sopranistin Caterina Maier sang die Marie ganz hervorragend, auch in der Darstellung äußerst charmant. Diese Sängerin würde ich gerne öfter hören. Die Rolle des neunmalklugen Bürgermeisters Van Bett war exzellent besetzt mit Sergio Lukovic, ein wunderbarer Spielbass. Allein die Szene, wo er sein Spiegelbild im Silbertablett bewundert: “Diese ausdrucksvollen Züge …” ist herrlich. Viele der Melodien kennt man auch, wenn man die Oper nie gesehen hat: “Oh, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht”, singt der Bürgermeister.
Auch die kleineren Rollen waren gut besetzt: Frits Kamp strahlte Autorität aus als der asketische Admiral Lefort. Der britische Gesandte Lord Syndham (“Was ein Engländer verspricht, das behält er auch!”) und der französische Gesandte Marquis von Chateauneuf wurden von dem Bass Marcus Weishaar bzw. dem Tenor Thomas Bémer gesungen. Stefanie Braun sang die Witwe Browe, Peter Seitz die kleine Rolle des Offiziers und Georg Tscharke trat als Ratsdiener auf. Der zweite Akt endet dann sozusagen kongenial, ganz in der Tradition des bayerischen Wirtshaustheaters, mit einer zünftigen Rauferei. Das Ballett, die Tanzgruppe des Historienspiel Fürstenfeld e.V., machte seine Sache sehr gut (Choreografie: Eckhard Paesler), und der berühmte Holzschuhtanz war sogar mit Hebefiguren (die Solisten vom Tanzforum Ballett: Markus Hàmori, Maximiliane Hierdeis, Birgit Jank, Eckhard Paesler). Der Chor gefiel mir auch im dritten Akt ausgesprochen gut (Einstudierung: Thomas Gropper). Auch die Opernlaien, die ich mitgebracht hatte, fanden diese Vorstellung sehr schön, es gab großen Applaus für alle Mitwirkenden.
Da ich den Freischütz zwar unheimlich gerne mag, aber die aktuelle Inszenierung am schönsten Theater Münchens szenisch ziemlich unterirdisch finde, war ich sehr gespannt auf die halbszenische Umsetzung im Rahmen des Jubiläumskonzertes zum 150-jährigen Bestehen der Chorgemeinschaft Fürstenfeldbruck.
Regisseur Michael Stacheder brachte das Wunder fertig, auf der eher kleinen Bühne ca. 80 Mitwirkende des Chores unterzubringen und den Solisten trotzdem noch Freiraum zum Spielen zu geben. Er verlegte die Handlung in die Fünfziger Jahre, was in sich stimmig war und die Geschehnisse stärker an das Publikum heranbrachte. Ein guter Teil davon dürfte sich eh an die Zeit noch erinnern Die Personenführung der Solisten war gut, besonders die Idee, den Samiel (ganz ausgezeichnet Joachim Birzele) auch als Erzähler auftreten zu lassen, das straffte die Handlung etwas und lies keine Längen aufkommen. Auch sonst machte Michael Stacheder aus wenig viel, zum Beispiel hat mir die Wolfsschluchtszene sehr gut gefallen, trotz sicher eingeschränkter technischer Möglichkeiten war es ziemlich gruselig.
Die Solisten waren durch die Bank hervorragend. Torsten Frisch spielte und sang bei seinem Rollendebüt den Kaspar sehr eindringlich, genauso wie Tenor Adrian Cave den Max. Auch die Frauenseite war exzellent besetzt, Monika Rebholz als Agathe und Sonja Adams als Ännchen haben mir wirklich ganz ausgezeichnet gefallen, in den Duetten harmonierten beide Stimmen ganz wunderbar. Die restlichen Rollen waren mit Holger Ohlmann, Thomas Hohenberger, Martin Ohu und Adrian Sandu sehr gut repräsentiert. Der Chor spielte ein bisschen mit und sang sehr schön, auch wenn es mich etwas gewundert hat, dass einige Herren noch vom Blatt singen mussten. Das Orchester unter Klaus Linkel fand genau den richtigen Weber-Ton, dramatisch und sanft zugleich.
Am Ende viel Jubel für alle Beteiligten, eigentlich schade, dass es nur eine Vorstellung gab. Das hätte ich mir glatt nochmal angesehen.
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nacht_gedanken Tolles Interview mit der wunderbaren Nina George unter anderem über ihr neues Buch "Das Lavendelzimmer" http://t.co/n3RAFXLzIW - gezwitschert am 07.05.2013 18:14
nacht_gedanken Das ist meine Bettlektüre in nächster Zeit. Was würdet Ihr an Euer 16-jähriges Ich schreiben? http://t.co/B66d80wUzU - gezwitschert am 06.05.2013 23:18
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