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Interview mit Stefan Sevenich

Stefan Sevenich

Erzählen Sie uns etwas zu Ihrem Werdegang?
Ich habe in Köln Gesang studiert bei Professor Claudio Nicolai. Danach wurde ich unter anderem von Walter Berry und Nancy Henninger ausgebildet und bin dann über die Theater Regensburg, Augsburg und noch andere Stationen vor vier Jahren ans Gärtnerplatztheater gewechselt.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Das war erst mal Neigung, pure Neigung, also ich wollte auf jeden Fall etwas mit Musik machen. Ich habe auch als Jugendlicher viel mit Musik gemacht, habe dann im Alter von sechzehn Jahren Gesangsstunden bekommen. Meine erste Lehrerin damals war sehr rege und hat mein Talent erkannt und hat mich dann an die Musikhochschule nach Köln weiter vermittelt. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung gemacht, ja, und das hat dann geradlinig ans Gärtnerplatztheater geführt.

Welche Musik haben Sie als Kind gehört?
Ich bin unter anderem (hüstelt) preisgekrönter Liedermacher. Ich komme eigentlich aus einer ganz anderen Ecke, ich habe früher ganz viel Liedermacher/Singer-Songwriter gehört. Franz Josef Degenhardt, halt eher so das politische Lied. Folkmusik würde man das auf Neudeutsch nennen, das war eher meine Richtung. Die Oper musste ich praktisch neu erlernen. Aber die Liebe zur klassischen Musik selber war eigentlich immer da. Jetzt im „gesetzten Alter“ entdecke ich erstmals solche Sachen wie „Rock am Ring“.

Wann waren Sie zum ersten Mal in der Oper?
Das erste Mal in der Oper war relativ spät, ich glaube, das war mit fünfzehn Jahren. Meine erste Vorstellung war die „Walküre“ in Wiesbaden. Nicht das Leichteste zum Anfang, aber umso beeindruckender, und seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen. Damals gab es gottseidank auch noch ganz viele Opernaufführungen im Fernsehen, und die habe ich mir dann immer angeguckt, nächtelang, und habe davor gefiebert. „Lohengrin“ weiß ich noch, und „Don Carlos“, das sind so bleibende Eindrücke, die waren prägend.

Könnten Sie sich vorstellen, heute wieder als Liedermacher aufzutreten?
Nö. (lacht) Obwohl – mein Sohn hat mich letztens gefragt, ob ich nicht als Vorgruppe aufträte bei einem Jubiläumskonzert, wo er mit seiner Rockgruppe als Headliner spielt, da sollte ich doch als Singer-Songwriter auftreten. Das habe ich aber dann dankend abgelehnt, aufgrund mangelndem Repertoires (lacht) Nein. Es gibt kein Zurück mehr.

Haben Sie das absolute Gehör?
Ja. Das habe ich. Das ist aber auch sehr spät entdeckt worden. Es ist leider instrumental bezogen bei mir, nur auf die Instrumente, die ich gespielt habe. Ich höre Cello, Blockflöte, Gesang und Gitarre absolut. Klavier nicht. Ich kann alles vom Blatt singen, das ist ein Segen, aber auch ein Fluch, weil ich im Grunde genommen nicht transponierend lesen kann. Das heißt, wenn jemand mal im Laufe des Gefechts eine andere Tonart anschlägt, kann ich nur das singen, was in den Noten steht. Ich muss alles fotografisch lernen. Das heißt, meine Auswendiglernerei ist eine endlose, weil ich im Grunde genommen auch während der Vorstellung die Noten imaginär vor Augen habe. Ich singe praktisch während der Vorstellung vom Blatt. Ich weiß nicht, ob man das irgendwie versteht, aber das ist der Prozess. Ich muss die Noten auswendig lernen, damit ich sie sehe, und damit vom Blatt singen.

Sie haben gerade schon einige Instrumente genannt. Cello, Klavier – spielen Sie noch weitere?
Ja, Gitarre noch, damit habe ich eigentlich angefangen. Mein Anfangsinstrument war klassische Gitarre. Dann kam Cello, dann Klavier. Ich spiele jetzt noch begeistert, aber nur für mich ganz alleine, Cello, und habe mir jetzt aber auch eine neue Gitarre gekauft, also liebäugele mal wieder ein bisschen damit. Aber das ist wirklich ganz nur für den privaten Gebrauch, und ganz für mich allein im Kämmerlein.

Also doch wieder zurück zum Liedermacher?
Nein! – Ja, also, fürchte ich, ja. Also, ich versuch’s wieder, ja. Für die Karriere danach. (lacht)

Welche Sprachen sprechen Sie und in welchen Sprachen singen Sie, oder haben Sie schon gesungen?
Ich meine zumindest, dass ich fließend Englisch spreche. Glaube ich. Ich glaube, ich verstehe sehr viel Italienisch, traue mich das aber nicht zu sprechen. Ich glaube, ich verstehe sehr viel Französisch, traue mich auch das nicht zu sprechen. Singen muss ich auf Italienisch, Französisch, Spanisch, Tschechisch, Russisch, das sind so die gängigen Opernsprachen. Ich habe Angst vor dem Tag, wo ich eine slawische Oper singen muss, weil ich nicht einmal die Satzstruktur in slawischen Sprachen verstehe, ich müsste alles phonetisch lernen, aber wenn mir dann ein Wort auf der Bühne fehlt, dann fehlt das Wort. Und so kann ich das zumindest in den romanischen Sprachen ersetzen. Ich traue mir sogar zu, mittlerweile, in Italienisch adäquate Ersatzworte zu singen, wenn ich eines vergessen habe.

Welche Vorbilder haben Sie, musikalisch oder szenisch?
Ein Vorbild war für mich immer Walter Berry, einer der erfolgreichsten Bass-Bariton- / Bass-Buffo-Sänger, die exemplarisch letztendlich das gemacht haben, was ich auch anstrebe, also das klassische Zwischenfach. Als Figaro / Leporello im Mozartfach anzufangen und dann aber in den Charakter-Bariton zu wechseln. Er hat später dramatische Rollen gesungen, konnte aber immer wieder zurück. Und das fände ich adäquat für mich, das passt auch so zu meiner Stimme, zu meiner Entwicklung. Sänger, die Charakterisierungs- und Darstellungsvermögen haben, die faszinieren mich am meisten.

Sie hatten auch schon einige internationale Auftritte, ich glaube Costa Rica, möchten Sie uns da ein bisschen was erzählen?
Costa Rica war ein ganz tolles Abenteuer. Dort gibt es das Orquesta Sinfonica Nacional, eine ganz tolle kulturelle Einrichtung für das Land, das relativ klein ist bzw. eine geringe Bevölkerungszahl hat. Der Staat hat es sich zum Programm gemacht, die musikalische Jugend zu fördern und dieses Orchester gegründet. Das Orchester bespielt – immer noch – ein fantastisches Opernhaus, das Teatro Nacional in San José. Sie haben sich 2001 ein spätromantisches Programm gewünscht, zuvor hatten sie traditionell immer italienische Opernprogramme, „Traviata“ und ähnliches. Sie machten „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartók, beziehungsweise die „Walküre“ oder die „Neunte Sinfonie“, dazu haben sie sich deutschsprachige Sänger eingeladen. Da war dann ich. Es war wundervoll, mit dabei zu sein, wie die Costa Ricaner mit dieser Musik in Berührung kamen. Für mich war es eine ganz tolle Gelegenheit, auch mal Repertoire zu singen, das ich hier nicht singen würde – Wagner, „Die Walküre“ ist nicht so das gängige Repertoire für mich hier. Allein diese Berührung dieser beiden Kulturkreise war ganz abenteuerlich. Und dann hatte ich gottseidank noch Zeit genug, mir das Land anzuschauen. Das war natürlich die Belohnung pur, also das war grandios. Ich war dreimal da, jeweils für eine längere Zeit, und habe viel auch über das Land lernen können. Dann war ich noch in Australien, habe da Liederabende gegeben im Rahmen der Melbourne Opera, das hat viel Spaß gemacht. – Frankreich, Festival du Catedral.

Jetzt steht ja das nächste Abenteuer an – Istanbul – freuen Sie sich darauf?
Ja. Das ist mein absoluter Jahreshöhepunkt. Also ich freue mich bärig auf eine ganz andere Version von dem Projekt, das wir eigentlich erarbeitet haben, „Der Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Das wird sehr spannend in der Verwirklichung, wie wir das letztendlich ohne Drehscheibe und technisch bewältigen. Auf der anderen Seite natürlich freue ich mich auf die Stadt und hoffe, dass da genug Zeit bleiben wird, auch noch ein bisschen was zu erleben und noch etwas zu sehen Das sind ja tolle Geschichten, wenn man Arbeit mit Vergnügen verbinden kann.

Würden Sie sagen, Sie haben eine 38-Stunden-Woche?
Nö. (lacht) Da es bei unserem Vertrag keinerlei Arbeitszeitbeschränkung gibt – nein. Ich weiß nicht, ich habe die Stunden nie gezählt. Da wir nur vor und nach den Vorstellungen Ruhezeiten haben und darüber hinaus natürlich auch die ganzen Sachen zur Probe und Aufführung vorbereiten müssen oder andere Termine wie Anproben oder Interviews – nein, habe ich nicht. Gibt’s nicht.

Gibt es Komplikationen, die sich aus dem besonderen Lebensrhythmus eines Opernsängers ergeben?
Da ich nichts anderes kenne, also zumindest in den letzten zwanzig Jahren nicht, habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob das zuviel oder zuwenig ist an Arbeitsleistung am Tag. Ich habe ja den einen oder anderen Ferienjob gemacht, aber dann beschlossen, dass für mich das regelmäßige Arbeiten zwischen sieben und sechzehn Uhr vielleicht nicht das ist, was ich möchte. Mich begeistert das nach wie vor, dass man nachts um zehn Uhr noch mal produktiv sein kann. Das kommt meinem Rhythmus auch entgegen. Ich bin nicht so produktiv in den Morgenstunden. In den frühen Morgenstunden bin ich weniger – gar nicht vorhanden (lacht). Und ich kenne auch keinen anderen Lebensrhythmus, ich finde den auch gut. Ich muss ganz ehrlich sagen: Es wäre hart für mich, wieder zurück in so einen festgelegten Arbeitsrhythmus zu kommen.

Was tut Ihrer Stimme gut, und was verträgt sie überhaupt nicht?
Ich vertrage überhaupt keine Klimaanlagen. Also, sobald es irgendwie kalt und trocken auf mich bläst, bin ich relativ schnell stimmlos, so was geht gar nicht gut. Ansonsten bin ich so das Gegenteil vom Klischee, ich kann Kaffee, Cola, Nüsse, alle gefürchteten Mittel zu mir nehmen, ohne auch irgendwie nur eingeschränkt zu sein. Aber das sind auch Sachen, die man erst lernen muss und wo man auch Ängste abbauen muss. Wo man letztendlich auch Erfahrungen sammeln muss. Vielleicht muss man wirklich auch mal alles durchgemacht haben, um zu wissen, was nicht gut ist für die Stimme. (lacht) Aber es ist noch nichts Schlimmes passiert, gottseidank.

Braucht Ihre Stimme Schlaf?
Die Stimme weniger, aber der Körper. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das Singen mit einem Leistungssport vergleichbar ist: Wenn man eine gute Leistung haben will, muss man ausgeruht sein. Und dann muss der Körper auch sehr gut disponiert sein. Eine Stimme muss im ganzen Körper ausgeruht sein. Es ist ja nicht nur die Stimme, die da beansprucht wird, und wenn ich merke, ich bin müde und überarbeitet oder habe zu viel gemacht, dann ist auch die Stimme nicht gut.

Was tun Sie für die Kondition?
Viel zu wenig. Das Schlimme ist einfach, dass man sich relativ schnell irgendwo auf das, was man besitzt, zurückzieht und sagt: „Wow, es geht ja.“ Ich habe eine Grundsportlichkeit, eine Grundbeweglichkeit, wofür ich mich nicht einturnen oder mich dafür trainieren muss. Die ist einfach da, und es ist manchmal verführerisch, dass man sich deswegen nicht bewegt, so nach dem Motto: Naja, wenn ich es muss, kann ich es ja. Ich gehe jetzt wieder verstärkt seit dem Frühjahr ein bisschen joggen und versuche, rein körperlich fit zu bleiben und das Übliche zu meiden: Alkohol, Zigaretten und ein ausschweifendes Leben.

Wie diszipliniert muss ein Sänger leben?
So, dass er sich nicht für seine Leistung entschuldigen muss. Wenn ich abends Vorstellung habe und gelumpt den Abend vorher, muss ich mich nicht wundern, dass die nicht gut wird. Weil: ich bin dafür verantwortlich. Ich kann alles tun als Sänger, ich muss mich nur nicht wundern, dass es auch schief gehen kann. Das heißt, wenn ich Leistung zeigen möchte und weiß, was mir gut tut, oder was gut für diese Leistung ist, muss ich es tun. Wenn ich es will. Wenn ich es nicht will, wenn ich sage, ach nö, ist jetzt nicht so schlimm, dann kann ich auch mal über die Stränge schlagen. Aber grundsätzlich – so was rächt sich ja auch, und je älter man wird, lässt man letztendlich auch die Finger davon. Aber man sollte in dem Beruf ein ganz braves Leben führen. Es ist ein Sport, es ist wirklich ein Sport.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor, und wie lange dauert das ungefähr?
Unterschiedlich. Das ist natürlich rollenabhängig, wie intensiv das Studium ist dafür, oder was man letztendlich dafür macht. Wenn es abstrakte Themen sind, dann muss man natürlich viel mehr Informationen sammeln. Wenn die Rolle griffig ist – also, eine historische Persönlichkeit, das geht wunderbar. Da hat man Sekundärliteratur, da kann man wirklich schauen, was darüber geschrieben steht, welche literarische Vorlage da ist, wie der Entstehungsprozess der Komposition, wie der Entstehungsprozess der literarischen Verarbeitung war und so weiter, das geht relativ gut. Aber zum Beispiel in dieser Barockoper, die wir jetzt machen, die Figur des Sokrates: sie ist trotzdem abstrakt, kein Mensch weiß, wie Sokrates war. Ich weiß nur, wie Telemann ihn gerne dargestellt haben wollte. Es gibt keine Referenz. Da muss ich dann sehr stark mit meiner Fantasie und meiner Intuition arbeiten. Ich als Sokrates. Das tue ich verstärkt dann auf Proben, wo die Situationen der Oper mir passieren und da, wo sie letztendlich auch entstehen müssen. Da kann ich nur für eins sorgen: Dass ich nicht engstirnig werde. Dass ich jetzt nicht irgendwelchen Ideen nachgehe – ich kann die zwar überprüfen, wenn ich sie habe, auf der Probe, aber ich kann nicht daran festhalten. Wenn ich merke: Hoppala, völlig falsches Pferd! – dann muss ich auch relativ schnell wieder umsatteln und offen sein und in Dialog gehen mit dem Regisseur, den Kollegen, den Dramaturgen, die das Stück betreuen. Ich kann mich nicht im Kopf versteifen auf eine Geschichte. Ich kann mir zwar sehr viele Informationen holen und Gedanken machen darüber, aber auch die müssen flexibel sein.

Der geduldige Sokrates

Jetzt haben wir gerade den Sokrates schon angesprochen – erzählen Sie uns kurz, worum es geht beim „Geduldigen Sokrates“?
Wie der Titel schon sagt, beschreibt es ein bisschen aus dem Leben von Sokrates. Es ist ja allgemein bekannt, dass er eine Frau namens Xanthippe hatte. Hier stellt es sich so dar, dass er auch noch eine Zweitfrau, Amitta, hat, und dass die beiden Sokrates relativ stark zusetzen und er immer wieder in seiner Geduld gefordert ist, die verschiedenen Interessen seiner beiden Frauen unter einen Hut zu bringen. Gespiegelt wird das Ganze an einem zweiten und einem dritten Handlungsstrang. Da gibt es einen jungen Prinz, Melito, der in der misslichen Lage ist, aus drei Bewerberinnen praktisch zwei auszuwählen, weil das Gesetz in Athen es vorschreibt, dass jeder zwei Frauen haben muss. Sokrates leidet unter diesem Gesetz. Der Prinz könnte das vielleicht genießen, wird aber auch nicht glücklich damit. (lacht) Er wird im permanentem Scheitern an seinen Entscheidungen vorgeführt, das ist sehr lustig. Und dann gibt es noch den dritten Handlungsstrang: Die Schüler, die Sokrates hat, sind da beleuchtet: wie sie mit seinen Lehren umgehen, das ist sehr humoristisch. Die beiden ersten Handlungsstränge weben sich am Schluss dann mehr oder weniger zusammen, Sokrates wird gezwungen, praktisch die Entscheidung für oder gegen die beiden Liebhaberinnen des Prinzen zu fällen. Das Ganze steht natürlich in einer absoluten barocken Operntradition. Telemann hat es damals in Hamburg als Lustspiel konzipiert. Das wird wohl, wenn man das richtig sieht, eine der ersten Spielopern sein. Sie unterlag natürlich auch, ähnlich wie die Commedia in Italien, gewissen Voraussetzungen. Es gab immer den Komiker oder den Lyrischen oder den Prinzen, und so weiter. Insofern sind die Rollen relativ stereotyp in ihren Funktionen. Und leider auch, wenn man jetzt als heutiger Mensch vielleicht eine psychologische Entwicklung erwartet, weniger damit ausgestattet, also es bleibt relativ schablonenhaft, zumindest in der Anlage des Librettos. Also, wir werden nicht erleben, dass der geduldige Sokrates eine Entwicklung durchläuft. Auch Xanthippe wird immer streitbar und der Prinz wird immer unglücklich bleiben. Es gibt leider keinen psychologischen Plot. Und insofern ist es sehr interessant, mit einer Vorlage zu arbeiten und zu schauen, wie ich mit meinen Mitteln da wirken kann.

Erzählen Sie uns noch ein bisschen von Ihrer Partie, dem Sokrates?
Ich muss immer aufpassen, dass ich nicht „der geduldete Sokrates“ sage, weil die Übermacht der Frauen relativ groß ist, also die Streitsituationen sehr, sehr stark sind. Xanthippe ist wirklich ein Irrwisch. Von der Anlage her ist Sokrates immer bemüht – immer, immer bemüht, zu vermitteln und zu schlichten und so eine Grundgemütlichkeit zu zeigen. Im Grunde genommen ist sein ganzes Wesen, das sich da ausbreitet, ein fast schon buddhistisches Ideal der inneren Ruhe. Er genießt das auch. Die Partie fängt auch mit der Ode an die Ruhe an. Er möchte am liebsten von allem befreit sein und seine Ruhe genießen. Der running gag, oder das Motto des Abends, ist: „Ihr Männer lernet doch bei Zeit geduldig sein“, das sagt er vier oder fünf Mal. Er wird schon arg mitgenommen und ordentlich durchgebeutelt. Es gibt immer einen trügerischen Frieden: er genießt ein wunderschönes Essen in der Natur, und innerhalb kürzester Zeit ist wieder ein Riesenstreit da und es fliegen wieder die Fetzen, und Sokrates steckt immer wieder mittendrin. Das ist musikalisch sehr anspruchsvoll. Wir haben eine sehr gute musikalische Einstudierung erlebt, es gibt sieben Leute in der rezitativischen Begleitung, das ist sehr vielfarbig und dadurch auch sehr schön geworden. Telemann-Rezitative sind – besonders. Ich meine das jetzt nicht abwertend, er komponiert nicht erwartungsgemäß in barockem Gestus wie Händel, oder Vivaldi. Telemann ist Telemann. Ich denke, dass wir durch diese Instrumentation der Rezitative unglaubliche Farbigkeit gewonnen haben. Ich freue mich auch sehr darauf. Und es ist natürlich im Rahmen der sonstigen stimmlichen Betätigung eine wahnsinnige Herausforderung. Wenn man das jetzt in der Bandbreite sieht, also, auf der einen Seite steht Telemann als Frühwerk, und am Schluss steht zum Beispiel „Die Sache Makropulos“ oder „Der Freischütz“ als romantische Oper. Das heißt also, allein das unter einen stimmlichen Hut zu bekommen, also so einen stimmlichen weit gestreckten Rahmen zu bedienen, mit Telemann in den barocken Duktus zu gehen, das ist schon eine Riesen-Leistung. Da bin ich total stolz. Ich habe heute die Proben gehört und bin mords-stolz auf meine Kollegen, die wirklich dieses barocke-klangliche Bild hinkriegen, das finde ich ganz großartig, und es ist wirklich eine Auszeichnung für dieses Ensemble, dass wir es können.

Fällt es schwer, zwischen Italienisch und Deutsch hin und her zu wechseln in einer Vorstellung?
Nein, weil das im Grunde genommen ja auch so komponiert worden ist, und es macht ja auch den Liebreiz aus. Ich meine: Klar, man erwartet dieses berühmte Zitat von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, natürlich auf Deutsch, und dann kommt: „Quest’io so che nulla so.“ Das finde ich sehr reizvoll, in einer sehr schönen Arie verbrämt. Wir haben ein Bildungsbürgertum, da müssen sie durch. (lacht)

Haben Sie Freiheiten bei der Interpretation Ihrer Rolle?
Ich kann natürlich nur das auffüllen, oder muss auffüllen, was mir von Telemann und seiner Textdichtung und von der historischen Figur aus nicht gesagt wird. Das muss ich mit meiner Persönlichkeit und meiner Körperlichkeit auffüllen. Das heißt, überall da, wo Fragezeichen sind: – ich selbst als Sokrates – wie würde ich in diesen Situationen reagieren? Das muss ich mitbringen. Was soll ich sonst tun? Es sagt mir ja keiner, wie der historische Sokrates wirklich war. Ob er wirklich diese streitbare Frau hatte, das hat schon Nietzsche bezweifelt. Nietzsche sagte, Sokrates sei derjenige, der blöd und geschwätzig war. (lacht) Historisch ist nichts haltbar, geschweige denn nachweisbar über mehrere tausend Jahre. Und insofern: ja, es ist eine absolute Freiheit, weil wirklich ganz viele Fragen nicht beantwortet sind. Das wird viel „Ich“ sein. Auf der anderen Seite ist es eine Kunstfigur, und diejenigen, die mich privat nicht kennen, werden Sokrates, oder eine Interpretation des Sokrates, auf der Bühne sehen.

Was gefällt Ihnen am besten an ihrer Partie, und was ist das Schwierigste?
Das ist das Gleiche. Die Herausforderung des Barockgesangs – also ich habe eine sehr anspruchsvolle Koloraturarie. Das ist auf der einen Seite das Beste, das fordert mich heraus, das bringt mich weiter, weil das sonst so im Repertoire nicht vorkommt, und auf der anderen Seite ist es natürlich das Schwierigste, und ich hoffe, dass ich da innerhalb kürzester Zeit diese ganzen schwarzen Noten loswerden kann. (lacht)

Muss man Barockmusik mögen, um diese Oper zu mögen?
Ich denke nicht. Ich denke, es ist keine italienische Heldenoper, oder keine französische, wo man selbstverliebt im Gestus ist, Lully oder so, wo man dieses ganze Konstrukt Prachtoper verstehen muss. Wir arbeiten auch nicht mit barocken Gesten, Bewegungen, oder mit barocker Bilder- oder Formelsprache, insofern muss man da keine Berührungsängste haben. Auf der anderen Seite – für Liebhaber, wie gesagt, steht da die musikalische und szenische Einstudierung, und es ist absolut ernst genommen. Ich stehe dafür gerade, dass es wirklich auch im Sinne der historischen Aufführungspraxis rüberkommt. Es hat einen absoluten unterhaltsamen Wert. Es sind Typen auf der Bühne. Wer das Ensemble am Gärtnerplatz kennt, der weiß, wenn er die Namen meiner Mitstreiter liest, dass es für gute Unterhaltung im besten Sinne steht.

Sie sind ja doppelt besetzt mit Holger Ohlmann. Sie beide sind sehr unterschiedliche Typen. Hat das Einfluss auf die Herangehensweise an die Rolle?
Ja – jeder für sich, natürlich. Jeder hat die gleiche Möglichkeit, unterschiedlich an die Rolle heranzugehen. Also, Holger muss mich nicht spielen und ich muss nicht Holger spielen. Wir werden die gleichen Handlungen oder die gleichen Gefühle ausdrücken, aber jeder mit seiner Körperlichkeit oder mit seiner Person. Das kann man nicht werten – das kann man auch nicht besser oder schlechter finden, weil das eben eine ganz unterschiedliche Qualität ist. Holger hat ganz andere Qualitäten und Herangehensweisen an diese Geschichte als ich. Ich finde das großartig, wenn man das so im Vergleich sieht. Und heimlich geht man dann doch schon mal hin und sagt: ich will wie Holger sein, also, Mensch, das möchte ich mal so hinkriegen wie der. Macht man dann doch ein bisschen. Und er vielleicht auch bei mir. Aber im Grunde genommen befruchtet sich das sehr. Ich finde das gut, dass man da wirklich auch unterschiedliche Typen darin sehen kann und beide – ja, vielleicht Bereiche zu erleben, die man bei dem anderen nicht hat.

Finden Sie es nicht auch bemerkenswert, dass ausgerechnet ein griechischer Philosoph, der den ganzen Tag nur redet oder nachdenkt, mit seinen Ehefrauen nicht kommunizieren kann – oder will?
Wo ist da die Frage? (lacht) Wo – (lacht weiter). Also, wie gesagt, es gibt diesen Aufsatz von Nietzsche, der Sokrates in keinem guten Licht dastehen lässt und sagt, er muss ein alter Schwätzer gewesen sein, dass Xanthippe völlig entnervt reagiert hat und gesagt hat: Raus!, weil er den ganzen Tag nur Unsinn geredet hat und dann vor der Haustüre jeden belabert hat. Und das finde ich sehr lustig, das finde ich sehr wichtig, weil – es macht ihn nicht heilig. Es ist ja nun ein sehr lebendiger oder ein sehr saftiger Philosoph, mit einem sehr ausgeprägten Privatleben und nicht so ein Säulenheiliger. Ich kann mir das gut vorstellen, wenn einer so eine philosophische Schule betreibt und sich selber sehr gerne reden hört, dass für den Abend mit den Füßen auf der Couch, für seine Frau dann nichts mehr übrig bleibt. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Was wären Sie in einem anderen Leben geworden?
Ich denke: wenn nicht Opernsänger, dann etwas, wo Kommunikation mit Menschen im Vordergrund steht. Mein Wesen ist so, dass ich gerne kommuniziere, sei es jetzt von der Bühne herunter oder im Gespräch. Also, Kommunikation ist ein ganz großer Bestandteil meines Wesens. Das ist ganz wichtig. Was auch immer zu dieser Eigenschaft als Berufsbild passt. Ich bin genauso glücklich als Lehrer. Ich bin genauso glücklich bei der Arbeit mit Literatur, Arbeit mit Texten, mit kommunikativer Arbeit.

Empfinden Sie eine Vorstellung als Kommunikation mit dem Publikum?
Auf jeden Fall. Ja, es ist ein abgedroschener Satz: „Jedes Publikum kriegt die Vorstellung, die es verdient.“ Aber es ist wirklich so. Es ist dieses Hereinspüren eines Interpreten: Wo sind die Bedürfnisse? Man ist Interpret und in dem Falle Vermittler des Stoffes, und man erspürt es im Publikum und sagt: Was wollt Ihr, wo geht der Abend mit Euch hin? Schauen wir mal. Und es ist eine völlig offene Geschichte. Jede Vorstellung ist anders, und jede Vorstellung hat andere Ansprüche, und das ist eine Kommunikation, die das Publikum fordert. Wenn das Publikum es nicht tut, wäre das ja – langweilig wäre falsch gesagt – aber das wäre ja eine tote Geschichte. Die Kunst des Theaters ist eine kommunikative, ja, eine höchst kommunikative. Und es muss sich vermitteln, und es muss sich auch gezielt auf das vermitteln, was an diesem Abend ist. Jede Vorstellung ist einzigartig. Finde ich.

Mögen Sie uns noch einen Ausblick auf die Zukunft geben? Was bringt die Spielzeit 2011/2012?
Die nächste Spielzeit bringt in erster Linie eine Wunschpartie von mir, auf die ich mich total freue, den Falstaff. Verdi hat nur zwei oder drei Partien für mein Fach des Spielbaritons, Bassbaritons geschrieben. Das ist so ein bisschen die Krone des Komödianten. Das eine sehr weise Figur. Da freue ich mich sehr darauf. Ich freue mich auf den „Josef Süß“, die Partie des Herzogs von Württemberg. Das ist eine unglaublich intensive Geschichte. Auch die Thematik fasziniert mich, die ist so reichhaltig. Das ist eine ganz tolle Auseinandersetzung, die man damit haben kann, mit Feuchtwanger, mit dem ganzen historischen Skandalprozess. Es wurden auch aktuell wieder Prozessberichte gefunden. Das ist eine never ending story, dieser schreckliche Prozess gegen Josef Süß. Auch wie die Nazis mit diesem Stoff umgegangen sind. Also, das fasziniert mich völlig. Und dann noch der „Mikado“, so eine Gilbert-und-Sullivan-Geschichte. Die kenne ich nicht, habe ich überhaupt noch nie gemacht, aber das haben wir ja gelernt, dass das sehr, sehr ankommt in München. Also, ich bin der Mikado. Glaube ich. (lacht) Ja – und dann viele Wiederaufnahmen.

Wann singen Sie denn mal einen Bösewicht, Herr Sevenich?
Sobald man mich fragt. (lacht)

Und welchen würden Sie gerne singen?
Ich würde gerne Alberich singen. Alberich aus dem „Rheingold“. Das wäre meine Partie. Da, glaube ich, wäre ich gut. So ein Kellerkind, Junge mit schwieriger Kindheit, das kann ich.

Haben Sie noch andere Wunschpartien?
Ja, eine geheime Leidenschaft ist der Barak aus der „Frau ohne Schatten“. Das wäre für mich so die absolute Krönung. Aber das sind dann wirklich auch die allerletzten beiden Wunschpartien. Ansonsten bin ich sehr, sehr glücklich, mein Repertoire schon gesungen haben zu dürfen.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

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