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Interview mit Rita Hampp

Rita Hampp Liebe Rita, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview für den Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns kurz vor?

Ich bin Autorin von Krimis und Romanen, die in Baden-Baden spielen. Dies ist seit meinem 50. Lebensjahr – also seit nunmehr sieben, fast acht Jahren, ganz offiziell meine zweite Karriere; ich war vorher Journalistin.

Wie kam das? Du hast vorher als Journalistin gearbeitet – wie kamst du dann zu den Romanen?

Das ist relativ einfach. Ich muss sagen, Journalistin, das war mein Leib- und Magen-Beruf. Das habe ich sehr, sehr gerne gemacht. Ich war für die Main-Post in Würzburg als Rechts- und Gerichts-Berichterstatterin tätig Als ich meinen Mann kennenlernte, bekam er gerade einen Auftrag in die USA. Da bin ich natürlich mit fliegenden Fahnen mitgegangen: Drei Jahre New York, das kann man sich nicht entgehen lassen – und habe dort festgestellt, dass ich natürlich in meinem Beruf nicht mehr arbeiten kann, weil ich so gut Englisch nicht kann. Gerade im Journalismus kommt es ja auf jede Nuance an, und das ging nicht mehr. Daraufhin habe ich mich besonnen, dass ich eigentlich schon immer gerne ein Buch hätte schreiben wollen, was allerdings als Journalistin nicht geht. Wenn du den ganzen Tag zuhörst, mitschreibst, Formulierungen im Kopf hast und dann Artikel schreibst, dann setzt du dich abends nicht noch mal hin und schreibst. Da bist du abends leer. In den USA habe ich mich an der New York Universität eingeschrieben und mich unter anderem im kreativen Schreiben weitergebildet und mir irgendwann gesagt: „So, und jetzt fängst du an.“ Das ging gleich ganz schief.

Wie das?

Ich habe gedacht, ich setze mich an den Computer und schreibe los, schreibe einen Liebesroman. Also habe ich angefangen, einfach angefangen. Nach einer halben Seite habe ich festgestellt: „So geht das nicht, meine Liebe.“ Weil ich ja als Redakteurin gelernt hatte, mich sehr, sehr kurz zu fassen. Ich durfte mir nichts ausdenken, ich konnte keine Dialoge schreiben, keine inneren Monologe. Und plötzlich stand ich vor der Frage: Wie geht das überhaupt? Wie schreibt man frei? Wie schreibe ich Emotionen nieder? Das ist für mich ganz schwierig gewesen. Oder – ein anderes Problem: Ich dachte, ich hätte überhaupt keine Phantasie, ich könne mir gar nichts ausdenken! Das ist natürlich im Laufe meines Lebens schon anders geworden. Aber in der ersten Zeit war das für mich ein großes Problem. Daraufhin habe ich mich besonnen, das zu schreiben, was ich am besten kann: über das Gericht. Über eine Gerichtsverhandlung, die mir auch nach Jahren noch durch den Kopf ging, weil ich insgeheim überzeugt war: In diesem einen bestimmten Mordfall war der Angeklagte nicht der Mörder. Es kann nicht gewesen sein. Der kann seine Ehefrau nicht im Beisein seines kleinen Kindes erschlagen haben, das macht der nicht. Das habe ich dann noch mal aufgearbeitet, und bin der Frage nachgegangen, was eigentlich passieren würde, wenn dieser Mann irgendwann aus dem Gefängnis entlassen wird. Wie geht er mit dem Misstrauen seiner Umwelt um, was empfindet sein Sohn? Das war dann mein erster Gerichtsroman – von mehreren unveröffentlichten übrigens. Den habe ich noch in den USA angefangen und hier in Deutschland zu Ende geschrieben und dann hoffnungsvoll an große Verlage geschickt. Eine Lektorin von einem sehr großen Verlag hat mir tatsächlich zurückgeschrieben, sie hätte das Manuskript an einem Wochenende durchgelesen, weil es so spannend war. Aber sie könnten es leider nicht veröffentlichen, weil es nicht marktgerecht sei, weil es in Deutschland bei den Buchhandlungen kein Regal gab für deutsche Gerichtsromane. Man muss dazu sagen, das ist ein paar Jahre her, ich weiß nicht, ob es heute anders ist. Aber ich hatte drei Jahre daran geschrieben! Und dann sagte sie: “Schreiben Sie doch einfach etwas Neues, schreiben Sie etwas Marktgerechtes!”

Schlummert der jetzt noch bei dir in der Schublade?

Ganz, ganz tief, und den werde ich auch nie mehr in meinem Leben herausholen, weil ich mich ja von Buch zu Buch weiterentwickle. Das Gerichtsding stammt also noch aus meinem – würde ich vom heutigen Stand sagen – „Kaulquappenstadium“. Nicht zu retten. Wahrscheinlich fliegt er beim nächsten Umzug weg.

Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?

Beides. Die Baden-Baden-Krimis konstruiere ich. Ich bin im Jahr 2000 nach Baden-Baden gezogen. Eines Abends, als ich im Herbst bei uns in der Nachbarschaft die Umgebung erkundet habe und es immer dunkler wurde, war für mich klar: das ist es! Ich schreibe die Baden-Baden-Krimis. Das ist marktgerecht, ich habe hier weltberühmte Schauplätze und kann jeden einzelnen mörderisch beleuchten. In meiner Nachbarschaft gibt es die romantische Wasserkunstanlage „Paradies“, damit habe ich angefangen. Der Titel war so herrlich zweideutig: Die Leiche im Paradies. Zweiter Krimi war Tod auf der Rennbahn, über die Pferderennen in Iffezheim, dann kam Mord im Grandhotel, das im Brenners Parkhotel spielt, und jetzt zum Schluss natürlich das Casino Baden-Baden. Die Geschichten konstruiere ich mit fester Hand. Da sage ich mir: Hier ist der Schauplatz. Wo könnte die Leiche liegen? Wer ist diese Leiche? Wer könnte einen Grund haben, sie zu hassen oder sogar umzubringen? Da wird nichts dem Zufall überlassen. Ganz anders ist das mit meinem Ausreißer, nennen wir ihn mal so, Das Rosenhaus am Merkur gewesen.

Da hat die Geschichte dich gefunden.

Richtig. Am Küchentisch. Ich koche sehr gerne für meine Freunde, und dann sitzen wir auch wirklich sehr lange, wir haben einen sehr gemütlichen Tisch in der Küche. Spät abends hat damals ein Freund sinniert: „Mensch, ich war immer so – (das genaue Wort kann ich natürlich jetzt nicht verraten in diesem Interview) – etwas Besonderes in der Familie, und ich habe mir immer ausgemalt, dass ich aus diesem einen bestimmten Grund so anders gewesen war.“ Sofort hatte mich diese Idee so gepackt, dass ich sie zum Kern der neuen Geschichte gemacht habe. Ich wusste plötzlich: Das möchte ich gerne schreiben. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass diese Geschichte nicht als Krimi funktioniert (auch wenn es auch hier wieder einen ungeklärten Todesfall gibt), sondern nur als Familienroman. Zum gleichen Zeitpunkt – das hat sich ganz gut ergeben- hatte ich mir sowieso überlegt: Ich würde gerne mal das Genre wechseln. In den Baden-Baden-Krimis stecke ich ja immer in den Köpfen von drei Ermittlern und stelle meine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Das ist ganz lustig, auch was die drei so alles erleben, aber ich bin nie richtig in der Tiefe. Ich wollte einmal eine Geschichte in nur einem Kopf durchschreiben und durchleiden und durchlachen und durchweinen.

Sitzen deine Protagonisten mit dir am Frühstückstisch?

Am Frühstückstisch? Nie. Nein. Nein. Da sitzt mein Ratgeber, mein Mann, dem erzähle ich, wie meine Nacht gelaufen ist und was mir alles eingefallen ist und wo es vielleicht haken könnte und manchmal findet er einen Ausweg, weil er ja weiter entfernt ist von der Geschichte. Oftmals habe ich damals beim Rosenhaus am Frühstückstisch gesagt: Ich kriege es nicht zu Ende geschrieben. Ich finde es nicht gut.“ Ich bin sehr selbstkritisch. Ja – es war mir sehr unheimlich. Und mein Mann hatte die erste Version – er liest immer nur die Rohfassung, leider, er weiß eigentlich gar nicht, wie schön das Buch nachher, nach all den stilistischen Überarbeitungsdurchgängen geworden ist. Also – damals hat er die Rohfassung gelesen und hat das Manuskript dann, glaube ich, drei oder vier Mal aus der Papiertonne wieder herausgeholt und gesagt: Das ist so gut, das schmeißt du nicht weg, da bleibst du dran. Aber abends, nach dem Tagespensum, da bringe ich meine Helden mit an den Tisch, das stimmt schon.

Wie viel von dir steckt in deinen Protagonisten?

Hm, in jeder Figur steckt etwas von mir. Ich bin die Frau Campenhausen, ich bin der Max. Am wenigsten bin ich eigentlich Lea oder in dem Rosenhaus-Fall Clara, das muss ich ganz ehrlich sagen. Gerade im Rosenhaus habe ich sehr viele eigene Erlebnisse verarbeitet. Natürlich erlebt man Dinge im Leben. Ich habe zum Beispiel – das Rosenhaus ist ihm ja auch gewidmet – einen ganz, ganz lieben alten Onkel gehabt, den Onkel Fritz, der ist 94 geworden. Ihn hab ich wirklich unglaublich geliebt. Ein sehr gütiger und gebildeter, nur körperlich gebrechlicher, aber ansonsten ein wunderbarer Mann, der in meinen Armen gestorben ist. Das sind Dinge, die ich in diesem Buch verarbeitet habe. Genauso wie den Tod meiner Tante. Kürzlich kam in einer Leserunde für das Rosenhaus die Frage auf, was denn das wohl für eine Krankheit gewesen sei, die Claras Mutter durchlitten hat? Dazu kann ich nichts sagen, denn hier habe ich die Wirklichkeit mitschreiben lassen. Genau so ist meine Tante gestorben, und die Ärzte haben bis zum Schluss nicht gewusst, was sie hatte. Ich wollte thematisieren, dass es das eben auch gibt: Dass man im Angesicht des rätselhaften Sterbens dasitzt und relativ schnell Entscheidungen treffen muss. Meine Tante lag drei Monate auf der Intensivstation. Sie trug mir auf, wem ich ihre Kleidung, welches Schmuckstück ich wem schenken sollte. Es war klar, dass sie abgeschlossen hatte, und ich habe dann irgendwann die Ärzte bitten müssen: „Jetzt quält sie doch nicht weiter.“ Aber das habe ich die Clara dann doch nicht bis ins letzte Detail durchleiden lassen.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Die ersten Baden-Baden-Krimis habe ich eher nachts geschrieben. Da bin ich um vier aufgewacht, habe die nächste Szene im Kopf gehabt, sie ließ mich nicht mehr einschlafen, und um fünf habe ich mich an den Computer gesetzt. Schreibblockaden, wenn du jetzt vielleicht darauf hinauswillst, habe ich nicht, weil ich ja mein ganzes Leben lang geschrieben habe. Ich konnte doch nicht nach einer Gerichtsverhandlung in die Redaktion spazieren und verkünden: „So, jetzt habe ich eine Schreibblockade, ihr kriegt für morgen nichts.“ Das geht nicht. Natürlich gibt es bei den Büchern – die sind sehr komplex – oft Momente, in denen es fürchterlich hakt. Ich bin gerade dabei, den fünften Baden-Baden-Krimi zu konstruieren und ich kam jetzt zwei, drei Wochen nicht weiter. Irgendetwas stimmte nicht, etwas hatte ich falsch gemacht in meinen Vorbereitungen, Ich habe dann mein altes Lehrbuch vorgeholt und festgestellt: Beim Lebenslauf und bei der charakterlichen Ausarbeitung des Mörders oder der Mörderin – das verrate ich jetzt nicht – war ich nicht gründlich genug gewesen, die Figur war nicht ausgereift genug.

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

In meinem Dachstudio, weg von allem. Ich brauche absolute Ruhe. Und ich muss alles erledigt haben, was für den Tag zu erledigen ist. Das ist für mich sehr, sehr schwierig, da sage ich manchmal: Ich wäre manchmal lieber ein Mann, da hätte ich keinen Haushalt, keine Wäsche, Garten sowieso nicht, sondern könnte gleich morgens um acht mit einer Tasse Kaffee, die mein Schatz mir an den Schreibtisch bringt, anfangen zu schreiben. So ist das Leben aber nicht. Inzwischen habe ich mich damit arrangiert. Ich habe Haupt-Schreib-Stunden, in denen es besonders gut läuft. Viele Dinge muss ich mir vorab überlegen und konstruieren, außerdem das Geschriebene vom Vortag überarbeiten, das erledige ich in der Nicht-Schreib-Zeit. So gegen vier lege ich dann richtig los.

Also ab vier Uhr nachmittags.

Vier Uhr nachmittags, genau.

Und dann in die Nacht rein?

Nein, alles, was ich nach dem Abendessen schreibe, lässt mich nicht schlafen. Das habe ich mir abgewöhnt. Das geht nicht. Nach dem Abendessen ist Schluss.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Das ist eine sehr gute Frage. Es ist am Anfang eine Phase, in der man nicht weiß – ich vergleiche mich oft mit einem Bildhauer – was aus diesem Stein, den ich da vor mir habe, wird … wie ich das wohl schaffe, eine Figur oder eine Aussage herauszumeißeln. Die anstrengendste Phase ist, das wird aber jeder Autor so sehen, wenn man ganz am Ende die Druckfahne zurückbekommt, weil man dann nicht sehr viel Zeit hat, drei, vier Tage vielleicht, um das ganze Buch noch einmal durchzulesen und weil man die absolute Endkontrolle hat. Alles, was danach noch an Fehlern drin ist, gehört einem selbst, und man kann nichts mehr auf einen anderen abwälzen. Da verzweifele ich oft. Ja.

Du hast jetzt gerade, wie du uns vorhin erzählt hast, das Genre gewechselt. Gibt es noch ein Genre, in dem du gerne schreiben möchtest?

Ich weiß jetzt nicht, ob das als eigenes Genre gilt. Wenn man Krimis noch mal unterteilen könnte, habe ich also erst Regionalkrimis verfasst, dann das Rosenhaus im Bereich Familienroman, und nun ist das nächste, was übrigens bereits fertig geschrieben ist, ein – ich nenne es Psychokrimi. Psychothriller wäre mir zu reißerisch, da wären die Erwartungen eventuell übertrieben hoch. Also ein Psychokrimi ohne Polizeiarbeit, etwas Gruseliges, das Menschen im Alltag passiert und ihnen so viel Angst macht, dass …. Mehr darf ich nicht verraten.

Aber zum Beispiel ein historischer Roman oder so?

Auf gar keinen Fall. Auf gar keinen Fall! Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen, die sich dieses Fach herausgesucht haben. Wenn man kein Historiker ist, wie macht man das? Ich bin da immer fassungslos. Das könnte ich nicht, und die Geduld hätte ich auch nicht, mich in diese ganzen Kleinigkeiten einzuarbeiten. Es kommt ja wirklich auf alles an: Hatte man in dem Jahr schon Tomaten angebaut, oder Kartoffeln auf dem Tisch? Nein, das könnte ich nicht. Absolut nicht. Hat mich auch nie gereizt, obwohl ich historische Bücher sehr, sehr gerne lese. Lieber als Krimis.

Du hast uns vorher erzählt, dass du drei Jahre in New York gelebt hast. Deine Romane haben bisher alle in Baden-Baden gespielt. Kannst du dir vorstellen, auch mal über einen anderen Schauplatz zu schreiben?

Die Frage habe ich mir am Anfang gestellt, aber ich habe mir dann gedacht: Irgendwo müssen ja meine Romane oder Krimis spielen. Ja, warum denn nicht in Baden-Baden? Es ist eine wunderschöne Stadt, die ich sehr liebe, die ich kenne, die es wert ist, immer wieder genannt zu werden, die viele Menschen kennen – warum soll ich jetzt in irgendeine fremde Stadt gehen oder mir vielleicht sogar eine ausdenken?

Aber dadurch bist du natürlich jetzt in die Regionalkrimi-Ecke gerutscht, sage ich mal. Ist das problematisch?

Am Anfang habe ich damit gehadert. Man kommt sich ja erst mal etwas piefig vor. Inzwischen habe ich festgestellt, dass ich mehr Bücher verkaufe als manche Kolleginnen und Kollegen, die bei einem sehr großen Publikumsverlag ein Buch veröffentlichen, aber nicht entsprechend promoted werden, wo ihr Buch einfach eine Saison – zwar bundesweit – in den Buchhandlungen liegt, sie dann vielleicht tausend Exemplare verkauft haben, und das war’s, und dann werden sie verramscht, und werden irgendwann gar nicht mehr gefragt, ob sie noch ein weiteres Buch für diesen großen Verlag schreiben wollen. Oder sie müssen sich den inhaltlichen Vorgaben des Verlags beugen und sich regelrecht verbiegen. Das Regionale birgt hingegen unglaublich erfüllende Momente, weil ich in Baden-Baden zum Beispiel bekannt bin wie ein bunter Hund. Es macht einfach Spaß, hier Premierenlesungen zu haben und die Begeisterung der Leute zu spüren. Die sprechen mich auf der Straße an oder sie schreiben mir, wie viel Freude ich ihnen bereite. Das ist fantastisch. So klein ist mein Publikum gar nicht. Ich bin inzwischen sehr zufrieden damit. Außerdem gibt es Unterschiede: Ich schreibe einerseits die reinen Regionalkrimis, in denen Baden-Baden die „Hauptrolle“ spielt. Beim „Rosenhaus“ ist diese Rolle schon kleiner, und ich habe die Rückmeldung vom Verlag, dass es sich nicht nur in der Stadt sondern Baden-Württemberg-weit hervorragend verkauft. Damit ist die Schwelle der Regionalität überschritten. Bei meinem Psycho-Krimi, in dem natürlich auch wieder ein Handlungsstrang in Baden-Baden spielen wird, wird es noch mal einen weiteren Schritt in die breite Öffentlichkeit geben. Man kann gar nicht sagen, dass ein Buch, das in Baden-Baden spielt, „nur“ Regionalliteratur ist. Es hängt immer auch mit der Aussage und Tragweite des Themas zusammen.

Kannst du uns schon etwas über deinen Psycho-Krimi erzählen?

Darf ich nicht. Ich würde gerne, aber ich darf es nicht.

Und über den nächsten Baden-Baden-Krimi?

Ja, wie gesagt, der ist gerade im Entstehen. Es sind wieder meine drei Ermittler, das kann ich schon mal verraten (lacht). Ich habe jetzt noch überlegt, ob ich vielleicht wieder eine vierte Person hinzunehme. Im Roulette war es ein Mörder, jetzt beim fünften Baden-Baden-Krimi könnte ich vielleicht die russische Putzfrau von Marie Luise Campenhausen noch mit ins Boot nehmen, aber es hat sich jetzt herausgestellt, dass es zuviel wäre. Oh, ich muss gestehen, da hakt es gerade gewaltig.

Gibt es da schon eine Zeitschiene?

Nein, ich habe den Luxus, mir Zeit lassen zu können. Ich werde mich auf jeden Fall nicht kannibalisieren und zwei Bücher in einem Jahr auf den Markt bringen wollen.

Das heißt, wenn der Psycho-Krimi nächstes Jahr kommt, dann kommt das andere Buch erst übernächstes Jahr?

Ja.

Du hast vorhin gesagt, du liest gerne historische Romane. Hast du einen Lieblingsautor, und welches Genre liest du sonst noch gerne?

Also, ganz besonders begeistert hat mich Jonathan Frantzen mit den Korrekturen. Ansonsten kann ich nicht sagen, dass ich einen besonderen Lieblingsautor habe. Eine ganze Zeitlang war mein Lieblingsbuch Die Säulen der Erde von Ken Follett. Aber die Nachfolger haben mich dann nicht mehr so vom Hocker gerissen. Vielleicht sollte man das in einem Interview nicht sagen – aber manchmal denke ich mir, man sollte vielleicht von jedem Autor nur ein Buch lesen: Das beste. Aber welches ist das? Ansonsten muss ich sagen, dadurch, dass ich mich ja sehr mit dem Genre Kriminalroman beschäftige, habe ich leider die Unschuld des Lesens von Kriminalromanen verloren und lese sie sehr ungern.

Hast du literarische Vorbilder?

Nein. Nein. Möchte ich auch gar nicht, ich möchte einfach ich sein.

Welche Musik hörst du am liebsten?

Ganz schwere Frage. Ganz schwere Frage. Ich höre sehr gerne Klassik, die Traviata kann ich auswendig. Wie fast jedes Mädchen musste ich als Kind Klavier spielen, klassische Stücke natürlich. Mein berühmter Onkel Fritz hat mich oft in die Oper in Köln mitgenommen, das fand ich sehr schön. Ansonsten ist es wechselnd, Oldies, Phil Collins … Bei mir läuft kein Radio, kein CD-Player. Ich brauche einfach Stille. Ich bin nicht der Mensch, der immer Musik um sich haben muss.

Also du lässt dich dann auch nicht von Musik beim Schreiben inspirieren?

Nein, ich beneide die Kollegen, bei denen das funktioniert. Ich kann es gar nicht.

Möchtest du noch einmal in einer anderen Stadt als Baden-Baden leben?

Nein. Auf gar keinen Fall. Wir haben das lange geprüft, ich bin sehr oft umgezogen. Nein, auf gar keinen Fall. Baden-Baden ist in meinen Augen eine perfekte Umgebung für mich. Die Stadt ist klein, sie hat ein großes Kulturangebot. Ich kann alle meine Bedürfnisse erfüllen, das heißt, ich wandere sehr gerne, ich habe viele Freunde in der Stadt. Die Nahrungsbeschaffung ist relativ einfach und auf kurzen Wegen zu erledigen. Ja, da passt einfach alles. Und ich habe in der Stadt mein Publikum und meine Heimat gefunden.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Okay… Ich komme selten an einer Buchhandlung vorbei, ohne ein Buch zu kaufen. Aber oftmals habe ich, bis ich endlich dazu komme, dieses Buch zu lesen, irgendwie keine Lust mehr, weil ich schon sehr viel darüber gehört oder gelesen habe. Zum Glück liest mein Mann sehr gerne, mehr als ich, insofern baut er oft meinen SUB ab. Wenn ich in der Schreibphase bin, dann lese ich nicht. Muss ich ganz ehrlich sagen. Es gibt ja viele Kollegen, die sagen: Man muss lesen, lesen, lesen, um schreiben, schreiben, schreiben zu können. Das ist bei mir ein bisschen anders.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?

Das Beste daran sind die Leserreaktionen und natürlich meine Lesungen. Die liebe ich, in denen kann ich mein Buch mit Haut und Haaren vorstellen. Es ist so toll, wenn man dabei spürt, wie das Publikum mitgeht. Ja, wie soll ich sagen: Das ist mein Lohn. Mein Lohn für viele einsame Stunden der Selbstdisziplin und der Selbstüberwindung. Man hat ja nicht immer Lust, zu schreiben. Das Gehirn möchte eigentlich nicht arbeiten, es möchte lieber irgendetwas anderes tun, aber sich nicht hinsetzen und sich mit einem anstrengenden Stoff beschäftigen. Es ist auch, gerade in der Anfangsphase von Büchern, sehr anstrengend, einen Stoff im Kopf hin- und herzuwälzen und nichts zu verlieren. Das Nervigste ist, dass ich nie Feierabend habe. Dass ich diese Geschichte immer, immer mit mir herumtrage, und selbst wenn ich sie dann weggeschickt habe zum Lektorat – sie kommt ja wieder zurück zu mir, mehrmals. Bis es endlich in Druck geht, sitze ich schon am nächsten Projekt. So hört die Arbeit nie auf. Ich gönne mir keinen Urlaub, ich habe am „Feierabend“ ein schlechtes Gewissen. Ja. Das ist die Kehrseite des Berufs.

Ist es dann, weil du schreiben möchtest, also, weil es aus dir herausdrängt?

Ja. Absolut. Jeder Moment, in dem ich nicht schreibe, oder in irgendeiner Weise an einem Buchprojekt arbeite, fehlt mir dann. Jede Stunde, in der ich nicht schreibe, möchte ich wieder einholen. Das ist mir das Wichtigste, dass ich immer schreiben kann und immer die Möglichkeit dazu hätte. Da teile ich, glaube ich, mit vielen Kollegen eine tiefe Sehnsucht nach einer einsamen Almhütte. Aber das gilt nur für die ganz intensive Schreibphase des ersten Rohentwurfs. Das sind ungefähr drei Monate. Danach bin ich wieder normal.

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Autorenleben?

Es war bei meiner Premierenlesung vom Baden-Badener Roulette. Da kamen 150 Leute, eine Riesenschlange stand im Anschluss zum Signieren an. Ein Ehepaar kam, schlug das Buch auf und bat, ich möge es „Für Herbert und Marianne“ signieren. Gesagt, getan. Nach einer halben Stunde standen die beiden wieder mit dem Buch vor mir und drucksten verlegen: „Herbert ist doch gar nicht mehr mit Marianne zusammen. Können Sie aus der Marianne eine Silvia machen?“

Und meine allerletzte Frage an dich: Welche Frage wolltest du schon immer mal gerne beantworten, aber es hat sie noch keiner gestellt?

Da fällt mir nichts ein. Es gibt auch nichts, was ich vermisst hätte in unserem Gespräch. Doch. Vielleicht kannst du mich fragen, ob ich glücklich bin. Dann sage ich Ja.

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview!

Ich danke auch!

Im Anschluss an dieses Interview hat Rita Hampp übrigens ihr Projekt “Fünfter Baden-Baden-Krimi” vorerst auf Eis gelegt und widmet sich nun mit Feuereifer einer ganz neuen belletristischen Romanidee, die sie überfallen und nicht mehr losgelassen hat.

(Das Interview wurde geführt am 25. April 2012 in Olsberg.)

 

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Andrea Maria Schenkel – Finsterau

  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Hoffmann und Campe (5. März 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3455403816
  • ISBN-13: 978-3455403817
  • Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,2 x 1,8 cm

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das Buch in seiner Gesamtheit nun gut finde oder nicht.

Einerseits zielt es ganz klar darauf ab, im Windschatten von Tannöd und Kalteis Kohle zu machen. Knapp 17 € für 125 Seiten (nicht 160, wie fälschlicherweise vom Verlag angegeben) ist jede Menge Holz. 30 Kapitel, wobei jedes schon eine Viertelseite für die Überschrift braucht, jedes beginnt auf einer eigenen Seite und schindet somit nochmals Platz. Das wirkt aufgeblasen, als ob man hier wenig Text teuer verkaufen wollte. Dazu kommt, dass es keinen Anhang gibt, nichts, was darauf hindeutet, was echt und was erfunden ist. Kein Glossar, was die Vielzahl der zutiefst bayerischen Idiome, mit denen ich mich als Münchnerin schon einigermaßen schwer getan habe, erklärt. Irgendwie komme ich mir hier als Leser so vor, als würde mir hier der dritte Aufguss als besondere Spezialität verkauft werden.

Kriminalroman steht als Untertitel auf dem Cover. Möglicherweise ist es das sogar. Nur nicht in der Form, wie es der normale Leser kennt, aber auch nichts grundlegend Neues, die beiden Vorgängerromane der Autorin waren im gleichen Stil gehalten. Erst vor kurzem habe ich die Uraufführung von Kalteis als Theaterstück gesehen, das war unglaublich gut, lebte aber sehr von der fantastischen Präsenz der Darsteller. Hier hat man sie leider nicht und so fehlt es ein bisschen an der Spannung, die ich von einem Krimi erwarte, an der Figurentiefe, an der Lebendigkeit. Es wirkt ziemlich steril, wie eben zitierte Vernehmungsprotokolle.

Gleichzeitig haben mich Afra und ihr Vater aber durchaus in ihren Bann gezogen, ich habe mich in Gedanken mit ihrem Schicksal beschäftigt. Wenn es das war, was die Autorin erreichen wollte, dann hat sie bei mir einen Volltreffer gelandet. Die Engstirnigkeit der späten Vierziger, die einem die Luft zum Atmen nimmt, kommt sehr gut rüber. Aber auch die Enge des Elternhauses, begrenzt durch einen stets gläubigen Vater und eine unselbständige Mutter, ist plastisch gezeichnet. Aber reicht das?

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Interview mit Inge Löhnig

Inge Löhnig Liebe Inge, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview auf dem Blog “Nacht-Gedanken”. Stellst du dich kurz vor?

Mein Name ist Inge Löhnig, ich bin Autorin von Kriminalromanen und lebe in der Nähe von München mit meiner Familie und einem betagten Kater.

Ursprünglich bist du Grafikdesignerin. Wann hast du angefangen mit dem Schreiben?

Puh. So genau kann ich das gar nicht sagen. Vor vielen Jahren habe ich den ersten Romanversuch gestartet und irgendwann in die Tonne getreten. In der Folge habe ich mir Fachbücher über das Schreiben besorgt und Workshops besucht. So langsam nahm dann Dühnforts erster Fall Gestalt an. Fünf Jahre habe ich daran geschrieben. Als ich mich dann an den Folgeband wagte, habe ich mir eine Agentin gesucht. Auf diesem Weg kam Dühnfort zu Ullstein. Dann hat es noch eineinhalb Jahre gedauert, bis das Buch erschien.

Dühnfort hat ja gleich von Anfang an voll eingeschlagen. Wie findest du deine Geschichten um Dühnfort, oder auch für deine Jugendromane? Oder finden sie dich?

Meistens finden sie mich. Es gibt Themen, die springen mich an und lassen mich nicht mehr los. Bei Dühnforts erstem Roman hat eine Radtour den Ausschlag gegeben. Mein Mann und ich sind durch den Sauerlacher Forst geradelt und haben auf einer einsamen Lichtung im Wald eine Kapelle entdeckt. Dort haben wir Rast gemacht, und ich dachte mir: “Wow! Das wäre eine klasse Location für einen Mord.” Um diese Ausgangssituation herum habe ich dann mit dem Ideenspinnen begonnen. Wer ermordet jemanden an einer Kapelle, die in einem einsamen Wald liegt und warum? Um diese Ideen spinnen sich wieder neue, das ist wie so ein großes Wollknäuel oder mehrere Wollknäuel, die sich miteinander verheddern.
Beim zweiten Roman war ein Zeitungsartikel ausschlaggebend, sich mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen. Beim dritten Roman war es das Blättern in den Rechercheunterlagen des zweiten. In diesem Fall hat mich das Thema wirklich angesprungen. Ich habe dann relativ früh angefangen, den dritten Roman zu schreiben, obwohl gerade erst Dühnforts erster Fall erschienen war. Bei dem Jugendbuch stand die Idee plötzlich im Raum, jemand könnte verschwunden sein. Und um diese Ausgangssituation herum habe ich dann eine Geschichte gewoben. Beim zweiten Jugendbuch war auch ein Zeitungsartikel Auslöser. Es ging darin um einen zehnjährigen Jungen, der mit drei kleineren Geschwistern ganz alleine in Berlin lebte. Die Mutter war einfach ausgezogen. Einen Vater gab es schon lange nicht mehr. Die Frage, weshalb dieser Junge sich keine Hilfe holte, hat mich lange beschäftigt. Sie war der Ausgangspunkt für “Scherbenparadies”, meinen zweiten Jugendroman.

Sitzen deine Figuren mit am Frühstückstisch?

Das kann man so sagen. Meine Hauptfiguren sind schon sehr präsent in meinem Leben.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Ich habe tatsächlich Schreibrhythmus. Bisher begann mein Schreibtag um sechs Uhr morgens, denn um diese Zeit habe ich meinen Kopf frei. Seit ich hauptberuflich schreibe, ist die Schreibzeit in den Vormittag gerutscht. Und der zweite Teil der Frage? Richtige Schreibkrisen habe ich noch nicht erlebt. Es gibt aber regelmäßig Punkte, an denen ich stecken bleibe und am Vormittag nur eine halbe Seite schaffe oder so eine Stelle immer wieder umkreise und nicht weiter komme. Inzwischen weiß ich, woran das liegt. Da gibt es drei mögliche Gründe. Erstens: Ich kenne eine Figur noch nicht gut genug, um zu wissen, wie sie sich in der Situation, die es nun zu beschreiben gilt, verhalten würde. Der zweite – der häufigste – Grund: Ich habe etwas noch nicht genau ausrecherchiert. Hier ein aktuelles Beispiel aus Dühnforts viertem Fall: Meine Rechtsmedizinerin muss sich zu einem tödlichen Autounfall äußern. Da steht dann im Kapitelplan: “Doktor Weidenbach erklärt Unfallablauf und Todesursache.” Soweit die graue Theorie. Und nun muss ich der Frau schlaue Worte in den Mund legen. Ich muss also wissen, was eine Rechtsmedizinerin jetzt sagen würde, und das geht nur mit Recherche. In diesem Fall habe ich mit dem ADAC telefoniert, und die Verletzungsmuster in einem meiner Fachbücher über Todesermittlungen nachgelesen. Diese scheinbaren Kleinigkeiten und Details recherchiere ich meistens während der Schreibphase. Sie sind häufig ein Grund, weshalb ich meinen Text umkreise und nicht weiterkomme, bis ich dann kapiere, woran es liegt und mir sage: “Hallo, Inge, jetzt aber! Bitte: Telefon, Fachbuch, guck, wer dich da beraten kann.” Und der dritte Grund ist die Polizeiarbeit. Dühnfort ist Kriminalhauptkommissar bei der Münchner Mordkommission. Ich will keinen Superhelden aus ihm machen, à la Schimanski und Co, für die Regeln und Grenzen nicht gelten. Ich möchte seine Arbeit realistisch beschreiben. Doch Polizeiarbeit ist in weiten Teilen todlangweilig. Ich muss mir daher überlegen, wie ich sie interessant darstelle.

Deine Dühnfort-Romane spielen in München und im Münchner Umland, sie atmen die Umgebung, in der sie spielen. Gehst du diese Wege real ab?

Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Viele der Örtlichkeiten, die ich beschreibe, kenne ich, ohne sie vorher nochmal abgehen zu müssen. Und die anderen sehe ich mir natürlich genau an.

Schreibst du auch unterwegs, oder nur an deinem Schreibtisch?

Ich bin keine Unterwegs-Schreiberin. Ich kann das einfach nicht. Ich muss alleine in meinem Arbeitszimmer sein, um mich in die Geschichte hineinfallen lassen zu können.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Ich finde Schreiben überhaupt nicht anstrengend. Die erste Phase in der Entwicklung eines Romans geht Hand in Hand mit der Recherche. Diesen Teil finde ich ungemein spannend. Dabei lerne ich häufig interessante Menschen kennen und gewinne neue Einblicke. Ein Beispiel: Im vierten Dühnfort-Roman spielt eine Bogenbauerin eine Rolle. Sie baut Bögen für Streichinstrumente. Dieses Berufsbild musste ich recherchieren und war dafür einen Tag bei einem Geigenbauer in der Werkstatt, der auch einen Bogenbauer beschäftigt. Ich durfte zusehen, tausend Fragen stellen und fotografieren. Das war ein spannender und interessanter Tag. Die zweite Phase ist die Schreibphase: Da bin ich dann wirklich monatelang ganz für mich. Das ist eine Zeit der Einsamkeit. Die Tür zum Arbeitszimmer ist zu, ich muss und will alleine sein. Die schönsten Momente sind die, in denen die Figuren beginnen, sich selbst zu schreiben und mir das Heft des Handelns aus der Hand nehmen wollen, wenn ich nicht groß überlegen muss und der Text einfach fließt.

Was ich außerdem sehr mag, ist das Überarbeiten. Ich überarbeite meine Manuskripte drei-, viermal, bevor sie ins Lektorat gehen. Wie wirkt ein Satz, wenn ich ihn umstelle oder ein Wort herausnehme oder durch ein treffenderes ersetze? Oft ändere ich ganze Absätze, um eine bestimmte Stimmung zu erzielen. Dieses Feilen, bis der Text so ist, wie ich ihn mir erhofft habe, ist eine ungeheuer befriedigende Arbeit. Und dann bin ich ein Fan des Kürzens. Aus meinem ersten Dühnfort-Roman, der ursprünglich 550 Seiten hatte, habe ich 110 Seiten herausgeworfen. Danach war er gut, so, wie ich ihn haben wollte. Bei dieser Aktion habe ich das Kürzen schätzen gelernt. Ich habe Ballast abgeworfen, und das hat der Sache gut getan. Mein Fazit lautet also: Ich empfinde keine Phase des Schreibens als anstrengend oder belastend.

Du hast gerade schon deinen ersten Dühnfort-Roman erwähnt. Wie ist dir Tino Dühnfort das erste Mal begegnet?

Das erste Mal eigentlich gar nicht. (Lacht.) Er sollte keine eigene Perspektive bekommen. Ursprünglich sollte Agnes die eine Hauptfigur sein, und ihr Gegenspieler, dieser Mann, der zuerst ein Kind entführt und dann zwei Frauen ermordet, die andere Hauptrolle bekommen. Der Ermittler sollte eigentlich nur aus der Sicht dieser beiden Figuren wahrgenommen werden. Also sehr begrenzt. Als ich dann einen Workshop im Münchner Literaturhaus für “Krimiautoren und solche, die es werden wollen” besuchte, meinten plötzlich alle Teilnehmer, dass das nicht geht. Ich habe darauf gehört. Bis dahin kannte ich von Dühnfort nur ein paar vage Fakten. Seinen Namen, dass er aus Hamburg kommt, und dass er ein grüblerischer, nachdenklicher Mensch ist. Mehr nicht. Als ich dann die erste Szene aus seiner Sicht schrieb, hat er sich selbst hingestellt, war auf einmal da.

Dann müssen wir ja dem Workshop sehr dankbar sein. (Kichert.) Du hast Jugendromane geschrieben, du schreibst die Reihe um Konstantin Dühnfort. Gibt es noch ein Genre, in dem du gerne mal schreiben würdest, und was hält dich davon ab?

Mich würde es reizen, mal aus der Sicht eines Bösewichts zu schreiben und ihn zur Hauptfigur zu machen. Das Genre bliebe also dasselbe. Ja, was hält mich davon ab? Verträge für zwei Dühnfort-Romane und einer für ein Jugendbuch. Es wird also noch dauern, bis ich mich an ein derartiges Projekt setzen kann.

Da können wir uns ja auf die nächsten Jahre noch freuen! – Welches Genre liest du gerne selbst, und hast du einen Lieblingsautor?

Ich lese neben Krimis und Thrillern gerne Familienromane. Fantasy ist jetzt nicht so meins. Diese lustigen Frauenbücher lese ich schon zwischendrin gerne, aber ich denke, Familienromane, Krimis, Thriller, das ist meine Welt. Lieblingsautor? Da gibt es etliche. Im Bereich Krimi lese ich die skandinavischen und die britischen Autoren sehr gerne. Val McDermid ist eine Lieblingsautorin von mir, Ruth Rendell, alias Barbara Vine. Karin Alvtegen, die Nichte von Astrid Lindgren, schreibt wahnsinnig tolle Krimis. “Schatten” ist eins meiner Lieblingsbücher. Henning Mankell natürlich. Dann bin ich ein Fan von Paul Auster und seit dem vergangenen Sommer auch ein Fan seiner Frau, Siri Hustvedt. Ich habe die erst vor kurzem entdeckt. Sie schreibt grandios und ist meine Entdeckung des letzten Jahres.

Hast du literarische Vorbilder?

Eigentlich die, die ich gerade erwähnt habe. Ich begeistere mich ja für sie, weil sie eine ganz eigene Art haben, ihre Geschichten zu erzählen. Sie erzählen Geschichten nicht einfach um einer Geschichte willen. Es liegt ein Thema darunter. Eine Art Subtext, der sich durchzieht und das versuche ich in meinen Romanen ja auch. Ich schreibe keine Whodunnits, sondern Whydunnits. Mich interessiert, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten.

Lässt du dich von Musik beim Schreiben inspirieren?

Selten. Und wenn, dann geht eigentlich nur Klassik. Außer beim Jugendroman. Beim zweiten spielen zwei Musikstücke eine große Rolle. Die habe ich mir während des Schreibens doch immer wieder angehört, um auch in die Stimmung meiner beiden Figuren in diesem Roman zu kommen.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Der hat leider nie geahnte Höhen erreicht. Früher habe ich Bücher verschlungen. Leider komme ich momentan nicht dazu. Ich kann keine Krimis lesen, während ich selbst einen schreibe. Entweder bekomme ich Depressionen, weil sie so toll geschrieben sind, oder ich bin total ungnädig und würde jedes Wort auf die Goldwaage legen. So kommt keine Freude auf. Während der Schreibphase lese ich also andere Genres.

Du hast vorhin erwähnt, es kommt ein Dühnfort Fünf und auch ein Dühnfort Sechs. Kannst du uns darüber schon ein bisschen was verraten?

Dühnfort Fünf ist fertig geplant, geplottet. Den muss ich jetzt “nur noch” schreiben. Es ist schwierig, etwas darüber zu sagen, ohne zuviel zu verraten. Letztlich geht es um eine Grenzüberschreitung, die eigentlich nicht wirklich schlimm wäre. Ausschlaggebend war ein Zeitungsartikel, nach dessen Lektüre ich gespürt habe, in dieser Situation steckt Potential, das sollte man mal zu Ende denken, und sehen, was man daraus schlimmstenfalls machen könnte. Am Ende kommt etwas heraus, das ich als einen “Reigen des Verderbens” bezeichnen möchte.

Dein vor kurzem erschienener Roman “Schuld währt ewig”, der vierte aus der Reihe um Konstantin Dühnfort, ist nur zwölf Tage nach dem Erscheinungsdatum in die zweite Auflage gegangen. Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?

Ja, das Beste ist, dass ich niemals damit gerechnet hätte. Anfangs war das Schreiben ein Hobby. Meinen ersten Roman wollte ich nicht veröffentlichen, den habe ich wirklich für mich geschrieben. Ich wollte wissen, ob ich es schaffe, einen Krimi zu schreiben, den ich gerne lesen würde. Erst beim zweiten Roman habe ich mich bei Agenten beworben und bin dann schnell untergekommen Also, das Tollste ist gewissermaßen, dass da ein Traum in Erfüllung gegangen ist, den ich nie geträumt habe.
Inzwischen verdiene ich meine Brötchen mit Schreiben. Das ist einfach klasse. Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich heute hier sitze und ein Interview führe, ich hätte ich ihn sicher ausgelacht. Und nervig ist nichts. Es ist ein tolles Gefühl, Autorin zu sein. Manchmal bekomme ich natürlich Leser-Reaktionen, die nicht so toll sind. Mir ist es jetzt zweimal passiert, dass mich Leser einfach angerufen haben. Einmal samstags beim Mittagessen-Kochen rief eine ältere Dame an. Sie musste unbedingt ihren Ärger loswerden, dass in “Der Sünde Sold” eine Katze getötet wird. Die andere Leserin hat mich abends um zehn angerufen. Sie hatte das dringende Bedürfnis mir zu sagen, dass ich die tollste deutsche Autorin bin, die sie kennt. Das schmeichelt natürlich schon.
Andererseits hat das auch etwas Unheimliches. Das muss ich ehrlich zugeben. Wer mich im Internet finden will hat meine Kontaktdaten in drei Minuten raus und kann mich anrufen oder mir Mails schicken. Und da sind eben nicht nur nette dabei. Ich habe auch schon anonyme Mails bekommen und gegen einen dieser Absender tatsächlich Anzeige erstattet.

Da ging es um den zweiten Dühnfort-Band. Kannst du uns den Zusammenhang kurz erklären?

Zwei kleine Szenen des Buchs spielen einer Station im Krankenhaus Großhadern. Ich hätte niemals gedacht, dass jemand daran Anstoß nehmen könnte. Denn letztlich geht es bei diesen Szenen darum, zu zeigen, dass Dühnfort ein sehr freundschaftliches und gutes Verhältnis zu seiner Kollegin Gina hat. Also habe ich Gina ein gesundheitliches Problem angedichtet und sie ins Krankenhaus geschickt und Dühnfort besucht sie dort. Und ein wenig recherchefaul wie ich manchmal bin, habe ich einfach eine Station beschrieben, auf der ich tatsächlich mal war. Und … nun ja, die Einrichtung des Zimmers, die fehlenden Vorhänge und einiges mehr, das war nicht so schön und ich habe es so beschrieben. Eines Tages kam eine E-Mail mit einem Phantasienamen@gmx.de als Absender, also für mich nicht nachzuvollziehen, wer wirklich dahinter steht. Man mokierte sich über meine Darstellung der Station. Unterschrieben war die Mail mit “Im Namen aller Mitarbeiter der Station XY”. Ich habe dummerweise darauf reagiert und ein Gespräch angeboten, denn es war nie meine Absicht, jemandem auf die Zehen zu treten. Postwendend kam eine Antwort. Die war wirklich gruselig, denn die gute Frau – also, ich habe vermutet, dass es eine Frau war – schrieb: Ich wüsste ja, wo sie zu finden sei, also, wenn ich mit ihr reden wollte, könnte ich antanzen, und im übrigen wäre ich gar nicht auf ihrer Station gelegen, sondern auf der Nachbarstation. Da ist mir der Kinnladen heruntergeklappt. Woher wusste diese Frau, dass ich als Patientin auf dieser Station gewesen war? Beziehungsweise eben nicht auf dieser, sondern auf einer anderen und wann. Denn das wusste sie auch. Ich hätte das selber nicht mehr gewusst. Die Folge war eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag habe ich mit dem Datenschutzbeauftragten der Münchener Kliniken telefoniert, dem ist der Kinnladen heruntergefallen wie mir. Er hat mir zur Anzeige geraten, denn so wie es aussah, hatte jemand in meine Patientenakte geguckt.
Ich wollte wissen, wer da hinter diesen Mails steckt. Ich hatte mir beim besten Willen nicht vorstellen können, dass es alle Mitarbeiter dieser Station sind, und habe Anzeige erstattet. So ist es mir tatsächlich gelungen, die Mailschreiberin aus der Anonymität zu holen und ihr zu zeigen: ich weiß wer du bist. Das Erschreckende daran war für mich, dass tatsächlich alle Mitarbeiter der Station hinter diesen Mails standen. Und das Lustige daran, dass niemand mein Buch gelesen hat. Man kannte nur die zwei kurzen Szenen.

Hat dich dieser Vorfall bewogen, deine Orte noch mehr zu verfremden?

Ja. Das ist so. Wobei ich das nicht müsste. Aber man weiß einfach nicht, wem man unwissentlich auf die Zehen tritt und was für Folgen das haben kann.

Hast du auch noch eine lustige Anekdote aus deinem Autorenleben für uns?

Lustig? Da muss ich jetzt gerade mal nachdenken. – Doch, ja. Da gibt es eine lustige Geschichte. Ich habe durch einen Zufall einen ehemaligen Kriminalhauptkommissar der Münchener Mordkommission kennengelernt, der mich seit meinem ersten Buch berät. Gerade bei meinem ersten Dühnfort-Roman habe ich so jede Menge Basics der Polizeiarbeit gelernt. Als der Roman dann fertig war, habe ich meinem Berater das Manuskript zu lesen gegeben, und er rief mich völlig entsetzt an und sagte: “Frau Löhnig, das machen’s aber nicht noch mal.” – Ich fragte: “Ja, was denn?” – “Am Ende ist der Täter tot. Und das ist für einen Kriminaler das Schlimmste überhaupt.”
Ein Kriminaler will den Täter natürlich lebend erwischen, damit auch das kleinste Detail des Falls noch restlos geklärt werden kann. Wenn der Täter tot ist, dann geht das nicht mehr. – “Frau Löhnig, das machen Sie aber nicht noch mal!” (Beide lachen).

Dann sage ich herzlichen Dank für das Gespräch, und viel Erfolg mit Dühnfort Vier, Fünf und Sechs!

Ich danke dir, Corinna!

Inge Löhnig wurde 1957 in München geboren. Sie studierte an der renommierten Akademie U5 in München Grafik-Design und arbeitete anschließend in verschiedenen Werbeagenturen, zuletzt als Art-Directorin auf einem Mode-Etat.Heute lebt sie als freiberufliche Grafik-Designerin und Autorin mit ihrer Familie und einem betagten Kater in der Nähe von München. „Der Sünde Sold“, war ihr erster Roman mit Kriminalhauptkommissar Konstantin Dühnfort und Auftakt der Serie, die bei Kritikern und Lesern einhellige Begeisterung auslöst: „Meisterhafte Erzählkunst“ schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Mehr davon“ wünscht sich die Frauenzeitschrift FREUNDIN. Neben Romanen für Erwachsene schreibt die Autorin auch Jugendbücher.

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Interview mit Nina George

Nina George Liebe Nina, herzlichen Dank, dass Du Dich bereiterklärt hast, uns ein Interview zu geben. Stellst Du Dich kurz vor?

Mein Name ist Nina George, ich rauche nicht mehr, ich schreibe, ich brauche das Schreiben wie andere vielleicht das Atmen, ich liebe meinen Mann, ich liebe Hamburg und hey, Corinna, schön, dass Du hier bist.

Herzlichen Dank! Das war schon meine nächste Frage: Du schreibst seit 1992 in wechselnden Genres, brauchst Du das Schreiben wie die Luft zum Atmen?

Ich habe mir mal kurzfristig überlegt, was ich statt des Schreibens machen würde: Ich wäre vielleicht Gärtnerin, weil ich es liebe, mit den Händen in der dreckigen Erde rumzuwühlen, oder ich würde vielleicht das machen, was ich irgendwann auch mal gelernt habe, nämlich kellnern. Aber das macht nicht im mindesten so viel Lust, ja es ist eine ganz seltsame Lust, es ist auch eine Qual und das Schreiben ist auch eine …. es ist kein Liebeslied. Aber es ist der einzige Weg für mich, um zu leben.

Du schreibst Kurzgeschichten im Krimigenre, Du schreibst Romane wie Die Mondspielerin, Du schreibst Kolumnen und Sexratgeber unter Deinem Pseudonym Anne West. Wie findest Du Deine Geschichten, oder finden sie Dich?

Das Erstaunliche ist, dass es sehr leicht ist, Geschichten zu finden. Das Schwierige ist, sich zu entscheiden, welche ich erzählen will! Vielleicht bin ich auch deshalb Schriftstellerin geworden, weil ich sogar, wenn ich schlafe und wenn ich träume, das Gefühl habe, ständig auf Empfang zu sein. Ich nehme ganz viel wahr, ich sehe, wie Menschen miteinander umgehen, was sie erzählen. Meist habe ich das Gefühl, ich spüre die verschiedenen Stimmungen, Gefühle und Emotionen im Raum. Ich mache mir viel Gedanken, ich lese viel, ich denke permanent in einer Geschwindigkeit, die mir auch manchmal Angst macht. Das Schreiben ist eine Art Möglichkeit, mich zu entscheiden, was möchte ich davon festhalten, was möchte ich nochmal erzählen, was möchte ich insoweit festhalten, weil es mir wichtig ist? Wie kann ich es noch besser beschreiben?
Das Schlimme am Schreiben ist bei jedem Roman, bei jeder Kurzgeschichte: was lasse ich weg? Und das tut mir manchmal sehr weh. Die ersten paar Jahre habe ich den Fehler gemacht, dass ich immer alles, was ich weiß, in jeder Geschichte erzählen wollte. Ich wollte alle meine Weisheit, die ich bis dahin, so mit 25, 27, 32 angehäuft hatte, in jede Geschichte verpacken, bis ich dann irgendwann einmal gemerkt habe, so funktioniert das Schreiben nicht. Das Schwierige ist das Entscheiden. Ja.

Hast Du einen bestimmten Schreibrhythmus und brauchst Du eine bestimmte Umgebung dafür?

Ich bin sehr gerne alleine, ich möchte, dass man mein Gesicht nicht sieht, während ich schreibe, weil ich mich erinnere, weil ich mich dann auch erinnere an Sachen, die nicht schön sind, die nicht harmonisch sind, an Liebeskummer, an Lügen, an Betrügereien, an sehr traurige Sachen, an Dramen, an Krieg, an Mord und Totschlag, an Sex, an Abgründe. Ich möchte nicht, dass man mich dabei beobachtet, wie ich all diese Dinge nochmal durchdenke und wie ich sie kühl versuche, in Worte zu fassen. Ich schreibe jeden Tag, bis auf die Zeit meiner Krankheitsphase. Der Arbeitsablauf ist ganz einfach: ich stehe auf, ich schmeiß die Kaffeemaschine an oder mache mir einen Bohnenkaffee. Früher habe ich mir eine Zigarette angezündet, die erste von ungefähr 50 am Tag, heute mache ich das nicht, sondern lese erst mal ein bisschen Internetzeitung, und wenn der erste Kaffee durchgelaufen ist, setze ich mich mal ran und kuck mal, was ich heute mache. Ich habe sehr viele journalistische Kunden, dadurch ist bereits ein ungefährer Wochenplan vorgeben.

Und was tust Du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Dann gehe ich schwimmen, dann gehe ich raus oder ich lege mich hin und schlafe. Schreibblockaden als solches weiß ich, wie man sie überwindet. Es gibt vielleicht auch nicht unbedingt Blockaden, es gibt vielleicht Momente, die ich auch kenne, wo ich leer geschrieben war, einfach leer, wo mich nichts mehr auf der Welt je reizte festzuhalten oder anderen Menschen nochmal neu nachzuerzählen.
Es gibt so ein paar Tricks, um mich wieder ans Schreiben zu bringen, vielleicht nützt es dem einen oder anderen, wenn er merkt: Uahh, weißes Blatt, es schaut mich an. Uahh, mir fällt nix ein. Ich fange an zu beschreiben. Ich nehme mir ein schönes Bild und fange an es zu beschreiben, oder wie es wohl zu der Situation auf diesem Bild kam. Da kann ich eine x-beliebige Postkarte, einen x-beliebigen Fotoband aus meiner Bibliothek nehmen, ich schlage eine x-beliebige Seite auf, sehe ein Paar, das zum Beispiel Tango tanzt und erdenke mir, wie kam es dazu? Und dann fange ich an, einfach mal zu dokumentieren, was haben die an, wie sehen die aus, und plötzlich merke ich: Ach so, ach, geht doch noch, du musst dich jetzt nicht aus dem Fenster rollen oder arbeitslos melden.
Oder ich nehme mir ein ausgesprochen schlechtes Buch und danach bin ich dann so empört, dass so etwas gedruckt wird und davon überzeugt, dass, wenn so etwas gedruckt wird, hey!, dann kann ich auch schreiben. Und das kann ganz wunderbar gegen Selbstzweifel oder Kreativleere helfen. Also liebe Kollegen: bitte nicht jedes schlechte Buch wegschmeißen, es hilft über eine Schreibblockade. (kichert)

Hast Du dazu extra einen Stapel angelegt?

Der Stapel schlechter Motivationsbücher? Nein, aber ich kenne die Bücher ganz genau. Ich werde jetzt keine Titel nennen, sonst werde ich geteert und gefedert. Ich habe einmal den Fehler gemacht, mich geschmäcklerisch abfällig über Autoren zu äußern, die noch leben. Das macht man nicht.

Welche Phase eines Buches oder einer Kurzgeschichte ist für Dich die anstrengendste?

Das Schreiben! Wenn ich eine Geschichte durchdenke, das ist schon ein sehr großer Teil, der dauert extrem lang, bis ich weiß, wo beginne ich die Geschichte und wie endet sie. Diese Phase dauert sehr lang, aber wenigstens kann ich das überall machen. Es tut nicht weh und ich kann drum herum denken, ich geh aufs Klo und denk da ein bisschen oder beim Einschlafen denke ich ein bisschen, oder im Bus denke ich ein bisschen, ich denke ständig darüber nach, aber das ist vergleichsweise einfach. Die schwierigste Phase ist, das, was ich dann im Kopf habe – wenn ich zum Beispiel genau weiß, das muss sich so oder so anfühlen –, das dann in Worte umzusetzen. Es ist ein bisschen so wie beim Shoppen. Du hast ein bestimmtes Kleid, einen bestimmten Fummel, bestimmte Jeans vor Augen, und man rast durch jeden verdammten Laden und findet es nicht! Manchmal ist genau das auch beim Schreiben so: ich habe ein bestimmtes Gefühl, ein bestimmtes Bild, eine bestimmte Nachricht, eine bestimmte Vorstellung einer Figur, die ich vermitteln möchte – aber ich schaffe es nicht. Das macht mich rasend. Das sind solche Momente, da überlege ich mir das mit dem Gärtnern oder Kellnern doch wieder sehr genau, weil da habe ich endlich meine Ruhe und muss mich nicht damit herumquälen, dass ich es trotz meiner 20-jährigen Berufserfahrung mal nicht schaffe, eine verdammte Situation so zu erklären, dass sie perfekt erzählt ist.

Du bist ja sehr vielseitig. Aber gibt es noch ein Genre, in dem Du noch nicht geschrieben hast, das Du aber gerne mal ausprobieren möchtest? Und was hält Dich davon ab, es zu tun?

Drei Genres habe ich noch, die ich unbedingt gerne schreiben will. Das erste ist Fantasy, ich habe eine Idee, die würde für eine… hmm… Septologie reichen. Minimum. Ich habe ebenfalls noch ein paar Ideen für historische Romane, hauptsächlich 18. Jahrhundert, Vorabend der Revolution. Und ich möchte auch noch ein erzählendes Sachbuch über Schmerz schreiben.
Was hält mich davon ab? Schiss. Ich bin seit 12 Jahren selbständig und habe eine ganze Zeit von der Hand in den Mund gelebt, das heißt, das Geld kam rein, wurde für die Fixkosten und Steuern ausgegeben und Punkt. Ich hatte kein Sparkonto, kein Nichts, kein Garnichts. Jetzt habe ich seit geraumen Jahren ein kleines Sparkonto, hab eine Altersvorsorge, und ein Sicherheitsteil von mir sagt: Du musst auch leben, und zwar im Kopf frei leben können, um zu schreiben, das heißt, ich halte zum Beispiel nichts von dem armen Poeten, der nur deshalb kreativ sein kann, weil er arm ist und sich bloß nicht mit so etwas Schmutzigem wie Geld abgibt.
Es hält mich davon ab, dass ich Schiss habe, einen Teil meines journalistischen Einkommens aufzugeben, um Zeit und Kraft zu haben für die anderen Projekte. Um genau zu sein: es genau das, womit ich mich seit zwei, drei Jahren in Gedanken beschäftige, diesen Mut zu haben, zu springen. Und Marianne, die Figur aus der Mondspielerin, hat mir das vorgemacht, sie ist gesprungen. Auf der anderen Seite hat sie auch gar nichts mit mir zu tun. Aber dieser Mut, zu springen, mehr und mehr von Büchern zu leben – ich nehme immer noch Anlauf.

Welches Genre liest Du selbst gerne und hast Du einen Lieblingsautor oder ein literarisches Vorbild?

Ich lese alles, was mich interessiert. Ich bin überhaupt nicht genrefixiert, ich war sogar sehr erstaunt, als ich irgendwann im Laufe der Jahrzehnte feststellen musste: hö, Bücher werden ja in Genres aufgeteilt, und wenn ich einen Liebesroman habe, da kann nicht noch ein Toter drin vorkommen und auch keine Zeitreise, sonst finden die das alle doof. “Die” heißt: die Verlage, die Agenten, es hat sich so ein unglaubliches Schubladendenken festgesetzt die letzten 15 Jahre.
Ich lese alles, ich habe einige Lieblingsautoren, die sich seitdem ich in der Pubertät war kaum geändert haben. Es ist vielleicht wie mit Liedern, wie ich sozialisiert oder geprägt wurde mit Songs aus den Achtzigern, bin ich auch mit Autoren dieser Zeit aufgewachsen, und sie haben mich quasi in einer Lebensphase erreicht, wo ich noch ganz formbar war, wo meine Gefühlslandschaft sich geformt hat, und die haben sich in mich hineingefurcht und hineingedübelt. Sie haben dort ihren Platz bis heute. Das ist zum Beispiel Stephen King, das ist John Irving, das ist die gute Elizabeth Dunkel, die kein Mensch mehr kennt, – sie hat Der Fisch ohne Fahrrad geschrieben, die Mutter der Frauenromane, der intelligenten Frauenromane.
Ich hatte außerdem immer ein Faible für Sagen und Fabeln, Krimis sind relativ spät dazu gekommen, heute lese ich sehr, sehr viele Krimis, auch sehr gerne von deutschsprachigen Autoren, die werden immer besser, vor allen Dingen die Frauen, Holladiewaldfee. Skandinavier kann ich durch die Bank nicht leiden, Isländer auch nicht, weil ich sie nicht verstehe, ich mag britische und amerikanische zeitgenössische Literatur, Biografien, Bildbände, alles rund um Frauenrecht, Frauen, Frauen, Frauen, immer wieder Frauen – ach, verdammt, ich befürchte, ich lese alles. Ich bin so ein Allesfresser, ich bin wie eine Möwe, die alles frisst, und so picke ich mich durch die Bücherlandschaft wie ein Flugsaurier.

Du hast gerade schon von Songs gesprochen, die Dich geformt haben. Lässt Du Dich von Musik beim Schreiben inspirieren? Und welche Musik hörst Du auch sonst gerne?

Ich habe das mal probiert, Schreiben und Musik, und habe feststellen müssen, das ist wie Schreiben und Alkohol, das funktioniert mit einem Song oder mit einem Glas, und dann komme ich durcheinander, dann höre ich meine Gedanken nicht mehr, dann kann ich mich nicht konzentrieren, dann ist mein Sandkasten oder mein mentaler, literarischer Spielgarten, der ist dann auch vollgemüllt mit zu vielen Informationen. Es reicht, wenn meine eigenen Gedanken in meinem Spielgarten sind, meine Gefühle, aus denen ich dann schöpfe und etwas Neues erschaffe. Wenn dann auch noch ein Lied dabei ist und auch noch Alkohol, das wird zu voll im “Blumenbeet”, das wird eine Riesengartenparty, da kann kein Mensch mehr was mit anfangen.
Das bedeutet praktisch, Musik höre ich ganz unabhängig von allem anderen. Ich spiel selber auch Klavier, nie vor Zuhörern, aber ich bin sehr glücklich dabei.
Aber Musik zum Schreiben? Ich erinnere mich an zwei, drei Mal, wo ich das Gefühl von Musik versucht habe in einen Roman zu übertragen, was sehr schwierig ist. Musik sagt Dinge, die Wörter niemals ausdrücken können. Bei der Mondspielerin habe ich das gemacht, indem ich ein und dasselbe Lied immer wieder gehört habe, Piazollas Libertango, um diese Bilder und Emotionen, die dann in mir entstehen und wohl auch in anderen, zu übersetzen. Das mache ich nicht unbedingt wieder. Musik sollte Musik bleiben, und die Musik der Worte unabhängig davon sein.

Du warst ja mal Opernstatistin. Hat es Dich nie auf die Bühne gezogen?

Es hat mich einst immer auf die Bühne gezogen, ich war mir sicher, dass ich Schauspielerin werde, seit ich wusste, was Schauspieler so machen. Wobei, wenn ich Schauspielerin sage, dann meine ich tatsächlich Theater, nicht Fernsehen! Fernsehen, das habe ich mir schon mal so als junges Mädchen von acht, neun Jahren … Ich habe Laientheater gespielt und habe dann mit 18, 19 angefangen, mich bei den Schauspielschulen zu bewerben. Und musste unfassbar scheitern. Offenbar war ich nicht gut genug oder war in dem Jahr nicht der Typ. Das war das Jahr, wo die Generation Hübsch sehr viele blonde Mädchen produziert hatte und ich bin nunmal dunkel und knubbelig. Ich weiß nicht, woran es außerdem lag, vermutlich war ich einfach nicht gut genug. Als ich kurz in Augsburg lebte und hörte, dass dort am Theater Statisten gesucht seien, bin ich mit Herzklopfen hin. Es war ganz einfach, Komparsin zu werden, es kam einfach nur darauf an, genügend Zeit zu haben, nicht Talent. Zeit hatte ich, vormittags habe ich gearbeitet in einer Männerzeitschrift-Redaktion in München, und so konnte ich bei den Opern entweder unter einem Bett mal hervorkriechen und so tun als sei ich eine Schabe, oder ich spielte Teil eines wütenden Mobs. Einmal durfte ich sogar etwas sagen. Weiß ich das noch? Nein, so eine große Rolle war es nicht. “In ihr steckt der Teufel, in ihr steckt der Teufel”. Jaja, großes Tennis.

Beim Theaterspielen hat man ja eine relativ direkte Interaktion mit dem Publikum, die ja einem Autor irgendwie fehlt. Hast Du das vermisst?

Nein, denn obgleich ich unglaublich gerne Theater spielen wollte, litt ich unter entsetzlichem Lampenfieber. Man musste mir eigentlich nur das Wort Bühne zeigen, da sass ich schon auf dem Klo. Obwohl, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, während des Laientheaters, da hatte ich kein Lampenfieber, da war ich ein bisschen aufgeregt, klar, wer kuckt und so und mache ich das alles ordentlich, aber erst nachdem ich so bei den Vorsprechen gescheitert war, hatte ich Lampenfieber. Und die Interaktion wurde mir eigentlich auch vergällt, dadurch, dass dort Juroren saßen in den Schauspielschulen, die mir hauptsächlich Ablehnung entgegengebracht haben. Dieter Bohlen ist dagegen geradezu kuschelig! Und ich war jung, 18, 19, und ihre Urteile haben mich so beeindruckt, dass ich manchmal noch heute, wenn ich eine Lesung habe, Sorge habe, dass einer aufsteht, mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: “Die kann doch gar nicht schreiben! Die kann doch gar nicht lesen! Und warum trägt sie ne Hose? Ist doch ne Frauenrolle, die sie gerade vorliest! Die soll man was anderes machen was auch mit “Sch” anfängt, wie wärs mit Scheibenwischerin!” Aber dann nehme ich mein verschrecktes 19-jähriges Mädchen innerlich an die Hand und sage: und wenn schon. Wär doch ne lustige Sache, wenn da jemand aufsteht!
Heute genieße ich Lesungen sehr, denn die Aufmerksamkeit, die Begeisterung, die Zuneigung, die ich vom Publikum erhalte, lässt mich immer besser lesen und manchmal geradezu bühnenhaft agieren. Ich habe dann wieder in meine ureigene Spielfreude gefunden. Mein Lesungspublikum die letzten 10, 12, 15 Jahre, das hat mir geholfen, diese heißgeliebte und so verunsicherte Spielfreude zu reanimieren. Und eigentlich gefällt mir das Lesen aus eigenen Erzählungen besser. Ich habe meine Texte, meine Figuren, und ich muss mich nicht mit so einem naiven Gretchen rumplagen oder mit so einer Kuh aus Nachtasyl, die wie blöde so einem Heini nachgloint, der sie verlässt. Also es ist mir lieber, wenn ich meine Figuren vortragen und leiden lassen kann, dann weiß ich wenigstens, was die Autorin uns damit sagen wollte ….

Dein Mann ist auch Schriftsteller. Lest ihr gegenseitig Test und er ist er Dein größter Kritiker und umgekehrt?

Wir sind einander die größten Fans. Wir lesen nicht gegen und sagen: Kuck mal, da ist eine Länge, oder: Kuck mal, das ist aber doof, sondern wir loben das Gute, und reden vorher ganz viel darüber. Dieser Prozess des Redens, des Planens und des Entscheidens ist ja ein wahnsinnig großer Prozess. Das Schreiben besteht ja nicht nur aus Hinsetzen und Tippen, sondern aus dem Denkprozess. Wir reden sehr, sehr, sehr viel über Ideen, über Plots, über Figuren, über Stimmungen, die wir erzeugen wollen, aber haben auch beide festgestellt, Jens hat einen komplett anderen Erzählton als ich, und ich kann ihn nicht kopieren und er nicht mich. Das ist merkwürdig, weil wir sehr viel kopieren können, also manchmal machen wir uns den Scherz zu schreiben wie … xy. Das gelingt ganz gut, manchmal für eine halbe Seite oder eine Seite, gar kein Problem. Ich glaube sogar, 50 Prozent aller Autoren könnte ich kopieren im Ton, aber meinen Mann nicht, ich weiß nicht, wie er das macht, der Sauhund. (lacht) Jens ist allerdings für mich ein guter Scriptdoctor. Wenn ich mal nicht weiter weiß, dann schicke ich ihm das, er schaut drauf und meistens sagt er, “Süße, kuck doch mal, Du hast doch schon alles angelegt, Du kannst da den Faden weiterziehen oder dort.” Mein Mann ist mein drittes Auge, wenn ich blind für meinen Text geworden bin. Und umgekehrt bin ich ihm eine gute Figurenhilfe. Ich kann Figuren gut machen – und er kann gut plotten. So ergänzen wir uns.

Du hast letztes Jahr den DeLia-Preis für den besten Liebesroman mit der Mondspielerin gewonnen. Hat sich seitdem etwas geändert für Dich?

Nein, glaube ich nicht. Nein. Außer dass ich viele neue hinreißende KollegInnen aus dieser DeLiA-Autorengruppe kennengelernt habe. Das ist ein großer Gewinn.

Du hast vorhin gesagt, Du liebst Hamburg. Gibt es auch eine andere Stadt, in der Du leben könntest, oder willst Du hier nicht mehr weg?

Hach, im Sommer habe ich ja eine kennengelernt. Sie ist dreckig, sie ist laut, sie ist brutal, sie ist unglaublich sexy, sie ist viel zu anstrengend, sie heißt New York. Ich glaube, nicht, dass ich dort leben möchte im Sinne von 10, 20, 30 Jahre, für immer, aber ich würde gerne ein Zeitlang dort sein. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Stadt so eine Wirkung hat, ich dachte immer, das sei daher geschriebener Marketingscheiß, aber in der Tat, in New York hatte ich immer das Gefühl, es kann was passieren, Abenteuer, es kann sich was bewegen, ich kann hier alles machen! Natürlich kann man nicht alles machen, es gibt z.B. selten unhöflichere Polizisten als die in New York, aber dennoch, dieses Gefühl von: mach doch, mach doch was Du willst, das war unglaublich viril und vibrierend, ich habe das selten. Ich habe das, glaube ich, noch nie bei einer Stadt so erlebt. Aber ansonsten, in Hamburg werde ich leben, werde ich alt werden, werde ich lieben, werde ich bleiben, aber ich werde immer mal wieder kleine Ausflüge machen.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Ich rechne in Breite. Ich glaube 60 Zentimeter breit, die stehen so, tackatackatack, dann habe ich noch so einen Stapel daneben, das sind vielleicht 5 Bücher, das sind, ohh, das sind jede Menge, lass es 40 Bücher sein.

Nicht viel.

Nein, ich lese ja ständig alles weg. Wenn der SUB zu feist wird, dann besteht die Gefahr, dass der Berg mich voruwrfsvoll anstarrt, na, das kann ich ja ab! So einen wachsenden Bücherbaum? Nee, dann wird es einsortiert und wenn ein Buch erst einmal in meiner Bibliothek einsortiert ist, dann ist es weg, einfach verschwunden.

Kannst Du uns schon etwas über Dein aktuelles Projekt sagen?

Nein, ich habe alles auf Eis gelegt, nachdem ich einen Bandscheibenvorfall hatte und mein Vater gestorben ist, so dass ich auch zurückrudern muss von der Absicht, einen Provenceroman zu schreiben. Die Hauptfigur dadrin trauerte nämlich einer Liebe hinterher, die schon vor langen Jahren gestorben ist und er lebt immer noch in dem Damals und macht sich erst heute auf den Weg, wieder sein eigenes Leben zu finden. Aber ich konnte die Vorstellung nicht aushalten, darüber zu schreiben, wie es ist, jemanden zu verlieren, den man mehr geliebt hat als alles. Das möchte ich nicht schreiben. Nicht jetzt, vielleicht in ein paar Jahren. Deswegen bin ich im Moment vorsichtig im Herumdenken, ich bin mir noch nicht sicher. Ich möchte Geschichten erzählen über ein sehr starkes Gefühl, das jeder von uns schon einmal hatte, das lebensverändernd ist, das schmerzt, das einen dazu bringt, das ganze Leben nochmal neu zu überdenken, die Vergangenheit und die Zukunft. Dieses starke Gefühl, was so eine Art Vorwegnahme des eigenen Todes ist, hat einen sehr beknackten Namen: Liebeskummer. Aber Liebeskummer bringt Dich um bei lebendigem Leibe. Und ich möchte um dieses Gefühl herum eine Geschichte schreiben. Ich weiß nicht, warum das unbedingt, es erscheint mir nötig!
Aber im Moment bin ich auf der Suche nach meiner Heldin, ich weiß nur, wie sie in dieses Liebeskummerloch gestoßen wird, und ich habe neulich ein paar Zeilen notiert, wie es endet, aber dazwischen liegen noch 300 Seiten! Ich habe noch nicht mal einen Namen für sie, ich habe schon zwei Freundinnen für sie, ja, und ich habe auch ihren Ex, den sie in verrückten Minuten immer noch liebt, obwohl er ihr so weh getan hat, aber ich bin noch nicht viel weiter.
Ich will außerdem ein Buch über Schmerz schreiben. Über Schmerz und wie er die Welt verkleinert. Körperlicher Schmerz, der auch Deine Seele verändert. Und wie man da wieder raus kommt. Ich habe mir Schmerzgeschichten angehört im Rückenzentrum am Michel, wo ich mich versucht habe, wieder aufzurichten, und es ist erstaunlich, wie viel Schmerz in der Welt ist und wie unsichtbar er ist! Wie viele Menschen Schmerzen haben. Manche rollen ihn auf wie einen Faden, um ihn in den Griff zu kriegen, manche stellen sich eine Kugel vor, machen sie ganz klein und stecken ihn in die Tasche, damit er nicht so viel Raum einnimmt. Ich habe auch einen Weg gefunden, mit meinem Schmerz umzugehen. Und darüber möchte ich gerne schreiben, um jenen, die keinen haben, aber Menschen an der Seite haben mit Schmerzen, mit denen anders umzugehen, besser umzugehen, aber auch, um sich selber zu schützen, weil wir Schmerzgeplagten – ach, wir sind auch unglaublich vereinnahmend. Und wir sind ungeduldig. Sehr. Und wir sind innerlich furchtbar einsam. Darüber würde ich gerne schreiben. Ich werde ein Konzept machen, ich werd schauen, mit welchem Verlag ich drüber rede, denn ich halte es für wichtig, darüber zu sprechen, denn jetzt kann ich es. Es ist eine Welt hinter dieser Welt, die Welt des Schmerzes. Davon möchte ich erzählen.

Du bist eine erfolgreiche Autorin. Was ist das Beste daran und was das Nervigste?

Das Beste daran … obwohl, muss ich zurückstellen, muss ich mal kurz im Hinterkopf überlegen. Das Schlechteste daran ist, dass Erfolg rein gar nichts bringt für die innere Ruhe oder das innere Glück oder für das Lebensglück oder für das Verhältnis zwischen den Menschen, die mir etwas bedeuten. Also es ist völlig egal, ob ich erfolgreich bin oder nicht! Es ist so etwas von schnuppe, dass man sich manchmal fragen muss, warum streben Menschen nach Erfolg? Weil im Grunde ist es wurscht für eine gewisse Form des lebenswichtigen Glücks. Erfolg heißt nicht, dass Du besser lieben kannst, mehr geliebt wirst, dass Du kreativer bist oder weniger kreativ, es heißt noch nicht mal, dass Du besser die Welt verändern kannst, nur weil man Dir eher zuhört. Das ist das Blöde am Erfolg, dass an ihn so viel gehangen wird, das das Leben angeblich glücklich macht – und Überraschung! Es ist nicht so.
Was das Schöne daran ist. Ich vergesse es manchmal, aber jetzt, wo ich drüber nachgedacht habe, das Schöne an meiner Sorte Erfolg ist – ich kann machen, was ich will. Weitestgehend. Ich habe meine Verpflichtungen, aber ich kann zu einem unglaublich großen Teil machen, was ich will. Und das ist ein unfassbar tolles Gefühl. Das Allerschönste an dieser Selbstständigkeit und einem wie auch immer Erfolg, ob nun finanziell oder inhaltlich: ich kann ausschlafen. Ich habe es schon immer gehasst, das Geräusch des Weckers. Immer. Ich kann bis nachts eins, zwei, drei bestens arbeiten, aber ich kann es nicht leiden, wenn ich vor elf irgendwo sein muss. Oder aufstehen muss. Womöglich kämmen! Das ist das Beste am Erfolg: ich kann ausschlafen!

Erzählst Du uns noch eine Anekdote aus Deinem Autorenleben? Oder auch zwei?

Mein Pseudonym Anne West sorgt immer dafür, dass sich Menschen anders benehmen. Männer wollen gerne mit mir recherchieren oder behaupten: Ich hab das alles gar nicht nötig, ohne dass sie überhaupt wissen, über was ich schreibe, oder wie ich schreibe oder was meine Prinzipien sind. Ich verkaufe ja zum Beispiel keine Gelinggarantien für Sex, weil ich das einfach albern finde, total albern. Dass alle auch so tun, als ob Sex nichts mit der Persönlichkeit zu tun hat, nervt mich total. Aber Leute wissen halt nicht, dass ich sehr bei Verstand bin, wenn ich meine Sexbücher schreibe und reagieren, als ob sie mit jemandem sprechen, der als Arbeitskleidung nur irgendwie einen Bindfaden durch den Schritt und zwei Briefmarken vornerum trägt. Sie reagieren seltsam. Es hat mir ja auch noch nie jemand vorgeworfen, dass ich so viele Leichenberge angehäuft habe, warum regt sich keiner über meine Leichenberge auf, über Mord und Totschlag und Gemeinheit, ich hab so gemeine Geschichten geschrieben? Nein, mir wird vorgeworfen, wenn sich mal irgendwie zwei liebhaben. Ist jetzt nicht so richtig eine Anekdote, seh ich ein ….
Jetzt aber: eine Anekdote: im Rahmen des Krimifestivals “Mord am Hellweg” mache ich ab und zu neben Lesungen auch Moderationen, und eine Krimilese-Moderation wurde mal in Unna gemacht. In einem gewissen Etablissement, kurz gesagt, in einem Puff. Der Chef kam nach der Show – wir hatten drei Schriftsteller, wir hatten einen Striptease, wir hatten eine Vorführung einer Domina – auf mich zu, zeigte sich sehr begeistert und meinte: “Du Mädel, Du kannst ja echt toll schreiben, und wenn das mal nichts mehr mit dem Schreiben wird – (zwinker, zwinker) – kannste bei mir anfangen. Tolle Beine hast Du ja schon mal.” Frechheit!
Wie konnte er nur übersehen, dass ich auch tolle Hände habe!

Gibt es eine Frage, die Du schon immer mal beantworten wolltest, die aber noch keiner gestellt hat?

Träumst Du Geschichten? Ja ich träume Geschichten. Wenn ich nachts träume, dann habe ich manchmal das Gefühl, das ist mein anderes, mein zweites Leben. Und manchmal träume ich Geschichten und schreibe sie auf. Weil sie gute Geschichten sind. Ja, manchmal träume ich Romane …

Herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast!

Ich danke Dir, liebe Corinna!

Die Schriftstellerin und Journalistin Nina George, geboren 1973 in Bielefeld, schreibt Romane, Krimis, Science-Thriller, Kurzgeschichten, Kolumnen, Reportagen.
Zu ihren Kunden gehören und gehörten u.a. TV Movie, Das Hamburger Abendblatt, die JOY, Der Hamburger, die Bild am Sonntag, Für Sie, Fit for Fun, und etwa ein Dutzend weiterer Magazine. Georges Pseudonym Anne West gilt mit zwölf Sachbüchern und Kurzgeschichtenbänden als erfolgreichste deutschsprachige Erotika-Autorin, die u.a. vom Papst verboten wurde (Weltbild-Affäre 2011). Unter ihrem zweiten Pen-Name Nina Kramer veröffentlichte George 2008 den ersten deutschen Thriller, der sich mit den ethischen Verbrechen der Reproduktionsmedizin auseinander setzt: Nina Kramer und “Ein Leben ohne mich”. Für ihren Roman “Die Mondspielerin” wurde George mit der DeLiA 2011, dem Literaturpreis für den besten Liebesroman des Jahres, ausgezeichnet. Mit “Das Licht von Dahme” war George 2010/2011 für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte ‘Kurzgeschichte’ nominiert, mit “Das Spiel ihres Lebens” (Aus: Scharf geschossen, kbv) ist sie 2012 nominiert. Bisher erschienen rund 80 (Nicht nur Krimi-)Kurzgeschichten.
Nina George lebt im Hamburger Grindelviertel, ist eine nicht sehr strenge-Nicht-Mehr-Raucherin und zudem gern verheiratet. Sie engagiert sich für den Schutz des geltenden Urheberrechtes auf der Site https://www.facebook.com/pages/AutorInnen-und-Verlage-für-Urheberrechte/197507973665930
 https://www.facebook.com/NinaGeorge.Schriftstellerin, http://www.ninageorge.de

Foto © Marion Losse

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Buchtrailer: Mechthild Gläser – Stadt aus Trug und Schatten

Die Beschreibung des Debütromans von Mechthild Gläser klingt sehr viel versprechend:

Flora fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihre Seele seit jeher ein nächtliches Doppelleben in der geheimnisvollen Stadt Eisenheim führt. Von nun an wird sie nie wieder schlafen, ohne dass ihr Bewusstsein in die farblose Welt der Schatten wandert. Als wäre das nicht unerfreulich genug, hat ihre Seele offenbar den Weißen Löwen gestohlen, einen mächtigen alchemistischen Stein, nach dem sich nicht nur die Herrscher der Schattenwelt verzehren. Bald ist Flora selbst in der realen Welt vor den Gefahren Eisenheims nicht mehr sicher und eines ist klar: Sie kann niemandem trauen, nicht einmal Marian, der plötzlich in beiden Welten auftaucht und dessen Küsse vertrauter schmecken, als ihr lieb ist.

All-Age-Romane lese ich ja immer gerne und dieser klingt nach etwas besonderem. Am 25.12.2011 beginnt eine Leserunde bei der Büchereule, die die Autorin begleitet.

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Elif Shafak: The Bastard of Istanbul

Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Penguin UK (24. April 2008)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 9780141031699
ISBN-13: 978-0141031699

Kurzbeschreibung (von amazon)

One rainy afternoon in Istanbul, a woman walks into a doctor’s surgery. ‘I want an abortion’, she announces. She is nineteen years old, and unmarried. What happens that afternoon is to change her life, and the lives of everyone around her. Twenty years later, Asya Kazanci lives with her extended family in Istanbul. Due to a mysterious family curse all the men die by age 41, so it is a house of women, among them her beautiful, rebellious mother, Zeliha, clairvoyant Auntie Banu and bar-brawl widow, Auntie Cevriye. But when Asya’s Armenian-American cousin Armanoush comes to stay, long-hidden family secrets and Turkey’s turbulent past begin to emerge.

Über die Autorin

Link zur deutschen Wikipedia

Meine Meinung:

Ich hatte mir dieses Buch in Istanbul gekauft, weil mein mitgenommenes, das im englischen Winter spielt, nicht recht zu den Außentemperaturen passen wollte. Ohne die Autorin zu kennen, habe ich einen richtigen Glücksgriff getan.
Es gibt zwei Handlungsstränge, die vielfältig und nicht nur oberflächlich miteinander verwoben sind. Da ist einmal Armanoush, Kind eines armenischen Vaters und einer amerikanischen Mutter, die im Amerika der Gegenwart ihre Identität im Zweispalt dieser beiden Kulturen sucht. Auf der anderen Seite Asya, die in der patriarchalischen Gesellschaft der Türkei in einer absolut ungewöhnlichen Familie aufwächst: sie besteht nur aus Frauen, weil alle männlichen Nachkommen jung sterben. Sie ist die uneheliche Tochter der unkonventionellen Zeliha, die mit ihren ebenso ungewöhnlichen aber angepassteren drei Schwestern, Mutter und Großmutter in Istanbul lebt. Der einzige lebende männliche Nachkomme ist der Bruder der vier Schwestern, der in Amerika lebt und mit Armanoush’ Mutter verheiratet ist. Um ihre armenische Herkunft besser zu verstehen, reist Armanoush heimlich zur Familie ihres Stiefvaters nach Istanbul. Er selbst ist seit zwanzig Jahren nicht mehr nach Hause gereist. Dort konfrontiert sie die Familie mit ihrer Version des Völkermordes der Türken an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916. Ihre Großmutter verlor damals erst den Vater und das Heim, später auch den Kontakt zu ihren Geschwistern und landete in einem Istanbuler Waisenhaus. Asya, die zunächst dem Gast aus Amerika ablehnend gegenüber steht, schließt schließlich Freundschaft mit dem Mädchen, das ihr näher ist als alle ahnen.
Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit Zutaten eines türkischen Desserts, Aşure, überschrieben. Diese Speise spielt am Ende eine entscheidende Rolle, genauso, wie sie auch im türkischen Alltag eine große Rolle spielt. Traditionell wird sie in großen Mengen zubereitet und dann auch an die Nachbarn verteilt.
Elif Shafak erzählt sehr farbenfroh, lies das Istanbul der Gegenwart, aber auch das Grauen der Deportationszüge der Vergangenheit eindringlich vor meinem inneren Auge entstehen. Die Personen sind sehr gut charakterisiert, sind sehr lebendig und lebensnah. Die Autorin musste sich wegen “Herabsetzung der Türkei” durch dieses Buch vor Gericht verantworten, wurde jedoch frei gesprochen. Dass die türkischen Namen der Speisen nicht übersetzt sind, auch nicht in einem Glossar, hat mich nicht gestört. Eine direkte Übersetzung im Text hätte ich eher als Unterbrechung empfunden.
Wer mehr über das Istanbul der Gegenwart, aber auch über die armenisch-türkische Vergangenheit erfahren möchte, liegt mit diesem Buch genau richtig.

Mein Fazit:

Das war sicher nicht mein letzter Roman dieser talentierten Autorin.

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Lesung Richard Dübell, 19.07.2011, Restaurant Ludwigs

Nachdem ich die Lesung in Leipzig dieses Jahr verpasst hatte, bot sich hier die Gelegenheit, das versäumte nachzuholen. Und wer schon einmal eine Lesung des sympathischen Autors besucht hat, weiß, dass sich dafür auch lange Anfahrtswege lohnen.

In diesem Fall war kein weiter Weg nötig, den die Lesung fand im Restaurant Ludwigs statt, dass in München direkt am Viktualienmarkt liegt. Die Veranstalter hatten sich alle Mühe gegeben, den Raum lesungsgerecht herzurichten, allerdings war es sehr warm und der Autor, der ein mittelalterliches Kostüm trug, war wirklich nicht zu beneiden. Außerdem wurde während der Lesung an der Bar gearbeitet und trotz Mikrofon waren diese Hintergrundgeräusche sehr störend.

Zu Beginn erklärte uns der Autor seine Gewand. Es war die typische Kleidung eines Edelmannes, Rogers de Bezers oder Rudolf von Habsburg könnten so etwas getragen haben. Besonders Hallo gab es im Publikum, als es an die Beinlinge und die Bruche ging und Richard Dübell blieb es auch nicht erspart, einmal ganz kurz die Haube aufzusetzen 😉

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik des Romans las der Autor eine Szene vom Beginn des Romans und zwar diejenige, die in den Besuch des Bischofs und seiner Entourage im Hospiz mündet. Wer die Szene kennt, weiß, dass es hier viel zu Lachen gab. Denn wie kein zweiter versteht es Richard Dübell jeder Figur Leben einzuhauchen, indem er sie mit einer anderen Stimme versieht. Danach gab es eine kleine Pause, in der der Autor Bücher signierte, während draußen schon mal der Weltuntergang geprobt wurde.

Im zweiten Teil gab es dann eine eher zarte Stelle, die Nacht, in der Rogers und Yrmengard das erste Mal allein sind. Auch hier kamen die Emotionen sehr gut rüber, unterstützt noch durch leise, passende Musik und Töne. Danach beantwortete Richard Dübell sehr geduldig Fragen des Publikums. Am Ende dieses sehr gelungenen Abends gab es viel verdienten Applaus für ihn.

 

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Interview mit Claudia Toman

Autorin Claudia Toman Liebe Claudia, stellst du dich kurz vor?
Hallo, ich bin Claudia, Claudia Toman. Ich habe bisher drei Bücher geschrieben, “Hexendreimaldrei”, “Jagdzeit”, “Goldprinz” im  Diana-Verlag, und werde jetzt unter neuem Namen bei Droemer Knaur an neuen Werken arbeiten.

Wie alt bist du?
Ach so, wie alt ich bin, habe ich vergessen, ja.

Und was machst du?
Ich bin 32, 1978 geboren, also schon ein ganzes Stückchen alt (lacht) und arbeite nebenberuflich in der Wiener Staatsoper für die Kinderopern, Kinderopernzelt, mache dort Inspizienz und Regieassistenz für die Kinderopern.

Du schreibst an deinem vierten Roman. Wie vereinbarst du das mit deiner Arbeitszeit an der Staatsoper?
Nachdem es an der Staatsoper keine wirkliche Arbeitszeit für mich gibt beziehungsweise ich mir die Arbeitszeit selbst einteile, weil ich die Proben einteile, die ich brauche für eine Wiederaufnahme, oder für die aktuelle Produktion mit Neueinstudierungen mit neuen Sängern, ist es eigentlich sehr locker. Das heißt, meine Probentage sind meistens höchstens vier Stunden lang, zwei Stunden vormittags, zwei Stunden abends, und dazwischen, danach, davor kann ich immer schreiben. Also, es kommt sich überhaupt nicht in die Quere, es ist die perfekte Berufskombination.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Zum Schreiben gekommen bin ich, indem ich gelernt habe, dass, wenn man Buchstaben aneinanderreiht, dass sie Worte ergeben, und wenn man die Worte wieder aneinanderreiht, dann werden Sätze daraus, das muss so mit drei, vier Jahren gewesen sein. Meine Mutti hat mir das damals noch beigebracht, und da habe ich so meine ersten Buchstaben geschrieben und meine ersten Wörter, und seitdem hat es mich eigentlich nicht mehr losgelassen. Ich war auch eine große Leserin, also ich habe Kinderbücher verschlungen. Mein Papa hat für einen Verlag gearbeitet, der Kinderbücher herausgegeben hat, da bin ich mit Christine Nöstlinger und ähnlichen Autoren aufgewachsen, habe immer schon gelesen und habe damals vielleicht noch nicht Geschichten aufgeschrieben, habe sie mir aber immer schon ausgedacht. Also ich hatte eine Freundin, ein Mädel, das gegenüber im Haus gewohnt hat, und wir haben uns halt immer unsere Fantasiegeschichten ausgedacht. Wir haben dann immer so kleine Figuren gezeichnet, wir haben uns immer gezeichnet, unsere Charaktere, also wir waren eigentlich, könnte man sagen, Comic-Autoren damals. Also wir haben so unsere Figuren immer mit so diesen großen Manga-Augen – komischerweise, die haben wir uns gar nicht angewöhnt, weil wir das gekannt hätten, sondern, weil wir es selber so gemacht hätten, und denen haben wir dann Namen gegeben, und dann sind wir rausgegangen zum Bach, da gab es Bäume und einen Bach und grünen Wald, und dort haben wir dann Rollen gespielt. Also über das kindliche Rollenspiel, kann man sagen, habe ich dann gelernt, mir Geschichten auszudenken, und hab dann einfach immer weitergemacht.

Na, dann ist ja die nächste Frage schon fast beantwortet: Findest du deine Geschichten, oder finden sie dich?
Wie finden mich meine Geschichten – oder, finde ich sie oder finden sie mich? Das ist eine gute Frage. Die Geschichten kommen immer aus den kleinen Dingen, das ist nie was Großes. Das kann sein, dass ich, wenn ich jetzt mit dir hier am Tisch sitze und wenn die Kellnerin kommt und irgendeine dumme Frage stellt oder es zu irgendeinem Missverständnis kommt, dass mir dazu eine Szene einfällt, und aus der Szene heraus dann vielleicht sich ein Charakter entwickelt, wo ich mir dann vorstelle: Ah, das wäre irgendwie ein gutes Thema, und aus dem heraus dann eine Geschichte entsteht, zum Beispiel, die Kellnerin arbeitet in dem Londoner Pub, und in Wirklichkeit würde sie lieber genau gegenüber im Covent Garden in der Oper singen, und sie lernt auch singen, es kann alles daraus entstehen, dass sie vielleicht hier einfach das Cider serviert hat, und dabei hat sie das halt singend serviert und nicht – egal, jedenfalls, die Idee, es ist eine Kleinigkeit, es kann ein Gegenstand sein, es kann ein Mensch sein, der einem begegnet, ein Satz, der gesagt wird, ein Satz, der in einem anderen Buch vorkommt. Irgendwas, was plötzlich so Kopfkino auslöst, und aus dem Kopfkino entsteht dann eine Geschichte.

Gibt es Adrian Alt wirklich?
Gibt es Adrian Alt wirklich? Es gibt sicher Vorlagen für Adrian Alt, wobei das in dem Fall nicht mal eine einzelne Person ist. Also, es ist nicht so, dass es einen Menschen gibt, der zu hundert Prozent Adrian Alt ist. Es gibt einige Menschen, die entweder durch ihr Aussehen oder durch ihren Charakter diese Figur beeinflusst haben. Und wenn man zum Beispiel wüsste, dass damals, als ich an der Idee gearbeitet habe, der Kinderring in der Staatsoper entstand, und wenn man dann sieht, dass ich den Wotan-Mythos doch in meine Geschichte hineingenommen habe, dann könnte man Rückschlüsse ziehen, zum Beispiel auf gewisse Darsteller des Wotan, die einen Einfluss darauf hatten, die das damals gespielt haben, und die vielleicht sowohl optisch als auch charakterlich Vorlage gebildet haben.

Genau. Da sind wir schon bei der nächsten Frage: Deine Romane bisher, also „Hexendreimaldrei“, „Jagdzeit“ und „Goldprinz“, sind ja durch Märchenmotive oder Mythen inspiriert. Liest du auch heute noch gerne Märchen?
Ich habe immer gerne Märchen gelesen und werde auch immer gerne Märchen lesen. Wobei ich jetzt merke, dass ich nach drei Büchern, die sich um das Thema Märchen drehen, mal vorläufig ein bisschen Abstand brauche zu den Märchen. Wobei, sie begegnen einem überall, also ich arbeite jetzt auch gerade an einer Geschichte, die gar nichts Märchenhaftes hat, die auch nicht auf Märchen basiert, und trotzdem ist mir dazu ein Märchen eingefallen, was genau dazu passt oder in dem es genau um das gleiche Thema geht. Also, es ist natürlich immer so. Ich glaube, die Märchen sind wirklich die Grundlage für alle unsere Geschichten, oder für alles, was uns so beschäftigt, weil da so viele Symbole und Motive darinstecken, denen wirst du immer begegnen im Leben, über die wirst du immer stolpern. Und dadurch gibt es wahrscheinlich keine Geschichte, die nicht irgendwo in den Märchen eine Basis hat. Die wir halt als Kinder erzählt bekommen haben oder gelesen haben. Logisch, weil was wir als Kinder zuerst erfahren, das bleibt irgendwie hängen, das bleibt in uns drinnen.

Das ist ja eine Art Trilogie, es sind zwar unabhängige Romane, aber sie gehören zusammen. Wusstest du bei der Arbeit am ersten Band schon, wie der letzte ausgeht?
Ich wusste ungefähr, als „Hexendreimaldrei“ so ins letzte Drittel ging oder gegen das Fertigwerden ging, dass ich weitererzählen möchte. Ich wusste, dass es in London weitergehen muss, eigentlich. Also eigentlich war – ist „Goldprinz“ das, was ich mir damals als Fortsetzung von „Hexendreimaldrei“ vorgestellt habe. Interessanterweise ist „Jagdzeit“ irgendwie dazugekommen, das entstand daraus, dass damals der Verlag einfach gleich eine zweite Geschichte wollte und ich eine Geschichte hatte, die unabhängig von „Hexendreimaldrei“ war. „Jagdzeit“ war eigentlich eine ganz andere Idee. Die aber dann natürlich mit der gleichen Protagonistin funktioniert hat, weil ich dafür noch gar keine Protagonistin im Kopf hatte. Und diese Idee von diesem kleinen Dorf und dem Wald und dem Rotkäppchen-Mythos, die kam dann halt als Olivias zweites Abenteuer rein. Dadurch ist sie wahrscheinlich auch sehr anders, sehr extra, sehr krimihaft, und für viele Leute vielleicht nicht so zu den anderen beiden passend. Während „Goldprinz“ sehr viel deutlicher die Fortsetzung ist, die ich ursprünglich schreiben wollte. Also ursprünglich, mein Gedanke war immer, dass nach den Ereignissen von „Hexendreimaldrei“ Olivia wieder nach London fliegt. Und dass sie sich dann damit auseinandersetzen muss, ob die Hexen jetzt Realität sind oder nicht, das war mir immer schon klar. Wie es dann wirklich am Ende ausgeht, das ist natürlich erst viel später entstanden. Ich wusste nur, dass es diese große Verschwörung von der Hexen-Organisation geben wird und dass Olivia dagegen gehen muss. Aber dass es dann nach New York geht und wie es dann endet, das wusste ich natürlich damals noch nicht.

Welches Genre liest du gerne selbst?
Ich lese sehr viele Genres gerne selbst, ich lese natürlich sehr gerne Thriller bis Horror. Wobei Horror wirklich nur auf Stephen King bezogen, also ich lese keine so extremen Monster-Romane oder sowas. Also, Psycho-Thriller, Thriller, Stephen King zum Beispiel. Dann lese ich sehr gerne – ich lese selber sehr gerne Frauenromane auch, wobei – gewisse. Also, immer dann, wenn ich das Gefühl habe, die Protagonisten sind sehr echt, sehr real. Christina Jones habe ich sehr geliebt. Die Conny Lubek habe ich sehr geliebt. Das sind so meine Heldinnen des Genres, die einfach Figuren erschaffen haben, die ich liebe. Ich bin ja auch ein großer „Sex in the City“-Fan, das Genre lese ich sehr gerne. Was lese ich – Krimis natürlich, Krimi mag ich immer, wobei ich da nicht so sehr up to date bin, dass ich wirklich alles lese, sondern ich habe meine Elizabeth George gelesen und lese immer wieder gerne auch Kolleginnen. Und dann natürlich die Fantasy darf man nicht vergessen. Also, man merkt, dass ich all die Genres, die dann bei mir auch Einfluss haben, auch selber lese. Fantasy natürlich immer, Harry Potter, Herr der Ringe, großer Fantasy-Fan. Ich picke mir aus jedem Genre so die Bücher raus, die ich gerne lesen mag. Es gibt eigentlich kaum ein Genre – vielleicht bis auf die historischen Romane, zu denen ich noch nicht den richtigen Zugang gefunden habe, gibt es kein Genre, wo ich sage, das lese ich gar nicht.

Und welche Musik hörst du gerne?
Bei der Musik bin ich genauso eigentlich wie bei den Genres sehr flexibel. Also, ich höre alles, die Ausnahmen sind so die ganz argen Extreme. Also den ganz argen Heavy Metal oder sowas. Oder Techno, wie das bei uns hieß, als wir in die Disco gegangen sind früher, so was höre ich nicht. Ich hör auch überhaupt keine Volksmusik, Schlager, ist für mich ebenso ein Extrem, das ich nicht höre. Dazwischen eigentlich alles, ich liebe auch aktuellen Rock und Pop. Ich liebe Jazz, Diana Krall zum Beispiel für mich große Heldin des Jazz. Natürlich, beruflich bedingt höre ich auch sehr viel Klassik. Privat weniger, eigentlich. Also, privat bin ich der grosse Musical-Fan, muss ich sagen. Also, im Musical höre ich eigentlich fast alles und permanent. Also, Musical ist schon meine Hauptrichtung, die dadurch entsteht, dass ich das schon als Kind geliebt habe. Klassik beruflich, und manches, und – nicht alles immer noch, also Verdi ist zum Beispiel immer noch etwas, wo ich nicht vorgedrungen bin.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?
(lacht) Der SUB. Ja, da gibt es verschiedene SUBs, deswegen ist das schwer zu sagen. Da gibt es zum Beispiel den SUB der Bücher, die ich unbedingt dringend demnächst bald lesen möchte. Der ist ungefähr so – ja so brusthoch, könnte man sagen. Ich zähl die ja nie, weil ich bin im Zählen so schlecht, deswegen kann ich das nur stapeln vom Boden bis brusthoch, ungefähr. Das sind die, die jetzt mal ganz dringend sind. Dann gibt es den Kollegen-SUB, der ist dadurch entstanden, dass man halt, wenn man selber schreibt, jetzt auch sehr sehr viele Kollegen trifft. Ganz liebe Kollegen, von denen man alle Bücher auch unbedingt gerne lesen möchte. Der ist auch schon fast brusthoch, also, das ist jetzt- das sammelt sich an. Vor allem, das sind ganz lieb für mich signierte Exemplare von Menschen, die wirklich meine Freunde geworden sind. Was ganz schlimm ist, dass ich da nicht dazukomme. Und dann gibt es doch noch die vielen, vielen, vielen Bücher, die ich auch irgendwann mal lesen möchte, die ich entweder geschenkt bekommen habe oder mir mal gekauft habe, weil ich dachte, das sollte ich auch mal lesen. Das kann man eigentlich gar nicht sagen, weil das ist verteilt auf ein Haus und eine Wohnung und sehr verstreut. Aber das ist sicher mindestens ein halbes Regal, was da noch so ungelesen herumliegt.

In welcher Stadt möchtest du gerne leben?
Ich habe das Glück, ich lebe in der Stadt, in der ich am liebsten leben möchte, und das ist Wien. Würde man mir sagen, ich muss mich für eine andere entscheiden, dann wäre das London. Immer noch, und wird auch für immer die einzige Stadt sein, die ich mir als Alternative vorstellen könnte.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?
Da müsste man mal erfolgreich definieren. Also, sagen wir mal, wenn erfolgreich ist, dass man veröffentlicht ist in einem Publikumsverlag, dann kann ich das so sagen. Das Beste daran ist sicher, dass man, wenn man die Chance hat, auch weiter zu veröffentlichen und Verträge kriegt, dass man eigentlich genau das macht, was man am liebsten macht, nämlich schreibt. Mein großer Traum war einfach immer, dass ich nichts arbeiten muss, was ich nicht will, also nicht in einem Büro sitzen muss, wenn ich das nicht möchte. Ich habe viel im Theater gearbeitet, und ich mag Theater sehr, aber ich mag nicht unbedingt den Regieassistenz-Job im Theater. Das ist absolut nicht mein Traumberuf gewesen. Wenn, dann selber kreativ sein. Aber Regieführen war auch nicht hundert Prozent meines, man kann das alles nicht so umsetzen, wie man sich’s im Kopf so schön vorstellt. Das Gute an Romanprotagonisten ist, dass sie im Gegensatz zu Sängern alles tun, was man ihnen sagt.

Wirklich?
Sie haben schon ein Eigenleben, aber sie lassen sich einfach sehr viel besser lenken. Sänger haben ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Vorstellungen, logischerweise. Verständlicherweise. Also das Beste, würde ich auf jeden Fall sagen, an dem Job ist, dass ich das Schreiben am liebsten mache, und ich kann schreiben, wann ich will und wo ich will und wie viel ich pro Tag will, das ist meine Arbeit, und das ist einfach ein Traumjob. Das Nervigste daran – sagen wir so: Wie ich noch geschrieben habe, ohne veröffentlicht zu sein, ging es noch viel mehr um das Schreiben selbst. Wenn man mal veröffentlicht ist und in der Öffentlichkeit steht, ist man halt mit sehr vielen Dingen konfrontiert, die man vorher nicht hatte, eben zum Beispiel, man muss sehr viel selbst Werbung machen, was dann aber auch mit sehr viel Zeit verbunden ist, weil man einfach sehr, sehr viel mehr im Internet unterwegs ist als man das privat wäre. Man hat eine Homepage oder einen Blog, man hat eine Facebook-Seite, es gibt viel zu betreuen, man hat viele Leute, die einem Fragen stellen. Man hat Leserunden, die Leserunden, die ich gerne mache, die aber einfach Zeit in Anspruch nehmen, so eine Leserunde geht über eine Woche, mindestens, manchmal länger. Wenn noch Nachzügler kommen, geht das auch mal über zwei Wochen. Und wenn dann mal doch alle Stunde nur jemand einen Beitrag schreibt, man liest das ja alles, und man will das ja auch alles beantworten. Logischerweise, es geht um die eigene Arbeit, das ist ja das Schönste. Man redet ja gerne über das, was man macht. Aber es frisst alles sehr viel Zeit. Und das Nervige daran ist einfach, dass man sich das nicht mehr einteilen kann und aussuchen kann, sondern es frisst einen dann manchmal. Und das laugt einen auch aus. Der Kopf wird leer von diesem ganzen Internet. Dann schaut man wieder da und dort, schaut nach Rezensionen, liest dann wieder eine schlechte Rezension, dann braucht man wieder ein paar Stunden, bis man sich davon erholt hat, weil man sich immer denkt: Ja, hat der jetzt recht oder diejenige, und habe ich das wirklich so schlecht gemacht, oder ist meine Heldin wirklich so unsympathisch? Das quält einen dann wieder eine Zeitlang, und so geht das halt. Manche halten es besser aus, manche halten es schlechter aus. Bei mir geht es noch, aber ich merke schon sehr oft, dass ich eigentlich gern den Kopf zum Schreiben frei hätte und dann doch mich hinsetze und nur mal kurz ins Internet schauen will und Stunden später dann auftauche und mir denke: F**k. Zensur. (lacht)

Erzählst du uns eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?
Anekdote? Muss ich jetzt nachdenken, weil, es gibt so vieles, eigentlich, was einem so passiert und was man aber gar nicht so anekdotenhaft sieht. Ich meine, was schön war, war ganz am Anfang, dass ich einfach gesucht habe nach Kollegen. Wie ich angefangen habe zu schreiben, kannte ich keine Autoren. Ich kannte nur Opernsänger und Opernleute und hatte so eine große Sehnsucht damals, mit anderen schreibenden Menschen zu reden. Auch, wenn es nur über das aktuelle Wetter ist. Einfach nur, weil das andere Autoren sind. Ich habe damals gegoogelt, ob es in Wien so etwas wie einen Autorenstammtisch oder Autorentreff gibt, und habe dann nichts gefunden, und habe dann einfach im Internet in Google „Autor“ und „Wien“ gesucht und bin da auf die Homepages von drei Menschen gestoßen. Weil, ich weiß nicht, entweder ich habe alle anderen nicht gefunden, oder die outen sich nicht so direkt auf ihren Homepages. Jedenfalls hat mir Google mal diese ausgespuckt. Und mit diesen dreien – das waren der Richard K. Breuer, Peter Bosch und die Sabine Dermann, habe ich mich dann getroffen, beziehungsweise sie sind zu einer Lesung von mir gekommen. Und dann haben wir vor Ort beschlossen, dass wir jetzt der Autorenstammtisch sind von Wien. Haben das dann gleich in dem Buchcafe gemacht, wo wir uns getroffen haben, und das Tolle daran ist, es hat sich so toll entwickelt. Es sind immer mehr Leute dazugestoßen, und es werden auch immer mehr. Nach jedem Treffen erzählt es wieder jemand jemandem. Mittlerweile sind es über dreißig Leute im Verteiler, und wir treffen uns wirklich seit damals regelmäßig einmal im Monat donnerstags. Und das macht Riesenspaß. Anekdote ist es vielleicht nicht. Aber eine schöne Sache, die ich selber ins Leben gerufen habe, worauf ich auch stolz bin, dass das so gut funktioniert. Und daraus sind wirklich enge Freundschaften entstanden. Manche davon, wie zum Beispiel die Viktoria Schlederer oder die Sabine Dermann, sind wirklich enge Freunde für mich geworden.

Kannst du uns schon etwas über dein nächstes Projekt sagen?
Das nächste Projekt? Was ich sagen kann, ist, weil das ist ja mittlerweile, glaube ich, im Internet schon recht bekannt – es wird bei einem anderen Verlag erscheinen, es wird bei Droemer Knaur erscheinen. Die Ursache dafür ist einfach, dass ich mit meiner Lektorin, die die ersten beiden Bücher, „Hexendreimaldrei“ und „Jagdzeit“ lektoriert hat, die Andrea Müller, so toll zusammengearbeitet habe, dass ich es mir einfach gar nicht mehr vorstellen kann, ein Buch ohne sie zu schreiben. „Goldprinz“ war schwierig. Wobei natürlich im Entstehungsprozess sie schon noch da war und da schon noch ich zumindest die Ur-Ideen schon noch mit ihr machen konnte. Aber trotzdem war es nicht das Gleiche, obwohl auch die beiden Lektorinnen, die „Goldprinz“ betreut haben, ganz toll waren. Aber es gibt einfach so Zusammenarbeiten, über die nichts drüber geht oder die ganz besonders sind, und so kann ich mit der Andrea Müller arbeiten. Und sie ging zu Droemer Knaur, und da ist es dann einfach entstanden, dass sich Droemer Knaur natürlich für das neue Projekt interessiert hat. Es wird allerdings unter einem Pseudonym erscheinen, allerdings unter einem offenen Pseudonym, also es wird nicht irgendwie versteckt oder so, sondern mein Name wird damit verbunden sein, und es werden auch beide Namen dann in meinem Blog zu finden sein. So ähnlich wie es bei der Gabriela Engelmann ist, die ja auch unter Gabriela Engelmann und Rebekka Fischer schreibt. Aber ganz offen, beide sind ja – auf ihrer Homepage hat, also so wird das dann sein. Den Namen kann ich noch nicht sagen, da muss man noch ein bisschen warten, bis zum Sommer oder so. Und zur Geschichte, es wird diesmal ein Frauenroman ohne den Märchenteil, mit einer neuen Protagonistin, wobei ich verraten kann, dass es auch Elemente aus Olivias Geschichten geben wird, die vorkommen. So einzelne, also Nebenfiguren und so werden schon auftreten. Weil bei mir immer die Geschichten miteinander zusammenhängen. Weil das – gerade wenn sie in einer Stadt spielen. Also, es wird auch in Wien spielen, die neue Geschichte, aber ein kleines englisches Element auch wieder drinnen haben. Wie das so ist, wenn man halt London und Wien liebt. Also, beide Städte haben ein bisschen einen Einfluss darauf.

Und die allerletzte Frage: Welche Frage wolltest du schon immer mal beantworten, und noch keiner hat sie gestellt?
Das ist schwierig, weil ich mittlerweile so viele Fragen schon gekriegt habe… eigentlich waren da immer schon alle dabei. Beziehungsweise, falls nicht, dann stelle ich sie mir selbst und beantworte sie in Youtube. Ich meine, die Frage eben nach Lieblingsautoren oder sowas, die haben mir viele schon gestellt, die kam auch immer wieder. Was letztens sehr nett war, bei der letzten Leserunde in der „Leserwelt“, was vielleicht nicht alle eben gelesen haben, deswegen kann ich die vielleicht nehmen, da hat mich nämlich jemand gefragt nach Stephen King, weil das ja mein Lieblingsautor ist, wie ich mir so ein Treffen mit Stephen King vorstellen würde. Und ich fand das eine sehr schöne Frage, die ich auch gerne beantwortet habe, weil das wirklich eine Sache ist, die ich mir schon oft überlegt habe: Wie könnte ich es anstellen, dass ich Stephen King treffe? Gar nicht so sehr, weil ich so ein Fangirl bin oder so was, sondern weil das einfach für mich ein Mensch wäre, mit dem ich wahnsinnig gern über das Schreiben reden würde. Ich meine, ich liebe andere Autoren und rede immer gerne mit anderen Autoren über das Schreiben. Also, es gibt nichts Schöneres, als mit anderen Autoren über das Schreiben zu reden. Und Stephen King wäre da sozusagen das ultimative Überdrüber-Treffen. Und das habe ich in der Richtung beantwortet, dass ich mir das eben nicht so bei einer Lesung oder so was vorstelle, soweit ich weiß, kommt er ja nicht nach Europa. Aber sogar, würde er nach Europa kommen, würde er wahrscheinlich irgendwo in Wien in der Stadthalle oder im Olympiastadion lesen müssen, damit alle Leute glücklich sind. Und so etwas stelle ich mir nicht vor. Ich stelle mir dann auch nicht vor, in einer ellenlangen Schlange irgendwo zu stehen und zwei Sekunden lang mir ein Buch signieren lassen zu können, weil das interessiert mich nicht. Ich bin kein Sammler. Ich bin jetzt nicht so jemand, der signierte Bücher sammelt, sondern ich mag die ganz gern von Kollegen, wo ich etwas Persönliches damit verbinde und den Menschen kenne und der mir etwas Persönliches reinschreibt, aber einfach nur von einem anderen Autor ein signiertes Buch ist jetzt nichts, was mich so wahnsinnig interessiert. Nicht mal von Stephen King. Aber ich habe mir immer vorgestellt, weil das überhaupt ein Traum von mir ist, mal durch Maine zu reisen. Einfach mir ein Mietauto zu nehmen und durch Maine zu fahren und diese Schauplätze aus seinen Romanen aufzusuchen beziehungsweise einfach auch die erfundenen Schauplätze mir dann vorzustellen: Das könnte in der oder der Stadt spielen. Und da habe ich mir immer vorgestellt – weil er lebt ja in Bangor, das heißt, sein Haus kann man dort auch sehen, also man kann daran wirklich vorbei laufen. Aber ich habe mir immer vorgestellt, dass ich da mit meinem Mietauto durch Maine fahre, und dann irgendwo bei einer Autobahnraststätte oder so was, so einer richtig amerikanischen Autobahnraststätte Halt mache und meinen Kaffee im Pappbecher trinke, und dass dann zufällig Stephen King hereinkommt und neben mir an der Theke sitzt, und dass ich sage „Ah! Sind Sie nicht Mr Stephen King?“ Und dann würde er sagen: „Ja, genau! Der bin ich!“ Und dann werden wir ins Gespräch kommen, und dann werde ich sagen, dass ich auch Autorin bin und dass ich ihn so bewundere, das stelle ich mir schön vor. So einen Kaffee mit Stephen King an einer Autobahnraststätte – die Frage zum Beispiel, die habe ich gerne beantwortet, die hat Spaß gemacht.

Vielen Dank für dieses Interview!

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Much ado about nothing, 27.05.2011, Shakespeare’s Globe

Wenn das überhaupt geht, war diese Vorstellung noch besser als die am Dienstag. Das Publikum war irgendwie noch mehr in Stimmung, es wurde noch mehr gelacht und gejubelt.
Ich finde die Umsetzung sehr gelungen, Screwball ist der Begriff, der mir dazu einfällt, aber es ist wirklich interessant, dass Shakespeare so zeitlos geschrieben hat, dass die Menschen auch nach mehreren hundert Jahren noch darüber lachen können. Die Kabbeleien von Beatrice und Benedick sind wirklich zu köstlich und die beiden Rollen sind mit Eve Best und Charles Edwards bestens besetzt. Wobei es natürlich auch zu Herzen gehende Momente gibt, als Claudio seine geliebte Hero, getäuscht durch den Fiesling  Don John, zurückweist.

Ein Must-See!

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Much ado about nothing, 24.05.2011, Shakespeare’s Globe

Mein absoluter Lieblings-Shakespeare in einem tollen Theater, Herz, was willst Du mehr. Und es erregt kein Aufsehen, wenn man zu spät kommt, wir haben das erfolgreich ausprobiert.
Die Bühne ist diesmal mit einem Portal nach hinten begrenzt, außen ein paar Blümchen und Wasserbecken, drüber ein paar Zweige mit Orangen. Orangen? Ach ja, wir sind ja in Messina. Wunderbare zeitgerechte Kostüme, eine Leiter, eine Wäscheleine und ein Betttuch. Mit so wenig kann man auskommen und trotzdem so tolles Theater machen, das ein ausverkauftes Haus zum Toben bringt.
Die Musik hat mir diesmal nicht ganz so gut gefallen, die war schon fast arabisch und hat meiner Meinung nach nicht soooo gut dazu gepasst, und dass man bei “Sigh no more” eine andere Melodie drunter gelegt hat, mutete mir im ersten Moment auch seltsam an, aber ansonsten war alles wirklich einsame Spitze.
Die Szenen zwischen Beatrice und Benedick waren wirklich köstlich und auch diejenigen, in denen ihnen quasi mitgeteilt wird, dass der jeweils andere in sie verliebt sei. Die Szene, in der Hero fälschlich der Untreue bezichtigt wird, war wirklich zum Heulen und es wurde ganz still im Publikum. Gelöst wurde die Spannung durch einen wirklich Dogberry (Paul Hunter), der durch präzise Komik das Publikum eroberte.
Ein wirklich toller Nachmittag!

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