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Matt Haig Lesung und Gespräch, 24.08.2018, Edinburgh International Book Festival

©Canongate

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Zu Beginn stellte Richard Holloway Matt Haig kurz als Ein-Mann-Verlag vor, dessen neustes Buch Notes on a Nervous Planet seit sieben Wochen auf der Bestsellerliste steht und der sowohl hochgelobte Bücher für Erwachsene schreibe, als auch mit Preisen ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher.

Durch Depressionen und Panikattacken sei sein Innenleben jahrelang ein Chaos gewesen. Seine Familie und Bücher hätten ihn durchhalten lassen, außerdem habe er angefangen zu Laufen. Beim Laufen erhöhe sich der Puls und man schwitze, ähnlich wie bei Panikattacken, so habe er sie nicht mehr direkt gespürt und sei draußen gewesen. Bücher hätten ihn in andere Welten geführt, hätten ähnlich wie Antidepressiva gewirkt.

Die düsteren Gedanken und Gefühle seien bei ihm oft durch äußere Faktoren ausgelöst worden und gerade in unserem jetzigen Jahrzehnt hätten die Panikmache, drängenden Sorgen und die Geschwindigkeit der Veränderungen ständig zugenommen, nicht zuletzt durch das Internet. Es verändere unser ganzes Leben, wie Menschen sich verlieben, arbeiten und kommunizieren. Derweil würde viel schieflaufen. Er wollte alles in einen psychologischen Zusammenhang stellen und suchte nach den Ursachen für die aktuellen gesellschaftlichen Probleme und Nervosität der Menschen.

Fündig sei er bei kleinen Maschinen geworden, die Menschen nicht mehr aus der Hand legen könnten und fragte sich warum diese Geräte so süchtig machen würden. Generell hätten alle Menschen eine Neigung zur Sucht, aber als er krank wurde, hätte er das Trinken und Rauchen ohne Probleme aufgeben können. Dafür habe er festgestellt, dass er stattdessen andere Süchte entwickelte, Dinge immer wieder tat, von denen er wusste, dass sie ihm nicht gut tun. Mit einem Kopfschütteln merkte Matt Haig an, dass Menschen beim Sex auf ihre Handys schauen würde, das sei ihm völlig unverständlich.

Er selbst hätte immer einen weiten Bogen um Selbsthilfebücher gemacht, schrieb den Autoren eine gewisse Arroganz zu, als ob sie sich allwissend wähnten. Er selbst hätte für seine Leser keine Antworten, sondern könne nur von seinen eigenen Erfahrungen erzählen. Beim Schreiben von „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ habe er nur sich selbst mit 29 gesehen, und wie er sich selbst auf der Klippe festhalten könne. Auf der Suche nach Wegen zum Glücklichsein müsse er jedoch auch die Ursachen seiner Ängste finden.

Der Erfolg des Buchs habe ihn völlig überrascht und er sei froh, damit auch unerwartet vielen anderen Menschen helfen zu können. Andererseits hätten ihn die zahlreichen Termine und Leserzuschriften zu dem Buch immer wieder in seine düsterste Zeit zurückgeholt. Also sei er quasi geflüchtet und habe den Roman Wie man die Zeit anhält geschrieben.

Möglicherweise fühle er sich wie am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil die Welt sich gerade dort befinde. Also müssten wir die Welt verändern, damit es uns besser ginge.

Die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts nehme ständig weiter zu und die Technologie könne irgendwann tatsächlich die Macht übernehmen. In Kalifornien gebe es seit einigen Jahren die Kirche der Singularität *, die sich der künstlichen Intelligenz widme, die irgendwann alle Probleme lösen solle.

Richard Holloway merkte an, dass jede industrielle Revolution in mancher Hinsicht fürchterliche Auswirkungen gehabt habe und Menschen seien keine wirklich rationalen Wesen, sonst würden sie zum Beispiel nicht den Planeten zerstören, auf dem sie leben.

Matt Haig erwiderte, dass er nach Gründen suche, optimistisch zu bleiben. Die nach 2000 geborene Generation kenne die verborgenen Gefahren der neusten Techniken am besten, wisse um die Notwendigkeit des „digitalen Entgiftens“. Die sozialen Medien steckten noch in den Kinderschuhen, seien nicht mit dem Fernsehen oder Kino vergleichbar sondern seiner Meinung nach eher mit Zigaretten oder Fastfood.

Mentale Gesundheit sei eng mit der Kultur des Heimatlandes verbunden. So habe es in Fidschi bis in die 1990er keine Eßstörungen gegeben, leichtes Übergewicht sei kein Problem gewesen. Dann hätten Fernsehshows aus den USA ein neues Schönheitsideal verbreitet.

Es sei auch kein Wunder, dass die Ureinwohner von Australien weltweit mit die höchsten Selbstmordraten hätten und viele große Suchtprobleme, denn Kolonialismus, Rassismus, der Verlust ihres traditionellen Lebenssinnes und die wirtschaftliche Situation hätten tiefe Spuren hinterlassen.

Man müsse darauf achten, gütiger mit sich selbst und anderen umzugehen. In seinem neuen Buch stehen zehn Regeln, die er für sich selbst aufgestellt habe. So habe schon Tolstoi gesagt, „Wer nach Perfektion strebt, wird niemals glücklich sein“ und man dürfe den Werbespruch „Just do it“ nicht mit „carpe diem“ verwechseln, dürfe sich nicht unter Druck setzen lassen.

Ausreichend zu schlafen sei in vielerlei Hinsicht wichtig für unsere Gesundheit. Der CEO von Netflix habe Schlaf den größten Konkurrenten von Netflix genannt, das blaue Licht der vielen Bildschirme würde unseren Schlafrhythmus stören und Thomas Edison habe propagiert, dass mehr als drei Stunden Schlaf ungesund seien. Heute würden viele Studien belegen, dass lange und in Dunkelheit zu schlafen viel gesünder sei. Er selbst hätte keine Probleme mit dem Einschlafen, wache jedoch häufig mitten in der Nacht auf, den Kopf voller neurotischer Ideen. Dann neige er zum „katastrophieren“ und habe eine Zeitlang zwischen Panikattacken und der Angst vor der nächsten Attacke gelebt.

Dann habe er es geschafft, bis zum 25. Geburtstag zu überleben. Inzwischen sei er 43, seine Partnerin sei noch bei ihm und obwohl schlimme Dinge passiert seien, überwiege in ihm inzwischen der Optimismus. Die Zeit hätte ihm gezeigt, dass 90% seiner Befürchtungen nicht wahr wurden und es sei einfach nicht sinnvoll, so pessimistisch oder zynisch zu sein.

Es habe ihm geholfen, einen Namen für seine Krankheit zu wissen, dadurch sei Einiges verständlicher geworden. Auf der anderen Seite würde man dann von der Außenwelt in bestimmte Schubladen gesteckt. Medikamenten für mentale Erkrankungen lehne er nicht generell ab. Diazepam habe Freunden von ihm geholfen, bei ihm selbst jedoch die Symptome verstärkt. Anfangs habe er die Diagnose „Depression“ wie eine lebenslängliche Gefängnisstrafe verstanden und erst nach einer Weile Strategien für ein Ausweg entwickeln können. Früher habe es Melancholie geheißen, heute Depressionen, wer wisse, was in 50 Jahren auf der Schublade stehe.

Die Menschen müssten sich gegenseitig mehr helfen. Er sehe um sich herum viel Hilfsbereitschaft und auch, dass Menschen die sozialen Medien für Gutes nutzen würden. Auf der anderen Seite habe er den Eindruck, dass die Empathie durch die Reizüberflutung verlorenginge. Unsere Gehirne seien nicht für so viel Input geschaffen. Früher habe man in seinem Leben rund 150 Menschen kennengelernt, heute könne man mehr an einem Tag treffen. Die Menschen müssten darauf achten, dass das heutige Betriebssystem nicht auf ihrer 30.000 Jahre alte Hardware abstürze. Sein Handy liege nachts inzwischen in der Küche und gezielt die Zeit für die sozialen Medien zu beschränken habe ihm persönlich sehr geholfen.

Matt Haig vertrat die Ansicht, dass Trolle in sozialen Medien nicht davonkommen sollten. Diese Menschen würden viel Schaden anrichten und die sozialen Medien würden versuchen, sich mit einer gewissen Arroganz jeder Verantwortung zu entziehen. Die Bevölkerung müsse mehr Druck machen, damit die jeweiligen Betreiber vehementer gegen solche Trolle vorgehen.

Wir Menschen müssten wieder lernen, mehr im Augenblick zu leben, das jetzige Leben zu genießen. Schon in der Schule einem das ausgetrieben, weil es immer um Ziele in der Zukunft ginge. Ihm hätten Yoga und Mediation sehr geholfen, sowie seine Familie.

Dann bedankte sich ein sichtlich erschöpfter Matt Haig beim Publikum und nahm sich beim Signieren noch viel Zeit für Fragen. Einen Erscheinungstermin für die deutsche Ausgabe von „Notes on a Nervous Planet“ wusste er noch nicht und auch nicht, ob er vielleicht im März auf der Buchmesse in Leipzig ist.

P.S. Die Veranstaltung trug passenderweise den Titel How to feel whole again

*zwei Artikel dazu:

https://www.nytimes.com/2010/08/09/opinion/09lanier.html

https://www.wired.com/story/an…al-intelligence-religion/

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Pressekonferenz des Gärtnerplatztheaters zur Spielzeit 2018/2019, 27.04.2018

„Kunst ist etwas, bei dem man Spaß haben kann und sich nicht dafür schämen muss.“

Foto: Christian POGO Zach

Im neuen Haus gibt es wohl kaum einen schöneren Raum für eine Pressekonferenz, als den neuen Orchesterprobensaal. Mit einer kühlen Johannisbeerschorle in der Hand und dem Ausblick auf die Maximilianskirche erwarteten die Vertreter der verschiedensten Medien die Männer, die dem Gärtnerplatztheater in der laufenden Saison zu so viel Erfolg verholfen haben. Mit stolzen 97,98 % Auslastung und 99994 Zuschauern bis zum 24. April kann sich das neueröffnete Staatstheater schmücken. Schöne Zahlen für einen Theaterbetrieb, wobei Staatsintendant Köpplinger sich auch bewusst ist, dass diese auch mitunter der Neugier auf das neu renovierte Haus geschuldet sind. Nichtsdestotrotz wollen sein Team und er die Ideale des Theaters auch in der nächsten Spielzeit weiter verfolgen, die es eben von so vielen anderen Kultureinrichtungen unterscheidet: Konventionelles Theater muss nicht schlecht sein. Dies ist es eben, das das Gärtnerplatztheater für jeden einzelnen interessant macht. Auch, wenn die Inszenierungen modern und neu gestaltet sind, werden sie den Werken gerecht und jeder kann sie verstehen.
Und Neues gibt es durchaus in der nächsten Saison zu sehen. Gleich drei Uraufführungen stehen auf dem Spielplan. Im Dezember öffnet sich der Samtvorhang (dem das neue Spielzeitheft thematisch gewidmet ist) für die weltweit erste Opernfassung von Michael Endes berührendem Roman Momo, erschaffen von Wilfried Hiller und Wolfgang Adenberg. Gleich im nächsten Monat weht dann ein Hauch der Dreißigerjahre durch das Theater in der Revueoperette Drei Männer im Schnee nach Erich Kästner, die gemeinsam von den vier Komponisten Konrad Koselleck, Christopher Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor (der auch das Buch verfasst) im Auftrag des Gärtnerplatztheaters geschaffen wird. Das Ballett unter der Leitung von Karl Alfred Schreiner darf im Juni das Expeditionsballett Atlantis erstmals auf die Bühne bringen.
Bis auf den Opernklassiker La Bohème stehen bei den sonstigen Premieren ausschließlich neuere Werke des 20. und 21. Jahrhundert auf dem Spielplan. Musicalfans dürfen sich auf die Inszenierung von Leonard Bernsteins On The Town freuen, die Josef Köpplinger in St. Gallen inszeniert hat und die im Austausch gegen Priscilla nach München kommt. Zum 100. Geburtstag Gottfried von Einems wurde Dantons Tod als erste Spielzeitpremiere im Oktober ausgesucht, gefolgt von der choreografischen Uraufführung des Balletts Romeo und Julia mit der Gastchoreografin Erna Ómarsdóttir, die mit den Tänzern bereits im Rahmen von Minutemade arbeiten durfte. Für das Amüsement sorgen dann der Einakter L’Heure Espagnole von Ravel, der im April auf der Probebühne gezeigt wird und Henzes Der junge Lord, der im Mai Premiere feiern darf.
Insgesamt 29 Produktionen werden 2018/2019 im Gärtnerplatztheater zu sehen sein, darunter Klassiker wie Hänsel und Gretel, Martha und Die Zauberflöte und die Kassenschlager My Fair Lady, Im Weissen Rössl, Tschitti Tschitti Bäng Bäng und selbstverständlich Priscilla – Königin der Wüste.

Foto: Christian POGO Zach

Auch das Orchester darf wieder unter der Leitung von Anthony Bramall und seinen Kollegen das Publikum mit Konzerten verwöhnen. Das Neujahrskonzert wechselt diesmal von London nach Venedig, dazu werden Hector Berlioz’ wundervolle Symphonie Phantastique und Franz Liszts Faust-Symphonie präsentiert. Die Barockkonzert widmen sich diesmal Antonio Vivaldi, in kleinerer Besetzung werden im Foyer wieder verschiedene Kammerkonzerte aufgeführt.
Gespannt darf man auf die Liederabende mit einzelnen Ensemblemitgliedern sein, die über das Jahr verteilt im Orchesterprobensaal, dem Foyer und dem Salon Pitzelberger stattfinden. Vom Musiktheater wird sich schließlich an zwei Abenden entfernt bei den Gastspielen von Louie’s Cage Percussion und den österreichischen Chartstürmern Paul Pizzera und Otto Jaus (letzterer dürfte dem Münchner Publikum noch als Toni Schlumberger in der Zirkusprinzessin bekannt sein).
Neben Momo, Hänsel und Gretel und Tschitti Tschitti Bäng Bäng ist selbstverständlich auch wieder einiges speziell für das junge Publikum geboten. Weiterhin darf die Maus Anton aus dem Opernhaus berichten, unterwegs zu den Schulen ist Elaine Oritz Arandes mit Was macht man mit einer Idee?. Die Jugendgruppe widmet sich in der nächsten Saison der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.
Man sieht also, es ist wieder für jeden etwas geboten im Gärtnerplatztheater! Wir sind guter Dinge, dass die Zuschauer auch weiterhin dem neuen Stammhaus treu bleibt, man darf aber angesichts der restlos ausverkauften Abos in dieser Spielzeit durchaus optimistisch sein. Auch durch die Verstärkung des Ensembles durch vier Mitglieder können wir auch in Zukunft von bester Musiktheaterqualität in allen Genres ausgehen.
Alle Infos und Inszenierungen der neuen Saison sind natürlich im neuen Spielzeitheft und der Webseite zu sehen. Auch die Künstler des Theaters freuen sich auf die neuen Herausforderungen. Denn um Josef Köpplinger zu zitieren: „Wenn der Vorhang aufgeht, sind wir alle eins.“

Spielplan Saison 2018/2019

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Jakob Hein las am 15.03.2018 in Leipzig

©galiano-Berlin

©galiano-Berlin

Der Moderator Klaus Hillenbrand stellte Jakob Hein kurz vor, der neben seiner Arbeit als Psychiater bereits zahlreiche Bücher geschrieben hat. Sein neustes Werk Die Orient-Mission des Leutnant Stern beruht auf einer so skurrilen wie wahren Begebenheit im 1. Weltkrieg.

Leutnant Edgar Stern hatte die Idee, den Suezkanal zu sprengen, um England das Genick zu brechen. Er schickte entsprechende Pläne ans Kriegsministerium in Berlin und wurde tatsächlich dort einbestellt.

Dann las Hein eine Textstelle über den Termin Sterns bei Major Braubach, der hinterfragte, wie Stern auf diese Idee gekommen sei.

Die Idee Sterns sei irgendwann in den Hintergrund geraten, zugunsten eines noch verwegeneren Plans. Das Deutschen Reich könne einen Dschihad auszulösen und so den Krieg zu gewinnen.

Spätestens seit Goethes West-östlicher Divan habe der Islam in Deutschland als DIE friedfertige Religion gegolten. Wilhelm II. sei ein großer Freund der muslimischen Welt gewesen. Es habe auch Gerüchte gegeben, dass er zum Islam übergetreten sei, dies nur nicht öffentlich sagen könne.

Die Türkei habe damals als neutral gegolten, mit mehr Sympathien für Deutschland als die Alliierten, in Rumänien sei es genau umgekehrt gewesen. Die Idee war, durch eine symbolische Geste ein bedeutendes Zeichen zu setzen.

In jener Zeit wurden viele Menschen aus den französischen Kolonien in den Krieg gepresst und auch wenn die Figuren im Buch erfunden sind. Frankreich habe damals zum Beispiel beim Sultan von Marokko 2000 Mann für seinen Krieg gefordert und ehemalige Sklaven bekommen, die in den Bergen von Marokko in archaischen Verhältnissen lebten. Diese sollten in Belgien für Frankreich gegen Deutschland kämpfen. Andere kamen aus Tunesien und Algerien. Diesen Menschen wollte Jakob Hein eine Stimme geben.

Es folgte eine Lesung aus Perspektive der zwangsrekrutieren Soldaten von der Front. Dort fragen sie sich, warum die Franzosen so viele unterschiedliche Uniformen hätten, ob diese unterschiedliche Stammeszugehörigkeiten anzeigen sollten. Für Menschen, die Geschichten von Löwenjägern kannten aber nichts von europäischen Traditionen wussten, waren es schlimme Tage, die zu schlimmen Monate wurden.

Leutnant Edgar Stern sollte 14 dieser Muslime in geheimer Mission von Berlin nach Konstantinopel bringen. Sie sollten zum Sultan von Konstantinopel und dort als große Geste gegenüber dem Islam freigelassen werden. Gerade damals fielen diese fremdländisch aussehenden Menschen in Europa auf und wirkten nicht wie Deutsche. Um sie unbeschadet durch feindliches Gebiet zu bringen, gab Leutnant Stern sie als Zirkusartisten und hatte sogar ein Zelt und Zirkusgeräte im Zug dabei.

Es folgte noch eine kurze Lesung vom Anfang der Bahnreise, die Jakob Hein mit den Worten beendete, dass eine Bahnfahrt damals ganz anders verlaufen sei als heute, z.B. ohne Strom – andererseits sei man damals auch problemlos wieder zurück nach Deutschland gekommen. „Free them all“ wolle er noch sagen.

Auch damals habe Deutschland sich in innenpolitische Belange der Türkei nicht einmischen wollen, wie zum Beispiel die Verfolgung der Armenier. Der Dschihadaufruf Deutschlands habe tatsächlich dazu geführt, dass die Armenierpogrome in Istanbul sich verstärkten.

Viel zu schnell endete die interessante Veranstaltung zu diesem Buch, das direkt auf meinem Wunschzettel landete.

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Herman Koch las am 17.03.2018 in Leipzig

©KIWI Verlag

©KIWI Verlag

Fast pünktlich um 21:00 begann die Veranstaltung mit Herman Koch. Der Moderator Jan Konst verriet, dass Herman Koch aufgrund des Wetters erst 16 Minuten zuvor in Leipzig angekommen war.

Er stellte Herman Koch kurz vor als den erfolgreichsten niederländischen Autoren, dessen Erfolg zum guten Teil auf dem Buch Angerichtet beruhe, das drei Mal verfilmt wurde. Von der Version mit Richard Gere zeigte sich der Autor nicht gerade begeistert.

Sein neustes Buch Der Graben sei ein schwarzhumoriger Satireroman, in dessen Mittelpunkt Robert Walter stehe, der Bürgermeister von Amsterdam. Dieser führe mit knapp 60 das scheinbar perfekte Leben, mit toller Frau und Tochter. Bis er dann eines Tages auf einem Empfang seine Frau Sylvia mit einem eher ungeliebten Dezernenten sehe und vermute, sie habe eine Affäre mit diesem Mann. Überall sehe er Zeichen und mache sich verrückt.

Es war Herman Koch wichtig, dass die Hauptfigur eine immer wieder im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehende Position hat, denn in einer normalen Familie wäre der Umgang mit so einer Situation anders. Der Bürgermeister hingegen fürchte sich vor den Medien, vor dem Einsturz seines so idealen Lebens. Er habe das erste Kapitel einigen Testpersonen vorgelesen und gefragt, was sie glaubten, wer die Hauptfigur sei. Die meisten hätten auf den König getippt, was ihm wiederum zu kompliziert war.

Es folgte eine kurze Lesung auf Niederländisch, dann eine längere Passage vom Anfang des zweiten Kapitels, in dem eben jener Empfang stattfindet.

Herman Koch weiß bis heute nicht, ob Sylvia Walter tatsächlich eine Affäre habe. Sonst habe er kein Buch darüber schreiben können und wenn es der Autor nicht wisse, könnten es die Leser auch nicht wissen. Bei skandinavischen Krimis sei immer die unwahrscheinlichste Figur der Mörder, in seinem Buch sollte es keinerlei versteckte Hinweise geben können, egal ob gewollt oder ungewollt. Während des Schreibens sei ihm Sylvia immer sympathischer geworden und auf die wiederholte Frage seiner Frau, ob Sylvia eine Affäre habe, antwortete er irgendwann „ich hoffe nicht“.

Durch die Ich-Perspektive falle es leicht, sich mit dem Bürgermeister zu identifizieren und Jan Konst gab zu, mit der Hauptfigur gelitten zu haben. Er habe sich regelrecht gewünscht, Robert Walter würde anfangen, Sylvias Emails und Telefonlisten zu kontrollieren – auch wenn das eigentlich verwerflich sei.

Herman Koch ist sich sicher, dass der Bürgermeister es nicht wirklich wissen will. Denn er hätte ja fragen können, aber allein durch die Frage eine vielleicht tatsächlich perfekte Beziehung zerstört. Der Bürgermeister fürchte sich vor dem Wissen und es sei ihm lieber, dass die mögliche Affäre still beendet werden könne und die ideale Beziehung fortgesetzt werden.

In einer niederländischen Zeitung gebe es jede Woche ein Interview mit einer Person, die fremdging. Eines war mit einer älteren Frau, deren Mann von ihrer Affäre vor zehn Jahren wusste, aber sich aus Respekt ihr gegenüber nichts anmerken ließ.

Auch Robert Walter zahle einen hohen Preis für dieses Verhalten. Jedes Wort von Sylvia lege er auf die Goldwaage, alles biete unzählige Deutungsmöglichkeiten und er spiele die Sätze immer wieder in seinem Kopf durch. Die Leser kennen nur seine Perspektive, die fast klaustrophobisch ist. Mit der Zeit beginne man so zu denken und spekulieren wie er.

In seinen Büchern greift Herman Koch auch immer aktuelle Themen auf, in diesem Fall Sterbehilfe. Es habe in den Niederlanden einen Fall gegeben, in dem ein bekannter Moderator entschied, gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord zu begehen. Sie starb, er überlebte. Später sei herausgekommen, dass er schon vorher Urlaub gebucht hatte und seit Jahren eine Mätresse in der Schweiz. Vorbild für die Figur im Buch sei ein 90-jähriger aus seinem Bekanntenkreis, dessen Frau eines natürlichen Todes starb und der Mann sich dann z.B. das früher ersehnte Auto gönnte.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob es einen persönlichen Anlass für das Buch gegeben habe. Herman Koch antwortete, dass er neugierig gewesen sei, wie er selbst in so einer Situation reagieren würde. Auch er seit glücklich verheiratet und man habe vielleicht etwas Paranoia, könne nie wissen, ob so etwas einem nicht selbst passieren könne. Nichts in dem Buch sei autobiographisch, worauf der Moderator mit einem Augenzwinkern anmerkte, dass der Bürgermeister nur zufällig genauso alt wie Herman Koch sei.

Viel zu früh endete ein vergnüglicher Abend mit einem gut eingespielten Team von Autor und Moderator. Herman Koch nahm sich im Anschluss noch viel Zeit zum Signieren und für Fragen.

Link zum Buch beim KiWi Verlag

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Adventskalender 2017 Tag 7: Veranstaltungstipp Krimitag

© Syndikat

Der 8. Dezember ist der Todestag von Friedrich Glauser, nach dem die renommierten, alljährlich vergebenen Preise des Syndikats benannt sind. Im zu Ehren veranstaltet die Autorenvereinigung seit einigen Jahren den sogenannten Krimitag. Autoren aus einer Region organisieren gemeinsam Lesungen oder andere Literaturveranstaltungen und der Erlös wird einem guten Zweck gespendet.

Der bayerische Teil des Syndikats zieht dieses Jahr eine literarische Blutspur durch die Heimat. In der Gemeindebücherei Unterhaching lesen Werner Gerl, Uwe Gardein, Stefanie Gregg, Roland Krause, Lutz Kreutzer, Thea Lehmann, Barbara Ludwig und Ingeborg Struckmeyer aus ihren aktuellen Werken. Im zweiten Teil gibt es eine Talkrunde mit Iny Lorentz, Oliver Pötzsch und dem Fallanalytiker der Kripo München Alexander Horn, moderiert von Lutz Kreutzer.

Der Eintritt ist frei, es darf aber gespendet werden. Der Erlös des Abends geht an die Opferhilfe Bayern.

KRIMITAG MÜNCHEN

Literarische Blutspur durch Bayern

Uhrzeit: 19:30 Uhr

Gemeindebücherei Unterhaching
Rathausplatz 7
82008 Unterhaching

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Interview mit Kerstin Gier im Kölner Stadtanzeiger: „Die Texte bringen mich zum Heulen”

In diesem schönen Interview spricht Kerstin Gier über ihre Arbeit als Jurorin für den Care-Schreibwettbewerb und ihr neues Buch Wolkenschloss, das im Oktober erscheint.

Kerstin Gier (50) lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Bergisch Gladbach. Sie schreibt Frauenromane und Jugendbücher und wurde vor allem durch die Trilogien „Rubinrot“ und „Silber“ bekannt. Im Herbst erscheint ihr neues Jugendbuch, „Wolkenschloss“.

Beim Care-Schreibwettbewerb ist Kerstin Gier eine von vier Juroren. Care ist eine internationale, private Hilfsorganisation. Mit dem Wettbewerb will sie junge Talente fördern. Teilnehmen konnten Jugendliche zwischen 14 bis 18 sowie 19 bis 25 Jahren. Im Rahmen der lit.Cologne lesen die drei Bestplatzierten aus jeder Altersgruppe.

– Quelle: http://www.ksta.de/26145520 ©2017

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Probenblog zur Uraufführung von FRAU SCHINDLER am Gärtnerplatztheater

Komponist Thomas Morse beschreibt im Probenblog zur Uraufführung der Oper Frau Schindler den Entstehungsprozeß einer Neuproduktion. Interessante Details finden sich auch auf der Facebook-Seite zur Oper.

Ein Gespräch mit dem Komponisten steht ebenfalls zur Verfügung

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Vorschau: Sarré Musikprojekte präsentiert zu Weihnachten die „Zauberflöte für Familien“ ab 21.Dezember 2016

Die gemeinnützige Sarré Musikprojekte gGmbH präsentiert als diesjährige Neuproduktion „Die Zauberflöte für Familien“ mit über 60 Kindern, Jugendlichen und Flüchtlingskindern in der phantasievollen und familiengerechten Inszenierung von Opernregisseurin Julia Riegel in der Alten Kongresshalle in München. Liviu Petcu dirigiert das Orchester mit Musikern der Bayerischen Staatstheater.

Die faszinierende Königin der Nacht, der witzige Papageno und das junge Liebespaar Pamina und Tamino begeistern seit über 200 Jahren Groß und Klein. Mozarts bezaubernde Musik wird von den jungen Stimmen der Sarré Musikakademie gesungen. Auch die anspruchsvollen Solopartien sind ausnahmslos mit besonders begabten Jugendlichen besetzt. Regisseurin Julia Riegel stellt das Thema „Initiation“ in den Fokus. Mit einer großen Portion Humor und Augenzwinkern werden grundlegende Fragen junger Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden thematisiert. Dabei werden die klassischen Märchenfiguren der Oper modernen Fantasy-Ikonen angenähert, die sich Bewährungsproben stellen müssen.

„Im Kern geht es um die Fragen wer ist gut, wer ist böse, wem kann ich trauen?“ sagt Julia Riegel zu ihrem Konzept. Geleitet und beschützt werden die Protagonisten von der Musik und der Macht der Liebe.

Das Bühnenbild gestaltet Caroline Neven DuMont, für die Kostüme zeichnet Eva Beldig verantwortlich. Die speziell für Familien konzipierte Ausstattung setzt auf ein außergewöhnliches Farbkonzept mit schillernden Kostümen, kombiniert mit einer raffinierten Lichtregie und modernem Videodesign. Die sternflammende Königin der Nacht wird tatsächlich strahlen und darf mit Spannung erwartet werden, denn sie wird das Publikum in eine faszinierende Märchenwelt entführen.

Die neue Version der Oper ist eine leicht gekürzte Fassung des Originalwerkes und hat eine Spieldauer von etwa zwei Stunden.
Ein Überraschungs-Vorprogramm speziell für die jungen Zuschauer gibt es jeweils 30 Minuten vor Beginn der Vorstellungen im Foyer.
Premiere ist am 21. Dezember 2016 um 17:30 Uhr in der Alten Kongresshalle München auf der Theresienhöhe.
Weitere Vorstellungen: 22. Dezember um 18:00 Uhr und 23.Dezember um 17:00 Uhr.
Tickets über MünchenTicket
Kontakt für weitere Informationen und Interviews mit dem Leitungsteam
Verena Sarré: info@sarre-musikprojekte.de
Franziska Stürz: presse@sarre-musikprojekte.de

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Inge Löhnig versteigerte Romanrolle mit riesigem Erfolg

Seit einiger Zeit gibt es das Portal Autoren helfen.

„Autoren helfen“ ist eine Initiative von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die ihre kreativen Kräfte bündeln und sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzen wollen.

Unter anderem werden folgende Projekte unterstützt:

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