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Lesung und Gespräch Takis Würger, 28.03.2019, Brunosaal Köln

Foto ®ottifanta

Foto ©ottifanta

Die Stimmung war positiv gespannt im fast ausverkauften Brunosaal in Köln als Takis Würger und Adriana Altaras die Bühne betraten.

Die Veranstaltung begann direkt mit der im deutschen Feuilleton heiß diskutieren Frage „darf man das“. Darf man einen Liebesroman über eine deutsche Jüdin schreiben, die andere Juden an die Gestapo verriet. Adriana Altaras selbst sei genau das oft gefragt worden und sie finde absolut, dass man das darf. In Stella und am heutigen Abend gehe es um Schuld, Liebe und Moral.

Dann stellte sie kurz Takis Würger vor, der 1985 geboren wurden und vielen vermutlich als der Autor von Der Club bekannt sei, das für Adriana Altaras ein „Hammerbuch“ ist. Er habe die Journalistenschule besucht, in Cambridge studiert und als Kriegsreporter gearbeitet.

In seinem neuen Buch geht es um Stella Goldschlag, die eine sogenannte Greiferin gewesen sei. Takis Würger findet den Begriff Greiferin unglücklich, es klinge für ihn zu schnittig. Seines Wissens hätten rund zehn Juden mit der Gestapo kollaboriert. Von einem Freund, der das Theaterstück Stella besuchte, hörte er zum ersten Mal von Stella Goldschlag. Eine gebildete, musische Jüdin, die in einer geheimen Jazzband spielte und 1943 mit ihren Eltern verhaftet wurde. Die Gestapo stellte sie dann vor die Wahl, ihre Eltern mit dem Zug nach Auschwitz fahren zu sehen oder mit der Gestapo zu kollaborieren. Sie entschied sich die Kollaboration und sei für den Tod von Hunderten von Juden verantwortlich. Das Theaterstück und der Film Die Unsichtbaren hätten sich bereits vor dem Roman mit Stella Goldschlag beschäftigt.

Für Adriana Altaras stellt sich hier die Frage nach der individuellen Schuld und was man selbst getan hätte. Ihrer Ansicht nach haben die Zeiten sich gewandelt. Zuerst seien Juden Opfer gewesen, dann sei die Phase gekommen „aber wir Deutschen haben auch gelitten, Dresden brannte usw.“ und dann, dass es auch böse Juden gab.

Ob man mit der Gestapo kollaborieren könne, sei eine sehr komplexe Frage und erst recht, warum Stella Goldschlag auch nach dem Tod ihrer Eltern weitermachte.

Takis Würger kann die Aufregung über sein Buch nicht recht verstehen, denn es sei bereits vor rund 25 Jahren ein Sachbuch über Stella Goldschlag erschienen, das jetzt neu aufgelegt wurde und auch das Musical wurde bereits im Sommer 2016 erstaufgeführt. Ihm selbst sei kein anderes Beispiel für böse Juden bekannt, Fälle in denen Juden Täter waren. Wieviel Mitschuld Stella Goldschlag getragen habe, sei für ihn ein wichtiges Thema.

© Hanser Literaturverlage

© Hanser Literaturverlage

Adriana Altaras war schockiert, dass die Kritiken oft kaum an Häme zu überbieten waren. Auf der anderen Seite war Stella beim NDR “Buch des Monats” und die Jüdische Allgemeine habe es als „Leise, glaubwürdig und ja, auch schonungslos, aber an keiner Stelle unempathisch, effekthascherisch oder gar reißerisch” beurteilt.

Für sie sei der Eindruck entstanden, dass nur noch Juden über den Holocaust schreiben dürften, Maxim Biller, sie selbst und wenige andere. Wie sich Takis Würger die Häme erkläre? Seiner Meinung sei es am besten, wenn der Autor nichts dazu erkläre. Natürlich hoffe man als Autor, dass das Buch gut ankomme. Als das Buch und die Kritiken erschienen, habe er mit vielen Buchhändlern gesprochen, die diese Diskussionen im Laden führen mussten und das Echo sei sehr positiv gewesen.

Am Ende des Buchs steht seine persönliche Emailadresse und nach den vernichtenden Kritiken am 11. Januar, habe er habe Angst gehabt, in sein Postfach zu schauen. Es seien einigen Emails von Buchhändlern gewesen, die das Buch vor den Verrissen lasen, es gut fanden und ihm zur Seite standen. Er bedankte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Buchhändlern für ihre Unterstützung. Insgesamt habe er rund 1300 Emails bekommen, von denen weniger als zehn verletzend gewesen seien. Viele hätten Kritik geäußert und es haben Diskussionen gegeben. Das größte Kompliment sei für ihn gewesen: „Ich habe Ihr Buch vor zwei Tagen fertig gelesen, aber ich noch lange nicht fertig damit.“

Sein Verleger und Lektor habe die Ansicht vertreten, dass sein Buch diese Debatte eigentlich nicht hergeben würde, was ihn wiederum amüsierte.

Dann las Takis Würger gekonnt das Kapitel, in dem Friedrich vorgestellt wird. Wie er in der Schweiz aufwächst und von seiner Mutter gedrillt wird, die ein einziges Ziel hat und ihn dafür schon früh an der Staffelei stellt. Es folgt ein einschneidendes Ereignis, das Friedrichs Leben für immer verändert.

Für Adriana Altaras ist es sehr wichtig, dass Friedrich immer die Wahrheit sagt, so wie er es von seinem Vater lernte. Als er sich jedoch in Stella Goldschlag verliebt, kann und will er vieles nicht sehen.

Takis Würger betont an dieser Stelle, dass Stella ein Roman ist, vorher sei über die historische Stella Goldschlag gesprochen worden und er wolle auf den Unterschied hinweisen, worauf Adriana Altaras lakonisch kontert, dass es ein Roman sei stehe doch vorne drauf.

Seiner Meinung nach verhalte sich Friedrich so, weil Stella Goldschlag die erste sei, die ihm das Gefühl gebe, so ok zu sein, wie er ist. Friedrich frage nicht nach, weil er um jeden Preis das erhalten wolle, was er gefunden hat. Ja, Friedrich sei sehr naiv, aber er reflektiere auch über Stella und Takis Würger zitiert eine kurze Stelle aus dem Roman „vielleicht habe ich gewusst…“. Vielleicht hätte er diese Stelle deutlich herausarbeiten sollen.

Adriana Altaras vermutet, dass die Kritiker so hysterisch seien, weil es Unterschiede zwischen dem Roman und der historischen Realität gibt.

Takis Würger hatte während des Schreibens auch Kontakt zu Professor Sascha Feuchter, Leiter der Stelle für Holocaustliteratur an der Uni Gießen. Dieser habe ihm die Frage gestellt, ob man im Jahr 2019 ernsthaft eine Debatte darüber führen würde, was Literatur dürfe. Es sei Kunst, die dürfe alles.

Wenn die Generation von Takis Würger nicht darüber schreibe, während die letzten Zeitzeugen noch leben, dann beginne die Zeit des Schweigens. Ob man darüber eine Liebesgeschichte schreiben könne und diese gelesen werde, könne man diskutieren. (Interessante Radiosendung mit Sascha Feuchter *klick*) Die Shoa sei so groß gewesen. Wenn sein Roman dazu führe, dass ein Einziger über dieses Thema google und sich dafür interessiere, sei er zufrieden.

Für Adriana Altaras ist ein Roman seiner Generation und sie findet es wichtig, dass die Generation der 30-40 Jährigen über die Zeit schreibt, statt damit aufzuhören, weil man nicht Primo Levi ist.

Ihrer Ansicht nach ist Friedrich extrem naiv. Sie kann scheinbar Takis Würgers Beteuerungen, dass nur Friedrich so naiv sei nur halbherzig Glauben schenken und wünschte sich deutlichere Aussagen dazu im Buch. Ihrer Ansicht nach sei er ausgewichen und sie hofft auf mehr im nächsten Buch.

Takis Würger fände es anmaßend, die Frage zu beantworten, was man selbst an Stella Stelle getan hätte. Er wünsche sich, dass die Leser selbst darüber nachdenken.

Dann las er jene Textstelle, in der Friedrich und Stella sich zum ersten Mal begegnen.

Im Buch sind zahlreiche Zeugenaussagen über Stella Goldschlag in kursiver Schrift abgedruckt, sowie immer wieder kurze Sammlungen zeithistorischer Informationen.

Ihm sei das Leben der Figuren wie ein Kammerspiel vor einer Luxuskulisse in Berlin vorgekommen, als ob die Nazis nicht gleichzeitig Krieg führen würden und Juden ermorden.

Die Zeugenaussagen seien sehr kalt und klar, sie würden deutlich zeigen, wie gefährlich diese Frau war. Durch die Chronikeinträge würden die Leser gezielt immer wieder aus der Geschichte geworfen. Dies sei lange im Lektorat diskutiert worden. Er wollte den Lesern etwas vom Inhalt der rund vier Dutzend Bücher über die 40er Jahre vermitteln, die er las, weil er selbst überrascht war, wie wenig er über diese Zeit wusste. Die Leser sollten erfahren, was alles passierte, während in Berlin diese Liebesgeschichte spielt. Während des unglaublichen Terrors der Nazis passierten auch unglaublich triviale Dinge, Oscar wurden verliehen, Opern aufgeführt usw. Für ihn sollten die Chronikeinträge illustrieren, dass das Leben weiterging.

Ihn fesselte das Tagebuchs eines US-Journalisten, der 1942 im Adlon lebte und nachts ein anderes Leben führte, der die geheimen Jazzclubs ging und von zwei französischen Kriegsgefangenen erzählt, die Wein aus Fässern auf Flaschen zogen, weil so viel Wein getrunken wurde. Er wollte zeigen, dass auch böse Menschen Feste feierten, u.a. auf der Wannseekonferenz.

Das Böse habe sehr viele Facetten. Bei seiner Recherche sei er immer wieder bei Reinhard Heydrich hängengeblieben. Sohn eines Komponisten, der selbst sehr musikalisch war, Violine spielte und von Musik oft zu Tränen gerührt wurde. Gleichzeitig habe er die Wannseekonferenz geplant und sei ein Monster gewesen. Heyrich habe er nicht in den Roman nehmen wollen, daher gebe es Tristan von Appen, der zunehmend bösartig sei und Nazi.

Adriana Altaras gefällt es, dass die Figuren mehrere Facetten haben und wünscht sich für den nächsten Roman noch vielschichtigere Figuren. Die historische Stella Goldberg sei nach dem Krieg in einem ersten Prozess zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden, nach ihrer Freilassung in einem zweiten Prozess später zu weiteren zehn Jahren, die jedoch als verbüßt galten. Sie habe erfolglos versucht, eine Rente als Opfer des Faschismus zu bekommen und sich später durch einen Sturz auf dem Fenster umgebracht. Ihre Tochter sei um die Zeit des ersten Prozesses von Berliner Juden adoptiert worden, die mit dem Kind nach Israel auswanderten. Die jüdische Gemeinde habe den Kontakt zwischen Mutter und Tochter später verhindert.

Dann erklärte Takis Würger, dass Stella Goldschlag ihre publizistischen Persönlichkeitsrechte vererben wollte. Dies sei jedoch nicht möglich, man könne nicht beeinflussen, wie nach dem Tod über einen geschrieben werde. Wenn man eine Person der Zeitgeschichte sei, sei es sowieso anders.

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Gespräch Eva Lüdi Kong, 21.03.2019, Konfuzius-Institut Leipzig

®ottifanta

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Eva Lüdi Kong studierte Sinologie in Zürich und klassische Literatur und Kalligraphie in China. Von 1990-2016 lebte sie in China und wurde 2017 für die Neuübersetzung des chinesischen Klassikers Die Reise in den Westen mit dem Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Im Herbst 2018 erschien ihre Übersetzung des sogenannten 1000 Zeichen Klassiker.

Dieses Buch lese sich fast wie ein dadaistischer Text, sei in einer sehr komprimierten Schriftsprache verfasst und nur mit sehr tiefen Kenntnissen der chinesischen Kultur und Sprache zu verstehen. In China kenne praktisch jeder dieses Buch und könne daraus zitieren. Noch vor gut einem Jahr habe sie nicht gedacht, dass eine Übersetzung zustande kommen könne, dann sei plötzlich alles sehr schnell gegangen. Sie habe das kleine Büchlein nochmal in die Hand bekommen und plötzlich einen Zugang dazu gefunden, es sei ganz wunderbar.

Einige Stelle habe sie als poetisch empfunden, andere beim ersten Lesen nicht direkt verstanden. Doch später habe sie auch diese Stellen spontan verstanden, was jemand mit diesem oder jenen Zeichen ausdrücken wollte. Ganz von selbst hätten sich passende deutsche Sätze ergeben, die meist viersilbig seien.

Während eines Mailkontakts mit ihrem Lektor bei Reclam habe sie einen Auszug mitgeschickt, nur so und er sei direkt im Januar 2018 auf sie zugekommen, dass man es sofort machen könne. Wie schon Die Reise in den Westen habe ihr auch diese Übersetzung viel Spaß gemacht, auch es hier eine kürzere Zeit gewesen sei, habe es sie sehr bereichert. Sie könne natürlich nicht mit den Gelehrten aus der Ming und Qing-Dynastie mithalten, wenn es um solche reiche Texte gehe.

Ihr Schwiegervater aus Hangzhou sei einer der letzten gewesen, der noch eine traditionelle Schule besucht habe und den 1000 Zeichen Klassiker schon mit neun Jahren auswendig lernen musste. Inzwischen lebe er in einem Häuschen auf dem Land und könne noch heute das Buch aus dem Gedächtnis von Hand schreiben, es stecke einfach in ihm drin. Bis zur Übersetzung dieses Buches habe sie nie ein Gesprächsthema mit ihm gehabt, das über allgemeine Dinge hinausging. Jetzt seien sie das erste Mal richtig ins Gespräch gekommen und es sei ein sehr intensiver Austausch gewesen. Für ihn war es wir ein Kinderlied, das man auswendig lernte. Vieles habe er erst viel später als Erwachsener verstanden.

®Reclam

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Der 1000 Zeichen Klassiker entstand im sechsten Jahrhundert und habe rasch zum Kanon der Klassiker gehört. Bis Anfang des 20. Jahrhundert kannte es jeder, der Lesen und Schreiben gelernt hatte. Heute werde es wieder gelehrt, in einer bunt illustrierten Ausgabe für die Schulen. Sie selbst ist fasziniert von der alten Version mit schwarz-weißen Illustrationen. (Leseprobe mit Illustrationen)

Es beginne wie so viele Bücher mit dem Himmel und der Erde, man sehe beim Lesen die gelbe Erde vor sich. Es sei unheimlich poetisch und beim Lesen würden sich Bilder ausbreiten, während die Schüler den Text in den Schulstuben geleiert wiedergaben. Das repetitive Lernen sei Anfang des 20. Jahrhunderts Verruf gekommen und das Werk selbst als „abtötende Literatur“.

Der Kaiser Wu aus der Liang Dynastie habe im sechsten Jahrhundert in der Gegend um Nanjing gelebt, viele Gelehrte um sich geschart und sich sehr für den Buddhismus eingesetzt. Damals mussten Kalligraphen während der Ausbildung einzelne Schriftzeichen von Stelen abschreiben, oft ohne größeren Sinn. Der Kaiser wollte einen zusammenhängenden Bildungstext für die Adelssprösslinge und wählte den Hofgelehrten Zhou Xingsi aus, der in seinen Augen großes Talent hatte. Es sollten 1000 Zeichen vorkommen, keines durfte sich wiederholen. Der Legende nach habe Zhou Xingsi die ganze Nacht gereimt und den Text bereits am nächsten Tag dem Kaiser übergeben.

Ein Mönch habe Ende des sechsten Jahrhunderts 800 Abschriften des Textes in Tempeln in der Provinz Zhejiang verteilt, die in der Nähe von Nanjing liegt Der Text sei überall als Vorlage zum Schreiben lernen verwendet worden. Eva Lüdi Kong zeigte zahlreiche Bilder von alten Lehrbüchern und auch von Bibliotheken, in denen die Zeichen des Buches fortlaufend zur Nummerierung verwendet wurden, z.B. beim vollständigen buddhistischen Kanon.

Ihre Begeisterung für den Text und dessen Tiefe war deutlich spürbar, besonders, wenn sie einzelne Textstellen auf Chinesisch und Deutsch rezitierte. Umso intensiver sie sich mit dem Text beschäftigte, umso mehr sei sie in einen Flow gekommen, jedes Zeichen gehe auf wie eine Blume. Sie habe befürchtet, dass Sinologen ihre Version in Zweifel stellen würden, aber ihr Eindruck sei, dass sie nicht mehr geschrieben habe, als in dem Text, den Zeichen drinstecke und wollte ihren deutschen Lesern dieses besondere Gefühl beim Lesen vermitteln.

Das Werk sei in verschieden Abschnitte unterteilt. Erst werde geschildert, was es im Himmel und auf der Erde gebe, dann gehe es um chinesische Mythen und später um die Weisheit des chinesischen Urkaisers. Es geht um einen Verhaltenskodex für die Menschen, wie Männer und Frauen sich zu verhalten haben. Das Werk sei an sich erzkonfuzianisch (mit einer einzigen Anspielung auf den Buddhismus) und sie frage sich, ob es gut sei, diesen Text heute wieder in Schulen rezitieren zu lassen. Es gebe eine neue Diskussion um den Sinn der Lektüre, ob es nicht doch abtötende Literatur sei.

Dann schweife der Blick auf den Kaiserhof, was dort passiere und wer dort lebe, die Verwaltungsstruktur und die Bekleidung der hohen Beamten. Zu jedem Abschnitt wurden Seiten aus älteren Versionen des Werks gezeigt, mit Text und zahlreichen passenden Illustrationen. Der Autor habe auch einen kritischen Blick auf das Leben am Hofe geworfen und riet z.B. sich vor Intrigen zu hüten.

Ohne den Text genau zu kennen, könne man ihn rein akustisch kaum verstehen, so verknappt und klassisch sei die Sprache. Ihr Schwiegervater habe als Kind einiges anders verstanden, in der Schule wurde mehr Wert auf das Auswendiglernen und Schreiben gelegt als auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt.

Das Ende sei sehr unterschiedlich interpretiert worden. Sie habe es so gelesen, dass der Autor darstellt, wie er mit dem fertigen Manuskript durch den Palastgarten schlendere und es dem Kaiser vorlege. Diese Version habe sie bei einem chinesischen Linguisten gelesen und als passend empfunden. Ganz am Ende gehe der Verfasser wieder auf den Himmel und den Lauf der Sterne ein.

Chinesische Sprichwörter bestehen traditionell aus vier Schriftzeichen und viele Zeilen aus dem 1000 Zeichen Klassiker seien als Sprichwörter bekannt. Dann verglich Eva Lüdi Kong noch die Übersetzungen von J. Hoffmann (1840), Erich Hauer (1925) und Barbara Maag (2010/2017), die teilweise sehr unterschiedlich ausfallen.

Es wurde ein Video von Youtube gezeigt, auf dem eine Schulklasse in traditioneller Kleidung den Text (leiernd) rezitiert. Der Umgang bleibe etwas ambivalent. Ihrer Meinung nach solle es gelesen werden, jedoch mit einem kritischen Blick.

Zum Ende beantwortete sie noch einige Fragen aus dem Publikum.

Obwohl der Text rund 1500 Jahre alt ist und es auch im Chinesischen Lautverschiebungen gab, würde der Originaltext sich immer noch reimen.

Es gebe in China kein klassischeres Buch als dieses und zum Glück sei es ihrem Lektor von Reisen durch China bekannt gewesen. Andere Verlage hätten es nicht gekannt und dieses sehr spezielle Nischenprojekt vermutlich auch nicht veröffentlicht. In ihren Anmerkungen auf der linken Seite (rechts stehen immer Originaltext und Übersetzung) sei sie meist auf die Bezüge zu anderen klassischen Schriften eingegangen.

Sie freue sich, dass dank Reclam dieser so besondere Text jetzt auch einer ausführlichen Version für deutsche Leser verfügbar sei und bedankte sich beim anwesenden Publikum.

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Gespräch Frank Goosen, 21.03.2019, Leipziger Buchmesse

®Kiepenheuer&Witsch

®Kiepenheuer&Witsch

Die Veranstaltung begann mit Frotzeleien über die zahlreichen Schilder auf der Messe mit „… erlesen“. Dabei sei es kein neues, sondern ein altes Trendwort. Noch schlimmer als Kneipen mit Namen wie „Blumenbar“ und „Wunderbar“ fände er Wortspiele mit „Haar“ bei Frisörsalons, wie zB. „Haarmony“ usw.

Die Moderatorin Doris Akrap hatte sich bei Wikipedia über Frank Goosen informiert und schnell stellten die beiden fest, dass die Informationen weder vollständig noch alle korrekt sind. Sein Vater hatte einen Elektrobetrieb und wird erwähnt, seine Mutter machte die Buchhaltung und wird nicht erwähnt. Außerdem fehle seine Omma (sic) im Wikipediaeintrag, dabei sei sie für ihn besonders wichtig gewesen. Sie lebte länger als seine Eltern. Bis 1985 habe sie eine Dienstwohnung im Bochumer Rathaus gehabt und von ihr habe er das Quasseln gelernt. Bis 1985 musste er weder Papier noch Büromöbel kaufen, das habe dort einfach so rumgestanden. Bei ihrem Auszug habe sie die Badewanne mitgenommen, die Stadt habe dann direkt Kopierer reingestellt. 2010 habe er bei einem Besuch dort noch die gleichen Prilblumen auf den Kacheln und den orangefarbenen Rasiererhalter seines Großvaters gesehen.

Bei der Band „Vatermörder“ habe er nur zwei Mal zufällig mit ihnen auf der Bühne gestanden – sei jedoch nie Bandmitglied gewesen. (Das steht inzwischen nicht mehr bei Wikipedia.) Dafür sei er stolzes Mitglied der Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und gehöre zur Jury für die Sprüche des Jahres von denen er gleich ein paar seiner Lieblinge zitierte. (z.B. Manuel Neuer „Wir schießen so wenig Tore, vielleicht heißen wir deshalb auch die Knappen.”) Über den deutschen Fußball zwischen 1933-45 rede keiner, daher wüssten auch die wenigsten, dass der VfL Bochum 1938 durch die Zusammenlegung von drei Vereinen entstand sei – damit die Gauhauptstadt Bochum auch einen großen Fußballverein habe.

Über die sieben Jahre im Vorstand des VfL Bochum könne er aus juristischen Gründen nicht viel erzählen, müsse einen Roman darüber schreiben, in dem alles erfunden sei. Es sei im Fußball alles so absurd geworden, nicht nur bei den großen Vereinen. In den Vorstand sei er aufgrund eines Anrufs gekommen, ob er bereit sei, auch Verantwortung zu übernehmen, nachdem er sich sehr kritisch über den Verein geäußert hatte.

Auf die Verfilmung seiner Bücher angesprochen, wollte Frank Goosen lieber über vor 2018 entstandenen Filme sprechen. „Liegen lernen“ von 2003 sei ein sehr schöner Film, „Sommerfest“ habe ihm gut gefallen und zu „So viel Zeit“ (2018) meinte er mit einem Augenzwinkern, es sei ein tolles Buch.

„Tresenlesen“ sei durch einen Zufall entstanden. Jochen Malmsheimer habe in einer bestimmten Kneipe gesessen und zu fortgeschrittener Stunde aus einem Roman von Flann O’Brien vorgelesen, wozu er von Harry Rowohlt inspiriert wurde. Am dritten Abend seien es von Robert Gernhardt inspirierte Texte gewesen und später auch eigene Texte. Nach Frank Goosens Meinung gebe es niemanden, der so mit Sprache umgehe wie Jochen Malmsheimer und er habe die Zusammenarbeit sehr geschätzt.

®CK

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Bei der WDR-Serie „Unser Land in den 80ern“ sei es um die Suche nach der Seele des Ruhrgebiets gegangen. Der Titel sei nicht von ihm gewesen. Er sei quer durch das Land gereist, habe alte und neue Orte besucht, die unterschiedlichsten Menschen getroffen und bedauere es immer, dass viel zu selten im Fernsehen Menschen auftauchen, die „Pott sprechen“. Ein Freund https://de.wikipedia.org/wiki/David_Schraven von ihm werde gelegentlich für die „Tagesthemen“ interviewt und habe die Erfahrung gemacht, dass er unterschätzt werden, wenn er „Pott spreche“. Gerade deshalb würde er es immer wieder gezielt einsetzen.

Dann ging es um sein neues Buch Kein Wunder, in dem die aus Förster, mein Förster bereits bekannten Figuren im Mittelpunkt stehen, Fränge, Brocki und Förster, allerdings schon Jahrzehnte früher. Schauplatz sind Bochum und Berlin im Jahr 1989. Fränge sei ein hedonistischer Typ, lebe in Berlin, weil es uncool sei, untauglich zu sein. Also tue Fränge so, als ob er aus Widerstand in Berlin lebe, wo er eine Freundin im Westen habe und eine im Osten. Daher sei Fränge gegen einen möglichen Mauerfall. Frank Goosen wollte im Ruhrgebiet in jener Zeit in einen größeren Zusammenhang stellen und zeigen, dass der Mauerfall auch Auswirkungen auf das Leben im Westen auswirkte.

Mitte/Ende der 80er Jahre sei das Ruhrgebiet dabei gewesen, fast cool zu werden. Es seien immer mehr Filme im Ruhrgebiet gedreht worden, es habe immer mehr Freizeitangebote gegeben, wie z.B. Tour de Ruhr. Werner Schmitz aus Bochum habe ungewollt die Regionalkrimis erfunden, dabei wollte er nur über etwas schreiben, das er gut kenne.

In den 80ern seien viele von der ZVS an die Ruhruni in Bochum geschickt worden, wo es damals rund 40.000 Studenten gab. Sicher sei die Architektur nicht so pralle, aber es gebe eine super Kneipenszene rund um das Bermudadreieck, gute Theater usw. In den 80ern habe man in Bochum seine Freundin ins Theater eingeladen, nicht ins Kino. So habe er manche Stücke mehrmals gesehen, stets in anderer weiblicher Begleitung. So seien viele positiv von Bochum überrascht gewesen, auch wenn die Uni selbst komplett aus Beton sei. Die Geisteswissenschaften seien damals schon schwarz-gelb angemalt gewesen, dabei habe gerade diese Farbkombination nichts mit Geisteswissenschaften zu tun. (Dieser Witz musste einigen im Publikum erklärt werden :grin)

In seinem neuen Roman habe er bewusst die gewisse gemeinsame Kaputtheit von Ostberlin und einigen Stadtteilen in Bochum genutzt. Während Brocki Ostberlin für das Reich des Bösen halte, aus dem bestimmt jeder weg wolle, idealisiere Fränge es etwas wegen seiner Freundin. Förster stehe in der Mitte und versuche, sich unvoreingenommen anzunähern.

Die Kaulsdorfer Seen als Schauplatz habe ihm ein Bekannter empfohlen, weil viele Häuser dort älter als die DDR waren, meist aus den 1920er Jahren und es so gewisse Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Bochum gebe. Die meisten im Roman genannten Kneipen gebe es in Bochum tatsächlich, nur eine habe er erfunden.

Die Herkunft der Figuren in „Kein Wunder“ sei sehr unterschiedlich, daher könne er durch sie auch verschiedene Perspektiven darstellen. Er selbst sei Menschen wie Förster erst auf dem Gymnasium begegnet. Dort habe er oft das Gefühl gehabt, in der Mitte zu stehen, irgendwie außen vor zu sein und weder zu den einen noch den anderen zu gehören. Seiner Meinung nach die typische Situation eines Aufsteigers in den 70er Jahren. Doris Akrap merkte an, dass diese Perspektive in Wenderomanen selten sei.

Er habe einen Freund gefragt, was man mit den 25 Mark Zwangsumtausch in der DDR kaufen konnte und eventuell gewinnbringend in der BRD verkaufen. So sei er auf den Juwel-Campingkocher gekommen, der mit Benzin betrieben wurde und bekam auch ein Exemplar, das noch fabrikneu eingepackt war, mit eingestanztem Produktionsdatum. Dieses Datum liege genau 30 Jahre vor dem Erscheinungstag von „Kein Wunder“. Das sei nicht so geplant gewesen, sondern zufällig durch eine Produktionsverzögerung so gekommen.

Zum Abschluss wünschte Doris Akrap Frank Goosen und seinem neuen Roman viel Erfolg.

Das Hörbuch ist auf meinem Wunschzettel gelandet.

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Lesung aus EINSAME WELTREISE von Alma Karlin, 23.03.2019, Leipziger Buchmesse

© Aviva Verlag

© Aviva Verlag

Ohne die Veranstaltung bei der taz wäre ich vermutlich nie auf das neu entdeckte Einsame Weltreise der bereits 1950 verstorbenen Alma Karlin aufmerksam geworden.

Doris Akrap moderierte die Veranstaltung mit Jerneja Jezernik (Verlegerin) und Britta Jürgs (Herausgeberin) vom Aviva Verlag.

Alma Karlin wurde 1889 in Cilli geboren, damals Teil Österreich-Ungarns, heute slowenisch, und gehörte zur deutschsprachigen Minderheit. Von Geburt an halbseitig gelähmt, werden ihr nur geringe Überlebenschancen gegeben. Sie bereiste alleine die Welt und starb 1950 verarmt, zurück in Cilli.

Jerneja Jezernik war fasziniert von dieser vielseitig interessierten Frau, die zu den zehn größten Weltreisenden gehörte. Als erste Frau war sie von 1919 bis 1927 insgesamt 8 ½ Jahre alleine am Stück unterwegs, verfügte über geringe finanzielle Mittel, stammte aus kleinbürgerlichen Milieu. Alma Karlin besaß eine Schreibmaschine namens Erika und wollte schreiben. In Cilli war sie zweisprachig aufgewachsen, sprach Deutsch als Muttersprache und Slowenisch. Auf ihren Reisen konnte sie meist gut mit den Menschen vor Ort kommunizieren, weil sie noch zahlreiche weitere Sprachen lernte, wie z.B. Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, sowie Sanskrit, Chinesisch und Japanisch.

Nach der Besetzung ihrer Heimat durch Deutschlang wurde sie als eine ersten verhaftet, später versteckte sie Dissidenten. Nach dem zweiten Weltkrieg war die deutsche Sprache wegen der Nazis verpönt und sie half vielen Flüchtlingen. Erst nach der Unabhängigkeit Sloweniens kam es zur Wende und sie gehört wieder zum Kanon der slowenischen Literatur, auch wenn manche sie nicht als slowenische Autorin gelten lassen wollen, weil sie auf Deutsch schrieb. In der sozialistischen Föderation Jugoslawien spielte Alma Karlin keine Rolle und geriet etwas in Vergessenheit.

Heute ist sie in ihrer Heimat hochaktuell, obwohl ihr Werk ins Slowenische übersetzt werden muss, spricht die Jugend an und inspirierte Filme und Zeichentrickfilme. Die slowenische Post widmete ihr eine Sondermarke. Zwischen den beiden Weltkriegen war sie die meistgelesene Reiseschriftstellerin.

Das Manuskript ihrer Autobiographie Ein Mensch wird liegt in Ljubljana in der Nationalbibliothek, wo Jerneja Jezernik es las. Dieses Buch ist ebenfalls im Aviva Verlag erschienen.

Britta Jürgs war sofort interessiert an der slowenischen Reiseschriftstellerin. Bei der Lektüre ihrer Bücher gefiel ihr die Sprache und Alma Karlins Blick auf die Welt. Ihr lakonischer Stil habe sie sofort gepackt.

Doris Akrap merkte an, dass Alma Karlin mit sich selbst sehr hart ins Gericht gegangen sei, wenn sie ihr Verhältnis mit der Welt und ihrem Körper beschreibt. Die Ärzte erwarteten nicht, dass sie älter als 12/13 Jahre werden würde und ihrer Mutter wurde die Schuld für die Behinderung der Tochter gegeben, weil sie bei der Geburt bereits 45 Jahre alt war.

Alma Karlins Motivation zur so genannten einsamen Weltreise sei u.a. gewesen, es der Welt zu zeigen. Sie sei oft verliebt gewesen, immer in Männer, die hochintellektuell waren, oft Künstler, körperliche Liebe sei ihr jedoch nicht möglich gewesen, für die Kunst wollte sie rein bleiben. Der Kontakt zu Künstlern habe ihr viel gegeben, aber auch zu vielen traurigen Momenten in ihrem Leben geführt.

Weil es immer wieder Schwierigkeiten mit den Visa gab, konnte sie nicht alle Länder besuchen, die sie gerne gesehen hätte. Das Visum für Japan erhielt sie ohne Probleme und es wurde ein Auszug aus ihrem Bericht über den Aufenthalt dort vorgelesen.

Britta Jürgs wurde bei der Lektüre bewusst, wie gefährlich es damals für alleinreisende Frauen war, erst recht, wenn man sich nur einfache Unterkünfte leisten konnte. Alma Karlin musste immer wieder unterwegs Geld für die nächste Etappe verdienen. In Südamerika machte sie schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen, wurde ausgeraubt. Mit der Zeit sei sie bitter geworden. Auf der anderen Seite habe sie von Frauen dort eine unglaubliche Solidarität erfahren und es sei immer wieder deutlich, dass sie mit den falschen Erwartungen einer Europäerin auf die Reise ging.

Jerneja Jezernik (deren wunderbares und fast akzentfreies Deutsch sehr beeindruckend war), kann sich kaum vorstellen, wie es damals für Frauen war, alleine durch die Welt zu reisen. Heute sei eine junge Frau (deren Namen ich leider nicht verstand) auf den Spuren von Alma Karlin unterwegs, aber gemeinsam mit ihrem Freund. Derzeit sei sie in Hawaii und interviewe viele Frauen, wie es vor 100 Jahren für eine Alleinreisende gewesen sein könne.

Für Britta Jürgs war es interessant zu lesen, wie offen und gleichzeitig europäisch Alma Karlin ist, offen mit eurozentrischem Blick ging sie in die Welt, nicht nationalistisch für ihr Herkunftsland und stellte sich gegen die Vorurteile anderer reisender Frauen in Amerika. Natürlich sei auch sie nicht frei von Vorurteilen gewesen, war Kind ihrer Zeit und nachdem sie in Peru schlechte Erfahrungen mit Männern machte, habe sie besonders rassistische Ausdrücke für die Männer von dort verwendet.

In Japan hingegen sei sie als Frau gleichwertig gewesen, habe sich voll akzeptiert gefühlt und gleichzeitig selbst als minderwertig empfunden.

Ihre zeitgenössischen Leser hätten ihre Berichte nicht als rassistisch empfunden, dafür bemängelt, dass sie judenfreundlich schreibe, sei die Wahrnehmung heute genau umgekehrt.

In ihren Berichten ist zu lesen, dass Mischehen und deren Kinder damals weltweit nicht erwünscht waren und aus der jeweiligen Gesellschaft ausgestoßen wurden. In unserer globalisierten Welt habe sich das gewandelt.

Das Manuskript der Autobiographie tippte Jerneja Jezernik ab und hörte vom Bibliothekar, dass das Material von Alma Karlin zu den meist erforschten und ausgeliehenen gehört.

In ihren Büchern gebe es sowohl feministische Aspekte und es werde spekuliert, ob sie homosexuell war, weil sie mit einer Freundin zusammenlebte. Ihre ganze Persönlichkeit sei so mannigfaltig, passe in kein Regelfach und spreche daher sehr viele Menschen an.

Dann wurde der Anfang ihrer Autobiographie vorgelesen, in der Alma Karlin selbstironisch schildert, dass ihre Verwandtschaft es als Segen empfand, dass sie Einzelkind blieb und von ihren Plänen für die Reise nach Japan. Sie bezeichnete sich selbst als „Zusammenkratzerl“ aufgrund ihrer mehrfachen Behinderung.

Jerneja Jezernik arbeitet an einer Biographie über Alma Karlin und versucht, deren komplexe Persönlichkeit zu verstehen. Zur Freude von Britta Jürgs direkt auf Deutsch, denn es sei schwierig eine Biographie über eine deutschsprachige Schriftstellerin aus dem Slowenischen zu übersetzen.

Zum Abschluss lud Jerneja Jezernik die Anwesenden ein, im Frühjahr oder Herbst nach Slowenien zu reisen oder literarisch auf die Spuren von Alma Karlin die Welt zu erkunden. Doris Akrap freut sich auf mehr slowenische Literatur in der nächsten Zeit, da Slowenien 2020 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird.

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Lesung T.C. Boyle, 07.02.2019, Lichtburg Essen

©Hanser

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„Guten Abend meine Damen und Herren. Willkommen“, begrüßte der gut gelaunte T.C. Boyle die gut 1100 Zuschauer. Er freue sich, wieder im Land der „greatest readers on earth“ zu sein. Die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf erzählte, dass sie seine Bücher möge und dieses habe sie besonders mitgenommen. Das Licht zeigt den Lesern die frühe Zeit der LSD-Partys. Bei der Themenauswahl und beim Schreiben sei ihm nicht bewusst gewesen, dass das 50. Jubiläum von Woodstock anstehe. Ihn habe interessiert, wie LSD entstand und dass es aktuell wieder klinische Studien mit LSD als Medikament gebe und wer war Timothy Leary?

Im August 1969 fand in Woodstock das heute weltberühmte Festival statt, das sehr geprägt wurde durch gewisse Drogen. T.C. Boyle war mit seiner zukünftigen Frau selbst dort.

Anfangs sei Timothy Leary ein ehrenwerter angesehener Professor gewesen, der später bei seinen selbsterfundenen Experimenten zu weit gegangen sei. Dies alles noch vor der Hippiezeit und T.C. Boyle fragte sich, wie es von den konservativen 1950er Jahren recht schnell zu den Hippies und Jimi Hendrix gekommen sei. Das Jahr 1963 sei eine Zeit des Übergangs gewesen, die Beatles wurden in Großbritannien zunehmend populär.

Margarete von Schwarzkopf erzählte, dass er seine Frau er aufgrund ihrer deutschen Wurzeln Frau B nenne, und er vielleicht auch durch seine irischen Wurzeln Geschichtenerzähler geworden sei.

So wie zuvor bei Dr. Sex schildere er auch bei Das Licht das Leben einer historischen Persönlichkeit aus der Perspektive einer fiktiven Figur. Ihn habe weniger die detaillierte Schilderung der Trips interessiert als die Persönlichkeit von Timothy Leary. Wie sei es ihm gelungen, anderen Menschen von seinen Ansichten zu überzeugen, seien die Auswirkungen gut oder schlecht. Im Mittelpunkt seines neusten Buches steht Fitz, ein Schüler von Timothy Leary, sowie dessen Frau Joanie.

Auf Englisch heiße das Buch Outside Looking In, was seiner Meinung die Erfahrungen eines LSD-Trips gut beschreibe. Man habe das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen und von außen auf das Leben zu schauen. Weil dieser Titel sich nicht gut übersetzen lasse, habe der Hanser Verlag nach einem anderen Titel gesucht und er habe Das Licht vorgeschlagen. Timothy Leary habe LSD das „Sakrament“ genannt und in der Regel sei man nach der Einnahme von LSD sehr lichtempfindlich.

Leary habe auf der Suche nach der Erleuchtung LSD entdeckt und damit nach religiöser Erleuchtung gestrebt. T.C. Boyle erzählte, er sei in einer irisch-katholischen Familie aufgewachsen, habe aber mit elf Jahren beschlossen, Wissenschaftler zu werden und nicht mehr zur Kirche zu gehen. Seine Mutter habe ihn nicht gezwungen, weiter mitzugehen. Gleichzeitig sei er selbst sehr abergläubisch und später habe er auch noch die Existentialisten entdeckt, die nicht weniger „voodoo“ seien.

Bei der Beschreibung der Trips habe er auf eigener Erfahrungen zurückgegriffen, allerdings habe er schon lange keine Drogen mehr genommen. LSD verändere das Gehirn und in seinem Alter wolle er nichts mehr riskieren. Heute seien seine Arbeit, die Natur und Musik seine Drogen. Margarete von Schwarzkopf empfahl die Arte Dokumentation über T.C. Boyles Leben, die am Vorabend im Fernsehen gezeigt wurde.

Margarete von Schwarzkopf fragte T.C. Boyle, warum er nicht nach Europa ziehe, wohin er viele persönliche und berufliche Verbindungen habe. Weil er an Demokratie, Frauenrechte, die Umwelt und Bildung glaube. Er tweete jeden Tag gegen Trump und wolle zu dessen Niedergang aus den USA beitragen.

Im New Yorker erscheine am 11.02. eine Kurzgeschichte von ihm, Asleep at the Wheel (vorgelesen vom Autor und er habe in seinen „Letters from America“ davon erzählt, ins Weiße Haus zu gehen und Trump mit Pu der Bär das Lesen beizubringen.

Gregor Henze las aus dem ersten Kapitel von Das Licht, gefolgt von T.C. Boyle mit einem Abschnitt auf Englisch und abschließend wieder Gregor Henze mit einem Abschnitt auf Deutsch über den ersten LSD-Trip von Fitz und Joanie.

Die deutsche Ausgabe seiner Bücher erscheine auf seinen ausdrücklichen Wunsch zuerst, denn er wolle sich so beim Hanser Verlag bedanken, der es ihm ermögliche, nach Deutschland zu reisen. Ihm sei bewusst, dass viele seiner deutschsprachigen Fans die Originalausgabe vorziehen würden, aber Hanser solle alle zwei Jahren für einigen Monate in den Genuss dieser Exklusivrechte kommen.

Die Verfilmungen seiner Bücher würden ihm oft sehr gut gefallen, so z.B. die von Wellville, in die Arbeiten am Drehbuch und Set mische er sich grundsätzlich nicht ein. Er wolle sein eigenes künstlerisches Leben nicht auf Eis für jahrelange Produktionsarbeiten. Sein eigener Lieblingsfilm sei The Big Lebowski, den er unzählige Male angeschaute, bevor er ihn richtig verstanden habe.

Beim Schreiben höre er immer Musik, oft Klassik oder Jazz, aber auf keinen Fall Rock’n’Roll, weil die Texte ihn beeinflussen würden. Beim Verfassen eines bestimmten Abschnitts von Das Licht habe er tagelang Mozarts Requiem gehört, das könne man bestimmt auch beim Lesen spüren.

Aldous Huxley habe zwei Bücher über seine eigenen Erfahrungen mit Drogen geschrieben, diese seien eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen für Das Licht gewesen. Huxley habe mit indianischen Pilzen experimentiert. Auch seine fiktive Figur Fitz sei auf der Suche nach dem Licht, nach Gott, auf einer Erleuchtung, die über sein gewöhnliches Leben hinausgehe. Sowohl Timothy Leary als auch Fitz seien Alkoholiker, auch das liege vielleicht schon in seinen eigenen irischen Genen. Er habe sich selbst die Frage gestellt, warum sie so weit vom Weg abweichen würden.

Margarete von Schwarzkopf versuchte vergeblich, ihm seine Einstellung zu den Figuren zu entlocken. Ihrer Ansicht nach sei Leary eher kalkulierend, Fitz unsicher und warmherzig. T.C. Boyle kommentierte nur augenzwinkernd, das könne man so sehen und er bedanke sich für ihre Meinung. Die Dynamik zwischen den beiden habe ihn fasziniert. Fitz sei Leary sowohl nach Mexiko als auch nach Milbrook gefolgt, wo dann zwölf Erwachsene und acht Kinder eine frühe Kommune bildeten. Einige hätten sogar geglaubt, dass LSD den Kindern zu einer höheren Intelligenz verhelfen würde. Milbrook sei heute noch im Privatbesitz und er konnte das Gebäude nicht besuchen, sondern nur von außen anschauen und darüber lesen.

Nach der Lektüre des Buchs würde sie mit Sicherheit kein LSD mehr nehmen wollen, erzählte Margarete von Schwarzkopf und fragte ihn, wie es gewesen sei, die Trips für das Buch zu schreiben. Als Künstler habe er wissen müssen, worüber er schreibe, aber für ihn seien z.B. auch Traumsequenzen in Büchern langweilig. Deshalb habe er nicht alles im Detail beschrieben, sondern vieles der Phantasie seiner Leser überlassen.

Damals hätten viele an die heilende Wirkung von LSD geglaubt, unter anderem Cary Grant, der die Legalisierung sehr befürwortet habe. Dafür sei leider im Buch kein Platz gewesen und er habe es nicht mit Gewalt unterbringen wollen. Dann fragte T.C. Boyle mit fast völlig ernstem Gesicht, ob schon jemand erzählt habe, dass auf Seite 25 ein kleiner Punkt sei mit einem Pfeil „hier lecken“.

Nach den Terranauten hätte dieses Buch auch gut Die Psychonauten heißen können. Die Menschen dürften nicht vergessen, dass auch wir eigentlich Tiere seien, die von einem Pilz so außer Gefecht gesetzt werden könnten, so wie Katzen durch Katzengras. Er liebe absurde Geschichten und man brauche Liebe im Leben, das so absurd sei und an dessen Ende immer irgendwann die Todesstrafe stehe.

Das Licht sei für ihn auch eine tragische Geschichte, Szenen einer Ehe. Auf seine Weise liebe er Fitz und Joanie. Das Buch werde abwechselnd aus der Perspektive von Fitz und Joanie erzählt. Eigentlich habe er auch eine Szene aus der Perspektive ihres Sohns Corey geschrieben, diese hätte jedoch nicht ins Buch gepasst. Vielleicht werde er dem Vorschlag von Margarete von Schwarzkopf folgen und diese Szene als Kurzgeschichte veröffentlichen. Aber er arbeite inzwischen an etwas Neuem, worüber er in den nächsten sechs Monaten noch nicht sprechen werde. Er könne nur verraten, dass es um das Bewusstsein von Tieren gehe. In zwei Jahren würde uns das Buch in Deutschland vorstellen.

Damit endete die knapp zweistündige Veranstaltung ohne Fragen aus dem Publikum und T.C. Boyle signierte geduldig zahlreiche Ausgaben von Das Licht.

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Lesung Mechthild Borrmann, 07.11.2018, Roßdorf

©Droemer Knaur

Die Lesung fand im malerischen alten Rathaus in Roßdorf statt, der Saal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zu Beginn wurde Mechtild Borrmann kurz vorgestellt, als Autorin, die am bekanntesten für ihre Krimis sei. Ihr letztes Buch Trümmerkind habe sich mit dem zweiten Weltkrieg und der Zeit kurz danach beschäftigt. In der Regel hätten ihre Bücher einen historischen Hintergrund. Grenzgänger spiele in den 1950er und 60er Jahren in der Bundesrepublik. Ob es hier einen historischen Hintergrund gebe, könne Mechtild Borrmann gleich selbst erzählen.

Dann betrat eine gut gelaunte Mechtild Borrmann die Bühne und las mit kräftiger und ausdrucksstarker Stimme den Prolog und das erste Kapitel. „Von Henriette Bernhard, geborene Schöning, soll hier die Rede sein…“. Henni, eine der Hauptfiguren, wurde vorgestellt. Schauplatz ist das Örtchen Velda in der Eifel, ihr Geburtsort. Der Prolog nimmt die Zuschauer mit ins Jahr 1970. Henni steht wegen zweifachen Mordes vor Gericht und ihre beste Freundin Elsa Brennecke kann nicht an ihre Schuld glauben. Beide sind 38 Jahre alt, ihr Leben ist nach der kurzen Kindheit sehr unterschiedlich verlaufen.

Es folgte eine zweite Passage, in der Elsa zum Gericht nach Aachen fährt und über die Vergangenheit und Gegenwart grübelt.

Im dritten Abschnitt sprang Mechtild Borrmann mit den Zuhörern ins Jahr 1945. Henni ist 12 Jahre alt. Ihr Vater kehrte schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück und kann nicht mehr arbeiten. Stattdessen wendet er sich der Kirche zu, während Henni und ihre Mutter sich um den Unterhalt für die Familie kümmern.

Der vierte Abschnitt führte Thomas Reuter ein. Ein früherer Freund von Henni, der inzwischen als Kunstmaler in Lüttich lebt und sich mit Grauen an die Zeit im katholischen Kinderheim erinnert. Bilder, die er längst vergessen glaubte.

Nach der Pause erfuhren die Zuhörer dann mehr über den Titel des Buchs, denn es geht unter anderem um Kaffeeschmuggel in der Eifel zwischen 1945-48. Viele Bewohner der Eifel sicherten in jenen Jahren das Familieneinkommen durch den Schmuggel von Kaffee aus Belgien nach Deutschland. Es waren lange Fußmärsche durch den Wald und da die Erwachsenen für Schmuggel ins Gefängnis kommen konnten, wurden in der Regel die Kinder mit 5-8 kg Kaffee über die Grenze geschickt, während die Erwachsenen in der Nähe blieben. Die Kinder sollten schweigen, dann durften sie wieder gehen. Wenn sie jedoch öfter als drei Mal erwischt wurden, drohte die Fürsorge. Also kam dann das nächste Kind dran…. Nach einigen Jahren übernahmen bewaffnete Banden aus anderen Gegenden den Kaffeeschmuggel, bis es 1953 durch die Aufhebung der Kaffeesteuer nicht mehr lukrativ war.

Nach dem Tod der Mutter schließt sich die mittlerweile 14-jährige Henni den Schmugglern an, um zu verhindern, dass sie und die Geschwister ins Kinderheim müssen. Der Vater würde gerne dem Vorschlag des Pfarrers folgen, gegen den Willen der Kinder.

Im Anschluss an diesen Abschnitt wurde Mechtild Borrmann eine Flasche Roßdorfer Wein überreicht und die Zuschauer bekamen den Rat, sich das Buch zu kaufen und signieren zu lassen, falls sie wissen wollen, wie es mit den Figuren und der Geschichte weitergeht.

Damit endete die Veranstaltung und die Zuhörer gingen zum Büchertisch unten im Gebäude oder direkt nach Hause.

Zum Glück stellte vor und nach dem Signieren ein engagierter Zuhörer Mechtild Borrmann noch einige Fragen, und ich schloss mich ihm an.

Mechtild Borrmann kaufte auf einem Trödelmarkt ein altes Fotoalbum, weil sie nicht ertragen konnte, dass jemand praktisch seine Familiengeschichte/erinnerungen hergibt. In dem Album waren zahlreiche gestellte Porträts, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 70er Jahre reichten. Außerdem waren einige Gruppenfotos von Kindern dabei, die sie zunächst für Klassenbilder bzw. Schulfotos hielt. Auf dem Rücken eines Bildes stand „Kinderheim 1950“ und da sie im pädagogischen Bereich arbeitet, sei ihr klar gewesen, dass dies keine gute Zeit für Kinder im Heim war. Auf einigen der Porträts waren Schriftzüge der Fotostudios und so fand sie heraus, dass die Bilder aus der Eifel stammten.

In der Eifel habe sie dann wilde Schmugglergeschichten gehört, sowie Selbsthilfegruppen von ehemaligen Heimkindern besucht. Ulrike Meinhofs Bambule sei 1968 das erste Werk gewesen, das sich mit dem Schicksal der Heimkinder in den 1950/60er Jahren beschäftigt habe.

Ab 1970 habe es erste Anhörungen gegeben, aber die Justiz und Öffentlichkeit hätten den Berichten kaum Glauben geschenkt, es eher als Pflichtübung absolviert. Einflussreiche Respektspersonen aus der Kirche würden so etwas nicht tun – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

In der Eifel habe es damals ganze Dörfer gegeben, die Kaffee schmuggelten und viele Menschen hätten ihr von eigenen Erlebnissen oder denen ihrer Verwandten erzählt. Ein Marsch mit Kaffee über die Grenze brachte mehr Geld ein als der Wochenlohn der meisten Erwachsenen. Die Menschen hätten viele ungewöhnliche Möglichkeiten genutzt. So sei die Vennbahn nach dem Krieg Belgien zugesprochen worden, auch der Teil der Strecke auf deutschem Gebiet bis Aachen. So galten die Gleise als belgisches Staatsgebiet, alles außenherum war deutsch. Das Gebäude einer Gastwirtschaft lag in Deutschland, der Biergarten hinter dem Haus in Belgien…

Ihre Bücher plane sie gerne ganz genau mit Karteikarten an einer Korkwand. Bis zum fünften Kapitel würde sie sich an das Geplante halten und dann eine ganz andere Geschichte schreiben. Eine Freundin mache sich darüber lustig, aber sie brauche wohl das Gefühl, zu wissen, was sie tue.

Sie sei noch auf der Suche nach einem Thema für ihr nächstes Buch, hat aber schon eine Idee. Es würde vermutlich in der DDR beginnen. Mehr würde sie noch nicht verraten.

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Lesung Adriana Altaras, 12.10.2018, Ratskeller Frankfurt

©Kiepenheuer&Witsch

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Zu Beginn wurde Adriana Altaras kurz vorgestellt, sowie der Inhalt ihres neusten Buchs Die jüdische Souffleuse. Bekannt als Theaterregisseurin, Schauspielerin und Autorin, unter anderem von Titos Brille.

Schauplatz ist ein Theater, im Mittelpunkt stehen eine Regisseurin namens Adriana Altaras und eine Souffleuse namens Sissele. Auch wenn die Regisseurin ihren eigenen Namen trage, sei es kein autobiographisches Buch. Mit viel Humor erzählt sie von Sisseles Plan, Jahrzehnte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs doch noch irgendwie ihre verschollene Verwandtschaft zu finden.

Adriana Altaras las das erste Kapitel und einen Abschnitt, in dem ihre mehr oder minder fiktive Regisseurin kurzfristig für die verhinderte Souffleuse einspringen muss – zum allerersten Mal Souffleuse ist und ausgerechnet in einer Aufführung, bei der sie selbst die Regie führt.

Das Theater sei der perfekte Schauplatz für diese Geschichte. Ihre Hauptfigur wundert sich, wer alles Unterschlupf am Theater finde. Vor allem am Chor, sogar ohne Deutsch zu können. Das sei doch ein Vorbild für die AfD. Ups, sie habe nichts gesagt.

Humor spiele in ihren Büchern eine große Rolle, denn Humor mache vieles erträglicher und schaffe manchmal auch eine gewisse Distanz. Wenn man das Leben immer ernst nähme, könne man es nicht ertragen. Durch den Humor könne sie sich oft distanzieren.

Genauso typisch für ihre Bücher ist es, dass es auch um den Holocaust, die Shoah gehe. In diesem Roman möge sie die Figur des Sissele besonders und ihre klaren Worte, ihre Chance auf eine ganz besondere Reise. Vor sieben Jahre habe sie zum 9. November eine Rede in der Paulskirche gehalten und vermutlich wäre Sissele in dieser Rede weiter als sie selbst gegangen.

Es folgte eine Lesung von zwei Abschnitten, in denen es um Kontakt zu Sisseles Vater geht und wie der Besuch verläuft. Der Vater ist Überlebender eines Sonderkommandos und hat seine Familie stark geprägt.

©ottifanta

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Ihre Lektorin habe Einiges sehr hart gefunden und abmildern wollen. So auf Seite 38, doch nach Adriana Altaras Ansicht gibt es Bücher über das Sonderkommando, die man nicht ertragen könne. Sie habe sich bemüht, es so zu schreiben, dass man das Lesen ertragen könne. Auch die Gewalt, die er auf seine Tochter ausübe. Die Erlebnisse dieser Menschen, deren eigene Worte könne sie nicht toppen.

Auf ihre Einstellung zur AfD und Neonazis angesprochen, erwiderte Adriana Altaras, dass sie bei Neonazis widerständig werde und nur kurz anmerken wolle, dass sie die AfD zum Kotzen fände und die Juden in der AfD das Letzte für sie seien.

Ihre Meinung nach bekomme die AfD zu viel Aufmerksamkeit. Auf der Buchmesse sei die Halle 4 heute zeitweise wegen Björn Höcke gesperrt gewesen. Über ihn und diese Partei werde überall gesprochen. Ein Frauenhaus in Freiburg habe einen Preis bekommen, aber über diese positiven Dinge spreche niemand. Warum? Man müsse mehr über die positiven Dinge sprechen.

Als sie Braunschweig „Elektra“ inszenierte, sei sie in der Zeitung als die „profilierteste Repräsentantin der jüdischen Kultur“ in Deutschland“ bezeichnet worden. Sie sehe sich, Eva Menasse, Maxim Biller und einige Andere manchmal als Berufsjuden, die durch die Talkshows wandern. Mit einem ironischen Lächeln merkte sie an, dass sie selbst gleich mehrere Punkte abdecke, Frau, Jüdin, Migrantin.

In den Talkshows könne sie keine Lösung gegen den zunehmenden Antisemitismus anbieten. Gerne würde sie bei einer Talkshow mit Mesut Özil über Heimat sprechen, über das was ihm im Sommer passiert sei. Die Zweistaatlichkeit habe sich bei ihm so manifestiert. In einem gewissen Maße glaube sie ihm, so wie sie immer irgendwie als verantwortlich für die israelische Politik sei, obwohl sie selbst nichts von Netanjahu halte.

Heimat sei dort, wo man Zuhause sei – aber was repräsentiere man wo, sei für sie ein interessanter Gedanke. Als Bürger zweier Staaten sei Mesut Özil für sie ein interessanter Fall, aber es stelle sich auch die Frage, ab wann man ein Thema ausreize. Generell glaube sie, dass die Gesellschaft schon weiter sei, aber der Fußball noch nicht. Auch z.B. in Frankreich hätten Sportler von ähnliche Erlebnissen bzw. Gefühlen berichtet.

Auf die Frage, wie man mit Rechten reden könne, antworte Adriana Altaras, dass es schwierig sei. Wie bei einem Wasserglas, in das ein wenig Tinte komme. Die Tinte sehe man immer. Wenn aber umgekehrt ein wenig klares Wasser in ein Glas voller Tinte komme, sehe man kaum einen Unterschied. Sie bewundere Angela Merkel, wie sie das Alles durchziehe, vor allem in Anbetracht der anderen Partei, die sie an der Backe habe.

Dann las Adriana Altaras ein weiteres Kapitel, in dem eine Bewerberin am Theater einen Monolog von Antigone vorträgt.

Das Foto auf dem Buch sei auf einer Anhalterreise durch Chile entstanden und sie empfinde es als passend zu der Geschichte von Sissele.

Praktisch alle Figuren hätten reale Vorbilder, aber einiger Namen habe sie „wegen der Anwälte“ geändert.

In der nächsten Zeit sei sie eher am Theater aktiv, plane jedoch auch, ein weiteres Buch zu schreiben. Aktuell habe sie sich um ein Stipendium für die USA beworben. Sie schreibe überall, wenn es passe. In einem Zirkuswagen in Berlin, im Bett oder Zug und auch als sie durch Island reiste. Dort habe die Temperatur bei 11 Grad gelegen und trotz der heißen Quellen sei es ihr zu kalt gewesen. Während ihrer sechs Wochen dort habe sie niemanden kennengelernt und so viel Zeit zum Schreiben in diesem wunderschönen Land gehabt.

Derzeit beschäftige sie sich damit, wie ein Künstler in Würde altere. Es gebe keine schönere Leidenschaft als die für das Theater. Sie stelle sich die Frage, ab wann sie peinlich werde, wie ein alter Intendant, der nicht abdanke. Ihre Kinder und das Publikum seien vermutlich kein Seismograph dafür, denn ihre Kinder fänden sie seit knapp 50 Jahren peinlich und das Publikum gehe auch zu Mario Barth.

Die Moderatorin bedankte sich ausführlich dafür, dass Adriana Altaras sich die Zeit für diese Veranstaltung nahm, obwohl sie am folgenden Tag eine Premiere am Theater habe und wünschte viel Glück. Adriana Altaras beschrieb das Chaos und die Anspannung vor der Premiere, aber das gehöre dazu.

Viel zu schnell war eine interessante und oft humorvolle Stunde vorbei. Im Anschluss nahm sie sich viel Zeit beim Signieren.

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Lesung Philipp Schwenke, 14.10.2018, Zeche Zollverein Essen

©Kiepenheuer&Witsch

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Die Geschichte von Karl Mays Orientreise 1899 beruht dabei auf Tatsachen. Und auf alternativen Tatsachen. Und auf Tatsachen, die auf jeden Fall wahrer sind als alles, was Karl May selbst je behauptet hat.

Nachdem Philipp Schwenke ein Jahr zuvor an gleicher Stelle eine Lesung mit Nick Hornby moderiert hatte, saß er dieses Mal auf der Autorenseite – dort müsse man sich nicht so vorbereiten, müsse er sich keine Fragen ausdenken.

Auf der Suche nach einem Thema, bei dem man den Boden der Tatsachen verlassen könne, sei er auf Karl May gekommen. Statt Lügenpresse würde ein Journalist dann Prosa schreiben. Sein Vater sei ein großer Karl May Fan und als Kind sei er oft in Bad Segeberg gewesen, habe Pierre Brice dort mehrfach gesehen. Als Erwachsener habe er das alles aus den Augen verloren und sich erst nach dem Tod von Pierre Brice wieder damit beschäftigt. Karl May sei bereits 1912 gestorben und in den letzten zehn Jahres seines Lebens sei er sehr aktiv gewesen. Zwar habe er lange vermittelt, er selbst sei Old Shatterhand, sei jedoch tatsächlich erst mit 57 Jahren das erste Mal in den Orient gefahren, bewaffnet mit einem Badeker Reiseführer. Diese Reise sei eine totale Enttäuschung gewesen.

Das Arbeitszimmer von Karl May war vollgestopft von Erinnerungstücken an seine (angeblichen) Reisen. Ein ausgestopfter Löwe, Möbel aus aller Welt und der Henrystutzen. Damals hätte man ihm seine Geschichten geglaubt, obwohl er nur 1,66m groß war und keine breiten Schultern hatte. Philipp Schwenke sieht sich selbst als Karl May Fan, aber als noch größerer Fan der Cohen Brüder und es gebe nichts tragischeres und Komischeres als Männer, die sich selbst überschätzen.

Bis vor kurzem habe er so gut wie nichts über die Reisen von Karl May gewusst, sei sich aber sicher gewesen, dass es sich um einen großartigen Fall von Selbstüberschätzung handele. Karl May habe eine sehr komplexe Persönlichkeit gehabt, sei aus ärmlichen Verhältnissen gekommen und die Erwartungen an den einzigen Sohn seien erdrückend gewesen. Nachdem er auf die schiefe Bahn geriet, psychische Krankheiten und das Gefängnis hinter sich gelassen hatte, baute er sich später eine bürgerliche Existenz auf und wurde der beliebtestes Autor des Kaiserreichs. Seine Beliebtheit habe sogar noch angehalten, nachdem seine Lügen aufflogen.

Dann las Devid Striesow mit sichtlichem und hörbarem Vergnügen eine Passage vom Anfang der Schiffsreise, die in Genua begann. Karl May trifft beim Abendessen auf Leser und einen Zweifler… der Beweise fordert, dass Karl May tatsächlich 800 Sprachen kann. Mit viel Hingabe und Gestik deklamierte Devid Striesow das fiktive chinesische Gedicht – bis er und das Publikum sich die Lachtränen aus den Augen wischen mussten.

Philipp Schwenke entschuldigte sich bei Devid Striesow, denn beim Schreiben habe er nichts von einem Hörbuch geahnt und nicht nur Passagen in fiktivem Chinesisch einflochten, sondern auch noch zum Beispiel Georgisch, einer Sprache, die scheinbar alle Konsonanten der Welt aneinanderreihe.

Zu Karl Mays Lebzeiten sei viel weniger über den Rest der Welt bekannt gewesen. Es habe keine Auslandskorrespondenten und nur wenige Auswanderer gegeben. Die Geschwindigkeit von Informationen sei nicht so schnell wie heute und auch heute würden Menschen noch auf Hochstapler hereinfallen. Es erstaune ihn immer wieder, wie lange Hochstapler heutzutage noch durchkämen. Allerdings gebe es auch bessere Möglichkeiten für weitreichenden Betrug. Es reiche eine gut aussehende Webseite, damit man alle Ersparnisse von jemandem bekomme, dessen Wunschdenken stärker sei als Zweifel an den versprochenen 10% Rendite.

Karl May habe einen tiefliegenden Wunsch des Kaiserreichs bedient. Deutschland sei damals eine junge Nation gewesen und politisch kaum von Wert. Ein unbesiegbarer Held, vor dem alle Achtung hatten, kam da gerade recht. Old Shatterhand sei das Ideal vieler gewesen, attraktiv mit immensem Moralbewußtsein, christlich orientiert und jemand, der seine Feinde nur verurteilte, jedoch nie tötete.

Auf seiner Orientreise habe Karl May zwei Nervenzusammenbrüche erlitten, nicht zuletzt, weil er feststellen musste, dass er nicht Old Shatterhand sei.

Philipp Schwenke arbeitete fünf Jahre an dem Roman. Karl May sei ein Narzisst gewesen. Heute wäre er bei Facebook und Instagram sehr aktiv, wo wir uns alle viel spektakulärer darstellen würden. Im November 2016 sei dann jemand in das Weiße Haus gezogen, der bizarre Ähnlichkeit zu Karl May habe. Beide hätten ein schwarzes Loch in ihrer Seele, das sie durch Aufmerksamkeit Anderer füllen würden, die sie durch Flunkereien erringen. Beim Schreiben von „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ habe er immer gedacht, dass Karl May seine Lügen doch nicht selbst geglaubt haben könne. Aber dann sei Donald Trump gekommen und seine Geschichte über die Anwesenden bei seiner Amtseinführung – trotz klarer Fotobeweise. Beide hätten auf ihren Versionen und Urteilsfähigkeit gepocht.

Während Karl May in Kairo vielleicht noch nicht einmal das Schiff verlassen habe, sei für Devid Striesow im Tonstudio extra eine authentische Atmosphäre geschaffen worden. Wüstenartige Hitze ohne Klimaanlage und trotzdem habe er den Roman wunderbar eingelesen.

Es folgte eine Textpassage, auf der Karl May sich durch das Gewusel eines Bazars in Kairo wühlt.

Als Kind habe er die Werke Karl Mays anders gelesen als heute, wo er um die Stärken und Schwächen wisse. Seine Gefühle seien komplexer als schlichtes Fantum (sic), denn beim Schreiben des Romans habe er ihn manchmal in den Arm nehmen wollen und manchmal schütteln. Er sei nach wie vor ein Fan dessen, was in den 1960ern aus Karl Mays Büchern wurde, insbesondere der Europa Hörspiele, auch wenn er heute deutlich höre, dass der Häuptling der Kiowa aus dem Rheinland gekommen sei.

Eigentlich habe er sich vorgenommen, während des Schreibens die kompletten Werke Karl Mays zu lesen, habe es jedoch nur bis zur Hälfte geschafft. Dafür habe er sehr viel über Karl May gelesen und insbesondere seine Romane über den Orient und sein Alterswerk. „Frieden auf Erden“ sei leider eines der schlechtesten Bücher, die Philipp Schwenk je gelesen habe. Biographisch sei es interessant, weil man deutlich die Sehnsucht nach Anerkennung herauslesen könne.

Er bedankte sich ausführlich bei der Karl May Gesellschaft und habe auf dem Grabstein Karl Mays zwei Indianerfedern abgelegt. Gleichzeitig könne er Alle verstehen, die seinen Roman als Ketzerei empfänden. Es sei ein Reiseroman, aber auch ein Eheroman. Während Karl May im Orient unterwegs war, bezichtigten ihn in Deutschland die ersten Zeitungen der Lüge und Pornografie.

Der Moderator merkte an, dass es abertausende Seiten an Sekundärliteratur über Karl May gebe, aber Philipp Schwenke sei der erste, der Karl May ins Schlafzimmer gezerrt habe. (Diese Passage wurde zur großen Belustigung aller Anwesenden vorgelesen.)

Am Ende seines Lebens habe Karl May eine Art Abrechnung mit seiner Frau geschrieben. Auf diesem Text mit dem Titel „Emma Pollmer, eine psychologische Studie“ beruhe diese Szene. Karl May habe von der Perversion seiner Frau gesprochen, die sich wie ein Mann verhalte.

Zum Abschluss wurde der Kauf des Buchs und Hörbuchs empfohlen, sowohl der Autor als auch Sprecher nahmen sich Zeit zum Signieren und für weitere Fragen, während des äußerst gut gelaunte Publikum nach und nach den Saal verließ.

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Hörprobe 15 Minuten bei Youtube *klick*

Hörproben bei roofmusic audible

Das Hörbuch hat 20:15 Stunden, das Buch 608 Seiten.

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Anna Burns – Milkman

©Faber & Faber

©Faber & Faber

ungekürzte Lesung

Sprecherin: Brid Brennan

14:11 Stunden

Hörprobe bei audible *klick*

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Interview mit Anna Burns *klick*

Zum Inhalt

In einer Stadt ohne Namen irgendwo in Nordirland kann das Leben sehr schnell sehr gefährlich sein. Die junge namenlose Ich-Erzählerin, mittlere Schwester, hat einen Vielleicht-Freund (maybe-boyfriend), steht unter Druck der Mutter jemanden von der richtigen Straßenseite zu heiraten und eine ordentliches Leben zu führen.

Eines Tages begegnet sie dem Milchmann, von dem sie sich zunehmend verfolgt und unter Druck gesetzt fühlt. Als ihr “erster Schwager” (first brother-in-law) die beiden zusammen sieht, kommen Gerüchte auf. Dabei hat sie immer alles getan, um unauffällig und uninteressant zu sein.

Es geht um Klatsch, Tratsch, Intrigen und wie schnell man vermeintlich auf der falschen Seite stehen kann.

Zur Autorin (von Wikipedia)

Anna Burns wurde 1962 in Belfast geboren und wuchs in dem überwiegend katholisch und irisch-nationalistisch geprägten Ardoyne-Distrikt, einem Arbeiterviertel im Norden der nordirischen Hauptstadt, auf Ihre dortigen Erfahrungen flossen in ihren 2001 erschienenen ersten Roman No Bones ein, der das Aufwachsen eines Mädchens in Belfast während der „Troubles“ zum Thema hat. 1987 zog Burns nach London, um die Universität zu besuchen. Mit Mitte 30 begann sie zu schreiben Burns lebt in Notting Hill (London) bzw. im südenglischen East Sussex. Burns’ dritter, 2014 geschriebener Roman Milkman wurde 2018 nach einmütigem Votum der Jury mit dem 50. Man Booker Preis ausgezeichnet, womit der Preis erstmals in seiner Geschichte an einen Autor ging, der aus Nordirland stammt.

Zur Sprecherin (von Wikipedia)

Briod Brennan debütierte als Schauspielerin in Dublin, wo sie am Abbey Theatre und am Gate Theatre auftrat. Ihre erste Filmrolle spielte sie an der Seite von Nigel Terry und Helen Mirren im Fantasyfilm Excalibur aus dem Jahr 1981. Im irischen Filmdrama Anne Devlin (1984) übernahm sie die Titelrolle.

Brennan spielte in den Jahren 1991 und 1992 im Theaterstück Lughnasa – Zeit des Tanzes von Brian Friel. Für diese Rolle erhielt sie im Jahr 1992 den Tony Award. In der Verfilmung des Theaterstücks Tanz in die Freiheit (1998) spielte sie neben Meryl Streep und gewann im Jahr 1999 für diese Rolle den Irish Film and Television Award. Die Rolle im Theaterstück The Little Foxes, welches im Londoner Theater Donmar Warehouse aufgeführt wurde, brachte ihr im Jahr 2002 eine Nominierung für den Laurence Olivier Award.

Meine Meinung

At this time, in this place, when it came to the political problems, which included bombs and guns and death and maiming, ordinary people said ‘their side did it’ or ‘our side did it’, or ‘their religion did it’ or ‘our religion did it’ or ‘they did it’ or ‘we did it’, when what was really meant was ‘defenders-of-the-state did it’ or ‘renouncers-of-the-state did it’ or ‘the state did it’.

Zu dieser Zeit, an diesem Ort, wenn es um politische Probleme ging, zu denen auch Bomben und Gewehre und Tod und Verstümmelung gehörten, sagten gewöhnliche Leute „ihre Seite war‘s“ oder „unsere Seite war’s“, oder „ihre Religion war’s“ oder „unsere Religion war’s“ oder „sie waren’s“ oder „wir waren’s“, während sie wirklich meinten „die Verteidiger des Staats waren‘s“ oder „die Staatabkehrer waren’s“.

Anna Burns wurde für ihren Erstling „Milkman“ mit dem Man Booker Preis ausgezeichnet, nicht nur zu ihrer eigenen Überraschung. Der Roman spielt Ende der 1970er Jahre in Nordirland, während des Nordirlandkonflikts der auf Englisch im schönsten Understatement „The Troubles“ genannt wird. Angesichts der aktuellen Situation in Großbritannien könnte es auch ein deutliches Zeichen an die britische Regierung sein, genau zu überlegen, ob bzw. wie ein Brexit an der irischen Grenze gestaltet werden sollte.

Eine achtzehnjährige Ich-Erzählerin, die in Schachtelsätze und authentisch wirkender Umgangssprache aus ihrem Leben erzählt, Figuren* und Orte ohne Namen, machen den Einstieg in das Buch nicht leicht. Nach wenigen Kapiteln zog mich „Milkman“ in seinen Bann, vermutlich in einen Arbeitervorort von Belfast, den sie selbst so beschreibt:

All this made sense within the context of our intricately coiled, overly secretive, hyper-gossipy, puritanical yet indecent, totalitarian district.

(All das war logisch innerhalb unserer engen, allzu verschlossenen/geheimniskrämerischen, hyper-tratschenden, sowohl puritanischen als auch unanständigen, totalitären Bezirks.)

Sie ist eher eine Außenseiterin, die sich am liebsten aus allem heraushalten würde. So liest sie gerne Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die überhaupt nichts mit ihrer aktuellen Lebenssituation zu tun haben, gerne auch wenn sie zu Fuß unterwegs nach Hause oder zur Arbeit ist. Doch auch das macht sie zur Zielscheibe.

‘Hold on a minute,’ I said. ‘Are you saying it’s okay for him to go around with Semtex but not okay for me to read Jane Eyre in public?’ (“Warte mal”, sagte ich. “Hast Du gerade gesagt, dass es in Ordnung ist, wenn er mit Semtex herumläuft, aber nicht in Ordnung, wenn ich in der Öffentlichkeit Jane Eyre lese?“)

Anna Burns zeigt die innersten Gedanken und Gefühle der 18-Jährigen und gab mir so einen Einblick in eine – zum Glück – völlig fremdes Leben. Alles, aber wirklich alles konnte damals zu Problemen führen. Welches Programm man im Fernstehen schaute, welche Namen das Neugeborene bekommt, welche Musik man hört und ob man mit Kollegen spricht, die „von der anderen Seite“ sind. Schnell wird klar, dass Vieles nicht beim Namen genannt werden durfte und so spricht die Hauptfigur auch nicht von IRA (Renouncers=Abschwörer/Verleugner) und der britischen Regierung bzw. deren Anhängern, sondern umschreibt alles. Steht man selbst zum Land „auf der anderen Seite der Grenze“ oder zu jenem „auf der anderen Seite des Wassers“?

Alles scheint noch erträglich, bis ein hochrangiges Mitglied der „Renouncers“ anfängt, die 18-Jährige zu stalken, wie man es heute nennen würde. Schnell machen Gerüchte die Runde, dass sie mit dem 41-jährigen und verheirateten Mann eine Affäre habe, gegen die sie sich so wenig zu wehren weiß, wie gegen „Milkman“ selbst. Sie droht innerhalb ihrer Wohngegend zu Geächteten zu werden. Wem kann man in so einer Umgebung vertrauen – ohne sich selbst oder die andere Person zu gefährden?

„Milkman“ gehört zu jenen, die auch in ihrem eigenen Bezirk Angst und Schrecken verbreiten, die die Spirale der Gewalt immer enger werden lassen. Anna Burns zeigt sehr anschaulich, welche Auswirkung das Leben in einem solchen Vorort auf eine heranwachsende junge Frau haben konnte, die zusätzlich noch von “Milkman” unter immer größeren Druck gesetzt wird.

Es werden nicht die großen Terroranschläge geschildert, die spektakulären Ereignisse jener Zeit, sondern das alltägliche Leben in Angst. Angst vor den eigenen Leuten und vor der anderen Seite, Angst davor Anders und damit auffällig zu sein und auch Angst, dazuzugehören und deshalb zu sterben. Während erwartet wurde, dass mindestens der älteste Sohn sich der IRA bzw. dem britischen Militär anschließt, sollten junge Frauen so schnell wie möglich heiraten. Eine eigene Meinung oder besondere Interessen sollten sie nach Möglichkeit nicht haben und es war scheinbar üblich, gezielt nicht die große Liebe zu heiraten. (Die Gründe dafür möchte ich hier nicht verraten.)

Eines der treffendes Zitate kann ich momentan leider nicht finden. In diesem Satz wird die Ausweglosigkeit der damaligen Gewaltspirale treffend auf den Punkt gebracht. Es sei darum gegangen, den Anderen Leid zuzufügen, weil sie der eigenen Seite Leid zugefügt hatten, Vergeltung immer und immer wieder.

Trotz der beklemmenden Lebensumstände verliert die Ich-Erzählerin nicht ihren Humor, der mich öfter als erwartet laut lachen ließ.

Die Sprecherin Brid Brennan ließ mich mit der 18-Jährigen selbst zuhören, in ihrer schnoddrigen, einfachen Sprache und machte „Milkman“ so zu einem noch intensiveren Erlebnis.

Fazit

Milkman ist ein sperriges Buch, teilweise ein Psychothriller, dessen besonderer Schrecken für mich darin liegt, dass es hier um das wirkliche Leben in Nordirland vor wenigen Jahrzehnten geht und es nicht eine düstere Dystopie ist. Ein Leben auf dem Drahtseil, umgeben von selbsternannten und strengen Sittenwächtern. Als Hörbuch wirkte es dank Brid Brennans perfekt passendem Vortrag noch intensiver. Hoffentlich wird es bald übersetzt und auch hier viele Leser finden.

*longest friend, maybe-boyfriend, wee sisters, Somebody McSomebody usw.

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Lesung Dörte Hansen, 12.10.2018, Römerhalle Frankfurt

Mittagsstunde von Doerte Hansen ©Penguin

Mittagsstunde von Doerte Hansen
©Penguin

Zu Beginn wurde Dörte Hansen in der bis auf den letzten Platz besetzten Römerhalle kurz vorgestellt und ihr erster Roman Altes Land, der über Leserempfehlungen zum Bestseller geworden sei, nicht über massive Werbung des Verlags. Mittagsstunde sei in gewisser Weise eine Fortsetzung, der Schauplatz ein fiktives Dorf in Norddeutschland, wo die Menschen eher wortkarg seien.

Dörte Hanse erwiderte, dass sie Norddeutsche nicht als wortkarg empfinde, eher im Gegenteil als gesprächig. Plattdeutsch hätte früher eine ganze andere Rolle gespielt, weil viele nicht so gut Hochdeutsch konnten. Dialekt zu sprechen sei verpönt gewesen und man habe schnell als ungebildet gegolten. Heute sei es umgekehrt und man werde hofiert, sobald ein Einschlag von Dialekt zu hören sei – was auch nicht so toll sei.

Zuerst wurde die Figur der Marret Feddersen vorgestellt, ziemlich genau in der Mitte zwischen verrückt und normal. In jedem Dorf habe es so jemanden gegeben. Marret gehe durchs Dorf und verkünde den Weltuntergang. “De Welt geiht ünner.” Auf dem Dorf arrangiere man sich mit solchen Menschen, auch Marret sei keine Außenseiterin.

In der vorgelesenen Passage lernten die Zuhörer nicht nur Marret kennen, sondern auch ihre Vorhersagen und die Figuren aus dem Dorf, denen sie auf einem ihrer Rundgänge begegnet.

Durch die Flurbereinigung in den 1950er und 60er Jahren sei im dörflichen Bereich eine Welt untergegangen. Kleine Felder seien zu großen zusammengelegt worden, Feldwege wurden asphaltiert, Bäche begradigt und all dies sei mit einer enormen Wucht geschehen. Damals habe man die Natur besiegen wollen, der Fortschrittglaube jener Zeit wollte alle schnell in die Moderne führen. Plötzlich konnten die Dorfkinder nicht mehr auf der Dorfstraße spielen, weil diese mehrspurig asphaltiert wurde, LKWs und PKWs durch die Dörfer rasten. Dörte Hanse hat das Gefühl, dass damals jedes Dorf ein Kind der Moderne geopfert habe.

Natürlich habe es auch einige wenige Skeptiker gegeben. Sie erzählte von einem Dorfschullehrer, der die Einebnung eines Hühnergrabhügels verhindert. Natürlich sei zuerst die Begeisterung über größere und hellere Häuser groß gewesen. Erst später habe man festgestellt, dass einmal Zerstörtes unwiederbringlich verloren war. Durch die Begradigungen, Trockenlegungen und großen Monokulturen verschwanden die Hasen, Frösche und Störche. Man sei damals über das Ziel hinausgeschossen.

Dann seien Städter gekommen, mit dem Ziel, die eine Dorfkultur wiederbeleben. Oft sehe man von außen klarer. In den 1970ern kamen Künstler von der Stadt aufs Land, auf einer nostalgischen Suche nach einem Ort, den es nicht mehr gab. Es habe viel Unverständnis zwischen Dörflern und Städtern gegeben.

Die alten Feddersens in Mittagsstunde führen auch mit Anfang 90 noch ihren Gasthof, wollen nicht aufgeben und können ihn nicht an den in der Großstadt lebenden Enkel übergeben. Das sei allzu oft so. Die Jugend ziehe weg und fühle sich gleichzeitig als Verräter. Dörte Hansen betonte, dass sie nicht werten wolle, denn sie könne auch verstehen, warum Menschen aus den Dörfern wegzogen.

Heutzutage würden sich die kleinen Höfe kaum noch tragen. Der trockene Sommer 2018 habe jedoch gerade die Besitzer großer Höfe in Angst und Schrecken versetzt, weil sie Probleme hatten genügend Futter zuzukaufen. Das sei bei den kleineren Höfen oft anders organisiert und so sei die Frage aufgekommen, ob kleinere Höfe vielleicht doch sinnvoller seien.

In der nächsten vorgelesenen Textpassage wurde Ingwer Feddersen vorgestellt, der sich als 47-Jähriger an seine Jugend im Dorf erinnert und an die Bedeutung der Mittagsstunde für die Kinder. Denn niemand könne leiser sein als Kinder, die auf dem Dorf groß geworden seien.

Dörte Hansen und Vladimir Balzer erinnerten sich beide an die Freiheiten, die Dorfkinder in der Mittagsstunde hatten – solange sie die schlafenden Erwachsenen nicht weckten. Das Dorfleben sei hart gewesen und der Mittagsschlaf für die Erwachsenen wichtig, während die Kinder die Freiheit genossen. Details wollten sie irgendwie nicht erzählen.

Bei der Namenswahl achte sie darauf, nicht die Namen all ihrer Nachbarn oder Verwandten zu nehmen. Der Name Ingwer Feddersen passe ihrer Meinung nach zu dieser Figur und sie habe niemanden mit diesem Namen gekannt. Neulich habe sie dann in einem Dorf einen Grabstein mit just diesem Namen gesehen, aber das lasse sich nie vermeiden.

Nicht alle im Dorf seien nostalgisch mit ihrer Heimat verbunden. In Mittagsstunde ist es die Bäckerstochter, die viel liest und das Dorf mit Vehemenz hasst. Eines Tages zieht sie weg und hört auch auf, Platt zu sprechen. Dörte Hansen merkte mit einem Augenzwinkern an, dass diese Figur zwar auch ein störrisches Pony habe, aber deutlich energischer als sie selbst sei.

Früher habe sie sich bei goldenen Hochzeiten gefragt, ob man fröhlich sei, noch zusammen zu sein oder weil man durchgehalten habe. Das Ehepaar in Mittagsstunde rede wenig, die Frau sei inzwischen dement und das habe ihren Charakter stark verändert.

Dörte Hansen ist Soziolinguistin und hat sich mit dem Thema Demenz und Wortschatz intensiv beschäftig. Ein gewisser Grundwortschatz bleibe immer, wobei die Älteren oft lieber Platt sprächen. In ihrer Heimat habe Plattdeutsch über einen deutlichen Imagegewinn erholt und sie habe von Anfang an konsequent mit ihrer Tochter Platt gesprochen. Für ihre Tochter sei das oft lästig gewesen, weil von Außenstehenden immer eine Reaktion gekommen sei, sobald sie miteinander Platt gesprochen hätten. Mit dem künstlichen Platt in der Schule habe ihre Tochter nichts anfange können.

Inzwischen sei ihre Tochter 16, habe kein Problem damit Platt zu sprechen und wünsche sich, dass Plattdeutsch als normal wahrgenommen werden, ohne Aufsehen zu erregen. Dörte Hansen empfindet es als eine gewisse Zweisprachigkeit, über die Menschen miteinander verbunden seien.

Mit den Dorfkneipen, Dorfschulen usw. seien oft die sozialen Treffpunkte verschwunden, doch inzwischen gebe es sehr aktive Vereine, die neue Möglichkeiten schaffen würden. So sei ihre alte Grundschule inzwischen durch den örtlichen Tischtennisverein zu einem Treffpunkt geworden. Solche Orte seien für das Dorfleben und auch das Überleben der Dialekte wichtig. Ihrem Empfinden nach ist die Talsohle für die Dörfer durchschritten, es kehre neues Leben ein, zum Teil auch weil Städter durch die hohen Mieten mit ihren Kindern weit hinaus aufs Land ziehen. Heute sei es nicht mehr so gespenstisch still wie noch vor einigen Jahren.

Es folgte eine weiter kurze Lesung. Der Dorflehrer in Mittagsstunde hadere mit den neuen Kindern an seiner Schule, die durch den Zuzug von Städtern kamen. Er steht kurz vor der Rente und glaubt weder an Chancengleichheit noch an gewaltfreie Erziehung. Karl Fidel Baumann aus Berlin hat ihm da gerade noch gefehlt…

Dörte Hansen schilderte, dass es wirklich sehr hart sei, nach einem unerwarteten Erfolg wie Altes Land dann den zweiten Roman zu schreiben. Über einige Rückmeldungen, dass man dem zweiten Roman diesen Kampf nicht anmerke, habe sie sich sehr gefreut. Diese von anderen empfundene Leichtigkeit sei hart erkämpft.

Beim ersten Roman sei die Frage gewesen, warum schreibst Du. Beim zweiten Roman hingegen sei zuerst die Frage gewesen, warum schreibst Du nicht. Die Geschichte habe sie gesucht, nicht umgekehrt. Über das Landleben zu schreiben sei irgendwie von selbst gekommen. Sie selbst habe sich gefragt, wie sich die Welt seit den 1960ern verändert habe, was damals gut gewesen sei und bei was sei es gut, dass es verschwand. Zum Glück habe sie eine gute Freundin und ihre Familie als kritische Erstleser, sowie ihre Lektorin. Ihre Familie wolle schließlich wissen, was sie so lange in der Dachkammer mache.

Dann wurde die lebendige und humorvolle Veranstaltung etwas früher als geplant beendet, damit noch genügend Zeit zum Signieren sei. (Unter anderem wurde ein Hörbuch signiert.)

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