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Lesung Karl Ove Knausgard, 23.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Das neuste Buch von Karl-Ove Knausgard Im Herbst entstand aus der Idee seiner noch ungeborenen Tochter Briefe über das Leben zu schreiben, das sie erwartet und darüber, was sein Leben in dieser Welt so lebenswert mache. So erzählt er seinem vierten Kind über ihre zukünftige Familie, das Haus und den Garten.

Dann fasste er den Entschluss, jeden Monat ungefähr 20 Essays zu schreiben, für den ersten Band einer Reihe von insgesamt vier Büchern. Das erste Essay war eine Auftragsarbeit einer amerikanischen Zeitschrift. Gleichzeitig arbeitete er an dem Tagebuch für seine Tochter, das ungefähr 150 Seiten umfassen sollte und ein Geschenk zu ihrem 18. Geburtstag werden. Beides zusammen kann man in Im Herbst lesen.

Als er jünger war, entdeckte er eine norwegische Übersetzung von Gedichten, die France Ponge verfasst hatte. Karl-Ove Knausgard war bis dahin eher Romane gewöhnt und es faszinierte ihn, wie unterschiedlich die Ausdrucksmöglichkeiten von Romanen und Gedichten sein können. Auf maximal zwei Seiten könne er Dinge ganz anders ausdrücken und auch ganz andere Dinge zum Ausdruck bringen als in einem langen Roman.
Ähnliches wollte er in den Essays versuchen und setzte sich eine Begrenzung von zwei Seiten pro Thema. Einige seien zwar etwas länger geworden, aber in der Regel sei er mit zwei Seiten ausgekommen. Jeden Morgen habe er sich ein Thema ausgedacht und einmal ausgewählt, durfte es nicht mehr geändert werden. Am einfachsten sei es gewesen, über die unscheinbaren, einfachen Dinge zu schreiben. Komplexere Themen wie Liebe seien viel schwieriger. Irgendwann kam er an den Punkt, an dem er seinen Verleger um Themenvorschläge bat.

Bei seinen vorherigen Büchern habe er stets in sich hineingeschaut. Jetzt änderte sich die Richtung, er schaute nach außen und ließ die Welt hinein. Er liebt Lexika, in der Welt in kleinen Abschnitten erklärt wird, aber stellt schnell fest, dass keine Beschreibung wirklich objektiv sein könne. Knausgards Ziel war, Dinge die wir kennen aus einem etwas anderen Blickwinkel zu beschreiben und verglich seine Essays mit Edvard Munchs Bildern eines Kastanienbaums. Dessen Werke seien ihm sehr vertraut und er war vor vielen Jahren Kurator einer Munch-Ausstellung in Oslo.

Munch habe auf seinen ersten Bildern immer in sich hineingeschaut, viel von sich preisgegeben. Nachdem er in einer psychiatrischen Klinik war, habe er auf seine Umwelt geschaut, nach außen. Das könne man deutlich bei seinen Bildern sehen. Vorher habe er sein Innenleben gezeigt, später nicht mehr. Er habe wie besessen gemalt, egal ob es ein Meisterwerk wurde oder nicht. Bei van Gogh sei es genau umgekehrt gewesen. Er habe mit schrecklichen Bildern begonnen, viel gelernt und sei brillant geworden.

Karl Ove Knausgard

Karl Ove Knausgard beim Signieren Foto CK

In seinem neuen Buch ginge es nicht um Beziehungen oder Menschen, sondern um die Welt wie sie sei. So hätten ihn zum Beispiel Adern fasziniert, die wie Flüsse in uns seien. Obwohl er kein traditionell religiöser Mensch sei, habe er Spiritualismus in der Natur entdeckt, wie zum Bespiel in der Landung eines Adlers. Voller Leidenschaft wollte er das intensivgrüne Gras beschreiben und stellte fest, dass es so gut wie unmöglich sei.

Auch das menschliche Gehirn könne man nicht begreifen. Es sei vermutlich die komplexeste Struktur im Universum und als er bei einer Gehirn-OP anwesend sein durfte, habe es auf ihn zuerst fast wie ein kleines Tier gewirkt. Dann habe er entdeckt, dass es wie ein eigenes Universum sei, mit Tälern und Flüssen. Auch wenn einige der ausgesuchten Themen unangenehm seien, habe er mit der gleichen Gewissenhaftigkeit über sie geschrieben wie über Autos oder das Gehirn. Er wollte über die Gesellschaft schreiben, über Scham und Identität.

Zum Schreiben stand er sehr früh auf, in der Regel um 03:30, dass er fertig mit dem Schreiben war, bis seine Familie wach war.

Warum gebe es Kunst und warum sei diese uns wichtig. Er beneide Maler, denn sie benötigen keine Worte, um ihren Gefühlen oder ihrer Botschaft Ausdruck zu verleihen.

Für seine früheren Bücher habe er nicht recherchiert. Bei Im Herbst habe er immer zuerst im Internet geschaut, welche Informationen zu dem gewählten Wort angezeigt wurden. Vor allem über die naturwissenschaftlichen Themen habe er viel gelesen.

Es sei ihm sehr wichtig, ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen oder zu verschweigen. Alles aufschreiben und auch veröffentlichen zu können sei wichtiger als die Privatsphäre andere Menschen. Sicherlich sei es schwierig zu entscheiden, wo eine Grenze gezogen werden solle. Aber er sei überzeugt, dass so gut wie alles erlaubt sein solle.

Umso ehrlicher man selbst sei, umso schwieriger sei es für die andere Person und natürlich gebe es viele verschiedene Möglichkeiten etwas zu betrachten. Aber wenn er z.B. über seinen Vater schreibe und sein Leben mit seinem Vater, warum sollte ihn jemand davon abhalten dürfen. Bekannt wurde er durch seine autobiographischen Bücher, die in Norwegen den Titel “Min Kamp” tragen.

Er sei wiederholt als frauenfeindlicher Autor bezeichnet worden, weil in seinen Büchern fast nur Männer vorkämen. Für ihn sei es kein Wettbewerb, dass bei fünf Männern automatisch auch fünf Frauen im Buch vorkommen müssten. Anderseits sei ihm auch schon vorgeworfen worden, er schreibe wie eine Frau – woran man so etwas überhaupt festmachen könne.

Sein letztes Buch Im Sommer habe er aus der Perspektive einer Frau schreiben wollen und sei überzeugt, dass er vom ersten Satz an diese Frau war. Genau dies mache das Schreiben und Literatur zu etwas Besonderem.

Zum Abschluss las er den Essay über eine Toilettenschüssel.

Damit endete eine etwas skurrile Veranstaltung mit einem Autor, dessen neustes Buch ich eher nicht lesen werde.

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Lesung Elif Shafak, 17.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Auf diese Lesung hatte ich mich lange gefreut, weil Der Geruch des Paradieses (engl. Three Daughters of Eve), das neuste Buch von Elif Shafak, zu meinen Lesehighlights 2017 gehört. (Rezension des Users Beowulf im Forum Büchereule)

Elif Shafak wollte nicht als türkische Autorin vorgestellt werden. Ihrer Meinung nach ist nicht wichtig, die Nationalität oder das Geschlecht zu nennen. In der folgenden Stunde wurde klar, dass es ihr um die Vermeidung von Kategorien geht, um Verbindendes statt Trennendem.

In „Der Geruch des Paradieses“ wird Peri, Mitte 30, in Istanbul auf dem Weg zu einer Party ausgeraubt. In ihrer Handtasche befand sich ein 16 Jahre altes Foto, das sie gemeinsam mit ihren beiden damaligen besten Freundinnen zeigt. Elif Shafak beginnt ihre Bücher gerne mit Bildern. Nach und nach erfahren die Leser mehr über die Beziehungen der Freundinnen untereinander, über das heutige und frühere Leben von Peri. (Über den Inhalt möchte ich hier nicht allzu viel verraten. Augenzwinkern )

2016 habe es in der Türkei 35 Terrorattacken gegeben, die Lebensbedingungen veränderten sich sehr schnell. Die gesamte Handlung des Buchs finde während einer Dinner Party in Istanbul statt, unterbrochen von Rückblicken, meist in Peris Kindheit und Studienzeit. Die Beschreibung der Party sei ihr fast wie beißende politische Satire vorgekommen und „Das letzte Abendessen der türkischen Bourgeoise“ sei ein passender Titel. Die Türkei habe rasante Rückschritte gemacht, besonders in diesen Kreisen, wo man in einem kurzen Gespräch von Designer-Handtaschen über die jüngste Terrorattacke hin zu anderen Themen wechsele. Dies sei eine emotionale Achterbahnfahrt, dort jedoch Alltag.

Elif Shafak

Elif Shafak beim anschließenden Signieren Foto CK

Peri und ihre beiden Freundinnen sprächen zwar mit unterschiedlichen Stimmen, könnten jedoch alle drei nacheinander Teil der persönlichen Reise eines Menschen sein. Die Hauptfigur Peri wuchs in den 80ern in einer tiefgespaltenen Familie auf. Peri sei nicht autobiographisch. Elif Shafak sagte mit einem Lächeln, dass sie ihre Ansichten lieber in den männlichen Figuren verstecke. Peris Eltern sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während die Mutter bereits zu Beginn sehr religiös ist und ihre Religiosität immer extreme Züge annimmt (ähnlich wie Elif Shafaks Großmutter), ist der Vater nicht religiös und legt großen Wert auf die akademische Ausbildung seiner Tochter, die unbedingt im Ausland studieren soll.

Es folgte eine kurze Lesung aus dem Buch, in der die unüberwindbaren Gegensätze zwischen Peris Eltern deutlich werden. Peris Vater war fasziniert davon, dass im Westen ursprüngliche religiöse Orte später zu säkularen Zwecken genutzt werden können, wie zB. die Bodleian Library in Oxford und die Vergangenheit dieses Orts nicht gezielt in Vergessenheit geraten soll. Peri selbst steht zwischen allen Stühlen und hat keine neutrale Vertrauensperson mit der sie über Religion und andere Themen sprechen könnte.

Elif Shafak gefiel die Idee, diese junge türkische Frau in einen experimentellen Religionskurs bei einem provokanten Professor zu stecken. Hier träfen die unterschiedlichsten Ansichten aufeinander, fast alle von ihren Ansichten absolut überzeugt. Genau diese heute so verbreitete feste Überzeugung befremde sie, denn in der Vergangenheit hätte sich Agnostiker und Gläubige ausgetauscht, über ihre Zweifel und Gemeinsamkeiten, statt nach den Unterschieden zu suchen. Glaube sei nicht ausschließlich religiös, sondern man könne auch an andere Dinge glauben bzw. darin Vertrauen haben ohne die eigene Religion zu verraten.

Ungleichheit sei das größte Problem unserer Zeit und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch wenn es um Bildung gehe. Das führe zu zunehmenden Spannung innerhalb der Gesellschaft und es sei die Aufgabe der Schriftsteller Fragen zu stellen, nicht Antworten zu geben oder gar zu predigen.

Auf ihre guten Englischkenntnisse angesprochen, antwortete sie, dass Englisch ihre dritte Sprache sei. Sie habe als Zehnjährige in Madrid mit dem Englischlernen begonnen und es nie so gut gelernt wie ihre Kinder, die wirklich zweisprachig seien. Mit 15 las sie die ersten englischen Gedichte und verliebte sich in diese Sprache. Ihre Bücher habe sie anfangs auf Türkisch geschrieben, die letzten Bücher jedoch alle auf Englisch. Dann würden sie von einem Übersetzer auf Türkisch übersetzt und diese türkische Fassung dann von ihr überarbeitet. Englisch sei für zB. Satire besser geeignet und sie selbst hätte den „Bastard von Istanbul“ auf Türkisch ganz anders geschrieben. Eine andere Sprache zu sprechen verändere auch in einem gewissen Maße, Frauen würden zB. auf Englisch mehr Schimpfwörter benutzen als wenn die gleichen Personen Türkisch sprechen. Als bekannt wurde, dass sie die Originalfassungen ihrer Bücher inzwischen auf Englisch schreibe, habe es einen Aufschrei gegeben. Sie würde die Türkei und die türkische Kultur verraten – das sei jedoch nicht wahr.

Sie hasst es, sich für eine Seite entscheiden zu sollen und damit automatisch gegen die Andere. Ihre Mutter war Diplomatin und Elif Shafak lebte auch für längere Zeit in Istanbul. Dort fühlte sie sich einerseits sehr wohl, andererseits fühlte sie sich erstickt davon, entweder dazugehören zu können oder automatisch Außenseiter zu sein.

Heutzutage werden den Menschen nicht nur in der Türkei vermittelt, dass man bei seinem „Stamm“ (tribe) loyal bleiben solle, dass in dieser Gleichheit dort auch Sicherheit liege. Anderssein werde abgelehnt, dabei können man nur dann eine emotionale und intellektuelle Verbindung aufbauen, wenn man auch ihre Geschichte kenne – egal woher die andere Person stamme.

Es sei ihr bewusst, dass Vielfalt (diversity) auch viele Herausforderungen mit sich bringe, auf der anderen Seite würde das Leben durch Vielfalt um so viel reicher. Menschen, die einfache Lösungen versprechen machen ihr Angst. Es seien Demagogen, die anderen Menschen suggerierten, es habe eine großartige Vergangenheit gegeben und die Lösung liege im Ausschluss oder der Unterdrückung von Anderen bzw. Minderheiten. Leider gelinge es Demagogen oft besser, die Sorgen vieler Menschen anzusprechen – das müsse sich ändern. Auch dürfe man ihnen nicht die Begriffe „Heimat“ oder „Patriotismus“ überlassen, diese Worte sollten nicht politisch missbraucht werden.

Ihre Hoffnung sei, dass Bücher etwas in den Lesern bewegen, ohne aufdringliche Botschaften zu enthalten. Auch wenn sie selbst zB. Trump oder dem Brexit sehr kritisch gegenüberstehe, sei es ihr auch bewusst, dass nicht alle, die dafür stimmten, auch fremdenfeindlich seien.

Übersetzen sei eine Kunstform an, die kaum Anerkennung erfahre. Die Übersetzer steckten viel Leidenschaft und Zeit in ihre Arbeit, die zudem nicht gut bezahlt werde. Wenn sie selbst auf Türkisch schreibe, verwende sie zahlreiche alte Worte, die während der kemalistischen Sprachreform abgeschafft wurden. (Lehnswörter aus dem Persischen und anderen Sprachen) Ihrer Meinung nach gibt es für viele dieser Worte bis heute keine neue türkische Entsprechung, der Sprache sei etwas von ihrer Vielfalt genommen worden.

Jedes Mal, wenn eines ihrer Bücher in eine andere Sprache übersetzt werde, erscheine eine Version für eine andere Kultur. Vor allem die völlig unterschiedlichen Titel faszinieren sie. So heißt z.B. der Roman Die vierzig Geheimnisse der Liebe (orig. The Forty Rules of Love) in Frankreich Soufi, mon amour.

Hier endete die viel zu kurze Veranstaltung, die ein Plädoyer für Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit war mit einer faszinierenden Autorin, die sich später beim Signieren viel Zeit für ihre Leser nahm.

PS. Einen Tag später moderierte Elif Shafak eine Veranstaltung mit Nicola Sturgeon and Heather McDaid. Die Aufzeichnung kann man bis zum 17.10.2017 bei BBC (http://www.bbc.co.uk/programmes/p05cqh3r) ansehen oder in diesem Youtube-Video<br

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Linda Castillo – Down a Dark Road (Kate Burkholder 9)

9:57 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin Kathleen McInerney
Hörprobe bei audible.de *klick*

Zur Autorin
Linda Castillo wurde in Ohio geboren und arbeitete lange Jahre als Finanzmanagerin, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Ihre Thriller, die in einer Amisch-Gemeinde in Ohio spielen, sind ein internationaler Erfolg.

Zur Sprecherin
Kathleen McInerney ist in den USA als Schauspielerin tätig, u.a. auf Bühnen in New York, sowie als Sprecherin von Radio-Hörspielen, Hörbüchern und Cartoons.

Zum Inhalt
Vor acht Jahren wurde Joseph King für den Mord an seiner Frau zu lebenslanger Haft verurteilt. In seiner amischen Gemeinde galt er als Regelbrecher, der mit Alkohol und Drogen Probleme hat und zu Temperamentsausbrüchen neigt. Er ist aus dem Gefängnis geflohen und man vermutet, dass er auf dem Weg zu seinen Kindern ist, die bei Verwandten in Painters Mill leben.

Die Nachricht verbreitet sich schnell und setzt Kate Burkholder und ihre Kollegen unter Druck. Als King mit einer Waffe auftaucht und seine fünf Kinder als Geiseln nimmt, überschlagen sich die Ereignisse. Er vertritt nach wie vor die Ansicht, dass er zu Unrecht verurteilt wurde.

Kate Burkholder forscht in den alten Akten, um herauszufinden, was damals wirklich im Haus von Joseph King und seiner Familie geschah…

Meine Meinung
Seit Jahren freue ich auf den neuen Thriller von Linda Castillo, jeden Sommer ein neuer Band, stets gelesen von Kathleen McInerney, die auch die amischen Figuren überzeugend spricht.

Auch dieser klang wieder interessant, wenn auch fast ein wenig klischeehaft wie die Suche nach einem alten Familiengeheimnis oder unsauberer Arbeit bei den Kollegen von Kate. Die erste Hälfte ist wieder fesselnd, die Handlung und Motive der Figuren überzeugend. Kate Burkholder kennt Joseph King, sie möchte herausfinden, ob er wirklich unschuldig war, wie er behauptet. Dazu benötigt sie jedoch sowohl die Hilfe des amischen Bischofs und seiner Frau, als auch die der Kollegen, die damals in dem Mordfall ermittelten. Beide Seiten würden lieber die Vergangenheit ruhen lassen und gerade das macht Kate natürlich erst recht misstrauisch.

Geschickt werden Informationen über das Leben der amischen Gemeinde und Kates Vergangenheit eingeflochten. Die Beziehung zu John Tomasetti spielt diesmal nur am Rande eine Rolle.

Gut gefallen hat mir die persönliche Entwicklung von Kate, die deutlich reifer geworden scheint, sich mit dem Bürgermeister besser versteht und insgesamt etwas ruhiger wirkt.

Doch dann kam die eine Stelle, die das Buch für mich fast ruinierte. Linda Castillo lässt Kate immer wieder den gleichen Fehler machen – sie begibt sich alleine in Gefahr, ohne vorher jemanden über ihre Pläne zu informieren. Das hat mich schon vor 20 Jahren im Kino in “Schweigen der Lämmer” genervt

Spoiler

(eine Frau geht alleine in das Haus des Mörders)

und auch heute bin ich der Überzeugung, dass Spannung auch anders erzeugt werden kann.

Das Ende hingegen hat mich fast wieder versöhnt, ein schöner Abschluss dieses Bandes, eine recht überzeugende Auflösung des alten Falls und auch glaubwürdige Erklärung des Verhaltens von Joseph King.

Kathleen McInerney liest auch diesen neunten Band wieder sehr einfühlsam, verleiht den verschiedensten Figuren geschickt eigene Stimmen.

Fazit
Auch der neunte Fall ist wieder lesens- bzw. hörenswert, sollte jedoch nicht als Einstieg in diese Serie genommen werden. Linda Castillo hat einen spannenden und weitgehend überzeugenden Fall konstruiert, versteht es das mehr oder minder getrennte Leben der zwei Gruppen in Painters Mill lebendig zu schildern und ihre Figuren wachsen zu lassen. Nur schade, dass auch diesmal wieder mit der gleichen Methode Spannung erzeugt wird.
Auch den 10. Band werde ich sicher wieder hören. Kathleen McInerney ist die perfekte Sprecherin für die Serie.

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Lesung Anna Kim aus Die große Heimkehr, 23.03.2017, ARD-Forum Leipziger Buchmess

Anna Kims neuster Roman führt nach Korea und Japan, in die 1960er Jahre. Sie selbst ist Österreicherin. „Die Große Heimkehr“ ist ihr erstes Buch, das in Korea spielt. In ihren anderen drei Büchern habe sie sich auch immer mit der Beziehung zwischen Individuum und Politik beschäftigt. Korea in jener Zeit sei dafür der ideale Ort, weil dort viel Weltpolitik zusammengelaufen sei.

Ihre Mutter wurde 1942 in Korea geboren, die ersten Jahre noch unter japanischer Besatzung und von ihr habe sie viel über den Krieg (1950-1953) und die Flüchtlingspolitik gehört.

Vorbild für die Hauptfigur Yunho sei ihr Onkel aus Korea gewesen. Er sei schon sehr alt und habe ihr sehr viel über koreanische Geschichte erzählt, habe viel persönlich miterlebt. Für die Recherche sei sie drei Monate nach Südkorea gereist und er habe die fast täglichen Treffen genossen.

Kern des Romans sei eine Geschichte über Freundschaft. Hanna, eine junge Frau koreanischer Abstammung, die früh in Deutschland adoptiert wurde, will in Korea ihre leibliche Mutter finden. Zufällig lernt sie Yunho kennen, der sie darum bittet, einen Brief aus den USA zu übersetzen. Dann wurde ein Abschnitt vom Anfang des Romans gelesen.

In diesem Roman spiele Musik eine größere Rolle und sie liebe die Stimme und Lieder von Billie Holiday, in denen es um melancholische Themen ginge, oft um enttäuschte Liebe. Das sei ihre Inspiration für den Ton des Romans gewesen. Eine gewisse Alltagssprache, die Freiheiten bei der Interpretation lasse. Die Geschichte des Romans sei auch keine freudige, daher passe eine melancholische Stimmung.

Es sei ihr wichtig gewesen, eine Erzählebene in der Gegenwart zu haben, nicht nur das große Historiendrama in den 1950er/60er Jahren. Sie wollte nicht die Illusion erzeugen, man sei in einer anderen Zeit. Das käme ihr wie eine Lüge vor. Auch wenn es in dem Buch um Lügen und Propaganda ginge, sei die Gegenwartsebene eine gute Technik gewesen, diese Illusion zu durchbrechen.

Ein wichtiger Punkt sei der Begriff „Heimat“, der auch heute wieder stark politisiert wurde. Damals habe man anders über die Begriffe Heimat und Identität gedacht. Nationalstaaten und Sprache würden sich verändern, auch wenn man sich im Ausland unverändert als Koreaner fühle.

Zuhörer musste eine Figur sein, die von außen kommt, Hanna. Diese ausländische Perspektive sei für Yunho befreiend, denn so wurde er beim Erzählen nicht in ein bestimmtes Korsett gepresst. Einer Südkoreanerin hätte er die Geschichte nicht so erzählen können, ohne in einer bestimmten Schublade zu landen. Bis heute sei der Kommunismusvorwurf in Südkorea virulent und habe einen k.o.-Effekt. Es sei erschreckend, welche Auswirkungen dieser Vorwurf noch heute habe, zumal man das Gegenteil nicht beweisen könne.

Bewusst wählte sie keine allwissende Perspektive, sondern wollte die begrenzten Erfahrungen einer Figur zeigen, basierend auf den eigenen Erlebnissen. Damit wollte sie die Objektivität von Geschichte dekonstruieren, indem sie einen subjektiven Erzähler gegenüberstellte. Geschichtsschreibung sei immer wieder ein Streitobjekt. Das Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität fasziniere sie.

Eine weitere Figur namens Johnny kommt von Land und trifft seinen Freund Yunho in Seoul wieder, wo die amerikanische Lebensart sehr präsent ist. Inzwischen hat Johnny eine Freundin, die sich Eve nennt und einen Hang zum westlichen Lebensstil hat. Eve habe eine wandelbare Identität und erfinde sich immer wieder neu, instrumentalisiere Identität gezielt um etwas zu bekommen, so wie es in der Politik üblich sei. Mit der Rolle, die Frauen damals üblicherweise in Asien zugewiesen wurde, gebe sie sich nicht zufrieden. Ganz im Gegenteil sei sie eher ein Machtmensch. Johnny sei die schwächste Figur, schaue gerne westliche Filme und sei derjenige, der am meisten um das Überleben kämpfe. Yunho versuche unpolitisch zu bleiben und sei eigentlich ein Romantiker. Er lese gerne, wolle mit seiner Freundin ein gutes Leben haben, werde jedoch aufgrund seiner Herkunft immer wieder in die Rolle des Arbeiters geschoben und solle sich für deren Rechte einsetzen.

Viele hätten damals die Fronten gewechselt, auch mehrmals. Soldaten aus den USA, Koreaner aus Nord und Süd. Das wirke unübersichtlich, aber damals sei sehr viel in Bewegung gewesen. Wichtiger als die eigene Überzeugung war das Überleben. Individuen konnten meist nur reagieren, kaum selbst agieren. Es war die Zeit vieler Kriegskrüppel und Südkorea sei sehr arm gewesen, die Industrieanlagen befanden sich im Norden.

Korea war damals japanische Kolonie und deshalb lebten viele Koreaner in Japan. Im Rahmen der Aktion namens „Die große Heimkehr“, sollten möglichst viele Koreaner nach Nordkorea repatriiert werden. Viele dieser Menschen stammten jedoch auch Südkorea. Sie habe zufällig ein spannendes Sachbuch über jene Zeit gelesen und sei sogar nach Genf zum Roten Kreuz gereist, wo sie in den Archiven lesen durfte.

Die Zeit der großen Heimkehr habe sie nicht selbst miterlebt, die Beschreibungen der Orte stammen von ihrer Mutter. Sie selbst wurde 1977 noch dort geboren und wanderte 1979 mit ihren Eltern aus, zuerst nach Deutschland, dann nach Wien. Der Zeitpunkt sei sicher kein Zufall gewesen. Ihre Eltern hätten die Diktatur unter Pak selbst miterlebt, wie hart besonders gegen Studenten und Katholiken vorgegangen wurde. Es sei ein bewusstes Auswandern, keine Flucht gewesen. Paks Tochter wollte gegen Ende ihrer Amtszeit die Geschichtsbücher umschreiben lassen, damit ihr Vater nicht mehr als Diktator dargestellt werden soll.

Eine wichtige Rolle spielt die Nordwest-Jugend. Die Wurzeln der paramilitärischen Organisation lägen in Nordkorea. Es seien gezielt arbeitslose junge Menschen eingesammelt worden, die vor dem nordkoreanischen Regime nach Südkorea flohen. Die Nordwestjugend habe den Kommunismus gehasst und sei von Präsident Pak gezielt eingesetzt worden, um seine Macht zu festigen. Die Idee habe er von Chiang Kai Shek, Mao, Hitler und der Sowjetunion gehabt.

Viele Koreaner seien damals nach Osaka geflohen und sollten Position beziehen. Interessanterweise entschieden sich viele für den Norden, aufgrund der vielen Versprechungen über ein gutes Leben und Bildung.

Früher habe es sie aufgeregt, wenn sie für eine Chinesin oder Japanerin gehalten wurde, obwohl sie akzentfrei Deutsch spricht. Heute finde sie es spannend, wie die Optik die Identität definiere, was die Außenwahrnehmung und die eigene Wahrnehmung bestimme, sowie in welche Auswirkungen dieses Definiert-Werden auf einen selbst habe, je nach dem wo man sich gerade befinde.

Heimat sei immer wieder Thema in ihren Büchern. Ein stark politischer Begriff, der verwendet werde, um zu manipulieren. Es habe sie interessiert, wie die Politik mit den Emotionen spiele, die am Begriff Heimat haften und politische Versprechen an sentimentale Gefühle hefte.

Viel zu schnell war die interessante Veranstaltung vorbei, die einige Wissenslücken bei mir füllte und mich noch neugieriger auf das Buch machte.

P.S. Aufmerksam wurde ich zufällig durch zwei Lesungen von Anna Kim aus ihrem Buch beim Deutschlandradio, die mich sowohl sprachlich auch inhaltlich neugierig gemacht hatten.

Teil 1
https://www.phonostar.de/radio/anna-kim-…4160/2017-02-15

Teil 2
https://www.phonostar.de/radio/deutschla…/lesezeit/s/189

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Cao Wenxuan – Bronze und Sonnenblume

242 Seiten (ohne Bilder)

Zum Autor (Vom Verlag)
Cao Wenxuan wurde 1954 in einem kleinen Dorf in Yancheng in der Provinz Jiangsu als Sohn eines Grundschuldirektors geboren. Seit 1974 studierte er an der Universität Beijing Philosophie, Ästhetik, Literaturtheorie und Kinderpsychologie. Damit legte er auch den Grundstein für seine späteren Jugendromane. Heute ist Cao Wenxuan an der Universität Beijing als Professor für Chinesische Literatur und Kinderliteratur tätig.
Cao hat bereits mehr als 50 Romane und Erzählungen verfasst und zählt heute zu den herausragendsten Schriftstellern der chinesischen Gegenwartsliteratur. Seine Bücher werden an Schulen als Pflichtlektüre eingesetzt, viele von ihnen gelten bereits als Klassiker.
Cao Wenxuan hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den British Pen Award und im Jahr 2016 als erster chinesischer Autor, den renommierten Hans-Christian-Andersen-Preis.

Zum Inhalt (Vom Verlag)
Das siebenjährige Mädchen Sonnenblume wird während der Kulturrevolution mit ihrem Vater aufs Land verschickt. Ihr Vater, ein Künstler, soll dort in der Kaderschule Siebter Mai im sozialistischen Sinne umerzogen werden. Durch einen tragischen Unfall kommt er plötzlich ums Leben. Sonnenblume wird von der ärmsten Familie des Dorfes aufgenommen. In ihrem taubstummen Ziehbruder Bronze findet sie einen Freund.

Meine Meinung

„Friedlich floss der Fluss durch die Nacht. Der Mond hing am Himmel und das Wasser glitzerte, als wäre es mit Silbersplittern übersät. Die Lichter der Laternen auf den Fischerbooten, die auf dem Fluss vor Anker lagen, schaukelten hin und her. Wenn man lange auf die Laternen blickte, bekam das Gefühl, dass es nicht diese Lichter waren, die schaukelten, sondern Himmel und Erde, Schilf und Fluss. Der Sommer in Gerstenfeld war voller Magie.“ (S. 31)

Durch Zufall entdeckte ich letztes Jahr beim Drachenhaus-Verlag in Leipzig das Buch „Bronze und Sonnenblume“ von Cao Wenxuan, das in China in vielen Schulen Pflichtlektüre ist.

Der in seiner Heimat sehr bekannte Cao Wenxuan erzählt die Geschichte der beiden Kinder Bronze und Sonnenblume. Schauplatz ist ein Dorf namens Gerstenfeld, irgendwo auf dem Land während der so genannten Kulturrevolution (1966-1976) und die auf der anderen Seite des Flusses neu errichtete Kaderschule. Der Vater von Sonnenblume ist Künstler und wird mit seiner siebenjährigen Tochter Sonnenblume zur Umerziehung aufs Land geschickt. Beide genießen die Natur in ihrer neuen Umgebung, einer Sumpflandschaft. Tagsüber ist Sonnenblume anfangs einsam, in der Kaderschule sind keine anderen Kinder. In Gerstenfeld wohnt der etwas ältere Bronze mit seiner bitterarmen Familie in einer kleinen Hütte, seit einem großen Feuer ist er stumm. Zwischen den beiden Kindern entsteht eine besondere Freundschaft und nachdem Sonnenblumes Vater bei einem Unfall stirbt, wird sie als Tochter in Bronzes Familie aufgenommen.

Ihre neue Familie liebt das kleine Mädchen sehr und opfert viel, um ihr den Besuch der Dorfschule zu ermöglichen. Sonnenblume fühlt sich geborgen und bemüht sich durch Hilfe im Haushalt und gute Leistungen in der Schule, den Eltern und der Großmutter Freude zu bereiten. Zwischen Sonnenblume und Bronze braucht es keine Worte, er beschützt sie und sie versucht, ihm zu helfen, wo sie nur kann. Das Leben in Gerstenfeld ist hart, doch die Familie hält immer zusammen. Ganz in konfuzianischer Tradition opfern sich die Eltern für ihre Kinder auf und auch die Kinder übernehmen früh Verantwortung, auch wenn sie nach Möglichkeit geschont werden sollen.

In poetischer Sprache und gemächlichem Tempo erzählt Cao Wenxuan meist durch die Augen der Kinder vom Alltag in jener Zeit, von den schönen und schrecklichen Ereignissen. Er ließ beeindruckende Bilder in meinem Kopf entstehen. Seine jungen Leser werden nicht geschont. Kinder sollten früh lernen, dass Leid genauso zum Leben gehört wie Vergnügen. Jugendliteratur solle nicht nur vergnügliche Inhalte transportieren und es sei falsch, Kindern nur Vergnügungsparadiese schaffen

Die Übersetzung von Nora Frisch ist einerseits sehr dicht am chinesischen Original, Maßeinheiten werden mit den chinesischen Begriffen genannt und in einem Glossar erklärt, genau wie z.B. Kaderschule, Drachenbootfest und einige der kaiserlichen Dynastien. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Namen der Personen und Orte ins Deutsche übersetzt wurden, wodurch die besondere Atmosphäre verstärkt wird. Die Kapitelüberschriften bestehen aus dem deutschen Titel und den Schriftzeichen des chinesischen Originaltitels.

Im Nachwort prangert Cao Wenxuan die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen an: „In unserer hedonistisch geprägten Gegenwart hinterlässt Bronze und Sonnenblume zweifelsohne einen ganz besonderen Nachgeschmack.“ In China hat das noch eine ganz andere Bedeutung, denn als das Buch erschien, galt dort noch die Ein-Kind-Politik, doch auch hier ist seine Intention nicht abwegig.

Fazit
Ein beeindruckendes Buch in genauso beeindruckender Übersetzung, dem ich auch hier viele Leser wünsche. Es zeigt die schönen und unschönen Seiten des Landlebens in jener Zeit in poetischer Sprache, sowie den besonderen Zusammenhalt der Familie und in Notzeiten auch den der Dorfgemeinschaft. Für die jüngere Zielgruppe wäre eine kurze Einführung in die Kulturrevolution schön gewesen.

P.S. Mit einer Altersempfehlung tue ich mich schwer. Die beiden Hauptfiguren sind im Grundschulalter, andererseits sind es 242 Seiten ohne Bilder, in anspruchsvoller Sprache und praktisch ohne Erklärung zum geschichtlichen Hintergrund.

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Lesung Sascha Hommer, 25.03.2017, Konfuziusinstitut Leipzig

Sascha Hommer ging 2011 für einige Monate nach Chengdu. Dort lebten Freunde von ihm, die er schon 2006 besucht hatte. Diesmal war sein Ziel, eine Graphic Novel über sein Leben dort zu entstehen zu lassen. Der Blick des Westens auf diese Stadt aus der Perspektive eines Ausländers, der kein Chinesisch versteht.

Dann folgte eine längere Präsentation einiger Abschnitte aus “In China”, untermalt mit Musik und zu den Bilder passenden Geräuschen (Verkehr usw.). Sascha Hommer las dazu mit sehr sachlicher Stimme die deutschen Texte.

Die Figuren haben ausdruckslose Gesichtsmasken, er selbst trägt anfangs eine Katzenmaske, später wechselt er zu einer Maske der Sichuan-Oper. Seine Freunde, ein Deutscher und dessen chinesische Freundin tragen andere Masken, die ebenfalls nie ihren Gesichtsausdruck verändern und keiner speziellen Kultur zugeordnet werden können. Die Umschrift der chinesischen Zeichen ist mal im aktuellen Pinyin, mal in einer älteren Version. Der Hintergrund bleibt eher vage, schwarz-weiß und mit wenig Details.

Die Erzählung über seine Ankunft in Chengdu und die Wohnungssuche dort wird unterbrochen von Visionen über die Vergangenheit oder Zukunft, in denen Katzen die Hauptfiguren sind. Chengdu lag an einer Kreuzung bedeutendes Handelswege und man sieht z.B. wie die Katzen auf die 20.000-jährige Geschichte (sic) Chengdus zurückschauen. Eine andere Vision zeigt, wie Ausländer Rauschblätter in die Heimat der Katzen brachten und diese dann als Währung galten, jeder dem Müßiggang frönte und irgendwann das Faustrecht galt. In einer dritten Vision wechselt der Schauplatz auf den Mars, auch mit den Katzen im Mittelpunkt.

1961 habe Chengdu so viele Einwohner wie Hamburg gehabt, heute seien es 14 Millionen. Die Stadt und Kultur hätten ihn sehr interessiert, auch das Essen habe ihm geschmeckt.

Dann folgten Fragen aus dem Publikum.

Wie er darauf gekommen sei, 2005 und 2011 nach China gehen, warum nach Chengdu.
Ein Freund aus seiner Zivizeit sei dorthin ausgewandert und habe dort mit seiner Freundin ein englischsprachiges Stadtmagazin herausgegeben. Dank ihrer Hilfe und Erfahrungen habe er nicht nur die typische Touristenperspektive erlebt. Schon bei seinem ersten Buch habe er ein grafisches Tagebuch geführt und sich 2008 sehr über die Berichterstattung in den deutschen Medien geärgert, während der Olympischen Spiele in Peking und als das Erdbeben war. Ihm sei eine ehrliche Darstellung sehr wichtig.

Er sei überrascht gewesen, wie sehr sich Chengdu innerhalb von fünf Jahren verändert hatte. Beim ersten Besuch 2006 habe sein Freund am Ende einer Straße gewohnt, umgeben von Baustellen. 2011 waren überall Häuser, die Straßen und Häuser eingesäumt mit Pflanzen.

Um das Alltagsleben simulieren (sic) zu können, habe er sich dort eine eigene Wohnung und einen Arbeitsplatz gesucht. Von Anfang an sei ihm klar gewesen, dass er rund 2,5 Monate brauchen würde, um sich an die anderen Geräusche und Gerüche, Gewohnheiten im Alltag zu gewöhnen. Die Geräuschkulisse und der Verkehr hätten das Einleben sehr schwierig gemacht, vermutlich hätte er mehr Zeit gebraucht.
Auf die Frage, warum das Buch komplett in Schwarz-Weiß gehalt sei, antwortete er, dass er Chengdu und das Leben dort so wahrgenommen hätte – obwohl China oft so bunt sei, überall grelle Lichterreklamen usw. Doch durch den Smog und Regen sei es ihm eher grau vorgekommen.

Seiner Wahrnehmung nach, sehen Europäer in Chengdu eher seltsam aus, daher auch die Masken, die an Tiere und Aliens erinnern sollten. („aliens“ kann Ausländer und Außerirdischer bedeuten) Die chinesischen Figuren sollen eher menschlich wirken, jedoch alle gleich. Europäer seien ihm wie übersteuerte Individualisten vorgekommen, die sich dort anders ausleben konnten als in ihrer Heimat.
Die Maske habe immer den gleichen Gesichtsausdruck, um zu verhindert, dass der Leser sich in diese Figur einfühle. Er habe bewusst das einfühlende Lesen verhindern sollen. Es ginge um die Stadt und seine Freunde, nicht ihn. Seine Figur sei eher passiv und beobachtend.

Die traumartigen Einschübe seien eine Mischung aus Reise- und Sprachführer, sowie eine Anspielung auf einen Verhaltensratgeber aus der Kolonialzeit, sowie „Die Stadt der Katzen“ von Lao She an, das auf dem Mars spielt. **

Seine chinesische Probeleserin habe ständig gelacht und die Darstellung ihrer Stadt sehr treffend gefunden, inklusive der Ratten, des Verkehrs und des Drecks. So sei ihre Stadt nun mal.

Eine andere Zuhörerin hatte den Eindruck, dass der gezeigte Ausschnitt des Buchs recht gewöhnliche Szenen zeige, die auch anderswo hätten stattfinden können. Sascha Hommer antwortete, dass er nicht im Ausnahmezustand des Backpackers verweilen wollte und es auch speziellere Szenen gebe.

Es sei ihm um eine Darstellung des normalen Alltags gegangen, um zu zeigen, dass vieles auch für Europäer eher normal ist. In den Medien hier gebe es keine Einblicke in das Alltagsleben der chinesischen Bevölkerung, sondern es ginge immer um größere politische Themen. Es klinge trivial, aber die Menschen dort hätten auch ein ganz normales Leben mit den gleichen Sorgen wie die Menschen in Deutschland.

Anfangs habe er ein politisches Buch schreiben wollen, jedoch schnell festgestellt, dass er das nicht könne. Er könne mit einzelnen Menschen sprechen, aber es fehle ihm an Wissen über Land und Sprache.

Im Buch seien auch Interviews mit Karl und Linda, die in den USA geboren wurde und einen chinesischen Elternteil hat. Karl wollte gerne in Chengdu bleiben, Linda hatte das Gefühl, die Stadt verkürze ihre Lebenszeit. Ein weiterer Besuch bei ihnen sei nicht möglich, da die beiden sich getrennt hätten und Linda wieder in den USA lebe.

Sascha Hommer bzw. der Erzähler seines Buchs sei ohne Chinesisch-Kenntnisse völlig abhängig von den beiden gewesen. (Andererseits gibt es Szenen, in denen er alleine ein WG-Zimmer suchen geht.) Die beiden seien als Expats Experten über das Leben dort, sie könnten die Sprache und hätten jahrelange Erfahrungen. Aber andererseits würden auch sie Aliens bleiben, würden nie zu Chinesen werden.

Eine Chinesin aus dem Publikum merkte kurz an, dass das Buch viele Wahrheiten enthalte.

Die letzte Frage war, ob die Geschichte (Graphic Novel) „Transit“ auf dem Quart Heft 19 ihn inspiriert habe, die Handlung sei sehr ähnlich. Laut Sascha Hommer sei die Ähnlichkeit rein zufällig. Auf Nachfrage antwortete er, dass er “Transit” mal gesehen habe. (Genauere Informationen zu dieser anderen Geschichte konnte ich leider nicht finden.)

Danach wurde noch signiert.

Damit endete eine Veranstaltung, die mich etwas ratlos zurückließ. Vieles in dem Buch wirkte auch auf mich sehr beliebig, zu oberflächlich und sehr sprunghaft. Der Roman von Lao She ist auf meinem Wunschzettel gelandet. Aber ich bin vermutlich auch nicht die Zielgruppe des Buchs. Augenzwinkern

*Leseprobe beim Verlag*

** (von Amazon)
Lao She (1899-1966) gehört mit Werken wie Der Rikschakuli und Das Teehaus zu den wichtigsten Schriftstellern der chinesischen Moderne. Die Stadt der Katzen entstand Anfang der dreißiger Jahre, nachdem der junge Autor von einem mehrjährigen Englandaufenthalt in die Heimat zurückgekehrt war. Zu Beginn der Kulturrevolution hielten ihm Rote Garden die Satire als Nestbeschmutzung vor. Er kam unter tragischen Umständen ums Leben. Die »Stadt der Katzen« liegt auf dem Mars, und doch wird der Besucher vom Planeten Erde mit nur allzu vertrauten Verhaltensweisen konfrontiert. In der Katzengesellschaft herrschen Selbstsucht und Verlogenheit, alles Trachten richtet sich auf den betäubenden Genuß der Rauschblätter. Selbst als schließlich der Feind die Grenzen überschreitet, kann nichts und niemand diese degenerierte Gesellschaft aus ihrer Lethargie reißen. Sie ist zum Untergang verurteilt. Der Roman ist eine durch das Gewand der Utopie nur notdürftig verhüllte Satire auf das China der dreißiger Jahre, das zu einem Spielball der ausländischen Mächte herabgewürdigt worden war und sich in Bürgerkriegen zerfleischte. Die Rauschblätter spielen dabei eine ähnlich verhängnisvolle Rolle wie das Opium.

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Lesung Titus Müller, 25.03.2017, Ägyptisches Museum der Universität Leipzig

Titus Müller eröffnete gewohnt gut gelaunt die Veranstaltung, diesmal im im Ägyptischen Museum. Seine Geschichte würde zwar nicht vor tausenden von Jahren spielen, jedoch ginge es auch in „Der Tag X“ um umwälzende historische Ereignisse, die wir und unsere Eltern nicht miterlebten. Die Eröffnungszene 1946 am Bahnhof in Ost-berlin beruhe auf tatsächlichen Ereignissen.

Er las den Prolog, in dem nachts eine Familie plötzlich auseinander gerissen wird und das Mädchen Nelly deshalb seinen Vater ins ferne Russland verliert. Ihre Mutter entscheidet sich, mit der Tochter in der DDR zu bleiben.

Es seien damals komplette Familien nachts abgeholt und nach Russland verschickt worden. Dann springe die Geschichte ins Jahr 1953, die weibliche Hauptfigur Nelly steht kurz vor dem Abitur und lernt den etwas älteren Wolf kennen, einen Uhrmacher. Titus‘ Faszination für diesen Beruf wurde deutlich spürbar. Uhrmacher würden Ordnung bringen und nach Gesprächen mit einer Uhrmacherin während der Recherche sei er fest entschlossen, sich eine gute Uhr zu kaufen. Neulich habe er bewusst zwei gute Wecker gekauft.

Er selbst habe die Zeit im Buch nicht miterlebt, könne sich jedoch selbst auch noch daran erinnern, dass Kinder früh dazu erzogen wurden, Anderen zu melden. Die im Buch geschilderten Schulberichte habe es wirklich gegeben. 1953 sei Honecker Leiter der FDJ gewesen und diese habe sich nicht so entwickelt wie gewünscht. Gleichzeitig sei die christliche Junge Gemeinde gewachsen und Honecker habe dann deren Liquidierung befohlen. In der Jungen Gemeinde habe es echte Diskussionen gegeben, unterschiedliche politische Meinungen und er könne gut verstehen, warum Honecker Angst vor dieser Organisation hatte.

Er sei als Pastorensohn glücklich in der DDR aufgewachsen, mit seinen beiden Brüdern – auch ohne Bananen und Kiwis. Augenzwinkern Natürlich sei auch klar gewesen, dass er nie Abitur machen würde, weil er nicht den richtigen Jugendorganisationen war. Aber er habe das von Anfang an gewusst, die Figuren in seinem Roman seien von diesem Schicksal plötzlich überrascht worden. 1953 hätten circa 3000 junge Menschen diese Möglichkeit verloren.

In seinen Romanen sei es ihm wichtig, dass keine Figur ganz gut oder böse sei. So sei niemand, auch wenn der Vater von Wolf in der gelesenen Szene so wirke.

Es folgte eine weitere Lesung, in der die Verhältnisse im Kreml dargestellt wurden, als Stalin im Sterben lag. Ein gruseliges Pokerspiel um die Macht, sehr lebendig geschildert.

Die Sterbeszene von Stalin sei seinen Quellen nach wirklich so verlaufen, heute könne man sich kaum vorstellen, wie wichtig dieser einen Mann damals war, welchen Einfluss er hatte.

Ein wichtiges Element ist Spionage, wie Spione vorgingen und was unternommen wurde, um sie enttarnen, perfide ausgeklügelte Methoden sie zu eliminieren. Auch hier legte Titus Müller großen Wert auf authentische Darstellung und erzählte leidenschaftlich von einigen Entdeckungen bei seiner Recherche.

In der DDR habe es bis 1958 noch Lebensmittelmarken gegeben, während sie im Westen bereits 1948 abgeschafft wurden. Eine der Ursachen war die Flucht von rund 20.000 Landwirten in den Westen, weil sie sich nicht in LPGs zwingen lassen wollten. Eltern seien oft zunächst ohne ihre Kinder gegangen, um diese später nachzuholen. Das Land sei damals leergeblutet, Woche um Woche. Daraufhin sei die Regierung der DDR nach Moskau zitiert worden, um nicht so hart gegen die Bevölkerung vorzugehen. Die Junge Gemeinde sollte nicht solchen Repressalien ausgesetzt werden, Betriebe sollten zurückgegeben werden, wenn die Bauern zurückkehren würden. Zuerst habe sich die Regierung gewehrt, sei jedoch gezwungen worden, sich öffentlich zu ihren Fehlern zu bekennen.

Dieses öffentliche Eingeständnis habe den Kritikern Aufwind gegeben und es sei zu Demonstrationen gekommen. In Leipzig hätten am 17. Juni 1953 rund 40.000 Menschen demonstriert. Der Bürgermeister wollte sie aufhalten und wurde von den Demonstranten gezwungen, ihnen mit einem Schild „Freie Wahlen“ voranzugehen. Nur wenige Stunden hätten das Leben vieler Bürger in der DDR drastisch verändert.

Die Recherche sei für ihn jedes Mal wie eine Schatzsuche. So zum Beispiel die Entdeckung, dass in Halle eine Reinemachfrau die Erste war, die sich traute, öffentlich etwas gegen die Regierung zu sagen und somit die Aufstände dort auslöste. An einem Buch arbeite er im Durchschnitt 1,5 Jahre, inklusive Recherche und der gesamten Nacharbeit.

Abschließend bedankte sich Titus Müller beim Publikum und dem Ägyptischen Museum.

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Lesung Hanya Yanagihara, 22.03.2017, Literaturhaus Frankfurt

Die ausverkaufte Veranstaltung wurde von Benno Henning von Lange eröffnet, der gleich zu Beginn klarstellte, dass der Titel Ein wenig Leben seiner Meinung nach eine grandiose Untertreibung sei. Das ganze Leben könne man in diesem fesselnden Buch finden.

In Hanya Yanagiharas Bestseller gehe es um das Leben von vier Männern, in deren Mittelpunkt Jude stehe. Die Leser lernten Judes großes und kleines Leben kennen, seine Ausweglosigkeit. All dies im Rahmen einer oft verstörenden Geschichte, in der Politik noch nicht mal ein Hintergrundrauschen sei und doch sei der Roman hochpolitisch.

Moderator war Alf Mentzer von HR2 Kultur, herausragender Sprecher der deutschen Passagen der Schauspieler Max Mayer.

Gleich zu Beginn wurde nach dem Foto auf dem Titelbild gefragt. Die Aufnahme stammt von Peter Hujar und trägt den Titel „Orgasmic Man“. *Link zu größerer Aufnahme des Titelbilds* Man habe das Gefühl jemandem in einem unglaublich persönlichen Moment anzuschauen, wobei nicht klar sei, ob es Freude oder Schmerz ausdrücke. Hanya Yanagihara hält das für die perfekte Visualisierung der Geschichte.

Die Leser befänden sich in der prekären Situation, Zeuge einer sehr intimen Situation zu werden. Es gebe ihr das Gefühl, Jude sei nie allein, weil er immer die Leser habe. Es sei ihr wichtig gewesen, dass die Geschichte sich langsam entfalte und zum Glück bestand das Lektorat trotz knapp 1000 Seiten nicht auf umfangreichen Kürzungen.

Mit einem Lächeln merkte sie an, dass solch dicke Bücher sich in der Regel in Deutschland am besten verkaufen würden. Deutschland sei für sie DAS Land der Literatur und deutsche Leser etwas ganz Besonders, weil sie sich ernsthaft mit Literatur auseinandersetzen würden. Ihre rund 1,5-wöchige Lesereise habe sie deshalb besonders genossen.

Ein weiterer Kritikpunkt sei die Brutalität, doch sie habe keine Möglichkeit gesehen, das zu ändern. Unser Leben sei manchmal brutal, auf der anderen Seite sei es nie einfacher als heute gewesen, Zeuge von Gewalt zu werden und auch wegzuschauen, egal ob der Computer oder der Fernseher ausgeschaltet werde. Bei einem Buch werde man mehr hineingezogen, wegschauen sei nicht mehr so einfach. Ihrer Meinung nach können die Leser viel aushalten, solange es logisch präsentiert werde und es war ihr wichtig zu zeigen, wie es ist, ein solch brutales Leben zu führen.

Beim Schreiben gehe es ihr um die Figuren und deren Authentizität, nicht um die Reaktionen der Leser. Wenn ein Autor auf bestimmte Reaktionen spekuliere, würde die Leser das spüren und sich manipuliert fühlen. Jeder Leser sei anders, sie habe keine konkreten Erwartungen an ihre Leser.

Der gesellschaftliche Aufstieg der vier Studienfreunde werden von dunklen Ereignissen aus Judes Vergangenheit überschattet. Jude sollte eine Figur werden, deren Leben nicht besser werde. Die anderen Figuren seien beim Schreiben von selbst entstanden, manche seien fertig aus dem Schaffen herausgetreten.

Die Konstruktion des Buchs sei gewollt künstlich. Düsternis und Gewalt wie in alten Märchen, Frauen werden nur am Rande erwähnt. Es geht um Freundschaft zwischen Männern und darum, wie Männer bestimmte Gefühle ausdrücken – oder eben nicht, wie z.B. Angst, Scham und Trauer. Natürlich hätten unterschiedliche Figuren genauso unterschiedliche Arten, Gefühle auszudrücken, aber Männern stünden oft kaum Möglichkeiten zur Verfügung, während Frauen diese in der Regel frei zeigen könnten. Würden statt Männern hier Frauen im Mittelpunkt stehen, wäre das Buch vermutlich nur halb so lang geworden.

Zu Beginn des Buchs wollte sie zeigen, wie sich das Leben mit Anfang 20 anfühlt, wenn die Zeit langsam vergeht während man studiert. Als die Figuren 40-50 sind werde das Erzähltempo streckenweise deutlich schneller, so wie es sich für viele Menschen in jener Lebensphase anfühle. Sie verglich es mit den unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten in einer Lavalampe.

Schauplatz sei New York und das sei wichtig, auch wenn die Handlung fast komplett drinnen stattfinde und sehr selten an bekannten Plätzen draußen – was eine gewisse Entwurzelung vermitteln solle. New York sei ganz besonders gut darin, Erfolge zu verherrlichen und vermittele ständig das Gefühl im Wettbewerb zu stehen, dort pulsiere eine besondere Energie. Man werde mehr als andernorts daran gemessen, was man erreicht habe und gerade tue, das Umfeld verleihe einen bestimmten Status.

Eigentlich passe Jude nicht in dieses New York das so viel Wert auf Selbstverwirklichung legt. Er sei zwar sehr ehrgeizig, benötige jedoch auch Hilfe auf seinem Weg. Ganz bewusst habe sie Jude nach und nach alles weggenommen, wie in einem literarischen Sozialexperiment. Es gehe darum, was ein Kind brauche, um ein gewisses Gefühl von innerer Sicherheit und Selbstbeherrschung zu erlernen und was für Konsequenzen es habe, wenn ein Kind nie das Gefühl hatte, den Anspruch auf irgendetwas zu haben, vor allem Liebe und Fürsorge. Judes Kindheit bot nichts davon und bestimmte Dinge könne er auch Erwachsener nicht mehr lernen, wie z.B. wo sein Platz in der Welt sei oder seinem Ärger auf nicht destruktive Weise Luft zu machen. Seine Unsicherheit werde von Menschen ausgenutzt, die solche Schwächen riechen könnten.

Auch ohne ausführliche Recherche sei für sie völlig logisch gewesen, dass Jude stets die Schuld bei sich selbst suchen würde, den Ärger nach innen richten. So habe er wenigstens ein gewisses Gefühl der Kontrolle über sein eigenes Leben, wie z.B. auch durch Ritzen. Wenn man einem Kind stets eintrichtere, es habe Pech gehabt, fühle es sich irgendwann dem Schicksal komplett ausgesetzt. Egal wie desaströs die Konsequenzen aus Judes Handeln seien, er müsse das Gefühl haben, diese selbst verursacht zu haben. Obwohl Jude wundervolle Freunde habe, ihrem Lektorat nach fast zu gut, schaffe er es nicht, aus den in der Jugend eingeschliffenen Verhaltensmuster auszubrechen.

Obwohl die Veranstaltung vom US-Generalkonsulat in Frankfurt unterstützt wurde, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen, dass die aktuelle politische Situation in den USA vielleicht eine andere wäre, wenn es dort auch Literaturhäuser gäbe. Am Ende der gut 1,5 Stunden bedankte sie sich nochmal beim Publikum.

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Lesung und Gespräch: Andrea Wulf/Neil MacGregor – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, 24.03.2017, Museen im Grassi

Andrea Wulf, Autorin von „Alexander Humboldt und die Erfindung der Natur“, Neil MacGregor, lange Leiter des Britischen Museums, heute Intendant des Humboldtforums in Berlin und Thomas Bille vom MDR versprachen einen kurzweiligen Abend. Dementsprechend (über)voll war der Saal im Grassi in Leipzig.

Alexander von Humboldt sei bis 1914 weltweit verehrt worden als engagierter Naturwissenschaftler, heute sei er in der englischsprachigen Welt fast vollständig in Vergessenheit geraten. Durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sei es zu einem fast völligen Verlust des Wissens um deutsche Kultur gekommen. Andrea Wulf und das Humboldtforum möchten das ändern, denn nicht nur ihrer Meinung nach ist Humboldts Werk gerade heute von großer Bedeutung. Humboldt sei ein Denkmal für Deutschland, für die ganze Welt jedoch derzeit auch ein Mahnmal. Neil MacGregor empfahl das von Andrea Wulf verfasste Buch als Pflichtlektüre.

Niemandes Name sei so häufig mit Naturphänomenen verbunden, Berge, Seen, Flüsse, Pflanzen usw. würden seinen Namen tragen. Sogar das Bild eines Tankers mit seinem Namen wurde gezeigt. Neil MacGregor empfand dies als besonders passend, denn Alexander von Humboldt habe die Erde vernetzt durch seine Erkenntnis, dass die Natur nur als Ganzes verstanden werden kann. Humboldt inspirierte Darwin, war eng mit Goethe befreundet. Aus Goethes Tagebüchern sei ersichtlich, dass er meist nach Begegnungen mit Humboldt am Urfaust schrieb.

Andrea Wulf vertrat die Ansicht, Humboldt habe unser heutiges Denken über die Natur erfunden, die Idee eines einzigen zusammenhängenden Ökosystems, in dem die Erde als lebender Organismus dargestellt wird. Er habe Künste und Wissenschaft vereint, nutzte Zeichnung auf eine neuartige Weise, um darzustellen, wo welche Pflanzen auf von ihm erforschten Bergen wuchsen und so komplexes Wissens auf eine leicht verständliche Weise dargestellt. (Chimborazo 1, Chimborazo 2, Chimborazo 3) Seine Systematik zeige die umfassende Verbundenheit der Welt und auch gleichzeitig ihre Verwundbarkeit. Für Andrea Wulf war einer der Höhepunkte ihrer Recherchereisen selbst auf dem Chimborazo zu stehen.

Als einer der ersten warnte Humboldt vor Monokulturen und Ausbeutung von Natur und Menschen. Vor bisher kaum bekannten Wechselwirkungen, die zu von Menschen verursachten Klimaveränderungen führen würden.

Er habe eine schreckliche Handschrift gehabt, sei oft aus dem Privatunterricht weggelaufen, um durch den Wald zu stromern. Mit vollen Taschen sei er zurückgekommen und war deshalb als kleiner Apotheker bekannt. Die Reiseberichte von Cook habe er geliebt und sich dagegen gewehrt wie von seiner Mutter gewünscht, preußischer Beamter zu werden. Einerseits sei für ihn von klein auf die Natur voller Wunder gewesen, die man mit Gefühlen erfassen solle, andererseits sei er davon besessen gewesen, alles zu vermessen. Humboldt sei sowohl Abenteurer als auch Wissenschaftler gewesen, jedoch nie im Elfenbeinturm. Erfüllt von einer lebenslangen Rastlosigkeit musste er draußen in der Natur sein.

Nach seiner Rückkehr von seiner fünfjährigen Reise sei er 1804 erst in Paris dann in Berlin gewesen, wo er stets schnell zum Mittelpunkt der Wissenschaft wurde. Er hielt kostenlose Vorträge, zu denen jeder kommen durfte und habe so die Wissenschaft demokratisiert. Rund die Hälfte der Zuhörer seien Frauen gewesen und er habe seine Zuhörer mit auf unglaubliche Reisen genommen. In eine Natur, die voller Wunder und Leben war. Während andere Wissenschaftler sich immer mehr spezialisierten, dachte Humboldt in alle Richtungen und konnte immer wieder wie ein Kind über den Zauber der Natur staunen. Andrea Wulf verglich es mit der Reaktion vieler Menschen auf die die ersten Aufnahmen der Erde aus dem All.

Während in den Kirchen gelehrt wurde, der Mensch solle sich die Welt untertan machen, tauche bei Humboldt die Frage nach Gott nie auf und er habe den Menschen als Teil der Natur verstanden, nicht als Herrscher. Wenn man Humboldt zuhöre, verbiete sich Rassismus von selbst, denn für ihn habe alles auf Augenhöhe existiert. Seine offenen Worte gegen Sklaverei und den Kolonialismus hätten dazu geführt, dass er nie in den Himalaya oder nach Indien reisen konnte. Gleichzeitig war er arrogant und herablassend gegenüber anderen. Als Beispiel wurde ein Brief Humboldts an eine Bekannte angeführt, in dem er von seiner aktuellen Reise erzählte und mit den Worten schloss “und Sie meine Gute, wie führen Sie indessen ihr eintöniges Leben fort”.

Auf die Frage von Thomas Bille ob sie gerne mit ihm auf Forschungsreise gegangen wären, antworteten beide, eine Dinner Party gerne, eine Reise jedoch nicht. Dazu sei er zu energisch gewesen, habe kaum jemand zu Wort kommen lassen und sei noch mit blutigen Füßen auf Berge gestiegen.

Leider habe Humboldt zwar unser Denken über die Natur nachhaltig beeinflusst, jedoch kaum unser Handeln. Neil MacGregor und Andrea Wulf hoffen, dass es zu öffentlichen Debatten kommt und sich mehr Menschen als Weltbürger begreifen, gemeinsam für die Schutz der Natur engagieren. Andrea Wulf war im Herbst 2016 auf Lesereise in den USA gewesen und habe auf 32 Veranstaltungen nicht einen einzigen Trumpwähler getroffen.

Nach Ansicht von Andrea Wulf und Neil MacGregor schließe sich heute der Kreis, Humboldt sei vor uns auf der Erde gewesen und werde jetzt zu unserem Vorreiter.

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John Grisham – The Whistler (Bestechung)

ungekürzte Lesung
13:10 Stunden
Sprecherin Cassandra Campbell
Hörprobe bei audible.de *klick*

Zum Inhalt (vom Verlag)
Von Richtern erwarten wir ehrliches und weises Handeln. Ihre Integrität und Neutralität sind das Fundament, auf dem unser Rechtssystem ruht. Wir vertrauen darauf, dass sie für faire Prozesse sorgen, Verbrecher bestrafen, eine geordnete Gerichtsbarkeit garantieren. Doch was, wenn ein Richter bestechlich ist? Lacy Stoltz, Anwältin bei der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, wird mit einem Fall konfrontiert, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Ein Richter soll über Jahre Bestechungsgelder in unglaublicher Höhe angenommen haben. Lacy Stoltz nimmt die Ermittlungen auf. Schnell wird ihr klar: Dieser Fall ist hochgefährlich. Doch sie ahnt nicht, dass er auch tödlich enden könnte.

Zum Autor (von Amazon)
Kurz und knapp sind die meisten von John Grishams Buchtiteln: “Der Gefangene”, “Das Urteil”, “Der Anwalt”, “Das Testament”. Sie lassen bereits erahnen, dass der 1955 geborene Autor Jurist ist. John Grisham lebte in den 80er-Jahren als niedergelassener Anwalt in Southaven, Mississippi, und genau diese Tätigkeit brachte ihn schließlich zum Schreiben. Ein Vergewaltigungsfall mit einem minderjährigen Opfer ließ ihn nicht mehr los. So entstand sein erster Roman, “Die Jury”, den er neben einem 12- bis 14-stündigen Arbeitstag vorwiegend in der Nacht verfasste. Diesem ersten Bestseller sind seither weitere Thriller gefolgt, die ebenfalls die Bestsellerlisten stürmten.

Zur Sprecherin
Cassandra Campbell hat rund 200 Hörbücher aus den unterschiedlichsten Genres eingelesen und wurde mehrfach als Sprecherin ausgezeichnet.

Meine Meinung
John Grisham ist ein Meister des Kopfkinos, zur Verfilmung seines neusten Buches wird vermutlich nur wenig Zeit für die Erstellung eines Drehbuchs benötigt, so lebendig wurden die Bilder in meinem Kopf nach einigen Kapiteln. Diese ersten Kapitel waren voller Informationen über den Fall und zahlreiche Figuren, einen Teil davon hörte ich zwei Mal.

In den ersten Kapiteln werden die Hauptfiguren vorgestellt, vor allem Lacy Stoltz, die in Florida bei der Rechtsaufsichtsbehörde arbeitet. Im Alltag kümmert sie sich seit neun Jahren um Richter, deren Arbeit Anlass zu Beschwerden gibt. Ausgerechnet der selbst straffällig gewordenen Anwalt Greg Myers konfrontiert sie mit einem Fall, der mehr Sprengkraft hat als alle ihre bisherigen. Es geht um Korruption in großem Stil, in Verbindung mit einem Casino, das in einem Indianerreservat betrieben wird. Dort gelten nicht immer die im Rest der USA gültigen Gesetze, sondern teilweise die des Stammes bzw. dessen Chefs. Seine Informationsquelle, ein Whistleblower, will dem Unrecht nicht länger zuschauen und begibt sich dadurch in große persönliche Gefahr, denn die schnell intern als Küstenmafia bekannte Organisation geht nicht zimperlich mit ihren Widersachern um, wie Lacy und ihre Kollegen schnell feststellen müssen.

Die Perspektive wechselt mit dem Blickwinkel der Hauptfiguren, man erfährt einiges über das Zusammenspiel der Mitarbeiter der Rechtsaufsichtsbehörde mit anderen Behörden in den USA und das Leben im Reservat. Ein interessanter Aspekt ist, dass Greg und seine Informationsquelle auf Millionen Dollar für sich hoffen, wenn sich ihre Vorwürfe als wahr erweisen steht ihnen ein Teil des betrügerisch erworbenen Vermögens der Küstenmafia zu.

Die Figuren sind lebendig gezeichnet, alle mit ihren eigenen Ecken und Kanten, einer glaubwürdigen Vita und nachvollziehbaren Handlungsmotiven. Die persönliche Geschichte von Lacy, ihr Umfeld und ihre Entwicklung machen das Hörbuch noch spannender als es ohnehin schon ist.

Der Einblick in das Leben im Reservat war sehr interessant, obwohl es eigentlich ein Nebenaspekt ist. Ein Teil der Einnahmen des Casinos wird unter allen volljährigen Angehörigen verteilt, was den Lebensstandard und die Gesundheit einerseits deutlich verbessert, andererseits eine gute Ausbildung, egal ob schulisch oder gar ein Studium, für viele uninteressant macht. Zudem ist der Stamm gespalten, denn nur jene, die für das Casino waren, dürfen auch dort arbeiten und üppige Gehälter hinzuverdienen.

Cassandra Campbell gibt den Haupt- und Nebenfiguren passende eigene Stimmen, einige mit gut verständlichem Südstaatenakzent und vermittelt gekonnt die wechselnde Atmosphäre.

Fazit
Für mich einer der besten Krimis von Grisham, spannend, informativ und nicht ohne Kritik am Rechtssystem und der Gesellschaft. Er zeigt die Möglichkeiten korrupter Richter und Unternehmer deutlich auf, verpackt in einen meiner Meinung nach glaubwürdigen Fall, gibt Einblicke in das Leben auf dem Reservat und all dies mit sehr lebendigen Figuren. Am Ende bleiben kaum offene Fragen und Grisham macht deutlich, dass er irgendwie trotz allem an Gerechtigkeit glaubt.

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