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Ali Bachtyar las am 15.03.2018 in Leipzig

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Neugierig auf diese Veranstaltung wurde ich dank der Rezension von Rumpelstilzchen in dem Forum Büchereule zu Ali Bachtyars aktuellem Buch Die Stadt der weißen Musiker.

Zu Beginn wurde Ali Bachtyar vorgestellt. Er ist der aktuelle Träger des Nelly-Sachs-Preises und lebt in Dortmund.

Ali Bachtyar ist Kurde und wurde 1966 im Irak geboren. Dort war er bereits als Schriftsteller bekannt, als er vor rund 20 Jahren die Heimat verließ. Ab 1991 habe im kurdischen Teil des Iraks eine gewisse Freiheit geherrscht und er sei als Teil einer rebellischen Generation aufgewachsen. Gemeinsam mit Freunden gründete er eine literarisch-philosophische Zeitschrift, die Gesellschaft umfassend kritisiert und auch selbst viel Kritik eingesteckt. Dann sei 1994 während des kurdischen Bürgerkriegs sein Leben in Gefahr geraten und er sei nach Deutschland ausgewandet.

Seine Geburtsstadt Suleimania sei ein wichtiges Kulturzentrum für die Poesie und so habe er früh begonnen zu Schreiben und Publizieren. Auch in seinen Romanen sei er Dichter geblieben.

Auf die Frage, ob er in Deutschland eine Heimat gefunden habe, antwortete er, dass dies nicht einfach gewesen sei. Unter einer Diktatur müsse man ständig eine Maske tragen, danach sei als Flüchtling ein Nichts und stehe direkt auf Null. Alles, war man vorher getan habe, sei nichts mehr wert und man lebe ständig in zwei Welten. Erst seit seine Werke übersetzt wurde, könne er im Gleichgewicht zwischen den zwei Welten leben. Vorher sei er hier ein Autor ohne Buch gewesen.

Maler und Musiker seien nicht auf das Wort angewiesen. Dieser Unterschied sei ein Thema in seinem aktuellen Buch Die Stadt der weißen Musiker.

Ali Bachtyar las einen kurzen Teil vom Anfang des Buchs auf Kurdisch. Im Anschluss las Frank Arnold einem längeren Abschnitt.

Die Moderatorin fragte nach der Bedeutung der Farbe Weiß für ihn und hatte gleich zahlreiche eigene Interpretationen parat. Ali Bachtyar verneinte alle Varianten, in seinem Buch steht Weiß für die Unendlichkeit. In der orientalischen Erzähltradition gehe eine Geschichte aus der anderen hervor. Diese mündliche Geschichtentradition sei im Irak leider nicht mehr existent und auch in den kurdischen Regionen im Irak und der Türkei selten geworden. Seine Großmutter habe ihm noch viele Märchen erzählt. Die Märchen von 1001 Nacht seien auch eine Sammlung von Geschichten aus den verschiedensten Quellen.

Die Stadt im Buch stehe für die unsterbliche Schönheit, die in uns allen sei. Es gebe verschiedene Erzählebenen und eine Art magischen Realismus, in der er das Wunderbare in den Alltag einbetten wollte. Um das Leben darzustellen, brauche er poetische Sprache. Die Absurdität des Lebens der Kurden könne er in Alltagssprache nicht beschreiben. Es gebe dunkle Ecken und undurchschaubare Strukturen im Orient, deshalb brauche er parallele Welten um die Ereignisse dort schildern zu können.

In dieser weißen Stadt würden alle Hoffnungen und Träume der Menschen aufbewahrt, um vielleicht irgendwann von jemand anders vollendet zu werden. Seine Hauptfigur Dschaladati ist der einzige Überlebende eines Massakers und wacht in der Stadt des Staubes wieder auf, die ein einziges großes Bordell ist. In dieser Stadt finde er das Haus eines Arztes und dieses habe wie die Realität einen doppelten Boden.

Dann wurde eine Szene gelesen, in der Dschaladati entdeckt, was sich im Keller dieses Hauses befindet: Eine große Gemäldesammlung mit Werken von getöteten Künstlern. Der Arzt will diese bewahren und so auch an diese Künstler und deren Schicksale erinnern.

Schreiben bedeutet für Ali Bachtyar auch Erinnern. Er stamme aus einem Land, in dem viel gedichtet, gemalt und komponiert werden, aber nur die wenigsten dieser Werke auch veröffentlicht würden. Sein Traum sei, diese Werk bewahren zu können. Durch das Schreiben könne er auch etwas retten. Auch wenn man die Welt nicht verändern könne, so sei es möglich, einiges zu retten.

Viel zu schnell war die knapp einstündige Veranstaltung mit diesem interessanten Autor vorbei, die leider zu stark von der der Moderatorin und ihren Interpretationen dominiert wurde.

Es ist noch nicht sicher, ob es auch ein Hörbuch geben wird. Dieses würde vermutlich von Frank Arnold gelesen.

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Fernando Aramburu las am 16.03.2018 in Leipzig

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Zu Beginn wurde Fernando Aramburu kurz vorgestellt. In San Sebastian im Baskenland geboren, seit 1985 in Hannover lebend, weil er während des Studiums in Saragossa eine junge Deutsche kennenlernte, wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt. Seine ersten deutschen Worte seien „Bier“ und „Bratwurst“ gewesen, seine Bücher schreibe er nach wie vor auf Spanisch. In Deutschland fühle er sich wohl und das in Deutschland oft nicht so gute Wetter helfe ihm beim Schreiben, denn er bleibe öfter zu Hause als in Spanien. Seiner Ansicht nach fördern die kalten dunklen Winter das Philosophieren und auch den Erfindungsgeist.

Sein 2016 veröffentlichter Roman Patria wurde in Spanien mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Familien, die beiden Mütter sind starke Frauenfiguren. Nach Vorbildern habe er nicht lange suchen müssen. Früher seien die Frauen meist zu Hause stark gewesen, heute auch außerhalb. Sein Vater sei jeden Samstag mit der ungeöffneten Lohntüte nach Hause gekommen, seine Mutter habe sie geöffnet und ihm einen Teil davon zu Weggehen mit Freunden gegeben.

Patria folgt dem Schicksal der beiden Familien mit insgesamt neun Hauptfiguren über rund drei Jahrzehnte hinweg. Die beiden Frauen waren lange eng befreundet, ihre Freundschaft von der ETA zerstört. Hat der Sohn von Bittoris bester Freundin Miren mit dem Mord an ihrem Mann zu tun oder war er gar selbst der Täter? Dies sei die zentrale Frage des Romans, die Bittori klären will. 2011 kündigte die ETA an, den bewaffneten Kampf aufzugeben und das habe vieles im Baskenland verändert.

Es folgte eine Lesung aus dem Anfangskapitel, in dem Bittori das Grab ihres ermordeten Mannes besucht, ihm von der Ankündigung der ETA erzählt und von ihrem Plan, die Wahrheit herauszufinden.

In allen seinen neun Romanen gebe mindestens eine Friedhofepisode, diesmal habe er es vielleicht übertrieben, aber er liebe Friedhöfe.

1984 wurde ein Senator aus seiner Heimatstadt ermordet. Dieser sei das erste Opfer gewesen, das er persönlich kannte und dadurch sei die ganze Sache für ihn emotional anders geworden. Nachrichten über Anschläge aus dem Iran, Irak und anderen fernen Ländern könnten wir nicht richtig verarbeiten, das sei alles weit weg. Auch die Reue einiger Mittäter habe ihn stark bewegt. Das letzte Kapitel könne auch als Vorwort gelesen werden – aber er werde hier nicht den Inhalt diskutieren. Ihm sei schon öfter aufgefallen, dass die Kritiker gerne den kompletten Inhalt diskutierten und somit alles verraten würden. Genau das wolle er jedoch nicht, viele Leser wollten das Buch selbst lesen und entdecken. Darauf folgte kurzer Applaus.

Auf der anderen Seite finde er die vielen Interpretationen sehr spannend. Das Buch lasse bewusst Vieles offen, fälle keine Urteile über eine einzige Figur. Ihm sei es wichtig gewesen, zu zeigen, was die Morde der ETA mit den Menschen anrichteten und die Zerrissenheit der Gesellschaft. Nicht der Terror sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die menschlichen Schicksale. Wie aus „noch einem Attentat“ in den Medien ein persönlicher Albtraum werden könne. Einige der Figuren würden im Lauf des Romans ihre Einstellung zur ETA ändern, keine solle für eine bestimmte Ideologie stehen.

Dann wurde eine kurze Szene aus dem Haus von Miren gelesen, die ihr Bestes gibt, um die Familie trotz aller Schicksalsschläge zusammenzuhalten.

Für Fernando Aramburu hat Patria auch etwas Allgemeingültiges. Ein bewaffneter Konflikt, ein Mord. Das Schweigen im Dorf, zwei Freundinnen, die deshalb nicht mehr miteinander sprechen. Patria sei eine krasse Geschichte aus dem Baskenland, zeige aber auch allgemeine Mechanismen. Das Schweigen sei in dörflichen Gemeinschaften etwas ganz Anderes als in größeren Städten. Es sei wirklich so gewesen, dass die Familien der Opfer ausgegrenzt wurden. Alle wollten weiterleben und hätten den Mund gehalten.

Er selbst sei mit der baskischen Tragödie aufgewachsen, jedoch in den 80ern nicht ins Exil gezogen (scheinbar ein gelegentlicher Vorwurf), sondern zu seiner Partnerin nach Deutschland. Auch von dort sei der Konflikt und das Schicksal der Menschen ihm immer nahe gewesen. Schon damals habe er gewusst, dass er irgendwann darüber schreiben werde. Es habe jedoch jedoch mehr als einen Versuch gebraucht. Vielleicht habe eine gewisse Distanz auch geholfen.

Alle neun Protagonisten sind Erzähler, so könnten die Leser direkt in ihre Seelen und Gedanken hineinblicken. Der Mord am Vater werde so im Lauf des Romans aus neun verschiedenen Perspektiven erzählt. Heute früh aber er erfahren, dass Patria wieder auf Nr. 1 der spanischen Bestsellerliste sei. Derzeit werde der Roman wieder täglich in den Medien erwähnt, was seiner Meinung nach daran liegt, dass es um das Privatleben der Figuren ginge, das viele Spanier anspreche.

Es gebe bewusst weder ein Vorwort noch eine Widmung, im Mittelpunkt sollten alleine die Figuren stehen. Den Ort im Roman gebe es nicht, das habe er nicht gewollt. Wer sich jedoch im Baskenland auskenne, wisse welches Dorf ihm als Vorbild diente, auch wenn er z.B. eine Dorfkirche erfunden habe. Der Priester im Roman habe auch Menschen zu ETA Sympathisanten gemacht. In Dörfern habe man klar Positionen beziehen müssen, in den Städten sei es einfacher gewesen auszuweichen. Es habe viele Stufen des Mitmachens gegeben, nicht alle Täter hätten zu Waffen gegriffen. Fernando Aramburu ist sich nicht sicher, wie es ihm ohne Umzug nach Deutschland im Baskenland ergangen wäre.

Dann wurde noch eine dritte Stelle gelesen, in der es um Bittoris Mitgefühl für Mirens Sohn geht. Verständnis, jedoch keine Akzeptanz von Mirens Verhalten.

Es habe in allen Provinzstädten im Baskenland Lesungen aus Patria gegeben, eine lange Lesereise. Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich ausgefallen und es gefalle ihm, dass das Buch dort zu einer friedlichen Debatte geführt habe. In manchen Dörfern könne das Buch nicht öffentlich gelesen werden und werde heimlich gekauft. „Patria“ solle auch das schnelle Vergessen verhindern, das nur den Tätern helfe.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob Fernando Aramburu der ETA schon immer so kritisch gegenübergestanden habe. Laut eigener Aussage hatte der Fragesteller vor der Lektüre gewisse Sympathien für die ETA und habe erst im Roman gesehen, was die vermeintlich legitimierte Gewalt in den Familien anrichtete.

Fernando Aramburu antwortete, dass er schon seit seiner frühsten Jugend gegen die ETA war. Sogar als er mit 14, 15 Jahren der Indoktrination ausgesetzt gewesen sei, habe er nicht geglaubt, dass man mit Gewalt eine gute Gesellschaft aufbauen könne. Heute gehe es Allen im Baskenland deutlich besser, seitdem die ETA mit dem Morden aufgehört habe.

Eine weitere Frage war, ob die Katalanen nichts aus der Geschichte des Baskenlandes gelernt hätten. Für Fernando Aramburu ist die Situation in Katalonien anders. Dort habe man gelernt, ohne Terror für Unabhängigkeit zu kämpfen und ihm persönlich sei wichtig, dass das Baskenland sich nicht habe anstecken lassen.

Es gebe Tendenzen zur Regionalisierung in der EU und am Wichtigsten sei, ein verlässliches Miteinander in der EU hinzubekommen. Momentan gebe es viel Angst in der EU und viele Menschen glaubten, dass sie nur dann sicher seien, wenn sie sich einsperren. Ein kleines Land schaffen, in dem nur die leben dürften, die sie sich aussuchen. Man habe Angst vor Fremden und der Globalisierung. Machthungrige Menschen würden das ausnutzen. Das habe Europa immer Unglück gebracht und sei besorgniserregend.

Auf die Frage, ob er ein weiteres Buch über das Baskenland schreiben werde, antwortete Fernando Aramburu, dass er vielleicht irgendwann darauf zurückkommen werde, aber die Geschichte des Baskenlandes solle nicht zu einem Monothema für ihn werden. Aktuell sei er ständig unterwegs und schreibe überhaupt nicht. Erst nach dem Ende der Lesereise könne er sich erholen und Gedanken über ein weiteres Buch machen.

Damit endete eine spannende und lehrreiche Veranstaltung, das von Eva Mattes gelesene Hörbuch wurde direkt noch in Leipzig gekauft.

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Jakob Hein las am 15.03.2018 in Leipzig

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Der Moderator Klaus Hillenbrand stellte Jakob Hein kurz vor, der neben seiner Arbeit als Psychiater bereits zahlreiche Bücher geschrieben hat. Sein neustes Werk Die Orient-Mission des Leutnant Stern beruht auf einer so skurrilen wie wahren Begebenheit im 1. Weltkrieg.

Leutnant Edgar Stern hatte die Idee, den Suezkanal zu sprengen, um England das Genick zu brechen. Er schickte entsprechende Pläne ans Kriegsministerium in Berlin und wurde tatsächlich dort einbestellt.

Dann las Hein eine Textstelle über den Termin Sterns bei Major Braubach, der hinterfragte, wie Stern auf diese Idee gekommen sei.

Die Idee Sterns sei irgendwann in den Hintergrund geraten, zugunsten eines noch verwegeneren Plans. Das Deutschen Reich könne einen Dschihad auszulösen und so den Krieg zu gewinnen.

Spätestens seit Goethes West-östlicher Divan habe der Islam in Deutschland als DIE friedfertige Religion gegolten. Wilhelm II. sei ein großer Freund der muslimischen Welt gewesen. Es habe auch Gerüchte gegeben, dass er zum Islam übergetreten sei, dies nur nicht öffentlich sagen könne.

Die Türkei habe damals als neutral gegolten, mit mehr Sympathien für Deutschland als die Alliierten, in Rumänien sei es genau umgekehrt gewesen. Die Idee war, durch eine symbolische Geste ein bedeutendes Zeichen zu setzen.

In jener Zeit wurden viele Menschen aus den französischen Kolonien in den Krieg gepresst und auch wenn die Figuren im Buch erfunden sind. Frankreich habe damals zum Beispiel beim Sultan von Marokko 2000 Mann für seinen Krieg gefordert und ehemalige Sklaven bekommen, die in den Bergen von Marokko in archaischen Verhältnissen lebten. Diese sollten in Belgien für Frankreich gegen Deutschland kämpfen. Andere kamen aus Tunesien und Algerien. Diesen Menschen wollte Jakob Hein eine Stimme geben.

Es folgte eine Lesung aus Perspektive der zwangsrekrutieren Soldaten von der Front. Dort fragen sie sich, warum die Franzosen so viele unterschiedliche Uniformen hätten, ob diese unterschiedliche Stammeszugehörigkeiten anzeigen sollten. Für Menschen, die Geschichten von Löwenjägern kannten aber nichts von europäischen Traditionen wussten, waren es schlimme Tage, die zu schlimmen Monate wurden.

Leutnant Edgar Stern sollte 14 dieser Muslime in geheimer Mission von Berlin nach Konstantinopel bringen. Sie sollten zum Sultan von Konstantinopel und dort als große Geste gegenüber dem Islam freigelassen werden. Gerade damals fielen diese fremdländisch aussehenden Menschen in Europa auf und wirkten nicht wie Deutsche. Um sie unbeschadet durch feindliches Gebiet zu bringen, gab Leutnant Stern sie als Zirkusartisten und hatte sogar ein Zelt und Zirkusgeräte im Zug dabei.

Es folgte noch eine kurze Lesung vom Anfang der Bahnreise, die Jakob Hein mit den Worten beendete, dass eine Bahnfahrt damals ganz anders verlaufen sei als heute, z.B. ohne Strom – andererseits sei man damals auch problemlos wieder zurück nach Deutschland gekommen. „Free them all“ wolle er noch sagen.

Auch damals habe Deutschland sich in innenpolitische Belange der Türkei nicht einmischen wollen, wie zum Beispiel die Verfolgung der Armenier. Der Dschihadaufruf Deutschlands habe tatsächlich dazu geführt, dass die Armenierpogrome in Istanbul sich verstärkten.

Viel zu schnell endete die interessante Veranstaltung zu diesem Buch, das direkt auf meinem Wunschzettel landete.

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Wei Zhang las am 16.03.2018 in Leipzig

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André Gstettenhofer vom Salis Verlag stellte die Autorin Wei Zhang und ihr Buch kurz vor.

“Eine Mango für Mao” spielt in China und beginnt 1968, mitten während der Kulturrevolution. Erzählerin ist die fünfjährige Yingying, durch deren Augen die Schrecken jener Zeit ein wenig abgemildert werden. (Leseprobe bei issuu)

Wei Zhang las eine kurze Passage vom Anfang des Buches, in der Yingying zu ihren Großeltern reist. Zuvor wurde Obst gekauft, ein übliches Mitbringsel für die Familie. Yingyings Vater erhielt auf der Arbeit als Auszeichnung einen Anstecker , den das kleine Mädchen unbedingt selbst einmal tragen will.

Obwohl Wei Zhang selbst während der Kulturrevolution aufwuchs, ist der Roman ist nicht autobiographisch. Die im Roman geschilderte Kindheit sei typisch für die meisten Menschen ihrer Generation. Sie erklärte einiges zu Familientraditionen in China, wie zum Beispiel, dass damals wie heute die Enkel oft bei den Großeltern aufwachsen und Frauen nach der Heirat fest zur Familie des Mannes gehören. Der Kontakt zu den Eltern der Frau ist deutlich geringer und sie werden auch nur selten besucht. In neuerer Zeit hält diese Sitte wieder Einzug, nicht nur auf dem Lande und es ist eine Art Statussymbol, zu Feiertagen von den Kindern und Enkeln besucht zu werden. Durch die Ein-Kind-Politik bedeutet das für die Eltern eines Mädchens oft einsame Tag

Mao sei damals ein übermächtiger Politiker gewesen, so wie es Xi Jinping heute wieder werden wolle, u.a. indem er gerade die Weichen dafür stellt, Präsident auf Lebenszeit zu werden. Wie Mao wolle er China stark machen und das sei unter einer Diktatur einfacher und gehe schneller. Die aktuelle Entwicklung beobachtet sie mit Sorge.

Wei Zhang kam 1990 durch ihr Anglistikstudium nach Europa, wohnt heute in der Schweiz und schreibt für die Neue Züricher Zeitung, während ihre Mutter und Schwestern nach wie vor in China leben. Es sei ihrem Vater sehr wichtig gewesen, dass sie frei leben solle und besser als er. Als Kind habe sie nicht verstanden, wie er das meinte. Schon früh begann sie englische Romane zu lesen. In der Schweiz habe sie dann vergeblich nach „bohemian cafés“ gesucht und rote Sofas. Erst mit der Zeit habe sie sich dort eingefügt und die deutsche Sprache sei ihr inzwischen ins Blut gegangen, ein Teil ihrer Identität geworden.

„Eine Mango für Mao“ schrieb sie auf Deutsch. Sie denke nicht auf Chinesisch und übersetze beim Sprechen auf Deutsch. Sicherlich stamme sie aus Chongqing, lebe jedoch seit rund 30 Jahren im Westen.Daher fühlt sie sich in beiden Kulturen heimisch, der chinesischen und der europäischen.

Der Titel ihres Buchs beruht auf einer wahren Begebenheit und auch das Titelbild stammt aus jener Zeit.

Mao wollte dem Volk Mangos schenken und es gab zahlreiche Gerüchte darüber. Mangos waren bei der damals meist armen Bevölkerung eine unbekannte Frucht, es war eine ganz besondere Geste. Auch in Chongqing war dieses Aktion in aller Munde und Wei Zhang sah eines Tages einen Lastwagen ungewöhnlich schnell vorbeifahren. Die normalen LKWs seien alle eher alt und sehr langsam gewesen. Auf diesem LKW was etwas großes Gelbes, sie schätzt ca. zwei Meter langes und sie dachte, es wären Mangos. Erst als Erwachsene fand sie in der Schweiz heraus, dass Mangos deutlich kleiner sind und die Mangos für Mao aus Pakistan kamen. Bei der Übergabe waren sie bereits verfault und es gab zum Teil künstliche Mangos aus Pappmaché.

Ob das Buch in China auch erscheint, ist noch nicht bekannt. Auf der Buchmesse in Frankfurt 2017 habe sich trotz große Interesses kein Verlag gefunden. Die Menschen in China würden solche Bücher lesen wollen, aber die Verlage waren wegen möglicher politischer Botschaften zwischen den Zeilen besorgt.

Sie hoffe, dass die Lage sich wieder entspanne und das Buch auch ohne Probleme in China erscheinen könne. (wohl eher im Hinblick auf die derzeitigen Einschränkungen bezogen als auf den Erfolg ihres Buches.)

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Herman Koch las am 17.03.2018 in Leipzig

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Fast pünktlich um 21:00 begann die Veranstaltung mit Herman Koch. Der Moderator Jan Konst verriet, dass Herman Koch aufgrund des Wetters erst 16 Minuten zuvor in Leipzig angekommen war.

Er stellte Herman Koch kurz vor als den erfolgreichsten niederländischen Autoren, dessen Erfolg zum guten Teil auf dem Buch Angerichtet beruhe, das drei Mal verfilmt wurde. Von der Version mit Richard Gere zeigte sich der Autor nicht gerade begeistert.

Sein neustes Buch Der Graben sei ein schwarzhumoriger Satireroman, in dessen Mittelpunkt Robert Walter stehe, der Bürgermeister von Amsterdam. Dieser führe mit knapp 60 das scheinbar perfekte Leben, mit toller Frau und Tochter. Bis er dann eines Tages auf einem Empfang seine Frau Sylvia mit einem eher ungeliebten Dezernenten sehe und vermute, sie habe eine Affäre mit diesem Mann. Überall sehe er Zeichen und mache sich verrückt.

Es war Herman Koch wichtig, dass die Hauptfigur eine immer wieder im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehende Position hat, denn in einer normalen Familie wäre der Umgang mit so einer Situation anders. Der Bürgermeister hingegen fürchte sich vor den Medien, vor dem Einsturz seines so idealen Lebens. Er habe das erste Kapitel einigen Testpersonen vorgelesen und gefragt, was sie glaubten, wer die Hauptfigur sei. Die meisten hätten auf den König getippt, was ihm wiederum zu kompliziert war.

Es folgte eine kurze Lesung auf Niederländisch, dann eine längere Passage vom Anfang des zweiten Kapitels, in dem eben jener Empfang stattfindet.

Herman Koch weiß bis heute nicht, ob Sylvia Walter tatsächlich eine Affäre habe. Sonst habe er kein Buch darüber schreiben können und wenn es der Autor nicht wisse, könnten es die Leser auch nicht wissen. Bei skandinavischen Krimis sei immer die unwahrscheinlichste Figur der Mörder, in seinem Buch sollte es keinerlei versteckte Hinweise geben können, egal ob gewollt oder ungewollt. Während des Schreibens sei ihm Sylvia immer sympathischer geworden und auf die wiederholte Frage seiner Frau, ob Sylvia eine Affäre habe, antwortete er irgendwann „ich hoffe nicht“.

Durch die Ich-Perspektive falle es leicht, sich mit dem Bürgermeister zu identifizieren und Jan Konst gab zu, mit der Hauptfigur gelitten zu haben. Er habe sich regelrecht gewünscht, Robert Walter würde anfangen, Sylvias Emails und Telefonlisten zu kontrollieren – auch wenn das eigentlich verwerflich sei.

Herman Koch ist sich sicher, dass der Bürgermeister es nicht wirklich wissen will. Denn er hätte ja fragen können, aber allein durch die Frage eine vielleicht tatsächlich perfekte Beziehung zerstört. Der Bürgermeister fürchte sich vor dem Wissen und es sei ihm lieber, dass die mögliche Affäre still beendet werden könne und die ideale Beziehung fortgesetzt werden.

In einer niederländischen Zeitung gebe es jede Woche ein Interview mit einer Person, die fremdging. Eines war mit einer älteren Frau, deren Mann von ihrer Affäre vor zehn Jahren wusste, aber sich aus Respekt ihr gegenüber nichts anmerken ließ.

Auch Robert Walter zahle einen hohen Preis für dieses Verhalten. Jedes Wort von Sylvia lege er auf die Goldwaage, alles biete unzählige Deutungsmöglichkeiten und er spiele die Sätze immer wieder in seinem Kopf durch. Die Leser kennen nur seine Perspektive, die fast klaustrophobisch ist. Mit der Zeit beginne man so zu denken und spekulieren wie er.

In seinen Büchern greift Herman Koch auch immer aktuelle Themen auf, in diesem Fall Sterbehilfe. Es habe in den Niederlanden einen Fall gegeben, in dem ein bekannter Moderator entschied, gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord zu begehen. Sie starb, er überlebte. Später sei herausgekommen, dass er schon vorher Urlaub gebucht hatte und seit Jahren eine Mätresse in der Schweiz. Vorbild für die Figur im Buch sei ein 90-jähriger aus seinem Bekanntenkreis, dessen Frau eines natürlichen Todes starb und der Mann sich dann z.B. das früher ersehnte Auto gönnte.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob es einen persönlichen Anlass für das Buch gegeben habe. Herman Koch antwortete, dass er neugierig gewesen sei, wie er selbst in so einer Situation reagieren würde. Auch er seit glücklich verheiratet und man habe vielleicht etwas Paranoia, könne nie wissen, ob so etwas einem nicht selbst passieren könne. Nichts in dem Buch sei autobiographisch, worauf der Moderator mit einem Augenzwinkern anmerkte, dass der Bürgermeister nur zufällig genauso alt wie Herman Koch sei.

Viel zu früh endete ein vergnüglicher Abend mit einem gut eingespielten Team von Autor und Moderator. Herman Koch nahm sich im Anschluss noch viel Zeit zum Signieren und für Fragen.

Link zum Buch beim KiWi Verlag

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Sabine Weigand las am 16.03.2018 in Leipzig

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Zu Beginn der Veranstaltung stellte die Moderatorin Michaela Pelz kurz Sabine Weigand vor, die schon gut bekannt ist als Autorin anspruchsvollerer und spannender historischer Romane.

Sabine Weigand selbst stellte dann ihr neustes Buch vor, “Die Manufaktur der Düfte”. Im Mittelpunkt steht die Familie Ribot, deren Seifensiederei in Schwabach für einige Jahrzehnte von großer Bedeutung war.

Sehr engagiert und mit deutlicher Freude an den fränkischen Textstellen las Sabine Weigand den Abschnitt, in dem der junge Philipp Benjamin Ribot im Jahr 1845 nach Schwabach kommt und als Geselle in einer kleinen Seifensiederei anfängt. Sein Wissen ist dem dem Meisters Ernst Strunz weit voraus und er hilft dabei, den Familienbetrieb zu modernisieren. Es vergehen einige Jahre, bis er einen Antrag auf Vermählung mit der Tochter von Ernst Strunz stellt, Einbürgerung und Zulassung als Seifensieder.

Die entsprechende Urkunde befinde sich noch heute im Archiv von Schwabach. Sabine Weigand lernte von einer Freundin, wie man Seife kocht. Ihre Oma habe noch Kernseife für die Wäsche genutzt und Schmierseife für den Boden. In jener Zeit sei Seife sehr wichtig gewesen. Die alten Römern kannten noch keine Seife und verwendeten gegorenen Urin. *grusel* Entgegen aller Vorurteile, waren die Menschen im Mittelalter sehr reinlich. Erst im Barock habe sich der Glauben durchgesetzt, die Syphilis verbreite sich im Bad…. Durch die Erfindung von Soda und die Industrialisierung wurde die Qualität von Seife immer besser. Es wurden keine tierischen Fette mehr verwendet und der Schaum wurde feiner.

Als Historikerin gefiel ihr besonders gut, dass fast alles aus dem Roman historisch belegt ist und sie nicht so viel erfinden musste. So sei die Geschichte viel authentischer und es falle ihr immer sehr schwer, historische Handlung zu erfinden.

Fritz Ribot, der Sohn von Philipp Benjamin Ribot, ist der geborene Seifensieder und ein leidenschaftlicher Unternehmer. Verwandte der Familie hatten eine große Fabrik in Pittsburgh in den USA, die Fritz besuchte. Dort lernte er in Deutschland noch unbekannte Werbemethoden kennen, wie z.B. Kinowerbung, Sammelbilder-Serien und erfand auch eine „Glücksseife“. Diese wurde auf Antrag von Konkurrenten gerichtlich verboten, weil diese in den in der Verpackung enthaltenen Losen verbotenen Glücksspiel sahen.

Auch mit neuer Technologie revolutionierte er den deutschen Seifenmarkt. In seiner Fabrik in Schwabach stand die erste Dampfmaschine des Orts, seine Familie hatte das erste Telefon, mit der Nummer 1, Ribot war die erste elektrifizierte Fabrik und er illuminierte so Schwabach. All diese Neuerungen und sein Forschungs- und Erneuerungsdrang machten ihn anderen Menschen manchmal unheimlich. Sabine Weigand sieht in ihm einen Vordenker, der in seiner Welt gefangen war. Andere Menschen hatten es schwer, mit ihm Schritt zu halten, wie zum Beispiel auch seine Brüder.

Das Leben als Fabrikarbeiter in den Städten war hart. Viele Menschen lebten in schimmligen Löchern, arbeiteten von Montag bis Samstag zwölf Stunden pro Tag, ohne Kündigungsschutz oder Rente. Von Lohnfortzahlung bei Krankheit ganz zu schweigen. Mit der Zeit begannen die Arbeiter sich zu formieren.

Leider gibt es über die Oberschicht deutlich mehr Dokumente als über die Arbeiter oder den Wirt der Arbeiterkneipe „Zum Walfisch“ (oder „Im Walfisch“? – konnte leider nichts dazu finden.). die Kneipe geben es wirlich, die dort arbeitende Familie habe sie jedoch erfinden müssen.

Es folgte die Lesung einer Textstelle, die im „Walfisch“ spielt und bei der es um die Gründung des Arbeitervereins ging, nach dem Vorbild von Ferdinand Lassalle. Es wird über das zweite Attentat auf den Kaiser diskutiert, als der Wachtmeister kommt…

Eingeflochten ist ein Originaltext aus einer Zeitung jener Zeit. Diese Kollagetechnik mag Sabine Weigand gerne, um die Handlung authentischer zu machen.

Dieser Roman unterscheide sich in mancher Hinsicht von ihren anderen Büchern. Keines habe bisher in Schwabach gespielt und über keine andere Stadt wisse sie mehr. Über diese Zeit sei viel mehr bekannt, als man es je über Mittelalter wissen könne. Sie verbrachte viel Zeit mit der Recherche vermeintlich kleiner Details, damit nicht zum Beispiel der erste Teebeutel vor seiner Erfindung auftaucht.

Eine weitere Freiheit nahm sie sich, indem sie die Firma Ribot im Jahr 1926 pleitegehen ließ. Während des ersten Weltkriegs musste die Produktion umgestellt werden, weil Glyzerin für Sprengstoff benötigt wurde und nach den Krieg waren sowohl die früheren Märkte als auch die Kolonien mit den Rohstoffen weg. Es folgte die Inflation und niemand konnte sich mehr Toilettenseife leisten. Die Familie habe alles versucht, einen Teil der Belegschaft entlassen, in eine Aktiengesellschaft gewandelt.

Alle Unterlagen über die Zeit des 2. Weltkriegs sind verschwunden. Die Firma habe wohl knapp überlebt, aber sei dann der neuen Konkurrenz durch Henkel, Sunlicht und andere Unternehmen erlegen. Schon in den 20er Jahren sei die Produktion auf das Anfangsniveau zurückgefallen, als die Seife in der Küche hergestellt wurde.

Ihr nächstes Projekt spielt in Schlesien, in der Nähe von Breslau. Dort gibt es ein heutzutage hier praktisch unbekanntes Schloss namens Fürstenstein, das praktisch das Neuschwanstein Polens sei. Es habe damals Hans Heinrich von Pless gehört, der 1892 die gerade 18-jährige Daisy Cornwallis-West heiratete.

Die Ehe erinnere stark an Charles und Diana, denn Hans Heinreich von Pless hatte eine Geliebte, die er nicht heiraten durfte und bekam mit seiner Frau zwei Söhne. Die beiden führten ein Jet Set Leben, waren immer auf Achse, in Baden-Baden, Nizza, Ägypten und Indien. Für Sabine Weigand ist Daisy eine sehr frustrierte Frau, die sich dann für die Wohlfahrt einsetzte und zum Beispiel Krüppelheime in Schlesien gründete.

Bei einem Besuch des Schlosses und der späteren Wohnung von Daisy werde deutlich, wie unglaublich feudal damals die obersten sozialen Schichten lebten. Aus Daisys Tagebüchern erfuhr sie, dass diese nie wusste, wie viele Zimmer das Schloss eigentlich hat und einige Zitate werden ihren Platz im neuen Buch finden.

Wenn sie sich in der Endphase des aktuellen Buchs befinde, das Ende feststehe, beginne sie schon mit der Recherche für das neue Buch. Recherche sei für sie als Wissenschaftlicher deutlich einfacher als authentisch wirkende Figuren mit Tiefe zu gestalten. (Wobei ihr das meiner Meinung immer wieder äußerst gut gelingt.) 50 Seiten des neuen Buchs seien schon fertig.

Im Anschluss an die Lesung signierte Sabine Weigand noch und beantwortete weitere Fragen.

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Elisabeth Herrmann las am 24.02.2018 in Moers

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Das diesjährige Moerser Krimifestival wurde mit einer Lesung von Elisabeth Herrmann eröffnet. Der gut gelaunte Moderator Stefan Keim betrat gemeinsam mit ihr die Bühne und kündigte eine fünfeinhalbstündige Veranstaltung ohne Pause an.

Sieben Jahre nach Zeugin der Toten erschient im letzten Herbst die Fortsetzung Stimme der Toten.

Zum Auftakt las Elisabeth Herrmann das erste Kapitel, in dem das rasante Finale des ersten Bandes aufgegriffen wird. Dieser Teil spielte in einer Bank – die Lesung fand passenderweise in der örtlichen Sparkasse statt. Stefan Keim merkte an, dass seiner Meinung nach Nina Petri sich beim Hörbuch eher zurückgenommen habe, Elisabeth Herrmann deutlich engagierter lese. Elisabeth Herrmann erwiderte, dass sie die Personen und deren Stimmen im Kopf habe und früher auch ihren Kindern vorgelesen habe – das sei anders, als die FAZ vorzulesen.

Die Hauptfigur Judith Kepler habe viel erlebt und eine so aufwühlende Szene könne sie nicht gelassener lesen. Dann stellte sie Judith Kepler vor, deren Lebensweg aus einer Stasifamilie bis zur schwierigen Beruf als Tatortreinigerin, die mit ihrer Vergangenheit klarkommen müsse. Eine gescheitere Republikflucht habe ihr das Leben auch nicht leichter gemacht und Judith wolle auf keinen Fall Opfer sein.

Der Abstand von sieben Jahren liege an ihrem Wechsel zu Goldmann. Eigentlich waren schon 150 Seiten des 2. Bandes geschrieben, aber Goldmann wollte nicht direkt mit einer Fortsetzung anfangen und so seien einige andere Bücher gekommen. Diese sieben Jahren seien auch im Buch vergangen und die neue Judith habe ihr nicht gefallen. Sie sei noch irgendwie gefangen und habe nichts aus den Informationen gemacht, die am Ende des ersten Bandes über ihre Familie erhielt.

Die Namen der Figuren wähle sie nach dem Klang aus. Sowohl Kepler als auch Judith hätten etwas calvinistisch-zurückgenommenes, Harras erinnere sie an einen edlen Schäferhund und würde zu einer Person in einer verantwortungsvollen Position passen.

Sie selbst sei in eher ärmlichen Verhältnissen im roten Gallus aufgewachsen und ihr Vater habe großen Wert auf Bildung gelegt, konnte frei aus dem Ilias zitieren und vielen anderen Klassikern. In den Bücherkisten, die Judith in Nachlässen findet, stecke die Bibliothek ihrer Eltern, wie z.B. auch „Don Camillo“.

Nach der Schule habe sie im Akkord in einer Fabrik gearbeitet, Bauzeichnerin gelernt und das Abitur an einer Abendschule nachgeholt.

Schon früh habe sie den Entschluss gefasst, einen Krimi zu schreiben, ohne Gemetzel und mit authentischen Figuren, die man wie Freunde vermisse, wenn man das Buch beiseite lege. So wie es ihr mit ihren Lieblingsbüchern gehe.  Am Anfang habe sie rund 50 Absagen bekommen und schlechte Erfahrungen mit Agenten gemacht, deren heutige Forderungen sie für zu hoch hält.

Für die Verfilmungen ihrer Bücher schreibe sie inzwischen selbst die Drehbücher, wie zwei Mal für das ZDF. In der Vergangenheit habe sie schlechte Erfahrungen mit eigenmächtig handelnden Regisseuren gemacht, die ihre völlig veränderte Version der Geschichte erzwangen. Sie habe ihre Geschichte und Figuren nicht wiedererkannt und es habe Kritik von den Lesern gehagelt. Das sei schädlich für ihren Ruf, insbesondere bei Menschen, die ihre Bücher noch nicht gelesen hätten. Auch ihr Agent sei fassungslos gewesen und seitdem vermarkte ihre Bücher selbst für mögliche Verfilmungen. Ein einziges Mal zog sie bisher ihre Genehmigung für ein Drehbuch zurück, alle andere gab sie durch ihre Unterschrift frei. Die Verfilmung von Schattengrund

sei mit Josefine Preuss blendend besetzt und auch die Dreharbeiten hätten ihr große Freude gemacht.

Zur Recherche für ihre Bücher sei sie einmal über Umwege auf der Waffenmesse in London gewesen und habe den sehr charismatischen Chef von Rheinmetall getroffen. Damals gab es noch die allgemeine Wehrpflicht, auch für ihren eigenen Sohn und am Ende des Gesprächs war sie überzeugt, dass selbstverständlich jeder die besten Waffen zur Verfügung haben solle. Erst draußen an der frischen Luft sei sie wieder aufgewacht. Bastide Larcan in ihrem neuen Buch sei auch eine solche Figur, eigentlich ein Drecksack, aber andererseits übe er eine besondere Faszination auf Frauen aus.

©Maximilian Lautenschläger

Dann las sie einen Abschnitt, in dem Larcan vorgestellt wurde. Ihrer Meinung nach wird er immer sympathischer, obwohl er ein verräterischer Waffenhändler ist. Auch er bekommt von ihr eine heftige Biographie, aber auch eine emotionale Liebesgeschichte.

In einer Nebenhandlung geht es um verwahrloste Kinder. Dieser Teil war ihr sehr wichtig, denn diesem Thema werde nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Einmal habe sie nachts ein junges Mädchen gesehen, das nicht wusste, wo es hinsollte. Nach Hause war keine Option und so solle kein Kind aufwachsen.

Der Abgabetermin für den dritten Band sei nicht erst in sieben Jahren, sondern schon im Oktober 2018. Die Filmrechte für das aktuelle Buch noch nicht vergeben, aber das Manuskript liege bereits bei der Hauptdarstellerin des ersten Teils und sie freue sich auf die Reise nach Odessa, um für den dritten Band zu recherchieren.

Nach der interessanten Veranstaltung signierte Elisabeth Herrmann noch Bücher.    

Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Sie arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman Das Kindermädchen ihren Durchbruch feierte.

Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: Aktuell laufen die ZDF-Dreharbeiten für die Verfilmung ihres Romans Schattengrund (cbt Verlag) mit Josephine Preuß als Hauptbesetzung. Bereits sehr erfolgreich im ZDF lief die Reihe um den Berliner Anwalt Vernau (Jan Josef Liefers).

Elisabeth Herrmann wurde mit dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis 2012 ausgezeichnet.

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Kat Menschik und Volker Kutscher lasen am 12.10.2017 in Frankfurt

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Gemeinsam mit Wolfgang Hörner vom Galiani Verlag betraten Autor und Illustratorin die Bühne im Kunstverein zur sehr humorvollen Premierenlesung.
Moabit ist in gewisser Weise die Vorgeschichte zu den Gereon Rath Krimis, jedoch ganz anders strukturiert. Der Roman besteht aus drei Teilen und Volker Kutscher las gleich zu Beginn aus dem ersten Abschnitt, während auf einem großen Bildschirm links der Bühne die jeweiligen Illustrationen gezeigt wurden. Der Schauplatz ist das Gefängnis Moabit und die Hauptfiguren wurden aus der Perspektive eines Insassen vorgestellt.
Kat Menschik mochte die Bücher von Volker Kutscher schon lange und wollte nach einigen Klassikern gerne mit einem ihrer Lieblingsautoren arbeiten. Zuvor hatte sie Geschichten von E.T.A Hoffman, Kafka und Shakespeare illustriert. Im letzten Sommer sei ihr die Idee gekommen, eine seiner Kurzgeschichten zu illustrieren. Vor dem Treffen habe sie Muffensausen gehabt zumal ihr Verleger noch im Urlaub war. Volker Kutscher habe ihr vorab einige Kurzgeschichten geschickt, alle um die 20 Seiten und sie habe schnell festgestellt, dass ihr das zu wenig sei.
Für ihn habe das bedeutet, etwas Neues schreiben zu müssen, da sich die Kurzgeschichten nicht verlängern ließen. Es dauerte nicht lange, bis auch er Ideen für dieses neue Buch hatte und sich dafür begeistern konnte. Sie wollte, dass auch diese Geschichte im Kosmos von Gereon Rath spielt, aber nicht im 3. Reich, um keine Hakenkreuze zeichnen zu müssen.
So spiele diese Geschichte in den Goldenen Zwanzigern und auf ihren Wunsch hin steht auch eine Frau im Mittelpunkt. Zuvor habe Volker Kutscher einen halben Meter geschrieben, bei dem Männer im Mittepunkt standen.
Volker Kutscher wollte bei diesem Projekt etwas Besonders machen, es anders gestalten und habe sich in einem Abschnitt für die Du-Perspektive entschieden, dann für die Ich-Perspektive. In jedem Abschnitt erzählt eine der drei Hauptfiguren aus ihrer eigenen Perspektive.
Es folgte eine weitere Lesung. Diesmal aus dem zweiten Abschnitt, in dem der Vater von Lotte Ritter einer der Wächter ist.
Kat Menschik wollte jedem Abschnitt ein Porträt der jeweiligen Figur voranstellen, was für Volker Kutscher ein ganz anderes Arbeiten bedeutete, denn er konnte auf Bilder zurückgreifen. Für sie war es etwas Besonders, mit einem lebenden Autor zusammenzuarbeiten – Kafka würde ihr nicht mehr reinreden.

Foto ottifanta

Wie vereinbart schickte er ihr zu Weihnachten die fertige, noch unlektorierte Geschichte. Sie habe lange überlegt, wie sie das Berlin der Zwanziger Jahre einfangen könne, den Tanz auf dem Vulkan und Stadtansichten, die es heute nicht mehr so gibt. Während der ersten Zeichnungen hörte sie von einem Comicfilm über jene Zeit, der jedoch nur über Sprechblasen den Text darstellen kann. Sie hingegen hatte den Vorteil, dass ihr Text ein ganzes Buch sei und sie mehr Freiheit habe. Ihre Leidenschaft für die Gebrauchsgrafik jener Zeit, die alten Schriftarten und die Ästhetik waren deutlich spürbar und sie entschied sich für alte Werbeplakate. Manche authentisch, andere erfunden, die das Gedruckte der Zeit wiederspiegeln.
Das Buch habe durch die Illustrationen einen Magazinlook bekommen, zweispaltig mit Text und den Anzeigen. Wenn jemand einen auf den Kopf bekommt, ist eine Werbung für Aspirin auf der anderen Seite, bei einer Messerstecherei eine für Solinger Klingen.
Anfangs habe sie helles Blau und das Berliner Ziegelrot gewollt, doch die ersten Probedrucke seien dröge gewesen. Das gedeckte Hellblau, knallige Orange und Braun würden einzeln gedruckt, die Farben so noch kontrastreicher wirken.
Bei der Lesung aus dem dritten Abschnitt konnte man ahnen, was im Hintergrund passiert, wenn man die Gereon Rath Bücher kennt. Laut Volker Kutscher wird Charlie das im nächsten Band herausfinden. Dieser Abschnitt wurde von Kat Menschik sehr engagiert vorgetragen. Charlies neue Freundin ist eine für damalige Verhältnisse sehr eigenständige Frau. Greta lebt alleine und verfügt über ihr eigenes Geld, obwohl sie keine Prostituierte ist. Dank ihr entdeckt Charlie, dass ihr wirklich etwas daran liegt, studieren zu können.
Am Schluss war noch etwas Zeit für Fragen des Publikums, die leider ungenutzt blieb. Beim Signieren verrieten die beiden, dass es vermutlich ein weiteres gemeinsames Projekt geben wird.

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Robert Menasse las am 11. Oktober 2017 in Frankfurt

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Robert Menasse betrat gut gelaunt mit Lothar Schröder (Rheinische Post) die Bühne im bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Ratskeller des Römers.
Als erstes machte er mit seinem Handy ein Foto vom Publikum. Er wisse nie, was er auf seinem Facebook-Account einstellen soll. Klar, nie irgendetwas Persönliches, dann sei doch das Foto einer qualifizierten Öffentlichkeit das Beste.
Mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet zu werden sei eine Überraschung gewesen. Beim Betreten des Saals habe ihn ein Unbekannter angesprochen, er müsse sich keine Sorgen machen, er werde den Preis nicht gewinnen. So sei er ganz entspannt in die Veranstaltung gegangen, im Glauben gerade mit einem der Juroren gesprochen zu haben. Er habe alle anderen nominierten Bücher gelesen und alle seien für den Preis qualifiziert. Fast habe er nicht mitbekommen, dass sein Name als der des Preisträgers genannt wurde.
Der Moderator Lothar Schröder war auch einer der Juroren des Buchpreises und fragte Robert Menasse, mit welcher Erwartung er in die Preisverleihung gegangen sei. Nach einem kurzen Moment folgte die Erwiderung, das habe er ihm gerade gesagt – aber er möge das am Literaturbetrieb, nach der Antwort auch noch die Frage gestellt zu bekommen.
Die Dramaturgie des Preises sei für Leser und Autoren sehr unterschiedlich und er müsse sich noch bei den Veranstaltern für die schönen Abende mit seinen Kollegen bedanken, an denen sie sich sehr friedlich in Hotelbars betrunken hätten.
Lother Schröder ergänzte, dass es trotz entgegenlautender Aussagen keinerlei Einflussnahme oder sonstigen Druck seitens der Verlage oder Autoren gegeben. Alles sei sehr entspannt gewesen.
Dann folgte eine kurze Lesung. Robert Menasse entschied sich für den Prolog. Das fände er sinnvoll, denn die Leser würden ja auch auf Seite Eins anfangen. 😉
Für Lothar Schröder ist Die Hauptstadt das erste bedeutende Buch über die EU, das just in einer Zeit erscheine, in der wir alle europamüde seien.
Menasse ging es genau darum, das Bedeutende unserer Zeit in diesem Roman einzufangen. Eines Abends bei einem Glas Rotwein, habe er das Gefühl gehabt, eine schleichende Revolution mitzuerleben. In einer Stadt würden die Rahmenbedingungen für unseren gesamten Kontinent geschaffen und Menschen mit viel Erfahrung würden schrittweise unser aller Leben verändern. Für ihn sei es ein Skandal gewesen, so wenig davon zu verstehen, obwohl er sich als aufgeweckter Mensch sehe. Also habe er zu seiner Frau gesagt, dass er morgen nach Brüssel fliege. Daraus seien dann zwei Wochen geworden, bis er mit dem festen Vorsatz dort ankam, sich alles anzuschauen, in den Institutionen möglichst viele Menschen kennenzulernen. Das sei erstaunlich einfach gewesen.
Lother Schröder warf ein, dass Robert Menasse mit allen Klischees reingegangen sei und Menasse erwiderte, wer ohne Klischees sei, der werfe den ersten Stein. Sein Vorsatz sei gewesen, einen Roman über die Institutionen zu schreiben. Alles sei schließlich von Menschen gemacht und er konnte Figuren finden, die sowohl Exempel seien als auch zutiefst individuell.
Als er merkte, dass er immer wieder ins essayistische Schreiben hineinkam, habe er zunächst einen Essay geschrieben. (Der Europäische Landbote) Dann habe er die Grundlage für den Roman gehabt und ein Gefühl für die speziellen Ambivalenzen der Menschen in Brüssel.
Bis dahin seien vier Jahre vergangen und er habe gespürt, wie die Stimmung immer schlechter wurde, zwischen griechischer Schuldenkrise und Brexit. Genau diese Stimmung wollte er einfangen, die der Menschen, die mit viel Wissen und Erfahrung an verschiedenen Projekten arbeiten, die dann immer wieder von den Ländern zurückgewiesen würden. So haben Mitte der 90er Jahre die Arbeit für eine europäische Flüchtlingspolitik begonnen. Weil jeder Vorschlag im Rat abgewiesen worden sei, hießen diese Papiere inzwischen in Brüssel „Märtyrerpapiere“. Als dann die Flüchtlinge an der europäischen Grenze standen, habe es außer den Menschenrechten keine gemeinsame Grundlage in der EU gegeben.

Foto ottifanta

Die Länder wollen sich nicht von der EU vorschreiben lassen, wie sie mit Flüchtlingen umgehen sollten. Die Politiker würden dann nach Hause fahren, dem Volk sagen „schaut, die EU funktioniert nicht“ und wollten die nationalen Grenzen wieder hochfahren. Genau diese Politiker würden sich dann wundern, warum nationalistische Populisten bei den Wahlen so viele Stimmen gewinnen. Hier folgte lauter Applaus.
Unter anderem deshalb habe der Roman eine melancholische Grundstimmung. Auf rund 95% seiner Aufzeichnungen habe er am Schluss verzichtet. Im Weglassen sei er begabt, dafür bringe er all seine neurotische Energie auf – mit einem Augenzwinkern ergänzte er, dass sei für seine Faulheit.
Seinem Gefühl wollen manche ein Europa der Regionen, nicht der Länder. Wir seien alle in Nationalstaaten aufgewachsen und hätten gelernt, diese mit Selbstbestimmung gleichzusetzen. Dabei sei das nicht richtig. In Katalonien seien fehlgeleitete Nationalisten am Werk, die nach einer Abspaltung nicht mehr in der EU wären.
Die EU sei voller Widersprüche. Auf der anderen Seite habe z.B. Genscher mit Rückendeckung der EU zur Zerschlagung Jugoslawiens beigetragen. Dort habe dann der Nationalismus sein hässliches Gesicht gezeigt, bis hin zum Krieg.
Auch Spanien sei nicht wirklich friedlich entstanden, sondern den Basken und Mauren sei gesagt worden, sie sollen sich jetzt als Spanier sehen. Dabei gebe die Region den Menschen Identität, die in der Regel kein Interesse an fremdem Grund und Boden hätten. Regionen sind für ihn zutiefst friedlich, wohingegen Nationen durch Kriege entstanden seien. Er könne nicht verstehen, warum Manche sich mehr für Nationalstaaten engagieren würden als z.B. die soziale Gerechtigkeit in der EU.
Beim Unabhängigkeitsreferendum in Schottland hätten rund 15% gegen ihre Überzeugung für „Remain“ gestimmt, um in der EU zu bleiben. So hätten sie auf ein unabhängiges Schottland verzichtet, um dann vom Brexit Votum überrascht zu werden.
Seiner Meinung nach solle die EU diese Regionen willkommen heißen.
Warum er Auschwitz als Hauptstadt der EU vorschlage? Europa brauche ein Gesicht und eine echte offizielle Hauptstadt. Die Nationalstaaten würden nie zulassen, dass die Hauptstadt eines anderen Landes offiziell auch die Europas sei. Auschwitz könne die schreckliche Geschichte des Kontinents und dessen Zukunft vereinen.
Es folgte eine weitere Lesung. Ein Abschnitt mit dem Thema „Das beste Spital heißt Europa“, den er mit viel schwarzem Humor vortrug. Die Hauptrolle spielte die Milz, die alles vernetze und bei der betroffenen Figur ihrer Funktion nicht mehr nachkommen könne.
Am Ende des Abschnitts sprang Robert Menasse auf zu seiner Raucherpause, bevor er sich beim Signieren viel Zeit für seine Leser nahm.

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Lesung Karl Ove Knausgard, 23.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Das neuste Buch von Karl-Ove Knausgard Im Herbst entstand aus der Idee seiner noch ungeborenen Tochter Briefe über das Leben zu schreiben, das sie erwartet und darüber, was sein Leben in dieser Welt so lebenswert mache. So erzählt er seinem vierten Kind über ihre zukünftige Familie, das Haus und den Garten.

Dann fasste er den Entschluss, jeden Monat ungefähr 20 Essays zu schreiben, für den ersten Band einer Reihe von insgesamt vier Büchern. Das erste Essay war eine Auftragsarbeit einer amerikanischen Zeitschrift. Gleichzeitig arbeitete er an dem Tagebuch für seine Tochter, das ungefähr 150 Seiten umfassen sollte und ein Geschenk zu ihrem 18. Geburtstag werden. Beides zusammen kann man in Im Herbst lesen.

Als er jünger war, entdeckte er eine norwegische Übersetzung von Gedichten, die France Ponge verfasst hatte. Karl-Ove Knausgard war bis dahin eher Romane gewöhnt und es faszinierte ihn, wie unterschiedlich die Ausdrucksmöglichkeiten von Romanen und Gedichten sein können. Auf maximal zwei Seiten könne er Dinge ganz anders ausdrücken und auch ganz andere Dinge zum Ausdruck bringen als in einem langen Roman.
Ähnliches wollte er in den Essays versuchen und setzte sich eine Begrenzung von zwei Seiten pro Thema. Einige seien zwar etwas länger geworden, aber in der Regel sei er mit zwei Seiten ausgekommen. Jeden Morgen habe er sich ein Thema ausgedacht und einmal ausgewählt, durfte es nicht mehr geändert werden. Am einfachsten sei es gewesen, über die unscheinbaren, einfachen Dinge zu schreiben. Komplexere Themen wie Liebe seien viel schwieriger. Irgendwann kam er an den Punkt, an dem er seinen Verleger um Themenvorschläge bat.

Bei seinen vorherigen Büchern habe er stets in sich hineingeschaut. Jetzt änderte sich die Richtung, er schaute nach außen und ließ die Welt hinein. Er liebt Lexika, in der Welt in kleinen Abschnitten erklärt wird, aber stellt schnell fest, dass keine Beschreibung wirklich objektiv sein könne. Knausgards Ziel war, Dinge die wir kennen aus einem etwas anderen Blickwinkel zu beschreiben und verglich seine Essays mit Edvard Munchs Bildern eines Kastanienbaums. Dessen Werke seien ihm sehr vertraut und er war vor vielen Jahren Kurator einer Munch-Ausstellung in Oslo.

Munch habe auf seinen ersten Bildern immer in sich hineingeschaut, viel von sich preisgegeben. Nachdem er in einer psychiatrischen Klinik war, habe er auf seine Umwelt geschaut, nach außen. Das könne man deutlich bei seinen Bildern sehen. Vorher habe er sein Innenleben gezeigt, später nicht mehr. Er habe wie besessen gemalt, egal ob es ein Meisterwerk wurde oder nicht. Bei van Gogh sei es genau umgekehrt gewesen. Er habe mit schrecklichen Bildern begonnen, viel gelernt und sei brillant geworden.

Karl Ove Knausgard

Karl Ove Knausgard beim Signieren Foto CK

In seinem neuen Buch ginge es nicht um Beziehungen oder Menschen, sondern um die Welt wie sie sei. So hätten ihn zum Beispiel Adern fasziniert, die wie Flüsse in uns seien. Obwohl er kein traditionell religiöser Mensch sei, habe er Spiritualismus in der Natur entdeckt, wie zum Bespiel in der Landung eines Adlers. Voller Leidenschaft wollte er das intensivgrüne Gras beschreiben und stellte fest, dass es so gut wie unmöglich sei.

Auch das menschliche Gehirn könne man nicht begreifen. Es sei vermutlich die komplexeste Struktur im Universum und als er bei einer Gehirn-OP anwesend sein durfte, habe es auf ihn zuerst fast wie ein kleines Tier gewirkt. Dann habe er entdeckt, dass es wie ein eigenes Universum sei, mit Tälern und Flüssen. Auch wenn einige der ausgesuchten Themen unangenehm seien, habe er mit der gleichen Gewissenhaftigkeit über sie geschrieben wie über Autos oder das Gehirn. Er wollte über die Gesellschaft schreiben, über Scham und Identität.

Zum Schreiben stand er sehr früh auf, in der Regel um 03:30, dass er fertig mit dem Schreiben war, bis seine Familie wach war.

Warum gebe es Kunst und warum sei diese uns wichtig. Er beneide Maler, denn sie benötigen keine Worte, um ihren Gefühlen oder ihrer Botschaft Ausdruck zu verleihen.

Für seine früheren Bücher habe er nicht recherchiert. Bei Im Herbst habe er immer zuerst im Internet geschaut, welche Informationen zu dem gewählten Wort angezeigt wurden. Vor allem über die naturwissenschaftlichen Themen habe er viel gelesen.

Es sei ihm sehr wichtig, ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen oder zu verschweigen. Alles aufschreiben und auch veröffentlichen zu können sei wichtiger als die Privatsphäre andere Menschen. Sicherlich sei es schwierig zu entscheiden, wo eine Grenze gezogen werden solle. Aber er sei überzeugt, dass so gut wie alles erlaubt sein solle.

Umso ehrlicher man selbst sei, umso schwieriger sei es für die andere Person und natürlich gebe es viele verschiedene Möglichkeiten etwas zu betrachten. Aber wenn er z.B. über seinen Vater schreibe und sein Leben mit seinem Vater, warum sollte ihn jemand davon abhalten dürfen. Bekannt wurde er durch seine autobiographischen Bücher, die in Norwegen den Titel “Min Kamp” tragen.

Er sei wiederholt als frauenfeindlicher Autor bezeichnet worden, weil in seinen Büchern fast nur Männer vorkämen. Für ihn sei es kein Wettbewerb, dass bei fünf Männern automatisch auch fünf Frauen im Buch vorkommen müssten. Anderseits sei ihm auch schon vorgeworfen worden, er schreibe wie eine Frau – woran man so etwas überhaupt festmachen könne.

Sein letztes Buch Im Sommer habe er aus der Perspektive einer Frau schreiben wollen und sei überzeugt, dass er vom ersten Satz an diese Frau war. Genau dies mache das Schreiben und Literatur zu etwas Besonderem.

Zum Abschluss las er den Essay über eine Toilettenschüssel.

Damit endete eine etwas skurrile Veranstaltung mit einem Autor, dessen neustes Buch ich eher nicht lesen werde.

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