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Thomas Keneally, 25.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Thomas Keneally at the 2019 Edinburgh International Book Festival
©Edinburgh International Book Festival

Eine der schönsten Veranstaltungen war für mich jene mit dem unglaublich charmanten und begeisterungsfähigen 83-jährigen Thomas Keneally, moderiert von Leslie McDowell im ausverkauften Main Theatre.

Er sei vor ein paar Jahren in Sydney geboren worden, habe als erster Australier den Booker Preis gewonnen und durch „Schindlers Liste“ sehr berühmt geworden. Gewinner zahlloser Literaturpreise und Nationalschatz von Australien, stellte Leslie McDowell ihn kurz vor und merkte mit einem Augenzwinkern an, dass Thomas Keneally gedroht habe, zu singen.

Thomas Keneally selbst freute sich sehr über die Einladung zum Book Festival in Edinburgh, nicht zuletzt, weil der Ursprung von Waltzing Matilda in Schottland liege, auch wenn es um einen Schafscherer ginge, der quer über den australischen Kontinent zu seinem Mädchen reise. Das Lied sei allen Australiern und vermutlich auch vielen Schotten sehr vertraut – so vertraut, dass ein Großteil des Publikums schnell mit einstimmte, als Thomas Keneally begann, Waltzing Matilda zu singen.

Seine Frau und er sind die Nachfahren von Strafgefangenen, die nach Australien deportiert wurden, u.a. für den Diebstahl eines Stoffballens in Limerick/Irland. In Australien sei seine Familie nie in Konflikt mit dem Gesetz gekommen, aber natürlich habe man in Australien niedrigere Standards.

1,8 Millionen Australier würden von Frauen abstammen, die in den für Fabriken arbeiteten, extra für weibliche Strafgefangene errichtet wurden. Viele Männer reisten nach ihrer Freilassung gezielt dorthin, hatten sich über Kontaktanzeigen mit Frauen verabredet. Sie machten den Frauen im Schnitt rund 1,5 Stunden den Hof, dann wurde ein Heiratsantrag gemacht und es ging ab in den Dschungel. Dann sang er sang einige Zeilen aus einem australischen Volkslied.

©Hodder&Stoughton

Im Mittelpunkt seines neuen Buches The Book of Science and Antiquities (in Australien unter dem Titel Two Old Men Dying erschienen) stehen um zwei alte Männer, der rund 42 000 Jahre alte Shade und der heute lebenden Shelby. Es gehe um unsere vergessenen Erinnerungen. Wenn wir Die Geschichte der Welt nach Boris Johnson lesen würde, wären die Ureinwohner Australiens klägliche, nackte und arme Wesen, die abfällig Pickaninny genannt würden.

Diese Sicht auf die Ureinwohner Australiens als unglückseligen Randbewohner wolle er korrigieren, denn sie seien schon vor 42 000 Jahren deutlich fortschrittlicher gewesen als man denke. Er sehe Mungo Man als Antwort auf die vorherige beiderseitige Ignoranz und hoffe, dass über Mungo Man zwischen Ureinwohnern und der anderen Bevölkerung mehr Gemeinsamkeiten entstehen könne. Die konservativen Politiker Australiens hätten kein Interesse an Mungo Man, auch wenn dieser zwanzig Mal so bedeutend wie Ramses sei.

Es sei diskutiert worden, ob er selbst die richtige Person sei, um darüber zu schreiben, da er kein Ureinwohner ist. Während des Schreibens habe er eng mit Experten gearbeitet, um alles auf korrekte Fakten und Darstellung prüfen zu lassen.

Beim Schreiben suche er nach einer Lücke in der Geschichte und 42 000 Jahre Abstand seien viel Abstand. So habe er zum Beispiel nicht die uns gewohnten Zeitangaben verwenden können, es habe andere Tiere gegeben wie zum Beispiel ein 2,5 Tonnen schweres Wombat.

In seinen Büchern befasse er sich mit einer Vielzahl verschiedener Themen, doch häufig stünde ein Kampf um Leben und Tod. Die im Mittelpunkt stehende Figur habe immer eine Überlebenschance, hätten Handlungsspielraum. Seiner Meinung seien seine Bücher optimistisch. Thomas Keneally beschrieb sich als Gefangener der Hoffnung und zitierte dazu Desmond Tutu. Er habe sich gefragt, wie das Leben gewesen sei, als Mungo Man lebte. Wenn man sich vorstelle, wie mutig die Menschen damals waren, so könne man Lieder darüber singen und es feiern. Die Australier seien gleichzeitig die besten Dichter und Killer der Welt.

Abwechselnd werde aus der Perspektive von Shelby und Shade erzählt. Der Dokumentarfilmer Shelby ist an Speiseröhrenkrebs erkrankt (eine Krankheit, die Thomas Keneally erst vor kurzem überlebte), aber noch nicht bereit, daran zu sterben. Der deutlich jüngeren Shade gehört zu den Stammesältesten und seine Vorfahren erscheinen ihm in Träumen.

Wenn er heute Schindlers Liste schreiben würde, wäre es ein anderes Buch. In der Originalfassung sei Oskar eine Linse auf etwas Unvorstellbares gewesen. Oskar habe alle Phase des Holocausts gesehen. Vor einiger Zeit habe er mit zwei Überlebenden des Holocausts gesprochen und sie seien sehr erstaunt darüber gewesen, wie früh Oskar Schindler von den Gaskammern gewusst habe. Das sei nur durch streng geheime Informationsquellen möglich gewesen.

Wenn er es heute schriebe, hätte es einen anderen Ton und eine andere Handlung. Schauplatz sei eine Stadt in der jetzigen Zeit und es seien möglicherweise Fake News. Bücher seien Kinder ihrer Zeit. Nur wenige gute Bücher könnten überleben, wie z.B. die von Charles Dickens oder die von George Eliot.

Lesley McDowell fragte, ob sich seine Herangehensweise mit der Zeit geändert habe, ob er zorniger, politischer geworden sei. Thomas Keneally ist der Ansicht, er sei kämpferischer geworden und als australisch-irischer Hillbilly leiste er sich in der heutigen Zeit diesen Luxus. Das Verhalten australischer Politiker entsetze ihn. Der Premierminister habe ein Stück Kohle mit ins Parlament gebracht um zu zeigen, dass man sich davor nicht fürchten müsse. Dieser Mann sei taub gegenüber der Zukunft und ein Künstler der Kurzfristigkeit, („Our PM is tone deaf to the future. He is an artist of short termism.”) dessen Politik das Great Barrier Reef zerstören werde.

In Schottland habe er Glasgow immer als die wilde, heidnische Seite gesehen, 48 Meilen vom zivilisierten Edinburgh entfernt. Ian Rankin habe dies geändert, flachste er mit einem Augenzwinkern. Sydney und Canberra seien rund 150 Meilen voneinander entfernt und man überlege, so etwas wie Gandhis Salzmarsch als Protest zu veranstalten.

Als er einige Zeit in den USA verbrachte, habe ihm selbst der Geist und der selbstabwertende Humor der Australier gefehlt. Die Amerikaner stammten von Menschen ab, die zu gut für England gewesen seien, seien Heilige gewesen. Die Australier hingegen seien aus England ins Straflager geschickt worden und daher ein ganz anderer Menschenschlag.

Die Bücher von Kate Grenville seien brilliant und beschäftigen sich damit, wie die australischen Ureinwohner das Eintreffen der ersten europäischen Siedler bewältigten.

Auf die Verfilmungen seiner Bücher angesprochen reagierte Thomas Keneally deutlich gelassener als viele andere Autoren. Er habe die Regisseure gekannt und wisse, dass für sie das Buch ein Sprungbrett sei, in dem sie einen Erzählstrang finden müssten und dann etwas Neues schaffen. Steven Spielberg habe bei den Dreharbeiten immer die Seiten des Buchs neben das Skript gelegt, sich davon jedoch nicht in seiner Phantasie einschränken lassen. Ein Autor sollte das verstehen, dann gebe es weniger gebrochene Herzen. In der Verfilmung von Schindlers Liste gebe eine Szene, die so faktisch nicht möglich sei, aber der Geist der Literatur solle der im Film erzählten Geschichte nicht im Weg stehen.

Zum Ende hin bedankte sich Thomas Keneally nochmal bei allen und entschwand ins Signierzelt, wo er noch mehrere Stunden verbrachte.

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A L Kennedy, 18.08.2019, Edinburgh International Book Festival

A L Kennedy at the 2019 Edinburgh International Book Festival
©Edinburgh International Book Festival

Zu Beginn bat A L Kennedy darum, dass die Scheinwerfer auf das Publikum gerichtet werden sollen, schaute sich dann ausführlich um und kommentierte, dass die üblichen Verdächtigen anwesend seien.

Es wäre gut, wieder in Schottland zu sein. Unten in England sei es seltsam, alle würden rumschreien.

Ihr neuer Buch The Little Snake erzählt eine Fabel von einer Schlange namens Lanmo. Es sei kein Kinderbuch, die Schlange sei unterwegs, um Menschen zu töten. Jeder, der sie sieht, muss sterben. Das geht so lange gut, bis die Schlange auf die junge Mary trifft, die ihr sympathisch ist.

Es wurde ein Auszug vom Anfang des Buchs gelesen, in dem deutlich wird, wie die magische Schlange mit ihrer schönen Stimme die Menschen für sich einnimmt und wie weise sie ist. Gleichzeitig auch, dass die Schlange irgendwie dazu neigt, alle zu ermorden, die ihr begegnen.

Dann wurden weitere Auszüge aus dem Buch gelesen. Besonders amüsant wird es, als die Schlange einen Politiker trifft, der laut Aussage von A L Kennedy leider keine rote Krawatte trägt und nicht besser König von Paddington wäre, sich aber stets ausgibt als „der große Mann, der das Volk liebte“. („the great man who loved the people“)

Während die Menschen vor ihrem Tod über Liebe, Schande und Trauer lernen, lernt auch Lanmo über die Menschen und deren Gefühle. A L Kennedy betonte, dass man als Autor das Fenster sei, durch das die Leser die Geschichte sehen würden. Der Autor habe die Geschichte zu erzählen, er selbst solle nicht präsent sein. Umso einfacher man die Geschichte gestalten wolle, umso schwerer sei das Schreiben.

Auf die Frage, ob sie Mary sei oder gerne Mary wäre, antworte A L Kennedy, dass sie ungefähr in ihrem jetzigen Alter und depressiv zur Welt gekommen sei. Aber man werde nicht als Rassist oder aggressiv geboren, sondern dazu gemacht.

Ihrer Ansicht nach sei der Sinn des Daseins der Menschen, anderen Menschen zu helfen, hilfsbereit zu sein. Die Menschen hätten diese kindische Einstellung (nicht kindlich), wegzuschauen. Fest daran zu glauben, dass etwas nicht da sein, wenn man nicht hinschauen.

The Little Snake sei eine moderne Fabel. Wir Menschen hätten eine endliche Menge an Zeit zur Verfügung und die Frage sei, was man mit dieser Zeit tun wolle. Entlang des Lebensweges würde man die Freude an kleinen Dingen entdecken, an kurzen Momenten. Das Lebe bestehe nicht nur aus Krisen, man könne es nicht nur als Kind genießen.

Jedes Mal wenn man irgendetwas Gutes lese, würde das die Empathie verstärken – außer Breitbart.

©Canongate

Sie habe sehr früh angefangen zu lesen und mit rund vier Jahren zum ersten Mal den kleinen Prinzen gelesen. Damals habe sie weder alle Worte noch den gesamten Sinn verstanden. Antoine de Saint-Exupéry sei ein leidenschaftlicher Vielleser gewesen. Einmal habe er fast den richtigen Zeitpunkt für die Landung verpasst, weil er vorher noch das Buch zu Ende lesen wollte.

Eine illustrierte Version von The Little Snake könne sie sich gut vorstellen, diese sei jedoch vermutlich zu teuer. Die Moderatorin Janet Ellis bedauerte dies sehr. A L Kennedy sieht sich nicht als eine Schriftstellerin, die besonders bildhaft schreibt, sie würde beim Lesen eher Gerüche wahrnehmen und Dinge fühlen, bevor sie diese sehen könne.

Warum sie eine Schlange gewählt habe und nicht ein anderes Wesen. Wenn sie an Schlange gegen Kröte denke, falle ihr ein „Running Buffet“ ein. Als Kind habe sie eine Kröte besessen, aber Schlangen seien so viel mystischer und schon früh habe es z.B. Geschichten gegeben, wie eine Schlange sich in einen Stab verwandele.

Sie würde gerne Bücher aus ihrer Kindheit nochmal lesen. Sie könne beim Lesen nicht immer die Zähne zusammenbeißen und auch in Kinderbüchern sei nicht alles eitel Sonnenschein. Sie zählte einige Kinderbücher auf, in denen die Kinder auf sich alleine gestellt werden und einiges erreichten bzw. bewegten. (The Secret Garden, The Railway Children usw.) Solange es nicht Pollyana sei, diese rege sie sich richtig auf.

A L Kennedy beendete die Veranstaltung mit einem Appell:

Die Liebe sei das wichtigste und man solle unglaublich freundlich zu allen anderen sein. Wir Menschen könnten das. Es gehe nicht immer alles um Zorn und Ängste.

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Max Porter, 20.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Max Porter in conversation with Festival Director Nick Barley at the 2019 Edinburgh International Book Festival
©Edinburgh International Book Festival

Die Veranstaltung wurde von Nick Barley geleitet, dem sichtlich begeisterten Direktor des Book Festivals. Benjamin Myers musste leider aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen, was sowohl Max Porter als auch Nick Barley sehr bedauerten und allen Anwesenden dessen Buch The Offing wärmstens empfahlen.

Nick Barley fragte, wer im Publikum Max Porters neuen Roman Lanny schon gelesen hatte und als sich rund die Hälfte meldete, witzelte Max Porter „Great, my bookclub came.“

Sein erster Roman Trauer ist das Ding mit Federn habe ihn berühmt gemacht, Lanny sei unter anderem für den Booker Prize nominiert und habe ihm noch zusätzliche Fans beschert.

Nach dem Erfolg des ersten Buchs habe er wirklich noch einen weiteren Roman schreiben wollen, doch das sei ihm deutlich schwerer gefallen – als unveröffentlicher Autor habe er sich freier gefühlt. In seiner Schublade habe er noch ein 16-seitiges Gedicht gehabt und er hebe seine Notizbücher immer auf. Diese seien ihm sehr wichtig.

In diesem Gedicht ginge es um eine platonische Freundschaft zwischen einem älteren Mann und einen Jungen im Grundschulalter. Es bestehe eine gewisse nicht-sexuelle Erotik, die Kunst entstehen lassen könne wie bei einem mit Wasserfarben gemalten Bild. In Großbritannien bestehe gegenüber solch platonischen Freundschaften ein extremes Misstrauen. Er selbst habe die Idee der kindlichen Unschuld stets gemocht.

Was geschehe, wenn man gewisse Elemente aus dem Buch entferne, wie zum Beispiel die Handlung oder das Wissen, um welche Person es sich handelt?

Das Gedicht habe er nur für sich geschrieben, bevor etwas von von ihm veröffentlich wurde.

©Kein & Aber

©Kein & Aber

Nick Barley hatte sich als Schauplatz eine ländliche Gegend in England vorgestellt und zeigte ein Bild einer Spätsommerlandschaft mit einer kleinen Hütte, neben der eine englische Fahne weht. Für Max Porter hat Lanny keinen bestimmten Ort und der Anblick der englischen Fahne sorge bei ihm derzeit für eine gewisse Übelkeit. England habe sich selbst damit vergiftet, was es bedeutet, Englisch zu sein und kleine Boshaftigkeiten, oft von den Eltern übernommene Fremdenfeindlichkeit seien leider an der Tagesordnung. Auch wenn viele nicht wahrhaben wollten, dass es rassistisch sei.

Er habe Lanny lange vor der Brexitabstimmung geschrieben und es spiele in einer ländlichen Gegend rund eine Fahrstunde von London entfernt, die auch heute noch von der Landwirtschaft geprägt sei. Lannys Vater habe den Ort deshalb ausgesucht, weil er in erreichbarer Entfernung zum Pendeln nach London liege.

Eine mystische Figur namens „Dead Papa Toothwort” (auf Dt. wohl „Altvater Schuppenwurz“) spielt in Lanny eine wichtige Rolle und es gibt Figuren, die Geister sehen können oder zumindestens einen kurzen Blick auf sie erhaschen, das Gefühl eine Bewegung gesehen zu haben.

Sowohl Lanny als auch „Dead Papa Toothwort“ seien offen für solche Begegnung und würden zuhören. Für Max Porter sind die Menschen nicht die Einzigen mit einer Stimme. Was wäre, wenn die Bäume mit uns sprechen könnten, erzählen würden, was früher geschah? Es wäre gut, wenn die Menschen öfter über die Vergangenheit nachdenken würden, das würde auch unser Verständnis der Trauer bereichern. Überall auf dem Land seien Spuren der Vergangenheit, der früheren Bewohner.

Die Urbanisierung von Südengland habe vieles der historischen Landschaft überdeckt, aber für Lannys pendelnden Vater spiele das unbenannte Dort die Rolle einer ländlichen Identität, mit der er sich nicht weiter auseinandersetzen wolle.

Die grünen Männer in Englands Kirchen hätten ihn schon lange fasziniert. Sie stünden für den Kreislauf der Natur, des Landes, für ihn sprechen sie auch davon, wie Pestizide und anderes sie töten. Ob Lanny den grünen Mann hören könne?

Seinen Erfahrungen nach hätten Kinder im Alter von 10, 11 Jahren ein besonderes Gespür für Umweltschutz, das er „proto environmentalism“ nannte. Auch Greta Thunberg gehöre für ihn dazu.

Im Roman sei Lanny selbst über weite Teile nicht anwesend und es herrsche in der ersten Hälfte eine leicht unheilvolle Atmosphäre. Hier würden die Leser noch weitgehend in Sicherheit gewiegt, die ländliche Gegend, die kindliche Unschuld usw. In der zweiten Hälfte wollte er dann zeigen, was passiere, wenn die Boulevardmedien zur Sache gingen und möglicherweise unschuldige Personen an den Pranger stellen. Da habe sich in den letzten Jahrzehnten leider nichts geändert.

In Max Porters Augen ist die Boulevardpresse für den aktuellen Zustand Großbritanniens verantwortlich. Ihnen gehe es ausschließlich um ihre Verkaufszahlen. Sie habe das Land komplett zerstört und würde alles dafür tun, um das Land weiterhin im Würgegriff zu halten. Deren bösartige Methoden seien denen der Propagandamaschinerie nicht unähnlich, die Hitler an die Macht gebracht habe.

Es gebe nichts, für das er mehr Verachtung empfinde als die Boulevardpresse. (“I cannot think of a thing that I hold in more contempt than the tabloid press of this country.”)

Was passiere, wenn das eigene Kind verschwinde? Anfangs seien die Eltern nicht besonders besorgt. Doch dann breche Panik aus und die Methoden der Presse seien perfide. (Es wurde ein Bild gezeigt, auf dem die verschiedensten reißerischen Schlagzeilen über mögliche Aufenthaltsorte der verschwundenen Madeline McCann abgebildet waren.)

©Faber & Faber

Max Porter wollte den Lesern zuerst das Gefühl vermitteln, dass es ganz normal sei, dass der junge Lanny mit dem 80-jähren Pete alleine viel Zeit verbringt. Dann jedoch eine gewisse Identifikation mit den Bewohnern des Orts herbeiführen, die schnell in den Jargon und die Denkweise der Regenbogenpresse verfallen. „Oh mein Gott, das gehört sich doch nicht.“

Wie schnell ertappe man sich selbst, in Krisensituation plötzlich völlig anders, viel negativer über vorher harmlos wirkende und freundliche Mitmenschen zu denken?

Im zweiten Abschnitt würden die Leser von verschiedenen Stimmen überflutet und Lanny rufe nach Dead Papa Toothwort, ob dieser echt sei. Viele Kinder seien für solche mystischen Phänomene offener als Erwachsene.

Nicht jede Figur im ersten Teil brauche eine ausführliche Biographie, die Leser könnten sich schnell den Hintergrund der verschiedenen Figuren vorstellen, ohne allzu viele Details. Er hoffe, dass die Leser dann die unterschiedlichen Stimmen der Figuren erkennen würden, auch wenn die Sprecher nicht genannt würden.

Auf dem Titelbild habe er keine Illustration gewollt, kein Bild von Lanny für die Leser, sondern etwas, das eine etwas düstere und traumartige Stimmung schaffe.

Dann folgte eine besondere Lesung, denn Max Porter, Nick Barley, Maggie O’Farrell und Tracey Thorn lasen einen Abschnitt aus dem zweiten Teil des Romans, ließen die verschiedenen Stimmen lebendig werden.

Für Max Porter sind Romane eine Art Gegenmittel zur Boulevardpresse. Wofür Filme stünden, könne er nicht sagen, damit kenne er sich nicht genug aus und es fehle ihm das passende Vokabular.

Dead Papa Toothwort sei ein Voyeur, der eine Kamera halte und die Leser mit in die Häuser der Dorfbewohner nehme, deren Gesprächen lausche. Max Porter fasziniert es, wie ein Regisseur vom ersten Moment an die Zuschauer fesseln könne. Ein Roman solle das auch von der ersten Seite an können. Die Leser sollten im Roman wie bei einem Musikstück die verschiedenen Schichten erfassen können, unterschiedliche Stimmen hören. Das erfordere eine gewisse Arbeit vom Leser, dafür sei das Lesen so viel lohnender.

Ein Lehrer habe ihm einmal gesagt, er solle beim Lesen keine Stimmen im Kopf hören und das habe ihm damals etwas genommen. Er liebe Hörbücher und möge auch die unterschiedlichen Stimmen beim Lesen. (Beim Signieren auf das Hörbuch zu Lanny angesprochen, erwiderte Max Porter, dass ihm die Stimmen der Sprecher gut gefallen, das Hörbuch jedoch zu klinisch sei, die Stimmen seien nicht durcheinander.)

Früher habe er selbst als Lektor gearbeitet. Wie sei für ihn gewesen, als sein Buch lektoriert wurde? Die Zusammenarbeit mit seiner Lektorin sei großartig gewesen und die größte Veränderung sei gewesen, eine Stimme komplett aus dem Buch zu streichen. Das habe ihm zwar zuerst wehgetan, habe jedoch schnell gesehen, dass es die richtige Entscheidung war. Die Aufgabe des Lektor sei es, das Buch so aufzublasen, dass der Autor drum herum laufen könne und es aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen.

Damit war eine sehr interessante und unterhaltsame Veranstaltung viel zu schnell vorbei. Max Porter arbeitet an seinem nächsten Roman, über dessen Inhalt er noch nichts verraten konnte.

Das deutsche und englische Titelbild vermitteln völlig unterschiedliche Stimmungen, finde ich.

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Colson Whitehead, 25.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Colson Whitehead in conversation with Kirsty Wark at the 2019 Edinburgh International Book Festival ©Edinburgh International Book Festival

Die Veranstaltung im bis auf den letzten Platz gefüllten Main Theatre wurde von Kirsty Wark geleitet. Vor zwei Jahren hatte er noch im deutlich kleineren Spiegelzelt gelesen.

Sie stelle Colson Whitehead kurz vor und beschrieb seinen neuen Roman Die Nickel Boys als komprimierte Rage.

Die Geschichte spielt an einer fiktiven Reformschule namens Nickel Academy, die auf der Arthur G. Dozier School for Boys, auch bekannt als Florida School for Boys, einer grauenvollen Einrichtung, die unglaublicher Weise erst 2011 geschlossen wurde.

2014 seien verstärkt Informationen über diese Einrichtung in die Öffentlichkeit gekommen und im gleichen Jahr wurde Michael Brown von einem weißen Polizisten getötet. Es sei zu weiteren ähnlichen Vorfällen gekommen und es sei der Eindruck entstanden, dass niemand dafür verantwortlich gemacht werden. Heute könne man es oft mit dem Handy dokumentieren, wenn Unschuldige leiden. Früher sei das nicht möglich gewesen und viele der Täter seien weit über 70 Jahre alt und seien Zeit ihres Lebens straffrei davongekommen. Einige seien sogar als besonders gute Bürger ausgezeichnet worden, obwohl sie in der Dozier School oder anderen Einrichtungen Straftaten begingen. Darauf angesprochen hätten sie es als ein paar Klapse abgetan.

Irgendwie habe ihn die Geschichte in jener Zeit besonders berührt. Hätte er drei Monate früher oder später gehört, hätte es ihn vielleicht nicht so stark beeinflusst. Es habe sich angefühlt wie Teil einer unreinen Kultur in der Straftäter davon kämen und die Unschuldigen leiden würden.

©Hanser Literaturverlage

Die Hauptfigur, der 16-jährige Elwood sehe sich als Teil einer Generation, die Amerika in die Zukunft führe, als kleiner Teil der Bürgerrechtsbewegung und er sei ein Einserschüler auf dem Weg ins College. Leider fährt er als Anhalter auf dem Weg in das College unwissentlich in einem gestohlenen Auto mit und landet so in der Nickel Academy.

Leider sei eine der Charaktereigenschaften von Elwood, dass er fest daran glaube, die Dinge zum positiven ändern zu können, wenn er sich nur genügend Mühe dabei gebe. Colson Whiteheads trockener Humor und die Ironie konnte seinen Zorn auf die Vorfälle und die aktuelle Situation nur ein wenig verbergen. Er las dann die ersten Seiten des Romans vor.

Die Berichte über die Ereignisse in der Dozier School hatten ihn erschüttert und damals habe niemand den jungen Opfern geglaubt. Erst Ende 2011 sei die Einrichtung geschlossen und noch später genauere Untersuchungen durchgeführt worden.

Die im Buch erwähnte Schallplattenaufzeichnung von Martin Luther King habe er als Jugendlicher nicht gekannt. Martin Luther King habe ihm schon früher positiv gestimmt und das sei auch heute noch so. Das sei eine ganz andere Generation gewesen. Sie seien auf die Märsche und Versammlungen gegangen, obwohl sie wussten, dass sie danach von Weißen verprügelt würden.

In den Südstaaten sei die Sklaverei auch heute noch nicht verschwunden, sichtbar wie z.B. in der heute wieder flatternden Fahne der Konföderierten und auch in der Alltagssprache, aber auch oft im Verborgenen. In der Schule wurde die Sklaverei lange Zeit kaum behandelt und es habe geheißen, durch Martin Luther King sei alles kuriert worden. Niemand wolle sich wirklich damit beschäftigen, wie das Land gebaut wurde – durch Sklavenarbeit und Völkermord an den Ureinwohnern. Überall bestünden Möglichkeiten für Böses, aber es sei schrecklich, wenn Menschen diese ausnutzen würden.

Auf die Struktur des Buches angesprochen antwortete er, dass er ein großer Planer sei. Er müsse den Anfang und das Ende kennen. Das Ende sei genau geplant gewesen und sobald er es kenne, ein Bild davon vor sich sehe, könne er mit dem Schreiben anfangen und darauf hinarbeiten.

Es gebe Berichte über den Slang in diesen Reformschulen. In mehreren sei die Lederpeitsche „Black Beauty“ genannt worden oder das Gebäude in dem die Folter stattfand „Eiscremefabrik“, für die verschiedenfarbigen Flecken, die von der Folter verursacht wurden.

Heute gebe es über das Internet Gruppen, in den die Überlebenden sich gegenseitig unterstützen und austauschen. Er bewundere diese Menschen dafür, dass sie zu den Orten ihres Leidens zurückkehren könnten.

Elwood ginge als Idealist in die Nickel Academy. Die Lager an der Grenze zu Mexiko würden ihn an diese Akademien erinnern. Junge Kinder, die von ihren Eltern getrennt werden und in schrecklichen Umständen untergebracht werden, für das Leben deformiert. Es ginge immer noch weiter.

 

©Hanser Literaturverlage

Underground Railroad sei sehr erfolgreich gewesen und werde jetzt verfilmt. Nächsten Sommer sollten die zehn Folgen bei Amazon verfügbar sein.

Er sei sich nicht sicher, ob er während seines Lebens noch einen weiteren schwarzen Präsidenten erleben werde. Die globale Erwärmung würde seine Lebenszeit vermutlich verkürzen. Die rassistische Einstellung sei unverändert vorhanden, es brauche nur jemanden, der sie aktiviere. Vermutlich würden weder die Probleme der USA noch die Israels zu seinen Lebzeiten gelöst. Die Menschen würden historische Ereignisse schnell vergessen und die gleichen Fehler wiederholen.

Auf sein nächstes Buch angesprochen erwiderte Colson Whitehead, dass er Underground Railroad unter Barack Obamas Präsidentschaft geschrieben habe und danach dann Die Nickel Boys, das noch schwerer verdauliche Buch, wegen der aktuellen Ereignisse in diesem Land. Sein nächstes Buch solle mehr Freude bringen, lustiger sein.

Heute herrsche eine Einstellung wie in den 1950ern, als es weder für Frauen oder Schwarze Fortschritte gab. Die verrückten Forderungen nach Gleichheit und ein schwarzer Präsident hätten einige in den Wahn getrieben. Er selbst habe ein gutes Pokergesicht. Vermutlich, weil er innen halbtot sei, sagte er ohne eine Miene zu verziehen.

Einer Frage nach möglichem politischen Engagement oder einer politischen Rolle wich Colson Whitehead aus und antwortete knapp zu seiner Einschätzung von Donald Trump: “We’ve had dumb presidents and racist presidents, but never one this dumb and this racist.”

Auf die Umgebung beim Schreiben angesprochen erzählte er, dass er es gewohnt sei, in einer lauten Umgebung zu schreiben. Polizeisirenen, Geräusche wie jemand auf der Straße erwürgt werde. Er habe eine Playlist mit 3000 Liedern, von Punk über Sonic Youth und vieles andere.

Er schreibe nicht jeden Tag, ungefähr acht Seiten pro Woche. Oft überarbeite er zuvor geschriebenes und verbringe viel Zeit mit Recherche. So komme auf rund 400 Seiten oder ein Buch pro Jahr. Die Nickel Boys sei das erste Buch gewesen, bei dem er sich während des Schreibens zum Ende hin immer deprimierter gefühlt habe. Es habe sich schlecht angefühlt, es zu schreiben und er wusste genau, wie es enden würde.

Es vergehe keine Woche ohne irgendwelche kleineren oder größeren rassistischen Vorfälle in seinem Umfeld. Man sehe seine Welt durch die eigenen Erfahrungen in Bezug auf Rasse, Geschlecht und Gesellschaftsklasse.

Eine schwarze Zuschauerin erzählte, dass ihre Verwandten aus Florida damals von den Berichten über diese Reformschule erschüttert gewesen seien. Niemand habe von den Vorgängen gewusst und sie sei ihm dankbar dafür, dass er eine breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam mache. Colson Whitehead erwiderte, dass Florida für lange Zeit die höchste Zahl an Lynchmorden gehabt habe. So hoch, dass sie normal erschienen seien. *

Eine Frage aus dem Publikum bezog sich auf die Kombination schöner Prosa und barbarischer Ereignisse. Ob sich das Schreiben dann irgendwie schizophren anfühle.

Die Recherche sei für ihn anders gewesen als das Anschauen von Roots als Kind. Die Gewalt in Underground Railroad sei etwas weiter weg gewesen, die der Reformschulen habe sich unmittelbar angefühlt und deprimierend. Er habe die Dozier School besuchen wollen und es immer wieder verschoben. Irgendwann sei ihm klargeworden, dass er mit Dynamit hingefahren wäre. Die Schule sei letzten Endes durch einen Hurrikan weitgehend zerstört worden und sehe jetzt von außen so aus wie früher die Vorgänge im Inneren.

Die Tampa Bay Times habe die Vorfälle in der Schule an die Öffentlichkeit gebracht, jedoch sei damals ausschließlich in Lokalzeitungen darüber berichtet worden. Es sei nie in die landesweiten Nachrichten gekommen. Der Staat habe sich zwar bei den Schülern entschuldigt, aber es wurde niemand angeklagt und verantwortlich gemacht. Die Schule wurde geschlossen und damit sei es erstmal erledigt gewesen.

Für ihn seien alle Berichte aus erster Hand sehr wichtig gewesen. Er hoffe, wie so viele Eltern und Großeltern, dass seine Kinder in einer besseren Welt aufwachsen und diese Welt offener für Minderheiten und Benachteiligte sei. Aber er wisse, dass die Menschen eine ziemlich dumme Rasse seien und viele Fortschritte durch unglaubliche menschliche Schwäche wieder vernichten würden.

Auf die Frage ob Literatur Veränderungen bewirken könne, antwortete Colson Whitehead, dass er nicht glaube, dass Literatur noch eine zentrale Rolle in der Kultur spiele und so Veränderungen bewirken könne. Er sei der Ansicht, dass nicht genügend Menschen lesen würden und die Menschen, die von bestimmten Büchern beeinflusst werden könnten, würden eben jene Bücher nicht lesen.

Wenn man eine Vielzahl unterschiedlicher Romane lese, von verschiedenen Autoren, bekomme ein besseres Verständnis für die Welt, wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus funktionieren würden.

Im Anschluss signierte Colson Whitehead noch rund zwei Stunden lang und beantwortete zahlreiche Fragen.

*Zufällig stand diese Frau später beim Signieren hinter mir in der Schlange und sprach darüber, dass nicht bekannt gewesen sei, wie gravierend die Vorfälle gewesen seien, aber dort vieles normal erschienen sei, das in anderen Bundesstaaten in einem anderen Licht gesehen wurde.

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Arundhati Roy, 19.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Arundhati Roy beim Edinburgh International Book Festival ©Nachtgedanken

Arundhati Roy beim Edinburgh International Book Festival ©Nachtgedanken

Die Veranstaltung im ausverkauften Main Theatre wurde von Nicola Sturgeon moderiert, die als leidenschaftliche Leserin bekannt ist und es war der erste Besuch von Arundhati Roy beim Book Festival in Edinburgh.

Nicola Sturgeon stellte Arundhati Roy kurz vor und fragte als erstes, wie sich ihr Leben verändert habe, nachdem Der Gott der kleinen Dinge mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Es sei wie ein seltsamer Traum gewesen und so unglaublich schnell gegangen. Zuvor habe sie Architektur studiert und später Drehbücher geschrieben und nicht daran geglaubt, dass ihr Buch jemand außerhalb Indiens interessieren könnte.

Plötzlich hätte eine ganz andere politische Kaste engen Kontakt zu ihr gesucht und auch das Geld habe ihr Leben verändert. Eine Freundin habe ihr damals gesagt, dass nach diesem Erfolg in ihrem weiteren Leben nichts Vergleichbares geschehen würde. Sie selbst habe sich gegen diese Vorstellung gewehrt und sich gefragt, wie es weitergehen könne. Selbstmord weil nichts mehr komme sei keine Lösung gewesen und auch in Ruhe Baumwolle zu spinnen keine Option.

Als Schriftstellerin strebe sich nach tiefem Verständnis und mehr als alles andere danach, ihre Seele ausdehnen zu können („expand your soul“), so wie man es auf Reisen könne. In den letzten 20 Jahren habe sie viele Artikel geschrieben, Sachtexte, jedoch kaum Romane, weil sie keine Produktionsstätte für Romane werden wollte. Sie nannte als Beispiel ein Sachbuch über Dr. Ambedkar und Gandhi, in dem es um deren Einstellung zum Kastensystem und dessen möglicher Abschaffung ging.

Das Leben lebe sich ungeplant, so wie der Erfolg von Der Gott der kleinen Dinge nicht geplant gewesen sei.

Indien habe sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, es gebe ein Gefühl der Dringlichkeit für Veränderungen. 400 Sender würden rund um die Uhr Nachrichten senden, als freie Person müsse man einen Weg finden, damit umzugehen.

In ihren Büchern gebe es nicht einen Handlungsstrang, sondern ein Universum in das man eintauchen könne.

 

©Penguin Random House

Der Gott der kleinen Dinge sei eine Liebesgeschichte, in der die Problematik des Kastensystems ein zentrales Thema sei. Es gebe keine einfache Antwort dazu. Die englische Sprache in Indien sei durch die Kultur des Landes bereichert worden. Auch die Sprache in ihrem zweiten Roman Das Ministerium des äußersten Glücks (2017) habe mehr als eine Schicht und diesem Buch gebe es eine Nebenfigur, deren Heimatdorf möglicherweise auf dem Boden eines Stausees ertrinke.

Ihr öffentliches Engagement bringt immer wieder gerichtliche Klagen gegen sie mit sich, sei es die Kampagne gegen einen geplanten Staudamm, durch den eine halbe Million Menschen obdachlos geworden wären, gegen die Atompolitik der indischen Regierung oder für die Naxaliten. Der Inhalt ihrer Bücher sei immer irgendwie politisch, schon weil das Wort „politisch“ umfassend sei. (vast sense of meaning). Beim Lesen bestimme das, was man sehen oder vermeiden wolle darüber was man dann im Buch entdecke.

Ihr zweiter Roman Das Ministerium des äußersten Glücks sei strukturell und thematisch deutlich komplexer, es gebe eine Vielzahl von Figuren und Schauplätzen. Sie sei einmal gebeten worden, diesen Roman kurz zusammenzufassen. Dies sei nicht möglich. Ihrer Ansicht nach solle man keine Romane schreiben, die kurz zusammengefasst werden können – dann reiche es auch, diese Zusammenfassung zu schreiben.

Schreiben solle eine Herausforderung sein und sie könne nicht in einfacheren Strukturen denken. Es sei wie durch eine Stadt zu laufen und man begegne all diesen Menschen, an denen man nicht einfach vorbeigehen könne In ihrem Roman werde ein Friedhof zu einem Gasthaus, geleitet von jemandem, der nicht in die Normen der Gesellschaft passt. Als Architektin sei ihr auch die Struktur der Romane sehr wichtig. An einigen Stellen sei auch die Stadt selbst wie eine Figur im Roman. Sie lese auch selbst gerne Bücher, die sie herausfordern.

 

Es sei ihr sehr wichtig gewesen, dass Das Ministerium des äußersten Glücks in Urdu und Hindi übersetzt wurde, zwei von insgesamt 51 Sprachen in denen der Roman bisher erschien.

Dann sprachen Arundhati Roy und Nicola Sturgeon über das Kapitel Der Vorzeitige Tod von Miss Jebeen der Ersten, das in Kaschmir spielt und die Überleitung zum eher politischen Teil war.

In Kaschmir ereigne sich eine Tragödie. Es sei unglaublich, was in den letzten beiden Wochen geschehen sei in Bezug auf Grenzen, den Umgang mit Minderheiten und Außenstehenden. Eine halbe Million Soldaten patrouilliere auf den Straßen und rund sieben Millionen Menschen seien von der Außenwelt abgeschnitten. Sie wisse nicht, ob oder wie man helfen könne.

©Penguin Random House

©Penguin Random House

Im Westen kehre der Faschismus zurück, in Indien habe die vor knapp 100 Jahren gegründete RSS zahllose Organisationen und eine bewaffnete Miliz, sei in jede Institution des indischen Staates eingedrungen und glaube an die Überlegenheit der Hindus. Moslem, Christen, Intellektuelle, Journalisten, die politische Linke usw. würden angegriffen, ermordet. Jeder, der sich gegen die RSS stelle, sei in Gefahr. Ihr selbst sei es nicht möglich, still zu bleiben.

Letzten Endes werde der Faschismus irgendwann sterben, aber was sei der Preis bis dahin? Es gebe viele Faktoren, die derzeit größeren politischen Widerstand verhindern würden und es sei an der Bevölkerung einen Ausweg zu finden.

Der „Unlawful Activity Prevention Act“ sei in den letzten Jahren immer weiter verschärft worden, sodass jetzt jeder ohne jegliche Beweise angeklagt werden könne. Gerade sei in der New York Times ein Artikel von ihr zur aktuellen Situation in Indien und Kaschmir erschienen.

Arundhati Roy erwähnte den Film The Great Hack über den Skandal um Cambridge Analytica und betonte, wie wichtig es sei, dass man selbst kontrollieren könne, wer einen regiere und nicht andere das eigene Denken kontrollieren würden. Die Herrschenden würden solche Methoden nutzen, um über Geld(flüsse) und Daten zusätzliche Macht zu erhalten. Dies alles geschehe in einer unglaublichen Geschwindigkeit.

Indien sei jetzt eine Ein-Parteien-Demokratie, ein Widerspruch in sich und sehr gefährlich. Alle Daten, die man von sich preisgebe, würden anderen Macht über seinen selbst geben, verraten, wie man denke und

 

handele.

Wenn Kaschmir von einer Armee besetzt sei, so sei Indien derzeit von einem Mob besetzt, vom Pöbel.

Sie wolle kein Märchen voller Hoffnung erzählen und könne nur sagen, dass viele Menschen nachts wach wären und über die Situation nachdächten. Die Gefahr sei offensichtlich, allgegenwärtig und sie wisse auch keine Lösung, man fühle sich hilflos.

Am Ende bedankte sich Arundhati Roy für die Einladung zum Book Festival und dass Nicola Sturgeon ihre Gesprächspartnerin war. Eine Politikerin die lese, das sei heute so wichtig.

Dann las sie noch den ersten Aufsatz The Bomb and I aus ihrem neuen Sachbuch My Seditious Heart, eine Sammlung von Artikeln und Aufsätzen und signierte im Anschluss über zwei Stunden geduldig und beantwortete zahllose Fragen.

 

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Lisa See – The Island of Sea Women

Lisa See - The Island of Sea Women© Simon&Schuster

©Simon&Schuster

ungekürzte Lesung

13:22 Stunden

Sprecherin: Jennifer Lim

Hörprobe beim Verlag *klick*

Zum Inhalt

Schauplatz von Lisa Sees neustem Buch ist nicht China, sondern die südkoreanische Insel Jeju und zeigt wie sich das Leben dort während des 20. Jahrhunderts verändert hat. Von der japanischen Besatzungszeit beginnend in den 1930er Jahren über den zweiten Weltkrieg, den Koreakrieg bis in unsere heutige Zeit.

Die beiden jungen Mädchen Mi-jia und Young-sook sind beste Freundinnen, obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Mi-jias Eltern sind Kollaborateure mit den japanischen Besatzern, während Young-sook aus einer traditionellen Haenyo-Familie stammt. So früh wie möglich schließen die beiden Mädchen sich den Haenyo-Taucherinnen aus ihrem Ort an, deren Leiterin Young-sooks Mutter ist. Sie freuen sich auf das aufregende und gefährliche Leben und glauben an eine lebenslange Freundschaft. Diese wird im Lauf der Jahre aus politischen und familiären Gründen immer wieder auf harte Proben gestellt.

Zur Autorin (Kurzfassung von Wikipedia)

Lisa See wurde 1955 in Paris als Tochter US-amerikanischer Eltern geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie größtenteils in Los Angeles, wo sie viel Zeit in Chinatown bei ihren Großeltern verbrachte. Von 1983 bis 1996 war sie als Korrespondentin, zuständig für die Westküste der USA, beim Branchenmagazin Publishes Weekly tätig. Als Kuratorin betreute sie mehrere Ausstellungen, die sich mit interkulturellen Beziehungen zwischen China und den USA beschäftigen.

Mit On Gold Mountain debütierte See im Jahr 1995 als Schriftstellerin. Die Geschichte, die semibiografisch auf ihren Urgroßvater Fong See basiert, wurde zu einem internationalen Bestseller und bedeutete für Lisa See den Durchbruch als Autorin. Aktuell lebt sie mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Söhnen in Los Angeles.

Zur Sprecherin

Zu Jennifer Lim konnte ich leider nichts herausfinden. Es gibt mehrere, die mit dem Namen infrage kämen.

Meine Meinung

In ihrem neusten Buch The Island of Sea Women entführt Lisa See ihre Leser bzw. Zuhörer in eine verschwundene und ferne Welt. Diesmal nicht nach China oder in die USA, sondern auf die südkoreanische Insel Jeju, die im 20. Jahrhundert Schauplatz drastischer Ereignisse und Veränderungen war.

In den 1930er Jahren stand die Insel unter japanischer Besatzung. In vielen Familien arbeiteten die Frauen seit Generationen als Haenyo, riskierten in eng miteinander verbundenen Gruppen ihr Leben im Meer um die Familie zu ernähren, während sich zu Hause die Männer um die Kinder kümmerten. Auch die junge Young-sook möchte später in die Fußstapfen ihrer Mutter und Großmutter treten. Eines Tages erwischt Young-sook im Garten die fremde Mi-jia beim Stehlen. Mi-jia wuchs in der Stadt auf und ihre Eltern sind Kollaborateure. Derzeit lebt Mi-jia bei Verwandten, die sie verachten. Zwischen den gleichaltrigen Mädchen entwickelt sich schnell eine enge Freundschaft, die trotz der harten Lebensumstände glückliche Jahre verbringen.

Schnell entwickelte die Geschichte einen solchen Sog, dass ich sie nur kurz unterbrechen wollte, um mehr über einige historische Ereignisse nachzuschauen.

Besonders gelungen sind die Passagen in denen das Leben, die traditionellen schamanischen Riten und Mythen der Haenyo geschildert werden, die später unfreiwillig der koreanischen Regierung als Aushängeschilder für die geplante Tourismus-Industrie dienten. Die enge Verbundenheit der Frauen untereinander und mit dem Meer, die Weitergabe des Wissens an die nächste Generation und die Gefahren des Meeres wurde so empathisch geschildert, dass man das Gefühl hat, selbst dabei zu sein und die Figuren zu kennen.

Obwohl Mi-jia und Young-sook einander sehr nahestehen, entstehen durch ihre unterschiedliche Herkunft immer wieder Probleme, nicht zuletzt, weil Young-sooks sehr traditionelle Großmutter die Schuld von Mi-jias Eltern auch auf deren Tochter überträgt. Die beiden gehen als Gastarbeiterinnen nach Russland, und freuen sich auf ihre bald anstehenden und selbstverständlich arrangierten Ehen. Immer in der Annahme, dass sie weiterhin in engem Kontakt bleiben können. Gemeinsam flechten sie Strohschuhe und kaufen Geschenke für noch unbekannte Ehemänner.

Young-sooks Großmutter möchte Mi-jia aus dem Dorf verschwinden sehen und übt späte Rache an der unschuldigen jungen Frau. Durch Missverständnisse und versäumte Gespräche entstehen Spannungen zwischen Young-sook und Mi-jia. Beide haben das Gefühl von der besten Freundin verraten worden zu sein und umso älter die beiden werden, umso schwieriger wird eine Versöhnung.

Die drastischen Ereignisse und Veränderungen des Lebens auf Jeju während des 20. Jahrhunderts beeinflussen auch das Leben von Mi-jia und Young-sook. Die Leser bzw. Zuhörer erleben den 2. Weltkrieg und Koreakrieg aus ungewohnter Perspektive, die Ereignisse werden knapp und ungeschönt dargestellt. Natürlich bleiben die Familien der beiden nicht verschont. Beim dem Aufstand am 4.3.1948 sind die beiden Hauptfiguren selbst dabei und meinem Gefühl nach wurden die Ereignisse authentisch vermittelt. Diese Stellen sind nichts für Zartbesaitete, denn Lisa See schont ihre Figuren nicht, ohne ausufernde grausame Details. Das gezielte Wegschauen der neuen Machthaber nach 1948, der rücksichtslose Umgang mit der Bevölkerung werden ungeschönt dargestellt, sowie die spätere jahrzehntelange Verleugnung der Ereignisse und deren langfristige Auswirkungen auf die Gesellschaft. Vergebung scheint so für Generationen unmöglich.

Die Perspektive wechselt zwischen der heutigen Zeit und der chronologisch erzählten Geschichte der beiden Hauptfiguren, wobei die Abschnitte angenehm lang sind und selten Cliffhanger entstehen.

Lisa See gelingt es mit zahlreichen Details authentisch wirkende Figuren und Orte in meinem Kopf entstehen zu lassen.

Die Sprecherin Jennifer Lim ist die perfekte Wahl für dieses Buch, einfühlsam erzählt sie die Geschichte, findet steht den richtigen Ton für die jeweilige Stimmung und Figur.

Fazit

Die südkoreanische Insel Jeju im 20. Jahrhundert ist ein ungewöhnlicher Schauplatz. Noch ungewöhnlicher eine Gesellschaft, in der die Frauen als Taucherinnen das Familieneinkommen sichern. Lisa Sees neuster Roman ist so spannend und lehrreich wie glaubwürdig, nicht zuletzt dank der beiden authentisch wirkenden Hauptfiguren Young-sook und Mi-jia. Deren enge Freundschaft wird immer wieder auf harte Proben gestellt wird, nicht zuletzt werden der Kriege und anderen Umbrüche in jener Region im 20. Jahrhundert. Am liebsten hätte ich es ohne Unterbrechung gehört, auch dank der einfühlsamen Sprecherin Jennifer Lim.

Falls das Buch auf Deutsch übersetzt wird, wird hoffentlich das Titelbild der englischen Ausgabe übernommen, auf dem zwei Taucherinnen in traditioneller Kleidung abgebildet sind.

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Sally Magnusson – The Sealwoman’s Gift

Sally Magnusson - The Sealwoman's Gift ©tworoadsbooks

©tworoadsbooks

9:51 Stunden

ungekürzte Lesung

Sprecherin: Katherine Manners

Hörprobe bei audible *klick*

Zum Inhalt (freie Übersetzung der englischen Inhaltsangabe)

1627 überfielen Barbaresken (muslimische Piraten) die Küste Islands und verschleppten 400 Einwohner. 250 stammten von einer kleinen Insel vor der Küste Islands. Unter ihnen waren der Pastor Ólafur Egilsson, seine Frau Ásta und deren drei Kinder. Obwohl der Überfall und dessen Folgen selbst gut dokumentiert wurden, ist nur wenig über das Schicksal der Frauen und Kinder bekannt, die in Algier landeten.

Sally Magnusson lässt Ásta, die Frau des Pastors, zu Wort kommen. Durch ihre Augen, die Geschichten ihrer alten und neuen Heimat, erzählt Sally Magnusson sehr glaubwürdig, wie es hätte sein können, ungeschönt, ohne exzessive Gewaltbeschreibungen.

Zur Autorin

Sally Magnusson wurde 1955 geboren und ihr Vater stammt aus Island. Sie fing bei der Zeitung Scotsman in Edinburgh als Journalistin an und arbeitet heute für die BBC in Schottland.

Zur Sprecherin

Katherine Manners ist eine britische Schauspielerin, die u.a. 2016 in der Verfilmung von Krieg und Frieden mitspielte und zahlreiche Hörbücher eingelesen hat.

Meine Meinung

The Sealwoman’s Gift erzählt sehr lebendig eine ungewöhnliche Geschichte, die auf wahren und teilweise sehr gut dokumentierten Begebenheiten beruht. Einerseits historisch sehr interessant (hatte noch nie von den Barbaresken gehört und wusste kaum etwas über das Leben in Island oder Algiers im 17. Jahrhundert), anderseits erinnert es an das Schicksal der zahllosen Flüchtlinge in unserer heutigen Zeit. Im Mittelpunkt steht Ásta, die Frau des Pastors Ólafur Egilsson. Dieser schrieb ein Buch über seine Erlebnisse, das Sally Magnusson las. Dank ihres isländischen Vaters und ihres Studiums konnte sie die historischen Texte im Original lesen.

Ásta Egilsson wird 1627 hochschwanger mit ihrer gesamten Familie von den Piraten entführt und sieht mehrere Freunde und Verwandte grausam sterben. Das Leben auf dem Schiff ist nicht viel besser und sie bringt im Laderaum unter üblen Bedingungen ihr viertes Kind zur Welt. Derweil sucht ihr Mann den Kontakt zur Besatzung des Schiffs und versucht deren Sprache und Kultur zu verstehen. In Algiers angekommen landen Ásta und ihre Familie eine neue Welt, die kaum unterschiedlicher von ihrem vertrauten Dorf in Island sein könnte.

Dort war das Leben hart, der Winter lang und die Landschaft karg. Der Anfang ist sehr düster und spröde, umso schwerer verdaulich weil Sally Magnusson geschickt Bilder im Kopf entstehen lässt und die Figuren sehr schnell lebendig wurden. Schonungslos und gleichzeitig ohne unnötige Details schildert sie das Leben der Figuren.

In ihrem goldenen Käfig im Harem eines reichen Kaufmanns führt Ásta ein Leben im Luxus, fern von Heimat und Familie. Den Kulturschock für die versklavten Isländer kann man sich heute kaum noch vorstellen. Die Freiheit zu verlieren, eine fremde Sprache, fremd aussehende Menschen überall, eine fremde Religion, Hitze ohne Winter, ungewohnt bunte Farben, Essen im Überfluss…

Auf mich wirkten die Figuren ausnahmslos sehr authentisch, wie Kinder ihrer eigenen Zeit, was das Buch noch fesselnder machte. Ásta wirkt in ihrer Stärke und Kompromisslosigkeit gegenüber ihrem arabischen Besitzer und einigen anderen Figuren manchmal etwas zu modern. Auf der anderen Seite wurde sie in einer ganz anderen Welt groß, in der das Leben sehr hart war und ein Harem unvorstellbar gewesen wäre. Vielleicht war sie tatsächlich so wie geschildert und bewahrte sich einen gewissen Stolz wie eine Art Panzer. Sie kämpft nicht für Gleichberechtigung, sondern eher für die aus Island gewohnten Freiheiten, die in ihrer neuen Heimat für Frauen unüblich sind, insbesondere für Sklavinnen.

Ásta versucht ihren Kindern weiterhin ein Bindeglied zur alten Heimat zu sein, emotional, sprachlich und auch über die Sagas, während die Kinder in das Leben in der neuen Welt hineinwachsen, ihr jüngstes weder die alte Heimat noch Religion miterlebt hat. Über die Jahre muss sie sich entscheiden, ob sie sich mit ihrem Schicksal und neuen Leben arrangieren will, neue Bande knüpfen und ihre Kinder loslassen. Die Gedanken und Sorgen von Ásta erinnerten mich teilweise die von Migranten, die fernab der Heimat ein neues Leben anfangen müssen, in der sie ihre Kinder glücklich sehen wollen ohne sie zu verlieren. Natürlich ist das Ganze durch die Versklavung von Ástas gesamte Familie in einer Zeit ohne Telefone oder Internet noch deutlich drastischer.

Eine für Ásta sehr wichtige Gemeinsamkeit der alten und neuen Heimat ist die Leidenschaft für das Geschichtenerzählen. Die vertrauten nordischen Sagen retten Ásta mehr als einmal aus ihrer Verzweiflung und in Algiers lernt sie die Erzählungen aus 1001 Nacht kennen.

Das Ende möchte ich hier nicht verraten, es ist so hart wie überraschend, die Figuren bis zum Ende hin glaubwürdig in ihrem Verhalten und ihren Gedanken.

Katherine Manners leicht spröder Vortrag passt gut und lässt die Figuren lebendig werden.

Fazit

Eine faszinierende und gelungene Mischung aus historischen Fakten und Sally Magnussons Fantasie, die ungeschönt vermittelt, wie es wirklich gewesen sein könnte. Sally Magnusson ließ mich schnell in die fremde Welt und Zeit eintauchen, die durch die Augen von Ásta gezeigt wird. Spannender als in den meisten Geschichtsbüchern wird hier lebendig viel Wissen vermittelt. Sally Magnusson schont ihre Figuren und Leser nicht, vermittelt ein überzeugendes Bild davon, wie es vielleicht wirklich war in Island und Algiers Anfang des 17. Jahrhunderts.

Hoffentlich wird das Buch auf Deutsch übersetzt und bleibt nicht Sally Magnussons einziger Roman.

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Marc Elsberg – Gier

©Blanvalet

GIER Wie weit würdest du gehen von Marc Elsberg ©Blanvalet

ungekürzte Lesung

9:42 Stunden

Sprecher: Dietmar Wunder

Hörprobe beim Verlag *klick*

Zum Inhalt (vom Verlag)

Wenn Reichtum für alle möglich wäre, man dafür aber von seinem eigenen Geld abgeben müsste, würdest du teilen?

„Stoppt die Gier!“ rufen sie und „Tod dem Kapitalismus“. Auf der ganzen Welt demonstrieren Menschen gegen die Folgen einer neuen Wirtschaftskrise. Nur ein paar wenige Reiche sind die Gewinner. Bei einem Sondergipfel in Berlin will Nobelpreisträger Herbert Thompson eine Rede halten, die die Welt verändern könnte. Denn angeblich hat er die Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Doch dazu wird er nicht mehr kommen. Bei einem Autounfall stirbt er – aber es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war. Jan Wutte will wissen, was hinter der Formel steckt, aber die Mörder sind ihm dicht auf den Fersen …

Zum Autor (vom Verlag)

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern Blackout, Zero und Helix etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. Blackout und Zero wurden von Bild der Wissenschaft als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet und machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft.

zum Sprecher (vom Verlag)
Dietmar Wunder leiht seit Jahren Hollywoodstars wie Adam Sandler, Cuba Gooding Jr. und Daniel Craig seine Stimme. Außerdem ist er als Dialogregisseur tätig und ein sehr gefragter Hörbuchsprecher.

Meine Meinung
Ganz kurz: besser nochmal Blackout lesen oder hören….

Marc Elsbergs Erstling Blackout ist mir in guter Erinnerung und so hatte ich Gier gekauft ohne vorher andere Meinungen abzuwarten – in der Hoffnung, dass dieses Buch wieder besser wäre als sein drittes Buch Helix. Der Klappentext ließ mich schon einen reißerischen Thriller befürchtet, aber es kam leider noch schlimmer.

Die Grundidee klang interessant, dank der Formel des Nobelpreisträger Herbert Thompsons ein gewisser Wohlstand für alle, statt der immer weiter auseinandergehenden Schere. Dazu passend beginnt das Buch bei einem Krisengipfel und es kommen einige Spekulanten und Unternehmer zu Wort, die sich durch die Krise noch bereichern wollen und ihren Einfluss auf die Regierungen ausweiten, während sie Millionen von Arbeitsplätzen vernichten würden. Die Ausgangssituation, deren Ursachen und die Forderungen der Demonstranten nach mehr Gerechtigkeit wirken alle sehr realistisch.

Man merkt dem Buch deutlich an, dass Marc Elsberg viel zum Thema recherchiert hat. Stellenweise werden die Leser mit mal banalen, mal interessanten Rechenmodellen und wissenschaftlichen Theorien überflutet. Alternative Gesellschaftsmodelle bekommen leider nur sehr wenig Raum. Der Großteil der Recherchematerialien war vermutlich auf Englisch, anders kann ich mir Stilblüten wie „derart camoufliert wagte sie sich…“, „genügte seine Kondition, um den Typen spielend auszujoggen“ oder „der Spiegel in ihrem Zimmer zeigte sie reichlich devastiert“ nicht erklären.

Billige Effekthascherei, eine durch die Luft fliegende und die Hauptfigur nur knapp verfehlende Luxuslimousine, zahllose Verfolgungsjagden und Fluchtmanöver, künstliche Spannung durch ständige Szenenwechsel, zu wenig Abschnitte mit Substanz nervten mich immer mehr und ich war schon versucht, das Buch abzubrechen und fragte mich, ob eventuell ein Ghostwriter den Text auf Englisch geschrieben hatte dann an Google Translator geschickt hatte.

Die meisten Figuren sind recht eindimensional und die Hauptfigur Jan Wutte war leider weder überzeugend noch ein Sympathieträger für mich. Es ist ein Wunder, dass er bis zum Ende des Buchs überlebt. Die Polizisten sind auch ordentlich in Gut und Böse unterteilt, wobei die Guten sich natürlich an keinerlei Spielregeln halten.

Der Handlungsstrang um die Dorfbewohner hätte meiner Meinung entweder deutlich mehr Raum bekommen müssen oder komplett gestrichen werden.

Dietmar Wunder liest gewohnt souverän und findet stets den passenden Ton. Ohne ihn als Sprecher hätte ich vermutlich nicht bis zum Ende durchgehalten.

Fazit

Schade drum, hätte ein spannender Wirtschaftsthriller sein können und wirkte wie das sprachlich misslungene Drehbuch zu einem schlechten Actionfilm. Die Ausgangsfrage, ob (und warum) durch Teilen mehr Wohlstand für alle entstünde, wurde eher am Rande abgehandelt, zwischen zahllosen Verfolgungsjagden durch Berlin. Die Auflösung konnte mich leider auch nicht überzeugen und beim nächsten Buch von Marc Elsberg werde ich zuerst andere Meinungen abwarten. Dietmar Wunder ist nach wie vor einer meiner Lieblingssprecher, auch hier liest er souverän gut.

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Lesung und Gespräch Takis Würger, 28.03.2019, Brunosaal Köln

Foto ®ottifanta

Foto ©ottifanta

Die Stimmung war positiv gespannt im fast ausverkauften Brunosaal in Köln als Takis Würger und Adriana Altaras die Bühne betraten.

Die Veranstaltung begann direkt mit der im deutschen Feuilleton heiß diskutieren Frage „darf man das“. Darf man einen Liebesroman über eine deutsche Jüdin schreiben, die andere Juden an die Gestapo verriet. Adriana Altaras selbst sei genau das oft gefragt worden und sie finde absolut, dass man das darf. In Stella und am heutigen Abend gehe es um Schuld, Liebe und Moral.

Dann stellte sie kurz Takis Würger vor, der 1985 geboren wurden und vielen vermutlich als der Autor von Der Club bekannt sei, das für Adriana Altaras ein „Hammerbuch“ ist. Er habe die Journalistenschule besucht, in Cambridge studiert und als Kriegsreporter gearbeitet.

In seinem neuen Buch geht es um Stella Goldschlag, die eine sogenannte Greiferin gewesen sei. Takis Würger findet den Begriff Greiferin unglücklich, es klinge für ihn zu schnittig. Seines Wissens hätten rund zehn Juden mit der Gestapo kollaboriert. Von einem Freund, der das Theaterstück Stella besuchte, hörte er zum ersten Mal von Stella Goldschlag. Eine gebildete, musische Jüdin, die in einer geheimen Jazzband spielte und 1943 mit ihren Eltern verhaftet wurde. Die Gestapo stellte sie dann vor die Wahl, ihre Eltern mit dem Zug nach Auschwitz fahren zu sehen oder mit der Gestapo zu kollaborieren. Sie entschied sich die Kollaboration und sei für den Tod von Hunderten von Juden verantwortlich. Das Theaterstück und der Film Die Unsichtbaren hätten sich bereits vor dem Roman mit Stella Goldschlag beschäftigt.

Für Adriana Altaras stellt sich hier die Frage nach der individuellen Schuld und was man selbst getan hätte. Ihrer Ansicht nach haben die Zeiten sich gewandelt. Zuerst seien Juden Opfer gewesen, dann sei die Phase gekommen „aber wir Deutschen haben auch gelitten, Dresden brannte usw.“ und dann, dass es auch böse Juden gab.

Ob man mit der Gestapo kollaborieren könne, sei eine sehr komplexe Frage und erst recht, warum Stella Goldschlag auch nach dem Tod ihrer Eltern weitermachte.

Takis Würger kann die Aufregung über sein Buch nicht recht verstehen, denn es sei bereits vor rund 25 Jahren ein Sachbuch über Stella Goldschlag erschienen, das jetzt neu aufgelegt wurde und auch das Musical wurde bereits im Sommer 2016 erstaufgeführt. Ihm selbst sei kein anderes Beispiel für böse Juden bekannt, Fälle in denen Juden Täter waren. Wieviel Mitschuld Stella Goldschlag getragen habe, sei für ihn ein wichtiges Thema.

© Hanser Literaturverlage

© Hanser Literaturverlage

Adriana Altaras war schockiert, dass die Kritiken oft kaum an Häme zu überbieten waren. Auf der anderen Seite war Stella beim NDR “Buch des Monats” und die Jüdische Allgemeine habe es als „Leise, glaubwürdig und ja, auch schonungslos, aber an keiner Stelle unempathisch, effekthascherisch oder gar reißerisch” beurteilt.

Für sie sei der Eindruck entstanden, dass nur noch Juden über den Holocaust schreiben dürften, Maxim Biller, sie selbst und wenige andere. Wie sich Takis Würger die Häme erkläre? Seiner Meinung sei es am besten, wenn der Autor nichts dazu erkläre. Natürlich hoffe man als Autor, dass das Buch gut ankomme. Als das Buch und die Kritiken erschienen, habe er mit vielen Buchhändlern gesprochen, die diese Diskussionen im Laden führen mussten und das Echo sei sehr positiv gewesen.

Am Ende des Buchs steht seine persönliche Emailadresse und nach den vernichtenden Kritiken am 11. Januar, habe er habe Angst gehabt, in sein Postfach zu schauen. Es seien einigen Emails von Buchhändlern gewesen, die das Buch vor den Verrissen lasen, es gut fanden und ihm zur Seite standen. Er bedankte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Buchhändlern für ihre Unterstützung. Insgesamt habe er rund 1300 Emails bekommen, von denen weniger als zehn verletzend gewesen seien. Viele hätten Kritik geäußert und es haben Diskussionen gegeben. Das größte Kompliment sei für ihn gewesen: „Ich habe Ihr Buch vor zwei Tagen fertig gelesen, aber ich noch lange nicht fertig damit.“

Sein Verleger und Lektor habe die Ansicht vertreten, dass sein Buch diese Debatte eigentlich nicht hergeben würde, was ihn wiederum amüsierte.

Dann las Takis Würger gekonnt das Kapitel, in dem Friedrich vorgestellt wird. Wie er in der Schweiz aufwächst und von seiner Mutter gedrillt wird, die ein einziges Ziel hat und ihn dafür schon früh an der Staffelei stellt. Es folgt ein einschneidendes Ereignis, das Friedrichs Leben für immer verändert.

Für Adriana Altaras ist es sehr wichtig, dass Friedrich immer die Wahrheit sagt, so wie er es von seinem Vater lernte. Als er sich jedoch in Stella Goldschlag verliebt, kann und will er vieles nicht sehen.

Takis Würger betont an dieser Stelle, dass Stella ein Roman ist, vorher sei über die historische Stella Goldschlag gesprochen worden und er wolle auf den Unterschied hinweisen, worauf Adriana Altaras lakonisch kontert, dass es ein Roman sei stehe doch vorne drauf.

Seiner Meinung nach verhalte sich Friedrich so, weil Stella Goldschlag die erste sei, die ihm das Gefühl gebe, so ok zu sein, wie er ist. Friedrich frage nicht nach, weil er um jeden Preis das erhalten wolle, was er gefunden hat. Ja, Friedrich sei sehr naiv, aber er reflektiere auch über Stella und Takis Würger zitiert eine kurze Stelle aus dem Roman „vielleicht habe ich gewusst…“. Vielleicht hätte er diese Stelle deutlich herausarbeiten sollen.

Adriana Altaras vermutet, dass die Kritiker so hysterisch seien, weil es Unterschiede zwischen dem Roman und der historischen Realität gibt.

Takis Würger hatte während des Schreibens auch Kontakt zu Professor Sascha Feuchter, Leiter der Stelle für Holocaustliteratur an der Uni Gießen. Dieser habe ihm die Frage gestellt, ob man im Jahr 2019 ernsthaft eine Debatte darüber führen würde, was Literatur dürfe. Es sei Kunst, die dürfe alles.

Wenn die Generation von Takis Würger nicht darüber schreibe, während die letzten Zeitzeugen noch leben, dann beginne die Zeit des Schweigens. Ob man darüber eine Liebesgeschichte schreiben könne und diese gelesen werde, könne man diskutieren. (Interessante Radiosendung mit Sascha Feuchter *klick*) Die Shoa sei so groß gewesen. Wenn sein Roman dazu führe, dass ein Einziger über dieses Thema google und sich dafür interessiere, sei er zufrieden.

Für Adriana Altaras ist ein Roman seiner Generation und sie findet es wichtig, dass die Generation der 30-40 Jährigen über die Zeit schreibt, statt damit aufzuhören, weil man nicht Primo Levi ist.

Ihrer Ansicht nach ist Friedrich extrem naiv. Sie kann scheinbar Takis Würgers Beteuerungen, dass nur Friedrich so naiv sei nur halbherzig Glauben schenken und wünschte sich deutlichere Aussagen dazu im Buch. Ihrer Ansicht nach sei er ausgewichen und sie hofft auf mehr im nächsten Buch.

Takis Würger fände es anmaßend, die Frage zu beantworten, was man selbst an Stella Stelle getan hätte. Er wünsche sich, dass die Leser selbst darüber nachdenken.

Dann las er jene Textstelle, in der Friedrich und Stella sich zum ersten Mal begegnen.

Im Buch sind zahlreiche Zeugenaussagen über Stella Goldschlag in kursiver Schrift abgedruckt, sowie immer wieder kurze Sammlungen zeithistorischer Informationen.

Ihm sei das Leben der Figuren wie ein Kammerspiel vor einer Luxuskulisse in Berlin vorgekommen, als ob die Nazis nicht gleichzeitig Krieg führen würden und Juden ermorden.

Die Zeugenaussagen seien sehr kalt und klar, sie würden deutlich zeigen, wie gefährlich diese Frau war. Durch die Chronikeinträge würden die Leser gezielt immer wieder aus der Geschichte geworfen. Dies sei lange im Lektorat diskutiert worden. Er wollte den Lesern etwas vom Inhalt der rund vier Dutzend Bücher über die 40er Jahre vermitteln, die er las, weil er selbst überrascht war, wie wenig er über diese Zeit wusste. Die Leser sollten erfahren, was alles passierte, während in Berlin diese Liebesgeschichte spielt. Während des unglaublichen Terrors der Nazis passierten auch unglaublich triviale Dinge, Oscar wurden verliehen, Opern aufgeführt usw. Für ihn sollten die Chronikeinträge illustrieren, dass das Leben weiterging.

Ihn fesselte das Tagebuchs eines US-Journalisten, der 1942 im Adlon lebte und nachts ein anderes Leben führte, der die geheimen Jazzclubs ging und von zwei französischen Kriegsgefangenen erzählt, die Wein aus Fässern auf Flaschen zogen, weil so viel Wein getrunken wurde. Er wollte zeigen, dass auch böse Menschen Feste feierten, u.a. auf der Wannseekonferenz.

Das Böse habe sehr viele Facetten. Bei seiner Recherche sei er immer wieder bei Reinhard Heydrich hängengeblieben. Sohn eines Komponisten, der selbst sehr musikalisch war, Violine spielte und von Musik oft zu Tränen gerührt wurde. Gleichzeitig habe er die Wannseekonferenz geplant und sei ein Monster gewesen. Heyrich habe er nicht in den Roman nehmen wollen, daher gebe es Tristan von Appen, der zunehmend bösartig sei und Nazi.

Adriana Altaras gefällt es, dass die Figuren mehrere Facetten haben und wünscht sich für den nächsten Roman noch vielschichtigere Figuren. Die historische Stella Goldberg sei nach dem Krieg in einem ersten Prozess zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden, nach ihrer Freilassung in einem zweiten Prozess später zu weiteren zehn Jahren, die jedoch als verbüßt galten. Sie habe erfolglos versucht, eine Rente als Opfer des Faschismus zu bekommen und sich später durch einen Sturz auf dem Fenster umgebracht. Ihre Tochter sei um die Zeit des ersten Prozesses von Berliner Juden adoptiert worden, die mit dem Kind nach Israel auswanderten. Die jüdische Gemeinde habe den Kontakt zwischen Mutter und Tochter später verhindert.

Dann erklärte Takis Würger, dass Stella Goldschlag ihre publizistischen Persönlichkeitsrechte vererben wollte. Dies sei jedoch nicht möglich, man könne nicht beeinflussen, wie nach dem Tod über einen geschrieben werde. Wenn man eine Person der Zeitgeschichte sei, sei es sowieso anders.

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Gespräch Eva Lüdi Kong, 21.03.2019, Konfuzius-Institut Leipzig

®ottifanta

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Eva Lüdi Kong studierte Sinologie in Zürich und klassische Literatur und Kalligraphie in China. Von 1990-2016 lebte sie in China und wurde 2017 für die Neuübersetzung des chinesischen Klassikers Die Reise in den Westen mit dem Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Im Herbst 2018 erschien ihre Übersetzung des sogenannten 1000 Zeichen Klassiker.

Dieses Buch lese sich fast wie ein dadaistischer Text, sei in einer sehr komprimierten Schriftsprache verfasst und nur mit sehr tiefen Kenntnissen der chinesischen Kultur und Sprache zu verstehen. In China kenne praktisch jeder dieses Buch und könne daraus zitieren. Noch vor gut einem Jahr habe sie nicht gedacht, dass eine Übersetzung zustande kommen könne, dann sei plötzlich alles sehr schnell gegangen. Sie habe das kleine Büchlein nochmal in die Hand bekommen und plötzlich einen Zugang dazu gefunden, es sei ganz wunderbar.

Einige Stelle habe sie als poetisch empfunden, andere beim ersten Lesen nicht direkt verstanden. Doch später habe sie auch diese Stellen spontan verstanden, was jemand mit diesem oder jenen Zeichen ausdrücken wollte. Ganz von selbst hätten sich passende deutsche Sätze ergeben, die meist viersilbig seien.

Während eines Mailkontakts mit ihrem Lektor bei Reclam habe sie einen Auszug mitgeschickt, nur so und er sei direkt im Januar 2018 auf sie zugekommen, dass man es sofort machen könne. Wie schon Die Reise in den Westen habe ihr auch diese Übersetzung viel Spaß gemacht, auch es hier eine kürzere Zeit gewesen sei, habe es sie sehr bereichert. Sie könne natürlich nicht mit den Gelehrten aus der Ming und Qing-Dynastie mithalten, wenn es um solche reiche Texte gehe.

Ihr Schwiegervater aus Hangzhou sei einer der letzten gewesen, der noch eine traditionelle Schule besucht habe und den 1000 Zeichen Klassiker schon mit neun Jahren auswendig lernen musste. Inzwischen lebe er in einem Häuschen auf dem Land und könne noch heute das Buch aus dem Gedächtnis von Hand schreiben, es stecke einfach in ihm drin. Bis zur Übersetzung dieses Buches habe sie nie ein Gesprächsthema mit ihm gehabt, das über allgemeine Dinge hinausging. Jetzt seien sie das erste Mal richtig ins Gespräch gekommen und es sei ein sehr intensiver Austausch gewesen. Für ihn war es wir ein Kinderlied, das man auswendig lernte. Vieles habe er erst viel später als Erwachsener verstanden.

®Reclam

®Reclam

Der 1000 Zeichen Klassiker entstand im sechsten Jahrhundert und habe rasch zum Kanon der Klassiker gehört. Bis Anfang des 20. Jahrhundert kannte es jeder, der Lesen und Schreiben gelernt hatte. Heute werde es wieder gelehrt, in einer bunt illustrierten Ausgabe für die Schulen. Sie selbst ist fasziniert von der alten Version mit schwarz-weißen Illustrationen. (Leseprobe mit Illustrationen)

Es beginne wie so viele Bücher mit dem Himmel und der Erde, man sehe beim Lesen die gelbe Erde vor sich. Es sei unheimlich poetisch und beim Lesen würden sich Bilder ausbreiten, während die Schüler den Text in den Schulstuben geleiert wiedergaben. Das repetitive Lernen sei Anfang des 20. Jahrhunderts Verruf gekommen und das Werk selbst als „abtötende Literatur“.

Der Kaiser Wu aus der Liang Dynastie habe im sechsten Jahrhundert in der Gegend um Nanjing gelebt, viele Gelehrte um sich geschart und sich sehr für den Buddhismus eingesetzt. Damals mussten Kalligraphen während der Ausbildung einzelne Schriftzeichen von Stelen abschreiben, oft ohne größeren Sinn. Der Kaiser wollte einen zusammenhängenden Bildungstext für die Adelssprösslinge und wählte den Hofgelehrten Zhou Xingsi aus, der in seinen Augen großes Talent hatte. Es sollten 1000 Zeichen vorkommen, keines durfte sich wiederholen. Der Legende nach habe Zhou Xingsi die ganze Nacht gereimt und den Text bereits am nächsten Tag dem Kaiser übergeben.

Ein Mönch habe Ende des sechsten Jahrhunderts 800 Abschriften des Textes in Tempeln in der Provinz Zhejiang verteilt, die in der Nähe von Nanjing liegt Der Text sei überall als Vorlage zum Schreiben lernen verwendet worden. Eva Lüdi Kong zeigte zahlreiche Bilder von alten Lehrbüchern und auch von Bibliotheken, in denen die Zeichen des Buches fortlaufend zur Nummerierung verwendet wurden, z.B. beim vollständigen buddhistischen Kanon.

Ihre Begeisterung für den Text und dessen Tiefe war deutlich spürbar, besonders, wenn sie einzelne Textstellen auf Chinesisch und Deutsch rezitierte. Umso intensiver sie sich mit dem Text beschäftigte, umso mehr sei sie in einen Flow gekommen, jedes Zeichen gehe auf wie eine Blume. Sie habe befürchtet, dass Sinologen ihre Version in Zweifel stellen würden, aber ihr Eindruck sei, dass sie nicht mehr geschrieben habe, als in dem Text, den Zeichen drinstecke und wollte ihren deutschen Lesern dieses besondere Gefühl beim Lesen vermitteln.

Das Werk sei in verschieden Abschnitte unterteilt. Erst werde geschildert, was es im Himmel und auf der Erde gebe, dann gehe es um chinesische Mythen und später um die Weisheit des chinesischen Urkaisers. Es geht um einen Verhaltenskodex für die Menschen, wie Männer und Frauen sich zu verhalten haben. Das Werk sei an sich erzkonfuzianisch (mit einer einzigen Anspielung auf den Buddhismus) und sie frage sich, ob es gut sei, diesen Text heute wieder in Schulen rezitieren zu lassen. Es gebe eine neue Diskussion um den Sinn der Lektüre, ob es nicht doch abtötende Literatur sei.

Dann schweife der Blick auf den Kaiserhof, was dort passiere und wer dort lebe, die Verwaltungsstruktur und die Bekleidung der hohen Beamten. Zu jedem Abschnitt wurden Seiten aus älteren Versionen des Werks gezeigt, mit Text und zahlreichen passenden Illustrationen. Der Autor habe auch einen kritischen Blick auf das Leben am Hofe geworfen und riet z.B. sich vor Intrigen zu hüten.

Ohne den Text genau zu kennen, könne man ihn rein akustisch kaum verstehen, so verknappt und klassisch sei die Sprache. Ihr Schwiegervater habe als Kind einiges anders verstanden, in der Schule wurde mehr Wert auf das Auswendiglernen und Schreiben gelegt als auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt.

Das Ende sei sehr unterschiedlich interpretiert worden. Sie habe es so gelesen, dass der Autor darstellt, wie er mit dem fertigen Manuskript durch den Palastgarten schlendere und es dem Kaiser vorlege. Diese Version habe sie bei einem chinesischen Linguisten gelesen und als passend empfunden. Ganz am Ende gehe der Verfasser wieder auf den Himmel und den Lauf der Sterne ein.

Chinesische Sprichwörter bestehen traditionell aus vier Schriftzeichen und viele Zeilen aus dem 1000 Zeichen Klassiker seien als Sprichwörter bekannt. Dann verglich Eva Lüdi Kong noch die Übersetzungen von J. Hoffmann (1840), Erich Hauer (1925) und Barbara Maag (2010/2017), die teilweise sehr unterschiedlich ausfallen.

Es wurde ein Video von Youtube gezeigt, auf dem eine Schulklasse in traditioneller Kleidung den Text (leiernd) rezitiert. Der Umgang bleibe etwas ambivalent. Ihrer Meinung nach solle es gelesen werden, jedoch mit einem kritischen Blick.

Zum Ende beantwortete sie noch einige Fragen aus dem Publikum.

Obwohl der Text rund 1500 Jahre alt ist und es auch im Chinesischen Lautverschiebungen gab, würde der Originaltext sich immer noch reimen.

Es gebe in China kein klassischeres Buch als dieses und zum Glück sei es ihrem Lektor von Reisen durch China bekannt gewesen. Andere Verlage hätten es nicht gekannt und dieses sehr spezielle Nischenprojekt vermutlich auch nicht veröffentlicht. In ihren Anmerkungen auf der linken Seite (rechts stehen immer Originaltext und Übersetzung) sei sie meist auf die Bezüge zu anderen klassischen Schriften eingegangen.

Sie freue sich, dass dank Reclam dieser so besondere Text jetzt auch einer ausführlichen Version für deutsche Leser verfügbar sei und bedankte sich beim anwesenden Publikum.

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