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Premiere Rigoletto, Staatstheater am Gärtnerplatz, 30.01.2020

Foto: Christian POGO Zach

Es ist wieder Zeit für einen Opern-Klassiker im Gärtnerplatztheater. Mit Giuseppe Verdis Rigoletto feierte am vergangenen Donnerstag eine der meistgespielten Opern der letzten eineinhalb Jahrhunderte seine fulminante Premiere.

Regie führte Herbert Föttinger, von dem auch die Inszenierung von Don Giovanni stammt, die seit der Umbauzeit bereits im Repertoire des Theaters sehr erfolgreich verankert ist. Auf den ersten Blick fallen durchaus Parallelen auf: ein Mann außerhalb der gesellschaftlichen Gesetze, der sich gerne mit Frauen und Drogen vergnügt und dem die Frauen kaum Widerstand entgegen bringen; eine vielfach einsetzbare Drehbühne; Herren in schicken Anzügen und leicht bekleidete Damen. Natürlich bietet sich der Vergleich zwischen Don Giovanni und dem Herzog von Mantua durchaus an. Föttingers Inszenierung ist optisch und auch in den Übertiteln in die heutige Zeit geholt, die modernste Referenz an die Moderne ist jedoch wohl Rigolettos erstes Kostüm als der Comicschurke Joker. Zugegebenermaßen habe ich mit solch einem prägnanten Element der Popkultur, das man derzeit des Öfteren in Opern sieht (z.B. bei Fidelio in der Bayerischen

Staatsoper und Don Giovanni in der Komischen Oper), ein wenig meine Schwierigkeiten. Als begeisterter Comic-Leser verbinde ich den Joker mit einem gewissenlosen Psychopathen. Rigoletto ist zwar in Föttingers Inszenierung nicht unbedingt ein Sympathieträger, hält er doch seine Tochter durch Kontrollwahn und Grobheit klein, doch zum waschechten Bösewicht reicht es in meinen Augen trotzdem nicht ganz. Eher zum sozial ausgegrenzten Einzelgänger, der durch die gesellschaftliche Ablehnung aufgrund seiner körperlichen Beeinträchtigung auch zum sozialen Krüppel wurde. Natürlich basieren sowohl Rigoletto als auch der Joker auf Romanfiguren von Victor Hugo (aus Le roi s’amuse und L’homme qui rit) und beide finden in der Rolle des Clowns persönliche Freiheit. In dieser Hinsicht kann man also durchaus auch Parallelen ziehen.

Lucian Krasnec zeigt – stimmlich wie gewohnt stark und wunderbar – einen durchaus schwer zu durchschauenden Herzog. Bei seinen Parties tanzt er ausgelassen, scheint am nächsten Tag aber eher, als würde ihn dieser wohlhabender Lebensstil eher belasten. Auch meint man in seinen Szenen mit Gilda tatsächlich wo etwas wie wahre Liebe aufblitzen zu sehen, während er sich kurz darauf wieder fröhlich einer neuen Eroberung widmet. Sehr witzig ist die Szene, als er im Hintergrund seinen perfekten Auftritt für Rigolettos Tochter plant: mit Champagner, Blumen und Musikern, nur um in letzter Sekunde alles zu verwerfen und den riesigen Blumenstrauß auf die Seitenbühne zu schmeißen.

Foto: Christian POGO Zach

Zu Gast am Gärtnerplatztheater ist Aris Argiris als Titelheld Rigoletto. Er schafft den Wandel zwischen dem zynischen Entertainer und dem traurigen Einzelgänger perfekt und sprichwörtlich auf der Bühne, wenn er das schrille Kostüm verpackt und die Schminke aus dem Gesicht wischt. Den liebevollen Vater, den man bei Rigoletto oft erwartet, sucht man jedoch in Föttingers Inszenierung. Er durchwühlt Gildas Sachen und zerrt sie durch die Gegend, während sie ihm ihre töchterliche Liebe beteuert. Auch am Ende scheint er mehr sich selbst zu bemitleiden denn seine Tochter.

Jennifer O’Loughlin scheint als Gilda mit gedecktem Kleid und dicker Brille zwar wie ein echtes “Hascherl”, doch wird schon schnell klar, dass auch dies nur eine Rolle ist. Allein stimmlich steht diese Gilda schon alles andere als unbedarft und unschuldig da (und wer weiß, welches Büchlein sie panisch vor ihrem Vater versteckt). Im Gegensatz zu Rigoletto blüht sie gegenüber dem Herzog enorm auf und setzt sich mutig für ihn ein. Ihr selbstgewähltes Ende scheint sie kaum zu bedrücken, als sähe sie dadurch die Chance, der Herrschaft ihres Vaters zu entfliehen.

Foto: Christian POGO Zach

Spannend sind auch Anna-Katharina Tonauer und Levente Páll als dubioses Geschwisterpaar Maddalena und Sparafucile, die hier scheinbar in einer alten Tankstelle hausen. Während Maddalena die Opfer ihres Bruders anlockt und verführt putzt dieser derweil ausgiebig die verrostete Zapfsäule vor der Türe. Sparafucile scheint in dieser Inszenierung als eine der wenigen Charaktere, die mit ihrem Leben zufrieden sind und dem sein “Beruf” stolz zu machen scheint. Maddalena hingegen träumt eher von einem schöneren Leben, kann sich aber ebenso schwer gegen ihren Bruder behaupten, wie Gilda gegen ihren Vater. Vielleicht fühlen sie sich deshalb auch beide derart zu dem Herzog hingezogen, der ihnen nicht nur Kontrolle aufzwingen will.

Orchester und Solisten lassen dank der energievollen Leitung von Anthony Bramall musikalisch keine Sekunde Langweile aufkommen. Ohne Zögern steuert die Handlung so durch die gesellschaftlichen Missstände und dem tragischen Ende entgegen. Zurecht erhielten die Solisten neben dem vergrößerten Herrenchor minutenlangen, begeisterten Applaus.

 

Noch bis Anfang März ist Rigoletto im Staatstheater am Gärtnerplatz zu sehen. Alle Termine finden Sie im unten stehenden Link.

Dirigat: Anthony Bramall
Regie: Herbert Föttinger
Bühne: Walter Vogelweider
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Video: Raphael Kurig, Meike Ebert
Choreografische Beratung: Karl Alfred Schreiner
Choreinstudierung: Pietro Numico
Dramaturgie: Fedora Wesseler
Rigoletto: Aris Argiris
Herzog von Mantua: Lucian Krasznec
Gilda: Jennifer O’Loughlin
Sparafucile: Levente Páll
Maddalena: Anna-Katharina Tonauer
Graf von Monterone: Christoph Seidl
Giovanna: Ann-Katrin Naidu
Marullo: Ludwig Mittelhammer
Borsa Matteo: Gyula Rab
Graf von Ceprano: Holger Ohlmann
Gräfin von Ceprano: Elaine Ortiz Arandes
Ein Gerichtsdiener: Martin Hausberg
Page der Herzogin: Caroline Adler

Herrenchor, Orchester und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/rigoletto.html?m=410

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Premiere L’Heure Espagnole, 28.04.2019, Gärtnerplatztheater

In der Kürze liegt die Würze. Dieses schöne Sprichwort trifft auf viele Lebenslagen zu, im Besonderen aber auf die absurd-lustige Kammeroper L’heure espagnole von Maurice Ravel und Franc-Nohain, die 1911 in Paris uraufgeführt wurde und am vergangenen Sonntag auf der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters Premiere feiert.

Foto: Adrienne Meister

Zentrum dieses Stücks ist die schöne Concepción, Gattin des Uhrmachers Torquemada, der einmal in der Woche eine Stunde lang die Rathausuhren warten muss und ihr so Zeit gibt, abwechselnd einen ihrer Liebhaber im Laden zu empfangen. Dummerweise taucht an diesem Tag der Mauleseltreiber Ramiro auf, der seine Uhr reparieren lassen muss und will im Uhrmachergeschäft auf Torquemada warten. Als Concepcións Liebhaber, der Poet Gonzalvo auftaucht, bittet sie Ramiro eine schwere Uhr die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer zu schaffen. Als dummerweise auch noch ihr zweiter Verehrer Don Inigo erscheint, versteckt sie Gonzalvo in einer Standuhr und lässt Ramiro diese hinauf schleppen. So werden abwechselnd die beiden Liebhaber in das Schlafzimmer der Dame geschmuggelt, bis diese Gefallen an dem starken Ramiro findet und ihre beiden – noch immer in Uhren versteckten – Besucher alleine im Geschäft stehen lässt, wo sie von Torquemada entdeckt werden.

Foto: Adrienne Meister

Ich kannte ja das Stück bereits aus einer anderen Inszenierung und war sehr gespannt, wie Regisseur Lukas Wachernig dieses amouröse Verwirrspiel auf der kleinen Studiobühne inszenieren würde. Er setzt dabei vollkommen auf die Absurdität der Kurz-Oper, was optisch durch die Ausstattung von Stephanie Thurmair unterstützt wird. Die Bühne erinnert stark an die surrealistischen Gemälde des spanischen Künstlers Salvador Dalí, vor allem die schmelzenden Uhren, die die drei Liebhaber anfangs über einen dürren Baum hängen. Der Uhrmacher Torquemada selbst erinnert dabei mit dem ikonischen gezwirbelten Bart an den berühmten Künstler.

Die Kostüme der fünf Solisten passen perfekt in das bunte Bühnenbild. Concepción trägt ein rotes Kleid im Stil der 20er Jahre, passend dazu ist auch ihr zukünftiger Liebhaber Ramiro in Rot- und Orangetönen gekleidet und sieht aus wie ein Muskelmann, wie man ihn früher auf Jahrmärkten sehen konnte. Gonzalvo und Inigo sind dagegen vorwiegend in kühlem Blau gekleidet. Auch das Makeup passt bis ins kleinste Detail zu diesen Kostümen und den überspitzten Charakteren. Ramiro und Gonzalvo bekommen beide ein Brusthaar-Toupet verpasst und letzterer erinnert nicht nur durch das Makeup sondern auch in seinen selbstverliebten Reden an den aktuellen amerikanischen Präsidenten.
Wachernig setzt in seiner absurden Inszenierung vor allem auf Slapstick und eine eindeutige Zeichnung der Charaktere, was zu dem schrägen Stück durchaus passt und somit beim Publikum für viele Lacher sorgt.

Foto: Adrienne Meister

Valentina Stadler gibt als Concepción eine verwöhnte Zicke, die die Uhren ihres Gatten sabotiert und nur ihr persönliches Vergnügen im Sinn hat. Es macht großen Spaß zuzusehen, wie sie mit den vier Männern spielt und die Aufmerksamkeit genießt, die sie ihr entgegen bringen. Ramiro wird von Matija Meić wundervoll als „Poser“ verkörpert, der der schönen Frau vom ersten Moment an mit seinen Muskeln imponieren will. Er ist fast permanent auf der Bühne und kämpft im Hintergrund mit dem Transport der Standuhren – der in dieser Inszenierung sehr kreativ gelöst ist – oder muss sich am Erste-Hilfe-Kasten der Probebühne bedienen, um seine Rückenschmerzen zu kurieren. Juan Carlos Falcón als Torquemada scheint hier als typisch verpeilter Künstler, der offenbar mehr Liebkosungen für seine Uhren und sein Werkzeug übrig hat als für seine Frau. Dieser Ansatz macht es dann auch irgendwie verständlich, dass die junge Concepción bei anderen Männern ihr Liebesglück sucht. Gyula Rab darf als etwas egozentrischer Poet Gonzalvo alles an Schmalz auspacken, was eine Tenor-Rolle zu bieten hat und zeigt so vor allem eine schöne Parodie auf die typischen Frauenhelden in anderen Opern. Der reiche Geschäftsmann Don Inigo Gomez wird vom Bass Christoph Seidl gespielt. Er möchte für seine junge Geliebte auch etwas weniger ernst wirken und tarnt sich deshalb als eine Uhr, die aus einem überdimensionalen Auge besteht, mit seinem Gehstock als Pendel.

Der Spaß, den die Solisten angesichts ihrer Charaktere an den Tag legen, hat sich sehr schnell auf meine Begleiterin und mich übertragen. Auch gesanglich meistern sie die fließende, sicher nicht ganz einfache, Musik perfekt. Das kleine Orchester unter der Leitung von Kiril Stankow sitzt hinter dem leicht durchsichtigen Bühnenbild und auch sie lassen den Raum mit den Klängen Ravels schweben, sodass die fast einstündige Spielzeit wie im Flug vorüber geht.

Der große Applaus am Ende war für alle Beteiligten voll und ganz verdient, denn diese Inszenierung macht einfach großen Spaß. Die Tatsache, dass Publikum hier ganz nah am Geschehen ist und auch ab und an einbezogen wird, ist nach wie vor ein großer Pluspunkt der kleinen Studiobühne.

 

Musikalische Leitung: Kiril Stankow
Regie: Lukas Wachernig
Bühne / Kostüme: Stephanie Thurmair
Licht: Michael Heidinger
Dramaturgie: Daniel C. Schindler

Concepción: Valentina Stadler
Gonzalvo: Gyula Rab
Torquemada, Uhrmacher: Juan Carlos Falcón
Ramiro, Mauleseltreiber: Matija Meić
Don Inigo Gomez: Christoph Seidl

weitere Termine: 6. / 8. Mai / 19. Juni, 19.30 Uhr und 20. Juni, 18.00 Uhr

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/heure-espagnole.html?m=362

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