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Premiere “Sherlock Holmes und der Tod des Bayernkönigs”, 09.06.2018, Blutenburg-Theater München

© Volker Derlath

© Volker Derlath

Seit nunmehr 132 Jahren schwebt ein großes Mysterium durch die bayerische Geschichte: der Tod des Märchenkönigs Ludwig II.. Noch immer sind sich die Menschen nicht einig, ob der entmündigte Monarch freiwillig im Starnberger See sein Leben ließ oder ob nicht  nachgeholfen wurde.
Die Autoren Otto Beckmann und Anatol Preissler – der auch das Stück in Deutschlands ältester Kriminalbühne inszenierte – haben sich unter den Decknamen Dogberry und Probstein diesen Mythos vorgenommen und ihn in eine hinreißend absurde Komödie eingewoben.
Dabei begegnen uns, wie der Titel schon verrät, der berühmte Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein Kamerad John Watson. Die beiden werden eines Tages in London von einer geheimnisvollen Dame besucht, die sich als Therese von Bayern entpuppt. Sie sucht Hilfe für ihren Vetter Ludwig, der nicht nur das merkwürdige Verschwinden der Besatzung seiner Ägypten-Expedition zu verkraften hat, sondern nun auch noch von einer sprechenden Mumie im Keller seines Schlosses tyrannisiert wird. Die Mumie ist alles, was von der Expedition übrig ist und der König fürchtet durch den nächtlichen Spuk seinen Verstand zu verlieren. Also machen sich Holmes und Watson per Schiff, Eisenbahn und Transrapid-Kutsche auf den Weg nach Bayern. Auf ihrer Reise begegnen ihnen allerhand merkwürdige Gestalten wie sprechende Bilder, weihrauchende Gottesmänner und aufmüpfige Statuen.
Das klingt nach vielen Figuren auf der Bühne und tatsächlich kommen fast vierzig Charaktere in dieser Komödie vor. Für die stehen jedoch nur vier Darsteller auf der Bühne. Holmes und Watson werden von Julian Manuel und Uwe Kosubek gespielt, alle anderen Damen, Herren und Sonstiges von Wolfgang Haas und Martin Dudek. Das klingt schräg und ist es auch definitiv, das Publikum – inklusive mir – hat bei der Premiere kaum eine Sekunde ohne Lachen verbracht.

© Volker Derlath

© Volker Derlath

Das Konzept dieser Komödie würde natürlich nicht ohne das richtige Drumherum nicht funktionieren. Das Bühnenbild von Peter Schultze ist für das Blutenburgtheater ungewohnt minimalistisch, aber so kann sich die winizige Bühne innerhalb von Sekunden dank kleiner Details von der Baker Street in ein Schiff, ein Zugabteil, eine Kirche oder eine Gruft verwandeln. Die zahlreichen, aufwändigen Kostüme stammen von Andreas Haun, den das Publikum eher als Darsteller auf der Bühne gewohnt sind und der für diese Produktion viele Wochen im Kostümfundus und an der Nähmaschine verbracht hat. Dabei hat tatsächlich quasi jede Figur ein vollwertiges Kostüm, was für die beiden Darsteller natürlich nicht nur kuschelig warm wird, sondern auch zu lustigen, sekundenschnellen Umzügen auf der Bühne führt.
Aber das Highlight dieser Inszenierung sind aber auf jeden die vier Darsteller. Julian Manuel ist ein jugendlich-aufgedrehter Meisterdetektiv, der ganz im Sinne der Romanvorlage auch unter Einfluss von Kokain seine genialen Schlüsse zieht. Er leitet das Publikum temperamentvoll durch die herrlich absurde Geschichte. Sein Freund Watson wird von Uwe Kosubek als sympathisch-tollpatschiger Frauenheld gespielt, außerdem darf er in die Rolle des Märchenkönigs persönlich schlüpfen. Die größte Herausforderung haben jedoch Wolfgang Haas und Martin Dudeck mit jeweils rund einem Dutzend Rollen. Haas spielt nicht nur eine bezaubernde Therese, sondern auch den völlig irren ehemaligen Hofapotheker oder einen urigen Kuhhirten. Vor allem durch seine Fähigkeit, verschiedene Dialekte überzeugend nachzuahmen, gibt er jeder Figur etwas Besonderes. Martin Dudeck darf nicht nur die liebliche Haushälterin Mrs. Hudson und einen sehr verstoiberten Minister spielen, sondern ist auch ganz ohne Reden wundervoll als Mumie. Dudeck kann wieder sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen, mit dem er regelmäßig die Lachmuskeln der Zuschauer strapaziert.
Dank der Regie von Anatol Preissler ist diese Komödie rasant und wird keine Sekunde langweilig. Es wird gesungen, getanzt, es gibt viel Slapstick und plötzlich kann es auch ganz still und ernst werden. Eine gute Mischung, bei der nicht nur Sherlock Holmes- und König Ludwig-Fans auf ihre Kosten kommen.
Fünfmal die Woche kann man die vier Herren auf der Bühne des kleinen Theaters erleben, Infos zum Kartenvorverkauf sind auf der Webseite zu finden.

http://www.blutenburg-theater.de/sitzplan.html

weitere Termine: bis 21. Juli und von 21. August bis 29. September, Dienstags bis Samstags um 20 Uhr

Julian Manuel: Sherlock Holmes
Uwe Kosubek: Dr. Watson
Wolfgang Haas: Therese von Bayern  / Breznverkäuferin / Echo / Bauer / Kapitän / Amor / Apotheker / Pfarrer Blasius / Sekretär Huber / Hofnarr / Schauspieler / Agatha Christel / Fischer / Schulz
Martin Dudeck: Mrs. Hudson / Schaffner / Schwabe / Hercules Peugeot / Diener / Wirt / Gärtner / Waschweib / Pfarrer Dominikus / Mumie / Kutscher / Lutz / Ritter / Schauspieler / Dr. v. Gudden / Folterkeller-Ehrhardt

Regie: Anatol Preissler
Kostüme: Andreas Haun
Bühne: Peter Schultze
Sound: Andreas Harwath
Licht: Tom Kovacs

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Der bayerische Sturm, 05.05.2018, Stadttheater Landshut

Der Sturm von William Shakespeare ist wohl unangefochten mein liebstes Theaterstück. Daher besuche ich natürlich möglichst alle Inszenierungen dieses Werkes in meiner Nähe. Als ich im Programm des Landestheater Niederbayern vom Bayerischen Sturm gelesen habe, musste ich natürlich mal wieder ins schöne Landshut in das Theaterzelt reisen (das Stadttheater wird im Moment renoviert). Es war die siebte Inszenierung des Sturms, die ich bisher gesehen habe und sicherlich die interessanteste Interpretation dieses Werkes.

Foto: Peter Litvai

Regisseur Wolfgang Maria Bauer versetzte die gesamte Handlung des elisabethanischen Schauspiels an sich in den Kopf Prosperos, eines an Alzheimer erkrankten Patienen in einer bayerischen Pflegeanstalt. Der ältere Mann sitzt meist vor einem Computerbildschirm, der Bilder einer tropischen Insel zeigt. Um ihn herum diskutieren die Schwestern und Pfleger anfangs über ihren Berufsalltag und ein geistig verwirrter Mitpatient versucht mit ihm zu kommunizieren und setzt sich dann schließlich ins Publikum. Zunächst gibt es also nicht viel Shakespeare zu hören, bis man schließlich während eines Anfalls in die Gedankenwelt des Kranken eintaucht. Dort lernt man den Luftgeist Ariel kennen, den treuen Diener Prosperos, der sich nun völlig klar und würdevoll als verstoßener Herzog Mailands sieht. Auch trifft der Zuschauer auf den Wilden Caliban, der jedoch anfangs nicht die menschliche Sprache beherrscht, sondern erst vom gestrandeten Trinculo tiefstes Bairisch lernt. Alle anderen Figuren erscheinen in der Gestalt des Krankenhauspersonals. Von da an läuft die Handlung von Shakespeares Werk, wenn auch stark gekürzt und mit weniger Personen (so wurden unter anderem der König von Neapel und sein Bruder gestrichen) ab, immer wieder unterbrochen von Ausflügen in die „Realität“. So reicht der Patient Propsero etwa die Hand seiner Lieblingskrankenschwester bzw. in seiner Fantasie seiner Tochter Miranda dem sympathischen Pfleger Ferdinand alias Prinz von Neapel. Diese Wechsel werden durch das Lichtdesign immer deutlich angezeigt. Gerade gegen Ende werden diese Realitätswechsel immer häufiger. Und schließlich merkt man, dass die beiden reinen Fantasiegestalten für Prosperos Kampf mit seiner Krankheit stehen: Ariel für seinen klaren Verstand, Caliban für das Vergessen und die Unfähigkeit sich zu artikulieren.
Das Bühnenbild und die Kostüme von Aylin Kaip zeigen vor allem die Kontraste zwischen Fantasie und Realität. Das Krankenzimmer ist ein halbrunder, steriler Raum mit riesigen Milchglasfenstern, die in verschiedenen Farben beleuchtet werden und in denen sich verschieden große Öffnungen befinden, die ein wenig an die Schubläden erinnerten, mit denen Psychologen gerne die menschliche Erinnerung vergleichen. In die Kostüme fließen verschiedene Elemente aus der Klinik ein, Ariel ist zum Beispiel in reine, weiße Verbände gewickelt, während Caliban eine dreckige Zwangsjacke trägt. Die Decke des Kranken wird zum Herzogsmantel und stellt sich später als überdimensionaler Bucheinband heraus, da ja auch Wissen und Bücher für Shakespeares Helden eine wichtige Rolle spielen.
Olaf Schürmann zeigt als Prospero eine beeindruckende Leistung. Der Darsteller wirkt am Anfang tatsächlich wie ein kranker alter Mann, der sich nicht mehr richtig artikulieren und bewegen kann und nur noch wenige klare Momente zeigt. In seinen Gedanken ist er jedoch ein stolzer und würdevoller Herrscher. Katharina Elisabeth Kram macht dem Luftgeist Ariel mit fließenden, sanften Bewegungen und milder Stimme alle Ehre. Joachim Vollrath habe ich witzigerweise bei meiner allerersten Inszenierung des Sturms vor neun Jahren als Ariel gesehen, nun durfte er in die Rolle des Wilden Caliban schlüpfen, der anfangs trotz fehlender Sprache seiner Wut gegenüber Prospero Ausdruck verleihen kann. Reinhard Peer darf als Trinculo beziehungsweise Verrückter in der Klinik für die Lacher des Abends sorgen, was einem manchmal aber im Halse stecken bleibt, wenn uns die Tragik der Situation eines geistig kranken Menschen bewusst wird. Paula-Maria Kirschner, Mona Fischer, Laura Puscheck und Ella Schulz spielen zumeist die Krankenschwestern und zeigen zusammen mit dem „Kollegen“ Julian Niedermeier vor allem den Alltag des Pflegepersonals, der trotz allen Stresses auch noch Menschlichkeit und Güte beinhaltet.

Untermalt wird die Inszenierung von der Musik Johnny Cashs, die von einem Musiker, der jedoch nicht in die Handlung eingreift, life gespielt und zum Teil von den Darstellern auf Englisch und Bairisch gesungen werden.

Foto: Peter Litvai

Der einzig kleine Kritikpunkt war, dass ich mir unter dem Titel ein wenig mehr Einflüsse aus der bayerischen Kultur und Sprache erwartet hatte. Die einzig bairisch sprechenden Rollen sind Trinculo und Caliban und die Klinik befindet sich in Bayern. Trotzdem war ich jedoch in keinster Weise enttäuscht.
Man braucht eventuell ein wenig, um die Kombination zwischen der Pflegethematik und Shakespeares Stück zu verstehen, doch lässt man sich erst einmal darauf ein, ist Der bayerische Sturm ein spannender und bewegender Theaterabend. Noch bis 2. Juni haben Zuschauer in Landshut, Straubing und Passau diese herausragende Inszenierung zu sehen. Weitere Informationen können auf der Webseite des Landestheaters Niederbayern gefunden werden.

http://landestheater-niederbayern.de/events/235

Regie: Wolfgang Maria Bauer
Kostüme / Bühne: Aylin Kaip

Prospero: Olaf Schürmann
Antonia, seine Schwester: Paula-Maria Kirschner
Ferdinand: Julian Niedermeier
Caliban: Joachim Vollrath
Trinculo: Reinhard Peer
Miranda: Mona Fischer
Ariel: Katharina Elisabeth Kram
Zwei Krankenschwestern: Laura Puscheck, Ella Schulz
Johnny Cash: David Moorbach

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Pumuckl, 07.05.2018, Gärtnerplatztheater

Hurra, hurra, der Pumuckl ist wieder da! Ich denke ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass auch heute nicht nur junge (und junggebliebene) Bayern den frechen Kobold kennen und lieben. Seit 1962 begleitet die Kunstfigur der Autorin Ellis Kaut Generationen von Menschen und lässt sie in eine fantasievolle Welt eintauchen die – zumindest den Münchnern – trotzdem so vertraut ist. Ich selbst habe die Abenteuer von Pumuckl durch die Fernsehserie, die Bücher und die Sendung Pumuckl-TV kennen gelernt und mich sehr auf das neue Musical im Gärtnerplatztheater gefreut, wenn auch mit dem leisen Hintergedanken: wird es so sein wie früher?
Also habe ich mich bei der Vormittagsvorstellung unter die zahlreichen Schüler gemischt und war mindestens genauso gespannt wie sie. Das neue Musical von Anne Weber mit der Musik von Franz Wittenbrink spielt in der heutigen Zeit, was sich auch in der Musik widerspiegelt. Etwas jazzig, ein bissl bayerischer Flair mit Tuba und Zither und natürlich viel moderner Musicalsound. Auf der Drehbühne steht eine wundervolle, minimalistische Version von München, entworfen von Judith Leikauf und Karl Fehringer mitsamt Rathaus, Frauen- und Peterskirche. Die Kostüme von Tanja Hofmann sind knallbunt und passen definitiv in ein Kinderstück, das ja für die Jüngsten auch etwas fürs Auge bieten sollen.

Foto: Christian POGO Zach

Die Handlung des Stücks ist aus den verschiedensten Abenteuern Pumuckls zusammengemischt, die ein oder andere Szene kam mir also durchaus bekannt vor und ließ mich in Kindheitserinnerungen schwelgen. Und wie früher auch ist zwar alles sehr lustig, aber auch durchaus tiefgründig. Zum Beispiel erfahren wir im Musical, wie Pumuckl nach München gekommen ist. Die vielen kleinen Abenteuer wurden aber geschickt verbunden, wenn der Pumuckl etwa in Möbelstücken versteckt durch München reist.
Aber natürlich würde alles ohne gute Darsteller nichts nützen. Zwar muss man sich in dieser Hinsicht beim Gärtnerplatztheater selten Sorgen machen, aber ich war vor allem gespannt, wie Pumuckl und Meister Eder in die Fußstapfen ihrer Vorgänger treten würden. Gustl Bayrhammer war mein größter Kindheitsheld, aber Ferdinand Dörfler spielt die Rolle des grantigen Schreinermeisters wundervoll, ohne dabei zu versuchen seinen Vorgänger zu kopieren. Er gibt den eher gemütlichen Bayern (mit wunderbar ungetrübtem Dialekt), der trotzdem auch temperamentvoll werden kann. Dagegen ist Christian Schleinzer einen dauerquirligen Kobold, der sich von der ersten Sekunde in die Herzen der jungen (und älteren) Zuschauer spielt. Stimmlich ist der Gärtnerplatz-Pumuckl nicht ganz so krächzend wie der legendäre Hans Clarin und sein Nachfolger Kai Taschner, aber das ist zu verzeihen, weiß man doch wie sehr das auf die Stimme geht. Außerdem passt seine kindliche Art ebenfalls perfekt zu dieser Figur und lässt das Publikum unweigerlich mit ihm mitfiebern. Auch nach der Vorstellung machte sich Schleinzer übrigens bei den Kindern sympathisch, da er – noch im Kostüm – aus seiner Garderobe heraus Bonbons wirft.

Foto: Christian POGO Zach

Da ich mich mit dem Thema Dialekt im Theater viel befasse, fand ich es natürlich besonders spannend, dass nicht nur Meister Eder sondern auch viele andere Figuren wie das Schlosserehepaar Schmitt, gespielt von Ulrike Dostal und Stefan Bischoff oder die Stammtischbrüder Meister Eders im Biergarten. Eim komödiantisches Highlight ist Pumuckls Ausflug ins Schloss, bei dem die Dienstmädchen (Susanne Seimel und Ulrike Dostal) und der herrlich nervöse Butler (Peter Neustifter) mit dem Hausgeist inklusive blutiger Handabdrücke und stehen gebliebener Uhren zu kämpfen haben.
Der tosende Applaus der großen und kleinen Zuschauer zeigt mal wieder, dass Geschichten wie die von Ellis Kaut zeitlos die Menschen begeistern können und die ausverkauften Vorstellungen zeigen, dass der Pumuckl in München sehr gut ankommt. Aber für alle enttäuschten Fans, die keine Karten mehr ergattern konnten, gibt es eine gute Nachricht: Der Kobold darf auch in der nächsten Saison wieder das Staatstheater durcheinander bringen.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/Pumuckl-musical.html/m=364

Dirigat: Andreas Kowalewitz
Regie: Nicole Claudia Weber
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Judith Leikauf / Karl Fehringer
Kostüme: Tanja Hofmann
Licht: Jakob Bogensperger
Dramaturgie: David Treffinger

Pumuckl: Christian Schleinzer
Meister Eder: Ferdinand Dörfler
Frau Reitmayer, Lehrerin: Marianne Sägebrecht
Frau Steinhauser / Gräfin: Dagmar Hellberg
Monika Steinhauser, ihre Schwiegertochter: Angelika Sedlmeier
Hanna, ihre Enkelin / Vreni, Dienstmädchen: Susanne Seimel
Schlosser Schmitt: Stefan Bischoff
Gerti Schmitt, seine Frau / Vroni, Dienstmädchen: Ulrike Dostal
Schubert: Maximilian Berling
Bartel: Alexander Bambach
Wirt: Martin Hausberg
Butler Jakob: Peter Neustifter
Chauffeur: Frank Berg
Wirtshausgäste: Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger

Kinderchor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Blitzlichter, 03.05.2018, Hofspielhaus

Das Schauspiel-Business ist ein hartes Pflaster. Soviel sollte jedem, der sich mit dem Beruf befasst, klar sein. In seiner schwarzen Komödie Blitzlichter erzählt uns Schauspieler und Regisseur Moses Wolff genau davon.
Auf der Suche nach der großen Karriere landen zwei junge Frauen, die selbstbewusste Bella und die naive Isi bei einer Agentur, deren Chefin sich schon beim Vorsprechen sehr herrisch gibt: während sie auf einem Thron umgeben von Schauspielerbiografien sitzt müssen die Mädchen vor ihr knien. Obwohl alles im ersten Moment schon dubios scheint, freuen sich Isi und Bella über die Aufnahme in der Agentur. Schließlich wurden sie schon an mehreren Schauspielschulen abgewiesen und hier winkt ihnen neben dem großen Geld auch Unterricht. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Agenturchefin und ihr Assistent Ted lediglich Schauspielerinnen suchen, die sie mit einem Kredit an sich binden können und zur finanziellen Sanierung ihrer Firma an Werbungen, schlechte Serien und Sexfilmchen vermitteln. Außerdem müssen sich die beiden jungen Frauen nicht nur ein Zimmer sondern sogar ein Bett teilen. Der Frust über die Situation staut sich vor allem bei der forschen Bella an, sodass sie schließlich ihre Wut an Isi auslässt und sie nach allen Regeln der Kunst quält.

Foto: Verena Mittermeier

Die Idee und Geschichte des Stücks ist zweifelsfrei spannend und schlüssig, nur fand ich persönlich sehr schade, dass die Handlung eigentlich kaum die Gelegenheit hat, an Fahrt aufzunehmen. Ich weiß nicht, ob die Darsteller an diesem Abend einfach nur durcheinander waren oder das Stück so geplant ist. Auf jeden Fall wirkt der Text oft fast improvisiert, vor allem in den Dialogen zwischen den Agenturchefs. Das wirkte auf mich leider eher störend denn realistisch, weil es den Spielfluss stellenweise für mein Empfinden doch enorm bremste. Gegen Ende jedoch fieberte ich richtig mit den beiden Mädchen mit und das war auch wirklich großartig geschrieben und gespielt!
Bei den Darstellern und den von Wolff geschaffenen Figuren kann man tatsächlich nicht meckern, sie sind für eine schwarze Komödie passend überspitzt und bringen viel Situationskomik aber auch Nachdenkliches in den Abend ein. Der Kontrast zwischen den „Heldinnen“ könnte kaum größer sein. Isi, gespielt von Luzia Weiß ist in ihrem Auftreten völlig schüchtern und redet leise und unsicher. Sie will die Ausbildung eigentlich nur machen, um später als freie Künstlerin ernst genommen zu werden. Bella, dargestellt von Sandra Julia Reils dagegen weiß was sie will und scheut sich auch nicht, mit unfairen Mitteln für ihre Ziele zu kämpfen.
Der Autor und Regisseur selbst spielt den angeblichen Schauspielcoach Ted, der aber weniger am Unterrichten denn an den Körpern seiner Schülerinnen interessiert ist. Wolff gibt das Ekelpaket, der sich hinter einer kumpelhaften Fassade versteckt äußerst überzeugend. Völlig durchgeknallt wirkt die von Sandra Seefeld gespielte Agenturchefin Kim, die ihren Spielzeughund „Helene Fischer“ liebevoll hegt und pflegt und auch ihre Untergebenen behandelt wie Vierbeiner – inklusive Leckerlis, Halsbändern und Kommandos. Lustig sind die Situationen zwischen den vier sehr unterschiedlichen Figuren allemal, wenn einem auch manchmal das Lachen sehr schnell im Halse stecken bleibt.
Noch am 10, 24., 25. und 26. Mai sowie am 1. Juni sind die Blitzlichter um jeweils 20 Uhr im Hofspielhaus zu sehen. In jedem Fall wird hier dem Zuschauer die scheinbar heile Film- und Theaterwelt vor Augen geführt und das in einer durchaus unterhaltsamen Art und Weise.

https://www.hofspielhaus.de/spielplan/detailansicht/blitzlichter.html

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Pressekonferenz des Gärtnerplatztheaters zur Spielzeit 2018/2019, 27.04.2018

„Kunst ist etwas, bei dem man Spaß haben kann und sich nicht dafür schämen muss.“

Foto: Christian POGO Zach

Im neuen Haus gibt es wohl kaum einen schöneren Raum für eine Pressekonferenz, als den neuen Orchesterprobensaal. Mit einer kühlen Johannisbeerschorle in der Hand und dem Ausblick auf die Maximilianskirche erwarteten die Vertreter der verschiedensten Medien die Männer, die dem Gärtnerplatztheater in der laufenden Saison zu so viel Erfolg verholfen haben. Mit stolzen 97,98 % Auslastung und 99994 Zuschauern bis zum 24. April kann sich das neueröffnete Staatstheater schmücken. Schöne Zahlen für einen Theaterbetrieb, wobei Staatsintendant Köpplinger sich auch bewusst ist, dass diese auch mitunter der Neugier auf das neu renovierte Haus geschuldet sind. Nichtsdestotrotz wollen sein Team und er die Ideale des Theaters auch in der nächsten Spielzeit weiter verfolgen, die es eben von so vielen anderen Kultureinrichtungen unterscheidet: Konventionelles Theater muss nicht schlecht sein. Dies ist es eben, das das Gärtnerplatztheater für jeden einzelnen interessant macht. Auch, wenn die Inszenierungen modern und neu gestaltet sind, werden sie den Werken gerecht und jeder kann sie verstehen.
Und Neues gibt es durchaus in der nächsten Saison zu sehen. Gleich drei Uraufführungen stehen auf dem Spielplan. Im Dezember öffnet sich der Samtvorhang (dem das neue Spielzeitheft thematisch gewidmet ist) für die weltweit erste Opernfassung von Michael Endes berührendem Roman Momo, erschaffen von Wilfried Hiller und Wolfgang Adenberg. Gleich im nächsten Monat weht dann ein Hauch der Dreißigerjahre durch das Theater in der Revueoperette Drei Männer im Schnee nach Erich Kästner, die gemeinsam von den vier Komponisten Konrad Koselleck, Christopher Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor (der auch das Buch verfasst) im Auftrag des Gärtnerplatztheaters geschaffen wird. Das Ballett unter der Leitung von Karl Alfred Schreiner darf im Juni das Expeditionsballett Atlantis erstmals auf die Bühne bringen.
Bis auf den Opernklassiker La Bohème stehen bei den sonstigen Premieren ausschließlich neuere Werke des 20. und 21. Jahrhundert auf dem Spielplan. Musicalfans dürfen sich auf die Inszenierung von Leonard Bernsteins On The Town freuen, die Josef Köpplinger in St. Gallen inszeniert hat und die im Austausch gegen Priscilla nach München kommt. Zum 100. Geburtstag Gottfried von Einems wurde Dantons Tod als erste Spielzeitpremiere im Oktober ausgesucht, gefolgt von der choreografischen Uraufführung des Balletts Romeo und Julia mit der Gastchoreografin Erna Ómarsdóttir, die mit den Tänzern bereits im Rahmen von Minutemade arbeiten durfte. Für das Amüsement sorgen dann der Einakter L’Heure Espagnole von Ravel, der im April auf der Probebühne gezeigt wird und Henzes Der junge Lord, der im Mai Premiere feiern darf.
Insgesamt 29 Produktionen werden 2018/2019 im Gärtnerplatztheater zu sehen sein, darunter Klassiker wie Hänsel und Gretel, Martha und Die Zauberflöte und die Kassenschlager My Fair Lady, Im Weissen Rössl, Tschitti Tschitti Bäng Bäng und selbstverständlich Priscilla – Königin der Wüste.

Foto: Christian POGO Zach

Auch das Orchester darf wieder unter der Leitung von Anthony Bramall und seinen Kollegen das Publikum mit Konzerten verwöhnen. Das Neujahrskonzert wechselt diesmal von London nach Venedig, dazu werden Hector Berlioz’ wundervolle Symphonie Phantastique und Franz Liszts Faust-Symphonie präsentiert. Die Barockkonzert widmen sich diesmal Antonio Vivaldi, in kleinerer Besetzung werden im Foyer wieder verschiedene Kammerkonzerte aufgeführt.
Gespannt darf man auf die Liederabende mit einzelnen Ensemblemitgliedern sein, die über das Jahr verteilt im Orchesterprobensaal, dem Foyer und dem Salon Pitzelberger stattfinden. Vom Musiktheater wird sich schließlich an zwei Abenden entfernt bei den Gastspielen von Louie’s Cage Percussion und den österreichischen Chartstürmern Paul Pizzera und Otto Jaus (letzterer dürfte dem Münchner Publikum noch als Toni Schlumberger in der Zirkusprinzessin bekannt sein).
Neben Momo, Hänsel und Gretel und Tschitti Tschitti Bäng Bäng ist selbstverständlich auch wieder einiges speziell für das junge Publikum geboten. Weiterhin darf die Maus Anton aus dem Opernhaus berichten, unterwegs zu den Schulen ist Elaine Oritz Arandes mit Was macht man mit einer Idee?. Die Jugendgruppe widmet sich in der nächsten Saison der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.
Man sieht also, es ist wieder für jeden etwas geboten im Gärtnerplatztheater! Wir sind guter Dinge, dass die Zuschauer auch weiterhin dem neuen Stammhaus treu bleibt, man darf aber angesichts der restlos ausverkauften Abos in dieser Spielzeit durchaus optimistisch sein. Auch durch die Verstärkung des Ensembles durch vier Mitglieder können wir auch in Zukunft von bester Musiktheaterqualität in allen Genres ausgehen.
Alle Infos und Inszenierungen der neuen Saison sind natürlich im neuen Spielzeitheft und der Webseite zu sehen. Auch die Künstler des Theaters freuen sich auf die neuen Herausforderungen. Denn um Josef Köpplinger zu zitieren: „Wenn der Vorhang aufgeht, sind wir alle eins.“

Spielplan Saison 2018/2019

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Gottes Last, 25.04.2018, tamS

Vier Priester kommen in eine Bar.
Was wie die Einleitung eines Schenkelklopfers klingt ist der Beginn des neuen Werke aus der Feder von Heiko Dietz, seines Zeichens Schauspieler, Regisseur, Autor und Intendant des – leider immer noch heimatlosen – theater…und so fort (wir berichteten). Dabei bemerkt der Zuschauer schon bei der Lektüre des Programms, dass das Thema an diesem Abend alles andere als lustig ist, schließlich geht es um den in den letzten Jahren viel diskutierten sexuellen Missbrauch durch Geistliche. Doch Dietz versteht es auch in seinem neuen Stück geschickt, das Publikum auch immer wieder zum Schmunzeln zu bringen, ohne die Thematik ins Lächerliche zu ziehen.

Foto: Andreas W. Kohn

Aber wieder zurück zu unseren vier Priestern. Ein Kardinal, ein Bischof, ein Pfarrer und ein Vikar sind auf dem Weg zu einer Tagung an einem Bahnhof irgendwo im Nirgendwo gestrandet, ebenso wie das Geschwisterpaar Manfred und Angelika. Die Reisenden treffen in der heruntergekommenen Bahnhofskneipe von Mechthild aufeinander, in der sich bereits der eher wortkarge Stammgast Peter gemütlich gemacht hat. Die Priester packen ihr Kirchen-Quartett aus, wobei der Kardinal schummeln lässt. Schnell wird die Hierarchie unter den Kirchenmännern deutlich, muss der junge Vikar doch trotz verletztem Arm die Koffer der ganzen Gruppe schleppen. Da ist es für die Herren doch ungewohnt, als sie der resoluten Putzfrau Gabi begegnen und ihr versprechen müssen, die frisch geputzte Toilette sauber zu hinterlassen. Das Warten auf den nächsten Zug zieht sich hin, dabei helfen die merkwürdigen Ansagen des exzentrischen Bahnangestellten Sammi wenig, der sich kurz darauf ebenfalls der Runde anschließt.
Schnell merkt man jedoch, wie nervös Manfred Wiktimar angesichts der Geistlichen wird. Seine Schwester will ihn beruhigen und zurückhalten. Doch schließlich gesteht er dem Kardinal Silenz, dass sie vor Jahren ein Telefonat hatten, in dem Manfred um Hilfe gebeten hatte. Er wurde als Kind sechs Jahre lang zum Pfarrrer seiner Gemeinde sexuell missbraucht, hatte jedoch erst viele Jahre später den Mut dies öffentlich zu machen. Doch das führte nur dazu, dass ihn seine Familie verstieß und er durch die psychische Belastung zum Frührentner wurde. Durch dieses persönliche Schicksal entsteht unter den Anwesenden eine Diskussion über den Umgang mit der Kirche mit diesen Missbrauchsfällen, vor allem die Tatsache, dass die Täter lediglich versetzt und nicht strafrechtlich belangt werden und die Opfer dadurch keinen Frieden finden können. Vor allem Sammi mischt sich rege in die Diskussion, die Putzfrau steuert Fakten bei, nur Mechthild steht meist als Beobachterin hinter ihrer Theke und deeskaliert aufbrausende Situationen mit Getränken und beruhigenden Gesten.
Das Bühnenbild von Andreas Arneth wirkt schlicht und realistisch, auch die Kostüme von Lisa Fertner sind wenig abstrakt, passen also beide zu dem ungeschönten Ton des Stücks, in dem die Thematik des Missbrauchs ausgedrückt wird. Dabei sind durchaus mysteriöse Elemente in dieser Inszenierung, die dem Zuschauer doch vor Augen halten, dass es sich hier um Fantasie handelt. Wieso weiß Mechthild etwa was ihre Gäste trinken wollen, bevor die überhaupt das Lokal betreten? Und wieso scheint sie ein Gewitter heraufbeschwören zu können? Sammi und sie kontrollieren auch per Schnipsen die Musik, die merkwürdigerweise im Text auch die Situationen aufgreifen.
Die Darsteller schaffen es, dieses sicher nicht einfache Stück so überzeugend auf die Bühne bringen, allem voran Claus-Peter Damitz als Manfred, der auch wortlos zeigt, wie sehr seine Figur unter der Vergangenheit leidet. Vor allem, als ihn auch noch seine Schwester entnervt angreift, eine packende Szene von Petra Wintersteller. Josef Parzefall gibt dagegen den immer gut gelaunten Exzentriker, der die ernsten Themen eher von einer zynischen Seite begegnet und somit die Wut manches Anwesenden auf sich zieht. Konrad Adams gibt den scheinbar gutmütigen und diplomatischen Bischof Klemm, der trotzdem viel zu verheimlichen scheint. So soll etwa der verletzte Vikar Reinemann nicht erwähnen, was mit seinem Arm passiert ist. Dieser nimmt eigentlich in diesem Stück sogar die überraschendste Wendung, aber zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Foto: Andreas W. Kohn

Die humoristischeren Figuren dieses Theaterabends sind schließlich die beiden Dialektsprecher: die bayrische Putzfrau (ein wundervolles Spiel von Waltraud Lederer), die ein strenges Regiment über die sanitären Anlagen führt und trotzdem intellektuell weit mehr zu bieten hat, als man anfangs meinen möchte. Und dann noch Stammgast Peter, gespielt vom Regisseur und Autor selbst, der sich aus allem heraushält und nur ab und zu im rheinländischen Dialekt ein Bier bestellt und nur anfangs über das Leben philosophiert.
Ich kann nur sagen: schaut euch dieses Stück an! Dietz schafft es, eine so schwierige Thematik gut recherchiert aufzuarbeiten und dabei alle Seiten glaubwürdig darzustellen: die Opfer, die Täter und die Menschen, die nur indirekt betroffen sind. Dabei wird die Kirche an sich nicht ausschließlich dämonisiert, doch die Fehler des Systems aufgedeckt.

Weitere Vorstellungen:
28.April 2018, 20.00 Uhr im TAMS-Theater
03./04./05./16./17./18./19. Mai 2018 im Theater Heppel und Ettlich

Regie: Heiko Dietz
Dramaturgie: Carmen Panknon
Bühne: Andreas Arneth
Kostüm: Lisa Fertner
Musik/Sound: Tobias Bosse
Assistenz/Probendouble: Lucia Rau
Probendouble: Bagdasar Khachikyan

Mechthild, Wirtin: Yvonne Brosch
Peter Tanach, Stammgast / Hermann, Postbote: Heiko Dietz
Gabi, Putzfrau: Waltraut Lederer
Georg Klemm, Bischof: Konrad Adams
Friedrich Silenz, Kardinal: Winfried Hübner
Günther Kowahl, Pfarrer: Johannes Haag
Karsten Reinemann, Vikar: Robert Ludewig
Manfred Wiktimar, Reisender: Claus-Peter Damitz
Angelika Austing, Reisende: Petra Wintersteller
Sammi, unerwünschter Gast: Josef Parzefall

https://www.undsofort.de/stueck/gottes-last,1092

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Premiere Maria Stuarda, 22.03.2018, Gärtnerplatztheater

Ein bisschen Geschichtswissen schadet sicher bei Werken nicht, die auf historischen Begebenheiten basieren. Da meine Italienischkenntnisse mehr als dürftig sind, habe ich mich vor dem Premierenbesuch zumindest noch ein wenig in die Handlung sowie die Biografien der Protagonisten von Maria Stuarda eingelesen. Ich war schon sehr gespannt auf die Inszenierung von Gaetano Donizettis Oper, nachdem ich am Vormittag das Bühnenbild schon bei meiner Führung durch das Theater bewundern konnte.

Foto: Christian POGO Zach

Tatsächlich wirkt die Bühne von Andreas Donhauser und Renate Martin sehr schlicht, ganz im Gegensatz zu ihren Kostümen. Auf der Drehbühne steht ein kühl wirkendes Konstrukt aus Plexiglas und Metall, das jedoch durch die Projektionen trotzdem lebendig wirkt und faszinierende Muster an die Decke des Zuschauerraumes wirft. Bei den Kostümen wurde dagegen aus dem Vollen geschöpft mit elisabethanisch anmutenden Gewändern. Das hört sich nach einem großen Kontrast an, stört aber keinesfalls, da die Inszenierung optisch so eine gute Balance zwischen Moderne und historisierendem Prunk findet, der ja von manchen Zuschauern immer noch bei Opern vermisst wird.

 

Dabei bleibt der Kontrast nicht nur bei der Ausstattung sichtbar, sondern zieht sich durch die gesamte Inszenierung, vor allem bei den beiden Kontrahentinnen Elisabeth und Maria. Die englische Monarchin sieht im Gärtnerplatztheater ihrem historischen Vorbild enorm ähnlich mit bleich geschminktem Gesicht, roter Perücke und aufwändigen Kleidern. Nadja Stefanoff gibt ihrer Elisabeth eine kühle und stolze Ausstrahlung, ja fast schon etwas Dämonisches. Durch ihr Spiel und vor allem ihre Stimme zeigt sie die Figur jedoch auch als Frau mit Sehnsüchten, die hin und her gerissen ist zwischen den Personen um sie herum. Maria, gespielt von Jennifer O’Loughlin hingegen wirkt völlig natürlich und bodenständig, zeigt aber auch, dass sie ihren eigenen Willen hat. Auch für die ehemalige schottische Herrscherin steht ihr Stolz über allem, ja sogar ihrem Leben. Somit sind die beiden Frauen eigentlich gar nicht so verschieden und können vor allem nicht klar als gut oder böse abgestempelt werden, versteht man doch die Motive beider.

Foto: Christian POGO Zach

Gegen diese beiden Hauptfiguren mit ihren sängerisch und spielerisch starken Darstellerinnen haben die männlichen Kollegen in dieser Inszenierung eigentlich kaum eine Chance, ihre Versuche den Konflikt der Frauen zu lösen scheinen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie zeigen jedoch in ihren Charakteren ebenso große Kontraste wie die weiblichen Figuren. Lucian Krasnec als Graf Leicester wirkt in der Regie Michael Sturmingers eher wie ein Spielball der Königinnen als ein strahlender Held. Er liebt Maria, küsste jedoch trotzdem auch ihre Feindin und kann sich letztendlich bei keiner der beiden durchsetzen. Levente Páll ist als Talbot die väterliche Figur der Inszenierung, der sowohl versucht Leicester vor zu großem Übermut angesichts seiner geplanten Rettungsaktion zu bewahren als auch als Beichtvater und seelische Unterstützung Marias wirkt, als ihre Hinrichtung bereits bevor steht. Die Szene in der schlichten „Kapelle“, in der Talbot Maria Trost spendet ist in meinen Augen berührendste Moment dieses Abends. Als einzigen klaren Bösewicht dieses Opernabends konnte ich tatsächlich nur Sir William Cecil, gespielt von Matija Meić, sehen. Er ist es, der Elisabeth letztendlich jedoch geschickt dazu überredet, ihre Konkurrentin aus dem Weg zu räumen, ohne jedoch eindeutige Motive erkennen zu lassen. Er wirkt dabei auf die anderen Charaktere alleine durch seine Anwesenheit offensichtlich einschüchternd.

Foto: Christian POGO Zach

Wenn die Herren also auch in dieser Operninszenierung nur wie Nebendarsteller scheinen, stehen die beiden Königinnen doch eindeutig im Mittelpunkt, so zeigen jedoch alle drei wie gewohnt ihr großes Können als Sänger und Darsteller.

Sturminger und seine Co-Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit zeigen mit diesem hervorragenden Ensemble eine spannende Inszenierung, die es versteht, die Figuren nicht nur schwarzweiß darzustellen und nicht zuletzt dank dem Orchester unter der Leitung von Athony Bramall wird auch musikalisch zu einem Hochgenuss. Nach der Premiere traf ich noch einen meiner Kollegen meiner Theatergruppe, der ein bekennender Donizetti-Fan ist und sich jetzt bereits mit weiteren Karten für diese Inszenierung eingedeckt hat. Ich denke, ich werde ihn auch das ein oder andere mal begleiten.

Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie: Michael Sturminger
Co-Regie: Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne / Kostüme: Andreas Donhauser, Renate Martin
Licht: Michael Heidinger
Video: Meike Ebert, Raphael Kurig
Choreinstudierung: Felix Meybier
Dramaturgie: Daniel C. Schindler

Maria Stuarda: Jennifer O’Loughlin
Elisabetta: Nadja Stefanoff
Graf Leicester: Lucian Krasznec
Georg Talbot: Levente Páll
Sir William Cecil: Matija Meić
Anna Kennedy: Elaine Ortiz Arandes
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Weitere Termine:
02.04.2018 18:00 Uhr
13.04.2018 19:30 Uhr
06.05.2018 18:00 Uhr
25.05.2018 19:30 Uhr
31.05.2018 18:00 Uhr

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Viktoria und ihr Husar, 31.1.2018, Gärtnerplatztheater

Oder: Die Liebe zur Operette

Wenn ich heute immer mit großer Vorfreude das Gärtnerplatztheater besuche, kann ich mir eigentlich kaum noch vorstellen, dass ich bis vor einigen Jahren das Genre der Operette überhaupt nicht so spannend fand. Erst durch ein wirklich interessantes Seminar im Rahmen meines Theaterwissenschafts-Studiums und vor allem der Regiehospitanz bei der Zirkusprinzessin im Jahr 2014 wurde meine Liebe zu diesem – zu Unrecht – unterschätzten Teil des Musiktheaters geweckt. Da trifft es sich ja umso mehr, dass ihm hier eine regelmäßige Plattform geboten wird.
Auch am letzten Januarabend standen einige junge Leute in Form von Schulklassen auf dem Gärtnerplatz und nicht alle der Schüler schienen so motiviert wie die Lehrer und Besucher. Doch seien wir mal ehrlich, die wenigsten Schüler waren auch in meiner Schulzeit große Fans von Theaterbesuchen. Doch schon bald nach Vorstellungsstart war von Missmut nichts mehr zu spüren im Saal.
Das liegt vor allem an der spannenden Inszenierung unseres Staatsintendanten Josef Köpplinger, der die Operette von Paul Abraham in ein Theater im Theater verwandelt. Im Original werden die zum Tode verurteilten Ungarn Rittmeister Koltay und sein Diener Jancsy von ihrem Gefängniswächter im Austausch gegen eine Geige frei gelassen. Das scheint doch etwas zu einfach und willkürlich. Im Gärtnerplatztheater fordert der russische Leutnant Petroff Koltay kurz vor der Hinrichtung auf zu erzählen, was er jetzt in Freiheit tun würde. Also erzählt der Ungar, wie er seine Verlobte Viktoria suchen würde, die inzwischen aber einen amerikanischen Botschafter geheiratet hat. Sie ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrem totgeglaubten Verlobten und der Dankbarkeit gegenüber ihrem Ehemann, woraufhin Koltay wieder freiwillig in Gefangenschaft geht. Dagegen findet sein Diener Jancsy in Viktorias Zofe die große Liebe.

Foto: Christian POGO Zach

Durch die Tatsache, dass das beeindruckende Bühnenbild des russischen Gefangenenlagers ein verfallenes Theater zeigt, in das durch die kaputten Fenster der Schnee weht, wird die Erzählung mitten in das Elend des Gefangenenlagers mit Frauen, Kindern, Soldaten und Verwundeten gebracht. Zwischen grauen Mänteln und Dreck erscheint also Viktoria im eleganten Seidenkleid und japanische Kirschblüten rieseln von der Decke. Tatsächliche Kulissenteile dieser „Traumwelt“ sind zum Großteil nur auf der kleinen Bühne zu finden. Immer wieder wird die Erzählung Koltays unterbrochen durch seine Bewacher oder eine kleine Revolte der Gefangenen. Das nimmt der Operette also viel Kitsch und holt sie immer wieder zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der sie eigentlich spielt.
Dies ist inzwischen scheinbar ein beliebter Kniff Köpplingers, schließlich wurde auch bei der Wiedereröffnungsinszenierung der Lustigen Witwe das Idyll gebrochen durch den Beginn eben dieses Krieges. Und gerade das macht solche Stücke heute auch für das junge Publikum interessant, das eben seine Liebe zur Operette oder zum Theater im Allgemeinen manchmal erst noch entdecken muss, was man aber eher durch solche fantasievollen Werke schafft als durch provokantes Regietheater.
Daniel Prohaska und Alexandra Reinprecht dürften sich ja inzwischen als Operetten-Traumpaar im Gärtnerplatztheater etabliert haben, schon bei der Zirkusprinzessin durfte ich von Anfang an erleben, wie sie ihre unglücklich verliebten Helden doch zusammen brachten. Ihr Zusammenspiel ist auch bei Viktoria und ihr Husar sehr emotional und intim, wenn auch Koltay in seiner rasenden Eifersucht tatsächlich manchmal sogar ein wenig bockig anmutet. Dass sich die beiden Charaktere eigentlich während der gesamten Inszenierung nicht wirklich treffen kann man bei all dem Herzschmerz und Glück fast vergessen, ebenso wie das Ende, in dem das Schicksal der beiden offen bleibt.
Bei allem Drama um das Hauptpaar tun die rasanten Beziehungen der beiden Buffo-Paare natürlich trotzdem Herz und Seele der Zuschauer gut. Josef Ellers zeigt einen energiegeladenen Jungspund in Koltays Diener, der sich in Japan auf den ersten Blick in die quirlige Zofe Riquette, gespielt von Katja Reichert, verliebt. Die beiden Jungen spielen und singen bezaubernd! Ihr Duett bei Janczys Bad, bei dem seine Handtücher um die Leistengegend immer knapper werden, ist nicht nur für die Damen im Publikum ein Highlight der Inszenierung. Aber selbst hier wird bei aller Fröhlichkeit auch immer vorgehalten, dass die Handlung doch nur Fantasie ist. Der Körper des jungen Mannes ist mit Wunden übersät und auch nach dem „Bad“ ist er immer noch dreckig.

Foto: Christian POGO Zach

Das dritte Paar besteht aus Viktorias Bruder Graf Hegedüs, in der Wiederaufnahme gespielt von Peter Lesiak und Susanne Seimel als seine halb-japanischen Braut O Lia San, die ein rauschendes asiatisches Hochzeitsfest mit tanzenden Sumo-Ringern und japanischen Schönheiten feiern. Auch sie sorgen für zahlreiche Lacher in diesem Stück, vor allem da sie das frisch verheiratete Ehepaar spielen, die sich schon vor der Hochzeit ständig gegenseitig aufziehen, doch trotzdem unendlich glücklich scheinen.
Viele verschiedene Charaktere, wundervolle Darsteller und die spannenden Kontraste zwischen Fantasie und Realität im Bühnenbild und in den Kostümen machen Viktoria und ihr Husar zu einer ungewöhnlichen und interessanten Inszenierung. Regie und Dramaturgie haben wieder einmal genau an den richtigen Stellen kleine Veränderungen vorgenommen, um das Stück auch für ein Publikum des 21. Jahrhunderts nicht seicht wirken zu lassen und trotzdem das ein oder andere Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. In dieser Saison ist die Operette nur noch am 10. Februar zu sehen, doch ich hoffe sehr, dass wir auch in der nächsten Spielzeit wieder nach Russland, Japan und Ungarn reisen dürfen.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/viktoria-und-ihr-husar.html

Dirigat: Andreas Partilla
Regie: Josef E. Köpplinger
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Karl Fehringer, Judith Leikauf
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Choreinstudierung: Felix Meybier
Video: Meike Ebert, Raphael Kurig
Dramaturgie: David Treffinger

Leutnant Petroff, Kosak und Lagerleiter in Sibirien: Gunther Gillian
Stefan Koltay, Husarenrittmeister: Daniel Prohaska
Janczy, sein Bursche: Josef Ellers
Unteroffizier Krutow, Lageraufseher: Uwe Thomsen
John Cunlight, amerikanischer Gesandter: Erwin Windegger
Gräfin Viktoria, seine Frau: Alexandra Reinprecht
Graf Ferry Hegedüs auf Doroszma, Viktorias Bruder: Peter Lesiak
O Lia San, Ferrys Braut: Susanne Seimel
Riquette, Viktorias Kammerfrau: Katja Reichert
Bela Pörkölty, Bürgermeister von Doroszma: Florian Wolf
James, Butler von Cunlight: Maximilian Berling

Chor, Orchester, Ballett, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Dinner with Gershwin, 26.1.2018, Theater Drehleier

Zum Abschluss meiner Theaterwoche zog es mich am vergangenen Freitag erstmals ins Theater Drehleier zwischen Ostbahnhof und Rosenheimer Platz. Zusammen mit den Gewinnern unserer Adventsverlosung kam ich an diesem Abend in den Genuss der musikalischen Komödie Dinner with Gershwin, die die drei Künstler Peter John Farrowski, Andreas Michael Roth und Philip Tillotson zusammen auf die Beine stellten.

Foto: Rolf Demmel

Die Handlung spielt in dem heruntergekommenen Wiener Lokal „Zum Weissen Stößel“, in dem der Kellner Franzl sein Dasein als Kellner fristet. Eigentlich ist er Sänger, doch Opern sind ihm inzwischen zu langweilig, er wartet lieber auf seine Chance, im Bereich Jazz und Swing eine Karriere zu machen. Sein Kollege Camillo sitzt indessen auch lieber am Klavier, als in der Küche zu helfen. Eines Tages kündigt der Chef telefonisch den Besuch eines Kontrolleurs vom Gesundheitsamt an, stattdessen taucht jedoch der französische Tenor Fréderic auf, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern ist und dem ein Auftritt in einem berühmten Wirtshaus am Wolfgangssee versprochen wurde. Aufgrund des kaputten Türschildes landet er jedoch in Franzls Restaurant. Dort treffen sehr eigene Charaktere aufeinander, etwa die Wiener Nutte Gitti oder der derbe Schweizer Klemptner Rüdisüli. Alle sieben Charaktere werden von den drei Künstlern verkörpert, was tatsächlich dank solistischer Musikeinlagen und Stimmen aus dem Off wunderbar funktioniert. Nicht nur durch die verschiedenen Dialekte wird jeder Figur ein ganz eigener Charakter verliehen, mit ganz vielen Klischees, doch gerade das macht die Aufführung zu einem wunderbaren leichten und lustigen Theaterabend. Schließlich ist nach einer anstrengenden Woche ein humorvolles Stück mehr als perfekt!

Foto: Rolf Demmel

Doch darstellerisch und musikalisch wird bestes Musiktheater geboten. Philip Tilltson hält sich als Pianist Camillo meist im Hintergrund, jedoch immer mit einem kleinen Seitenhieb gegen die anderen Charaktere und einem süffisanten Grinsen auf dem Gesicht. Peter John Farrwoski gibt als Kellner Franzl den „goscherten“ doch sympathischen Bayern, der sich trotzdem sehr gut um den vermeintlichen Restaurantprüfer kümmert und ihm etwa bei einem Fläschchen Vodka die Geschichte des Stroganoff-Filets besingt. Aber das absolute Highlight ist er mit roten High Heels und Miniröckchen als Gitti, mit Wiener Schmäh und fester Arbeitsmoral, die jedoch sehr leicht von mehr oder weniger charmanten Herren umgestoßen wird. Am besten ist der Kollege Roth als Hausmeister Rüdisühli, einem richtigen Antitypen, der über eine verstopfte Damentoilette in Rage gerät und dessen T-Shirt mysteriöse braune Flecken zieren. Am Ende geht es natürlich – allen Konflikten zum Trotz – für alle Charaktere gut aus. Und auch das Publikum darf manchen der Charaktere hautnah kennen lernen, da nicht nur die Bühne bespielt wird und einem die ein oder andere Bühnenfigur auch in der Pause Gesellschaft leistet.
Geboten wird musikalisch nicht nur Gershwin, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Diverse Meisterwerke der Musical-, Schlager- und Swingmusik wurden von den Herren durchaus passend umgedichtet, wobei manch ein Reim ab und zu etwas holprig wirkt. Doch in jedem Fall ist es sehr amüsant und passt wunderbar ins Gesamtkonzept der Inszenierung. Zwar sind manchen Witze derb, doch nie geschmacklos, weshalb sicher bei keinem Zuschauer ein Auge trocken bleibt. Es gibt also durchaus unterhaltsames und gutes Musiktheater in München abseits der großen Produktionen. Weitere Termine: 2. / 3. März, 20. / 21. April 2018, 20 Uhr

Teile der Einnahmen werden übrigens dem Münchner Tierheim gespendet. Man tut also nicht nur den eigenen Lachmuskeln, sondern auch den Vierbeinern etwas Gutes!

Franzl Bösenböck, Kellner / Wilhelmine Potracek, Hausfrau / Gitti Wagon, Bezirksnutte: Peter John Farrowski
Frédéric la Combuse, Pariser Tenor / Rüdisühli, Hausmeister / Herbert Hartmann, Gerichtsvollzieher: Andreas Michael Roth
Camillo di Pomodoro, Pianist: Philip Tillotson

https://theater-drehleier.de/programm/event/02032018_oder_doch_nur_palatschinken_im_dreivierteltakt

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Vom Fliehen und Fliegen, 25.1.2018, Hofspielhaus

Das Hofspielhaus hat sich für mich mittlerweile als Adresse für spannende und ungewöhnlichere Theaterabende eingebürgert, so war ich auch sehr neugierig, was mich bei der Musiktheaterperformance Vom Fliegen und Fliehen erwarten würde.
Die Geschichte nach einer Parabel von Ingeborg Bachmann klingt eigentlich recht simpel: eine kleine Angestellte in einem Callcenter landet durch Zufall in einem Laden, der Träume verkauft. Anfangs zögerlich versinkt die Protagonistin in diesen Träumen, die letztendlich ihr geregeltes Leben zerstören.

Foto: Peter Schultze

Dieses geregelte Leben wird anfangs von der Darstellerin Bervian Kaya (die zusammen mit dem Regisseur Sebastian Brummer die Performance erarbeitete) beinahe provokant dargestellt. Mit einem gezwungen zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einer scheinbar unerschütterlichen Ruhe wiederholt sie in den ersten Minuten immer wieder pantomimisch den Tagesablauf ihrer Figur: aufstehen, Zähne putzen, essen, immer wieder dieselben Floskeln bei ihrem Job im Callcenter, schlafen gehen… Dieser scheinbar ewige Kreislauf wird erst unterbrochen, als sie ihren Wohnungsschlüssel nicht mehr finden kann. Auf der Suche nach Hilfe landet sie zufällig in einem kleinen, heruntergekommenen Laden mit einem großen Stapel schlichter Kisten. Der Inhaber des Ladens, gespielt von Fatima Dramé, ist im Gegensatz zur „grauen Maus“ der Hauptfigur ein lauter und bunter Zeitgenosse. Er schafft es, seine Kundin neugierig zu machen und zeigt ihr eine kleine Schachtel, die ihr einen Traum von Urlaub und Meer zeigt. Kurze Zeit später findet die Heldin einen herrenlosen Schatten, der den letzten Traum seines Besitzers nicht sehen konnte und daher nun alleine bleiben muss. Daher suchen die beiden im Laden nach einem neuen Traum, der zwar idyllisch beginnt, dann aber zum Albtraum von Krieg und Zerstörung wird. Davon traumatisiert flieht sie aus dem Laden und kann sich von da an nicht mehr auf ihren Alltag und ihre Arbeit konzentrieren und wird schließlich entlassen. Vorwurfsvoll wendet sie sich an den Ladenbesitzer und bricht schließlich im Laden zusammen, da es ihre Lebenszeit gekostet hat, den Träumen nachzuhängen.
Ich war nie ein Fan des „typischen“ Performance-Theaters, dieses Werk zeigt jedoch eine klare Handlung und Struktur, was es trotz der sehr philosophischen Thematik nicht allzu schwer macht, ihr zu folgen. Auch gibt es tatsächlich auch kleine humorvolle Momente, etwa wenn die Protagonistin ihren verlorenen Schlüssel nach dem Genuss von merkwürdigem grünem Bier aushustet oder wenn der Ladenbesitzer wirklich schlechte Witze reißt.
Auf der kleinen Bühne wird die Mystik des Themas sehr geschickt dargestellt mit von innen leuchtenden Kisten und der Projektion von Urlaubsbildern und dem einsamen Schatten. Die musikalische Untermalung dieser Szenen kommt zum Teil vom Band, wird aber auch virtuos life gespielt von der Saxofonistin Carolyn Breuer. Man versteht also auch ohne viele Requisiten, was erzählt wird.

Foto: Peter Schultze

Das Spiel der beiden Darstellerinnen ist jedoch definitiv das Fesselndste an diesem Abend, vor allem ihr Gegensatz. Die Protagonistin von Bervian Kaya wirkt zu Beginn immer kontrolliert, schüchtern aber doch zufrieden mit ihrem Leben. Doch ganz ohne Träume wirkt dieses Leben trist und leer. Fatima Dramé als Ladenbesitzer, der schon seit Jahrtausenden Träume verkauft, scheint die Hauptfigur am Anfang zu überfordern, doch ist hinter dieser überschwänglichen Fassade die Erkenntnis, dass in der heutigen Zeit selbst die Kinder verlernt haben zu träumen. Schließlich wünschen sich heute alle nur noch einen sicheren Job, Geld, einen perfekten Partner. Die Menschen leben nur noch um zu arbeiten und nicht anders herum.
Am 15. und 22. Februar gibt es noch einmal die Möglichkeit, diese Performance im Münchner Hofspielhaus zu sehen.

Mit Carolyn Breuer, Berivan Kaya und Fatima Dramé.
Regie: Sebastian Anton Maria Brummer
Bühnenbild: Peter Schultze

https://www.hofspielhaus.de/files/hsh/media/ProgrammePlakateFlyer/2018/DU_Flyeralarm_Spielplan_HSH_01-02-2018_420x594mm.pdf

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