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Premiere Der Glöckner von Notre Dame, 14.06.2019, Landestheater Niederbayern

Wo könnte man eine Theaterversion zu Victor Hugos berühmtesten Roman – der außerhalb Frankreichs wohl vor allem durch die Zeichentrick-Verfilmung von Disney berühmt wurde – wohl besser aufführen als zu Füßen der Burg Trausnitz, in der mittelalterlichen Altstadt Landshuts? Im Prantlgarten, einem rekonstruierten Stück Stadtmauer, hat das Ensemble des Landestheater Niedernbayern am vergangenen Freitag sein Quartier bezogen. Bestens ausgerüstet mit Deckenverleih und gratis Mückenspray für die zahlreichen Zuschauer wurden Bühnenbild und Tribünen inmitten des kleinen Skulpturenparks aufgebaut. Ein großes Glück, dass das Wetter uns hold blieb, denn diese Inszenierung hatte an diesem Ort eine ganz besondere Wirkung. Aber dazu später mehr.

Foto: Peter Litvai

Der Autor Matthias Hahn strickte aus dem Werk Hugos ein Stück, in dem die Charaktere im Mittelpunkt stehen. Dabei kann er natürlich nicht die gesamte Handlung des Romans einbringen, der ganz nebenbei bemerkt mein wohl liebstes literarisches Werk ist. Umso gespannter war ich auf diesen Theaterabend. Ein wenig mutet es wie die Darbietung einer mittelalterlichen Wanderbühne an, wenn auch in etwas größeren Dimensionen, wenn die Darsteller Kostüme und Rollen wechseln und durch rote Vorhänge auftreten. Durch die Inszenierung führt dabei Victor Hugo persönlich, beziehungsweise er schlüpft in die Rolle des erfolglosen Autoren Pierre Gringoires, der im Roman tatsächlich eine große Rolle spielt, in vielen Verfilmungen jedoch außer Acht gelassen wird. Auf der Suche nach einem Platz zum Essen und Schlafen landet Gringoire aus Versehen im Hof der Wunder, dem Reich der Zigeuner, Bettler und Gaukler. Er soll wegen seines unerlaubten Eindringens gehenkt werden, durch eine Hochzeit rettet ihn jedoch die schöne Tänzerin Esmeralda. Um diese Frau drehen sich auch die gesamte Handlung und vor allem die Interessen der männlichen Protagonisten. Der Priester Claude Frollo hatte eigentlich nur die Wissenschaft und den Glauben im Sinn, bis er durch den Tanz Esmeraldas so betört wird, dass er in einen Wahn verfällt. Er schickt seinen Schützling, den missgestalteten Außenseiter Quasimodo los, um die Schöne zu entführen. Dieser wird jedoch vom Hauptmann Phoebus davon abgehalten und an den Pranger gestellt. Die junge Frau aber verliebt sich in den Soldaten, der jedoch bereits verlobt ist und den eigentlich nur Esmeraldas jungfräulicher Körper reizt. Da Frollo sie nicht bekommen kann, ermordet er Phoebus scheinbar und schiebt der Zigeunerin die Schuld in die Schuhe, woraufhin diese gefoltert und zum Tode verurteilt wird. Quasimodo, der auch Gefallen an der gutmütigen Frau findet, rettet sie jedoch und versteckt sie in der Kathedrale Notre Dame. Durch eine List kann Frollo sie jedoch ihrem Henker ausliefern: Phoebus.

Foto: Peter Litvai

Tatsächlich habe ich die Gespräche ein paar Zuschauern belauschen können, die bisher wohl tatsächlich nur den Disneyfilm kannten und von der düsteren Originalhandlung durchaus überrascht waren. Dabei ist die Inszenierung selbst tatsächlich recht farbenfroh und fantasievoll. Die Wasserspeier Notre Dames wandern schon vor Beginn der Vorstellung schweigsam durch den Prantlgarten, posieren mit den Zuschauern für Fotos und sind auch während der Vorstellung auf der Bühne omnipräsent. Dies tut der Inszenierung optisch auch sehr gut, denn das Bühenbild von Philipp Kiefer fand ich mit den verschiedenen Ebenen, Winkeln, Vorhängen und Treppen zwar durchaus spannend, die Optik mit hellem Holz wollte jedoch für mich nicht so ganz zu dem Handlungsort passen: der Kathedrale Notre Dame und der mittelalterlichen Pariser Altstadt. Auch die Kostüme sind von den Epochen und Stilen her sehr durchmischt. Quasimodo etwa trägt mittelalterliche Leinengewänder, Phoebus’ Verlobte Gothic-Kleidung, Frollo eine moderne Soutane oder Hugo/Gringoire Kleidung des 19. Jahrhunderts. In dieser Hinsicht erinnert die Inszenierung also tatsächlich irgendwie an ein Wandertheater, in dem ja auch manchmal eine bunte Mischung an Kostümen herrschte. Da die Figuren in dieser Inszenierung auch alle der Fantasie Victor Hugos entspringen, störte mich der kunterbunte Kostümfundus auch tatsächlich weniger.
Die Handlung des Bühnenwerkes stellt die Geschichte der Romanvorlage sehr spannend und kompakt dar, vor allem zeigt das Ensemble eine große Leistung in der Darstellung der unterschiedlichen Charaktere. Der „Titelheld“ wird von David Lindermeier kindlich-sympathisch gezeigt. Er genießt die Aufmerksamkeit beim Narrenfest, wo sein Äußeres einmal nicht für Abscheu sondern für Ruhm sorgt. Sein eigener Wille ist jedoch seiner tiefen Treue gegenüber seinem Erzieher Frollo meist untergeordnet; ein Konflikt, den Lindermeier sehr rührend darstellt. Ella Schulz zeigt ihre Esmeralda äußerst facettenreich. Im einen Moment ist sie die selbstbewusste, verführerische Frau, angesichts ihres Helden Phoebus verliert sie diesen eisernen Willen jedoch und möchte sich diesem Mann entgegen all ihrer Ideale unterwerfen. Besonders zum Ende des Stückes, als Esmeralda gefoltert und gebrochen scheint, sorgte die Darstellerin bei mir für eine große Gänsehaut. Äußerst facettenreich zeigte auch Reinhard Peer den Widersacher Frollo, wobei dieser anfangs tatsächlich als unschuldiger Wissenschaftler und Beschützer von Quasimodo durchaus sympathisch wirkt. Erst als er durch Esmeralda seine männlichen Triebe entdeckt, verfällt er mehr und mehr seinem Wahnsinn. Besonders charismatisch zeigt Jochen Decker den Autoren Hugo als würdevollen Dreh- und Angelpunkt des Abends. Mit einem Schnipsen kann er die anderen Figuren erstarren lassen und die Handlung kommentieren. Der junge Hauptmann Phoebus ist mit Julian Ricker optisch durchaus ungewöhnlich besetzt, schlank und

Foto: Peter Litvai

jungenhaft. Trotz seinem Charisma gegenüber Frauen zeigt er gegenüber seiner engagierten zukünftigen Ehefrau Fleur eine gewisse Unsicherheit und Abneigung.
Zusammen mit den restlichen Kollegen, die ebenfalls in zahlreiche Rollen schlüpfen, zeigen die Schauspieler eine große darstellerische Leistung. Die Figuren des Stückes werden alles andere als typisiserend gezeigt, was dem Theaterabend extrem spannend und mitreißend macht. Auch die Regie-Arbeit von Markus Bartl zeigt ein klares Ziel: die Charaktere in den Mittelpunkt zu stellen und vor allem zu zeigen, dass man niemals eine Person nur eindimensional betrachten kann. Scheinbare Helden haben ihre dunklen Seiten und die Antagonisten können auch Menschlichkeit zeigen, so wie Frollo anfangs trotz aller Kritik von Außen zu Quasimodo steht. Immer wieder wird die doch recht tragische Handlung von komischen Situationen gebrochen, ohne die Grundstimmung ins Lächerliche zu ziehen. Etwa wenn der soeben niedergestochene Phoebus zum Umziehen in die Garderobe geschickt wird oder wenn Quasimodo die läutenden Glocken der nahen Martinskirche nachahmt. Überhaupt ist die Landshuter Umgebung mit ihrer Geräuschkulisse ein faszinierender Teil dieses Freilicht-Inszenierung. Durch die Geräusche von den Kirchen und Bäumen fühlt man sich in die Welt des Stücks versetzt. Ein unfreiwilliger Galgenhumor kommt schließlich auf, wenn Victor Hugo prophezeit, dass auch steinerne Monumente wie Notre Dame irgendwann verschwinden werden, denkt man an den kürzlichen Großbrand im französischen Gotteshaus.
Hoffen wir, dass das Wetter der Inszenierung auch weiterhin geneigt bleibt, denn die Wirkung des Glöckners von Notre Dame als Freilichtstück in einer mittelalterlichen Altstadt ist enorm. Die Darsteller zeigen überzeugende und spannende Charaktere und man hat mit dieser Inszenierung eine großartige Möglichkeit, den berühmten Roman jenseits von aller Disney-Verherrlichung kennen zu lernen.

Noch im Juni und Juli wird die Inszenierung unter freiem Himmel bzw. bei Regen in den Theatern gezeigt: In Landshut am 28./29./30.06. um 20 Uhr, in Passau am 22./23.06. und 5./6./7.07. um 20 Uhr sowie in Straubing am 18.06. um 19.30.

Regie: Markus Bartl
Ausstattung: Philipp Kiefer
Musik: Jürgen Heinmüller

Jochen Decker: Victor Hugo / Pierre Gringoire / Wasserspeier
Reinhard Peer: Claude Frollo / Wasserspeier
Alexander Nadler: Jacques Charmolue / Sieur Robert d’ Estouteville / Bettler / Wasserspeier
Julian Ricker: Phoebus de Chateaupers / Wache / Henker / Wasserspeier
Laura Puscheck: Fleur de Lys / Bettlerin / Wasserspeier
David Lindermeier: Quasimodo
Antonia Reidel: Einsiedlerin / Wirtin / Marktfrau / Bettlerin
Ella Schulz: Esmeralda
Joachim Vollrath: Clopin Trouillefou / Wache / Henker / Wasserspeier
Julian Niedermeier: Matthias Hungadi / Kanzlist / Wache / Wasserspeier
Mona Fischer: Eleanor Spicali / Wasserspeier

https://www.landestheater-niederbayern.de/events/291

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Der bayerische Sturm, 05.05.2018, Stadttheater Landshut

Der Sturm von William Shakespeare ist wohl unangefochten mein liebstes Theaterstück. Daher besuche ich natürlich möglichst alle Inszenierungen dieses Werkes in meiner Nähe. Als ich im Programm des Landestheater Niederbayern vom Bayerischen Sturm gelesen habe, musste ich natürlich mal wieder ins schöne Landshut in das Theaterzelt reisen (das Stadttheater wird im Moment renoviert). Es war die siebte Inszenierung des Sturms, die ich bisher gesehen habe und sicherlich die interessanteste Interpretation dieses Werkes.

Foto: Peter Litvai

Regisseur Wolfgang Maria Bauer versetzte die gesamte Handlung des elisabethanischen Schauspiels an sich in den Kopf Prosperos, eines an Alzheimer erkrankten Patienen in einer bayerischen Pflegeanstalt. Der ältere Mann sitzt meist vor einem Computerbildschirm, der Bilder einer tropischen Insel zeigt. Um ihn herum diskutieren die Schwestern und Pfleger anfangs über ihren Berufsalltag und ein geistig verwirrter Mitpatient versucht mit ihm zu kommunizieren und setzt sich dann schließlich ins Publikum. Zunächst gibt es also nicht viel Shakespeare zu hören, bis man schließlich während eines Anfalls in die Gedankenwelt des Kranken eintaucht. Dort lernt man den Luftgeist Ariel kennen, den treuen Diener Prosperos, der sich nun völlig klar und würdevoll als verstoßener Herzog Mailands sieht. Auch trifft der Zuschauer auf den Wilden Caliban, der jedoch anfangs nicht die menschliche Sprache beherrscht, sondern erst vom gestrandeten Trinculo tiefstes Bairisch lernt. Alle anderen Figuren erscheinen in der Gestalt des Krankenhauspersonals. Von da an läuft die Handlung von Shakespeares Werk, wenn auch stark gekürzt und mit weniger Personen (so wurden unter anderem der König von Neapel und sein Bruder gestrichen) ab, immer wieder unterbrochen von Ausflügen in die „Realität“. So reicht der Patient Propsero etwa die Hand seiner Lieblingskrankenschwester bzw. in seiner Fantasie seiner Tochter Miranda dem sympathischen Pfleger Ferdinand alias Prinz von Neapel. Diese Wechsel werden durch das Lichtdesign immer deutlich angezeigt. Gerade gegen Ende werden diese Realitätswechsel immer häufiger. Und schließlich merkt man, dass die beiden reinen Fantasiegestalten für Prosperos Kampf mit seiner Krankheit stehen: Ariel für seinen klaren Verstand, Caliban für das Vergessen und die Unfähigkeit sich zu artikulieren.
Das Bühnenbild und die Kostüme von Aylin Kaip zeigen vor allem die Kontraste zwischen Fantasie und Realität. Das Krankenzimmer ist ein halbrunder, steriler Raum mit riesigen Milchglasfenstern, die in verschiedenen Farben beleuchtet werden und in denen sich verschieden große Öffnungen befinden, die ein wenig an die Schubläden erinnerten, mit denen Psychologen gerne die menschliche Erinnerung vergleichen. In die Kostüme fließen verschiedene Elemente aus der Klinik ein, Ariel ist zum Beispiel in reine, weiße Verbände gewickelt, während Caliban eine dreckige Zwangsjacke trägt. Die Decke des Kranken wird zum Herzogsmantel und stellt sich später als überdimensionaler Bucheinband heraus, da ja auch Wissen und Bücher für Shakespeares Helden eine wichtige Rolle spielen.
Olaf Schürmann zeigt als Prospero eine beeindruckende Leistung. Der Darsteller wirkt am Anfang tatsächlich wie ein kranker alter Mann, der sich nicht mehr richtig artikulieren und bewegen kann und nur noch wenige klare Momente zeigt. In seinen Gedanken ist er jedoch ein stolzer und würdevoller Herrscher. Katharina Elisabeth Kram macht dem Luftgeist Ariel mit fließenden, sanften Bewegungen und milder Stimme alle Ehre. Joachim Vollrath habe ich witzigerweise bei meiner allerersten Inszenierung des Sturms vor neun Jahren als Ariel gesehen, nun durfte er in die Rolle des Wilden Caliban schlüpfen, der anfangs trotz fehlender Sprache seiner Wut gegenüber Prospero Ausdruck verleihen kann. Reinhard Peer darf als Trinculo beziehungsweise Verrückter in der Klinik für die Lacher des Abends sorgen, was einem manchmal aber im Halse stecken bleibt, wenn uns die Tragik der Situation eines geistig kranken Menschen bewusst wird. Paula-Maria Kirschner, Mona Fischer, Laura Puscheck und Ella Schulz spielen zumeist die Krankenschwestern und zeigen zusammen mit dem „Kollegen“ Julian Niedermeier vor allem den Alltag des Pflegepersonals, der trotz allen Stresses auch noch Menschlichkeit und Güte beinhaltet.

Untermalt wird die Inszenierung von der Musik Johnny Cashs, die von einem Musiker, der jedoch nicht in die Handlung eingreift, life gespielt und zum Teil von den Darstellern auf Englisch und Bairisch gesungen werden.

Foto: Peter Litvai

Der einzig kleine Kritikpunkt war, dass ich mir unter dem Titel ein wenig mehr Einflüsse aus der bayerischen Kultur und Sprache erwartet hatte. Die einzig bairisch sprechenden Rollen sind Trinculo und Caliban und die Klinik befindet sich in Bayern. Trotzdem war ich jedoch in keinster Weise enttäuscht.
Man braucht eventuell ein wenig, um die Kombination zwischen der Pflegethematik und Shakespeares Stück zu verstehen, doch lässt man sich erst einmal darauf ein, ist Der bayerische Sturm ein spannender und bewegender Theaterabend. Noch bis 2. Juni haben Zuschauer in Landshut, Straubing und Passau diese herausragende Inszenierung zu sehen. Weitere Informationen können auf der Webseite des Landestheaters Niederbayern gefunden werden.

http://landestheater-niederbayern.de/events/235

Regie: Wolfgang Maria Bauer
Kostüme / Bühne: Aylin Kaip

Prospero: Olaf Schürmann
Antonia, seine Schwester: Paula-Maria Kirschner
Ferdinand: Julian Niedermeier
Caliban: Joachim Vollrath
Trinculo: Reinhard Peer
Miranda: Mona Fischer
Ariel: Katharina Elisabeth Kram
Zwei Krankenschwestern: Laura Puscheck, Ella Schulz
Johnny Cash: David Moorbach

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