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Interview mit Saimir Pirgu

Foto © Paul Scala

Foto © Paul Scala

Saimir Pirgu (*1981) ist ein albanisch-italienischer Sänger, der zurzeit in München an der Bayerischen Staatsoper den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto singt. Pirgu ist als lyrischer Tenor mit den großen Partien seines Fachs an allen großen Bühnen der Welt zu Gast und hat mit namhaften Dirigenten und Regisseuren gearbeitet.

Das Gespräch fand am 16. Juni 2018 in der Rheingoldbar der Bayerischen Staatsoper statt.

PS: Hallo, Herr Pirgu, es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen für unser Gespräch.

SP: Gerne.

PS: Als Zuschauer hat man ja unterschiedlichste Vorstellungen von dem Beruf des Opernsängers. Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?

SP: Das ist das Reisen. In welchem anderen Beruf hat man schon die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen? Schauen Sie, es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ich noch nicht besucht habe. In den meisten mache ich gar kein Sightseeing mehr, weil ich sie schon kenne. [lacht] Und überall komme ich schnell in Kontakt mit dem Land, den Gebräuchen, den Menschen, finde Freunde. Das ist toll. Die Kunst der Musik ist international und überall sind Menschen, die sie berührt.

PS: Sind Sie es, der mit der Musik die Menschen berührt?

SP: Es ist die Musik selbst, ich bin ja nur Ausführender. Das kommt ja auch auf den Dirigenten und die Inszenierung bzw. die Regie an.

PS: Inwieweit können Sie denn bei so vielen unterschiedlichen Inszenierungen Ihre eigene Vorstellung von einer Rolle, hier in München zurzeit den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto, umsetzen?

SP: Ich bin ja sozusagen als Sänger das Material, durch das ein Regisseur seine Vorstellung umsetzt, das istmein Job. Wenn der eine sagt „mach es so“ und der andere „mach es so“, dann mache ich es halt. Ich singeeben, es ist letztlich die Musik, die das transportiert. Ich stehe schließlich jeden Abend im Löwenkäfig und manchmal gewinnt man und manchmal verliert man auch. Das ist normal.

PS: Wie gehen Sie an das Rollenstudium heran?

SP: Zuerst schaue ich mir natürlich die Noten an, aber als junger Sänger höre ich mir auch Aufnahmen von anderen Sängern, die das schon gemacht haben, an. Ich lese viel über das Stück, aber die Musik ist schon das wichtigste.

PS: Was ist der Duca di Mantova für eine Persönlichkeit?

SP: Der Duca ist ein gewissenloser Mensch, er hat ja auch nie Armut kennengelernt. Er ist reich geboren und wenn ihm jemand nicht passt, dann macht er ihn einen Kopf kürzer. Ihn oder einen anderen, das ist ihm egal. Viele meinen, er liebt die Frauen. Ja, das auch, aber das ist ein Nebenaspekt. Dem geht es um seine Interessen und er gewinnt am Schluss auch. Anders als Rigoletto. Der ist arm geboren, kommt an den Hof und am Schluss verliert er alles. Der macht eine Entwicklung durch. Der Duca di Mantova bleibt der, der er war.

PS: Sie meinen, das ist ganz unabhängig vom Regiekonzept?

SP: Ja. Das Gute kann man nicht schlecht machen, aber ich verstehe nicht, wieso dieses Grau in Grau auf der Bühne inzwischen überall so verbreitet ist – und damit meine ich überhaupt nicht moderne Inszenierungen allgemein. Ich habe schon sehr moderne Inszenierungen gespielt, die eine tolle Aussage hatten. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob mit dem Grau in Grau das Nichts zum Inhalt erhoben wird und das ist nicht OK. Wahrscheinlich dürfte ich das jetzt gar nicht sagen, weil man mich sonst an manchen Orten nicht mehr einlädt, aber es ist eine Wahrheit, die kaum einer gerne hört. Wie viele Buhrufe erleben Sie denn so bei Premieren?

PS: Immer mal wieder, aber tendenziell eher wenige.

SP: Sehen Sie. Wenn keiner hinginge, dann würden sich solche Inszenierungen auch nicht halten können. Ein Intendant würde eine Produktion absetzen, wenn sie sich nicht verkauft. Aber solange die Leute hingehen, passiert nichts.

PS: Sie haben ja mit vielen sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet.

L'Elisir d'Amore, Wiener Staatsoper - Foto ©Michael Pöhn

L’Elisir d’Amore, Wiener Staatsoper – Foto ©Michael Pöhn

SP: Ja, wenn ich noch an Zefirelli denke … da habe ich in dem Kostüm des Duca – so ein richtiges, opulentes! – ordentlich geschwitzt. [lacht] Nicht, dass das jetzt das einzig Wahre gewesen ist – die Münchner Inszenierung ist zum Beispiel modern, aber schlüssig und überzeugend. Auch in Zürich hatten wir eine sehr gute moderne Inszenierung. Ich weiß aber nicht so recht, was die Aussage ist, wenn ich in Unterhosen auf der Bühne stehe… Ich meine, es ist ja doch ein Herzog … Da wäre es manchmal besser, man würde eine Oper konzertant geben.

PS: Sie hatten in Ihrem Leben sehr wichtige Mentoren und künstlerische Vorbilder. Wie haben die Sie beeinflusst und wie ist Ihr Verhältnis zu Dirigenten allgemein?

SP: Als junger Sänger schaut man ja immer „wie machen es die anderen“. Was dann am Schluss in die eigeneEntwicklung eingeht, kann ich wahrscheinlich erst in vielen Jahren rückblickend sagen. Claudio Abbado war sicherlich sehr wichtig für mich. [Abbado hat Saimir Pirgu 2003 entdeckt und als 22jährigen als Ferrando in Mozarts Così fan tutte nach Ferrara eingeladen, Anm. d. Verf.] Aber auch Harnoncourt und viele andere. Ein Dirigent bildet ja sozusagen mit dem Orchester einen Teppich für mich, auf dem ich dann erst fliegen kann. Ja, eine Art Fliegender Teppich, das ist wie Zauberei. Wenn der Dirigent nicht passt, dann stehen Sie als Sänger allein auf weiter Flur und im Angesicht der Löwen.

PS: Das klingt sehr anstrengend… Was ist denn an Ihrem Beruf das weniger Schöne?

SP: Das ist sicher auch das Reisen. Wenn ich in einer Stadt bin und Freundschaften schließe und dann nach sagen wir zwei oder drei Jahren wieder dort hinkomme, dann kennen mich die meisten noch recht gut, ich umgekehrt aber nicht. Das ist manchmal schade, aber es gehört eben dazu. Und das Reisen selbst und das Herumkommen in der Welt ist ja toll.

PS: Eine Studie besagt, dass Berufsmusiker einem erhöhten Stressrisiko ausgesetzt sind. Hat das vielleicht damit zu tun? Oder ist es eher der Perfektionismus der Künstler?

SP: [schaut überrascht] Ja? Ich weiß nicht, ich glaube, das ist normal und gehört dazu. Es ist eben nicht ein Job für jeden und es hält sich langfristig nur der, der damit klarkommt. Mit dem Reisen und mit dem Löwenkäfig, meine ich. Und mit Perfektionismus habe ich es nicht so. Klar, man strebt schon irgendwie nach Perfektion, aber was wäre denn dann, wenn man dort angekommen wäre? Dann gäbe es ja nichts mehr.

PS: Ist das Ihr Rezept gegen Stress?

SP: Ich weiß nicht, vielleicht. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch und wenn ich morgens aufstehe und mich im Spiegel anschauen kann, dann ist das doch schon was!

PS: Herr Pirgu, ganz herzlichen Dank für das interessante Gespräch, ich freue mich, Sie am Mittwoch in der Vorstellung erleben zu dürfen.

SP: Dankeschön und eine gute Vorstellung.

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