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Störer

Störer

Die haben sie doch auch schon in den Wahnsinn getrieben, nicht wahr? Seien sie ehrlich, wir wünschen ihnen nichts Gutes, wenn sie uns nerven, die Störer.

Zischer, Klimperer, Flüsterer, Raschler, Grummler, Fummler, Brummler, Sucher, Huster, Pruster und alle anderen Geräuschproduzenten auf den Plätzen neben uns. Kürzlich quietschte ein besonders Frecher mit seiner Eintrittskarte im Resi so penetrant neben mir, man hätte sich eine der Bühnenknarren gewünscht, um ihn zu verstummen. Er ruhe – ja vor allem ruhe – in Frieden. In der Oper störte ein Störer mit dreistem Münzgeklimpere in der Hosentasche beim Liebestod von Romeo und Giulietta. Den hätten wir lieber gleich in der Nachbargruft, getrennt durch dicken Marmor zur letzten Ruhe gebettet. Ohne zu vergessen, ihm vorher die letzten Münzen für die Überfahrt zu nehmen. Eine schwäbelnde Dame unterbrach einmal tatsächlich kichrig die Andacht im Gasteig, als Kaufmann bei Straussliedern nach dem langen, schönen, elegischen Vorspiel die erste Zeile „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…“ anhauchte mit einem brachialen: „OH JA DES WÜNSCH MA UNS AA. HAHA.“ Die letzten Lieder vergönnte ich dieser Hobbymeterologin nimmer. Eher einen Sonnenstich mit –brand und Bettruhe bis zum Ende der Konzertsaison.

Seien wir ehrlich, den schlimmsten Bühnentod wünschen wir den Störenfrieden, den Kulturbanausen und Tönern in den Rängen um uns herum. Haben sie denn immer noch nicht kapiert, dass wenn sie sich schon – dem Bronchialexitus nahe – mit letzter Schnaufkraft und einer Familienpackung Hustenbonbons in den Balkon geschleppt haben, das Auspapierln schneller geht, wenn man es nicht ewiglich in die Länge zieht, um vermeindlich leise zu sein, sondern wenn schon, dann herrschaftszeiten schnell und danach still bitte. Es stimmt, die Kranken gehn ins Bett, die Halbtoten ins Theater. Und die Doofen. Nach dem vierten Häh? und Wer war jetz das nochmal? plädiere ich für Schulverweis und Nachsitzen anstatt Klassenausflug zu Shakespeare. Auch Theaterverhalten gehört zur Bildung!

Was aber tun? Aufmerksam machen? Erzeugt nur noch mehr Ton und im schlimmsten Fall Widerspruch und eine Höflichkeitsdiskussion. Gleich geräuschlos um die Ecke bringen? Schwierig in der moralischen Anstalt der Kunst. Überhören? Unmöglich bei den Manieren mancher Kulturgänger. Eines hilft: Versetzen sie den Störenfried in die Rolle des Bühnenböslings und lassen sie ihn an dessen Stelle leiden. Das hilft, da es dem Bösen – wie meist in der Kunst – gerechterweise schlecht ergeht! Schieben sie den Tuschler in den Hexenofen, erdolchen sie den Zischler von hinten, liefern sie den Huster den Ricolariesen und den Klimperer der Guillotine aus. Die Oper und das Sprechtheater hat schon genug im Folterrepertoire, um für Ruhe zu sorgen. Oder zumindest für Gerechtigkeit.

War nicht Scarpia auch ein simpler Störenfrieden der Kunstliebe? Und wie ist es ihm ergangen..?

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Die Fledermaus, 27.12.2013, Neue Oper Austria in der Tonhalle Zürich

Die Fledermaus - Neue Oper.at - Tonhalle Zürich Wie könnte man das alte Jahr besser ausklingen lassen als bei der genialen Musik von Johann Strauss? In der halbszenischen Aufführung der Neuen Oper Austria machte der Abend besonders Spaß.

Eine halbszenische Aufführung, noch dazu auf einer Konzertbühne, ist ja immer etwas heikel, weil nur wenig Platz zur Verfügung steht. Regisseur Wolfgang Gratschmaier, den ich bisher nur als Sänger kannte (zuletzt als Sigismund im Weißen Rössl am Staatstheater Nürnberg), löste das Dilemma sehr gut. Der Salon der Eisensteins bestand aus Stühlen und einem Tisch und ein paar Palmen, verwandelte sich wenig später in den Ballsaal des Prinzen Orlofskys und selbst das fidele Gefängnis lies sich damit gut abbilden. Dabei agierten alle Beteiligten immer sehr natürlich und mit tollem Ausdruck. Ein paar Besonderheiten hatte er sich einfallen lassen, die das Ganze noch zusätzlich aufpeppten. All zu viel sei hier für eventuelle zukünftige Vorstellungen nicht verraten, aber das Publikum sollte sich schon darauf einstellen, auch mal mitmachen zu dürfen – oder müssen.

Bereits bei der Ouvertüre merkte man, dass die Philharmonie Baden-Baden unter dem musikalischen Leiter Thomas Rösner in Höchstform ist. Da stimmte jede Nuance, es klang sehr frisch und knackig von der Bühne. Die Besetzung an diesem Abend war absoluter Luxus. Angefangen bei Sigrid Hauser, die als Dr. Blind, Ida und Frosch nicht nur komische Akzente setzte, sondern sich auch harmonisch in die Ensembles einfügte. Wolfgang Gratschmaier selbst trat als Erzähler und in verschiedenen anderen, meist stummen Rollen auf und verstärkte die Ensemble. Die Chorszenen wurden damit wirkungsvoll präsentiert, so weit sie beibehalten wurden. César Augusto Gutiérrez verlieh dem Alfredo einen passenden glutäugigen Latinocharme sowie einen sehr ansprechenden Tenor. Mit Renée Schüttengruber war der Prinz Orlofsky mit einem wohlklingenden Sopran besetzt, sie zeichnete auch ein außerordentlich Rollenportrait. Ihre Schweizer Wurzeln spielte die junge Sopranistin Marysol Schalit aus, als Adele agierte sie sehr kokett, ihre Stimme ist aber schon ein bisschen weiter. Bei Carlo Hartmann war der Gefängnisdirektor Frank in den besten Händen und Mathias Hausmann als Dr. Falke sprühte vor Witz, guter Laune und prächtigem Bariton. Mit Paul Armin Edelmann sang ebenfalls ein Bariton den Eisenstein. Ich ziehe diese Variante dem Tenor vor und an diesem Abend war es das Tüpfelchen auf dem i. Er harmonierte stimmlich und schauspielerisch prächtig mit der Berliner Kammersängerin Michaela Kaune als Rosalinde.

Alles in allem ein wundervoller Abend. Leider war es die letzte der bisher geplanten Vorstellungen der Fledermaus in dieser Fassung und mit dieser Besetzung. Im stürmisch applaudierenden Publikum mag sich so mancher eine Wiederholung gewünscht haben.  

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John Williams – Stoner

William Stoner, ein Universitätsprofessor steht im Mittelpunkt dieses Romans, er erzählt vom Scheitern, von der Liebe, vom Leben.
Als er nach 38 Jahren Lehrtätigkeit stirbt, spendet die Universität in seinem Namen ein Schriftstück, aber schon nach kurzer Zeit erinnert sich kaum noch jemand an William Stoner. Warum ist das so? Er lebte ein unauffälliges Leben, ein oberflächlich ereignisloses, aber tief in unserem Innern wissen wir, dass viele Leben so ablaufen, dass Stoner der Archetyp des Lebens an sich ist.
Aufgewachsen auf der Farm seiner Eltern, war es für William immer klar, dass er eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Als sich ihm die Chance bietet, am College Agrikultur zu studieren, um die Farm rentabler zu machen, greift er zu. Doch schon bald wendet er sich der englischen Literatur zu, die Liebe zu ihr sollte ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr loslassen. Stoner wird Assistenzprofessor, verliebt sich in eine Schönheit, die ihm nach der Heirat das Leben mehr als nur schwer macht, wird Vater einer Tochter, muss auf eine Geliebte verzichten und fragt sich am Ende seines Lebens: Was hast Du denn erwartet?
Ja, was erwarten wir vom Leben? Müssen es immer die ganz großen Sprünge sein? Ist man gescheitert, wenn man am Ende nicht alles erreicht hat oder ist man nur realistisch?
In einer sehr klaren Sprache erzählt John Williams die Geschichte von William Stoner, schnörkellos, direkt, manchmal geradezu brutal ehrlich. Es ist ein Leben ohne Höhepunkte, aber wessen Leben bewegt sich wirklich von einem Höhepunkt zum Nächsten? Stoner zeigt uns, dass man auch im Kleinen glücklich sein kann, dass man auch etwas erreicht hat, wenn man sich nur einen Teil seiner Träume erfüllt hat. Der melancholische Grundton, der sich durch den ganzen Roman zieht, passt zum Leben des Protagonisten. Bittersüß, eher verwaschen als strahlend, aber dennoch eindrücklich und nachdenklich machend. Was will man im Leben erreichen, was hat man erreicht, darüber lohnt es sich nachzudenken und dieser Roman gibt den Anstoß dazu.

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Heidi Rehn – Die Liebe der Baumeisterin

Preußen zur Zeit Herzog Albrechts. In der Familie Selege sind die Rollen klar verteilt: die Männer bauen und die Frauen brauen. Die jüngste Generation, die Geschwister Dora und Jörg, will sich diesen Zwängen aber nicht unterwerfen, schließlich sind bei ihnen die Talente genau umgekehrt verteilt. Dora würde gerne Baumeisterin werden und Jörg hat ein Händchen fürs Brauen. Als Dora mit dem wesentlich älteren Urban verheiratet wird, findet sie in ihm nicht nur einen Mann, der sie liebt, sondern der auch ihre besondere Begabung fördert. Dora liebt ihn auch, verfällt aber nach einem prophetischen Traum dem jungen Baumeister Veit. Als sie endlich selbst als Baumeisterin arbeiten darf, kommt es zu einem Unglück, bei dem Urban getötet wird. Veit gerät unter Verdacht, seinen Rivalen ermordet zu haben. Dora setzt nun alles daran, die Unschuld des Geliebten zu beweisen.

Leider bin ich mit Dora nie wirklich warm geworden. Zu teenagerhaft erschien mir die Liebe zu Veit, obwohl sie ja im Mittelalter mit Zwanzig schon eine gestandene Frau sein müsste. Die Art und Weise, wie sie diese Liebe zu Veit als gegeben hinnimmt und im Hinblick auf ihre Stellung als Frau eines herzoglichen Kammerherren nicht wirklich zu unterdrücken sucht, sondern in ihm ihre einzig wahre Liebe sieht, weil sie einen Traum hatte, in dem er vorkam, erschien mir sehr unrealistisch. Natürlich gab es Liebe, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm abspielt, zu jeder Zeit, aber zum Bild einer Frau, die den Bau eines Wohnhauses verantwortet, passte es für mich irgendwie nicht, dass sie sich gar keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht hat. Die Nebenfiguren sind liebevoll und bis ins Detail ausgestaltet und ist es nicht ganz verwunderlich, dass mir zwei davon besonders ans Herz gewachsen sind, die beiden Mägde Renata und Elßlin.

Heidi Rehn hat ein unglaubliches Wissen über die Zeit und das Sujet, über das sie schreibt. Dieses bringt sie in den Roman ein, was manchmal dazu führt, dass Beschreibungen etwas überschwenglich ausfallen. Trotzdem liest sich der Roman sehr gut und man erfährt eine Menge sowohl über die Baumeisterei als auch das Brauen zu jener Zeit. Auch Beschreibungen der Städte kommen nicht zu kurz und sind sehr informativ.

Ein Roman,dermir,obwohl ich Schwierigkeiten mit der Hauptfigur hatte, doch gefallen hat, weil er das große Potenzial der Autorin zeigt.

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Geliebte Requisite

Die Germanistik liefert Regalmeter über den bewussten Einsatz von Requisiten, von Ringen, Briefen, Dolchen oder Schmuck. Das alles hilft leider gar nichts, wenn das verflixte Ding vor seinem Bühneneinsatz nicht auf seinem Platz ist! Ehen scheitern an verlegten Ringen, Morde an vergessenen Messern und Besäufnisse an nichtgefüllten Gläsern, wenn die Requisite patzt. Oder natürlich der Schauspieler. Bei kleinen Häusern richtet man sich grundsätzlich selbst sein Zeug vor der Vorstellung her – vergisst man es, muss man dann in den intimsten und oder peinlichsten Momenten schnell mal kurz verschwinden, um den notwendigen Liebesbrief von den Hinterbühne zu holen. So ist es Bruno Jonas als Don Quijchote am Gärtner passiert, was ihn allerdings nicht weiter störte, sondern zu einem kabarettistischen Intermezzo über die Requisite verleitete.
Ein Kollege verzichtete dagegen auf seine Mordwaffe in der „Mausefalle“ und ging anstatt mit dem fehlenden Revolver, der sich verflixterweise auch nach längerer Suche nicht in der Anoraktasche finden ließ, würgend mit beiden Händen auf die Kollegin los. Ihre Verwunderung und Angst war an keinem Abend mehr so real, wie an diesem. Gott sei dank reagierte der eingreifende Polizist auch in dieser Vorstellung rechtzeitig, da die zudrückenden Daumen sicher mehr Schaden als die ungeladene Schreckschusspistole angerichtet hätten. Vor allem wenn es sich um eine typische Kollegin handelt!
Nicht nur Vergesslichkeit auch die Art der Requisitenzubereitung kann mitunter zu Problemen führen. Freut sich noch jeder Opernchor über Essbares bei Mahlszenen („Fresst nicht gleich alles bei der Ouvertüre weg!“), so fällt ein durstiger Statist wie in Stückls „Dreigroschenoper“ am Münchner Volkstheater nur zuleicht über die Freude eines frischen Bühnenbieres aus der Rolle. Selbiger zuzelte sein Bier bei der MeckiMesserHochzeit dermaßen genußvoll, dass ihm die seltene Statistenehre gebührte, die alleinige Aufmerksamkeit des Publikums neben nebensächlicher Trauung zu erlangen.
Im Boulevard auf kleiner Bühne sollte ich etwa 30 Vorstellungen lang eine Cola kippen – Jugendjargon der späten 60-er. Aus Kostengründen wurde diese jedoch mit Zuckercouleur getrickst, der zähflüssigen braunen Lebensmittelfarbe mit Sacharinnote zur Färbung von Soßen. Ein Tropfen in genug Wasser erzeugt Weißwein, etwas mehr Rosé, noch mehr Bordeaux und in Massen zum Colabrauen – Grausen. Ab der 3. Vorstellung nippte ich nur mehr am braunen Trank.
Vorsichtig wurde ich zudem mit intransparenten Flaschen nachdem in eine Champagnerflasche in der „Fledermaus“ mehrere Zigarettenkippen der letzten Feier anstatt reinem Bühnenwasser für den Perlweinakt schwamen. Unvergessen auch der Versuch dem Boandlkramer des „Brandner Kasper“ echten Enzian unterzujubeln – von dem der naive Tod bekanntlich 12 Stamperl auf der Bühne vernichten sollte. Leider kam uns der Kollege selbst bei der Derniere drauf und blieb beim Gebirgsselters. Als dann noch mein Jagdstutzen abhanden ging, feuerte ich aus allen Rohren einer – üblicherweise verdeckten Schreckschusswaffe und es gelang ein Highnoon am Blauberg.
Requisiteure sind Meister des Bauens, Tricksens, die Leute an den Neblern, die Regenschirme im Eimerchen abwaschen, damit sie auf der Bühne tropfen und wahrlich Schaumschlagen können ohne schmutzige Wäsche zu waschen. Sehr bedacht sind sie dabei natürlich ob des Wohls ihrer kleinen Erfindungen. „Mach das bloß nicht kaputt! Das haben wir nur einmal!“ klang vielleicht nur bei 007s Quartiermeister Q ebenso oft und bestimmt, wie von den sonoren Stimmen der ordnenden und konservierenden Requisite.
Nicht zu unterschätzen ist nämlich die Spiel- und Ärgerfreude der Kollegen. Jeder Junge spielt gern mit Schwertern und Pistolen. Bei einigen Bühnenkämpfen wird das zum Selbstzweck. Schauspieler sind und bleiben eben Kinder, weshalb die Theaterwissenschaft vielleicht der Requisitentheorie der Dramatiker eine ganz neue Spielttriebsdiskussion des Schauspielers und seiner geliebten Requisite folgen lassen sollte!

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Zoë Beck – Brixton Hill

Zoë Beck - Brixton Hill

Zoë Beck – Brixton Hill

Mit Spannung habe ich Zoë Becks neuesten Roman Brixton Hill erwartet, gefielen mir doch die Vorgänger ausnehmend gut. Meine hochgesteckten Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Em hat einen Stalker, Alan, und als in einem modernen Hochhaus plötzlich die Elektronik komplett ausfällt, fällt ihr Verdacht zunächst auf ihn. Ihre Freundin Kimmy kam bei dem Vorfall ums Leben als sie in Panik aus dem 15. Stock sprang. Die Polizei glaubt ihr nicht und verhaftet zunächst Em selbst. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, den Verursacher von Kimmys Tod zu finden, sondern auch sie selbst zu entlasten. Als sie ein weiterer Schicksalsschlag trifft, ist sie noch mehr von Alans Schuld überzeugt. Sie sucht die direkte Konfrontation und fährt zu seinem Haus in Brixton Hill.
Ems Gefühl, dass sie das eigentliche Opfer sein sollte, hat sie nicht getrogen. Zoë Beck schafft eine Atmosphäre von Beklemmung und Energie, die Em durch den ganzen Roman begleitet. Sie wirft einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft und am Ende muss sich der Leser fragen, wie lange wir noch tatenlos zusehen wollen, wie das Leben vieler den Profiten Einzelner untergeordnet wird.
Die Figurenzeichnung ist außerordentlich, mit schnellen Strichen entwirft die Autorin Bilder von komplexen Persönlichkeiten. Dabei taucht sie trotzdem tief in die Psyche ihrer Protagonisten ein und macht ihr Handeln bis zum Schluß verständlich. Die Geschichte ist spannend mit einem für mich überraschenden, aber stimmigen Ende. Sie spiegelt die heutige Lebenswirklichkeit wieder, bis ins letzte Detail. Der Roman erzählt von einer Gegenwart, wie sie nicht nur in London, sondern überall auf der Welt tagtäglich passiert. Trotzdem entsteht vor dem Leser ein sehr detailliertes Bild der einzigartigen Stadt an der Themse.
Die Handlung ist spannend, geschickt führt die Autorin den Leser immer wieder in die Irre, bevor gegen Ende der wahre Verantwortliche, für mich völlig überraschend, enthüllt wird. Trotzdem ist alles nachvollziehbar, es bleiben keine losen Enden, bis auf einen vage Andeutung zu Ems weiterem Leben aber andererseits hätte nichts anderes zu ihrer Persönlichkeit gepasst.
Ist es ein Thriller? Ist es ein Krimi? Das ist meiner Meinung nach völlig irrelevant, denn es steht Zoë Beck darauf. Das ist für mich allein schon Garantie genug für spannende, intelligente Unterhaltung.

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Veranstaltungshinweis: Premiere Besuch bei Mr Green, 06.12.2013, Junges Schauspielensemble München im Kleinen Theater Haar

Besuch bei Mr Green

Münchner Erstaufführung

Besuch bei Mr. Green
Komödie von Jeff Baron
Deutsch von Ulrike Syha

Inszenierung Michael Stacheder
Bühne und Kostüme Aylin Kaip
Regie- und Produktionsassistenz Simone Birkner Theaterpädagogik Farina Simbeck

Premiere am 6. Dezember 2013, Beginn 19.30 Uhr, Kleines Theater Haar, Casinostr. 75, 85540 Haar

Dauer der Aufführung 2 Stunden Eine Pause

Aufführungsrechte Rowohlt Theaterverlag Reinbek

Ross ist vor Gericht verurteilt worden, einmal pro Woche den 86jährigen Mr. Green zu besuchen und ihm bei alltäglichen Erledigungen zur Hand zu gehen. Doch der resolute Alte will überhaupt nicht einsehen, warum ihm jemand im Haushalt helfen soll. Und wer ist dieser fremde Mann überhaupt? Als Ross ihm erklärt, dass er in den Verkehrsunfall verwickelt war, bei dem Mr. Green gestürzt ist, steht sein Urteil fest: Mörder! Andererseits, nun ist der junge Mann schon mal da, und er hat Suppe mitgebracht; soll man etwa gutes Essen vergeuden?

So erfahren die beiden im Laufe der wöchentlichen Besuche notgedrungen immer mehr persönliche Dinge voneinander. Ross ist verblüfft, dass es in den über 50 Ehejahren mit Mr. Greens kürzlich verstorbener Frau Yetta keinen einzigen Streit gegeben haben soll. Und Mr. Green horcht zum ersten Mal auf, als er erfährt, dass Ross auch Jude ist, selbst wenn er den Unterschied zwischen milchick und flaychik nicht kennt – vielleicht lässt sich doch noch ein Mensch aus ihm machen. Aber dann muss Ross plötzlich feststellen, dass seine Ignoranz gegenüber jüdischem Brauchtum nicht das Einzige ist, was bei Mr. Green auf völliges Unverständnis stößt. Unversehens findet sich Ross in einer Rolle wieder, mit der er schon seit Jahren hadert: Er muss sich für das rechtfertigen, was er ist. Dass es zwischen den beiden Männern schließlich doch noch zu einer Versöhnung und vielleicht sogar zu einem Moment tiefen Verständnisses kommt, hat nicht nur mit einem dunklen Geheimnis von Mr. Green zu tun, sondern ist vielleicht sogar der Verdienst der sanftmütigen Yetta …

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Anna Koschka – Mohnschnecke

Manchmal kommt es vor, dass man meint, ein Autor hätte ein Buch nur für einen selbst geschrieben, weil es einfach alles so gut trifft. Mohnschnecke ist, genau wie der Vorgänger Naschmarkt, für mich so ein Buch.
Dotti wird entfreundet, via Facebook-Chat um drei Uhr morgens, und hat ab sofort wieder den Beziehungsstatus Mauerblümchen. Ihre Freundinnen versuchen sie aus der Liebeskummerschockstarre herauszuholen und verordnen eine Mauerblümchentherapie. In der Zeit nach dem Happy End ist ihr nämlich auch etwas abhanden gekommen,, die Fähigkeit zu Lesen. Für die Literaturkritikerin der drittgrößten österreichischen Zeitung eine mittlere Katastrophe. So werden verschiedene Ansatzpunkte ausprobiert, aber erst mit dem Auftauchen eines geheimnisvollen Heftes voller Backrezepte und Lebensphilosophie beginnt Dotti sich wieder für das Lesen und die Liebe zu interessieren. Das Heft birgt ein Geheimnis und Hinweise zur Auflösung kommen über Twitter von einer Mohnschnecke55. Für Dotti beginnt eine abenteuerliche Reise, an dessen Ende nicht nur der Schreiber des ungewöhnlichen Heftes steht, sondern auch sie selbst.
Dotti ist mir schon in Naschmarkt ans Herz gewachsen und ich habe mich sehr, sehr gefreut, sie wiederzutreffen. Anna Koschka alias Claudia Toman erzählt ihre Geschichte nach dem Happy End mit viel Herzenswärme und Klugheit und dem Finger am Puls der Generation Facebook. Sie beschreibt das Lebensgefühl einer Altersgruppe so exakt, dass ich des öfteren das Gefühl hatte, dem ein oder anderen schon mal im Weinverkostungsseminar der VHS oder beim “Die englische Küche – besser als ihr Ruf”-Kochkurs begegnet zu sein. Ihre liebevolle und nie aufdringliche Figurenbeschreibung erstreckt sich auf sämtliche Personen, egal ob sie im Mittelpunkt steht oder nur am Rande auftaucht. Besonders an Herz gewachsen ist mir ja Annili, so eine Großtante hätte glaube ich jeder gerne.
Natürlich handelt dieses Buch von Frauen, aber es geht im Grunde um die Liebe, ganz ohne Kitsch, aber mit sehr viel Einsicht in die Psyche beider Geschlechter. Deshalb sollten sich echte Kerle auch nicht von dem Nudelholz auf dem sehr schönen Cover abhalten lassen Wenn man sein Herz öffnet, wird es einen heilen. Zumindest ein bisschen.

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Nur nicht verbiegen – Vorbeugendes über Verbeugegehabe

Ist es nicht erstaunlich, wie leicht man nach drei bis sechs Stunden Spitzenleistung die Gunst des Publikums binnen Millisekunden verlieren kann, indem man es sich beim Applaus verscherzt?
Denn es besteht nur ein Bravo-Ruf Platz zwischen der großen feierwürdigen Diva und dem frechen Hagestolz, der sich übermäßig abfeiern lässt, zwischen dem sympathischen Tenor und der unantastbaren Leadinglady, zwischen der verdienten Grand Dame und dem peinlichen Publikumsanbiederer.
Hier also ein Guide für alle Rampensäue und selbige, die es werden wollen, wie man auch beim Verbeugen vor dem Publikum besteht:

1. Wir wissen es, wie großartig du bist – oder entscheiden gern selber darüber – also versuch uns nicht davon zu überzeugen, indem du deine eigene Größe auch noch überdeutlich bis über den Souffleurkasten hinaussabberst! So geschehen bei Schmalz-Italo-Tenor Vittorio Grigolo (pardon, neuerdings Grigòlo) nach einer ausgesprochen mittelmäßigen Boheme. Da kam der Messias mit erhobenen Händen durchgetreten und grinste seinen Schäfchen zu, weil er sie mit seiner bloßen Anwesenheit erleuchtet hat, ohne auch nur ein Detail der Schenkinszenierung auf den Punkt gebracht zu haben.

2. Eng damit verbunden: die vollkommene Überschätzung der Rolle an diesem Abend (sog. Baritonkomplex). Eine alte Anekdote besagt: Bleibt man beim Verbeugen nur lang genug unten und außer Sicht der Publikums, ist leicht selber das ein oder andere Bravo zu schreien. Und keiner hat‘s gemerkt – außer dem Kulturenthusiasten.

3. Bitte auch nicht das Gegenteil: den schüchtern-ernsten, blutleeren Schüler, so wie drei Viertel jedes Schauspielensembles an die Rampe kriechen, die dem Applaus als bourgeoisen Kontrapunkt der postdramatischen Intellektualität ihres Stoffes misstrauen und lieber wieder zurück auf die Probenbühne zum Grübeln wollen. Das kaufen wir den Bühnentieren ohnehin nicht ab, dass sie der Publikumsgunst schon enthoben schweben, auch wenn sie dafür wieder mal als Einzige (trotz Einführung) das Regiekonzept des Abends durchdrungen haben.

4. Ebenso schlimm der/die Sympathling/-in, der/die den halben Chor umarmt, sich vor Freude überschlägt, die Bühne hibbelig durchrennt und am Liebsten noch den Inspizienten nach vorne zehrt, als wäre er/sie selber noch auf zwei Flaschen Bordeaux und einem Liter Elisir dazu. Etwas Contenance bitte, u. a. Herr Filianoti. Mehr Gesang und weniger Overacting ergibt gescheiten Applaus.

5. Der verängstigte Regisseur. Zugegebenermaßen hat der es schwer, da die Merkurkritik ihre Meinung nur mehr nach den Buhrufen abzählt (4 Grauenhafts von 5). Aber dann stehen sie zu den blutigen Gämsen, den Misteisflächen, den Sofaserails und den Nackig-nackigen bitte. Schließlich seid ihr ja auch dafür verantwortlich. Die Gesichter sind beim braven Zeitlosen – wenn die ‚Juhus‘ kommen – allerdings auch nicht fröhlicher. Ist es der Hunger oder das Schuldbewusstsein? An beidem leidet GonzoCastorf natürlich nicht; bei seinem 13-er Bayreuth-Ring hätte man ihn – aufgegeilt vom Buh – fast mit einem Wasserschlauch von der Rampe spülen müssen, so sehr badete er moonwalkend im Publikumshass. Chapeau, und ab!

6. Bitte nicht die Durchtretzeiten abstoppen, dass sich Madame auch wirklich lange bitten lässt, bis sie…erscheint, dafür gleich in vollkommener Gebets-Haltung mit verschränkten Beinen und den Armen wahlweise nach Holzbläser, Blumenstrauß, Himmel oder Verfolger gerichtet. Länger ist wie beim Allem nicht gleich besser, ja wir meinen auch sie Frau Martínez!
So also nicht. Wie aber dafür?

Mit Mittelmaß: Ein verschmitzter Leo Nucci, der wendiger als in der ganzen Inszenierung nach vorn watschelt und es sichtlich einfach nur genießt. Herzig wie die Netrebko als Mischung aus PrimaAnna und Russin von nebenan. Ruhig die stemm-ige Diva mit Hand aufs Herz – aber bitte dafür auch den Saal aussingen. Denn nicht vergessen, verbiegen allein ist es gar nicht, was den Applaus ausmacht.
da capo
7. Ach ja, Herr Giordano – fast wären sie mir entkommen. Aber dieser Gebärdenpantomimenveitstanz – schlimmer als
bei einem Fußballspieler mit all den Bussis, Winkis, Herzchen und Eigenumarmungen etc. ist dann auch ein bisschen viel.

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In Galauniform zum Wirtshaus – „Der Revisor“ im Residenztheater

DER REVISOR/Residenztheater © Thomas Aurin Ein Hoch dem Kalauer, dem Versprechen, der physischen Komik und dem Slapstick. Dem Residenztheater ist mit dem Revisor ein Hit gelungen, den man entweder komplett bescheuert oder großartig finden kann. Viel zu tun mit Gogols feinem Wortwitz hat das allerdings nicht mehr.

Was der Zuschauer dafür sieht, ist Theatersport in zwei atemlosen Stunden voller körperlicher Gag-Gymnastik. Es scheint ein wenig so, als habe Fassbinder mit Buster Keaton ein Kind namens Leslie Nelson gezeugt, in eine russische Kleinstadt versetzt, dupliziert, unter Drogen gesetzt und daraus eine Dorfposse auf Tuntenspeed erzeugt, die schlichtweg Laune macht.

Es wird handwerkliche Komik geboten. Typen, Akrobatik, Wortwitz und ein gelungener Running Gag, der die Verliebtheit der Russen für frankophile Phrasendrescherei ad absurdum führt. Die Handlung wird im Großen und Ganzen so belassen, wie sie unter Gogol noch humoristisch funktionierte. Der Staatsbeamte scheint verdeckt im korruptionsschwangeren Dörfchen zu sitzen. Man hält fälschlicherweise den trunksüchtigen Lebemann für den Revisor, hofiert ihn mit Wein, Weib und viel Domkosakengesang. Dieser nutzt es schamlos aus, bis die Posse in allgemeiner Verwirrung endet.

DER REVISOR/Residenztheater © Thomas Aurin So viel zur – nicht zu wichtig genommenen – Basis des Abends. Was allerdings Darstellerregisseur Herbert Fritsch daraus zimmert, ist eine Vaudeville-Show des Irrsinns mit hohem Tempo, noch höherer Energie, im Sprechfluss dafür leider nicht immer verständlich. Fritsch bürstet den angestaubten Russen durch. Dieser zeichnet Kleinstadtidyll mit sanftem Sprachhumor, wie die mittlerweile verbannten deutschen Komödiengrößen Dürrenmatt (die alte Dame liegt nahe beim Revisor) und Götz (Montevideo). Auch Götz traute sich Fritsch samt seinem schöngeistigen, wenngleich veralteten Beamtenhumor bereits zu. Bei Gogol setzt er knallhart auf veränderte Kalauer aus dem Originaltext, die er himmelschreiend überzeugend abfeiert. Mea Vulva, Bibbern wie Lesbenlaub und Mönölöge mögen billige Lacher sein, werden sie allerdings so selbstverständlich in einem Potpourri des Blödsinns gebracht, verzeiht man die Niveausenkung ebenso wie explodierende Genital-Attrappen und Po-Echos. Vorletztes kann zudem als Rückgriff auf den Beginn der Komödie verstanden werden; ebenso wie die chargenhafte Maske der Gesichtslarven nahezu aller Darsteller. Masken und Genital bildeten schließlich legitimes Requisit zu Zeiten Menanders. Hier wird demnach eine Plüschhommage antiken Komödienspiels betrieben – mit überzeichneten Abziehbildern, die gar nichts Anderes erzeugen wollen und hervorragend herausarbeiten, als Erheiterung! Dazu eine Prise Schauspielmetadialog, viel Physis und der Abend ist schon gelungen.

DER REVISOR/Residenztheater © Thomas Aurin Konsequenterweise minimalistisch auch Fritschs Bühne. Es braucht nicht mehr als diese Planenhäuser, ausgeschnittene Folien, die von der Decke baumeln, um erstens aufzuzeigen, welche Theatermagie die Züge im Schnürboden allein erzeugen können und wie schlüssig zweitens ein einfachstes Konzept aufgehen kann, das aus wenig alles macht.

DER REVISOR/Residenztheater © Thomas Aurin Das liegt wie mittlerweile immer am Resi auch an der großen Gruppenleistung. Aus dem durchwegs starken Ensemble stechen die wunderbare Karikatur der Comicfigur in der Rolle der Maria von Britta Hammelstein, wie die grandiose FreddyMercury-Travestie der – allein schon abendfüllenden – Titelrolle von Sebastian Blomberg heraus. Neben großartigen Sidekicks transportiert sich eine allgemeine Spielfreude, die ein Komödienklima erzeugt, dass schlichtweg mitreißt. Besonders dank der Profiüberdrehtheit von Barbara Melzl und Stefan Konarske. Allein zu blass darunter das hilflose Bürgermeisterlein von Aurel Manthei.

Dieser Russenrausch endet im Gruppentanz und der genialsten, wie bescheuertsten Applausordnung diesseits der Wolga. So funktioniert Komödie im 21. Jahrhundert jenseits von TV-Klamauk, fadem Boulevard und Fäkalausfällen. Chapeau. Man kann nur hoffen, dass Fritsch nach München zurückkehrt, um vielleicht einen Prätorius oder die Physiker ebenso irr wie genial unter den Defibrillator zu halten, um alte Komödie auf diese moderne Weise neu zu beleben.

Besucht wurde die Vorstellung am 25.11.2013

Regie und Bühne Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik Ingo Günther, Licht Gerrit Jurda, Dramaturgie und Fassung Sabrina Zwach, Dramaturgie Sebastian Huber

mit Sebastian Blomberg Chlestakow, Stefan Konarske Ossip, Aurel Manthei Bürgermeister, Barbara Melzl Anna, seine Frau, Britta Hammelstein Maria, deren Tochter, Hanna Scheibe Mascha, deren Hausangestellte / Kellnerin im Gasthaus, Gunther Eckes Hospitalverwalter, Jörg Lichtenstein Schulrat, Miguel Abrantes Ostrowski Richter Lap-Top, Sierk Radzei Polizeichef Korruptkin, Michele Cuciuffo Kreisarzt Dr. Hübner, Paul Wolff-Plottegg Postmeister, Tom Radisch Bobtschinskij, Gutsbesitzer, Johannes Zirner Dobtschinskij, Gutsbesitzer, Lena Eikenbusch Kaufleute, Jonas Grundner-Culemann Kaufleute, Thomas Hauser Kaufleute, Lukas Hupfeld Kaufleute, Josef Mattes Kaufleute, Klara Pfeiffer Kaufleute, Philipp Reinhardt Kaufleute, Anna Sophie Schindler Kaufleute, Benjamin Schroeder Kaufleute, Jeff Wilbusch Kaufleute

 

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