Premierenfieber

Premierenfieber

So etwa ab dem Mittag kann ich nichts mehr essen. Am frühen Nachmittag setzt das Magengrummen ein. Gegen Abend hin wird es heiß und sobald ich viel zu früh im Theater angekommen bin, wird es anstrengend. Vor allem weil die Zeit bis zur Initialzündung ab der Maske zerdehnt wird, dass man am liebsten selbst die Leute auf ihre Premierenplätze bitten würde.
Dabei war ich nie einer der wirklich Aufgeregten, wenn es darum geht, die allererste, doch hoffentlich gänzlich ausverkaufte, und überall beblickte Vorstellung zu überstehen. Im Gegenteil, aus feierlustigem Größenwahn legte ich die Kinipremiere 2011 mit meinem Wiegenfestreinfeiertermin zusammen und beging diesen mit 70 geladenen Gästen, die dann auch alle in der Premiere saßen, was den Druck nicht unbedingt verringerte.
Vor der Ersten ist man immer nervös, je mehr beindruckenswerte nahe Menschen aber drinsitzen, umso komplizierter wird die Geschichte. Denn eigentlich geneigt und freundlich habe diese den Vergleich und sollen nach Möglichkeit besonders bespaßt und erfreut werden. Sitzt aber niemand Liebes in der Premiere, macht das den Abend noch abstruser, vielleicht unterspannt und trotzdem wichtig. Natürlich liegt es auch an der Gründlichkeit der Proben, ob man mit heißkalten Nacken ohne einen Clou in Richtung Bühne improvisiert oder passgenau die Abläufe gleiten lässt.
Da hilft auch die Hungerkur nichts und die Aufregung ohnehin nicht. Das helfen nur Proben und selbst dann entscheidet die Magie und die Chemie über Gelingen oder Misslingen einer fiebrigen Premiere.

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Online K(c)asten

Online K(c)asten

Nach den Worten zum Werben, beziehungsweise eigentlich vor dem zur Werbung werden, muss man erst einmal geworben werden und wichtiger noch: genommen werden.
Das passiert beim Casting. Oft genug in einer kleinen Agentur mit einem Kamera-Casting durch einen Redakteur, der eigentlich immer alles gut findet, was man halt so anbietet.
„Du bist in einer Raumstation und arbeitest schwerelos an deinem Tablet“, kann es dann schon mal in einem Bogenhausener Hinterhof heißen. Hebt man halt ab, wenn man den Job will. Und glauben sie mir: Man will immer den Job.
Manchmal aber schicken sie dir neuerdings nur eine Anleitung mit einigen Storyboards und dann darfst du via Online-Casting selber ran.
Schnapp dir eine Kamera und selfie dich zum Engagement. Im besten Falle betätigt jemand aus dem näheren Freundeskreis, der sich ohnehin nicht für dich schämt und die notwendigen Selbstbewerbungskniffe dieses Jobs kennt, den Trigger. Denn der brave Kamerateur hält drauf, während du dich meist gleich zweisprachig anbiederst und darlegst, warum eben natürlich und gerade du und sowieso, weil es ideal passen würde, für diesen Rasierer werben oder diesen Lover geben möchtest. Dann kann es sein, dass du einfach noch ein paar Impressionen von dir hinterherschickst. Wieder mal Profil und Händchen vorzeigen.
Also erneut das Knipskisterl scharf gestellt. Vormittags in den Smoking, Hollerschorle den Champagner doubeln lassen – wobei viele Kollegen, na ja, egal… – und hinein in den erwünschten Jetset-Abend. Dann flirtest du umwerfend mit deiner Heimkamera, der Abdrücker kugelt sich oft schon hinter der Linse am Boden. Du gibst alles: Latino, Clooney, 007, Andy Borg, was halt erwünscht ist, während da nur das kleine Urlaubsknipsding auf einem Stapel Brockhäusern steht und entscheidet, ob du den Job bekommst, oder eben nicht.
Dann das übliche Paket geschnürt, rüber über die Cloudwolke und an deinen Agenten und weiter an den Kunden und der klickt dich dann an, denkt sich „schöne Wohnung“ oder „miese Kameraqualität“, dem fällt dann vielleicht dein Gesicht auf und ihm gefällt vielleicht der Augenaufschlag und schon katapultiert dich der Freizeitfotoapparat in ein richtig gutes Set mit ein paar schönen Drehtagen oder du justierst ihn schon fürs nächste Onlinevorsprechen, für den heißen Draht, für den nächsten Versuch, von deiner vor eine richtige Kamera zu kommen.

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Die liebe Werbung

Die liebe Werbung

Keine Sorge geneigter Leser, es folgt kein Werbeblock, sondern ein Blog über das Werden des Werbens, das Herstellen des Konsumgutes Werbung.
Eine Szene aus Coppolas Lost in translation mit Bill Murray verdeutlicht den Wahnsinn Werbung wunderbar: Der gealterte Star bekommt als Werbeträger für Whiskey, der filmisch durch Eistee gedoubelt wird, genaueste Instruktionen, um das Produkt sexy, attraktiv, relaxing und sophisticated wirken zu lassen. Murray versteht davon nichts, doch der japanische Regisseur redet auf ihn ein, während allerlei Hände an ihm herumnesteln. Der genervte und verwirrte Schauspieler spult seine Grimassen ab und die Branche ist zufrieden.
Aus meiner eigenen Erfahrung mit der lieben Werbung kann ich diese Szene mittlerweile verstehen. In der Realität wird die Satire an Aufwand oft noch übertroffen. Bis in die kleinsten Parts werden zielgruppenorientierte Castings abgehalten, um alles Werbewirksame abzudecken. En détail werden Abläufe strategisch vorausgeplant, jede körperliche Variante vorausgedacht und der werbespielende Schauspieler genauestens inspiziert.
Wird man dann genommen, kann es passieren, dass man auf einem Riesenset vor einem Team steht, das keiner deutschen Serie und selbst nur wenigen Spielfilmen zur Verfügung steht. Diese Werbeerotiker betreiben dann eine finanzkräftige Perfektion, die ihresgleichen sucht und eben doch noch eine Form seltsamer Kunst sein soll.
„Was brauchst du? Gib mir mehr Verbindlichkeit! Lad mich mit deinem Blick zum Chinesen ein! Ja, genau, mehr und keine Zähne, ja grinsen.“
Ich schaute dann etwa eine Stunde – nun ja, verbindlich eben – in die am Kran kreisende Kamera und tat mein Bestes, den Mitarbeiter des Monats zu geben. Das dauerte ewig und zwei Maskenmädchen kümmerten sich um die Verbindlichkeit mit mehr HD-makeup, als die Öffentlichen an einem Tag verbraten. Insgesamt wurden neunzig Sekunden in mehreren Wochen produziert und mit einem Budget ausgestattet, das keinem Abschlussfilm ansteht.
Als das Ergebnis erschien, wunderte ich mich wie Murray ganz unverbindlich. Denn trotz allen verbindenden Lächelns wurde ich unumwunden aber mit vollen Bezügen aus diesem Werbeblock herausgeschnitten.

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Technix

Technix

Wenn der Computer ausfällt, stürzen Spaceshuttles ab, Regierungen wanken, die Wall Street bricht zusammen und – laut 007 – können sogar Kriege vorprogrammiert sind.
Jeder Schauspieler, der von der Technik abhängig schon einmal einen von tausend Bühnentoden starb, kann diese Szenarios vielleicht ein wenig besser nachvollziehen. Denn egal wie gut, wie geprobt, wie deppensicher und wie elaboriert – die Hure Technik ist eine untreue Geliebte und hat uns alle schon oft lange vor dem Koitus verlassen.
Nicht einmal zum Vorspiel kam es bei einer Titelrolle, für die ich eigentlich in die Rolle versunken auf der Bühne kauerte. Tränend, in die Emotion und das Drama vergraben wankte ich vor mich hin. Nur ging weder Musik noch Tonbandprolog, weshalb zwei Techniker und noch mehr Verbalhelfer fluchend durcheinanderredeten während sich schlichtweg eine Ewigkeit gar nichts tat und das Publikum langsam unruhig wurde. Man würde ja gern raus, die Stimmung und die Atmosphäre retten, doch wenn wer den Hauptschalter vergisst oder der Kabelgott streikt, hilft das gar nichts. Irgendwann waren die Tränen echt.
Mehr als peinlich auch das zärtliche Nachspiel eines kürzlichen Videoepiloges wobei aus unerfindlichen HD-Gründen der Bildschirm schwarz blieb, der Ton dafür tadellos abgespult erklang. Da wurde das Publikum dann zu zwölf Minuten Hörspiel verdonnert, da sich das Video halt entschied bei dieser Vorstellung nicht aufzutreten.
Bei einer großen modernen Oper sollte das titelgebende Haus am Ende unter Drehungen im Bühnenrund versinken – ein toller Effekt und eine Schlusspointe, die dir als Zuschauer im Gedächtnis bleibt. Nur steckte in der Drehsenkbühne immer irgendwas fest, so dass relativ oft das Haus am Ende zwar ätherisch kreiste, nur halt nicht versank und da noch immer stolz stehen würde, hätte man die Produktion nicht irgendwann abgesetzt.
Bei der Playbackoperette singen irgendwann mal alle a cappella, die Videoprojektionen laufen rückwärts, in kompletter Finsternis ruht sich der Verfolgerscheinwerfer ein wenig aus…
Die Liste ließe sich meist unter aufgerissenen Augen ob des Erinnerungsschocks fortführen, denn man weiß, das nächste Shuttle, der nächste Crash, der nächste Krieg und Tod wird kommen, bis wir wieder total analog unter freiem Himmel mit Steinen spielen werden.
Dann aber wird es regnen.

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Lass uns was machen…

Lass uns was machen…

Wie oft man diesen Satz zu hören bekommt. Scheiß auf die blöden Vorsprechen und die Wurzen, lass und selber was machen, den Text am besten selber schreiben. Ich kenn wen, der macht Musik, vielleicht macht der auch mit, die hat eh nix zu tun. Dann tun wir uns zusammen und machen was.
Was? Egal, aber ich hätte ne Idee für ne Inszenierung: Kürzlich hab ich so Luftpolsterfolie gesehen und mir gedacht: Wie geil wäre denn das, damit mal die ganze Bühne auszulegen. Damit es ständig so knistert und knackt. Das is‘ doch ne super Atmo.
Welches Stück? Das such‘ ma gemeinsam aus. Tasso, oder so. Und du kannst auch Regie machen, wenn du magst. Des müsst eh einer übernehmen. Dafür könnt ma die Kostüme bei ner Verwandten leihen, die hat endlos viel im Keller. Ja wie ein Fundus. Und Technik mach ma ganz einfach: Anlage vom Haus, und hast du nicht noch nen Scheinwerfer mit dem Rot? Den nehm ma.
Ich hab einfach keinen Bock mehr, für Andere Schmarrn zu machen. Lass uns selber was aufziehen. Wie könnten da im Keller auftreten und du kennst doch genug Leute, die wir dann reinholen und ein Spezl hat ein Praktikum bei der SZ gemacht, der schreibt dann noch drüber und ein anderer, der macht Fotos, das ist seine Leidenschaft und vielleicht macht der dann auch den Flyer und dann ist das ja schon die halbe Miete.
Geld? Du wir teilen alles was übrigbleibt und vielleicht setzt jeder so zum Start für die Technik was ein. Spiel ma halt was Rechtefreies. Schiller ist immer gut, wegen Schulen und so und vielleicht gibt’s dann ja ne Förderung. Du könntest doch so nen Antrag schreiben, dafür reservier ich was für die Premierenfeier. Und ich kenn da noch wen, wenn wir nen Typen bräuchten, der hat schon mal statiert und wirkt total super, den müssen wir mit reinnehmen und der bräuchte eh die Kohle. Wir teilen dann einfach. Vielleicht auch gleich die Arbeit. Ne die lieber nicht, die zickt grundsätzlich bei den Endproben, die Eine dafür, gut die ist älter und nimmer so gut, kocht aber echt klasse. Außerdem mag ich die sehr.
Also wenn du dir die Stücke anschauen könntest. Ich bin da komplett offen. Ich spiel alles. Also wir die Hauptrollen, denn wir haben das Ding ja angestoßen und dann machen wir ne Facebookgruppe und dann läuft die Werbung von selber. Ich stell’s dann auch auf meine Seite. Und Du auf Deine vielleicht auch.
Was? Ne, der hat kein Internet, kennt aber viel Leute. Vielleicht schaut ja dann auch wer Wichtiges zu. Könntest du nicht wen einladen? Dann haben wir ja im Endeffekt alle was davon. Und dann stehen wir beide auf den Flyer vorn drauf und das mit dem Layouten, da kenn ich – glaub ich – auch wen. Das muss ja auch nicht perfekt sein. Werbewirksam halt. Proben könnten wir übrigens ja bei dir, wenn dein Mitbewohner nicht da ist? Dann schieben wir halt die Sachen ein bisschen zur Seite. Wir brauchen ja nicht viel Platz.
Was? Ne Bühne halten wir minimal. Und, ja genau, mit der Luftpolsterfolie. Das findest du auch, nicht wahr? Das ist auch mal was Neues. Vielleicht kriegen wir die irgendwo gebraucht her. Oder kann man da die Post fragen? Klärst du das? Ich mach dafür ne Skizze. Also keine Möbel und Kram, das kriegen wir eh nicht in dein kleines Auto.
Aber vielleicht was mit Video? Das wär sicher cool, wenn das so auf der Folie reflektiert wird. Das können wir auch mit dem Handy machen. Du hast doch ein Neues?
Das wird echt geil. Ach komm, wir können auch was aus verschiedenen Stücken zusammennehmen, dann kann man auch mehr zeigen. Nur so die Essentials. Und vielleicht auf bayerisch? Dann kriegen wir auch die Einheimischen rein. Und es lernt sich leichter! Du könntest doch auf was Singen, oder der eine Spezl mit der Klarinette, der bräuchte auch dringend ne Chance zum Auftreten, den könnte man so an die Rampe setzen, so wie kürzlich bei den …dings. Das wär auch mal was Anderes.
Und es muss ja nicht lang sein. Ohne Pause neunzig Minuten, das reicht und so zwölf Termine am Wochenende, wenn ich Zeit hab. Es muss ja nicht immer ganz voll sein und deine Familie kommt ja vielleicht zweimal?
Ich seh’s das wird super. Und mal ganz was Eigenes und was Neues und echt was Professionelles.
Lass uns das machen.

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Aller Anfang

Aller Anfang

Bereits der erste Auftritt kann entscheiden: Wenn er gut läuft, besitzt du die Gunst des Publikums, läuft er schlecht, kannst du dir den kompletten Abend einen Ast spielen und kein Blumentopf wird mehr gewonnen. Schaffst du einen Auftrittslacher oder gar –applaus, dann trägt dich diese Energie ohne Probleme durch alles, was da auf den Brettern noch an Unabwägbarkeiten kommen mag. Eine Aufgabe ist es dagegen, den Griesgram im Parkett mitte vielleicht doch noch zu kriegen, obwohl ihn seine Gattin gezwungen hat, ins Theater zu gehen. Lacht der am Ende und applaudiert erfreut, dann scheint es als seien der Beruf und der Sinn der Bühne nicht verloren.
Gerade Anfänger tun sich mit dem Anfangen natürlich schwer. Da merkt man dann auch noch die Aufregung über das Auftreten und das aufgeputschten Auffangen durch Auf-den-Putz-Hauen. Das ist meistens schon zu viel des vermeintlich Guten.
Trägt man allerdings kein grandioses Lacherkostüm (Mann in Frauenklamotte, Flaschenbodenbrille, Neonleggings) oder wird gott-sei-bei-mir grandios aninszeniert (aus der Kulisse fallend, von der Decke einfliegend), kann das durchaus schwerfallen. Eine alte Theaterregel besagt: der Gute kommt immer von rechts. Eitle Kollegen hassen deshalb das linke Portal mehr als Probenpfeifer. Sicherer ist die sogenannte a-perspektivische Einführung der eigenen Figur: Sabbeln die Kollegen erst einmal vier Dialogseiten über den netten Retter, der da gleich aus der Papptür stolpern wird, dann erwartet sich das geneigte Publikum schon den rechten Kerl. So geschehen bei einer netten Boulevardproduktion, in der ich diesen guten Eindruck dann stante pedem als Arsch wieder zerstören durfte. Das berühmte Spiel mit den Erwartungen entwickelt sich zum dann zum köstlichen Hättste-nicht-gedacht.
Was immer funktioniert ist Understatement. Die schönste Variante davon durfte ich interessanter- beziehungswiese eigentlich logischerweise nicht von einem Schauspieler, sondern von einem Germanisten lernen. Der ehrwürdige Norbert Miller, ein Universalgelehrter, der als Student schnell einmal seine Jean-Paul-Gesamtausgabe aus dem Cordsakkoärmel schüttelte, gibt ein Vorbild und Beispiel, wie man die Gunst des Auditoriums gewinnt, indem man sich verschmitzt unter den eigenen Scheffel stellt: Miller entschuldigt sich mit mindestens drei Lachern regelmäßig für sein Nuscheln, sein Kleben am Manuskript und seinem wirren Gedankenfluss, um anschließend mit sonorstem viennaschwabinger Bass, freisprechend und Perlen der Weisheit webend die Zuhörer an seine Lippen hängt. Chapeau. So gelingt es natürlich leichter, eine Moderation oder einen Conferenciersdienst zu meistern; doch im Stück erlaubt Buch und Anspielpartner diese Extemporefreiheit meist nicht. Es sei denn, man gibt den Frosch und bekommt im III. Akt Fledermaus ohnehin fünfzehn Minuten Narrenfreiheit, bevor die Handlung weitergeht. Auf den freuen sich die Operettenfreunde allerdings sowieso so sehr, dass man nur mehr die Vorschusslorbeeren einlösen muss, was aber auch erst einmal gestemmt werden will.
Es ist verhext und befindet sich im schwebenden Bereich der wechselseitigen Chemie. Das Publikum spürt eine Schwäche oder Unpässlichkeit deinerseits sofort und willst du sie zu angestrengt kriegen, kannst gleich wieder abgehen und es demütiger noch einmal probieren. Die totale Rampensau nämlich benötigt viel schweinisches Testosteron, um gekauft zu werden und nicht in einer Ferkelei zu enden. Wie kompliziert allein der erster Auftritt, der erste Satz wiegt, das beweist, dass ein Germanist den besten Tipp geben muss, da die Magie dieses Berufs, diese gewichtige Frage nicht lösen kann. Egal ob man rechts oder links ins Fegefeuer der Eitelkeiten geworfen wird. Aller Anfang bleibt eben schwer…

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Geliebte Requisite

Die Germanistik liefert Regalmeter über den bewussten Einsatz von Requisiten, von Ringen, Briefen, Dolchen oder Schmuck. Das alles hilft leider gar nichts, wenn das verflixte Ding vor seinem Bühneneinsatz nicht auf seinem Platz ist! Ehen scheitern an verlegten Ringen, Morde an vergessenen Messern und Besäufnisse an nichtgefüllten Gläsern, wenn die Requisite patzt. Oder natürlich der Schauspieler. Bei kleinen Häusern richtet man sich grundsätzlich selbst sein Zeug vor der Vorstellung her – vergisst man es, muss man dann in den intimsten und oder peinlichsten Momenten schnell mal kurz verschwinden, um den notwendigen Liebesbrief von den Hinterbühne zu holen. So ist es Bruno Jonas als Don Quijchote am Gärtner passiert, was ihn allerdings nicht weiter störte, sondern zu einem kabarettistischen Intermezzo über die Requisite verleitete.
Ein Kollege verzichtete dagegen auf seine Mordwaffe in der „Mausefalle“ und ging anstatt mit dem fehlenden Revolver, der sich verflixterweise auch nach längerer Suche nicht in der Anoraktasche finden ließ, würgend mit beiden Händen auf die Kollegin los. Ihre Verwunderung und Angst war an keinem Abend mehr so real, wie an diesem. Gott sei dank reagierte der eingreifende Polizist auch in dieser Vorstellung rechtzeitig, da die zudrückenden Daumen sicher mehr Schaden als die ungeladene Schreckschusspistole angerichtet hätten. Vor allem wenn es sich um eine typische Kollegin handelt!
Nicht nur Vergesslichkeit auch die Art der Requisitenzubereitung kann mitunter zu Problemen führen. Freut sich noch jeder Opernchor über Essbares bei Mahlszenen („Fresst nicht gleich alles bei der Ouvertüre weg!“), so fällt ein durstiger Statist wie in Stückls „Dreigroschenoper“ am Münchner Volkstheater nur zuleicht über die Freude eines frischen Bühnenbieres aus der Rolle. Selbiger zuzelte sein Bier bei der MeckiMesserHochzeit dermaßen genußvoll, dass ihm die seltene Statistenehre gebührte, die alleinige Aufmerksamkeit des Publikums neben nebensächlicher Trauung zu erlangen.
Im Boulevard auf kleiner Bühne sollte ich etwa 30 Vorstellungen lang eine Cola kippen – Jugendjargon der späten 60-er. Aus Kostengründen wurde diese jedoch mit Zuckercouleur getrickst, der zähflüssigen braunen Lebensmittelfarbe mit Sacharinnote zur Färbung von Soßen. Ein Tropfen in genug Wasser erzeugt Weißwein, etwas mehr Rosé, noch mehr Bordeaux und in Massen zum Colabrauen – Grausen. Ab der 3. Vorstellung nippte ich nur mehr am braunen Trank.
Vorsichtig wurde ich zudem mit intransparenten Flaschen nachdem in eine Champagnerflasche in der „Fledermaus“ mehrere Zigarettenkippen der letzten Feier anstatt reinem Bühnenwasser für den Perlweinakt schwamen. Unvergessen auch der Versuch dem Boandlkramer des „Brandner Kasper“ echten Enzian unterzujubeln – von dem der naive Tod bekanntlich 12 Stamperl auf der Bühne vernichten sollte. Leider kam uns der Kollege selbst bei der Derniere drauf und blieb beim Gebirgsselters. Als dann noch mein Jagdstutzen abhanden ging, feuerte ich aus allen Rohren einer – üblicherweise verdeckten Schreckschusswaffe und es gelang ein Highnoon am Blauberg.
Requisiteure sind Meister des Bauens, Tricksens, die Leute an den Neblern, die Regenschirme im Eimerchen abwaschen, damit sie auf der Bühne tropfen und wahrlich Schaumschlagen können ohne schmutzige Wäsche zu waschen. Sehr bedacht sind sie dabei natürlich ob des Wohls ihrer kleinen Erfindungen. „Mach das bloß nicht kaputt! Das haben wir nur einmal!“ klang vielleicht nur bei 007s Quartiermeister Q ebenso oft und bestimmt, wie von den sonoren Stimmen der ordnenden und konservierenden Requisite.
Nicht zu unterschätzen ist nämlich die Spiel- und Ärgerfreude der Kollegen. Jeder Junge spielt gern mit Schwertern und Pistolen. Bei einigen Bühnenkämpfen wird das zum Selbstzweck. Schauspieler sind und bleiben eben Kinder, weshalb die Theaterwissenschaft vielleicht der Requisitentheorie der Dramatiker eine ganz neue Spielttriebsdiskussion des Schauspielers und seiner geliebten Requisite folgen lassen sollte!

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Der….ah ja Hänger

Ansichten eines Akteurs

Eigentlich hat er schon alles gemacht. Doch die Lust an seinem Job war niemals größer. Ob nackt, als Tier, in Frauenkleidern, in vielen kleinen und irgendwann den großen Rollen, unser Blogger Andreas M. Bräu hat vielseitigste Erfahrungen auf den Brettern, die seine Welt bedeuten, gesammelt. Seine Eindrücke aus Kunst, Oper, Staatsbetrieb und kleinem Theater verarbeitet er hier auf den Nachtgedanken mit Hingebung, Ironie, Berufsethos und bewundernden Respektlosigkeiten, um seine Ansichten über das Akteursdasein auszudrücken. [catlist id=2471 numberposts=-1 orderby=date order=desc]

Freitag, 15.11.2013

Auf der Galerie

Der….ah ja Hänger

Niemand, wirklich niemand ist vor ihm gefeit. Selbst der sicherste Kollege hängt irgendwann wie eine Glocke. Bei einigen textunsicheren Kollegen ist man zwar darauf vorbereitet, meistens leidet man trotzdem mit ihnen. Die große Ungerechtigkeit beim Hängen besteht dabei darin, dass der Helfende und selten der Hängende vom Publikum als stotternder, herumparaphrasierender Clown identifiziert wird, der mit ungelenken Worten die Szene zu retten versucht. Jeder Schauspieler kann Litaneien von Hängergeschichten, Versprechern und Bühnenblackouts berichten. Ich gelte als relativ sicher, weswegen ich öfter von Kollegen drausgebracht wurde. Am Schönsten als der Bürgermeister eines kleinen, fiktiven Bergstädtchens mich als preußischen Adligen samt Kinderchor und Kranz zum Ehrenbürger ernennen sollte, er aber seine komplette Rede vergaß, hustete und mit dem schönen Satz: „Mir fehlen die Worte“ die Szene verließ. Da stand ich mit Kindern und Kränzchen und musste mich zwangsweise selber zum Ehrenbürger erklären, bevor die schnell reagierende Bühnengeliebte mit einem sanften St ins Rückgrat der Kinder deren anschließendes Gedicht auslöste. Man stirbt in diesen Momenten, verflucht den Kollegen und schaut ihm – wie in diesem Moment – schlichtweg fassungslos beim wahrhaftig falschen Abgang hinterher. Schlimmer noch sich die Kamikazekollegen, deren Gedächtnis an falscher Stelle wieder einsetzt und die dann Sätze von lange weggespielten Seiten erfüllt von der Freude, sich an sie erinnert zu haben, einfach an unpassender Stelle wieder einwerfen. „Einen Whiskey!“, sprach die ältere Dame mit vollem Glas in der Hand, vorauf der Rest des Ensembles ebenfalls ziemlich belämmert auf ihr Glas deutetet. „Ach so…“ – und Ex und weg. Selbige liebe Kollegin wählte zudem mit Vorliebe freiere Textinterpretationen, wenn die eigentlichen Einsätze wieder dünn wurden. Die vom Autor noch als nervenberuhigend bezeichnete Harfe wurde da schnell zur Orgel – die Kollegen bissen sich innerlich laut loslachend auf die geschminkten Lippen. Das macht den Dialog nicht einfacher! Lässt sich dank der Musik noch jede Arie mit einem Blaladadida übersingen, wenn das Publikum ohnehin an den Übertiteln hängt, stirbt der Mime im schnellen Screwball tausend Tode. Überhaupt erlauben die faschistoiden Übertitel übrigens jedem Zuschauer oberlehrerhaft über die geringste Textungenauigkeit informiert zu werden. Bei Abweichung wird dann meist gelächelt und zur Nachbarin genickt. Würde man diese digitalen Aushilfssouffleure fürs Publikum im Boulevard einsetzen, keine einzige Tournee könnte mehr in der Bundesrepublik aufgrund massivem Rampenfiebers der Darsteller stattfinden. Plärrt die Souffleuse in der Oper zwecks Anschluss meist jeden Zeilenanfang in die Szene, fehlt sie im Sprechtheater aus Kostengründen meist komplett. Dann ist man auf sich allein gestellt. Im schönsten Fall hat man dann einen glücklichen Hänger. Damit ist das Gefühl beschrieben, nicht im Geringsten für das überlange Schweigen auf der Bühne verantwortlich zu sein. Man sucht die Gesichter der Partner ab, denkt über die Szene nach und im Falle des viel zu späten Dämmerns kann man es nicht schöner sagen, als mit dem Burgveteranen Joseph Meinrad: „Äh … Moment, … ach ja: Schon wieder ich?”?“

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Kulturstadt mit Herz – meine Bühnenstadt München

Max Joseph Drüben bei muenchen.de erzählt unser Autor Andreas M. Bräu, warum er in München so gerne ins Theater geht.

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Freitag, 11.10.2013

Körperkontakt

Als Schauspieler muss man ertragen, dass an einem herumgefummelt wird. Damit meine ich gar nicht emotional durch die Kritik oder das Herumgezerre zwischen Vorsprechen und Vorsprechen. Ich meine die haptische, direkte, körperliche Erfahrung des Betatschens, Begutachtens und Befühlens des Arbeitskörpers Schauspieler.
Das beginnt logischerweise in der Schneiderei, wo gewandte Schneidersdamen und –herren das Kostüm grundsätzlich erst am und leider zu oft im Körper feststecken, annadeln oder provisorisch antackern. Dabei werden Falten zurechtgerückt, der Sitz händisch geprüft und nicht selten glattgestrichen und festgehalten. Selbst für einen heterosexuellen Mann ist das nicht erotisch, sondern sehr technisch; vor allem, wenn die Kostümbildnerin den Sitz der Hose mit den Maßen aus der Kartei kritisch vergleicht und schmunzelnd rauslassen lässt, oder wenn dem Tierstatisten ein gummiverstärkter, bodenlanger Geckoschwanz angepasst wird, der gefälligst beim Über-die-Bühnerolle achtsam bewegt und nicht angebrochen werden soll. Dann fühlt man sich nicht selten als Kleiderpuppe einer grausamen Dreijährigen, die großen Spaß hat, ihr Spielzeug zu verunstalten.
Das (Schau)spielzeug wird dann zum Zwecke der Kunst eine Station weiter in die Maske geschickt. Nun wird je nach Inszenierungsart vornehmlich das Gesicht bearbeitet oder der ganze Körper beschmiert. „Soll ich den Pickel übertünchen oder blutet der?“ sind eine der Fragen, die das massive Problem der eigenen Körperwahrnehmung eines Akteurs nur unterstützen. „Sollen die Bartansätze gleich weg?“ schmerzt ebenfalls nach wochenlanger Züchtung vor einem historischen Dreh und oft genug erwehrt man sich seiner zarten oder unreinen Haut oder der wenigen Haare, wenn ein rigoroser Kostümbildner bereits Schwamm und Schere schwingt. „Der Regisseur wollte das aber genau so…“, hilft nur bedingt, wenn selbiger am Set bereits anwesend ist. Dafür spart man sich im Idealfall Barbier und Frisör.
In größeren Häusern helfen dann meist mehr als zwei Hände und flinke Damen und Herren in der Rolle der Ankleider bei schnellen Umzügen auch gerne im öffentlichsten Raum auf der Seitenbühne. Da wird man dann blitzschnell – auch als Mann – ins Korsett gezwängt, im Schritt der Reißverschluss justiert oder gleich Hosen samt Schuhen und Socken heruntergerissen, während andere Hände an der Krawatte fummeln. Nach 30 Sekunden Intimprodzedur und einem freundlichen Schubs ist die zweite Rolle dann schon wieder auf dem Flug durch die Bühnentür. Abgegriffen, doch grunderneuert und erstaunlich verändert! – Ui noch ein neuer Schauspieler.
Wieder eine Station weiter wirft man alle seine Pfunde und Gesichtsmuskeln ins Mimenrennen auf der Bühne. Nackt? Kein Problem, dann aber schnell noch ins Solarium! Bart? Okay, der Mastixduft in der Nase erleichtert die Heulerei im zweiten Akt. Das Gesicht in den Rock der Partnerin vergraben? Höchste Vorsicht sei geboten, wenn es sich um dunkle Stoffe handelt und das eigene Gesicht deutlich farblich aufgebessert wurde! „Wehe du beschmierst mich mit der Grundierung! Nur auf deinen Arm, ja! Kein Kontakt mit meiner Kleidung!“ Oh ja, dadurch wird auch der intimste Schoßkontakt sehr technisch, um keine ungewünschten Farbspiele zu erzeugen.
Dafür ist der Lohn einer leidenschaftlichen Kussszene gerne die Wimperntusche auf der eigenen Wange, die wie Kriegsbemalung von der theatralen Eroberung und Leidenschaft der Körperinteraktion erzählt. Im selbstreferenziellen Theater kann diese Körperakt-ionskunst auch der leuchtend rot gedroschene, nicht getrickste, sondern echt versohlte Popo des männliches Darstellern sein, und der Körperkontakt und –einsatz ampelhaft dem Publikum entgegenfunkelt – wie das Hinterteil von Shenja Lacher, dass Castorf im Resi in München gerade analog wie wund hauen liess.
Aufgeschlagene Knie sind sowieso normal, auch Schrammen, Kratzer, Ellbogenkerben von Kollegen oder etwas echtes Blut, wenn die Bühne mal wieder vor dem Barfussauftritt als Engel bei Ludwig Thoma nicht auf Reißnägel abgesucht wurde. Besagter Reißnagel wurde später übrigens vom Bühnenbildner zur weiteren Verwendung zurückgefordert. Schmerz ist temporär, Kunst ewig! – ein Motto, dass nicht nur für körperliche Dreharbeiten in Hollywood gilt. Nach einer mordernen Tanzproduktion hätte ich ein halbes Jahr als misshandelter Ehemann durchgehen können, so blau leuchteten meine Gliedmaßen. Schlimm? Ne, effektvoll!
Außerdem heilen mit dem Applaus automatisch alle Wunden. Am Ende reißt man den Bart wieder von der gereizten Haut, wischt Kajal aus den Augen und stülpt die Perücke über den Lagerkopf, versorgt die Wunden, wäscht sich und kehrt in Alltagskleidung und leider ohne Hilfe zurück ins echte Leben.
Im besten Falle folgt dann jedoch der schönste Körperkontakt des Theaters: Ein Hand- oder Schulterschlag des Zuschauers oder der Zuschauerin als haptische und bis unter die Haut gefühlte Kontaktbelohnung für die Körperarbeit.

Interview mit Andreas M. Bräu

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