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Lesung Olga Tokarczuk, 14.10.2019, Düsseldorf

OLGA TOKARCZUK - Die Jakobsbücher ©KampaVerlag

OLGA TOKARCZUK – Die Jakobsbücher
©KampaVerlag

Die Veranstaltung war eigentlich von der Buchhandlung Müller & Böhm in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut in Düsseldorf für rund 100 Zuhörer um 19:30 im Heine Haus geplant und wurde kurzfristig nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2018 an Olga Tokarczuk in die Akademie der Wissenschaften verlegt, wo alle 400 Plätze belegt waren und eine Videoübertragung in den Nachbarraum angeboten wurde. Das Buch war ausverkauft, es konnten nur einige Glückliche ihre vorbestellten Bücher abholen.

Um 20:15 betrat die vor Glück strahlende Olga Tokarczuk den Saal.

Die Moderatorin Olga Mannheimer verzichtete auf eine Vorstellung von Olga Tokarczuk, dies könne man im Internet nachlesen und sie wolle Zeit sparen, weil es am folgenden Morgen sehr früh zur Buchmesse nach Frankfurt gehe. Stattdessen werde sie erzählen, wie sie den gestrigen Abend verbrachten, das würde Olga Tokarczuk viel besser beschreiben als alles Berichte über ihre Bücher. Nach der Veranstaltung bei der LitRuhr sei ein gemeinsames Abendessen geplant gewesen. Doch statt in ein schickes Restaurant zu gehen, sei es mit treuen Lesern in eine türkische Kneipe mit Resopaltischen gegangen. Die Speisekarte war in Plastik laminiert und die Neonbeleuchtung grell. Dafür sei das Essen viel besser gewesen als erwartet und es habe eine tolle Stimmung geherrscht.

Mit auf der Bühne saß auch Lothar Quinkenstein, einer der beiden Übersetzer der Jakobsbücher, deren Übersetzung von Olga Mannheimer als herausragend und auch preiswürdig gelobt wurde.

Zu Beginn wurde der Prolog auf Polnisch und Deutsch gelesen.

Jenta, die Erzählerin des Romans, sieht ein Stück Europa zwischen 1750 und 1800, die alte Adelsrepublik Rzeczpospolita vor der Teilung. Damals gab es eine gemeinsame Grenze mit dem osmanischen Reich. Jenta sieht in dieser Region einige Kaufleute, unter ihnen Jakob Frank, der sich als der Messias ausgab. Um ihn herum entstand eine häretische Bewegung, die immer größere Dimensionen annahm. (Frankismus)

Der Weg zur Erlösung durch Gott führe durch drei Religionen. Vom Judentum über eine Konversion zum Islam und dann zum Katholizismus. Beim Schreiben habe sie oft das Gefühl gehabt, eine Abenteuergeschichte zu schreiben

Um die deutschen Leser neugierig zu machen, verriet Olga Tokarczuk, dass Jakob Frank am Ende seines Lebens einen Hof in Offenbach geführt habe und allgemein als polnischer Baron angesehen wurde.

Als Vorgeschmack auf die Lektüre wurde der vollständige Titel auf Polnisch und Deutsch gelesen:

Die Jakobsbücher

ODER

Eine große Reise über sieben Grenzen,

durch fünf Sprachen und drei große Religionen,

die kleinen nicht mitgerechnet.

Eine Reise, erzählt von den Toten

und von der Autorin ergänzt

mit der Methode der Konjektur,

aus mancherlei Büchern geschöpft

und bereichert durch die Imagination,

die größte natürliche Gabe des Menschen.

Den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung,

den Laien zur erbaulichen Lehre, den Melancholikern zur Zerstreuung

Olga Tokarczuk sammelte das Material für diesen Roman im Laufe mehrerer Jahre und fürchtete zu Beginn des Schreibens der Fülle des Materials nicht gerecht werden zu können. Verzweifelt über der Unmenge an Papier sitzend sei Jenta zu ihr gekommen. Die Erzählinstanz des Romans, in der vierten Person mit metaphysischen Zügen, eine besondere Erzählform. Mit Hilfe von Jenta sei es ihr gelungen, die Papiere zu ordnen. Eigentlich gebe es drei bekannte Erzählformen, doch Jenta entspreche diesen Formen nicht. Jenta bewege sich mühelos durch Zeit und Raum, kenne alle Bücher und sehe am Ende der Erzählung sogar die Autorin.

Olga Mannheimer merkte an, dass es bei der Lektüre einige Überraschungen gebe. So z.B. bei der Seitenanordnung, denn der Roman beginne auf Seite 1534. Auch die Namen einiger Figuren würden sich im Lauf der Geschichte wandeln, u.a. der von Jakob Frank.

In einer weiteren Lesung lernte das Publikum Jakob Lejbowicz kennen, sowie eine andere Figur namens Nachman. Dieser habe in seiner Rolle als Chronist eine starke Motivation gehabt: die Liebe. Er habe alles für Jakob Lejbowicz aufgegeben, sogar seine Familie, habe fest an ihn geglaubt und sei ihm bis zum Tod gefolgt.

Jakob Frank zu beschreiben sei ihr sehr schwergefallen. Stellenweise hätte sie sich beim Schreiben in ihn verlieben können, in anderen Momenten machten seine Machtgier und sein manipulatives Wesen ihr Angst. Ein so ambivalente Figur sei schwer zu fassen, jemand, dessen Beweggründe man nicht ganz verstehen könne. Deshalb habe sie auf Personen in seinem Umfeld zurückgegriffen, die über ihn sprechen und so gleichzeitig eine gewisse Distanz gewahrt. Jakob Frank sei eine besonders charismatische Person gewesen, der zeitweise über 15.000 Menschen in seinen Bann zog. Seine Darstellung in den ihr vorliegenden Quellen habe sie amüsiert. Seine Anhänger hätten von einem attraktiven Mann gesprochen mit einer anziehenden Stimme, bei seinen Gegnern hingegen in jeder Hinsicht ein Monster. Im Roman wollte sie diesen Konflikt darstellen, keine letztendliche Lösung dafür anbieten. Jenta verrate auch nicht alle ihre Geheimnisse des Jakob Frank an die Autorin und mit einem Lächeln merkte sie an, Jenta habe sie sich Olga Tokarczuk als Autorin ausgedacht.

Ein Teil des Romans spielt in einem sehr großen und verwinkelten Haus. So wie sich im Roman immer wieder neue Erzählräume öffnen, habe auch dieses Haus etwas von einem Labyrinth. Der Roman sei eine Konstellation von Fragmenten, die miteinander verbunden seien und das Haus eine Metapher für die Struktur des Romans.

Dann sprach Olga Mannheimer direkt Lothar Quinkenstein auf die Übersetzung an. Diese lese sich, als sei das Buch auf Deutsch geschrieben worden und das sei sicherlich nicht leicht gewesen.

Die reine Übersetzungsarbeit habe 1,5 Jahre gedauert. Erstens aufgrund der labyrinthischen und zugleich ungeheuer logischen Struktur. Auch die polyphone Struktur, die vielen Stimmen hätten zu Diskussionen zwischen ihm und der zweiten Übersetzerin des Romans geführt. Gemeinsam entwickelten sie ein Konzept, das während der Arbeit immer wieder modifiziert wurde. Einen so komplexen Text könne man erst beim tiefen Eintauchen verstehen und tiefer als beim Übersetzen sei kaum möglich.

Teile des Romans seien in einem archaischen Polnisch verfasst und sie hätten zahlreiche deutsche Dokumente aus jener Zeit gelesen, um die Übersetzung entsprechend anpassen zu können. Ein Teil des Romans spiele in Galizien, das damals zu Österreich gehörte. Für die Übersetzung dieses Teils lasen sie u.a. Texte von Joseph Roth und Soma Morgenstern, um dem Vokabular jener Zeit möglichst nah zu kommen. Mit einem Schmunzeln erzählte Lothar Quinkenstein, dass sie während der Arbeit mit dem Grimm’schen Wörterbuch unter dem Kopfkissen geschlafen hätten und Worte aus dem böhmischen und galizischen Sprachraum bevorzugten. Sie hätten ungeheuer viel Spaß gehabt, trotz der vielen Arbeit, denn beide hätten noch nie eine so inspirierende und anstrengende Übersetzung angefertigt.

Dann folgte eine weitere Lesung, um die spezielle Situation der Juden in der Rzeczpospolita darzustellen, ihre Not komme deutlich heraus.

Während des Schreibens wurde Olga Tokarczuk klar, dass diese Epoche deutlich vor dem viktorianischen Zeitalter lag und daher ganz andere Moralvorstellungen herrschten, ein anderes Verhältnis zur Sexualität.

Eine der zentralen Fragen war für Olga Tokarczuk jene nach der jüdischen Kulturgeschichte. Heutzutage lande man da sehr schnell beim Holocaust, aber hier gehe es um die Inhalte und Beiträge einer Kultur zur europäischen Geschichte. Um über 1000 Jahre Geschichte lange vor dem Holocaust. Genau das habe auch die Übersetzer tief beeindruckt, die im Buch vermittelten Inhalte der jüdischen Kultur im Mittelalter. Es sei unglaubliches Defizit, denn man finde sofort etwas über die Destruktion, aber hier ginge es auf 1100 Seiten um die Inhalte.

Die Rzeczpospolita habe als Paradies für die Juden gegolten und die reiche Kultur des Schtetls sei in diesem Gebieten entstanden. Dies sei der Schauplatz Romans. 1939 habe kein Land einen höheren Anteil an jüdischer Bevölkerung gehabt, ca. 10% bzw. 3,3 Millionen, rund die Hälfte der Opferanzahl des Holocausts.

Die Zahl Sieben habe im Judentum eine magische Bedeutung und spielt eine besondere Rolle in dem Roman, der in sieben Bücher unterteilt ist. Beim Schreiben habe sie sich intensiv mit jüdischer Mystik beschäftigt und es sei schwer gewesen, etwas Schriftliches über Jakob Frank zu finden. Dieser selbst habe untersagt, dass über ihn geschrieben werde. Erst gegen Ende des Schreibens sei ihr das Buch von Pawel Maciejko in die Hände gefallen, ein sehr detaillierter Bericht über die Frankisten.

Zu Hause habe sie jetzt ein riesiges Archiv zu Jakob Frank, unter anderem eine 15m lange Rolle graues Packpapier. Lachend erzählte Olga Tokarczuk, dass sie auf dieser das Konzept des Romans dargestellt habe, denn kleinere Formate seien dafür nicht ausreichend gewesen. Dieses praktische Notizbuch habe sie abends immer einfach zusammenrollen können.

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