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Lesung Robert Harris, 13.10.2019, Essen

Der zweite Schlaf von Robert Harris ©Heyne Verlag

Der zweite Schlaf von Robert Harris
©Heyne Verlag

Zu Beginn stellte der Moderator Bernhard Robben den britischen Autor Robert Harris kurz vor.

Robert Harris kommt aus kleinen Verhältnissen und von klein auf ein begeisterter Leser. Mit acht Jahren las er bereits H. G. Wells und kauft sich früh eine Remington Schreibmaschine. Autor zahlreicher Bestseller, von denen Vaterland der erste und vermutlich auch der bekannteste ist. Sein neues Buch Der zweite Schlaf wird von den Produzenten von Downton Abbey als Miniserie verfilmt.

“Am Spätnachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468 suchte ein einsamer Reiter seinen Weg.”

So beginnt Der zweite Schlaf. Ein junger Priester namens Fairfax ist mit dem Pferd in Wessex unterwegs, soll einen ihn unbekannten Geistlichen beerdigen. So reitet er durch eine einsame Landschaft, hört im Wald einen Sittich singen und zündet sich abends eine Pfeife an. In der Bibliothek des Verstorbenen entdeckt Fairfax Bücher der verbotenen Gesellschaft für Altertumsforschung, sowie zahlreiche antike Gegenstände aus Plastik. Die Historiker der Zukunft schauen auf unsere Zeit zurück. Im Jahr 2025 ging unsere jetzige Zivilisation unter. Die Kirche entschied, in diesem Jahre eine neue Zeitrechnung einzuführen, die mit dem Jahr 666 beginnt.

Dann wurde der erste Abschnitt des Buchs vorgelesen. Erst eine kurze Passage von Robert Harris auf Englisch, dann ein längerer Abschnitt auf Deutsch von Florian Lukas.

Die Idee zu Der zweite Schlaf sei Robert Harris schon beim Schreiben von Imperium gekommen. Er habe sich die Frage gestellt, was jemand finden würde, der Jahrhunderte später nach Überresten unserer Zivilisation sucht. Bernhard Robben merkte an, dass die Leser das Ende seiner anderen Bücher immer schon kannten und trotzdem sei es Robert Harris immer gelungen, Spannung aufzubauen. Bei Der zweite Schlaf sei das anders und er würde die Leser am Anfang auch bewusst in die Irre führen.

Die Idee einer Schatzsuche fasziniere ihn, bei Ausgrabungen etwas zu entdecken und erforschen, davon gehe eine starke Erzählkraft aus. Nur sei es hier keine gewöhnliche Forschung, wie wir sie kennen, sondern Gegenstände aus unserer jetzigen Welt würden als Hinweise dienen und analysiert. In diesem Buch habe er praktisch alles erfinden müssen, und Einiges habe sich erst während des Schreibens ergeben.

Der Klang des Namens Christopher Fairfax gefalle ihm und auch die Bedeutung. Einerseits die Legende des heiligen Christophorus, außerdem sei Christopher der Schutzpatron der Reisenden und Fairfax stehe für eine blonde Person. Robert Harris versuchte, alle Namen authentisch für das (erste) 15. Jahrhundert klingen zu lassen, ohne sich zu wiederholen. Damals seien weniger Namen gebräuchlich gewesen als heute.

Der Titel sei doppeldeutig. Einerseits sei die Welt wieder eingeschlafen, andererseits sei es damals nicht üblich gewesen, acht Stunden am Stück zu schlafen, sondern viele Menschen seien nach rund vier Stunden aufgestanden, hätten einige Aufgaben erledigt seien dann wieder ins Bett gegangen. Er selbst hätte in diesen Nachtstunden vermutlich einen Roman geschrieben.

Robert Harris stellte dem Roman bewusst ein Zitat von Thomas Hardy voran, denn dieser hätte ein besonderes Gespür für die in der Landschaft verborgene Geschichte gehabt, für die Generationen, die vor uns dort lebten und ihre Spuren hinterließen. In Wessex gebe es Funde von Siedlungen aus der der Bronzezeit, der Römer usw. Wie kein Zweiter hätte Thomas Hardy die Landschaft von Wessex beschreiben können, die besondere Stimmung im Zwielicht, wen man die früheren Generationen spüren könne.

Im Anschluss las Florian Lukas einen zweiten Abschnitt, in dem Christopher Fairfax in der Bibliothek des Verstorbenen über ein eckiges flaches Gerät stolpert, auf dem ein abgebissener Apfel abgebildet ist – das Symbol der absoluten Hybris der Vorfahren.

Für Robert Harris sei die Grundidee wie ein Geschenk gewesen. Sünde und Wissen würden gleichzeitig wirken, sich mit Ehrgeiz und Niedergang verweben. Dies sei so alt wie die griechischen Mythen, wenn nicht noch älter. Erst während des Schreibens sei ihm bewusst geworden, was es für jemanden bedeuten müsse, der in einer strikt religiösen Gesellschaft lebt.

Florian Lucas las noch eine weitere Szene in der es um die (vermeintliche) Bedeutung und Nutzung von Handys in unserer heutigen Gesellschaft geht.

Lachend gab Robert Harris zu, dass er nicht widerstehen konnte, die Wirkung dieser Geräte satirisch darzustellen. (Dies ist meiner Meinung nach eine der besten Szenen im ganzen Roman.) Handys hätte eine unglaubliche Macht, würden das Familienleben oft stören, hätten insbesondere großen Einfluss auf jüngere Menschen. Das würde er oft bei seinen vier Kindern sehen, denn sie hätten ständig zahllose neue Information zur Verfügung und seien in Sorge um den Zustand der Welt, sowohl global gesehen als auch im Freundeskreis. Im Weißen Haus sitze jemand mit seinem Handy im Bett und tippe schwachsinnige Nachrichten, mehr erlaube sein Gehirn nicht. Auch davon gehe Gefahr aus.

Er könne sich gut vorstellen, dass es 2025 zu dem im Roman angedeuteten Armageddon komme. Auf die Frage, ob er einen Bunker gebaut habe und Lebensmittel horte, lachte Robert Harris. Er habe sich einen Holzofen gekauft. Die Menschen hätten große Angst um die Natur, doch solle man nicht aus den Augen verlieren, was Cyberkriminalität bewirken könne. Ohne Strom hätten wir kein Bargeld mehr, unser Leben würde sich über Nacht drastisch verändern. Während der Finanzkrise vor rund zehn Jahren hätten britische Politiker Pläne für den Fall gemacht, dass tatsächlich einige Banken pleitegingen. Wie man die Bevölkerung mit Bargeld und Lebensmitteln versorgen könnte, um Unruhen zu vermeiden. Jedes Jahr würden in Großbritannien und Deutschland je rund 1000 Bankfilialen schließen, alles würde online erledigt – solange wir Strom haben. Das ganze Szenario erinnere ihn gerade ein wenig an die Befürchtungen, wie es nach einem ungeregelten Brexit aussehen könne, dabei wollte er keinen Zukunftsroman in diesem Sinne schreiben. Die Operation Yellowhammer der britischen Regierung sei wie ein Geschenk für Autoren.

In Der zweite Schlaf gewinnt die Kirche wieder stark an Macht und verfügt, dass die Bevölkerung ausschließlich Worte aus der so genannten King James Bibel verwenden darf. Diese Übersetzung erschien 1611 und enthält naturgemäß keinerlei moderne und technische Begriffe. Somit verbietet die Kirche die Forschung über unsere heutige Gesellschaft und will auch jegliche technische Weiterentwicklung der Gesellschaft unterbinden.

Bei den Wochentagen im Roman sei ihm ein Fehler unterlaufen, der 9. April 2846 werde ein Freitag sein. Mit einem Augenzwinkern erzählte Robert Harris, dass er in Berlin bei seiner ersten Lesung aus Vaterland darauf angesprochen wurde, dass es an einem bestimmten Tag in Berlin nicht geregnet habe.

Auf die Bedeutung der Kirche angesprochen erwiderte Robert Harris, dass George Orwell in 1984 die Möglichkeiten der Kirche unterschätze habe. In 1984 sei die Kirche praktisch verschwunden. Evelyn Waugh habe Orwell damals darauf hingewiesen, dass die Kirche seiner Meinung nach nicht verschwinden würde. Es liege in der Natur der Menschen abergläubisch zu sein. Astrologie, Verschwörungstheorien, Aberglaube, all diese gehöre auch heute für viele zum Alltag. Robert Harris kann sich nicht vorstellen, dass die Kirche weltweit radikal an Bedeutung verlieren würde – erst recht nicht in einer Gesellschaft ohne Strom. Auch wenn er Orwell verehre, so habe dieser sich nicht vorstellen können, wie einflussreich und mächtig der Islam werden würde. Was bei Orwell die Partei sei, sei in Der zweite Schlaf die Kirche.

In fiktiven Romane könne man Dinge bis zum Äußersten treiben und gerade das habe ihm viel Spaß gemacht. All diese elektronischen Geräte mit Ironie zu betrachten, ein wenig darüber zu spotten. Abgesehen davon könne er sich gut vorstellen, dass unsere Zivilisation irgendwann ins Wanken komme. Einerseits sei er sich als Optimist zu 99% sicher, dass dies nicht passieren würde, andererseits könne man es nicht ausschließen.

Orwell habe „New Speak“ erfunden, um Gespräche über bestimmte Themen zu verhindern, in seinem Roman habe er

„Old Speak“ erfunden, eine Sprache in der man nicht über Naturwissenschaften reden könne, mit Ausnahme einiger archaischer Worte. Beim Schreiben habe er nach einer Weile festgestellt, dass seine Figuren in einer Art viktorianischen Englisch sprachen. Dies habe sich passend angefühlt und so habe er nach einer schlüssigen Begründung dafür gesucht.

Viel zu schnell war die interessante und charmante Veranstaltung vorbei. Im Anschluss signierte Robert Harris noch zahlreiche Bücher.

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