Archives

  • 2018 (51)
  • 2017 (40)
  • 2016 (5)
  • 2015 (15)
  • 2014 (52)
  • 2013 (83)
  • 2012 (109)
  • 2011 (153)
  • 2010 (179)
  • 2009 (279)
  • 2008 (213)
  • 2007 (33)
  • 2006 (21)

Kategorien

Matt Haig Lesung und Gespräch, 24.08.2018, Edinburgh International Book Festival

©Canongate

©Canongate

Zu Beginn stellte Richard Holloway Matt Haig kurz als Ein-Mann-Verlag vor, dessen neustes Buch Notes on a Nervous Planet seit sieben Wochen auf der Bestsellerliste steht und der sowohl hochgelobte Bücher für Erwachsene schreibe, als auch mit Preisen ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher.

Durch Depressionen und Panikattacken sei sein Innenleben jahrelang ein Chaos gewesen. Seine Familie und Bücher hätten ihn durchhalten lassen, außerdem habe er angefangen zu Laufen. Beim Laufen erhöhe sich der Puls und man schwitze, ähnlich wie bei Panikattacken, so habe er sie nicht mehr direkt gespürt und sei draußen gewesen. Bücher hätten ihn in andere Welten geführt, hätten ähnlich wie Antidepressiva gewirkt.

Die düsteren Gedanken und Gefühle seien bei ihm oft durch äußere Faktoren ausgelöst worden und gerade in unserem jetzigen Jahrzehnt hätten die Panikmache, drängenden Sorgen und die Geschwindigkeit der Veränderungen ständig zugenommen, nicht zuletzt durch das Internet. Es verändere unser ganzes Leben, wie Menschen sich verlieben, arbeiten und kommunizieren. Derweil würde viel schieflaufen. Er wollte alles in einen psychologischen Zusammenhang stellen und suchte nach den Ursachen für die aktuellen gesellschaftlichen Probleme und Nervosität der Menschen.

Fündig sei er bei kleinen Maschinen geworden, die Menschen nicht mehr aus der Hand legen könnten und fragte sich warum diese Geräte so süchtig machen würden. Generell hätten alle Menschen eine Neigung zur Sucht, aber als er krank wurde, hätte er das Trinken und Rauchen ohne Probleme aufgeben können. Dafür habe er festgestellt, dass er stattdessen andere Süchte entwickelte, Dinge immer wieder tat, von denen er wusste, dass sie ihm nicht gut tun. Mit einem Kopfschütteln merkte Matt Haig an, dass Menschen beim Sex auf ihre Handys schauen würde, das sei ihm völlig unverständlich.

Er selbst hätte immer einen weiten Bogen um Selbsthilfebücher gemacht, schrieb den Autoren eine gewisse Arroganz zu, als ob sie sich allwissend wähnten. Er selbst hätte für seine Leser keine Antworten, sondern könne nur von seinen eigenen Erfahrungen erzählen. Beim Schreiben von „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ habe er nur sich selbst mit 29 gesehen, und wie er sich selbst auf der Klippe festhalten könne. Auf der Suche nach Wegen zum Glücklichsein müsse er jedoch auch die Ursachen seiner Ängste finden.

Der Erfolg des Buchs habe ihn völlig überrascht und er sei froh, damit auch unerwartet vielen anderen Menschen helfen zu können. Andererseits hätten ihn die zahlreichen Termine und Leserzuschriften zu dem Buch immer wieder in seine düsterste Zeit zurückgeholt. Also sei er quasi geflüchtet und habe den Roman Wie man die Zeit anhält geschrieben.

Möglicherweise fühle er sich wie am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil die Welt sich gerade dort befinde. Also müssten wir die Welt verändern, damit es uns besser ginge.

Die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts nehme ständig weiter zu und die Technologie könne irgendwann tatsächlich die Macht übernehmen. In Kalifornien gebe es seit einigen Jahren die Kirche der Singularität *, die sich der künstlichen Intelligenz widme, die irgendwann alle Probleme lösen solle.

Richard Holloway merkte an, dass jede industrielle Revolution in mancher Hinsicht fürchterliche Auswirkungen gehabt habe und Menschen seien keine wirklich rationalen Wesen, sonst würden sie zum Beispiel nicht den Planeten zerstören, auf dem sie leben.

Matt Haig erwiderte, dass er nach Gründen suche, optimistisch zu bleiben. Die nach 2000 geborene Generation kenne die verborgenen Gefahren der neusten Techniken am besten, wisse um die Notwendigkeit des „digitalen Entgiftens“. Die sozialen Medien steckten noch in den Kinderschuhen, seien nicht mit dem Fernsehen oder Kino vergleichbar sondern seiner Meinung nach eher mit Zigaretten oder Fastfood.

Mentale Gesundheit sei eng mit der Kultur des Heimatlandes verbunden. So habe es in Fidschi bis in die 1990er keine Eßstörungen gegeben, leichtes Übergewicht sei kein Problem gewesen. Dann hätten Fernsehshows aus den USA ein neues Schönheitsideal verbreitet.

Es sei auch kein Wunder, dass die Ureinwohner von Australien weltweit mit die höchsten Selbstmordraten hätten und viele große Suchtprobleme, denn Kolonialismus, Rassismus, der Verlust ihres traditionellen Lebenssinnes und die wirtschaftliche Situation hätten tiefe Spuren hinterlassen.

Man müsse darauf achten, gütiger mit sich selbst und anderen umzugehen. In seinem neuen Buch stehen zehn Regeln, die er für sich selbst aufgestellt habe. So habe schon Tolstoi gesagt, „Wer nach Perfektion strebt, wird niemals glücklich sein“ und man dürfe den Werbespruch „Just do it“ nicht mit „carpe diem“ verwechseln, dürfe sich nicht unter Druck setzen lassen.

Ausreichend zu schlafen sei in vielerlei Hinsicht wichtig für unsere Gesundheit. Der CEO von Netflix habe Schlaf den größten Konkurrenten von Netflix genannt, das blaue Licht der vielen Bildschirme würde unseren Schlafrhythmus stören und Thomas Edison habe propagiert, dass mehr als drei Stunden Schlaf ungesund seien. Heute würden viele Studien belegen, dass lange und in Dunkelheit zu schlafen viel gesünder sei. Er selbst hätte keine Probleme mit dem Einschlafen, wache jedoch häufig mitten in der Nacht auf, den Kopf voller neurotischer Ideen. Dann neige er zum „katastrophieren“ und habe eine Zeitlang zwischen Panikattacken und der Angst vor der nächsten Attacke gelebt.

Dann habe er es geschafft, bis zum 25. Geburtstag zu überleben. Inzwischen sei er 43, seine Partnerin sei noch bei ihm und obwohl schlimme Dinge passiert seien, überwiege in ihm inzwischen der Optimismus. Die Zeit hätte ihm gezeigt, dass 90% seiner Befürchtungen nicht wahr wurden und es sei einfach nicht sinnvoll, so pessimistisch oder zynisch zu sein.

Es habe ihm geholfen, einen Namen für seine Krankheit zu wissen, dadurch sei Einiges verständlicher geworden. Auf der anderen Seite würde man dann von der Außenwelt in bestimmte Schubladen gesteckt. Medikamenten für mentale Erkrankungen lehne er nicht generell ab. Diazepam habe Freunden von ihm geholfen, bei ihm selbst jedoch die Symptome verstärkt. Anfangs habe er die Diagnose „Depression“ wie eine lebenslängliche Gefängnisstrafe verstanden und erst nach einer Weile Strategien für ein Ausweg entwickeln können. Früher habe es Melancholie geheißen, heute Depressionen, wer wisse, was in 50 Jahren auf der Schublade stehe.

Die Menschen müssten sich gegenseitig mehr helfen. Er sehe um sich herum viel Hilfsbereitschaft und auch, dass Menschen die sozialen Medien für Gutes nutzen würden. Auf der anderen Seite habe er den Eindruck, dass die Empathie durch die Reizüberflutung verlorenginge. Unsere Gehirne seien nicht für so viel Input geschaffen. Früher habe man in seinem Leben rund 150 Menschen kennengelernt, heute könne man mehr an einem Tag treffen. Die Menschen müssten darauf achten, dass das heutige Betriebssystem nicht auf ihrer 30.000 Jahre alte Hardware abstürze. Sein Handy liege nachts inzwischen in der Küche und gezielt die Zeit für die sozialen Medien zu beschränken habe ihm persönlich sehr geholfen.

Matt Haig vertrat die Ansicht, dass Trolle in sozialen Medien nicht davonkommen sollten. Diese Menschen würden viel Schaden anrichten und die sozialen Medien würden versuchen, sich mit einer gewissen Arroganz jeder Verantwortung zu entziehen. Die Bevölkerung müsse mehr Druck machen, damit die jeweiligen Betreiber vehementer gegen solche Trolle vorgehen.

Wir Menschen müssten wieder lernen, mehr im Augenblick zu leben, das jetzige Leben zu genießen. Schon in der Schule einem das ausgetrieben, weil es immer um Ziele in der Zukunft ginge. Ihm hätten Yoga und Mediation sehr geholfen, sowie seine Familie.

Dann bedankte sich ein sichtlich erschöpfter Matt Haig beim Publikum und nahm sich beim Signieren noch viel Zeit für Fragen. Einen Erscheinungstermin für die deutsche Ausgabe von „Notes on a Nervous Planet“ wusste er noch nicht und auch nicht, ob er vielleicht im März auf der Buchmesse in Leipzig ist.

P.S. Die Veranstaltung trug passenderweise den Titel How to feel whole again

*zwei Artikel dazu:

https://www.nytimes.com/2010/08/09/opinion/09lanier.html

https://www.wired.com/story/an…al-intelligence-religion/

Ähnliche Artikel

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  

  

  

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.