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Interview mit Sina Beerwald (2)

© Michael Magulski, Picture Time

© Michael Magulski, Picture Time

Liebe Sina, wir haben gerade festgestellt, dass das letzte Interview fünf Jahre her ist. In dieser Zeit hat sich viel getan. Du bist vom historischen Roman ins Krimigenre gewechselt, gerade ist Dein neuer Roman Kräherwald erschienen. Er hat bereits einige sehr positive Rezensionen erhalten. Wie fühlst Du Dich jetzt im Krimigenre?

SB: Auf jeden Fall sehr wohl. Ich hab ja zunächst mal das lustige Krimigenre beackert mit meinen Mordsmöwen und dem Möwenalarm und dem Heringsmord, in dem ein schwäbisches Rentnerehepaar sein Unwesen auf Sylt treibt. Bei den lustigen Krimis war immer Sylt der Schauplatz und jetzt bin ich zurück im Thrillerbereich und da ist Stuttgart nun auch wieder der Schauplatz so wie bei meinem ersten Thriller Hypnose. Im Kräherwald ist es eine Geschichte, die aufbaut auf einen wahren Fall und davon ausgehend hab ich dann meinen Thriller gestrickt.

Wieso hast Du diese Nord-Süd-Trennung? Wird die so bleiben?

SB: Naja, was heißt Trennung? Dieses Nord-Süd vereine ich ja auch nun in mir. Es ist ja einmal das Schwabenland, wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin, und seit neun Jahren ist mein Lebensmittelpunkt eben Sylt und so verbinde ich das, würde ich sagen. Ich habe es aber noch nicht geschafft, in einem Buch beide Handlungsorte unterzubringen, das wäre vielleicht auch noch einmal was. Aber mit meinen Schwaben auf Sylt habe ich ja schon einmal so ein bisschen eine Verbindung geschaffen. Also, ich würde sagen, da trenne ich ja nun nicht ganz strikt.

Ich meinte die Trennung auch eher zwischen Thriller und humoristischen Krimis.

SB: Also es bei mir so dass ich froh bin über diese Vielfalt, dass ich beides machen kann, so wie ich auch meine historischen Romane gemacht habe. Ich fühle mich in so vielen Genres zu Hause. Und ich bin auch sehr froh darüber, dass mir viele Leser dabei folgen. Dass sie sagen, ich lese von Sina Beerwald einen lustigen Krimi, ich lese dann aber genau so gerne ihre Psychothriller, die es dann in sich haben.

Und wird es auch irgendwann noch einmal eine Rückkehr zum historischen Genre geben?

SB: Das möchte ich nicht ausschließen. Warum denn nicht. Wenn ich in einem Genre gerade arbeite, dann fühle ich mich da sehr zu Hause, aber die Rückkehr zum historischen Roman, das möchte ich nicht ausschließen, nein.

Oder ein historischer Krimi?

SB: Auch das ist möglich, na klar.

Deine Figuren sind ja immer sehr lebendig und immer nah bei Dir. Du hast gerade erzählt, Du hast zwei Möwenkrimis geschrieben, wie hat das da funktioniert?

SB: Meine Möwen sind mir ja sozusagen zugeflogen. Ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht mal einen Krimi schreiben will, der auf Sylt spielt, weil das bis dato nicht der Fall war. Ich wollte dann aber auch etwas schreiben, das so nicht in Posemuckelsdorf spielen könnte. Eines schönen Tages habe ich beobachtet, wie diese Möwen ein Fischbrötchen einer Frau aus der Hand heraus geklaut haben. Aber nur den Hering aus dem Brötchen herausgepickt, die Zwiebeln baumelten noch so in diesem zerrupften Brötchen. Die Frau war dann erst vor Schreck erstarrt, kuckte dann das Brötchen an und dann kuckte sie ihren Mann an und sagte „Bitteschön“ und und überreichte ihm dann die traurigen Überreste des Brötchens. Ich habe natürlich auch erst mal mitgelacht und dann habe ich gedacht: so, was wäre wenn das Ernährungssystem dieser frechen Möwen zusammenbricht? Es gibt bei uns auf Sylt einen Crepes-Stand, auf dem immer eine Möwe sitzt und Ausschau hält. Und das ist meine Möwe Ahoi geworden. Mein Ruf ist so gesehen ruiniert, weil ich dieses Buch sehr viel am Strand geschrieben habe, mit Manuskriptblock und Stift in der Hand, wie ich es gerne mache, und habe so die Möwen und ihr Umfeld immer vor Augen gehabt. Ich habe natürlich auch viel über die Möwen und ihre eigentliche Verhaltensweise gelesen. Weil die Möwen ja immer den Überblick über die Insel haben, habe ich mir erlaubt, den ein oder anderen Seitenhieb auf die Zustände hier auf der Insel mit einem Augenzwinkern einzubauen.

War es schwierig, den Möwen menschliche Züge zu verleihen?

SB: Nein, dieses Buch hat sich von selbst geschrieben. Diese Idee hat mich so verfolgt, hat mich nicht losgelassen, die habe ich in einer Nacht skizziert und das Expose entworfen. Morgens um fünf habe ich den Rechner zugeklappt, ich habe dieses Buch geschrieben, ohne auch nur irgendwas dran zu ändern, die Möwen standen mir vor Augen, ich musste da gar nicht viel dran tun.

Wird es noch einen Nachfolger geben?

SB: Auch das. Sicher ist schon, dass es einen Nachfolger zum Heringsmord geben wird. Meine Camper werden weiter auf Sylt ihr Unwesen treiben. Mit den Möwen hatte ich ja mit dem Möwenalarm schon einen zweiten Teil vorgelegt und ich vermute fast, dass die Bande keine Ruhe geben wird.

Du hast Dich jetzt in Kräherwald einer sehr speziellen psychischen Krankheit gewidmet, wie bist Du darauf gekommen? Der Story liegt ja ein realer Fall zugrunde.

SB: Angelehnt an einen wahren Fall habe ich es insofern, als es einen Leichenfund gab vor vielen, vielen Jahren im Main. Dieses Mädchen, das dort gefunden wurde, war niemals als vermisst gemeldet worden. Es ist auch bis heute nicht geklärt, wo dieses Mädchen eigentlich herkommt. Klar ist nur, dass es in der Nähe von Frankfurt gelebt haben muss, das konnten man aufgrund diverser Untersuchungen feststellen. Diese psychische Erkrankung, auf die Du anspielst, das ist etwas anderes, das hat mit diesem Fall nichts zu tun, da war es ein Zeitungsartikel, durch den ich drauf gekommen bin und davon gelesen habe. Ohne da jetzt zu viel zu verraten, aber das ist eben eine Erkrankung, die nun Gottseidank zwar nicht so häufig ist, aber es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt. Das hat mich so berührt, als ich das gelesen habe. Das war der zweite Ansatzpunkt, bei dem ich gesagt habe, diese Erkrankung möchte ich thematisieren, dass man vielleicht, wenn man das Buch gelesen hat, mal mit offeneren Augen durch die Welt geht und solche Dinge vielleicht auch erkennt.

Was meinst Du, warum es so eine hohe Dunkelziffer gibt? Wollen die Menschen es vielleicht nicht sehen, weil es so unglaublich ist?

SB: Bestimmt, aber auch, das gehört mit zu dieser psychischen Erkrankung, dass die Menschen sehr, sehr gute Schauspieler sind. Selbst Ärzte haben mir bestätigt, dass Erkrankte leugnen, auch wenn man sie direkt darauf anspricht, weil sie die Problematik selbst nicht erfassen können. Oft ist es dann so, dass erst ein Videobeweis zur Konfrontation hilft, dem Betroffenen das klar zu machen, was eigentlich los ist.

Nun ist Tessa als Reporterin ja prädestiniert für weitere Fälle. Ist da schon was in der Pipeline?

SB: (lacht) Ja, meine Pipeline 🙂

Ich kann mir vorstellen, die ist ziemlich lang…

SB: Die ist allerdings ziemlich lang und ich bin mir auch sehr sicher, dass da was in der Pipeline ist, ja.

Neben Deinen Romanen hast Du ja auch ein Sachbuch über den Ort, an dem Du lebst, veröffentlich, 111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss. Was hat Dir dabei denn am meisten Spaß gemacht?

SB: Spaß macht mir alles, was mit Sylt zu tun hat. Es war vor allen Dingen für mich eine neue Erfahrung, denn in diesem Buch durfte ich pro Örtlichkeit nur eine gewisse Textlänge verwenden und plötzlich auf Zeile schreiben zu müssen, wie ein Journalist es tun muss, dort meine ganzen Ideen und die Information, die ich dazu unterbringen möchte, hineinzubekommen, war für mich eine Herausforderung. Hier kann ich schon verraten, dass es einen Nachfolger geben wird, er kommt jetzt im Frühjahr und wird heißen 111 Orte auf Sylt, die Geschichte erzählen. Geschichte und Geschichten. Es ist unglaublich viel passiert auf Sylt, es waren auch sehr viele Schriftsteller auf Sylt, Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Stefan Zweig, also wirklich große Literaten, und denen ist immer auch nachweislich etwas auf Sylt passiert, was sich auch zu Erzählen lohnt, aber auch die Geschichte des Bades, da gibt es sehr viele Geschichten, da bin ich gerade dran.

Wie bist Du bei der Auswahl vorgegangen?

SB: Die Auswahl ergibt sich bei mir von selber. Ich wurde immer gefragt, wie ich denn auf dem nur 110 Quadratkilometer großen Sylt 111 Orte finden konnte. Das geht sehr gut. Das geht sogar so gut, dass ich immer noch eine Auswahl treffen konnte und mir überlegen konnte, manchmal auch überlegen musste, nehm ich den Ort jetzt mit rein oder nicht. genauso jetzt bei dem Nachfolger, erzähl ich jetzt diese Geschichte oder erzähle ich eine andere, da hab ich wirklich die Qual der Wahl.

Und was ist dann ausschlaggebend für Dich gewesen?

SB: Das ist natürlich auch immer ein bisschen subjektiv. Es wird immer jemanden geben, der fragt, warum dies oder jenes nicht enthalten ist, aber für ist dann einfach wichtig, was ich für erzählenswert halte. Bei den 111 Orten sind es natürlich auch Örtlichkeiten, die Besonders sind, über die man vielleicht nicht gleich drüber fällt. Mich sprechen auch manchmal Insulaner an, die sagen: Das wusste ich ja gar nicht. Ich lebe hier auf der Insel, ich bin hier geboren, aber das kannte ich gar nicht.“ das ist für mich dann natürlich ein ganz, ganz großes Kompliment.

Könntest Du Dir das auch für Stuttgart vorstellen?

SB: Ja, allerdings gibt es das schon für Stuttgart, die 111 Orte, aber das hätte ich natürlich sonst auch gerne gemacht. Sylt ist für mich Herzensheimat und natürlich, Stuttgart ist Heimat.

Hast Du das von Stuttgart gelesen und bist Du mit der Auswahl einverstanden?

SB: Auch da ist es so, dass es subjektiv ist, aber in weiten Teilen hätte ich es auch so gemacht. Wer weiß, vielleicht gibt es da noch einen Teil Zwei von den Stuttgartern, das ist ja auch möglich.

Hat sich Dein Schreibprozess irgendwie verändert?

SB: Nein, nur der Espressokonsum ist etwas höher geworden

Noch höher?

SB: Ja, seit ich die Tasse von Emons habe. Ich arbeite nach wie vor am Liebsten gerne Nachts, so weit sich das ermöglichen lässt. Ansonsten gilt eben auch, eine Muse hat ihre Geschäftsstunden. Ich bin nach wie vor freiberuflich und in der Hauptsache als Schriftstellerin tätig. Das gibt mir natürlich auch gleichzeitig viel Freiraum und ermöglicht mir eben auch, die Projekte umzusetzen, die mir am Herzen liegen.

Du bist sehr produktiv, in den vergangenen beiden Jahren sind jeweils zwei Bücher von dir erschienen. Musst Du nicht mehr so viel recherchieren oder geht der Schreibprozess so schnell?

SB: Nein, es ist das parallele Arbeiten. An 111 Ort, die Geschichte erzählen bin ich im Grunde seit zwei Jahren dran, eigentlich noch viel länger, weil ich schon immer diese Geschichten gesammelt habe und deswegen schon einen gewissen Fundus hatte. Die ganze Archivarbeit beispielsweise habe ich jetzt schon die ganze Zeit parallel gemacht. Bei solchen Projekten geht es sehr gut, parallel zu arbeiten, weil man eben nicht immer gerade textproduktiv ist und da kann man natürlich solche Recherchearbeiten machen.Das eignet sich ganz wunderbar, deshalb darf man das nicht so geradlinig sehen. Manchmal besteht mein Arbeitstag halt auch nicht nur aus acht Stunden, sondern aus zwölf oder mehr Stunden.

Gibt es noch ein Projekt, das Dir total am Herzen liegt, das Du aber noch nicht umsetzen konntest?

SB: Nein, ich hatte bisher immer das Glück, alles, was mir am Herzen lag, umsetzen zu dürfen.

Gibt es noch irgendwas, was Du Loswerden möchtest?

SB: Ich freue mich, dass wir dieses Interview gemacht haben und das Revival nach der langen Zeit. Ich finde es immer sehr spannend und schön Deine Fragen zu beantworten, weil sie von Dir immer mit sehr viel Bedacht überlegt sind und das ist für mich umso schöner.

Vielen Dank für das Lob und für Deine Bereitschaft zu dem Interview!

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Interview mit Nina George auf der Leipziger Buchmesse 2016

9783426653852Am 20.3.2016 durfte ich als krönenden Messeabschluß mit der Bestsellerautorin Nina George ein Interview führen. Sie hat auf der Messe nicht nur ihren neuen Roman Das Traumbuch vorgestellt, sondern auch jede Menge Termine zu den Themen Urheberrecht und Internetpiraterie wahrgenommen. Am 19.3. fand eine fantastische Lesung aus ihrem neuen Roman statt. Damit Ihr Euch vorstellen könnt wie toll Nina liest, hat sie einen kleinen Absatz eingelesen, den ich unten anhänge.

Liebe Nina, herzlichen Dank, dass Du Dir am Ende einer sehr stressigen Messe Zeit genommen hast für ein Interview. Vor zwei Tagen ist Das Traumbuch erschienen. Es ist Dein dritter Roman nach Die Mondspielerin und Das Lavendelzimmer unter Nina George….

Nein.

Nein?

Nein, das ist nicht mein dritter Roman, sondern ich glaube mein siebter oder achter. Oder Neunter? Ich bin mir gar nicht sicher. Bei 26 Büchern…oder 27? Aber ich befürchte, es sind irgendwie schon mehr als drei Romane. Ich denke, es sind um die acht oder neun.

Nach dem Lavendelzimmer, das in 32 Sprachen übersetzt wurde, das acht Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand, war da der Druck sehr groß?

Der Druck war enorm, vor allen Dingen der, den ich mir innerlich gemacht habe. Ich wollte mindestens etwas schreiben, was genauso intensiv, persönlich und berührend war und auch große Themen beinhaltete. Und ich habe zuerst den Versuch gemacht ein anderes Buch zu schreiben, das wurde relativ schnell nachgefragt, von den Vertretern, vom Verlag, und ich dachte, ich krieg das hin, aber dann suchte und suchte ich die Geschichte, schrieb zweihundertfünfzig Seiten, und nochmal hundert Seiten und nochmal, und ich fand das Thema nicht und nicht den Sound. Ich habe das Buch, das direkt nach dem Lavendelzimmer folgen sollte (Anm. d.R.: Die Sternensucherin), abgebrochen, das wird es wahrscheinlich auch nicht geben.
Erst als ich sehr dicht am eigenen Ableben entlang schrammte, erst dann hatte ich wieder das Gefühl, auch wieder ein großes Thema gefunden zu haben. Das war keine Absicht, also man sollte es als Autorin auch nicht provozieren, dass sie die großen Themen nur findet, wenn es einem schlecht geht. Aber komischerweise hing das miteinander zusammen. Als ich dann wieder endlich eine Idee hatte, habe ich mich tatsächlich ein Jahr lang nur handschriftlich damit beschäftigt, wieder Ton und Geschichte zu finden. Mut zu sammeln, nach diesem großen Erfolg des Lavendelzimmers überhaupt wieder zu schreiben. Die ersten Sätze waren furchtbar. Ich habe sie angesehen und mir gedacht: „Aha, so schreibt also irgendwie eine Frau, die eine Bestsellerin ist, also nee, geht gar nicht, muss wieder weg und nochmal neu schreiben.“ Ich musste mich davon lösen, dass ich einen Erfolg gehabt habe und zu dem zurückkommen, was der Kern meiner Aufgabe ist: eine gute Geschichte zu schreiben. Ich musste alles wegschieben, jede Angst, jede Hoffnung, alles. Und das war tatsächlich ein harter Job, das dauerte über anderthalb Jahre.

Das Schreiben an sich ging dann aber sehr schnell?

Das stimmt, ich hatte sehr viel recherchiert, dann habe ich mich ein paar Monate lang eingeschrieben, aber das Kernschreiben war erneut schnell. Nicht so schnell wie beim Lavendelzimmer, wo es acht Wochen dauerte, diesmal habe ich, glaube ich zehn gebraucht. Also drei Monate einschreiben, ein Jahr recherchieren und dann ad hoc richtig zehn Wochen lang durchschreiben und dann noch ein bisschen Lektorat und so summiert sich dann die Zeit.

© Urban Zintel

© Urban Zintel

Stellst Du uns bitte Deine Protagonisten aus Das Traumbuch vor?

Wir haben vier Protagonisten, wobei ich aus drei Perspektiven jeweils in „Ich“ berichte. Das ist ein durchaus interessantes, komplexes Unterfangen. Die erste Perspektive ist Henri, ein ehemaliger Kriegsreporter, der genau in dem Moment, in dem er weiß, was er im Leben falsch gemacht hat, wo er gezögert hat, wo er sich nicht getraut hat, ein Wagnis eingegangen ist, überfahren wird. Er weiß endlich, was er alles falsch gemacht hat und wie er sein Leben leben muss, damit es seins ist, doch dann fällt er in ein Koma. In diesem Koma erzähle ich einerseits Empfindungen und Wahrnehmungen, die dieser Mann in der Nähe des Todes hat. Ich lasse ihn, ob es nun koma-induziert ist, ob es Halluzinationen, Träume oder Parallelrealitäten sind, immer wieder an Punkte seine Lebens kommen, an denen er sich falsch entschieden hat. Und ich lasse ihn anders entscheiden. Ich lasse ihn immer wieder erleben, was geworden wäre wenn er an einem bestimmten Punkt seines Lebens zum Beispiel nicht diese Frau verlassen, sondern mit ihr geschlafen oder ein Kind gezeugt oder kein Kind gezeugt hätte. Ich führe sozusagen anhand Henris Schicksal im Koma auf, welche Variationen unseres eigenen Lebens es gibt und wie klein und banal meistens die Entscheidungen sind, die zu einem völlig anderen Leben führen. Ich glaube persönlich daran, dass es immer nur die kleinen Momente im Leben sind, die entscheidend sind und selten die großen. Die anderen beiden Figuren sind Eddie, Edwinna heißt sie eigentlich, eine Verlegerin für Phantastik. Phantastik, nicht Fantasy, das ist sehr wichtig. Das ist sozusagen das Wunderbare, das dennoch wissenschaftlich fundiert ist. Dazu gehört Science Fiction, dazu gehören Quantenmechnaik, Jules Verne oder Parallelrealitäten, dazu gehört magischer Realismus. Sie ist eine Exfreundin von Henri, er hat sie verlassen, hat ihr aber zugemutet, dass sie im Falle eines Unfalles für ihn verantwortlich ist. Das heißt, sie ist jetzt zwischen zwei Männern, einem Mann im Koma und einem im Leben und muss sich entscheiden: will sie sich wirklich um diesen Mann kümmern, der sie verlassen hat und jetzt im Koma liegt oder nicht. Der Dritte im Bunde ist ein vierzehnjähriger Synästhetiker, ein Hochbegabter, er heißt Sam, Samuel und er hat nicht nur seine erste zarte Liebe, die er erlebt in diesem Buch, sondern er ist auch fähig aufgrund seiner Synästhesie, aufgrund seiner quasi Übersinnlichkeit, seiner hohen Sinneswahrnehmungen, seinen Vater, der im Koma liegt, auch noch dann zu spüren, wenn die Ärzte ihn schon aufgegeben haben. Diese drei Menschen ringen gemeinsam um Alles: um Familie, um Freundschaft, um Liebe, um Sich-selbst-Finden, um herauszufinden, welche Entscheidungen im Leben einen glücklich machen, ob das vielleicht auch die falschen sein können.
Und sie ringen gemeinsam um Person Nummer 4: Ein Mädchen, Madelyn, die in einem Psychokoma liegt, und sich weigert, in diese Welt hinein zu erwachen.
Dieses Buch ist tatsächlich nicht einfach zu erklären.

Du bist selbst Synästhetikerin, kannst Du erläutern, was das bedeutet?

Entwa sieben Prozent aller Menschen besitzen die Gabe der Synästhesie, sie haben sozusagen nochmal zwei, drei Sinne mehr und diese sind auch anders verdrahtet, sie vermischen sich bei jedem Sinnesreiz miteinander. Wenn ich Zahlen sehe, sehe ich auch gleichzeitig Farben. Für mich ist die Vier gelb, die Acht grün, die Fünf blau. Als wir vorhin ein Podium hatten, habe ich mal rumgefragt, ob es noch Synästhetiker gibt und von den hundert, hundertzwanzig Zuschauern waren drei, die sich gemeldet haben. Das entspricht tatsächlich dem Bundesdurchschnitt von Leuten, deren Sinneswahrnehmungen anders verdrahtet sind. Bei mir ist es noch so, dass ich Persönlichkeiten auch als Landschaften wahrnehme. Wenn ich in Räumen komme, habe ich das Gefühl, die Emotionen, die häufig in diesem Raum gelebt und ausgesprochen wurden, hängen noch in den Wänden. Ich fühle sozusagen traurige Räume oder einsame Häuser oder beschädigte, blutige Landschaften. Bei Sam ist es so, dass er Zahlen auch mit Farben sieht, dass er Musik geradezu körperlich spürt – etwa als Regen oder als milde Brise – und dass er in Menschen hineinsehen kann und an ihrer Stimme ablesen kann, ob sie zum Beispiel lügen (Lügen hören sich weiß an, Wahrheiten grün). Das Leben ist für ihn sehr intensiv und überfordernd. Er ist ein zauberhafter kleiner Kerl, weil er auch gleichzeitig mutig ist und im ganzen Buch über sich hinauswächst. Er wird vom Kind zum jungen Mann.

Du hast einen Sidekick, der ein bisschen Leichtigkeit reinbringen soll. Das ist ein (ebenfalls) Teenager. Wie schwierig war das für Dich?

Ganz leicht. Ich selbst bin mir selbst als Teenager noch sehr nahe. Der Sidekick heißt Scott, das ist der beste Freund von Samuel. Er ist ein Snob, er hat eine lose Zunge, er ist ebenfalls hochbegabt und wahnsinnig intelligent. Er versucht, jede Woche mit einem anderen Look die Girls zu begeistern. Er ist furchtbar reich und gleichzeitig beneidet er Sam um dessen Fähigkeit, das Leben wahrzunehmen. Scott macht immer wieder despektierliche Sprüche über alles Konventionelle. Er ist jemand, der dem Buch auch Leichtigkeit gibt, ich mochte ihn wirklich sehr, sehr gern. Gleichzeitig sind Teenager mir nah, weil ich innerlich immer noch ein Teenager bin. Teenager sind die Menschen, die wir alle, wenn wir älter sind, wieder sein wollen. Als Teenager haben wir schon bestimmte Prinzipen, bestimmte Lebensträume, bestimmte Gefühle und oft erlebe ich, dass Erwachsene, wenn sie dann später in Therapie gehen, versuchen, genau diese verschütteten Prinzipien, Gefühle und Träume ihrer Jugendzeit wieder zu entdecken. Manchmal möchte ich den Teenagern zurufen: Ihr wisst schon alles! Bleibt genauso, wie ihr jetzt seid, denn ihr wisst schon alles. Aber das ist eine recht unorthodoxe Herangehensweise an Teenager.

Jean Perdu hat Bücher empfohlen für alle Lebenslagen. Wem würdest Du Das Traumbuch empfehlen?

Ich würde es Menschen empfehlen, die sich fragen, was sie sich nicht zugetraut haben im Leben. Dieses Buch muss jeder lesen, der sich fragt: was ist noch offen in meinem Leben?
Demjenigen zu sagen, den ich begehre, dass ich ihn begehre. Wage ich es, meine Stimme zu erheben, wenn ich Widerstand leisten muss. Lebe ich mein Leben, traue ich mich das? Oder bleibe ich eingesperrt im kleinen Käfig der Konventionen und in meiner Angst.

Gibt es bei Dir noch etwas Offenes?

Nein, seit einigen Jahren tue ich genau das, was ich will. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, ob noch etwas offen ist und ich etwas zu bedauern habe. Nein, ich habe alles gemacht, was ich machen wollte.
Nachtrag am 28. März: Ich würde sehr gerne Boule spielen lernen. In einem entspannten Club in Berlin, die unter Platanen spielen und dabei Rosé trinken. Bitte meldet Euch, wenn ihr einen kennt!

Du bist unglaublich engagiert für das Urheberrecht, Du bist Mitglied im Verwaltungsrat der VG Wort, Du bist Beirätin im PEN-Präsidium. Wie schaffst Du das?

Alles nach und nach und ich habe eine neue Kraftquelle für mich entdeckt, das Tangotanzen. Ich tanze etwas zwei Stunden pro Tag Tango im Berlin im Mala Junta. Die haben jeden Tag Kurse, ich tanze und dort vergesse ich alles. Dort bin ich auch nur ich. Da bin ich nur Nina. Die Menschen, die ich dort treffe, teilen mit mir die Leidenschaft für den Tango. Es ist die höchste Form von Entspannung und Meditation, danach bin ich tatsächlich wie aufgetankt. Manchmal denke ich mir, ich habe keine Kinder, ich bin gesund, und vielleicht ist das eine gute Arbeitsteilung: Andere haben Kinder und sorgen für den Fortbestand der Menschheit, sorgen dafür, dass wir vielleicht irgendwann in dreißig Jahren eine neue Kanzlerin kriegen oder sorgen für neue Ärztinnen oder Schriftstellerinnen oder für Nachwuchs der Front von Klimaschutzforschung. Mein Job ist es, mich für Autorinnenenrechte und Kultur einzusetzen. Ich finde das eine gute Arbeitsverteilung.

Du hast auf einer der Veranstaltungen auf der Messe einen sehr schönen Satz gesagt: Leser wirken an einer Geschichte mit, weil sie in ihrem Kopf entsteht. Kannst Du das noch ein bisschen erläutern?

Sehr gerne. ich glaube zum Beispiel nicht an „Mitmach-Bücher“, an Interaktivität während des Schreibens oder dass Leser befragt werden sollten: Wie soll meine Figur heißen, was sollte jetzt passieren? Das ist nicht ihr Job. Ihr Job ist es, am Ende dieses Kunstwerk erst in sich entstehen zu lassen. Buchstaben auf Papier sind gar nichts. das ist einfach nur eine Verschmutzung von Papier. Ein Buch entsteht in dem Moment, in dem es gelesen wird. Ohne Leser bin ich auch keine Schriftstellerin, bin ich auch nichts. Ich habe unfassbar viel Respekt vor der Leistung der Leser, weil dieses Werk, dieser Film, diese Gefühle, diese Landschaften erst in ihrem Kopf entstehen und zwar in jedem ganz anders. Meine Aufgabe ist es, ihnen das so gut wie möglich zu ermöglichen, indem ich Bilder schaffe, Assoziationen, indem ich psychologisch überzeugend bin, indem ich eine schöne Sprache benutze. Aber letztlich entsteht dieses Kunstwerk erst im Kopf des Lesers. das ist eine Haltung, die mir gut gefällt, denn sie macht mich auch frei in dem Sinne, dass ich mir gar keine Gedanken machen muss, ob und was ich schreiben muss um einem Leser zu gefallen. Er oder sie wird sowieso seinen oder ihren eigenen Film im Kopf erschaffen, unabhängig von mir. Ich finde das eine unglaublich großartige Kommunikation, weil der Leser und ich, wir zusammen erschaffen diese Kunst erst. Ich könnte das nicht ohne Leser und ein Leser nicht ohne mich. Wir sind eine Symbiose. Das das Verrückte. wenn man sich das einmal bewusst gemacht hat, vergisst man es nie wieder. Leserin und Autorin sind eine Symbiose – aber erst nachdem das Buch geschrieben wurde.

Das Lavendelzimmer soll verfilmt werden. Zerstört das dann nicht in einer gewissen Weise diese Symbiose?

Da bin ich relativ gelassen. Filmemacher sind Kunsthandwerker, die eine andere Kunst als ich beherrschen. Ich lasse in dem Moment mein Buch völlig los, weil ich es ja schon geschrieben habe, es gibt es, so wie es ist, ist es da. Wenn jemand einen Film daraus macht und es so umsetzt, wie er oder sie es versteht, da werde ich nicht reinquaken. Es ist auch nicht mehr meine Entscheidung, wie jemand diesen Film wahrnimmt. Ob er lieber seinen eigenen hat, wenn er das Buch liest oder ob er lieber den Film sieht. Es ist mir zwar nicht egal, aber ich kann es unfassbar gut loslassen, weil es alles eine eigene Kunstform ist. Wenn jemand sich von meinem Buch inspirieren lässt, eine Film daraus zu machen, bin ich dankbar und froh und lass ihn einfach machen.

Gibt es schon konkrete Pläne?

Eine Hollywoodfirma wird es verfilmen und ich denke, so in zwei, drei Jahren ist Drehbeginn und sie werden an Originalschauplätzen drehen. Aber der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, also sind wir noch im Daumendrückmodus. Das Angebot ist da, es ist schon ziemlich konkret, aber noch ist die Tinte nicht trocken.

Wir drücken mit. Kannst Du schon etwas sagen über Dein nächstes Projekt?

Es wird wieder in Frankreich spielen, erst in Paris ein paar Kapitel lang und dann das ganze Buch fast ausschließlich in der Bretagne im Sommer. Die Hauptfigur wird diesmal eine Frau werden, nachdem mit Henri im Das Traumbuch ja wieder ein Mann im Mittelpunkt stand. Zwar auch noch ein Junge und eine weitere Frau, aber ich bin doch sehr froh, dass ich wieder zu einer Frau – übrigens in meinem Alter – als Protagonistin zurückkehren kann. Die in der Mitte ihres Lebens steht und sich fragt, ob sie die geworden ist, die sie hätte sein können. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, aber unter anderem wird die Bretagne vorkommen, versteinerte Geheimnisse und ein verdammt heißer, sehr heißer Sommer.

Findest Du es schwierig, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben?

Überhaupt nicht. Ich habe das große Glück oder auch das große Pech, Empathie an- und ausschalten zu können. Als Kind konnte ich das nicht, da war ich überflutet von Empfindungen und Mitgefühl, jetzt kann ich es bewusst Einschalten. Und auch Aushalten, indem ich einfach die Augen zu mache, die Brille abnehme, mit meinem Handy rumspiele oder wirklich einfach alles runterklappe oder -fahre und niemandem mehr sehe und auch nicht höre.
Wenn ich die Sinne aufmache, fällt es mir sehr leicht, Menschen nachzufühlen. Es ist dann auch völlig egal, ob es kleine oder große Menschen sind, Männer oder Frauen. Es fällt mir sehr leicht, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben, wobei ich aber dann auch männliche Erstleser, zum Beispiel meinen Mann, frage, ob ich psychologisch schlüssig diese männlich Persönlichkeit dargestellt habe. Das ist schon noch so ein bisschen mein Rettungsschirm. Gewisse Dinge, die ein Mann sieht und empfindet, kann ich nicht wissen, weil ich nun mal eine Frau bin. Männer sind anders sozialisiert, Männer verbinden zum Beispiel Sex niemals mit Gewalt oder Gefahr, Frauen immer. Frauen müssen immer fürchten, dass sie vergewaltigt werden könnten oder ungewollt schwanger. Männer verbinden zum Beispiel Sexualität ausschließlich mit Spaß oder vielleicht noch mit emotionaler Verpflichtung. Allein dieser Unterschied schon der Sozialisation hat einen ganz anderen Einfluss auf Psyche, Verhalten und Auftritt, vor allem was den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Das muss einem, wenn man aus der Perspektive des anderen genders schreibt, erst mal bewusst werden. Erst dann kann man eine Figur überzeugend schreiben, die einen anderen Chromosomenbausatz hat.

Du bist Teil des Autorenduos Jean Bagnol. Gibt es da auch bald einen dritten Band?

Wir schreiben gerade an Band Nummer Drei, der im Arbeitstitel heißen wird Commissaire Mazan und die Spur des Korsen. Wir waren gerade jeweils eine Woche in Marseille und der Provence und haben dort recherchiert. Es wird die Mafia dabei sein, es werden Trüffel dabei sein, es werden Polizeiskandale dabei sein und sämtliche bisherigen Mitwirkenden sind auch dabei. Wir haben schon die ersten Kapitel geschrieben und der Prolog ist der Hammer. Das wird ein Erdbeben und von dort aus steigern wir uns. Das wird der rasanteste Jean Bagnol, den wir je geschrieben haben.

Gibt es schon einen Erscheinungstermin?

Ich glaube, 2017 im April.
Herzlichen Dank für dieses Interview und noch eine schöne Restmesse.

Sehr gerne.

 

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Interview mit Andreas M. Bräu

51oznzx79vL__SL160_Herzlichen Dank Andreas, dass Du Dich bereit erklärt zu einem Interview. Stellst Du Dich kurz uns vor?

Vielen Dank, dass ich für die Nachtgedanken sprechen darf! Meine Name ist Andreas Martin Bräu, bin gebürtiger Garmisch-Partenkirchner, arbeite seit zwölf Jahren als Schauspieler und Moderator und seit ein paar Jahren auch als Schriftsteller. Ich habe im letzten Jahr mein erstes Buch herausgebracht, die Kulinarischen Geschichten aus dem Werdenfelser Land, und jetzt gerade ganz frisch aus der Druckerei die Streifzüge durchs Werdenfelser Land im Gmeiner Verlag.

 

Wie kam es denn dazu, dass Du Deine Lieblingsplätze in dieser Reihe des Gmeiner Verlags präsentieren kannst?

Für das erste Buch hatte sich auch der Gmeiner Verlag interessiert, es kam aber dann mit Sutton zustande. Sie wollten ihre Reihe auf das Oberland ausweiten und haben mich dann gefragt, weil ich ja aus dem Eck komme. Ich musste nicht lang überlegen, weil es ja doch eine sehr schöne Aufgabe ist: neue Lieblingsplätze zu finden, alte wieder aufzusuchen. Ich habe dann mit dem Fotokünstler Sebastian Schoenwald zusammengearbeitet, der alle Bilder exklusiv für den Band gemacht hat, hab unterschrieben, mir den Doppelstress von zwei Büchern parallel angetan und seit einem Jahr bin ich jetzt dran gesessen, habe daran gearbeitet und dann ging die Reise los. Mittlerweile ist es der 64. Band in der Reihe.

 

Und wie bist Du vorgegangen bei der Vorbereitung?

Wir haben uns zusammengesetzt und dachten: 77 Plätze ist gar nicht mal so wenig für so einen kleinen Landstrich wie diesen Landkreis, dann haben wir hin und her überlegt, wo wir regelmäßig gerne sind, wo wir früher gerne waren, haben mit Freunden gesprochen und recht schnell war die Liste bei über 150 Plätzen, die wir gerne empfehlen würden. Dann mussten wir aussortieren und nur die besten, die Highlights haben es ins Buch geschafft. Und dann begann natürlich das schönste Arbeiten; alle diese Plätze wieder zu besuchen, Bergtouren zu machen, mit Menschen zu sprechen, Interviews mit Beteiligten zu führen, Handwerker, Schneider, Wirte, Kneipiers, Leute von den Museen, und da eben das aufzusaugen, was diese Plätze wirklich ausmacht, und vielleicht auch den ein oder anderen Tipp des Einheimischen mit hineinzunehmen.

 

Wie haben die Leute es aufgenommen, dann in einem Buch zu erscheinen?

Die Werbung haben sie natürlich gerne mitgenommen. Das war eigentlich der schönste Teil an der Recherche, mit ihnen zu reden, es gibt da zum Beispiel einen Lodenschneider, den Herrn Bauer, der lebt für seinen Beruf. Und mit ihm zu reden, hineinzuschnuppern, wie er arbeitet, das war unglaublich spannend. Und es ist auch sehr vielseitig: wir haben die Geigenbauer in Mittenwald, wir haben die Königsschlösser, wir haben einen Wirt, der noch wie vor hundert Jahren kocht und alte Rezepte wieder produziert, dem wir auch in seinen Kochtopf hineinschauen und mal hineinschmecken durften, wie er es macht. Wir sind überall sehr freundlich aufgenommen worden, es war vielleicht auch ein Vorteil, dass wir nicht von außen als Fremde dazugekommen sind, sondern eben viele Partner gekannt haben und sozusagen auf freundschaftlicher Ebene Geschichten ausgetauscht haben, die es dann auch alle ins Buch geschafft haben.

 

Also Dein Fotokünstler Sebastian kommt auch aus dem Landkreis?

Ja, auch ein gebürtiger Dortiger, der auch drei Texte beigefügt hat. Ich glaube, ich könnte auch nicht über viele andere Ecken der Welt so schreiben wie eben über die Heimat. Es sind Flecken drin, wo ich als Kind mit meinem Spezl auf dem Bergbauernhof gespielt habe, bei den Großeltern und danach gab‘s das Butterbrot. Genau dieser Platz ist jetzt drin. Oder unser Schwimmbad, in dem wir das Schwimmen gelernt haben, wo wir irgendwann das Flirten probierten, das sind Ecken, die man in- und auswendig kennt, die man aber guten Gewissens an Einheimische, aber auch an Gäste und Touristen empfehlen kann, weil sie eben etwas Besonders ausmachen. Das Wichtige daran ist, dass man sie mit einer Geschichte, einer Anekdote, mit ein bisschen was Hintergründigem verbindet, was diesen Platz vielleicht noch mehr mit Bedeutung auflädt, als es sonst nur eine kurze Beschreibung tun würde.

 

Und wie lange hat die Recherche dann in Anspruch genommen?

Ein fürchterlich langes Jahr, während dem ich Plätze besuchen, untersuchen, mit Leuten sprechen und testen durfte. Sehr viel ist im letzten Sommer passiert, die ganzen Wanderungen, die ganzen Bergtouren, auch auf die Zugspitze noch mal hinauf, im Winter dann eben die Skisachen und dazwischen immer wieder, wenn Zeit war, Dinge testen. Alles in allem, mit dem Schreiben, mit den Fotos zu verschiedenen Jahreszeiten, hat es ein Jahr gedauert. Es gibt auch verschiedene Informationstexte dazwischen, zum Beispiel zum Sagenschatz des Werdenfelser Landes, in den ich mich ein bisschen eingearbeitet habe, über König Ludwig ist natürlich ein bisschen was drin, der ja zwei Schlösser in dieser schönen Region hat, aber auch eine allgemeine, wenngleich ironische Charakterisierung von diesem goldenen Landl.

 

Du stellst auch Deine Lieblingsplätze vor, hast Du keine Angst, dass die jetzt total überlaufen sind?

Ich weniger, weil ich jemand bin, der das gerne teilt, Ich habe auch davor schon Gäste aus München und von überall her gerne eingeladen, sogar einmal zwei Damen aus Indien durch den Ort geführt. So schön wie es bei uns ist, das möchte man ja teilen. Aber mir ist es regelmäßig bei der Recherche passiert, dass ich gehört habe: „Verzähl das fei bloß ned und schreib des ned hinein, nicht dass irgendjemand an unsere Plätze kommt, wo wir sonst keinen hinlassen wollen.“ Ich sehe es ein bisschen anders, und man muss ja doch auf ein paar Sachen ein bisschen Acht geben. Es sind alles beschilderte Wege, ich kann die Leute ja nicht in die Pampa schicken, es sind viele öffentliche Institutionen, Kultureinrichtungen, Museen und dergleichen drin. Ich freu mich über jeden der hinkommt, und wenn‘s nur fünf oder sechs sind, die gesagt haben: „Wow, das Bankerl ist schön, das ist ein guter Tipp gewesen, dann bin ich schon zufrieden. wenns fünftausend sind, dann stört es mich allerdings auch nicht.“

 

Und welchen Platz kannst Du besonders empfehlen?

Jetzt wird es schwierig. Das Schöne ist, man kann in der Gegend einen Tag verbringen, an dem man gleich verschiedene Plätze abläuft. Es soll eine Art Rundumversorgung sein. Man könnte in der Früh eine wunderschöne Wanderung auf ehemaligen Schmugglerpfaden Richtung Tirol ins Reintal machen durch die Partnachklamm, dabei eine kleine Wirtschaft besuchen, die ein guter Freund von mir betreibt und der unglaublich herzlich mit seinen Gästen umgeht.

Aber es sind 77 Plätze, da kann ich nicht einen rausgreifen. Je nach Stimmungslage ist für jedes Wetter, jeden Tag, jedes Interesse etwas dabei.

 

Und schaffen es die anderen 77, die jetzt rausgeflogen sind, noch in einen zweiten Band?

Jederzeit! Diese Region ist so reich an kulturellen, kulinarischen, touristischen Geheimtipps, dass man noch drei, vier, fünf Bände darüber schreiben könnte und immer noch fällt ein neuer Lieblingsplatz auf, den wir empfehlen können.

Andreas M. Bräu, geboren in Garmisch-Partenkirchen, arbeitet seit mehr als zehn Jahren als freischaffender Autor, Schauspieler und Moderator. Neben seiner Titelrolle in “Ludwig II. – ein ewig Rätsel will ich bleiben” für das Kurtheater Garmisch-Partenkirchen steht er bei vielen Tourneeproduktionen in Bayern auf der Bühne. www.andreasmbraeu.de Sebastian Schoenwald, Jahrgang 1982, geboren und aufgewachsen in Partenkirchen, zog es gleich nach dem Abi in die Werbebranche wo er nach universitären Irrwegen wieder angekommen ist. Er liebt seine Heimat und sieht es als Privileg, dort leben und arbeiten zu dürfen.

 

 

 

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Vorankündigung: Elke Pistor – Vergessen

Smart, cool und sensibel – Verena Irlenbusch ist der neue Star am Ermittlerhimmel

Kommissarin Verena Irlenbusch steht unter Druck: Während sie einen hochintelligenten Psychopathen jagt, verschlimmert sich die Alzheimererkrankung ihrer Großmutter. Außerdem wurde ihr der schlechtgelaunte Kollege Christoph Todt an die Seite gestellt, dem sie jede Information aus der Nase ziehen muss. Doch Verena bleibt liebevolle Enkelin und professionelle Ermittlerin – auch wenn es sie fast zerreißt. Als sie schließlich auf die Spur des Mörders kommt, verfängt sich Verena in ein Netz aus lang vergessener Schuld und neuem Hass. Wird sie diesen Fall heil überstehen?

 

 

Am 8.8. erscheint der neue Krimi eine meiner Lieblingsautorinnen: Vergessen von Elke Pistor. Worum es geht, erzählt sie in einem kurzen Video-Interview.

Zum Start könnt ihr hier auf Nachtgedanken zwei signierte Exemplare des Romans gewinnen. Einfach bis 15.8. hier oder bei Facebook kommentieren, warum ihr Vergessen lesen möchtet. Die Verlosung folgt dann am 16.8.

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Interview mit Jens „Jo“ Kramer und Nina George alias „Jean Bagnol“

Jean Bagnol Ihr seid beide erfolgreiche Schriftsteller. Wie war die Zusammenarbeit?
N.G.: Aufregend. Sie war insofern aufregend, weil wir zusammen mehr Ideen hatten als alleine. In der Summe unserer Teile sind wir mehr als jeder allein. Andererseits, während normale Ehepaare sich ungefähr nur sieben Minuten am Tag unterhalten, mussten wir zusehen, dass wir mal sieben Minuten Ruhe hatten. Wir mussten unglaublich viel reden, was wer gerade schreibt, denkt, meint, plant…. Wir mussten uns ständig unterhalten. Das war sehr, sehr zeitaufwendig. Irgendwann haben wir zwei Zimmerwände mit Kapitelplänen, Figuren-Details und Plotideen tapeziert, um immer auf demselben Stand zu sein.
J.K.: Und wir haben gelernt, füreinander anstrengend zu sein – und sich trotzdem auszuhalten. Während man in einer normalen Zusammenarbeit sagen kann: „Ach komm, lass stecken, wir machen jetzt einfach weiter…” ist es bei diesem Buch so gewesen: Wir mussten jede Unstimmigkeit ausräumen, denn sonst hätte es nicht geklappt. Wir mussten uns genau aufeinander einstimmen. Wenn das nicht hundertprozentig hinhaute, dann klappte die ganze Geschichte nicht. Wir mussten alle Eitelkeiten und Ängste vergessen, und uns mutig alles sagen, was wir wollen, und was wir nicht wollen.

Hat es euch vorangebracht im Hinblick auf eure eigenen Bücher?
N.G.: Absolut. Es gibt nichts Unausgesprochenes mehr zwischen uns. Wir haben geübt, Kritik zu üben. Wo man früher aus Nettigkeit oder Konfliktscheu verschwiegen hat, dass man fand: Oh, da ist eine Länge drin. Oh, die Figur ist nicht überzeugend, die gehört gar nicht in diese Geschichte! – haben wir jetzt trainiert, absolut ehrlich zu urteilen, ohne kränkend zu sein. So können wir jetzt gegenseitig unsere eigenen Projekte neu und freier beurteilen – frei von falscher Rücksicht. Für meine eigene Arbeit hat mir das sehr viel gebracht: Ich habe zwar immer noch einen Hang zu Reflexion und Landschaftsbeschreibung ohne Ende, aber das spare ich mir jetzt zum Beispiel beim Lavendelzimmer-Nachfolger. Das hat mir die Arbeit mit Jens gebracht: die eigenen Schwächen zu minimieren. Und die Stärken zu erkennen.
J.K.: Stimmt: Wir haben sowohl die Schwächen als auch die Stärken des anderen kennengelernt. Wir waren ja zum Teil im gleichen Kopf. Dadurch konnte ich sehen, wie Nina mit Sprache, Stil, Dramaturgie und Metathemen arbeitet, und sie konnte einiges von mir abgucken; Dialoge, Ironie, kreatives Chaos. Ich bin davon überzeugt, dass unsere gemeinsame Arbeit uns beiden neue Tricks beigebracht hat.

Wie kam es zu dem Projekt?
J.K.: Manche Romane entstehen im Kopf. Sie sind geplant, durchdacht, mit Zeit und Strategie erarbeitet. Und ganz selten – und das sind oft auch die richtig tollen Romane –, da entsteht die Geschichte praktisch durch eine Offenbarung, wie eine Ohrfeige aus dem Nichts: Auf einmal sieht man eine Szene, denkt einen Schlüsselsatz, sieht eine Figur. Nur ein Augenblick, und man denkt: „Wow! Das ist es!“ In unserem Fall haben wir beide etwas wahrgenommen. Eine bestimmte Beobachtung. Und wir haben uns angeguckt und haben gewusst, wie im Kopf des anderen die gleiche Idee entstand. Das war gelinde gesagt: irre. Null Strategie, sondern eine Musenwatsche.
N.G.: Zuerst hatten wir sogar die Idee, einen Koch und einen Gourmet-Kater ermitteln zu lassen. Aber wir haben gemerkt, dass der Koch mich – weil ich die Figurenhoheit über ihn gehabt hätte – nicht genug reizt, nicht für eine Serie. Dann haben wir gemeinsam die halbalgerische Drogenfahnderin Zadira entwickelt, während Jo sich den Kater vornahm. Wir hatten die Idee am Abend des 6.7.2012 in Mazan, 442 Tage später hatten wir das Ding ausgeliefert auf dem Tisch. Und dazwischen waren wir in der Zone des Wahnsinns. Schreiben, planen, zweifeln, streiten, versöhnen, weiter schreiben.
J.K: Die erste Zeit, in der wir uns nur darüber unterhalten haben, was wir aus dieser Grundidee machen könnten, war die schönste. Weil wir da noch nicht arbeiten, sprich: schreiben, planen, abwägen, entscheiden mussten! Wir haben die Wochen, in denen wir nicht geschrieben sondern gemeinsam auf dieser Idee herumgekaut haben, wahnsinnig genossen. Das ist sowieso immer das Schönste am Schreiben – entweder noch nicht zu schreiben oder schon geschrieben zu haben. Das Dazwischen ist leider unglaublich unromantisch.

Wie war das, einen Kater zu schreiben?
J.K.: Ich habe mich erstaunlicherweise recht schnell in die Katerpersönlichkeit einfinden können. Sich in eine Figur hinein zu versetzen gehört zur serienmäßigen Aussattung eines Autoren. Mann, Frau, Kind, Killer, Käfer, Kater … Man beobachtet, man studiert die Verhaltensweisen und versucht, die Lücken des Nicht-Wissens – die wir natürlich haben; wir wissen nicht, wie eine Katze denkt –, diese Lücken des Nicht-Wissens zu füllen. Das gelang ganz gut, so dass ich die Hälfte wieder rausschmeißen musste, sonst wäre der Roman 600 Seiten lang geworden.
N.G.: Irgendwann war die Geschichte so überbevölkert mit den charmanten Weltherrschern, dass der Krimiplot sich schamhaft in eine Ecke drückte.

Jean Bagnol Hast du ein Anschauungsobjekt gehabt?
J.K.: In der letzten Phase hatten wir einen Besuchskater, Gigi, ein Britisches Kurzhaar, das nur fließend Wasser trinkt und lieber Plastikfalter als Kunstmäuse jagt.
Ich war mein halbes Leben Katzenbesitzer, in meinem Wohnhaus in Eimsbüttel gibt es etliche Katzen, die täglich bei mir hereinschauen. Katzelein, Schröder, Mikesch … also, Rohmaterial läuft genug in der Gegend herum (lacht). Jeder, der Katzen hat, weiß, dass Katzen eigene Charaktere haben. Das hat besonderen Spaß gemacht, diese unterschiedlichen Katzenpersönlichkeiten darzustellen. Den dicken Faulen Oscar. Die feinfühlige Louise, die ein bisschen eingebildet ist, weil sie lesen kann. Den zünftigen, aber herzensguten Revierschläger Rocky, der nicht mehr mitbekommt, wenn Katzendamen etwas Bestimmtes von ihm wollen. Es gibt diese Katzentypen überall, ich konnte sie so aus dem Erleben herausgreifen.
N.G.: Ich muss verraten, dass Jo ein Katzenflüsterer ist. Wenn wir in der Fremde sind – zuletzt in Oxford – und die Katzen zur Nacht heraus kommen: Innerhalb kürzester Zeit sind die bei ihm! Da kann ich noch so süß locken: (Nina flötet: ) „Ja, halloo, wer bist du denn, du bist ja ein süßes Mädchen…“ Die ignorieren mich und krabbeln gleich auf Jo herum. Wir können nicht einmal Nachts spazieren gehen, ohne dass ihm was Pelziges hinterher maunzt. Es scheint also, als ob sie in dir irgendeine kätzische Seelenverwandtschaft spüren.
J.K.: Wahrscheinlich war ich in meinem letzten Leben eine Katze.
N.G.: Wahrscheinlich. Katzen sind die besseren Menschen, aber du hast was angestellt und wurdest zum Mensch zurück „degradiert“. Und sicher warst du ein schmusiger Kater in Mazan – dieses Städtchen im Vaucluse war für uns das totale „Katzablanca“. Es besitzt eine mittelalterliche Innenstadt ohne Autos, in der nur Katzen herumlaufen! Wir haben an fünf Abenden so viele unterschiedliche Katzentypen kennengelernt. Die schüchterne Schwarzweiße, die nur im Schatten läuft, die lässige Gescheckte, die so lange auf dem Auto liegen bleibt, bis es los fährt, der freche Schwarze, der einem die Wurst vom Teller zieht. Da haben wir uns auch bedient für die literarische Katzenbande.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen, Bagnol?
N.G.: Der stand in Mazan auf ganz vielen Grabsteinen – der Friedhof dort ist berühmt für seine neunundsechzig Merowinger-Sarkophage, für Fans der Bestattungskultur ein echtes Highlight. Zuerst sollte der ermittelnde Koch so heißen, aber dann haben wir uns entschieden, Jean Bagnol für unser Pseudonym zu verwenden.

Gibt es schon weitere Pläne für Jean Bagnol?
N.G.: Wir haben Ideen für weitere elf Folgen. Aber wir müssen erst noch absprechen, welche als nächstes verwirklicht werden soll.

Dann herzlichen Dank und viel Erfolg!
Die Bagnols: Vielen lieben Dank – merci und „mau“!

Jean Bagnol ist das Pseudonym des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jens “Jo” Kramer. Die Spiegel-Bestsellerautorin George und der Journalist, Pilot und Schriftsteller Kramer sind seit 2006 verheiratet, leben in Hamburg, schreiben unter insgesamt sieben Namen und Pseudonymen und veröffentlichten bisher insgesamt 29 Solowerke (Romane, Sachbücher, Thriller, historische Romane). George und Kramer wurden bisher dreimal – einzeln – für den DeLiA, den Preis für den besten deutschsprachigen Liebesroman, nominiert; 2011 gewann George ihn mit dem Knaur-Roman “Die Mondspielerin”. “Commissaire Mazan und die Erben des Marquis” ist der erste gemeinsame Jean-Bagnol-Provencethriller des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jo Kramer. Sie wären beide gerne als Katzen auf die Welt gekommen, müssen sich aber damit begnügen, die Samtpfoten zu erforschen und erstmals über sie zu schreiben. Als Provence-Liebhaber und Spannungsautoren kam ihnen die erste Idee zu “Commissaire Mazan und die Erben des Marquis”, als sie im Château de Mazan im Vaucluse ihren zukünftigen Helden auf leisen Pfoten (und mit unwiderstehlicher Eleganz) eine Thunfischpastete stehlen sahen. Mehr über Jean Bagnol: www.jeanbagnol.com. Mehr über Jens “Jo” Kramer: www.jensjohanneskramer.de. Mehr über Nina George: www.ninageorge.de.

Fotos ©Angelika Scholz/Knaur

 

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Interview mit Zoë Beck

Zoë Beck Zoë, herzlichen Dank, dass Du Dich bereiterklärt hast zu einem Interview für den Blog Nachtgedanken. Stellst Du Dich uns kurz vor bitte?

Mein Name ist Zoë Beck, ich bin 1975 geboren, habe sehr früh angefangen, Klavier zu spielen. Das war lange Zeit mein großer Traum. Ich hab dann noch alle möglichen anderen Sachen gemacht, Theater, Film, Fernsehen, ich habe Literatur studiert, und bin jetzt seit 2004 ziemlich konstant dabei, dass ich mich nur an eine Sache halte, nämlich in erster Linie Bücher zu schreiben. Ich übersetze auch und bearbeite auch Texte redaktionell, aber in erster Linie bin ich Autorin.

Du hast bereits sehr früh als Pianistin Erfolge gefeiert, was gab den Ausschlag, die musikalische Karriere nicht weiterzuverfolgen?

Oh, da kamen mehrere Sachen zusammen. Einmal fanden meine Eltern es nie besonders toll, dass ich das wirklich professionalisieren wollte, da hatten sie dann schon ziemliche Angst davor, Stichwort „brotlose Kunst“. Nicht dass ich jetzt etwas machen würde, was auf sehr viel Gegenliebe stößt, aber jetzt bin ich ja auch ein bisschen älter. Ich glaube, dadurch, dass mir der Rückhalt von zuhause gefehlt hat, fing das irgendwann an, dass ich die Nerven nicht mehr hatte, und dann kam eine ganz schlimme Auftrittsangst dazu bis hin zu einem Blackout bei einem öffentlichen Auftritt, dass ich einfach nicht mehr weiterspielen konnte, und danach ging es mir einfach wahnsinnig schlecht, nervlich, so dass ich große Schwierigkeiten hatte, wieder in das Klavierspielen hineinzufinden. Ich habe das dann noch eine Zeitlang gemacht, aber es ist wirklich eine reine Nervensache gewesen. Ich musste mir danach wirklich etwas anderes suchen und mich noch einmal neu definieren, um wieder Fuß zu fassen, für mich selbst.

Und wie fühlst Du Dich jetzt bei Lesungen?

Ja, das war eine spannende Sache. Als ich nämlich meine erste Lesung hatte, da dachte ich vorher, ich werde bestimmt sterben oder auf der Bühne ohnmächtig zusammenbrechen, ich dachte, vielleicht ist vorher sterben die bessere Variante (lacht). Ich weiß noch aus Studienzeiten, dass ich bei Livesachen natürlich eine gewisse Aufregung dabei hatte, ich habe das aber relativ zeitig schon trainiert, indem ich zum Beispiel Theater auch mal gespielt habe, Verhaltenstraining gemacht habe. Gut, bei den Lesungen ganz am Anfang, da war das immer noch ein bisschen was anderes. Es gibt auch immer noch die Situation, dass ich vorher wirklich Nervenflattern kriege, aber grundsätzlich ist das jetzt, toitoitoi, eine wirklich stabile Sache, dass ich raus auf die Bühne kann und vor allen Dingen, dass ich es auch wahnsinnig gerne mache. Ich merke, dass ich sehr viel lieber Lesungen mache als ich damals öffentlich Klavier gespielt habe. Und das hat, glaube ich, auch damit zu tun, da könnte man jetzt einen Psychologen fragen, sehr viel damit zu tun, wie ist die eigene Wertschätzung der Sache und wie ist die eigene Selbstsicherheit. Da macht dann das Alter und die Erfahrung auch nochmal viel aus, und vielleicht war es das Klavier einfach nicht. Dieses Interpretieren von Sachen, von was Fremdem, und dann dieser Druck, der natürlich im Klassikbereich dann auch da ist, wo alles perfekt sein muss und keine Fehler verziehen werden, was ja jetzt, wenn man auf der Bühne steht und etwas Eigenes vorliest, nicht so zwingend ist. Da kann einem ja keiner sagen, ja, das haste jetzt aber falsch, weil das Wort steht doch da anders rum. Dann könnte ich sagen, ich bin die Autorin, ich les das jetzt aber so rum. Da ist doch eine deutlich lockerere Atmosphäre, und diese Sachen machen dann sehr viel aus und helfen mir sehr, und deshalb bin ich jetzt deutlich lieber auf der Bühne als früher.

Und hattest Du schon ganz lange einen Roman in der Schublade liegen?

Ich hatte nicht mal eine Kurzgeschichte in der Schublade liegen. Ich hatte eine vollkommen wahnsinnige Freundin, ich liebe sie übrigens heiß und innig, wir waren Kolleginnen bei einer Filmproduktionsfirma, und sie ist dann gewechselt als Filmagentin in eine Literaturagentur, also als Agentin für Filmstoffe. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Stelle als festangestellte Autorin für so eine Fernsehserie, und das hat mir nicht besonders viel Spaß gemacht. Meine Freundin rief mich eines Tages an und sagte, Du, hier war grad jemand bei der Literaturagentin und sucht Krimis, setz Dich doch mal hin und schreib was. Das hab ich dann auch getan, ich dachte, das wird sowieso nix, aber gut, bevor ich mich langweile. Mein Job war, wie gesagt, nicht wirklich toll, und ich hatte auch einfach vor, etwas anderes zu machen, und ich dachte, das kostet mich ja jetzt nix außer Zeit und mal den Versuch. Ja, und kurz darauf hatte ich dann einen Drei-Buch-Vertrag für eine Krimireihe, die in Rostock angesiedelt ist. Das habe ich dann noch unter einem anderen Namen geschrieben. Ich saß dann erstmal sehr konsterniert zu Hause und dachte, verdammt, was habe ich getan, jetzt muss ich auch noch Bücher schreiben. So kam das, ja.

Findest Du Deine Geschichten oder finden Sie Dich?

Wir finden uns, wir begegnen uns. Wenn ich merke, dass mich ein Thema sehr berührt und ich dann Charaktere vor mir sehe und dass es sofort anfängt, in mir zu arbeiten. Ich habe mich gestern mit jemandem unterhalten, das war eher so eine Zufallsunterhaltung, und ich bin heute Morgen wach geworden und dachte mir: oh, das ist so eine interessante Figur, das kann ich einbauen. Es kann sein, dass es die Hauptfigur für den nächsten Roman wird, es kann sein, dass es eine Nebenfigur ist, es kann sein, dass eine Kurzgeschichte draus wird oder überhaupt nichts, aber dieses Gefühl, das stellt sich dann manchmal eben ein.

Hast Du einen Schreibrhythmus und brauchst Du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

Ja, ich bin nicht so ein Tagsübermensch. Das passt ja zum Blog, ich bin mehr so der nachtgedankliche Mensch (lacht). In der Nacht ist es ruhig, da ruft niemand an, naja, manchmal rufen auch Leute an, die eben auch nachts arbeiten, aber es ist insgesamt deutlich ruhiger, es kommen weniger Mails, und auf Facebook wird ja dann auch nicht so viel gepostet. Wenn ich schreibe, mache ich in der Zeit nichts anderes, also da kann ich nicht sagen, jetzt schreib ich mal zwei Tage und dann habe ich noch einen Tag für einen Artikel, dann mache ich mal morgens die Übersetzung und abends das Schreiben, das geht nicht. Ich schließ mich dann wirklich weg zum Schreiben. Manchmal wechsle ich dann auch den Ort, dass ich mich irgendwo zurückziehe, etwas miete und sage, ok, jetzt bin ich hier zwei Monate. Natürlich hilft es am meisten, wenn man kein Internet hat. Ganz ehrlich. Und sich Notizen macht, was man gerne recherchieren möchte, und dann geht man für eine Stunde am Tag ins Netz und recherchiert das schnell durch. Das hatte ich in St. Andrews, das war total spannend. Da hatte ich mir ein Häuschen gemietet, es gab weder Telefon noch Internet, und ich musste mich dann jeden Tag mit meinem Bibliotheksausweis irgendwo hinten anstellen und warten, dass ich dann endlich dran kam. Und es gab dann nur eine halbe Stunde oder eine Stunde, länger durfte man nicht am Tag. Und ich dachte erst so: was, nur eine Stunde Internet am Tag, oh ist das furchtbar, das geht ja gar nicht, das kann ich nicht, das halte ich nicht aus. In der zweiten Woche habe ich mich nach einer halben Stunde gefragt, so, was mache ich hier jetzt noch, weil ich mich dann wirklich nur auf die Recherche beschränkt habe, und auch so dieses viele Kommunizieren, dieses, naja sinnlos ist jetzt ein blödes Wort, dieses müßig-vor-sich-hin-kommunizieren, dieses, ach ja, da kuck ich noch mal, och, was mach denn der gerade, das fällt dann natürlich alles weg. Und da hatte ich mich so auf die Arbeit konzentriert, ach, ich muss wieder nach St. Andrews. So sieht das Schreiben aus. Wegsperren, nachts, alles gut.

Was tust Du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Den Plot noch mal überdenken, meistens liegt es daran, dass ich mir nicht ganz sicher bin, wie es mit den Figuren weitergeht, wo sie hin wollen, was ich über die Figuren erzählen will. Wenn es klemmt, ist es meistens, das habe ich jetzt festgestellt, wirklich ein Fehler im Plot oder dass mir noch Puzzleteile fehlen. Oder dass ich etwas an der Figur nicht richtig durchdacht habe. Und das löst sich dann am besten durch Spazieren gehen, Sport machen, das Gehirn mal ausschalten, mit Leuten drüber reden, mal einen Film kucken, mal ein ganz anderes Buch lesen, das möglichst nicht zum Thema ist, damit die Gedanken mal wieder etwas freier werden. Aber Verzweifeln hilft nicht.

Welche Musik hörst Du am liebsten, und lässt Du Dich durch Musik beim Schreiben inspirieren?

Das ist sehr stimmungsabhängig, das kann von Ravels Klaviermusik bis Dead Can Dance und P.J. Harvey gehen. Ich habe verschiedene Playlists gemacht, es gibt auch zu verschiedenen Figuren verschiedene Playlisten. Da es mittlerweile so schöne Sachen wie Spotify online gibt, kann man da auch teilweise reinkucken, ich weiß gar nicht, welche ich öffentlich habe und welche nicht. Ich komme ja eher trotz des Klavierspielens, oder wegen des Klavierspielens, aus der alternativeren Ecke, was man früher Indie genannt hat, ich mag auch die etwas härtere Musik. Ja, das ist dann sehr abhängig davon, was ich gerade schreib, was dazu passt, und manchmal passt überhaupt keine Musik, da muss ich ausschalten. Da muss es ganz, ganz, ganz still sein.

Welche Phase eines Buches oder einer Kurzgeschichte ist die anstrengendste für Dich?

Ich glaube die Überarbeitungsphase, aber das sage ich nur, weil ich gerade etwas überarbeiten muss und es ganz, ganz furchtbar finde. Ich hasse es zu überarbeiten. Ich hasse es noch mal, wenn ich dann sehe, dass die Lektorin recht hatte. Das finde ich so doof, aber sie hat leider recht. Überarbeiten ist grausam. Aber, es ist ja alles eine sehr handwerkliche Sache, und jeder Part ist auf seine Art und Weise schwer. Aber Ideen suchen und finden, das macht ja Spaß, die Figuren zu konzipieren macht Spaß, selbst das Schreiben macht Spaß, und ich glaub wirklich, das Überarbeiten ist nicht so mein Lieblingsthema.

Du bist bereits Glauser-Preisträgerin für die beste Kurzgeschichte 2010, 2011 folgte eine weitere Nominierung, Du warst dieses Jahr für den DeLiA-Preis nominiert, mit Das zerbrochene Fenster bist Du im September auf der KrimiZEITbestenliste in den Top Ten unter den Größten des Genres. Spornen Dich die Preise und Nominierungen an oder ist es eine nette Beigabe zum Schreiben?

Da müsste ich jetzt lügen, wenn ich sagen würde, ach, das ist mir egal, ob ich Preise kriege. Letztendlich, ob man jetzt gewinnt oder nicht, das ist dann sehr situativ. Aber allein in Betracht gezogen zu werden, allein, so eine Wertschätzung von einer Jury zu bekommen, das finde ich ganz, ganz toll. Ich hab auch letztens irgendwo jemanden getroffen – ich darf auch keine Namen nennen, nicht dass die Dame Ärger kriegt – und die meinte, ja, Dein Buch xy hab ich ja mal für die Blabla-Jury gelesen und mir hat das so gut gefallen, leider ist es nicht auf die Shortlist gekommen. Ich find das natürlich toll, weil ich dann das Gefühl habe, es findet sich langsam das Publikum. Publikum finden finde ich wahnsinnig schwer. Da gibt es ja diese Diskussion, wie sollen die Cover aussehen und was soll vorne draufstehen, und dann steht Thriller drauf, und dann denken die Leute, das ist jetzt so ein blutiges Gemetzel, und sie sind natürlich enttäuscht und sagen, das ist ein langweiliges, blödes Buch, und was will ich denn mit dem ganzen Familiengeschichtenscheiß, und da soll doch jetzt mal bitte jemand tot umfallen und ausgeweidet werden, dann hat man einfach sein Publikum nicht gefunden. Aber wenn jemand sagt, das fand ich super, so super, dass ich sagen kann, es hat mir am besten gefallen von soundso vielen Büchern, weil es genau meinen Geschmack getroffen hat und dann auch noch diese handwerkliche Wertschätzung dazu, weil ich dann doch denke, dass Juroren auf so was kucken, ist es sauber geplottet, ist es gut durchgezogen, das ist toll, ja, das gibt natürlich einen Boost. Mit gibt es, sehr zum Leidwesen der Verlage sicherlich, mehr Schwung als gute Verkaufszahlen (lacht).

Du hast schon in verschiedenen Genres veröffentlicht, zuletzt einen Jugendroman, Edvard, und wieder einen Thriller. Gibt es noch ein Genre, in dem Du unbedingt noch ein Buch schreiben möchtest?

Vielleicht ein Buch, das nicht genregebunden ist. Also einfach eine Geschichte schreiben und kucken, wo sie hingeht. Ich weiß ziemlich genau, was ich alles nicht so kann, ich wäre glaube ich nicht besonders gut in historischen Romanen, weil ich faul bin. Was muss man da recherchieren! Das ist ja bewundernswert, was die da alle sowohl sprachlich als auch inhaltlich leisten, und die sitzen den ganzen Tag in den Bibliotheken, das muss man wollen. Mich interessieren da eher so diese menschlichen, diese inneren Abgründe und Beweggründe, müssen ja nicht nur Abgründe sein. Die neuere Geschichte, das interessiert mich auch, aber so dieses Zurückgehen in zurückliegende Jahrhunderte, wo es keine Zeitzeugen mehr gibt, das wär nicht meins. Erotik kann ich nicht, zum Beispiel. Science Fiction können auch andere sehr viel besser, auch wenn ich Science Fiction ganz klasse finde. Ich muss auch weiter kucken, was ich kann, und ich weiß nicht, ob das dann weiterhin genregebunden sein wird oder sein muss. Man wirft mir ja auch jetzt gerne beim Krimi vor, dass ich da zu sehr in andere Richtungen ausufere oder zu wenig den Krimi bediene, manche wollen halt die Rätselgeschichte haben und manche wollen, wie gesagt, das blutige Ausweiden mit dem Psychopathen. Ich sag jetzt nicht, ok, damit verkaufe ich besonders viel oder das ist ein Genre, das super läuft, deshalb will ich das jetzt auch mal mitnehmen, sondern, was will ich eigentlich erzählen, und vor allem auch, was kann ich. Und da bin ich immer ganz froh, wenn Leute mir da auch in der Richtung helfen und sagen, ok, das ist jetzt nicht so Deins, aber so und so musst Du weitermachen. Krimi oder alles, was so sehr dunkel, abgründig, düster, mysteriös ist, mit psychisch kranken Menschen, was auch immer das über mich sagen mag, aus irgend einem Grund gefällt mir das. Edvard hat ja auch eine deutliche Persönlichkeitsstörung, natürlich ist es irgendwo ein normaler Teenager, aber irgendwo ist er dann wieder auch nicht normal, er hat vielleicht noch nicht so eine richtige Störung, aber er ist auf dem Weg, er könnte, wenn die Eltern weiterhin alles glauben richtig zu machen, auch ganz schön einen an der Klatsche behalten. Es kann auch sein, dass er sich fängt und völlig normal wird und irgendwo auf der Behörde seinen Job findet und total glücklich wird. Leute, die ein bisschen oder auch sehr weit neben sich stehen, das interessiert mich. Was sie für Probleme haben und warum sie einfach nicht wie jeder andere durch den Tag kommen.

Welches Genre liest Du gern selbst? Hast Du einen Lieblingsautor?

Ich habe eine ganze Menge Lieblingsautoren, ich lese gerne im Kriminalromanbereich, ich les auch gerne, was man so die „normale“ Literatur nennt, da gibt es sehr viele sehr unterhaltsame, sehr gut geschriebene, sehr abgründige, sehr schräge Sachen. Es muss nicht immer jemand sterben, es darf lustig sein, ich lese einfach gerne gute Bücher. Und dann ist es mir auch egal, was vorne drauf steht als Genre.

Hast Du literarische Vorbilder?

Es gibt Texte, die mich inspirieren, wenn ich sie lese. Nicht, weil ich genauso schreiben möchte, sondern weil ich denke, kuck mal, wie der oder die mit Sprache umgeht und die Sätze baut, die Figuren einführt, die Szenen baut. Das dann schon. Alles was mich wirklich zum Nachdenken bringt. Ich finde Ian Rankin oder Denise Mina sehr inspirierend, das sind beides schottische Krimiautoren. Die nenne ich glaube ich immer, das wird langsam langweilig. Was mich total begeistert hat, war, als ich zum ersten Mal Don Winslow gelesen habe, weil der so anders war und mal endlich wirklich eine neue und ungewöhnliche Stimme. Es gibt schon Gründe, warum er so einen Riesenerfolg hat. Jetzt fällt mir auf Anhieb natürlich nichts ein, aber in letzter Zeit gab es schon einiges, wo ich die erste Seite gelesen und gedacht habe, Mensch, da kann aber jemand schreiben. So muss es sein. Wen ich als Kind gerne gelesen habe, das war aber eher eine inhaltliche, weniger eine sprachliche Sache, da habe ich, und da bediene ich jetzt sicher auch wieder Klischees, Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann sehr geliebt. Auch da die Abgründe, der Wahn, dieses Nichtwissen, was ist jetzt Realität und was ist nur in meinem Kopf. Im Moment lese ich gerade mit großer Begeisterung Rocking Horse Road von Carl Nixon. Das ist aus der Wir-Perspektive geschrieben, ganz ungewöhnlich, ganz spannend. Ich habe schon einmal ein anderes Buch aus der Wir-Perspektive gelesen, And Then We Came to the End von Joshua Ferris, solche Sachen lese ich einfach wahnsinnig gern, dieses etwas Experimentellere. Deshalb sage ich Vorbilder, das sind weniger eine Person, sondern ich versuche mich eher davon leiten zu lassen, was man alles mit der Sprache machen kann und wie man Geschichten erzählen kann.

Du pendelst zwischen Berlin und Edinburgh. Gibt es noch eine weitere Stadt, in der Du gerne leben möchtest?

Ich habe schon in so vielen Städten gelebt. Ich bin ja auch sehr viel in München. München ist hier in Deutschland sicherlich meine zweite Heimat nach Berlin. Berlin ist ja eine relativ neue Heimat. Ich möchte mit Sicherheit irgendwann mal wieder eine längere Zeit in London sein, ich habe Dublin noch auf dem Plan stehen. Und ich meine das jetzt alles nicht für Wochenendausflüge, das mache ich ja oft genug, sondern einfach für länger. Und dann muss ich halt kucken, wie es sich finanziell ausgeht und wo mich das alles so hintreibt, aber ich bin schon eher im englischprachigen Raum unterwegs. Hat ganz egoistische Gründe, da kenne ich wenigstens die Sprache, da habe ich nicht so Angst, das ich etwas Falsches auf der Speisekarte bestelle oder nicht weiß, wo ich lang laufen muss, da bin ich ein bisschen schüchtern.

Wie hoch ist Dein aktueller SUB?

Das S steht bei mir nicht für Stapel, sondern eher für Schrank. Ich habe den Überblick schon lange verloren. Ich sortiere dann auch immer mal wieder ein paar von den ungelesenen Büchern aus und denke so, ok, ich komme eh nicht mehr dazu, sie zu lesen, dann kann ich sie jetzt auch verschenken. Ich verschenke oder ich setze sehr viele Bücher aus, weil ich sonst untergehe. Es gibt so viele tolle Sachen, ich bin so froh über Leseproben und so froh über den Kindle. Jetzt kotzen die Buchhändler wieder, aber es tut mir leid, ich unterstütze den Buchhandel, ich kaufe so viele Bücher, ehrlich, aber manchmal hole ich mir auch gerade die englischsprachigen Sachen auf den Kindle. Die hassen mich jetzt, die Buchhändler, aber nein, ich liebe Euch!

Kannst Du uns schon etwas über Dein nächstes Projekt sagen?

Nein, weil ich es diese Woche erst besprechen werde. Ich wechsle gerade den Verlag, das ist glaube ich mittlerweile kein Geheimnis mehr, ich werde mir da jetzt natürlich überlegen, ob ich Figuren mitnehme, ob ich die Landschaft mitnehme oder einen Schauplatz mitnehme, im Moment bin ich da erstmal ganz offen und werde mir in diesen Tagen mit Sicherheit noch ein paar Notizen machen und dann noch weiter überlegen. So gegen Ende des Jahres werde ich Entscheidungen getroffen haben.

Also dürfen wir hoffen, noch etwas von Ben und Cedric zu lesen?

Wollt ihr das denn?

Also ich schon.

Aber die hatten wir doch jetzt schon so oft.

Es sind aber sehr interessante Figuren und es sind ja auch noch einige Fragen offen.

Ja, ich habe mir schon überlegt, ob ich das nicht irgendwie so als Goodie mache, also falls ich mit den Figuren nicht weiter mache, dass ich einfach Cedrics Geschichte noch mal zusammenschreibe, gerade die Geschichte mit seinem Vater. Ich mach das Ding auf 50 Seiten und haue es als kostenloses ebook raus. Habe ich mir auch schon überlegt. Ich meine, warum nicht? Ich habe das Gefühl, vielleicht ist Cedric auserzählt. Wir kennen ihn ja schon, und natürlich könnte ich jetzt noch weitermachen. Jetzt hat er den Halbbruder und wie geht denn das weiter, aber Cedric ist jetzt in Behandlung, er hat seinen Therapeuten, er nimmt seine Tabletten, wir wissen, dass er Probleme hat. Ich möchte dann auch nicht, wie andere, diesen Fluch der Serie, dass ich dann irgendwie nach 17 Büchern immer noch dieselben Geschichten erzähle oder mich dann selber mit denen langweile. Keine Ahnung, ich muss es überlegen.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein und was ist das Nervigste?

Da müssen wir mal erfolgreiche Autorinnen fragen.

Hier sitzt eine vor mir.

Ich darf das machen, was im am Großartigsten finde, ich darf Bücher schreiben. Und das ist das Tollste daran. Und kann davon auch leben. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Das Nervigste ist die Angst davor, wie sich das nächste Buch verkauft und ob es weitergeht. Das sind wirklich rein existenzielle Sachen, ansonsten nervt überhaupt nichts. Und ich glaube, was mich nervt ist das, was jeder in seinem Job hat, jeder Selbständige hat. Gerade so als Freiberufler macht man ja meistens etwas, das einem Spaß macht. Sollte man. Weil man da so viel Zeit investiert. Aber wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, und das wissen ja viele Freiberufler nicht so ganz genau, mittlerweile auch viele Angestellte nicht mehr so genau, das ist halt einfach das Nervige daran. Und natürlich würde gerne jeder von uns pauschal seine 100.000 im Jahr kriegen, oder vielleicht auch nur 50.000, keine Ahnung, aber einen Haufen Geld dafür überwiesen kriegen, dafür, dass er oder sie das macht, was man am liebsten tut. Es hat leider sehr viel mit Geld verdienen und sehr wenig mit Hobby zu tun, es ist ein Beruf, es ist ein Handwerk, man muss es ordentlich machen und sich weiterbilden und dann noch kucken, wie man damit weiterkommt. Das ist genauso anstrengend wie ne Kneipe zu führen und wie als Kindergärtnerin zu arbeiten und wie Arzt zu sein oder sonst was. Es ist einfach anstrengend.

Erzählst Du uns noch eine Anekdote aus Deinem Schriftstellerleben?

Anekdote, hmm. Ach ja, das erzähle ich ganz gerne, die hängt zwar nicht direkt, sondern eher indirekt mit mir zusammen. Ich stand in einer Buchhandlung, zwei Mädels um die Zwanzig kucken in dem Bereich Krimis. Da steht ja meistens immer nur „Krimi“. Dann sagt die eine: Ah ist das blöd hier, kuck mal, da steht Krimis und hier sind aber überall Thriller, also das finde ich ja echt nicht in Ordnung, dass die das alles so zusammen werfen. Sagt ihre Freundin: Was ist denn der Unterschied? Sagt die erste wieder: Naja, Thriller sind halt einfach besser. Also, das ist einfach eine nicht besonders trennscharfe Geschichte, weil man ja auch darüber diskutieren müsste, was bedeutet jetzt eigentlich Thriller, was bedeutet Kriminalroman und wo sind die Grenzen und wie fließend sind sie, aber das hat halt auch viel damit zu tun, was von Buchhandelsketten durch ihre Etikettierung gelenkt wurde. Und dann sprachen sie weiter, nämlich über meinen sehr lieben und sehr geschätzten Kollegen und Freund Sebastian Fitzek: Fitzek ist ja total geil, spannende Bücher, haste den schon gelesen? – Jaja, total geil und spannend und voll krass und so. – Der hat ja auch eine Tochter, da habe ich gehört, der liest ihr abends immer seine Geschichten vor, und die ist ja noch ganz klein, noch ein echtes Kleinkind. – Boah, krass, solche Leute sollten echt keine Kinder haben. Und ich steh direkt daneben und denk so, das tut er doch nicht! Ich wusste nicht, ob ich etwas sagen sollte, ich dachte nur, oh Gott, das tut er doch gar nicht! Das stimmt doch nicht. Aber wenn man sieht, was sich da für Legenden bilden, kaum, dass man etwas veröffentlicht. Und Sebastian hat ja eine Riesenfangemeinde auf Facebook und Twitter und ein sehr lebhaftes Profil, und so entstehen einfach die unglaublichsten Gerüchte. Sebastian Fitzek sitzt da und liest nachts seiner Tochter seine Geschichten vor. Was dachten die denn, wie alt das Mädchen ist? Wahrscheinlich irgendwas zwischen zwei und fünf, und er liest ihr ganz grausame Geschichten vor? Völliger Unsinn. Und eine Anekdote, die mit mir direkt zu tun hat: Ich geh in eine Buchhandlung, die ein Schaufenster mit meinem neuesten Buch dekoriert hatte. Ich hab mich so wahnsinnig gefreut, dass die das gemacht haben. Ich geh also rein und sage: Hallo, ich bin Zoë Beck, ich freue mich so über das Schaufenster! Und die Frau schaute mich an und sagte: Was? Sie wusste von nichts. Und dann hab ich sofort die Ohren hängen lassen und bin wieder rausgeschlichen (lacht). Das hat ein bisschen wehgetan, weil ich mich vorher so gefreut hatte und dachte, die wissen jetzt alle Bescheid, wenn ich reinkomme und meinen Namen sage. Und diese Frau hat mich einfach so glasig angekuckt, weil sie halt mit der Schaufensterdeko nichts zu tun hat. Natürlich ist es so. Das ist das harte Geschäft.

Ganz herzlichen Dank für dieses tolle Interview und alles Gute!

Ja, dankeschön!

Foto Victoria Tomaschko

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Interview mit Marc Ritter

Marc RitterLieber Marc, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview für den Blog Nacht-Gedanken. Stellst du dich uns kurz vor?

Mein Name ist Marc Ritter, ich bin 44 Jahre alt, bin seit zwei Jahren Autor von Kriminalromanen und Thrillern. Mein erster Krimi war Josefibichl, der im Oktober 2011 herausgekommen ist. Dieses Frühjahr ist Kreuzzug erschienen, ein Thriller, der auf der Zugspitze spielt. Jetzt gerade ist das erste Serien-E-Book von mir namens Transalp auf den Markt gekommen.

 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

So wie viele. Ich habe das schon immer machen wollen, seitdem ich ganz klein war. Ich habe dann auch mal versucht, das als Beruf zu ergreifen, es hat mich aber in eine andere Umlaufbahn geschleudert. Ich bin nicht Journalist, sondern Verlagsmanager geworden, war dann im Internet sehr früh unterwegs, habe da meine Jobs erledigt, immer schönere Jobs bekommen, wie es einen halt da so mitnimmt, auf so einer Welle, und habe darüber das Schreiben, also meine eigentliche Berufung, vergessen. Nicht ganz vergessen, weil es hat immer in mir gebrodelt, und ich habe mir immer gedacht: Ich muss es eines Tages dann doch noch zum Leben erwecken. Vor zwei, drei Jahren gab es das Schlüsselerlebnis, dass mir jemand gesagt hat: „Wenn du das unbedingt machen willst, dann zeig doch mal, was du schon geschrieben hast.“ Aus diesen 40 Seiten ist dann ein Exposé geworden und mit Hilfe dieses Freundes, der mir die Verlagskontakte eröffnet hat, dann auch ein Verlagsvertrag und mein erstes Buch, Josefibichl.

 

Wie findest du deine Geschichten oder finden sie dich?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, wir finden uns. Mich finden Szenen, die fallen mir ein. Die beschäftigen mich dann auch sehr lange. Das beste Beispiel ist Josefibichl, der geht los mit einer Szene, wo jemand joggen geht und dort eine Leiche findet während des Joggens. Und diese Szene habe ich mir oft selbst überlegt: wie wäre das, wenn du jetzt echt in dieser Gegend – in Garmisch-Partenkirchen habe ich ja mal gewohnt und bin sehr oft zum Joggen gegangen – wie wäre es, wenn du jetzt über den nächsten Hügel drüberläufst und da drüben liegt eine Leiche. Diese klassische Auffinde-Szene. Darüber habe ich dann lange nachgedacht, ich glaube, jahrelang habe ich darüber nachgedacht. Aus dieser Szene hat sich dann der ganze Roman entwickelt, und da war das schon eher so, dass nicht mich die Szenen gefunden haben, sondern ich die Szenen beim Schreiben auch rausgekitzelt habe. Also, das Schreiben ist ja schon so ein Vorgang: Man kann lange darauf warten, dass einen die Muse küsst. Eigentlich passiert es nur, wenn man es tut und wenn man einfach dabeibleibt und wenn man den inneren Schweinehund überwindet, und auch vor so einem leeren Blatt Papier zwei Stunden anfängt, und nach zwei Stunden kommt schon irgendetwas heraus. Und so finde ich dann meine Szenen, wobei natürlich vieles einfach in so einem alten Gehirn wie meinem abgespeichert ist. Die Charaktere, die ich gerade in meinen Heimatkrimis, wenn man die so bezeichnet will, wie dem Josefibichl habe, die habe ich alle kennengelernt vor 20 Jahren, als ich während der Schulzeit meine ersten Gehversuche als Lokaljournalist gemacht habe. Da habe ich diese Typen kennengelernt. Die kommen jetzt wieder alle aus der Versenkung hervor.

 

Bist du eher der Typ, der alles von Anfang an komplett durchplant, oder ändert sich da während des Schreibens auch mal was?

Teils-teils. Beim Josefibichl – und auch beim zweiten Krimi, den ich schon vollendet habe, der nächstes Jahr herauskommt – ist es so, dass ich wirklich sehr szenisch vorgehe und eine Szene nach der anderen schreibe und dann schaue, wo mich das hinbringt. Ich bin bei den Krimis sehr sicher, was das Setting anbelangt; die handeln in Garmisch-Partenkirchen und teilweise ein bisschen in München, da kenne ich mich sehr gut aus. Das heißt, da habe ich relative Sicherheit, was die Gegebenheiten anbelangt und auch was die Charaktere anbelangt. Die habe ich ganz gut drauf, sagen wir mal so. Und deswegen kann ich mich da von der Handlung überraschen lassen. Beim Thriller, beim Kreuzzug, war es schon anders. Da war ich nicht ganz sicher, ob ich sowas überhaupt kann, und da habe ich mich herangetastet über mehrere Versionen der Geschichte, die ich am Anfang mal durchkonstruiert habe in Form von fast einer Art Polizeibericht: Zuerst passiert das, dann passiert das, dann passiert das. Relativ nüchtern die Fakten einfach hingeschrieben. Nicht in Stichworten, schon als durchgängiger Text, der hat so 40 Seiten gehabt. Das habe ich dann meinem Agenten gezeigt, auch einer Lektorin, und habe gesagt: Wäre das eine Richtung einer Geschichte, die euch interessieren würde oder die man verkaufen kann? Dann haben die gesagt: „Naja, an der und der Stelle ist es vielleicht ein bisschen too much, und da müsste man anders vorgehen.“ Dann habe ich das dreimal überarbeitet, und dann wusste ich dann aber ziemlich genau was passieren wird in meinem Thriller. Während des Schreibens hat er sich aber dann verändert, logischerweise. Der Plan hat sich dann doch durchaus als sehr, sehr gut erwiesen, aber ich habe ihn natürlich auch beim Schreiben dann verändert. Um Kant zu zitieren: die Verfestigung des Gedankens beim Sprechen. Bei mir ist es die Verfestigung des Plots beim Schreiben. Ich halte es mir die Geschichte schon relativ weit offen. Ich bin auch eher ein schlechter Planer. Ich könnte am Reißbrett kein Haus bauen. Ich bin auch kein Architekt geworden. Ich muss schon immer über das Tun etwas erfahren und auch dabei lernen.

 

Sitzen deine Figuren am Frühstückstisch, und wenn ja, wie geht deine Familie damit um?

Nein, überhaupt nicht. Sie wohnen auf meiner Festplatte, sie wohnen in meinem Kopf, sie wohnen am Schluss dann im Buch und von dort aus dann in den Köpfen der Leser, gottseidank. Ansonsten ist mein Leben mit Personen genug angefüllt, ich habe fünf Kinder (lacht), da brauche ich keine Fremden in meinem Haus. Die Romanfiguren wohnen ganz woanders. Es ist allerdings so, dass, wenn sie mal dann draußen in den Köpfen der Leser drin sind, überraschen mich bei Lesungen, bei anderen Terminen, immer wieder Leser mit Details über diese Personen, die ich selber gar nicht weiß. Das ist immer sehr, sehr spannend.

 

Haben sie ein Eigenleben?

Die haben ein Eigenleben, ja, oder sagen wir mal: sie erleben Identifikation. Das Schönste, was man erfahren kann: Der Hartinger Gonzo, also der Karl-Heinz Hartinger in meinen Krimis, ist ja Lokalreporter und Fotograf. Den habe ich so angelegt, dass er ein bisschen autobiografische Züge trägt, weil ich ja auch mal als rasender Reporter in Garmisch während Schule und Zivildienst angefangen habe, dann eben einen anderen Weg eingeschlagen habe. Der Hartinger Gonzo ist Reporter geblieben, ist dabei gescheitert und ist jetzt jemand, der sozusagen ein bisschen ein Desperado ist. Der kommt nach Garmisch zurück, nachdem er in München Karriere gemacht hat. Ich habe da niemanden konkret im Kopf gehabt. Und als ich dann meinen ersten Pressetermin in Garmisch hatte, habe ich das Buch dem Fotografen geschenkt vom Garmisch-Partenkirchener Tagblatt. Und dann ruft er mich zwei Wochen später an und sagt zu mir: „Jetzt habe ich das durchgelesen – das bin ja ich!“ – Ich sagte: „Ja, wenn Sie meinen!“ – „So viele Parallelen mit meinem Leben, und so weiter. Ich bin auch so eine verkrachte Existenz, meinen Sie mich?“ – „Nein, ich kannte Sie ja gar nicht!“ (lacht)! Es ist immer sehr interessant, wenn sich die Leute selber als Figuren darin erkennen, das ist sehr überraschend.

 

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

„Nicht so gut läuft“ heißt bei mir, dass ich nicht dazu komme, weil ich leider zu viel andere Dinge noch zu tun habe. Das Autorenleben ist ja wie eine Ich-AG, man muss oder darf Presse und Marketing machen, Interviews wie jetzt sind sehr schön, man muss ja in Facebook, muss ja in Twitter, ab und zu mit Leuten sprechen, Lesungen, und ich würde eigentlich am liebsten – ich würde es nicht durchhalten, ich weiß es selber – wie Stephen King, jeden Tag, auch Samstag, Sonntag, Weihnachten, Geburtstag, wie er ja selbst geschrieben hat, einfach dasitzen und schreiben. Kann ich nicht, deswegen habe ich eher ein Zeitproblem und nicht das Problem, dass mir nicht genug einfallen würde. Also, ich versuche es jeden Tag, mich hinzusetzen, aber ich schaffe es leider nicht, das ist mein größeres Problem.

 

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

Eigentlich bin ich da relativ flexibel, ich brauche also nicht diese absolute Ruhe. Wobei ich zum Beispiel jetzt hier, wo wir gerade das Interview machen, auch in so einem Café könnte ich wunderbar schreiben, wenn keiner da ist, den ich kenne, der mich dann anspricht. Ich habe mir natürlich so Noise-Reduction-Kopfhörer gekauft, mit denen ich die Außengeräusche abdimmen kann. Da sitze ich dann gerne. Ich habe so ein paar Lieblings-Schreiborte. Das ist natürlich zu Hause bei mir, aber dann muss man auch immer raus. Es gibt ein paar Lokale in München, in denen ich gerne schreibe. Eines ist das San Francisco Coffee Company am Kurfürstenplatz. Es hat so eine runde Glasscheibe, und da im Eck sitzen immer Leute, die schreiben, da muss man schauen, dass man einen Platz bekommt. Das ist ein energetischer Ort, nicht nur, weil es da eine Steckdose gibt, was immer wichtig ist … da ist halt draußen wahnsinnig viel Verkehr, aber du hast die Glasscheibe dazwischen, man kann auch rausschauen, man braucht ein bisschen Abwechslung. Bewegung ist wichtig. Sonst schläft das Hirn ein. Dann schreibe ich wahnsinnig gerne, wenn es nicht allzu warm ist, auf der Terrasse vom BMW-Museum, da gibt es ja diese M1-Bar. Das ist auch ein unglaublich energetischer Ort für mich – Moment: ich bin gar kein Esoteriker, aber das spürst du einfach, weil du hast natürlich den mittleren Ring davor, der geht ja da in den Petueltunnel rein, du hast diesen Blick auf das Olympiadach, du hast drüben die BMW-Welt, den Olympiaturm, und nebenan ist ja noch ein Original-BMW-Autowerk, da rumpelt ja die ganze Gegend, wenn die da Teile pressen, und du hast ständig Leute über diese Brücke gehen, zur BMW-Welt rüber, aus aller Herren Länder. Japaner, Araber, die sich da fotografieren, es ist so ein wahnsinnig toller Ort, und der ist aber trotzdem unpersönlich, da ist niemand, den man kennt. Und der dritte Ort, das ist, wenn es heiß ist, mein Geheimtipp: Die Terrasse von der Goldenen Bar auf der Rückseite vom Haus der Kunst. Denn das Haus der Kunst steht ja so da, dass die Nordseite auch am Nachmittag im Hochsommer keine Sonne hat. Da ist es immer relativ schattig, dementsprechend, und da ist es kühl, und da kann man auch wunderbar sitzen. Das sind meine drei Lieblingsorte außerhalb der eigenen Wohnung.

 

Hörst du dann Musik beim Schreiben?

Ja, ich höre viel Musik. Da fragen mich dann immer die Leute, wie das geht. Aber ich höre, wenn ich mich konzentriere dann teilweise gar nicht, was ich da auf den Ohren habe. Ich nutze iTunes, und dann merke ich halt plötzlich: Aha, schon wieder vorbei, die Playlist, oder das Album ist schon wieder durch. Das müssen ja jetzt 45 Minuten gewesen sein … Für mich ist es so: Ich mag wahnsinnig gerne Gitarrenmusik und Rock undsoweiter, aber wenn es zu hart ist und zu schnell, zum Beispiel AC/DC oder Ohrenfreindt, das geht beim Schreiben gar nicht. Für mich gehen so Sachen, die ein bisschen ruhiger sind, teilweise ein bisschen kitschig, von Katie Melua bis Norah Jones und Melody Gardot, diese Frauenstimmen sind sehr beruhigend. James Taylor höre ich zur Zeit sehr viel beim Schreiben. Billy Joel, wobei das auch nicht ganz leicht ist, wenn jemand zu gute Geschichten in seinen Liedern erzählt: Billy Joel ist ein großer Geschichtenerzähler. Oder wenn ich die Musik zu gut kenne, wie die Beatles, mit denen ich aufgewachsen bin. Auch schwierig. Ich habe letztens Beatles im Webradio gehört. Da muss ich dann zu sehr zuhören. Also, wenn es mich zu sehr catcht, dann geht es nicht. Es muss so ein bisschen Fahrstuhlmusik sein. Norah Jones ist darum ganz gut, die läuft ja in jedem Fahrstuhl der Welt (lacht).

 

Also, es ist dann nicht so, dass du dich von Musik beim Schreiben inspirieren lässt?

Nein, während des Schreibens gar nicht, da wüsste ich gar nicht, welche Musik das sein könnte, denn es müsste ja zu der Situation passen oder zu den Szenen, die ich da gerade schreibe. Ich lasse sie einfach nur laufen, um das Gehirn sozusagen in so einen Modus zu setzen, wo einfach alle anderen Eindrücke weg sind, würde ich jetzt mal so sagen, um den Kopf warm zu bekommen, dass da irgendetwas ist. Ich habe das mal interessanterweise von einem Taekwondo-Meister gelernt. Man denkt ja immer, diese asiatischen Kampfsportler sind so Esoteriker, die immer Ruhe brauchen und so weiter. Der Mann hat so ein Studio eröffnet an der Sonnenstraße in München, das dürfte eine der meistbefahrenen Straßen in der Münchner City sein. Direkt im ersten Stock hat der sein Studio aufgemacht, mit viel Glas, und ich habe ihn gefragt: „Wieso sind Sie da her gegangen? Da ist ja so viel los draußen, und die Autos und so. Da kann man sich ja nicht konzentrieren“ Er hat gesagt: „Ja, genau. Wenn du dich konzentrieren willst, wenn du weiterkommen willst, denken willst, dann musst du Action um dich herum haben, denn sonst schläft dein Gehirn ein. Und wenn du dich in der Mitte des Getümmels auf eine Sache besinnst, bist du wirklich konzentriert.“ Und so sehe ich das mit der Musik und der Bewegung um mich rum seither auch. Zurück zur Frage: Was mich allerdings schon inspiriert, sind natürlich Musiker, die große Geschichtenerzähler sind. Ich habe Billy Joel schon genannt. Ich weiß nicht, ob du es kennst: Scenes From an Italian Restaurant, oder, klar, Piano Man – diese Szenen, die er da beschreibt an der Bar, und die verschiedenen Typen, mit nur ein paar Schlüsselwörtern, und du hast sofort diese Charaktere vor Augen. Oder die alten Springsteen-Sachen, die erste, Greetings from Asbury Park, N.J., da sind einfach unglaubliche Geschichten darauf, da kann man neidisch werden. Die Songwriter haben natürlich das große Glück, die müssen immer nur dreieinhalb Minuten oder fünf Minuten Text schreiben, aber sehr verdichtet. Das inspiriert mich, oder besser: motiviert mich, sozusagen, mit wenigen Mitteln Figuren so zu beschreiben, dass sie lebendig werden. Das ist ja die Kunst, die wir alle versuchen zu vollbringen.

 

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Das Redigieren und Dreimallesen mit dem Lektor, das ist die anstrengendste Phase. Das Fertigmachen, sozusagen. Alle Kraft ist am Anfang am größten; ich bin auch so ein Typ: Bitte neues Projekt, neues Projekt, neues Projekt. Zwischendrin muss man sich leider mal zusammenreißen, Arschbacken zusammen zwicken und fertigschreiben. Das Schreiben – wenn es mal läuft, ist es ein schöner Prozess, aber dann das fertige Buch noch fünfmal lesen müssen, das ist das Anstrengende.

 

In welchem Genre möchtest du gerne noch mal schreiben, und was hält dich davon ab?

Sachbuch. Mir sind ein paar gute Themen eingefallen. Nicht so sehr theoretische Themen, sondern Menschen vorzustellen, die ich kennengelernt habe. Vielleicht auch Teile meiner eigenen Vergangenheit ein bisschen aufzuarbeiten. Zum Beispiel eine Geschichte, die mir vorschwebt, ist: Ich habe als junger Mensch Zivildienst gemacht, und einer meiner Klienten, den ich betreut habe, war ein Rollstuhlfahrer, drei oder vier Jahre älter als ich, der einen Motorradunfall hatte. Das höchste, was er an seinem Körper bewegen konnte, waren die Schultern. Wie der sein Leben gemeistert hat, jetzt mittlerweile seit dreißig Jahren, verheiratet ist, Kinder hat. Das interessiert mich sehr, weil ich den wirklich seit 25 Jahren kenne, mit großen Abständen natürlich, würde ich den ganz gerne mal interviewen. Ein anderer Typ ist auch – anscheinend fällt mir gerade sehr stark das Thema Behinderung dazu ein – jemand, der war mit mir in der Volksschule in der gleichen Klasse und der hat in Afghanistan als Soldat seine beiden Beine verloren. Unsere beiden Söhne sind im gleichen Eishockey-Klub gewesen, und da ist das dem passiert. Beide Männer meistern ihr Leben auf unglaubliche Weise. Da können sich andere, die immer nur jammern, ein Beispiel nehmen. Und solche Menschen gibt ja einige. Diese unterschiedlichen Leben, die man so hat, in die man hineingeworfen wird. Das ist das Spannende. Portraits von solchen besonderen Menschen würde ich gerne schreiben.

 

Und was hält dich davon ab?

Die Zeit. Die Zeit, die Zeit, die Zeit. Aber ich mach’s. Ich mache mir für jede Idee einen Ordner auf meine Festplatte und schmeiße da wahnsinnig viel Zeug rein. Du kannst nicht alles machen, aber ab und zu im Gespräch mit dem Verlag oder mit einem Lektor oder einem Agenten, der sagt: „Mensch, wäre das jetzt nicht gerade aus dem und dem Thema …“ Da braucht man so einen Fundus an Ideen. Manche sind auch so zwingend; da ist eine andere Geschichte, die darf ich noch gar nicht verraten, das ist auch ein Sachbuchthema, da gibt es einfach noch nichts zu diesem Thema, darum verrate ich es jetzt auch nicht, da muss ich einfach schnell sein. Da hat man wieder Zeitdruck, und dann macht man es auch. Das wäre glaube ich auch der Tipp für jemanden, der fragt: „Wann soll ich das Buch zeitlich platzieren?“ Immer dann, wenn du wirklich meinst, das muss jetzt raus, das ist meistens eine gute Zeit.

 

Du hast mit Josefibichl einen sogenannten Regionalkrimi vorgelegt. Stört dich diese Schublade?

Ich habe ja sehr lange im Marketing gearbeitet, und daher weiß ich, dass alles seine Schublade und sein Label braucht, weil es sonst ja auch nicht verkäuflich wäre. Als Autor würde man sich natürlich freuen, wenn man ein bissl anders behandelt wird als andere, aber verkaufstechnisch ist es gut, wenn man genauso behandelt wird wie andere, dann weiß man nämlich, wo man liegt in der Buchhandlung. Es gibt ja nichts Schlimmeres, wenn man falsch liegt – mein Buch „Josefibichl“ habe ich schon bei „Bavarica“ gefunden, also da passt es wirklich nicht hin, so neben Professor Zöpfl und und Ludwig Thoma, wahrscheinlich, weil gestickte Hosenträger vorne drauf sind. Von daher ist es schon gut, wenn die Buchhändler wissen, dass sie es neben den Jörg Maurer und die Nicola Förg legen sollen. Stört mich überhaupt nicht. Natürlich denkt jeder Autor: „Mensch, das ist ja eigentlich Weltliteratur, was ich hier mache!“ Man darf aber nicht größenwahnsinnig werden. Wir machen als Krimiautoren gute Unterhaltung, das ist unser Job. Mein großes Vorbild ist Lion Feuchtwanger, und wenn ab und zu mir einer sagt: Mensch, an der und der Stelle „feuchtwangert“ dein Buch, dann freue ich mich natürlich wahnsinnig. Ohne dass ichFeuchtwanger imitieren wollte, „feuchtwangern“ reicht mir auch schon. Was ich gerne gehabt hätte, wäre gewesen – aber da wusste ich noch zuwenig über die Branche – dass der Verlag vorne draufschreibt: „Krimineller Heimatroman“. Denn für mich ist das „Heimatroman“ wichtiger als der Krimi, darum sollte das Hauptwort eigentlich „Heimatroman“ sein. Aber da haben die schlauen Leute bei Piper gesagt: „Vergiss es, dann weiß kein Mensch, wo er es hinlegen soll.“ Deswegen: Sagt alle „Regionalkrimi“, und dann kaufen es dieLeute, und dann sehen die ja beim Lesen: Es ist ja gar nicht so klischeehaft, und es bricht das Genre ja auch. Es bietet Sarkasmus, Satire. Meine Krimis sind also ein bisschen anders als der klassische Klischee-Krimi, aber das würden die hier wahrscheinlich in diesem Raum alle sagen. (Anm. d. Red.:Das Gespräch fand im Rahmen des Krimiautoren-Treffens Criminale 2012 in einem Cafè statt, in dem circa fünfzig Krimiautoren saßen.)

 

Mit Kreuzzug hast du einen Thriller vorgelegt, der keine internationalen Vergleiche zu scheuen braucht. Wie kam dir die Idee dazu?

Danke erst einmal für das Lob. Auch bei Kreuzzug gab es einen konkretenAnlass, eine konkrete Szene. Am 10. November 2010 wurde bekannt, dass es offenbar Anschlagspläne gab auf den Reichstag in Berlin. Ich weiß nicht, erinnerst du dich noch daran? Thomas de Maizière war damals Innenminister und hat sich vor die Kameras gestellt und hat gesagt: „Wir müssen die Reichstagskuppel sperren.“ Ich habe mir das im Fernsehen angeschaut und habe gedacht: Okay. Man hatte ja vorher schon Sauerland-Gruppe, und in Madrid und London waren vorher diese U-Bahn-Attentate, also das liegt ja in der Luft, sowas. Jetzt geht es also los. Und das fand ich schon mal hart, dass sie sagen: „Wir sperren den Reichstag für Besucher.“ Wenn die sowas öffentlich machen, dann ist schon irgendwas dran. Ich habe meinen Agenten an dem gleichen Abend angerufen, während der Tagesschau, und habe gesagt: „So ein Terrorthema. Was machen wir denn da?“ Und mein Agent, das ist so ein Klassikfan, sagte: „Bayreuth! Grüner Hügel! Da sind sie alle! Spreng in die Luft!“ – Da sage ich: „Geht nicht. Erstens kenne ich mich da nicht gut genug aus.“ – „Die kann man alle entführen und so!“ Auch ein bissl ein Revoluzzer, der Mann. Dann sage ich: „Außerdem hatte mein Freund Jan Weiler gerade in Drachensaat einen Anschlag in Bayreuth …“ Also, das hätte mich jetzt nicht wirklich gehindert, weil der Jan ein ganz anderes Buch geschrieben hat, aber mir war klar: ich müsste mich da erst einmal in diese Klassik-Szene reinfühlen. Da müsste ich erst mal einen Sommer lang nach Bayreuth gehen, denn man muss ja dieses Flair der Festspiele kennenlernen. Dann ist mein Agent auch noch Protestant und meinte: „Kölner Dom! Echt spannend, weil auch Domschatz und so weiter und so fort.“ Da sagte ich zu ihm: „Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, inspiriert mich jetzt nicht so wahnsinnig. Da kommt man doch zu leicht drauf.“ Aber, trotzdem, das war der richtige Hinweis. Denn Sekunden später ist es mir eingefallen. Er gab nämlich keine Ruhe und sagte: „Mensch, da sind doch so viele Touristen, da ist doch die ganze Welt …“ Und da kam die Idee, „Touristen“ war das Stichwort.„Weißt du, wo wirklich viele Touristen sind? Auf der Zugspitze. Und dann ist da dieses Kreuz da oben, also auch wieder wie ein Dom, wie eine Kirche, und da hast du diese ganzen technischen Anlagen, die man super sabotieren kann. Lass mich doch mal darüber nachdenken.“ Und mein Agent, er kommt aus Bayern, geht auch gerne in die Berge: „Ja, was denn, in unseren Bergen?“ – Darauf ich: „Ja, siehst du, das quält dich? Da hat noch keiner darüber nachgedacht.“ So ist die Idee an diesem Abend entstanden. Insofern bin ich dem Thomas de Maizière, oder dem BKA, oder wem auch immer, sehr dankbar, dass sie das veröffentlicht haben, denn sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, so ein großes Terrording in Deutschland anzusiedeln.

 

Fährst du noch unbefangen mit der Zahnradbahn?

Ja, mit allen Zugspitzbahnen. Ich bin jetzt mit allen Bahnen mehrmals rauf- und runtergefahren. Der BR hat eine Geschichte gemacht und wir haben Filme gemacht für das Internet, da bin ich ständig damit gefahren. Ich habe überhaupt kein Problem damit. Ich würde auch niemandem raten, sich von meinem Buch abbringen zu lassen, auf die Zugspitze zu fahren. Das ist bei schönem Wetter ein super Aussichtspunkt, einen schöneren gibt es gar nicht. Und man muss sich anschauen, wie viel Technik da oben ist. Es ist wirklich teilweise ja wie im Science-Fiction-Film, diese ganzen Telekommunikationsanlagen. Da steht dann mittendrin noch dieses schöne alte Münchener Haus, diese über hundertjährige Alpenvereinshütte. Aber der ganze Gipfel ist ansonsten mit Beton überzogen wie eine Jacketkrone. Und wenn du dir überlegst, dass du da im Winter nicht rauf- und runterkommst ohne diese Bahn, du bist also auf einer Insel, das ist schon sehr beeindruckend. Aber auf was wir uns immer verlassen so als Menschen – da sagst du: „Da komme ich schon wieder runter.“ Ja, aber wenn da mal der Strom ausfällt, dann schaut es schlecht aus. Und über sowas kann man da oben super nachdenken. Darüber geht ja mein Buch eigentlich: Über den technischen Fortschritt und wie er sich auf den Menschen auswirkt.

 

Im Moment veröffentlichst du gerade eine Rätsel-Krimiserie, Transalp wie kam es denn dazu?

Wieder spontan, beziehungsweise hat das natürlich mit meinem Engagement rund um das E-Book zu tun. Ich habe letztes Jahr angefangen, einfach weil es mich interessiert hat. Ich habe ja sehr viel im Internet gearbeitet die letzten 20 Jahre und da fand ich es natürlich spannend: was tut sich denn da mit dem Direct Publishing? Ich habe dann einfach mal eine Kurzgeschichte veröffentlicht als Kindle-Direct-Publishing-Book. Das hat sich natürlich so mäßig verkauft, und ich habe gemerkt: Das eigentlich Schwierige ist das Bücherverkaufen, und nicht das Schreiben. Damals habe ich dann viel gepostet auf Twitter und auf Facebook, und das hat sich dann auch bei mir im Verlag, bei Droemer, herumgesprochen, und ich war da, und da sagte die E-Book-Chefin: „Mensch, können wir sowas wie diesen Mini-Krimi nicht in Serie machen? Wir möchten sowas mal machen, und zwar bitte schon so im Alpenraum.“ Die wissen natürlich, ich bin der Alpen-Spezialist mittlerweile. Da habe ich gesagt: „Ja, gut, Serie wäre natürlich toll, wenn ich jetzt aber einen einen dreihundertseitigen Text durch zwölf teile, und das ist dann eine Serie, dann ist das ja fad. Man braucht ein wirklich verbindendes Element.“ Da meinte die Verlagskollegin: „Ja, es wäre doch schön, wenn jedes Kapitel oder jede Folge aufhört mit einer Frage, wo sich die Leute dann im Internet selber was suchen müssen.“ Gute Idee, das Problem dabei ist aber: Google ist mittlerweile leider so gut, dass du eigentlich wahnsinnig wenig findest, was du nicht findest. Darum meine Anregung: Lass uns doch lieber richtige Rätselfragen machen. Zufälligerweise kenne ich den CUS, den Rätselpapst, aus meiner SZ-Magazin-Zeit. Das hat alles wirklich drei Tage gedauert, dann haben wir gesagt: Das machen wir. Der CUS hat sich auch in die Krimischreiberei reinentwickelt, und nicht nur die Rätsel geliefert. Er ist sozusagen in der Geschichte mit einem Charakter, dem Benno Spindler, vorneweg gegangen. Ich ich mit dem Ermittlerteam hinterher. Und dann haben wir beide ein Faible für die Verschwörungstheorie. Wir sind ja aich in Transalp mitten in einer Weltverschwörung mal wieder, da geht es ja um eine Nazigeschichte außenrum, und um Hitlers Vermächtnis, und um die Nibelungen, und solche Dinge. Sehr viel hat da auch der CUS beigetragen, weil er sich historisch sehr gut auskennt. Das war sehr spannend für mich, zum ersten Mal mit einem Co-Autor parallel an der gleichen Geschichte zu schreiben. Wirklich in Echtzeit, das war unter hohem Zeitdruck, das sollte ja zur Leipziger Buchmesse fertig werden. Wir haben in Google Docs reingeschrieben, gleichzeitig teilweise. Da konnte jeder dem anderen beim Schreiben zusehen, war ein großer Spaß. Der Roman ist also auch komplett im Internet entstanden, wenn man so möchte.

 

Kannst du uns schon etwas über dein nächstes Projekt sagen?

Ja, es ist gerade fertig geworden, es ist natürlich der Nachfolger vom Josefibichl, der heißt Herrgottschrofen. Auch das wie der Josefibichl ein real existierender Ort, diesmal in Garmisch, nicht in Partenkirchen – ich muss ja da auch immer ausgleichen – ein sehr schöner Felsen, an dem ich einen wichtigen Teil meiner Jugend verbracht habe. Wo dann aber Sachen passieren, die natürlich mit meiner Jugend nichts zu tun haben. Morde geschehen da, schlimme Morde. Frauen werden den Felsen runtergeschmissen, ganz schlimm geht es da zu. Der Roman ist fertig, und der kommt im Frühjahr 2013 bei Piper heraus. Für Droemer schreibe ich gerade den Nachfolger des Kreuzzugs. Damit fange ich jetzt im Sommer an, denn der kommt dann im Herbst 2013 raus. Der CUS und ich haben uns sehr verliebt in unser Ermittlerpärchen und den Verbrecher aus Transalp, und auch in dieses Setting mit den Nazis außenrum, und jetzt schauen wir mal, was wir daraus noch machen können. Transalp wird vielleicht auch als Print-Buch herauskommen, das ist ja nur ein reines E-Book, und da haben wir schon zwei, drei Ideen, wie wir das weiterentwickeln können.

 

Welches Genre bzw. welche Romane liest du selbst am liebsten?

Ich halte mich von Krimis und Thrillern so weit es geht fern, denn ich will gar nicht wissen, wie andere schreiben, ich will mein eigenes Ding entwickeln und auch gar nicht sagen: „Mensch, der ist ja viel besser, so würde ich es nie schaffen.“ Also, ich will mich gar nicht damit beschäftigen: ist der jetzt besser oder schlechter als ich. Ich lese sehr viel Sachbücher, logischerweise, für meine Themen. Oder, sagen wir mal, auch so Betrachtungen, wie jetzt gerade Alain de Boton, der das Buch über die Arbeitswelt geschrieben hat. Sehr, sehr schöne Artikel. Wenn ich Literatur lese im klassischen Sinn, das hat immer schon was mit dem 20. Jahrhundert und mit der schrecklichen Nazizeit zu tun. Ich habe die Hoffnung, dass man über Literatur das vollkommen Unverständliche, wie so eine Perversion zustande kommt, vielleicht nicht verstehen, aber vielleicht sich annähern kann. Zur Zeit natürlich Peter Nadasch, die Parallelgeschichten – da wird er wahrscheinlich den Nobelpreis kriegen, hoffe ich, das sagen einige, die mehr davon verstehen als ich. Zuvor habe ich gelesen Himmlers Hirn heißt Heydrich, von Binet und davor Erik Emmanuel Schmidt: Adolf H. zwei Leben. Für mich persönlich ist das die riesengroße Frage, die sich mir stellt: Wie konnte das geschehen? In meinem Land? Das ist mir so unbegreiflich, und dem versuche ich mich über Literatur zu nähern.

 

Du lebst momentan in München. Ist das deine Traumstadt, oder gibt es noch eine andere Stadt, in der du gerne leben würdest?

München ist die bequemste Stadt für mich, muss ich sagen, es lässt sich da auch sehr gut leben. Ich fühle mich da sehr zuhause. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass ich wahnsinnig gerne mal im Ausland leben würde. New York wäre ein Traum. Es hat auch alles seine Schattenseiten, klar. Ich würde vielleicht auch mal am Meer leben wollen. Montpellier? Das schaue ich mir jetzt auch an. Nicht mit dem Hintergrund, da hinzuziehen; mein Französisch ist viel zu schlecht. Aber noch mal umziehen in meinem Leben – das könnte gut passieren.

 

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Wie bitte?

 

Stapel ungelesener Bücher. SUB.

Jetzt muss ich erst mal im Geiste in mein Schlafzimmer schauen. Also, neben dem Bett 1,20 Meter, im rechten Eck. Und nochmal zu viel im linken. Da sind aber Bücher von meiner Frau dabei. Auf dem Schreibtisch, gerade für ein aktuelles Projekt, viele Sachbücher, so 40 Zentimeter, sind wir schon auf 1,60, und dann vieles, was halt im Regal steht. Ich würde mal sagen: rund 3 Meter, wenn man es aufeinanderstellt. Ich kaufe gerne Bücher. (Lacht.) Deswegen ruinieren sich ja Autoren so. Du gehst ja ständig in eine Buchhandlung rein, um Store-Check zu machen. Drehst dein Buch so ein bisschen von Kante auf frontal, denkst dir: Wow, jetzt hast du wieder was getan für dein Buch. Gehst aber raus mit 30 Euro weniger, weil du andere Bücher gekauft hast. Das ist das Problem. Wenn man sich das abgewöhnt, kein Store-Check mehr, dann würde man mehr Geld in der Tasche haben. Nicht, weil man deswegen mehr verkauft, sondern weil man weniger ausgibt.

 

Was ist das Beste daran, ein erfolgreicher Autor zu sein, und was ist das Nervigste?

Ja, das wäre schön, wenn ich das wüsste, denn ich bin ja noch kein erfolgreicher Autor. Ich versuche, es zu werden. Das Schönste dabei, Autor zu sein, ist, dass du dein eigener Herr bist, Der Freiheitsgrad ist ziemlich hoch. Ich habe eine angeborene Chef-Allergie, und die brauche ich jetzt nicht mehr haben. Ich habe auch als Unternehmensberater freiberuflich gearbeitet, da habe ich aber immer Kunden. Gut, jetzt habe ich auch Kunden, ich habe Leser, und ich habe einen Verlag, und so weiter, aber man hat ein bisschen Abstand zu Menschen. Wobei ich Menschen gerne mag. Aber ich genieße es, für das Blatt Papier zu arbeiten, sozusagen, für meinen Computer. Das ist also schon ein bisschen so splendid isolation, wenn du das machst. Das ist das Schöne. Das Nervige für mich sind die Ablenkungen des Lebens und vor allem des Internets: Facebook, Twitter, E-Mail. Ist alles wichtig, glauben wir immer, für den Verkauf unserer Bücher, deswegen twittern wir alle wie die Wahnsinnigen oder facebooken, aber es ist ein unglaublicher Zeitstaubsauger. Ich habe mal gesagt, wenn ich drei Monate schaffe, dann kann ich mich auch abmelden. Es sind dann zwei Monate geworden, aber ich versuche, es zu reduzieren. Ich meine, fernsehen tun wir ja sowieso alle schon nicht mehr, weil man gar keine Zeit dazu hat, aber Facebook ist der nächste Zeitstaubsauger. Und teilweise nicht wirklich produktiv.

 

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Autorenleben?

Ich war gestern Abend auf einer Lesung in Vilsbiburg, was ja in Niederbayern ist, und Garmisch-Partenkirchen ist ja bekanntermaßen in Oberbayern. Die Vilsbiburger Zeitung hat meine Lesung angekündigt mit der Überschrift: „Mönchsmord im Allgäu“. Es gibt halt übermächtige Autoren, die im Allgäu geschrieben haben. Aber da sieht man mal, wie weit Niederbayern und Oberbayern weit auseinander sind. Wenn ich nämlich nach Hamburg gehe und ich frage dort: „Wer war denn schon in Garmisch-Partenkirchen?“, sagen 90% der Leute „Ja, das kenne ich.“ Gestern in Niederbayern waren es ungefähr 20% von dem Publikum. Weil, so nah wie es ist, aber die Leute fahren nicht hin. Die fahren schon nicht nach München, die fahren nach Landshut oder so. „Was täte ich in Garmisch?“ Das ist eine ganz andere Welt … Da ist mir wieder bewußt geworden, wie kompliziert ja Bayern eigentlich ist.

 

Eine allerletzte Frage: Gibt es eine Frage, die du gerne mal beantworten wolltest, die dir aber noch keiner gestellt hat.

Ja, die Frage – das ist fast schon ein Buchtitel. Man möchte irgendwann mal gefragt werden: „Wie haben Sie es geschafft, reich zu werden und sexy zu bleiben?“

 

Und was würdest du dann darauf antworten?

Das mit dem Reichwerden ist ja das Schwierige. Das ist frühestens in 15 Jahren der Fall, und dann weiß ich nicht, ob ich noch sexy bin. (Lacht.) Ich würde dann sagen wollen:„Einfach nicht so sehr aufregen über das Leben. Einfach locker angehen lassen. Das hat mir bei beidem geholfen.“ Das wäre schön, wenn man die Antwort mit gutem Gewissen sagen könnte.

 

Dann sage ich Danke für das Gespräch!

Danke auch! Hat sehr viel Spaß gemacht!

(Das Interview wurde geführt am 27.04.2012 in Olsberg.)

 

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Interview mit Elke Pistor

Elke Pistor Liebe Elke, herzlichen Dank, dass du dich bereit erklärt hast zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns kurz vor?

Mein Name ist Elke Pistor, ich bin Krimiautorin, und zurzeit bin ich auf der Criminale im Hochsauerlandkreis, wo alle Krimiautoren zusammengekommen sind, um ein großes Krimifestival zu feiern.

 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Durch einen Zufall. Ich habe, als ich 40 Jahre alt wurde, mir überlegt, dass ich gerne ein neues Hobby hätte. Ich habe geschwankt zwischen einem Schwedischkurs, weil mein Mann Schwede ist, damit ich endlich richtig Schwedisch lernen kann, und einem Kurs in kreativem Schreiben. Ich habe mich dann für das kreative Schreiben entschieden, und aus dem ursprünglich geplanten Hobby ist mittlerweile mein Beruf geworden.

 

Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?

Die Auslöser für die Geschichten finden mich. Zum Beispiel für das neue Buch, an dem ich gerade arbeite: Es wird Eifler Zorn heißen und im Herbst erscheinen. Dazu ist mir die Idee gekommen, als ich in Gemünd, dem Ort, in dem der Krimi spielt, eine Straße entlang gefahren bin und aus dem Augenwinkel gesehen habe, wie ein Haus abgerissen wurde, das ich schon seit meiner Kindheit kannte. Dieses Haus war ein sehr imposantes Herrenhaus, und ich wusste durch Zufall, wie der Keller aussah, und habe gedacht: „Das ist ganz klasse, da finden die jetzt eine Leiche.“ Diese Idee kam mir im Vorbeifahren mit 50 km/h, und aus dieser Idee hat sich dann über die Recherche, die sehr erstaunliche und für mich als Gemünderin sehr erschreckende Sachen zu Tage gefördert hat, langsam die Idee zu dem Buch entwickelt. Danach ist die Plot-Arbeit eine strukturierte Arbeit. Aber der Impuls kam aus diesem Augenwinkel-Augenblick des Vorbeifahrens.

 

Sitzen deine Figuren am Frühstückstisch?

Nein. Am Frühstückstisch sitzt meine Familie, und die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringe, die gehört auch meiner Familie. Aber sobald alle aus dem Haus sind, kommen auf einmal die Figuren und bevölkern unser Haus. Allerdings ist es auch so, dass ich dann nicht irgendwo sitze und auf die Muse warte, sondern ich bin jemand, der an den Schreibtisch geht, den Computer anschaltet und ganz normal wie in einem Bürojob erst mal die Kleinigkeiten erledigt. Als nächstes mache ich mich an die Überarbeitung von Szenen, die ich am Tag vorher geschrieben habe, und danach an die neuen Szenen.

 

Haben deine Figuren ein Eigenleben?

Manchmal hätten sie gerne, aber ich lasse sie nicht. – Also, sie haben insofern ein Eigenleben, weil vor allen Dingen meine Serienfiguren, Ina Weinz, und auch ihr – wie soll ich das ausdrücken – ihr „mal mehr, mal weniger“-Freund, der Förster Steffen Ettelscheid, in meinem Kopf mittlerweile so stark vertreten sind, als ob es sie wirklich geben würde. Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, muss ich mir klarmachen: Moment, die gibt es ja gar nicht wirklich. Weil ich sie so in ihren Tiefen und ihren Ecken und Kanten mittlerweile kenne, dass sie für mich sehr plastisch sind. Das versuche ich rüberzubringen. Und dann passieren solche Sachen, dass zum Beispiel in einer Szene, die ich eigentlich geplant habe, die ich von der Dramaturgie her strukturiert habe, auf einmal aus dieser Persönlichkeit und aus dem Charakter heraus irgendetwas passiert, bei dem ich denke: O ja, das passt. Lass das mal jetzt so laufen. Und guck mal, wie sich das entwickelt. An dem Punkt haben sie natürlich ein Eigenleben, aber nicht so, dass sie mir völlig davongaloppieren, sondern in diesen persönlichen Eigenheiten. Dann ja.

 

Wie viel von dir steckt in Ina Weinz?

Eine von mir sehr geschätzte Kollegin hat gesagt: „Natürlich steckt eigentlich alles von uns in unseren Figuren, weil sie ja durch unsere Köpfe auf die Welt kommen.“ Aber es ist schon so, dass man ganz bewusst Sachen ganz anders macht. Natürlich ist es meine Sicht auf die Welt, die ich zwar versuche, durch die Augen meiner Figuren zu sehen, aber so, dass ich sage: Die ist wie ich, oder: Die reagiert jetzt so wie ich in dieser Situation reagieren würde – das ist nicht so. Allerdings, hat meine Ina Weinz zwei Sachen mir gemeinsam: Das eine ist die Liebe zu Strickjacken jeglicher Art – ich habe auch jetzt wieder eine an (lacht) – und die Liebe zu Katzen. Und das arbeite ich hemmungslos in die Bücher ein.

 

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Der Schreibrhythmus richtet sich nach unserem Tagesrhythmus. Das heißt, wenn meine Familie morgens aus dem Haus ist, habe ich die Möglichkeit, einen Acht-Stunden-Arbeitstag zu machen, und den nutze ich auch. Wobei ich nicht acht Stunden am Stück schreibe, sondern als Autor muss man ja viele Sachen machen: Lesungen akquirieren, Pressearbeit machen, Interviews führen (lacht). Die Schreibarbeit selber nimmt ungefähr die Hälfte des Tages ein. Beziehungsweise, es gibt auch immer wieder Tage, an denen ich recherchiere und unterwegs ist. Das macht mir besonders Spass, wenn ich zu bestimmten Themen ganz tief in die Materie einsteigen kann. Oft passiert es mir allerdings, dass mir das dann entgleitet, weil ich so fasziniert bin von dem Thema, von Hölzchen auf Stöckchen und immer weiter, und immer mehr, und ich nachher unheimlich viel weiß über ein bestimmtes Wissensgebiet, das im Buch später vielleicht auf einer halben Seite vorkommt. Das erfordert etwas Disziplin, vor allen Dingen, wenn man einen Abgabetermin im Rücken hat, zu sagen: „So, jetzt tu das weg und schreib weiter!“ Aber es ist natürlich auch sehr inspirierend. Je mehr Ahnung man hat von einer Sache, umso besser kann man auch darüber schreiben, und umso mehr fällt mir dann auch ein, was ich damit machen könnte.

 

Und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Mich hinsetzen und trotzdem schreiben. Also, zu warten, dass einen die Muse küsst, das geht nicht, wenn man als professioneller Autor arbeitet. – Gut, reinkommen klappt bei mir immer dadurch, dass ich die Szenen, die ich am Vortag geschrieben habe, überarbeite. Das ist eigentlich immer der Einstieg. Wenn ich das Gefühl habe, es geht gar nichts heute, fange ich an und gehe ganz strukturiert vor, arbeite streng nach dramaturgischen Regeln. Ich gucke mir dann an: Was brauchst du für die Szene, wo gehst du rein, wo gehst du raus, was soll da passieren, was ist das Ziel der Szene? Was hat die Protagonistin für ein Ziel in der Szene? Wenn ich an diesem Gerüst drehe und schraube, kommt auch oft eine Inspiration, wie ich das Ganze in ein lebendiges Bild packe.

 

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen dazu?

Ich brauche Ruhe, ganz wichtig. Ich kann gar nicht, wenn es um mich herum laut ist. Ich schreibe in den meisten Fällen an meinem Schreibtisch. Ich bin niemand, der mit dem Laptop in Cafes zieht oder sich in den Garten setzt. Ich sitze am Schreibtisch, mein Schreibtisch bedeutet Arbeitszeit.

 

Welche Phase eines Buches oder einer Kurzgeschichte ist die anstrengendste für dich?

Der Anfang. Der Übergang von der Idee zum Papier – also, ein Buch wächst über Monate hinweg nur als Phantasie. Und zwar so weit, dass ich im Grunde genommen nachher eine Art Film im Kopf habe, den ich, wenn ich dann wirklich anfange zu schreiben, „nur noch“ abschreibe. Dem vorausgegangen ist die Impulsidee, ist eine Recherche, ist eine Struktur der Grund-Dramaturgie. Und dann beginne ich, hin und her zu überlegen. Wenn ich anfange, zu schreiben, bin ich meistens auch relativ schnell, in drei bis vier Monaten, fertig mit dem Buch. Allerdings habe ich es davor acht Monate in Herz und Hirn bewegt, bis es dann „rauskommt“.

 

Du hast neben zwei Eifel-Krimis auch einen Mystery-Krimi veröffentlicht, „Das Portal“. Wie kam es denn dazu?

Dazu kam es auf zweierlei Arten. Zum einen habe ich selber einen Hang in dieses Genre: Ich lese gerne Mystery-Bücher, und dann kam das Angebot des Verlags, einen Mystery zu schreiben. Das passte schon mal sehr gut, und darüber hinaus hatte ich auch bei diesem Buch einen Auslösermoment, nämlich dass ich vor dem Dom gestanden und auf eine Freundin gewartet habe und mich, anstatt die Leute zu begucken, umgedreht und die Portale des Doms angeschaut habe. Da ist mir dieser eine Engel ins Auge gefallen, seine abgebrochene Nase, und dem sichtlich ein Stück in der Hand fehlt, so dass dann diese Maschinerie in meinem Kopf anlief und die Frage: „Was wäre, wenn du jetzt nicht ein einzelner Steinengel wärst, sondern wenn du etwas anderes wärst? Was wärst du dann? Wo kommst du her? Warum sitzt du da?“ So ist die Idee entstanden, ich habe das Angebot des Verlags angenommen und gesagt: „Ja, ich habe eine Idee, wir können das machen.“ Es hat mir sehr, sehr viel Spaß gemacht, vor allen Dingen die Recherche des historischen Handlungsstrangs. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich da noch mal was mache, mit dem Schwerpunkt Historie. Vielleicht einen historischen Krimi, weil mir das wirklich viel Spaß gemacht hat, in der Geschichte zu wühlen und auf Geschichten in der Geschichte zu stoßen.

 

Da komme ich gleich zu meiner nächsten Frage: In welchem Genre möchtest du unbedingt noch mal einen Roman schreiben?

Ich möchte gerne einen Liebesroman schreiben. (Lacht.) Das ist das übernächste Projekt nach dem, was ich jetzt gerade schreibe. Das wird Ende Mai fertig werden, also das Roh-Manuskript. Danach geht es an einen Thriller, der für übernächstes Jahr geplant ist, und wenn ich den fertig habe, dann setze ich mich an den Liebesroman, der im Moment schon so in meinem Hinterkopf schwirrt und dreht und sich wendet. Mal sehen, ob und wie er ans Tageslicht kommt; aber ich hoffe es sehr, denn da freue ich mich darauf, da habe ich Lust darauf, das zu machen. Mal was völlig anderes, ohne Krimi, ohne Tote, sondern wirklich auf die Figuren konzentriert, und da freue ich mich sehr darauf, wenn das läuft.

 

Und welches Genre kannst du dir gar nicht vorstellen?

Ich kann ganz schlecht mir vorstellen, selber Science Fiction zu schreiben: Aber nicht, weil ich es nicht mag: Ganz im Gegenteil, ich lese sehr gerne Science-Fiction-Sachen. Aber um so etwas glaubwürdig rüberzubringen, muss man eine gewisse Grundkenntnis haben – meine Meinung – und die habe ich nicht. Ich bin, was das angeht, komplett unbegabt und könnte mir niemals diese technischen Details antun. Das würde mich langweilen, das für mich zu erarbeiten, aber lesen tue ich es wiederum ganz gerne.

 

Mit deinen beiden Eifel-Krimis bist du ja jetzt in die sogenannte Regio-Krimi-Schublade gesteckt worden. Hast du ein Problem damit?

Nee, habe ich überhaupt nicht, weil meine Kommissarin Ina Weinz auch eine Regio-Kommissarin ist, ganz bewußt von mir dort angelegt, wo ich selber groß geworden bin. Das heißt, es steckt für mich natürlich eine Menge Heimat drin, und insofern ist das auch völlig in Ordnung. Was natürlich nicht heißt, dass ich als Autorin immer auf der Regio-Schiene bleibe, aber Ina Weinz wird auf der Regio-Schiene bleiben. Da ist sie gut aufgehoben.

 

Das heißt, du kannst dir auch gut vorstellen, mal einen Roman zu schreiben, der irgendwo anders spielt?

Also, der Thriller, der ja jetzt dann als nächster auf dem Arbeitsplan steht, der ist ein „nicht-verorteter“ Thriller, wie man das so schön nennt. Der Liebesroman natürlich auch. Natürlich muss jedes Buch irgendwo spielen. Aber es ist ja noch mal ein Unterschied, ob man jetzt ganz bewusst sagt: Regio. Ein Regio-Krimi hat ja für mich eigentlich das Kennzeichen: er kann nur da spielen, weil bestimmte Gegebenheiten oder Charaktereigenschaften der Leute nur da zu finden sind. Ich kann jetzt nicht einen Eifel-Förster durch Paris laufen lassen, dann ist der Witz weg. Das wäre zwar eine andere schöne Geschichte, aber eben nicht diese Geschichte. Und so ein Thriller, der hat einfach noch mal andere Anforderungen. Da geht es um ganz andere Sachen. Da geht es nicht darum, dass die Leute einen Wiedererkennungseffekt haben. Nicht, was die Gegend angeht. Vielleicht, was dann psychologische Macken von Leuten angeht, das ja. Aber die sind nicht verortet. Die können überall passieren.

 

Hast du literarische Vorbilder?

Ja und nein. Es gibt immer wieder Kollegen, bei denen ich völlig begeistert bin von der Sprache, die ich sehr gerne lese – wobei ich das jetzt nicht an Namen festmachen möchte, weil es auch durchaus so sein kann, dass das eine Buch mir unheimlich gut gefällt und das andere gar nicht. Grundsätzlich gefällt es mir sehr gut, wenn ich merke: da versteht jemand sein Handwerk. Dass ich merke: Da ist die Handlung durchdacht, da hat man sich auch die Mühe gegeben, es noch mal von hinten aufzurollen und – also gerade bei den Krimis: auf Logikfehler abzuklopfen. Wenn ich merke, da ist jemand, der spielt mit Sprache und schafft es trotzdem, die Sprache seinen Protagonisten anzupassen. Dann lese ich das sehr gerne. Und die intelligenten Kriminalfälle. Für mich muss nicht eimerweise Blut verspritzt werden, sondern ich finde manchmal das leise Psychodrama schöner als den Splatter.

 

Liest du dann eher querbeet?

Im Moment lese ich gar nicht querbeet, sondern im Moment lese ich nur Krimi. Das hat aber damit zu tun, dass ich derzeit in der Jury sitze für den Friedrich-Glauser-Preis, in der Debüt-Jury für 2013. Das lässt mir keine Zeit, irgendetwas anderes zu lesen als die Debütbücher, die mir zugeschickt werden. Aber auch das ist eine sehr interessante Palette, die auf meinem Tisch landet; die ich mir vielleicht so nie im Buchladen oder in der Bücherei ausgesucht hätte. Es ist immer wieder überraschend und immer wieder spannend, zu sehen, was da kommt.

 

Welche Musik hörst du am liebsten?

Ich muss es gestehen, ich höre Punkrock, ich mag laute Starkstrom-Gitarren. Ich habe in meiner Jugend solche Sachen gehört wie Ramones und The Clash, und später ja, das ist allerdings kein Punkrock, sondern eher so die düstere Ecke, Sisters of Mercy und The Cure und so was alles, das ist meine musikalische Heimat. Die Ärzte seid es sie gibt, bis heute. Im Moment, das kann ich sagen, bin ich ein sehr großer Fan der einzigen Eifel-Punkrock-Band, Jupiter Jones. Die übrigens auch meine Kommissarin sehr begeistern. Das ist noch eine Gemeinsamkeit. Auch Ina Weinz singt schon mal in ihrem Auto laut einen Titel von Jupiter Jones mit.

 

Lässt du dich dann von Musik beim Schreiben inspirieren?

Nein! Weil ich Ruhe brauche. Also, ich weiß, dass es Kollegen gibt, die lassen während des Schreibens Musik im Hintergrund laufen. Das könnte ich gar nicht. Also schon mal keine mit Text, und schon mal gar keine mit Text, den ich verstehe. Also, deutsche Musik im Hintergrund laufen lassen, ginge überhaupt nicht. Was vielleicht ginge, wäre klassische Musik, aber da ich wirklich die Ruhe brauche, um diese Gedankengänge gehen zu können: keine Musik. Was mich schon mal inspiriert, sind dann in der Tat Liedzeilen. Wenn ich dann ein Stück Text höre und darüber nachdenke, was damit gemeint sein kann. Das wiederum kann mich vielleicht für eine Szene inspirieren. Aber nicht während des Schreibens.

 

In welcher Stadt möchtest du gerne leben?

In Köln.

 

Und sonst nirgendwo?

Nein. Ich bin sehr verwurzelt. Köln ist furchtbar, Köln ist dreckig, Köln ist eine Stadt, die mittlerweile pleite ist. Die haben einen schrecklichen Fußballverein, an dem ich ganz furchtbar hänge. Die Kölner Fußballfans sind ja erst im Elend wirklich gut, da gehöre ich auch zu. Ich möchte nicht weg aus Köln. Was nicht heißt, dass ich nicht gerne wegfahre und verreise, aber es ist immer wieder schön, heimzukommen. Wenn ich ganz lange weg war – es gibt so Phasen, wo ich dann auch mal so 6-8 Wochen unterwegs war, da fahre ich danach in die Stadt und stelle mich einmal vor den Dom und sage: „So, jetzt bin ich wieder da.“ (Lacht.) Das ist wichtig.

 

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Durch die Jury-Arbeit stapelt sich natürlich eine Menge. Der SUB der Kollegen-Bücher, die ich gerne lesen möchte oder die ich empfohlen bekommen habe, der ist relativ groß im Moment, und wird auch ganz furchtbar anwachsen. Ich denke mal, dass ich, wenn ich dieses Jury-Jahr hinter mir habe, ein weiteres Jahr brauche, um meinen SUB abzuarbeiten. Im Moment liegen, glaube ich, 9 oder 10 Bücher auf dem nächstes Jahr zu lesenden SUB, und wir haben jetzt schon etliche Jury-Bücher bekommen.

 

Das ist dann für die Criminale 2013?

Für den Friedrich-Glauser-Preis Debüt 2013, genau. Da können Bücher, die vom 1.1.2012 bis zum 31.21.2012 als Debüt-Krimi erscheinen, eingereicht werden. Debüt heißt, die AutorInnen dürfen noch gar kein anderes Buch veröffentlicht haben. Die werden in dieser Sparte bewertet und der oder die Gewinner/-in wird auf der Criminale in Bern 2013 bekannt gegeben.

 

Du hast gerade schon erwähnt, im Herbst kommt dein neuer Ina Weinz-Krimi. Kannst du uns schon ein bisschen was dazu erzählen?

Ja. Die Assistentin meiner Kommissarin Ina Weinz, die bekommt dieses Mal eine eigene Erzähl-Perspektive. Sie konnte ja nicht immer Praktikantin bleiben. Judith Bleuler ist in der Tat jetzt eine eigenständige Kommissarin geworden. Die beiden treffen wieder aufeinander, nicht ganz freiwillig und nicht ohne Probleme. Es wird um Vergangenheit gehen, es wird um die Gegenwart gehen, beides durchmischt und miteinander verwoben. Im Moment bin ich in den letzten Zügen: Ich habe jetzt noch einen Monat und siebzig Seiten vor mir, die noch geschrieben werden wollen. Es macht mir sehr viel Spaß mit diesem Buch, weil ich für einen Handlungsstrang sehr viel in der Gemünder Geschichte recherchieren konnte, der sich ausschließlich mit einer Zeit Anfang des letzten Jahrhunderts beschäftigt. Das hat mich schon wieder gepackt, das hatte fast schon was von Heimatforschung. Ich arbeite in dem Fall auch in der Tat mit einem Heimatforscher zusammen, um diese geschichtlichen Fakten richtig wiederzugeben. Mehr möchte ich eigentlich noch gar nicht verraten. Das große Thema dieses Romans ist: Schuldlos schuldig. Was bringt Leute dazu, einen Mord zu begehen, obwohl ihre Persönlichkeitsstruktur sehr friedlich ist? Was passiert, wenn äußere Zwänge und starke Einflussnahmen dazu kommen? Und vor allen Dingen, die große Frage ist: Was macht Gewalt mit und aus einem Menschen? Also, Gewalt, die man jetzt nicht im finalen Sinne einmal erlebt, sondern eine Gewalt, der man permanent ausgesetzt ist. Was macht die mit dem Charakter? Wie reagieren die Leute da? Und da ist natürlich so ein Krimi ein wunderbares Feld, um das in ganz verschiedenen Facetten auszuarbeiten. Das ist es, was mich bei der Arbeit an diesem Krimi besonders interessiert hat. Natürlich begegnen alle meine Protagonisten Gewalt in unterschiedlichen Ausführungen. Es gibt ja direkte Gewalt, es gibt aber auch jede Menge indirekte Gewalt, und alle reagieren anders, alle gehen unterschiedlich damit um, und dann ist die Frage: Wann ist man noch schuldlos schuldig? Oder ist irgendwo der Schritt, zu sagen: Nein, das ist jetzt bewusst, was du gemacht hast? Diese Entwicklung in einem Charakter hat mich sehr interessiert, und das spiegelt sich dann hoffentlich auch in dem Roman wieder.

 

Den Titel kannst du uns schon verraten?

Den kann ich schon sagen. Er heißt Eifler Zorn, und ich denke, das trifft es sehr gut.

 

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu sein, und was ist das Nervigste?

Das Beste daran ist, dass ich eine Arbeit machen darf, die meinen Neigungen entspricht und die meine Neugierde befriedigt. Selbst wenn ich morgens müde bin, Kopfschmerzen habe und denke: Oh nee, du hast jetzt eigentlich überhaupt keine Lust! – dann reicht ganz oft der Gedanke: Es könnte jetzt auch sein, dass du etwas völlig anderes in deinem Leben hättest machen müssen. Wenn du jammerst, jammerst du auf einem hohen Niveau. Ich betrachte es immer wieder als Geschenk, dass ich das machen darf. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich da hingekommen bin, also bis ich das gefunden habe, diesen Beruf zu machen, und bin da einfach unglaublich froh darüber – auch wenn mir die Brötchen nicht vom Himmel in den Schoß fallen. Das ist es, was ich immer wieder genieße. Und das Beste ist natürlich, hier auf solch einem Festivals zu sein und 250 andere Verrückte um mich herum zu haben, mit denen man den ganzen Tag über das gleiche Thema, das uns alle bewegt, reden kann, und alle verstehen einander. Das finde ich sehr schön. Nervig, ist für mich manchmal mein Perfektionsanspruch, den ich an mich selber stelle. Dass ich sehr oft nicht zufrieden bin mit dem, wie ich es mache, mit dem Ergebnis und denke, das kann ich besser. Damit stehe ich mir selbst dann oft im Weg. Zu denken, so, jetzt mach einfach und hör auf, alle Eventualitäten durchzudenken, alles im Voraus durchzuspielen, zu planen, zu gucken und abzuklopfen. Mach einfach mal.

 

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Autorenleben?

Es gibt so ganz viele Sachen. Es gibt ganz niedliche Geschichten, die schon mal auf Lesungen passieren. Ich hatte zum Beispiel im Portal, von dem wir eben gesprochen haben, da gibt es eine Szene, wo eine Eule ein Kaninchen reißt. Auf meiner zweiten oder dritten Lesung, die ich hatte – es gibt ja nachher immer diese Fragerunden – meldet sich ein älterer Herr und sagt: „Also, da möchte ich Ihnen jetzt gerne mal was sagen: Eine Eule würde nie ein Kaninchen reißen, das ist dann immer ein Uhuvogel.“ Gut. Das ist dann so ein Punkt, wo man denkt: „Mist, da hast du jetzt nicht richtig recherchiert. Aber auf der anderen Seite freue ich mich natürlich auch darüber. Genauso freue ich mich darüber, wenn Leute mir zum Beispiel etwas über Polizeiarbeit erzählen. Da bin ich aber mittlerweile soweit, dass ich einen Ansprechpartner habe bei der Polizei. Ich habe zum Beispiel für ‚Eifler Zorn‘ sehr lange mit dem persönlichen Assistenten der Bonner Polizeipräsidenten reden dürfen. Er hat mir viel erklärt, weil Judith Bleueler, die ehemalige Praktikantin von Ina Weinz, nun Kommissarin geworden ist und in der Bonner Mordkommission sitzt. Er hat einen regelrechten Karriereplan entworfen und erklärt, was sie darf und was sie nicht darf und wo sie hin soll und wo sie nicht hin soll. Er hat auf alle meine nervigen Fragen sehr freundliche und ausführliche Antworten. Darüber bin ich sehr froh. Das entspricht meinem Perfektionsdrang. Und dem meiner Leser, seien sie nun Polizisten oder Ornithologen.

 

Gut, dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview!

Danke schön!

 

(Das Interview wurde geführt am 26.04.2012 in Olsberg.)

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Interview mit Rita Hampp

Rita Hampp Liebe Rita, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview für den Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns kurz vor?

Ich bin Autorin von Krimis und Romanen, die in Baden-Baden spielen. Dies ist seit meinem 50. Lebensjahr – also seit nunmehr sieben, fast acht Jahren, ganz offiziell meine zweite Karriere; ich war vorher Journalistin.

Wie kam das? Du hast vorher als Journalistin gearbeitet – wie kamst du dann zu den Romanen?

Das ist relativ einfach. Ich muss sagen, Journalistin, das war mein Leib- und Magen-Beruf. Das habe ich sehr, sehr gerne gemacht. Ich war für die Main-Post in Würzburg als Rechts- und Gerichts-Berichterstatterin tätig Als ich meinen Mann kennenlernte, bekam er gerade einen Auftrag in die USA. Da bin ich natürlich mit fliegenden Fahnen mitgegangen: Drei Jahre New York, das kann man sich nicht entgehen lassen – und habe dort festgestellt, dass ich natürlich in meinem Beruf nicht mehr arbeiten kann, weil ich so gut Englisch nicht kann. Gerade im Journalismus kommt es ja auf jede Nuance an, und das ging nicht mehr. Daraufhin habe ich mich besonnen, dass ich eigentlich schon immer gerne ein Buch hätte schreiben wollen, was allerdings als Journalistin nicht geht. Wenn du den ganzen Tag zuhörst, mitschreibst, Formulierungen im Kopf hast und dann Artikel schreibst, dann setzt du dich abends nicht noch mal hin und schreibst. Da bist du abends leer. In den USA habe ich mich an der New York Universität eingeschrieben und mich unter anderem im kreativen Schreiben weitergebildet und mir irgendwann gesagt: „So, und jetzt fängst du an.“ Das ging gleich ganz schief.

Wie das?

Ich habe gedacht, ich setze mich an den Computer und schreibe los, schreibe einen Liebesroman. Also habe ich angefangen, einfach angefangen. Nach einer halben Seite habe ich festgestellt: „So geht das nicht, meine Liebe.“ Weil ich ja als Redakteurin gelernt hatte, mich sehr, sehr kurz zu fassen. Ich durfte mir nichts ausdenken, ich konnte keine Dialoge schreiben, keine inneren Monologe. Und plötzlich stand ich vor der Frage: Wie geht das überhaupt? Wie schreibt man frei? Wie schreibe ich Emotionen nieder? Das ist für mich ganz schwierig gewesen. Oder – ein anderes Problem: Ich dachte, ich hätte überhaupt keine Phantasie, ich könne mir gar nichts ausdenken! Das ist natürlich im Laufe meines Lebens schon anders geworden. Aber in der ersten Zeit war das für mich ein großes Problem. Daraufhin habe ich mich besonnen, das zu schreiben, was ich am besten kann: über das Gericht. Über eine Gerichtsverhandlung, die mir auch nach Jahren noch durch den Kopf ging, weil ich insgeheim überzeugt war: In diesem einen bestimmten Mordfall war der Angeklagte nicht der Mörder. Es kann nicht gewesen sein. Der kann seine Ehefrau nicht im Beisein seines kleinen Kindes erschlagen haben, das macht der nicht. Das habe ich dann noch mal aufgearbeitet, und bin der Frage nachgegangen, was eigentlich passieren würde, wenn dieser Mann irgendwann aus dem Gefängnis entlassen wird. Wie geht er mit dem Misstrauen seiner Umwelt um, was empfindet sein Sohn? Das war dann mein erster Gerichtsroman – von mehreren unveröffentlichten übrigens. Den habe ich noch in den USA angefangen und hier in Deutschland zu Ende geschrieben und dann hoffnungsvoll an große Verlage geschickt. Eine Lektorin von einem sehr großen Verlag hat mir tatsächlich zurückgeschrieben, sie hätte das Manuskript an einem Wochenende durchgelesen, weil es so spannend war. Aber sie könnten es leider nicht veröffentlichen, weil es nicht marktgerecht sei, weil es in Deutschland bei den Buchhandlungen kein Regal gab für deutsche Gerichtsromane. Man muss dazu sagen, das ist ein paar Jahre her, ich weiß nicht, ob es heute anders ist. Aber ich hatte drei Jahre daran geschrieben! Und dann sagte sie: “Schreiben Sie doch einfach etwas Neues, schreiben Sie etwas Marktgerechtes!”

Schlummert der jetzt noch bei dir in der Schublade?

Ganz, ganz tief, und den werde ich auch nie mehr in meinem Leben herausholen, weil ich mich ja von Buch zu Buch weiterentwickle. Das Gerichtsding stammt also noch aus meinem – würde ich vom heutigen Stand sagen – „Kaulquappenstadium“. Nicht zu retten. Wahrscheinlich fliegt er beim nächsten Umzug weg.

Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?

Beides. Die Baden-Baden-Krimis konstruiere ich. Ich bin im Jahr 2000 nach Baden-Baden gezogen. Eines Abends, als ich im Herbst bei uns in der Nachbarschaft die Umgebung erkundet habe und es immer dunkler wurde, war für mich klar: das ist es! Ich schreibe die Baden-Baden-Krimis. Das ist marktgerecht, ich habe hier weltberühmte Schauplätze und kann jeden einzelnen mörderisch beleuchten. In meiner Nachbarschaft gibt es die romantische Wasserkunstanlage „Paradies“, damit habe ich angefangen. Der Titel war so herrlich zweideutig: Die Leiche im Paradies. Zweiter Krimi war Tod auf der Rennbahn, über die Pferderennen in Iffezheim, dann kam Mord im Grandhotel, das im Brenners Parkhotel spielt, und jetzt zum Schluss natürlich das Casino Baden-Baden. Die Geschichten konstruiere ich mit fester Hand. Da sage ich mir: Hier ist der Schauplatz. Wo könnte die Leiche liegen? Wer ist diese Leiche? Wer könnte einen Grund haben, sie zu hassen oder sogar umzubringen? Da wird nichts dem Zufall überlassen. Ganz anders ist das mit meinem Ausreißer, nennen wir ihn mal so, Das Rosenhaus am Merkur gewesen.

Da hat die Geschichte dich gefunden.

Richtig. Am Küchentisch. Ich koche sehr gerne für meine Freunde, und dann sitzen wir auch wirklich sehr lange, wir haben einen sehr gemütlichen Tisch in der Küche. Spät abends hat damals ein Freund sinniert: „Mensch, ich war immer so – (das genaue Wort kann ich natürlich jetzt nicht verraten in diesem Interview) – etwas Besonderes in der Familie, und ich habe mir immer ausgemalt, dass ich aus diesem einen bestimmten Grund so anders gewesen war.“ Sofort hatte mich diese Idee so gepackt, dass ich sie zum Kern der neuen Geschichte gemacht habe. Ich wusste plötzlich: Das möchte ich gerne schreiben. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass diese Geschichte nicht als Krimi funktioniert (auch wenn es auch hier wieder einen ungeklärten Todesfall gibt), sondern nur als Familienroman. Zum gleichen Zeitpunkt – das hat sich ganz gut ergeben- hatte ich mir sowieso überlegt: Ich würde gerne mal das Genre wechseln. In den Baden-Baden-Krimis stecke ich ja immer in den Köpfen von drei Ermittlern und stelle meine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Das ist ganz lustig, auch was die drei so alles erleben, aber ich bin nie richtig in der Tiefe. Ich wollte einmal eine Geschichte in nur einem Kopf durchschreiben und durchleiden und durchlachen und durchweinen.

Sitzen deine Protagonisten mit dir am Frühstückstisch?

Am Frühstückstisch? Nie. Nein. Nein. Da sitzt mein Ratgeber, mein Mann, dem erzähle ich, wie meine Nacht gelaufen ist und was mir alles eingefallen ist und wo es vielleicht haken könnte und manchmal findet er einen Ausweg, weil er ja weiter entfernt ist von der Geschichte. Oftmals habe ich damals beim Rosenhaus am Frühstückstisch gesagt: Ich kriege es nicht zu Ende geschrieben. Ich finde es nicht gut.“ Ich bin sehr selbstkritisch. Ja – es war mir sehr unheimlich. Und mein Mann hatte die erste Version – er liest immer nur die Rohfassung, leider, er weiß eigentlich gar nicht, wie schön das Buch nachher, nach all den stilistischen Überarbeitungsdurchgängen geworden ist. Also – damals hat er die Rohfassung gelesen und hat das Manuskript dann, glaube ich, drei oder vier Mal aus der Papiertonne wieder herausgeholt und gesagt: Das ist so gut, das schmeißt du nicht weg, da bleibst du dran. Aber abends, nach dem Tagespensum, da bringe ich meine Helden mit an den Tisch, das stimmt schon.

Wie viel von dir steckt in deinen Protagonisten?

Hm, in jeder Figur steckt etwas von mir. Ich bin die Frau Campenhausen, ich bin der Max. Am wenigsten bin ich eigentlich Lea oder in dem Rosenhaus-Fall Clara, das muss ich ganz ehrlich sagen. Gerade im Rosenhaus habe ich sehr viele eigene Erlebnisse verarbeitet. Natürlich erlebt man Dinge im Leben. Ich habe zum Beispiel – das Rosenhaus ist ihm ja auch gewidmet – einen ganz, ganz lieben alten Onkel gehabt, den Onkel Fritz, der ist 94 geworden. Ihn hab ich wirklich unglaublich geliebt. Ein sehr gütiger und gebildeter, nur körperlich gebrechlicher, aber ansonsten ein wunderbarer Mann, der in meinen Armen gestorben ist. Das sind Dinge, die ich in diesem Buch verarbeitet habe. Genauso wie den Tod meiner Tante. Kürzlich kam in einer Leserunde für das Rosenhaus die Frage auf, was denn das wohl für eine Krankheit gewesen sei, die Claras Mutter durchlitten hat? Dazu kann ich nichts sagen, denn hier habe ich die Wirklichkeit mitschreiben lassen. Genau so ist meine Tante gestorben, und die Ärzte haben bis zum Schluss nicht gewusst, was sie hatte. Ich wollte thematisieren, dass es das eben auch gibt: Dass man im Angesicht des rätselhaften Sterbens dasitzt und relativ schnell Entscheidungen treffen muss. Meine Tante lag drei Monate auf der Intensivstation. Sie trug mir auf, wem ich ihre Kleidung, welches Schmuckstück ich wem schenken sollte. Es war klar, dass sie abgeschlossen hatte, und ich habe dann irgendwann die Ärzte bitten müssen: „Jetzt quält sie doch nicht weiter.“ Aber das habe ich die Clara dann doch nicht bis ins letzte Detail durchleiden lassen.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Die ersten Baden-Baden-Krimis habe ich eher nachts geschrieben. Da bin ich um vier aufgewacht, habe die nächste Szene im Kopf gehabt, sie ließ mich nicht mehr einschlafen, und um fünf habe ich mich an den Computer gesetzt. Schreibblockaden, wenn du jetzt vielleicht darauf hinauswillst, habe ich nicht, weil ich ja mein ganzes Leben lang geschrieben habe. Ich konnte doch nicht nach einer Gerichtsverhandlung in die Redaktion spazieren und verkünden: „So, jetzt habe ich eine Schreibblockade, ihr kriegt für morgen nichts.“ Das geht nicht. Natürlich gibt es bei den Büchern – die sind sehr komplex – oft Momente, in denen es fürchterlich hakt. Ich bin gerade dabei, den fünften Baden-Baden-Krimi zu konstruieren und ich kam jetzt zwei, drei Wochen nicht weiter. Irgendetwas stimmte nicht, etwas hatte ich falsch gemacht in meinen Vorbereitungen, Ich habe dann mein altes Lehrbuch vorgeholt und festgestellt: Beim Lebenslauf und bei der charakterlichen Ausarbeitung des Mörders oder der Mörderin – das verrate ich jetzt nicht – war ich nicht gründlich genug gewesen, die Figur war nicht ausgereift genug.

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

In meinem Dachstudio, weg von allem. Ich brauche absolute Ruhe. Und ich muss alles erledigt haben, was für den Tag zu erledigen ist. Das ist für mich sehr, sehr schwierig, da sage ich manchmal: Ich wäre manchmal lieber ein Mann, da hätte ich keinen Haushalt, keine Wäsche, Garten sowieso nicht, sondern könnte gleich morgens um acht mit einer Tasse Kaffee, die mein Schatz mir an den Schreibtisch bringt, anfangen zu schreiben. So ist das Leben aber nicht. Inzwischen habe ich mich damit arrangiert. Ich habe Haupt-Schreib-Stunden, in denen es besonders gut läuft. Viele Dinge muss ich mir vorab überlegen und konstruieren, außerdem das Geschriebene vom Vortag überarbeiten, das erledige ich in der Nicht-Schreib-Zeit. So gegen vier lege ich dann richtig los.

Also ab vier Uhr nachmittags.

Vier Uhr nachmittags, genau.

Und dann in die Nacht rein?

Nein, alles, was ich nach dem Abendessen schreibe, lässt mich nicht schlafen. Das habe ich mir abgewöhnt. Das geht nicht. Nach dem Abendessen ist Schluss.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Das ist eine sehr gute Frage. Es ist am Anfang eine Phase, in der man nicht weiß – ich vergleiche mich oft mit einem Bildhauer – was aus diesem Stein, den ich da vor mir habe, wird … wie ich das wohl schaffe, eine Figur oder eine Aussage herauszumeißeln. Die anstrengendste Phase ist, das wird aber jeder Autor so sehen, wenn man ganz am Ende die Druckfahne zurückbekommt, weil man dann nicht sehr viel Zeit hat, drei, vier Tage vielleicht, um das ganze Buch noch einmal durchzulesen und weil man die absolute Endkontrolle hat. Alles, was danach noch an Fehlern drin ist, gehört einem selbst, und man kann nichts mehr auf einen anderen abwälzen. Da verzweifele ich oft. Ja.

Du hast jetzt gerade, wie du uns vorhin erzählt hast, das Genre gewechselt. Gibt es noch ein Genre, in dem du gerne schreiben möchtest?

Ich weiß jetzt nicht, ob das als eigenes Genre gilt. Wenn man Krimis noch mal unterteilen könnte, habe ich also erst Regionalkrimis verfasst, dann das Rosenhaus im Bereich Familienroman, und nun ist das nächste, was übrigens bereits fertig geschrieben ist, ein – ich nenne es Psychokrimi. Psychothriller wäre mir zu reißerisch, da wären die Erwartungen eventuell übertrieben hoch. Also ein Psychokrimi ohne Polizeiarbeit, etwas Gruseliges, das Menschen im Alltag passiert und ihnen so viel Angst macht, dass …. Mehr darf ich nicht verraten.

Aber zum Beispiel ein historischer Roman oder so?

Auf gar keinen Fall. Auf gar keinen Fall! Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen, die sich dieses Fach herausgesucht haben. Wenn man kein Historiker ist, wie macht man das? Ich bin da immer fassungslos. Das könnte ich nicht, und die Geduld hätte ich auch nicht, mich in diese ganzen Kleinigkeiten einzuarbeiten. Es kommt ja wirklich auf alles an: Hatte man in dem Jahr schon Tomaten angebaut, oder Kartoffeln auf dem Tisch? Nein, das könnte ich nicht. Absolut nicht. Hat mich auch nie gereizt, obwohl ich historische Bücher sehr, sehr gerne lese. Lieber als Krimis.

Du hast uns vorher erzählt, dass du drei Jahre in New York gelebt hast. Deine Romane haben bisher alle in Baden-Baden gespielt. Kannst du dir vorstellen, auch mal über einen anderen Schauplatz zu schreiben?

Die Frage habe ich mir am Anfang gestellt, aber ich habe mir dann gedacht: Irgendwo müssen ja meine Romane oder Krimis spielen. Ja, warum denn nicht in Baden-Baden? Es ist eine wunderschöne Stadt, die ich sehr liebe, die ich kenne, die es wert ist, immer wieder genannt zu werden, die viele Menschen kennen – warum soll ich jetzt in irgendeine fremde Stadt gehen oder mir vielleicht sogar eine ausdenken?

Aber dadurch bist du natürlich jetzt in die Regionalkrimi-Ecke gerutscht, sage ich mal. Ist das problematisch?

Am Anfang habe ich damit gehadert. Man kommt sich ja erst mal etwas piefig vor. Inzwischen habe ich festgestellt, dass ich mehr Bücher verkaufe als manche Kolleginnen und Kollegen, die bei einem sehr großen Publikumsverlag ein Buch veröffentlichen, aber nicht entsprechend promoted werden, wo ihr Buch einfach eine Saison – zwar bundesweit – in den Buchhandlungen liegt, sie dann vielleicht tausend Exemplare verkauft haben, und das war’s, und dann werden sie verramscht, und werden irgendwann gar nicht mehr gefragt, ob sie noch ein weiteres Buch für diesen großen Verlag schreiben wollen. Oder sie müssen sich den inhaltlichen Vorgaben des Verlags beugen und sich regelrecht verbiegen. Das Regionale birgt hingegen unglaublich erfüllende Momente, weil ich in Baden-Baden zum Beispiel bekannt bin wie ein bunter Hund. Es macht einfach Spaß, hier Premierenlesungen zu haben und die Begeisterung der Leute zu spüren. Die sprechen mich auf der Straße an oder sie schreiben mir, wie viel Freude ich ihnen bereite. Das ist fantastisch. So klein ist mein Publikum gar nicht. Ich bin inzwischen sehr zufrieden damit. Außerdem gibt es Unterschiede: Ich schreibe einerseits die reinen Regionalkrimis, in denen Baden-Baden die „Hauptrolle“ spielt. Beim „Rosenhaus“ ist diese Rolle schon kleiner, und ich habe die Rückmeldung vom Verlag, dass es sich nicht nur in der Stadt sondern Baden-Württemberg-weit hervorragend verkauft. Damit ist die Schwelle der Regionalität überschritten. Bei meinem Psycho-Krimi, in dem natürlich auch wieder ein Handlungsstrang in Baden-Baden spielen wird, wird es noch mal einen weiteren Schritt in die breite Öffentlichkeit geben. Man kann gar nicht sagen, dass ein Buch, das in Baden-Baden spielt, „nur“ Regionalliteratur ist. Es hängt immer auch mit der Aussage und Tragweite des Themas zusammen.

Kannst du uns schon etwas über deinen Psycho-Krimi erzählen?

Darf ich nicht. Ich würde gerne, aber ich darf es nicht.

Und über den nächsten Baden-Baden-Krimi?

Ja, wie gesagt, der ist gerade im Entstehen. Es sind wieder meine drei Ermittler, das kann ich schon mal verraten (lacht). Ich habe jetzt noch überlegt, ob ich vielleicht wieder eine vierte Person hinzunehme. Im Roulette war es ein Mörder, jetzt beim fünften Baden-Baden-Krimi könnte ich vielleicht die russische Putzfrau von Marie Luise Campenhausen noch mit ins Boot nehmen, aber es hat sich jetzt herausgestellt, dass es zuviel wäre. Oh, ich muss gestehen, da hakt es gerade gewaltig.

Gibt es da schon eine Zeitschiene?

Nein, ich habe den Luxus, mir Zeit lassen zu können. Ich werde mich auf jeden Fall nicht kannibalisieren und zwei Bücher in einem Jahr auf den Markt bringen wollen.

Das heißt, wenn der Psycho-Krimi nächstes Jahr kommt, dann kommt das andere Buch erst übernächstes Jahr?

Ja.

Du hast vorhin gesagt, du liest gerne historische Romane. Hast du einen Lieblingsautor, und welches Genre liest du sonst noch gerne?

Also, ganz besonders begeistert hat mich Jonathan Frantzen mit den Korrekturen. Ansonsten kann ich nicht sagen, dass ich einen besonderen Lieblingsautor habe. Eine ganze Zeitlang war mein Lieblingsbuch Die Säulen der Erde von Ken Follett. Aber die Nachfolger haben mich dann nicht mehr so vom Hocker gerissen. Vielleicht sollte man das in einem Interview nicht sagen – aber manchmal denke ich mir, man sollte vielleicht von jedem Autor nur ein Buch lesen: Das beste. Aber welches ist das? Ansonsten muss ich sagen, dadurch, dass ich mich ja sehr mit dem Genre Kriminalroman beschäftige, habe ich leider die Unschuld des Lesens von Kriminalromanen verloren und lese sie sehr ungern.

Hast du literarische Vorbilder?

Nein. Nein. Möchte ich auch gar nicht, ich möchte einfach ich sein.

Welche Musik hörst du am liebsten?

Ganz schwere Frage. Ganz schwere Frage. Ich höre sehr gerne Klassik, die Traviata kann ich auswendig. Wie fast jedes Mädchen musste ich als Kind Klavier spielen, klassische Stücke natürlich. Mein berühmter Onkel Fritz hat mich oft in die Oper in Köln mitgenommen, das fand ich sehr schön. Ansonsten ist es wechselnd, Oldies, Phil Collins … Bei mir läuft kein Radio, kein CD-Player. Ich brauche einfach Stille. Ich bin nicht der Mensch, der immer Musik um sich haben muss.

Also du lässt dich dann auch nicht von Musik beim Schreiben inspirieren?

Nein, ich beneide die Kollegen, bei denen das funktioniert. Ich kann es gar nicht.

Möchtest du noch einmal in einer anderen Stadt als Baden-Baden leben?

Nein. Auf gar keinen Fall. Wir haben das lange geprüft, ich bin sehr oft umgezogen. Nein, auf gar keinen Fall. Baden-Baden ist in meinen Augen eine perfekte Umgebung für mich. Die Stadt ist klein, sie hat ein großes Kulturangebot. Ich kann alle meine Bedürfnisse erfüllen, das heißt, ich wandere sehr gerne, ich habe viele Freunde in der Stadt. Die Nahrungsbeschaffung ist relativ einfach und auf kurzen Wegen zu erledigen. Ja, da passt einfach alles. Und ich habe in der Stadt mein Publikum und meine Heimat gefunden.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Okay… Ich komme selten an einer Buchhandlung vorbei, ohne ein Buch zu kaufen. Aber oftmals habe ich, bis ich endlich dazu komme, dieses Buch zu lesen, irgendwie keine Lust mehr, weil ich schon sehr viel darüber gehört oder gelesen habe. Zum Glück liest mein Mann sehr gerne, mehr als ich, insofern baut er oft meinen SUB ab. Wenn ich in der Schreibphase bin, dann lese ich nicht. Muss ich ganz ehrlich sagen. Es gibt ja viele Kollegen, die sagen: Man muss lesen, lesen, lesen, um schreiben, schreiben, schreiben zu können. Das ist bei mir ein bisschen anders.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?

Das Beste daran sind die Leserreaktionen und natürlich meine Lesungen. Die liebe ich, in denen kann ich mein Buch mit Haut und Haaren vorstellen. Es ist so toll, wenn man dabei spürt, wie das Publikum mitgeht. Ja, wie soll ich sagen: Das ist mein Lohn. Mein Lohn für viele einsame Stunden der Selbstdisziplin und der Selbstüberwindung. Man hat ja nicht immer Lust, zu schreiben. Das Gehirn möchte eigentlich nicht arbeiten, es möchte lieber irgendetwas anderes tun, aber sich nicht hinsetzen und sich mit einem anstrengenden Stoff beschäftigen. Es ist auch, gerade in der Anfangsphase von Büchern, sehr anstrengend, einen Stoff im Kopf hin- und herzuwälzen und nichts zu verlieren. Das Nervigste ist, dass ich nie Feierabend habe. Dass ich diese Geschichte immer, immer mit mir herumtrage, und selbst wenn ich sie dann weggeschickt habe zum Lektorat – sie kommt ja wieder zurück zu mir, mehrmals. Bis es endlich in Druck geht, sitze ich schon am nächsten Projekt. So hört die Arbeit nie auf. Ich gönne mir keinen Urlaub, ich habe am „Feierabend“ ein schlechtes Gewissen. Ja. Das ist die Kehrseite des Berufs.

Ist es dann, weil du schreiben möchtest, also, weil es aus dir herausdrängt?

Ja. Absolut. Jeder Moment, in dem ich nicht schreibe, oder in irgendeiner Weise an einem Buchprojekt arbeite, fehlt mir dann. Jede Stunde, in der ich nicht schreibe, möchte ich wieder einholen. Das ist mir das Wichtigste, dass ich immer schreiben kann und immer die Möglichkeit dazu hätte. Da teile ich, glaube ich, mit vielen Kollegen eine tiefe Sehnsucht nach einer einsamen Almhütte. Aber das gilt nur für die ganz intensive Schreibphase des ersten Rohentwurfs. Das sind ungefähr drei Monate. Danach bin ich wieder normal.

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Autorenleben?

Es war bei meiner Premierenlesung vom Baden-Badener Roulette. Da kamen 150 Leute, eine Riesenschlange stand im Anschluss zum Signieren an. Ein Ehepaar kam, schlug das Buch auf und bat, ich möge es „Für Herbert und Marianne“ signieren. Gesagt, getan. Nach einer halben Stunde standen die beiden wieder mit dem Buch vor mir und drucksten verlegen: „Herbert ist doch gar nicht mehr mit Marianne zusammen. Können Sie aus der Marianne eine Silvia machen?“

Und meine allerletzte Frage an dich: Welche Frage wolltest du schon immer mal gerne beantworten, aber es hat sie noch keiner gestellt?

Da fällt mir nichts ein. Es gibt auch nichts, was ich vermisst hätte in unserem Gespräch. Doch. Vielleicht kannst du mich fragen, ob ich glücklich bin. Dann sage ich Ja.

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview!

Ich danke auch!

Im Anschluss an dieses Interview hat Rita Hampp übrigens ihr Projekt “Fünfter Baden-Baden-Krimi” vorerst auf Eis gelegt und widmet sich nun mit Feuereifer einer ganz neuen belletristischen Romanidee, die sie überfallen und nicht mehr losgelassen hat.

(Das Interview wurde geführt am 25. April 2012 in Olsberg.)

 

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Interview mit Titus Müller

Titus Müller Lieber Titus, herzlichen Dank, dass du dich zu einem Interview bereiterklärt hast. Stellst du dich uns kurz vor?

Ich bin 34, lebe in München, und wenn ich nicht gerade Computer spiele, lese, einen Film gucke oder mit meiner Frau spazieren gehe, schreibe ich Romane.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich hab immer gern gelesen, auch als Kind schon. Ich war eine Leseratte, sozusagen. Habe aber nie darüber nachgedacht, wer eigentlich die ganzen Bücher schreibt und dass das auch ein Beruf sein könnte. Das kam bei mir dann so: Mit 17, 18 habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben, weil ich unglücklich verliebt war. Dann habe ich angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, und dann meinen ersten Roman so mit 22. Als ich 24 war, ist er veröffentlicht worden, das war Der Kalligraph des Bischofs. Während des Studiums habe ich drei weitere Romane veröffentlicht, viel geschwänzt, und nach dem Studium einfach weitergeschrieben. Ich hab nie anständig gearbeitet. (Lacht.)

Wie findest du deine Geschichten, oder finden sie dich?

Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Ich lese viel, ich rede mit Leuten, gucke mir Sachen an … So begegnen einem viele Geschichten. Das ist traurig, dass man weiß: Ich kann von all dem, was ich da Tolles sehe, nur eine begrenzte Menge aufschreiben und in Romanform bringen, weil mein Leben natürlich nicht endlos dauert. Deshalb muss ich immer auswählen. Ich habe einen dicken Ideen-Ordner mit Themen, über die ich gerne noch schreiben will, und rede immer mit dem Verlag und sage: „Das sind drei Sachen, die mir momentan Spaß machen würden. Was würdet ihr euch als nächstes wünschen?“ So geht es immer weiter.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Einen richtigen Rhythmus habe ich eigentlich nicht. Also keine festen Arbeitszeiten. Ich stehe morgens auf, wenn ich ausgeschlafen bin, setze mich an den Computer und murkele vor mich hin, bis ich in die Geschichte zurückgefunden habe. Dann schreibe ich ein paar Stunden, und am Abend höre ich auf. Ich habe natürlich ein Seitenpensum, was ich versuche, jeden Tag zu erreichen. Wenn das nicht klappt, bin ich ganz frustriert. Meine Frau sieht mir das schon am Gesicht an abends, sie weiß sofort, ob ich zufrieden bin mit dem Geschriebenen oder nicht. – Meistens, wenn man nicht vorankommt, hat das Gründe, die in der Geschichte liegen. Dann muss man herausfinden: Was passt nicht, welche Figuren verhalten sich vielleicht unlogisch oder sind nicht motiviert, nicht aktiv genug. Hat man das herausgefunden, geht es auch wieder gut voran.

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen dafür?

Ich schreibe gerne zu Filmmusik. Und ich kann sehr gut im Zug schreiben. Meine Frau hat schon ernsthaft vorgeschlagen, ich sollte mit dem Zug herumfahren, ohne Ziel, einfach so, weil ich da am produktivsten bin. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich im Zug keinen Internetzugang habe. Ich habe das bewusst nicht angeschafft, dass ich da ins Internet kann. Es klingelt kein Telefon, ich kann nicht zum Kühlschrank oder zum Briefkasten gehen. Im Grunde gibt es nur den Rechner und mich, dann geht es am besten. Man kann auch immer mal aus dem Fenster gucken, sieht die schöne Landschaft vorbeiziehen. Das ist der ideale Ort, und der zweitbeste ist mein Schreibtisch zuhause.

Hast du dann sozusagen einen musikalischen Soundtrack für ein Buch? Lässt du dich von Musik inspirieren?

Naja, es ist nicht so, dass ich ein bestimmtes Album während eines Romans immer höre, sondern ich weiß, jetzt kommt eine romantische Szene oder eine Action-Szene oder was auch immer, und dementsprechend suche ich dann die Musik aus, die ich an dem Tag höre. Ich habe ganz viele Filmmusik-Alben und wechsele die ab, weil es ja sonst langweilig wird.

Aber ausschließlich Filmmusik?

Ja, fast ausschließlich – ich überlege gerade. Also auf jeden Fall Instrumentalmusik, nichts mit Sprache, weil mich das ablenken würde. Afro Celt Sound System höre ich auch manchmal, das ist keine Filmmusik, aber reine Instrumentalmusik, zu der ich gut schreiben kann.

Hat das einen bestimmten Grund, außer dass es nur Instrumentalmusik ist?

Filmmusik ist dafür geschrieben, Emotionen zu wecken und einen innerlich aufzuwühlen, ohne dass sie sich dabei in den Vordergrund drängt. Man denkt nicht: Aha, jetzt spielt eine Oboe, oder: Da kommen die Hörner. Man konzentriert sich nicht auf die Musik. Das ist ideal für das Schreiben. Ich werde in eine emotionale Stimmung versetzt, ohne dass die Musik mich vom Schreiben ablenken würde. Ich komme in eine richtige Strömung rein, die mich weiterzieht. Das verhindert Ablenkungen, weil ich ja der Musik folge, sozusagen. Das kann man schwer beschreiben.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Ich glaube, die anstrengendste Phase ist das erste Drittel. Denn in dieses erste Drittel fällt immer die große Enttäuschung: Auch das wird kein 110-prozentiges Buch, sondern ein 80-prozentiges. Wenn man eine Idee hat, denkt man sich immer, das wird DIE Geschichte, die wird die ganze Welt verändern! Dann schreibt man los und merkt, es wird ein guter Roman, aber auch er hat seine Schwächen. Entweder gibt es in der Dramaturgie irgendeine Schwäche, die sich nicht ausbügeln lässt, weil die Geschichte nun mal so geht. Oder eine Figur ist doch nicht so umwerfend, wie ich sie mir vorgestellt habe. Schwächen sind immer dabei. Dann muss man versuchen, die Stärken der Geschichte zu finden und sie zum Leuchten zu bringen, damit sie die Schwächen überstrahlen und es ein guter Roman wird.

In welchem Genre möchtest du gerne noch mal schreiben, und was hält dich bisher davon ab, es zu tun?

Vielleicht schreibe ich irgendwann einmal einen Roman, der in der Gegenwart spielt. Mich hält die Sorge davon ab, dass ich Sachen beschreiben müsste, die jeder in seinem Alltag erlebt. Wie kann man davon so erzählen, dass sie interessant sind? Wenn ich eine Zeitreise mache, dann ist für mich alles spannend: Was essen die Leute, was haben die an, wie sieht ihr Alltag aus? Aber wenn es heute spielt, dann muss die Geschichte auf eine andere Art spannend sein. Das Heute kennt jeder. Sollte ich jemals diesen Gegenwartsroman schreiben, wird es bestimmt eine abstruse Geschichte, damit sie trotzdem für mich reizvoll ist, auch wenn sie heute spielt.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann mal einen „Love-and-landscape“-Roman zu schreiben?

Ja, das könnte ich mir gut vorstellen. Das Dumme ist nur: Ich habe nicht jahrelang in Kenia oder Australien gelebt. Nur mal ein Jahr in den USA. Amerika ist nicht exotisch genug, fürchte ich.

Welches Genre liest du selbst am liebsten, und hast du einen Lieblingsautor?

Ich lese alles durcheinander. Natürlich historische Romane, aber auch Science Fiction, Fantasy, Sachbücher, Klassiker, alles mögliche. Das brauche ich so. Wenn es jeden Tag Nudeln geben würde, wäre es mir auch langweilig. Ich gehe immer an das Regal mit den ungelesenen Büchern und denke: Worauf habe ich jetzt Lust? Und dann ziehe ich eines heraus. Ich habe auch keinen Autor, von dem ich sagen würde, das ist mein Lieblingsautor.

Und hast du literarische Vorbilder?

Auch nicht wirklich. Ich lese einfach viel, und von jedem lerne ich ein bisschen was.

Du hast ja historische Romane veröffentlicht und auch – im Stil von C.S. Lewis vielleicht –  Ratgeber-Bücher, die ich persönlich leider noch nicht kenne. Welches von den beiden bevorzugst du?

Die historischen Romane sind ganz klar meine Favoriten. Das ist das, was ich hoffentlich mein Leben lang machen kann. Es hängt natürlich auch davon ab, ob die Leute das Genre weiterhin lieben oder nicht. Die kleinen Alltagsglück-Bücher schreibe ich einfach, weil mir lustige Sachen passiert sind, die ich auch erzählen will. Sie passen in keinen historischen Roman, deshalb fasse ich sie alle paar Jahre zu einem kleinen sympathischen Büchlein zusammen.

Du wohnst seit kurzem in München. Gibt es eine Stadt, wo du dir vorstellen könntest zu leben, oder wo du gerne leben möchtest außer in München?

Ach, so viele! Ich würde gerne mal in Moskau leben, in London, in New York. In Berlin habe ich schon achtzehn Jahre verbracht, würde aber gerne auch dort mal wieder sein. Oder in Hamburg. Am liebsten würde ich immer ein paar Jahre in einer anderen Stadt verbringen. Ich habe Zigeunerblut. Aber ich habe eine Frau geheiratet, die kein Zigeunerblut hat, sondern feste Wurzeln. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum sie so attraktiv für mich ist. Das heißt, ich bleibe hier und lebe meine Städteträume in den Büchern aus.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Ich bin da bestimmt nicht so schlimm wie du. Ich habe, glaube ich, vielleicht siebzig ungelesene Bücher. Du wahrscheinlich siebenhundert.

Über 1100.

Wahnsinn! Das ist sicher eine schöne Bibliothek.

Du warst 2002 Mitbegründer der Autorenvereinigung „Quo Vadis“, die Vereinigung für Autoren historischer Romane. Was hat euch dazu bewogen, diese Vereinigung zu gründen?

Ich habe Ruben Wickenhäuser bei einem Treffen vom Schriftstellerverband kennengelernt. Abends liefen wir zur U-Bahn und haben gesagt: Mensch, für die Krimiautoren gibt es das Syndikat, und für uns, die wir historische Stoffe mögen, gibt es irgendwie nichts. Daraufhin haben wir Leute zusammengetrommelt, die historische Romane schreiben, und haben „Quo Vadis“ gestartet. Am Anfang war es für mich sehr, sehr wichtig, weil ich wenig Ahnung davon hatte, wie das Verlagsgeschäft läuft. Mein erster Roman stand erst kurz vor der Veröffentlichung. Da war es toll, von erfahrenen Kollegen zu lernen und zu hören, was eine übliche Auflagenzahl ist und was die anderen bezahlt bekommen. Wenn man sich  austauschen kann, ist das viel wert.

Demnächst jährt sich ja der Untergang der Titanic zum hundertsten Mal. Du hast in deinem letzten historischen Roman Tanz unter Sternen davon erzählt, er spielt zum großen Teil auf der Titanic. Kam dir die Idee zum Buch im Hinblick auf den Jahrestag, oder war das unabhängig davon?

Nein, ich wollte schon seit Jahren dieses Buch schreiben. Zuhause sind die Stapel an Büchern zur Titanic gewachsen und gewachsen, etliche hatte ich mir von einem Titanic-Fan schicken lassen, um mich in den Stoff einzulesen. Aber im Verlag hieß es immer: Warte bis 2012. Weil die natürlich den Jahrestag als Verkaufsargument im Blick hatten. Und so habe ich all die Jahre gewartet und nur ab und an Ausstellungen besucht. Und dann war es endlich dran.

Wie hat sich die Recherche gestaltet für diesen Roman?

Für Tanz unter Sternen musste ich sehr genau recherchieren. Es gibt Titanic-Freaks, die kennen jede Türklinke auf dem Schiff und wissen, wer in welcher Kabine gewohnt hat. Ich habe nach Lesungen Gespräche geführt über einzelne Passagiere und deren Lebenslauf. Die kennen alles. Also musste das möglichst stimmen im Roman. Bei Blessing sind sie ganz verblüfft, dass bisher sich keiner gemeldet hat und gesagt hat: „Hey, die Schraube dreht aber andersrum!“ oder so. Eigentlich haben sie damit gerechnet, bei diesem Thema. Vielleicht gibt es auch solche Fehler, und die Fans waren einfach nett genug, nicht zu meckern. Ich habe mich wirklich tief reingekniet, bis hin zu den genauen Bauplänen vom Schiff, wo ich geprüft habe: Wo geht die Fluchtleiter lang? Ich habe versucht, es sehr genau zu machen.

Bei diesem Unglück sind sehr viele Menschen gestorben. Hat dich das während des Schreibens emotional belastet?

Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Tod – also dass ich sage: Oh, es sind 1.500 Menschen gestorben –, sondern mehr das einzelne Schicksal, das mich berührt hat. Wenn man eine Weile von jemandem liest, wird er einem vertraut, und man leidet mit ihm. Es gibt ja einige autobiografische Berichte der Überlebenden, und auch Berichte über Leute, die gestorben sind, von anderen, die sie noch in den letzten Stunden erlebt haben. Das geht einem dann schon nahe.

Sind diese Berichte auch ganz konkret eingeflossen in die Romanhandlung?

Als Rohmaterial, natürlich. Aber man kann in einem Roman nicht alles erzählen, was man recherchiert hat. Zum Beispiel kommen die Postbeamten nicht vor, obwohl sie mich seltsam berührt haben. Die Titanic hatte ja eine große Postabteilung mit vielen Postsäcken aus Europa, die unterwegs sortiert wurden. Als die ganzen Briefe schon im Wasser schwammen, haben die Postbeamten noch versucht, die Einschreibebriefe herauszufischen, mit der Begründung: Wenigstens die Einschreiben sollen zugestellt werden. Ein ähnliches stures Pflichtbewusstsein hatten die Heizer. Sie sind noch runter ins Schiff gestiegen, wo längst klar war, dass die Titanic untergeht, nur, damit sie die Kessel beheizen und der Strom länger läuft. So konnte länger um Hilfe gemorst werden und die Passagiere hatten Licht. Da sind Menschen sehenden Auges in den Tod gegangen, um noch anderen eine Chance zu geben.

Wann hast du dich entschieden, ob und wer deiner Protagonisten sterben muss?

Das hat sich während des Schreibens noch verändert. Ich hatte anfangs einen Plan – ich habe immer einen Plan, wenn ich losschreibe. Als ich dann dabei war, den Untergang zu schildern, ist alles anders gekommen.

Ist der 14.4.2012 dann jetzt ein besonderes Datum für dich?

Ich weiß nicht. Ich habe eher ein schlechtes Gewissen dabei. Überall wird jetzt von der Titanic berichtet, auf der Titelseite vom SPIEGEL, im Radio, im ZDF kommt ein neuer Titanic-Mehrteiler, die Kinos bringen den alten Film noch mal in 3D, und ich schwimme mit meinem Buch irgendwie in diesem Strom mit. Aber ich erzähle ja eigentlich einzelne Schicksale. Tanz unter Sternen ist an Personen angelehnt, die es wirklich gab. Mein Pastor, die Hauptfigur, ähnelt in vielem einem gewissen Pastor, der da wirklich auf der Titanic war. Deshalb das schlechte Gewissen. Das Leben von Menschen ist doch nichts, womit man Kohle macht! Andererseits ist es eben so, dass ich mehr Leute dafür begeistern kann, das Buch zu lesen, wenn es zu einer Zeit erscheint, wo sie sich sowieso mit dem Thema beschäftigen.

Aber wenn du eine historische Person zum Vorbild nimmst oder in deinem Roman mitbehandelst, dann ist es ja im Prinzip auch nichts anderes, du zeichnest ja dann auch den Lebensweg nach, oder?

Genau.

Ist es dann anders, weil es einfach so zeitlich nah ist?

Weißt du, ich fand das damals so blöd, als Der Schwarm erschien und kurz darauf der schlimme Tsunami passierte. Das gab mir einen bitteren Geschmack, zu merken, dass der Tsunami dem Verkauf vom Schwarm nützte. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig erinnere, ob es da Talkshow-Auftritte von Frank Schätzing gab. Jedenfalls dachte ich damals: So etwas will ich für mich nicht. Aber irgendwie gehört man dann doch zum Literaturbetrieb dazu, wo es um solche Daten geht. Jetzt ist es hundert Jahre her, jetzt reden alle wieder darüber. Es ist eine Gratwanderung.

Dein soeben erschienener Roman Der Kuss des Feindes spielt in einer ganz anderen Zeit. War der Umstieg für dich schwer?

Das ist ja das Schöne an meinem Beruf. Ich kann überall mal hinreisen. Das hat mir großen Spaß gemacht. Ich freue mich auch schon auf den nächsten Roman. Jetzt schreibe ich ja gerade einen, der zur Nazi-Zeit spielt, und dann werde ich wieder ein Stückchen in die Vergangenheit zurückgehen. Das ist toll, diese Abwechslung zu haben. Für den Kuss des Feindes nach Kappadokien zu fliegen und durch die unterirdischen Höhlenstädte zu kriechen, war für mich ein herrliches Abenteuer.

Stellst du uns den Roman kurz vor?

Der Kuss des Feindes spielt um das Jahr 800 herum, es geht um den Kampf zwischen Christen und Muslimen.  Es gab ja auch Zeiten, wo sie friedlich zusammengelebt haben, was ich ein sehr ermutigendes Phänomen finde. Damals aber war es ein Kampf gegeneinander, weil sich die Christen nicht den Arabern unterwerfen wollten, die dort in der Region die vorherrschende Macht waren. Deshalb haben sich die Christen in unterirdische Städte zurückgezogen. Bis zu 10 Etagen tief, mit bis zu 10.000 Menschen in einer großen unterirdischen geheimen Stadt. Oben hat man dann die Eingänge mit Steinen verschlossen. Ich erzähle eine Liebesgeschichte, in der sich der Sohn des Hauptmanns dieses arabischen Heers, das die Stadt der Christen sucht, in eine junge Christin verliebt und auch den Zugang zur geheimen Stadt findet. Das kann er aber seinem Vater nicht sagen, weil ja dann die Stadt angegriffen wird.

Titus Müller Erzählst du uns eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?

Ach, ich habe viel Lustiges auf den Reisen erlebt. So etwas steht dann in diesen Glücksbüchern, die du noch nicht kennst. In Leipzig beispielsweise hatte mein Anschlusszug mal 20 Minuten Verspätung. Deshalb bin ich in die Lounge gegangen, um per E-Mails abzurufen und ein bisschen zu arbeiten. Nach knapp 20 Minuten dachte ich: Jetzt sollte ich aber mal schnell zum Gleis runtergehen. Es gibt ja keine Durchsagen in der Lounge. Man weiß nicht, ob der Zug doch schon nach 15 Minuten fährt. Ich renne also zum Gleis, und da steht dran: Hannover. Ich steige in den Zug, die Türen gehen zu, der Zug fährt ab, und bleibt bleibt dann nach ein paar Minuten stehen. Mitten auf der Strecke. Ich denke: Hä? Normalerweise kommt eine Durchsage: Wir bleiben stehen, weil vor uns der Gleisabschnitt besetzt ist, oder sowas. Es kam aber keine Durchsage. Ich bin durch den Zug gegangen, und der war leer. Es war kein Mensch drin. Ich habe mit dem Handy die Hotline der Deutschen Bahn angerufen und habe das Problem geschildert. Die haben gesagt: Steigen Sie auf keinen Fall aus! Die Hotline hat den Bahnhof Leipzig angerufen, der Bahnhof Leipzig hat den Lokführer angerufen, der kam durch den Zug zu mir und ist mit mir über die Gleise den weiten Weg zurück zum Bahnhof gelaufen. Ich musste seine Warnweste tragen, so eine orangenfarbene, damit mich kein Zug erwischt. Er hatte nur noch seine schwarze Lederjacke an. Er sagte: „Wenn Ihnen was zustößt, bin ich geliefert.“ Im Bahnhof sind wir von den Schienen auf den Bahnsteig hochgeklettert. Die Reisenden haben mich angegafft. Zum Glück hat man mich nicht mit einer Ansage über die Lautsprecher begrüßt. Die haben mir später erklärt, dass dranstand: Ankunft aus Hannover, nicht: Abfahrt nach Hannover, und dass mein Zug auf ein anderes Gleis verlegt worden sei, das sei durchgesagt worden. Aber in der Lounge gibt es keine Durchsagen.

Du bist ein erfolgreicher Schriftsteller. Was ist das Schönste an deinem Beruf, und was ist das Nervigste?

Das Schönste ist, dass ich Sachen beobachten kann, über Dinge staunen kann, und dann kann ich es mit anderen Leuten teilen. Das ist natürlich toll, wenn einen etwas fasziniert, und man kann andere in diese Faszination mit hineinnehmen. Und das Nervigste ist vielleicht immer das Zittern: Wird der nächste Roman auch wieder seine Leser finden? Weil ja mein Leben darauf gegründet ist. Klar, ich könnte auch etwas anderes zum Lebensunterhalt machen. Aber seit zehn Jahren lebe ich vom Schreiben, und bin immer wieder gespannt: Wie kommt der nächste Roman an?

Meine letzte Frage: Gibt es eine Frage, die du schon immer beantworten wolltest, die aber noch nie gestellt wurde?

Bisher wollte nie jemand wissen, ob ich schon mal in eine Lehrerin verliebt war. Das war ich! In der Grundschule. In meine Deutschlehrerin.

Vielen Dank für dieses Interview!

Gerne!

(Das Interview wurde geführt am 3. April 2012 in München.)

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