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Interview mit Andreas M. Bräu

Andreas M. Bräu Andi, du schreibst seit diesem Jahr Beiträge auf diesem Blog. Worüber wirst du in Zukunft schreiben?
Es wird zwei Regelmäßige Kolumnen geben. „Ansichten eines Akteurs“ und „Auf der Galerie“. Der „Akteur“ beschäftigt sich mit dem Schauspiel. Ich habe in diesem Jahr glücklich mein zehnjähriges Bühnenjubiläum feiern dürfen, und es gibt eine große Anzahl an Geschichten vor und hinter der Bühne, die da passiert sind. Witzig, verrückt, berührend, großartig und alle sind mit diesem Beruf verwoben… Das sind Sachen, die nicht funktionieren, Sachen, die besonders gut funktionieren, die aber auch mit dieser Situation, auf der Bühne zu stehen, zu tun haben, dass ich immer den Drang hatte, das irgendwie launig in Worte zu fassen. Diesen Versuch möchte ich nun in kleinen Texten in diesem Blog als „Ansichten eines Akteurs“ anbieten. Die zweite Kolumne beschäftigt sich damit, dass wenn man Theater selbst macht, ist man auch ein regelmäßiger Zuschauer. Gerade als Student, als jüngerer Mann, ist man Galeriezuschauer, das heißt, man hat die günstigeren Stehplätze. Auch dort erlebt man spannende Situationen und tolle Dinge aus der Zuschauerperspektive, Publikumsreaktionen, besondere Bühnengeschehnisse, die man wahrnimmt. Es hat mich immer interessiert, welche Gemeinde sich so auf den Steh-Rängen trifft und dergleichen verschiedene „Pflanzen und Blumen“, wie es in einem Text heißen wird. Aus der Zuschauerperspektive genauso wie aus der Perspektive des Agierenden zu schreiben. Das finde ich spannend, das von diesen beiden Positionen aus zu machen. Und ich hoffe, ich kann die Leser damit ein wenig unterhalten.

Aber du wirst nicht über Produktionen schreiben, in denen du selbst mitspielst?
Nein. Nein, das möchte ich auch nicht machen. Also, aus der Schauspieler-Sicht schon. Weil viele Situationen einfach auf der Bühne entstanden sind. Zum Beispiel Hänger. Also, dass Kollegen hängenbleiben und nicht mehr weiterkommen, das sind alles Anekdoten, die einem natürlich selber passiert sind. Aber ich würde mir nicht anmaßen, Kritiken zu schreiben über Produktionen, wo ich selber drin bin. Du kennst das: Man ist probenblind und hat gar keine objektive Meinung zu Produktionen, in denen man selber spielt. Es ist eher eine Sammlung aus Anekdoten und Geschichten, die einem in verschiedensten Stücken – und das ist eine lange Liste, die ich da in zehn Jahren zusammengetragen habe – passiert sind. Das sind eher kurze Ausschnitte oder „Häppchen“ aus verschiedenen Produktionen. Außerdem wären Eigenkritiken wohl immer zu gut (lacht).

Du schreibst unter deinem Klarnamen. Was hat dich dazu bewogen?
Ich stehe dazu! (Lacht.) Also, in den Kritiken, die ich auf Deinem Blog schreiben darf, eine gewisse Meinung zu entwickeln und zu haben. Als Schauspieler und langjähriger Kulturkonsument entwickelt man einen eigenen Geschmack und sicherlich Sinn für Qualität und das kann ich unter meinem Namen ausdrücken. Ich denke, ich muss mich nicht hinter einem Pseudonym verstecken, weil ich versuche, fair zu sein. Es geht ja nicht darum, einen beleidigenden oder selbstreferentiellen Blogtext zu schreiben. Und gerade der Diskurs macht die Kritik lebendig. Darum nutzt die Kommentarfunktion!

Du schreibst über Musiktheater, über Schauspiel – klar, du bist selber Schauspieler. Aber was qualifiziert dich, über Oper zu schreiben?
Ich habe selber ja das Glück, seit vier Jahren an der Oper und im Musiktheater spielen zu dürfen, und deswegen die Oper nicht nur als Zuschauer, sondern auch im Hintergrund erleben zu dürfen. Gleichzeitig bin ich ein begeisterter Opernbesucher. Deswegen hat mir auch die klassische Statisterie an der Oper bzw. am Gärtnerplatztheater immer so viel Spaß gemacht: Weil man nicht näher an das Musiktheater herankommt, als wenn man selber auf der Bühne stehen darf. Ich beschäftige mich privat sehr damit, das heißt, man liest sich ein, vergleicht und ich besucht viele Vorstellungen. Das ist das Schöne, durch Kollegenkarten und Studentenkarten: Dass man irgendwann ein Kompendium an Vergleichen hat… was durch allerhand Kino- und Fernsehübertragungen leichter wird, so dass man allerhand internationale Produktionen nebeneinanderstellen kann. Aus diesem Zusammenspiel, selber Sänger kennengelernt zu haben, Produktionen kennengelernt zu haben, und gleichzeitig regelmäßig zu sehen, finde ich einen spannenden Zugang zur Oper. Außerdem bin ich ein überzeugter Ästhet mit einem Gespür für das Schöne – in allen Bereichen (lacht).

Andreas M. Bräu Was ist für dich das Besondere an der Oper?
Das Maximum an Emotionen, das man auslösen kann – egal, welche Emotionen – weil Musik dahintersteht. Sprechtheater logischerweise textlastiger, textintensiver, was auf einer intellektuellen Ebene meist funktioniert. Aber die Oper transportiert ihren Gehalt maximal auf einer emotionalen Ebene. Denn wenn eine große Geschichte auch noch mit der richtigen Hintergrundmelodie unterlegt ist, dann geht bei mir das Herz auf, dann multiplizieren sich die Emotionen, die Einem innewohnen. Ich habe oft Probleme, wenn ich im Sinfoniekonzert sitze, dass sich für mich nichts produziert. Aber dieses Zusammenspiel aus darstellendem Spiel auf der Bühne UND Musik, das ist das ganz Besondere an der Oper. Und ihr Zauber.

Also, wer nicht in die Oper geht, weiß gar nicht, was er verpasst?
Richtig. Und es ist leicht, Blut zu lecken. Es gibt eine solche Vielzahl von Produktionen. Ich durfte etwas Modernes machen, etwas Atonales, und gleichzeitig etwas ganz Klassisches machen. Ein Verdi ist eingängig, ein Puccini ebenso, das funktioniert immer. Wagner kann Drogenwirkung entfalten Die Geschichten sind dabei allgemeingültig. Es geht immer um die Liebe. Was ist wichtiger? Universaler? Und es geht um die Grundkonflikte des Menschen, aber das Ganze wird dann noch zugespitzt mit einem Paukenschlag.

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen?
Ich bin von der Schule weg engagiert worden an das Kur- und Stadttheater in Garmisch-Partenkirchen und habe dort eine sehr direkte und sehr gute Ausbildung genossen. Ich war dort im Nachwuchsprogramm tätig und habe noch ganz klassischen Sprech- und Rollenunterricht dort genießen dürfen. Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren an diesem Haus, das wie eine Zweitfamilie für mich geworden ist. Das Schöne war, dass man von Anfang an anhand von kleineren und langsam größer werdenden Rollen an das Spiel herangeführt und gefördert worden ist, Praxiserfahrung gesammelt hat. Ich habe sehr viel Boulevard gespielt, später Klassiker, Lesungen gemacht, Rezitationen. Irgendwann sind die Rollen größer geworden. Man hat einfach an kleinen Häusern an allen Sparten des Theaters Beteiligung: An der Requisitenbeschaffung, an der Kostüm-Aneignung. An der Regie-Assistenz, an der Dramaturgie, an der Regie, wo ich in allen Funktionen mithelfen durfte, viel Regie-Assistenz gemacht habe und gleichzeitig immer mehr spielen und spielen durfte – und von alten Theater-Hasen und Routiniers abschauen durfte und Vieles dabei gelernt habe und weiter lerne. Daran wächst man und entwickelt Strategien für das eigene Bestehen in diesem Beruf. Das ist ein Familientheater, das mittlerweile in der dritten Generation geführt wird, und das einerseits armes Theater mit wenig Mitteln, aber auch das kleine Theater mit einer solchen Liebe präsentiert, dass es alle Sparten für die Beteiligten abdeckt, weil man zusammenhelfen muss. Das ist das ganz Wertvolle daran. Das geht von der Vermarktung des Stückes bis zur Produktion und dann zur Publikumsrekrutierung.

Du wolltest also nie etwas anderes werden als Schauspieler?
Nein. Nein, das hat recht früh angefangen. Schon als Kind war es toll, vor anderen Leuten zu stehen und vor allem sie zum Lachen zu bringen. Später war dann ein Fachwechsel, vor zwei Jahren, gerade auch in die ernsten Rollen einzusteigen. Der Drang im Publikum Emotionen zu erzeugen, hoffentlich positive Emotionen, sie dabei mit einer Figur und einer Geschichte oder nur einem Lacher zu erreichen, das war von früher Kindheit an das Wichtigste für mich.

Aber du hast auch noch studiert?
Ich habe parallel ein Germanistik- und Geschichtsstudium angelegt, bin als Pädagoge jetzt examiniert mit dem Staatsexamen. Auch dort habe ich meinen Schwerpunkt immer auf Dramentheorie, auf Dramaturgie und auf Schultheater und Theaterpädagogik gelegt, weil ich selber die Erfahrung gemacht habe: Mit Kindern Theater zu machen oder Kinder an das Theater heranzuführen, ist etwas Unumgängliches, etwas unwahrscheinlich Notwendiges für Kinder. Nicht nur, um sie zu Kulturbegeisterten zu machen, sondern weil sie selber über sich und über das Leben lernen können.

Auf welche Beiträge von dir dürfen wir uns in Zukunft freuen?
Ich hoffe, dass ich weiterhin so aktiv im Kulturleben in München sein kann, dass ich regelmäßig Sprechtheater und Oper besprechen darf. Gleichzeitig quillt es gerade in mir über, über alle Besonderheiten dieses schönsten aller Jobs zu berichten. Über den Zauber dieses Irrenhauses Bühne mit all seinen begeisterten Beteiligten und weniger gelungenen Momenten über den Prozess des Entstehens und über die Erfahrung auf der anderen Seite zu stehen und Kollegen beim Brillieren oder Scheitern zu beobachten und über den vielleicht doch härtesten Kritiker, nämlich den sehr besonderen Zuschauer auf dem Rang.

Herzlichen Dank!
Danke schön!

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