Jens Kramer lebt und schreibt in Hamburg. Er kokettiert gerne damit, dass er in einem früheren Leben eine Frau war. In diesem Leben ist er allerdings mit einer Frau verheiratet, um die ihn viele Männer beneiden. Nach seinen historischen Romanen Die Stadt unter den Steinen, Das Delta und Der zerrissene Schleier schreibt er neuerdings unter dem Autorennamen Jo Kramer amüsante Liebesromane, nicht nur für Frauen: Der Mann danach (Verlag: Knaur, 2011) und Ein Jahr bis zum Altar (wird im Herbst 2012 erscheinen). Was der Leser bei diesem Interview leider nicht hören kann, ist die wunderbare Sprechstimme von Jens Kramer…
Aah!
Da tut sich was! (Beide betrachten wie hypnotisiert das Diktiergerät.)
Da tut sich was. Genau. Das müsste so reichen, hoffe ich mal. Wow, meine Güte!
(Die Lautstärke-Anzeige des Diktiergeräts zeigt eine äußerst zufriedenstellende Gesprächsqualität an. Wir stehen nämlich am Tresen einer rappelvollen Bar. Hin und wieder haut uns ein bierseliger Mensch seinen Ellenbogen in den Rücken.)
Lieber Jens, schön, dass du zu einem Interview bereit bist, dass du Zeit hattest! Stell dich uns bitte kurz vor.
Ja, danke! Jens Johannes Kramer, Autor, Schriftsteller, freier Journalist. – Mehr?
Nein, nicht unbedingt. So, wie du das möchtest. – Das ist mittlerweile eine ganze Menge. Wie bekommst du das zeitlich unter einen Hut?
Och, ich finde nicht, dass es eine Menge ist. (Lacht.) Ich arbeite eigentlich ganz normal, finde ich, vom späten Vormittag bis abends.
Also, Work-Life-Balance ist in Ordnung, sagst du?
Jaah. Also, es gibt Zeiten, in denen natürlich mehr ansteht. Das geht jedem Selbstständigen so. Es ist ja wie verrückt: Mal stapeln sich die Aufträge, dann ist wieder eine lange Durststrecke, und wenn dann Aufträge reinkommen, versucht man, die mit Ach und Krach zu bewältigen, weil man immer denkt: Mein Gott, bloß keinen ausfallen lassen. Es gibt immer so Höhepunkte, in denen es sich wirklich stapelt und staut, und vielleicht gibt es irgendwann keine Leerläufe mehr, aber es bleibt die Angst vor den Leerläufen. Ich glaube, das geht den meisten Selbstständigen so. Bis da erst mal eine Sicherheit eintritt, dass man ohne in Panik zu geraten auch mal einen Job ablehnt, da muss man schon gut im Geschäft sein.
Fangen wir mal so an: Seit wie vielen Jahren schreibst du? Wann hast du angefangen, Romane zu schreiben, vor wie vielen Jahren?
Seit 1994, seit 18 Jahren.
Und Romane sind deine bevorzugte literarische Form, hast du gesagt?
Ja. Lange galt meine Vorliebe dem historischen Schinken von 500 Seiten. Darunter fand ich es uninteressant. Mittlerweile bin ich etwas flexibler.
Das hat doch einen gewissen Charme. Dann hast du also mit historischen Büchern angefangen … Du hast Ethnologie studiert. Hatte das damit zu tun?
Nee. In dem Fall gar nicht. Das war der Hintergrund, der mir dann geholfen hat. Ich war irgendwann in Ghana, habe einen Freund besucht und habe dort, als ich durch so einen Wald gegangen bin, überwucherte Gräber gefunden. Moosüberwuchert. Da waren deutsche Namen darauf, aus dem 19. Jahrhundert, von denen ist keiner älter als 25 geworden. Und ich habe mir überlegt: Was machen die hier, am Ende der Welt, in einer Zeit, in der die medizinische Versorgung ja nun lausig war, was haben die da gemacht? Da habe ich nachrecherchiert, und daraus hat sich die Idee für den ersten Roman entwickelt. Es waren Missionare.
Also, das erste, was du geschrieben hast, war ein Roman. Du hast dich nicht irgendwie mit Kurzgeschichten oder sonstwas herangetastet -
Überhaupt nicht.
Sondern gleich in medias res. Einen großen Roman.
Ich habe mittlerweile mehr Romane als Kurzgeschichten geschrieben.
Mhm! Und dein zweites Buch war auch in Afrika angesiedelt.
Richtig. Da ging es um eine Frauengestalt, eine authentische, Mary Kingsley, die Ende des 19. Jahrhunderts auf Entdeckungsreise nach Afrika gegangen ist. Die Frau hat mir dermaßen imponiert – ich habe ihre Bücher gelesen. Die hat sich Sachen getraut – eine viktorianische Lady im Urwald! Sie ist da immer mit Hut und schwarzem Wollrock herumgelaufen; sie hat sich geweigert, irgendwelche Tropenkleidung zu tragen. Die hat unglaubliche Sachen gemacht. Ich muss dazusagen – bei meiner Recherche stellte sich heraus: Es gab damals jede Menge Entdeckungsreisende. Jeder Halbadelige, der etwas auf sich hielt, ist damals nach Afrika gefahren. Die haben dort Abenteuer erlebt. Die sind da mit der Flinte und einem großen Tross Schwarzer durch den Busch gegangen, die Schwarzen haben dann abends das Zelt aufgebaut, man hat noch schnell eine Antilope geschossen, und dann wurde eine Flasche Portwein aufgemacht. Und so waren die Berichte auch. Also: „Ich, der mutige Sowieso …“ Da wurde im Grunde nichts vom Land erzählt. Die Schwarzen, das waren diejenigen, die die Klamotten getragen haben und die man ab und zu mit der Peitsche antreiben musste. So wurde es gesagt. Das war so der typische Bericht eines Entdeckungsreisenden. Von einigen Ausnahmen wie Heinrich Barth abgesehen (unbestritten der größte aller Entdeckungsreisenden. Seine im englischen Auftrag 1849 – 55 durchgeführte Reise durch Afrika wird als Beginn der Afrikanistik gesehen, Anm. des Autors). Heinrich Barth ist eine andere Klasse. Auch Richard Burton (ebenfalls ein wagemutiger und bedeutender Entdeckungsreisender, aber im Gegensatz zu Barth einer mit einer großen Klappe. Anm. des Autors). Aber dann gibt es noch eine andere Gestalt: Mary Kingsley. Während also die Männer immer ihre Abenteuer erzählt haben, und was sie alles über den Haufen geschossen haben, hat Mary Kingsley allein drei Seiten Beschreibung der Lehm-Ufer eines Flusses beschrieben, den sie gerade befuhr. Und es war nie langweilig. Die ist so völlig ohne Vorurteile, völlig offen, in dieses Land gereist. Die ist überall hingegangen, und zwar alleine! Die hat nicht irgendwie einen Tross Träger gehabt oder so. Sie ist alleine mit einer Tasche, einem Regenschirm und einer Pistole durch den Regenwald gegangen und hat dort irgendwelche – ja, Kannibalen getroffen.
Also, ohne Begleitung, tatsächlich? Eine einzelne Person?
Ohne Begleitung! Ja! Die ist in jedes verdammte Wasserloch gefallen. Bei Regenschauern hat sie sich mal irgendwo versteckt, weil das so ein mörderischer Sturm mitten im Wald ist. Sie hat sich also versteckt, und irgendwann hat sie so über den Baumstamm geguckt, hinter dem sie sich verborgen hat, und auf der anderen Seite lag ein Leopard, der sich ebenfalls vor dem Regen versteckt hat. Dann ist sie ganz schnell wieder runtergegangen und hat gewartet, bis der Regen vorbei war, hat dann noch mal geguckt, und der Leopard war weg. Also, die hat sich Sachen getraut, das kann man sich nicht vorstellen. Über diese Frau MUSSTE ich schreiben. Ich habe ihr dann in dem Roman, weil ich ein paar Freiheiten haben wollte, einen anderen Namen gegeben: Mary Cooley. Dadurch konnte ich ein bisschen freier mit ihrer Vita arbeiten. Es hat einen Heidenspaß gemacht. Aber das ist auch so ein Buch, das wurde natürlich unter ganz anderem Label verkauft. Ich glaube, bis heute wissen die Leute nicht, dass es sich da um Mary Kingsley handelte, weil der Verlag gar nicht erkannt hat – soviel zum Marketing –
Was für ein Potential da eigentlich drinsteckt.
Eben.
Und du warst auch noch nicht erfahren genug, um das vorzuschlagen, einzufordern, wie auch immer?
Ich hatte gar nicht die Möglichkeiten. Wenn ich denen was gesagt habe, haben die mir über den Kopf gestreichelt und gesagt: „Jaja, wir machen das schon.“
Mhm. Anfängerschicksal. (Lacht.)
„Alles wird gut. Setzen Sie sich mal wieder an die Arbeit. Wissen Sie, Autoren stören nur bei der Bücherherstellung …“
Dieses Buch klingt spannend. Das werde ich mir kaufen.
Ja. Das Delta.
Sprechen wir jetzt vielleicht über dein neues Buch, das für den DeLiA nominiert ist: Der Mann danach. Das klingt sehr vielversprechend.
Der DeLiA ist der deutsche Liebesroman-Preis. Da sind zwölf Bücher nominiert, und ich bin der einzige Mann. Alle anderen sind Frauen. Das finde ich natürlich schon mal urkomisch.
Und du schreibst auch unter einem Männer-Namen.
Ja.
Nicht unter einem Frauen-Namen. Unter welchem Namen?
Jo Kramer. Jetzt könnte man natürlich sagen, das könnte auch Johanna Kramer heißen, aber es ist Jo Kramer, und es wird eigentlich sehr schnell ersichtlich, dass es von einem Mann geschrieben ist, denn es ist aus einer männlichen Perspektive erzählt. Also ein Liebesroman aus der männlichen Perspektive.
Magst du uns kurz erzählen, worum es geht?
Die Hauptfigur Jonas ist ein Handwerker, der sich irgendwann darauf spezialisiert hat, die Wohnungen frisch getrennter Frauen zu renovieren. Die wollen sozusagen die Erinnerung an eine vermurkste Liebe loswerden und lassen sich von ihm – er ist so ein Geheimtipp – die Wohnung renovieren. Sein Chef, in dessen Firma er arbeitet und der ihn da immer einsetzt, der sagt: „Du hast da so ein Talent, das ist wie Voodoo. Du machst nicht nur ihre Wohnung neu, du kühlst auch ihre Wunden. Darum wollen sie, dass du in ihre Wohnung kommst.“ Und manchmal heilt er eben auch ihr Herz. Das Talent hat er wahrscheinlich, weil er natürlich selber irgendwann mal ein tragisches Erlebnis hatte und das auf diese Weise kompensiert. Das geht natürlich nur bis zu einem bestimmten Grad gut. Irgendwann stolpert er über eine recht biestige Architektin und ihre vorwitzige Tochter, und dann gerät er in einen Strudel von Ereignissen, die alles auf den Kopf stellen.
Mhm … Wie lang ist das Buch?
333 Seiten.
Das klingt so, als müsste die Geschichte dann noch weitergehen, nach 333 Seiten.
Seltsamerweise wurde ich da oft nach gefragt, aber ich mache keine Fortsetzung. Der nächste Jo Kramer hat wieder das gleiche Thema, allerdings anderes Personal. Titel: Ein Jahr bis zum Altar. Erscheint im Oktober bei Knaur. Dort geht es um einen etwas leichtfüßigen, erfolgreichen, völlig gedankenlosen Menschen, der an seinem 38. Geburtstag in einem Bistro mit seinen Kumpels feiert, und irgendwann lässt er sich zu einer Wette überreden. Dass er innerhalb eines Jahres die Frau seines Lebens findet und es schaffen wird, sie vor den Altar zu schleppen. Die Wette wird mit einem mörderischen Preis versehen. Hinterher kann keiner mehr zurück. Und so macht er sich auf die Suche. Sein Handicap dabei ist: Bisher war er immer der Bruder Leichtfuß, den die Frauen überreden wollten zu einer festen Beziehung. Jetzt ist er derjenige, der die feste Beziehung sucht, und auf einmal misstrauen ihm alle Frauen. Und so stößt er auf eine ganze Palette von weiblichen Neurosen, auf seiner Suche nach der Frau seines Lebens.
Das klingt richtig gut! Und wie definiert er die Frau seines Lebens? Man hat ja manchmal das Gefühl, Männer sind zufrieden mit: „Blond, gute Figur, und der Rest findet sich“.
Ja, genau. Darauf wird er von seinem Coach irgendwann angesprochen. Er hat eine Vermieterin, Frau Dornbach, die sich seiner annimmt, auf strenge aber auch mütterliche Weise. Die fragt ihn irgendwann, wie denn diese Frau mal aussehen soll. Da erschafft er sich sozusagen so eine Art Bild, so eine traurige Kriegerin. Eine kämpfende Frau, die verliert, aber auch immer wieder aufstehen lernt. Also, er möchte nicht so ein Püppchen, ausdrücklich nicht.
Sagt er.
Sagt er.
Okay. (Lacht.)
Wie er diese Kriegerin findet oder nicht findet, das muss man dann sehen.
Wie viel von Jo Kramer steckt in dir, beziehungsweise: Wie viel von dir hast du in die Jo-Kramer-Bücher einfließen lassen? Ist das jemand, der definitiv nicht du bist, oder ist da viel von dir drin, auch wenn es nur die Hälfte ist? Oder wie muss man sich das vorstellen?
Es sind natürlich Wahrnehmungen und Perspektiven von mir drin. Also, Sachen, die ich gesehen habe, wie ich vielleicht Frauen erlebt habe. Wenn ich von der Frau erzähle, die in ihrem früheren Leben eine Schweinehirtin war, dann ist das ein Ereignis, das mir selbst schon passiert ist. Aber es bin nicht ich. Jede Figur in einem Roman gewinnt eigentlich in einem sehr frühen Stadium ein Eigenleben und eine eigene Dynamik. Man könnte, wenn man ein wenig genauer hinguckt, sagen, dass er auch meine Defizite ausgleicht. Also, da wo ich gescheitert bin, ist er vielleicht erfolgreich. Aber es ist tatsächlich so: Die Figur gewinnt ein Eigenleben. Ich kann nicht die ganze Zeit denken: „Das bin ich.“ Ich kann mich höchstens in diese Figur hineinversetzen, aber sie ist eine eigenständige Figur. Anders würde es nicht funktionieren.
Ja. Man sagt ja, dass das erste Buch oft autobiografisch sei. Beim soundsovielten Buch ist das natürlich nicht mehr so, zwangsläufig. Aber diese Falle hast du ja umgangen durch deine historischen Romane. Oder? Siehst du das auch so?
Richtig. Ich habe meine erste Hauptfigur so weit weg von mir angesiedelt, wie man sie nur ansiedeln kann. Ein protestantischer Missionar aus dem 19. Jahrhundert. Und ich bin so was von unchristlich, also, weiter weg konnte die Figur gar nicht sein. Ich bin dann im Laufe der Romane immer dichter an mich herangekommen, sagen wir mal so. – Ich hatte immer die Befürchtung: Wenn ich einmal anfange, von mir zu erzählen, höre ich nicht mehr auf.
Warum schreibst du? Also, kannst du dir selber einen Grund dafür sagen, oder ist das einfach eine Tätigkeit, die dich zufriedenstellt, ohne dass du es so richtig begründen kannst?
Doch, es gibt viele Gründe. Man kann das von verschiedenen Seiten sehen. Man kann es rein rational sehen: Es ist eine Arbeit, die ich einigermaßen gut kann und mit der ich Geld verdienen kann und die mir Spaß macht. Man kann es aber auch leicht mystisch sehen – und ich sehe es gerne leicht mystisch: Da ist eine Geschichte, die will erzählt werden, und ich bin der einzige, offensichtlich, der sie erzählen kann. Wenn ich sie nicht erzähle, lässt sie mich nicht in Ruhe. Ich träume von ihr, die Figuren tanzen mir auf der Nase herum, und es ist schon so weit gekommen: Es gab mal einen Traum, den ich hatte, weil ich an einer Stelle war, wo ich nicht weiterkam, über Monate. Da saßen meine Figuren in einem Krankenzimmer; ich kam da rein, und die guckten mich ganz vorwurfsvoll an: Hier, wann geht das weiter? – Dem musste ich mich dann stellen. Also, ich befürchte: Ja, es ist eine Geschichte, die erzählt werden will, und das ist meine Aufgabe. So sehe ich das auch. Außerdem ist es natürlich auch mit vielen angenehmen Sachen verbunden: Es ist eine sehr leidenschaftliche Arbeit. Ich mag es, leidenschaftlich zu leben. Das ganze Auf und Ab der Gefühle. Das liegt mir. Es liegt mir viel mehr, dafür nehme ich auch die Unsicherheit dieses Berufes in Kauf.
Ja, du hast ja praktisch eine sichere Firma für deine Berufung – so kann man da wirklich schon sagen – aufgegeben. Nicht?
Jaa. Jaah. Ich denke aber, ich hätte sie sowieso irgendwann in den Sack gehauen. Ich habe schon öfter mal was in den Sack gehauen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.
Der Mann für Neuanfänge.
Ja, so ein bisschen so. Und leider selten gut überlegt.
Aber man sagt ja beim Reiten: Wirf dein Herz über das Hindernis, und das Pferd springt hinterher.
Interessant, das kannte ich noch nicht. So muss es wohl gewesen sein. Ich bin oft meinem Herz hinterhergesprungen.
(Beide lachen.) Das war ja offensichtlich nicht ganz erfolglos.
Es ist ein bisschen Glück dabei, schätze ich.
Ja. Glück muss dabei sein.
Ja.
Was mich interessieren würde: Wenn du einen Plan für ein neues Buch hast – kannst du dann das Exposé schon von Anfang bis Schluss schreiben? Also, schreibst du dir gewissermaßen eine Gliederung, wie in der Schule, und die arbeitest du dann ab – wie es mir bei einigen Autoren wirklich der Fall zu sein scheint?
Da gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Vorgehensweisen. Einmal diejenigen, die – bestes Beispiel: Elisabeth George – die sich einen genauen Fahrplan machen. Die jede Szene vorher anlegen, anskizzieren, und dann an diesem Fahrplan entlangschreiben. Und die andere Richtung, das sind die sogenannten exploring writers, wie Stephen King einer ist, die fangen einfach an und haben keine Ahnung, wohin die Reise geht, und lassen es einfach auf sich zukommen. Bei mir liegt es dazwischen. Ich habe einen groben Fahrplan. Ich weiß, wo es hingehen soll. Aber ich versuche, mir auf dem Weg dahin möglichst viele Freiräume noch zu erhalten. Weil ich weiß, dass gerade Nebenfiguren sich wunderbar entfalten können manchmal. Es ist mir immer wieder passiert, dass eine Nebenfigur, die ich einfach nur mal kurz durchlaufen lassen wollte, auf einmal ein Gewicht bekam und einen eigenen Handlungsstrang. Das macht einen Roman reizvoll, dessen möchte ich mich nicht berauben. Also, ich weiß die grobe Richtung, und daran halte ich mich auch, aber ich lasse mir viel Platz da drin. – Die Frage nach dem Exposé ist eine etwas andere. Da werden mich jetzt wahrscheinlich die Verlage dafür an die Wand nageln, aber: Ein Exposé ist ein Verkaufspapier. Da schreibe ich schon rein, wie ich den Roman schreiben will, aber da steht nicht drin, wie der Roman verläuft.
Ah. – Okay. Ja.
Ich muss mit dem Exposé die Lektorin überzeugen. Wenn ich hinterher was anderes schreibe, da hat sich noch niemand darüber beschwert.
Wenn es dann noch überzeugender ist, beschwert sich ja keiner, schon klar.
Eben. Das ist denen dann egal. Also, im Großen und Ganzen haut das schon hin, aber oft weiche ich ab. Und das geht eigentlich den meisten so. Ein Exposé ist keine Gliederung, sondern ein Verkaufspapier.
Erzähl mal, wie du schreibst. Was hast du am liebsten für Bedingungen zum Schreiben, was für Musik vielleicht, was für einen Rhythmus?
Ich brauche meine Ruhe, meine eigenen Räume. Deswegen habe ich auch eine eigene Wohnung, obwohl ich verheiratet bin. Meiner Frau (ebenfalls Schriftstellerin) geht es genauso. Was ich nicht mag, ist sozusagen die idyllische Stille. Darauf pfeife ich. Das Haus im Grünen, wo es schön still ist. Biolärm macht mich nervöser als Stadtlärm. Es können die ganz normalen Geräusche des Lebens sein: Knatternde Mopeds, Autoverkehr, mal ne Bahn, mal ein Martinshorn, das ist alles okay. Was ich nicht abkann, sind hüstelnde Menschen, die um Aufmerksamkeit ringen in meiner Umgebung. Ich brauche wirklich den Raum dann für mich. – Ja. Das ist eigentlich so die Arbeitsumgebung. Wir haben auch schon in irgendwelchen Ferienhäusern gearbeitet, geht auch, aber dann hatte eben jeder seinen Raum für sich.
Ach so, so im Zug oder im Café arbeiten ist nicht so deins?
Nee, nee, nicht wirklich. Habe ich schon probiert – nee, ich bin lieber bei mir zuhause. Da kann ich mich auch benehmen, wie ich will; da brauche ich mich nicht verhalten (will sagen: benehmen. Gerade sitzen, nicht rülpsen und so, Anm. d. Autors).
Ohne Musik.
Ohne Musik. Ja. Immer. Ich höre nur im Auto Musik, glaube ich.
Hm. (Pause.) Ich hatte eine rasend interessante Frage, sie ist mir entfallen. Was möchtest du mir noch erzählen?
Dass ich es vielleicht unfassbar finde, dass so viele Menschen die Arbeit der Schriftsteller so falsch einschätzen und ihnen das wegnehmen wollen, was ihnen so viel wert ist. Dass es eine Bewegung gibt, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen will. Die Piraten und Konsorten. Das ist das, was uns im Moment – mir auch – sehr viel Sorgen bereitet.
Du sprichst das Thema „Geistiges Eigentum“ an.
Ja. Da wird auf einmal das geistige Eigentum – darüber wird gesagt: Das gibt es nicht. Nur weil es einige Leute beim Daddeln stört. Das macht mich fassungslos.
Ich finde das auch unverständlich. Also, dieses Konzept: Nur weil man es nicht anfassen kann, ist es auch nicht wirklich da und deswegen auch nichts wert – das kommt mir schon so ein bisschen kindergartenmäßig vor. Denn zum Beispiel ein Gemälde von einem Maler, der dafür so viel Zeit aufwendet wie du vielleicht für das Schreiben einer Kurzgeschichte – da würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass das jeder auf der Straße einfach so mitnehmen kann.
Ja. Ja. Es sind natürlich massive wirtschaftliche Interessen, die da im Gange sind, die dahinterstehen. Und dumme Menschen, die mitlaufen. Aber das ist im Moment das, was ich am erschütterndsten finde, und was sehr viel – nicht nur von meiner – Zeit und Energie raubt: Wir müssen auf einmal uns überhaupt dafür verteidigen, dass wir für unsere Arbeit Geld haben wollen. Das ist doch absurd. Hätte ich nie mit gerechnet.
Aber die Musiker bekommen es ja auch mittlerweile hin. Jedenfalls die flexibleren. Dass sie auf einer anderen Schiene bezahlt werden, mit Konzerten, mit -
Ach ja? – Ach ja?
Zum Teil schon, ja. Zum Teil nicht (lacht).
Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, da findet schon ein Ausdörren statt. Also, der Sven Regener hat das ja ganz gut gesagt: Die junge Independent-Musik zwischen 15 und 30, die ist völlig ausgedörrt. Da gibt es kaum Neues. Es gibt im Grunde die Altrocker, und diejenigen, die wenigen, die sich im Internet behaupten können. Aber diese vielfältige, bunte Szene, die es noch vor 30 Jahren gab oder vor 20, die ist vollkommen ausgetrocknet. Also, ich finde, gerade bei der Musik sieht man jetzt schon, dass durch die Politik von Google und YouTube eine ganze Musikergeneration halbwegs verlorengeht.
Darüber weiß ich zu wenig.
Müsste man den Sven Regener mal fragen; ich weiß auch nicht viel darüber. Das ist ja auch – so eine Independent-Band, die jetzt über das Internet irgendwie einen Bekanntheitsgrad kriegen will – ja, die wird doch nicht sagen: „Scheiße, bezahlt für unsere Clips, oder ihr kriegt sie nicht zu hören!“ Das ist, wie Regener sagte, uncool. Das heißt, die halten die Klappe. Die lassen sich nicht nur beklauen, sie trauen sich nicht mal, dagegen zu protestieren, weil das „uncool“ ist. So weit ist es schon.
Ja. Und die hoffen auf den Bekanntheitsgrad, um dann irgendwann mit Konzerten Geld zu verdienen. – Könntest du dir vorstellen, mit Lesungen dein Geld zu verdienen? Es gibt ja Autoren, die den größeren Teil ihrer Einnahmen mit Lesungen bestreiten.
Kenne ich. Ist mühsam. Ist sehr mühsam, denn auch eine Lesung muss vorbereitet sein und ist Arbeit. Ist nicht so mein Ding. Ich habe schon Lesungen gemacht; ich glaube, sie sind auch ganz gut gewesen – also, ich gehöre nicht zu diesen pfurztrockenen Lesern. Aber ich finde es sehr anstrengend. Nee, nur damit das Geld zu machen, finde ich zu anstrengend. Das ist nicht einfach.
Du hast gesagt, du arbeitest seit 1994 als Autor. Seit wann kannst du davon leben?
Seit einem Jahr. Die Bücher bringen mir im Jahr zwischen 10.000 und 16.000 ein, maximal. Davon allein kann kein Mensch leben.
Inwieweit bist du in Marketing-Maßnahmen eingebunden, also inwieweit nimmt dir das vom Schreiben Zeit weg? Oder läuft das einfach bei dir unter Hobby?
Die Marketing-Maßnahmen?
Ja … ich weiß nicht, Kontaktpflege kann man ja auch als Hobby verstehen, zum Beispiel.
Ja, das nimmt bei mir einen sehr kleinen Raum ein. Ich bin weder bei Facebook, noch habe ich, außer einer Webseite, eine große Internet-Präsenz. Zumal ich ja auch unter zwei Namen veröffentliche, die in der öffentlichen Wahrnehmung gar nichts miteinander zu tun haben. Ich habe da viel darüber gesprochen, und ich kann mich nicht davon überzeugen, dass es notwendig ist, Marketing-Maßnahmen zu übernehmen. Ich denke – ich bin da vielleicht ein bisschen konventionell, aber ich denke, der Verlag sorgt dafür, dass die Dinger verkauft werden. Und wenn er mir sagt, was ich tun soll – Lesungen, Interviews oder sonstwas – dann mache ich das auch. Aber ich selbst bin da eher unbeholfen und zurückhaltend. Ich wurde auch schon gefragt, warum so wenig von mir im Netz steht. Ich mache wenig Marketing. Wenig bis gar nicht.
Ja, das finde ich durchaus sympathisch, denn man braucht ja auch Zeit für was anderes. Dass du sagst: Das ist die Aufgabe des Verlags.
Ja. Dafür gibt es Leute, die ausgebildet wurden, und denen will man ja auch nicht den Job wegnehmen. Ich finde das alles übertrieben. Es gab hier (auf der Criminale 2012) einen Workshop, wie man seine Internet-Präsenz am besten aufstellt, um sich eine Fan-Base zu schaffen, auf der dann weitere Erfolge aufgebaut werden können. Ich hätte da gar keine Zeit für. Ich weiß nicht, wann die Leute, die das machen, wann die Bücher schreiben. Ich habe im letzten Jahr zwei Romane geschrieben – okay, bis in diesen Februar hinein. Ich hatte nicht mal Zeit, mir anständiges Futter zu kaufen. Meine Frau hat mir einmal am Tag eine Schale Reis vor die Tür gestellt. Ich weiß nicht, woher die die Zeit nehmen, sich auf Facebook oder sonstwo ständig neu darzustellen und zu repräsentieren, Fragen zu beantworten, Kontaktpflege zu machen, womöglich noch interaktives Autoren-Leser-Sonstwie zu machen. Das ist alles Zeitfresserei, dann kann ich nicht mehr schreiben.
Ja. Das kann ich sehr gut verstehen.
Das eben auch zum Zeitmanagement. Wenn man eben nicht nur Bücher schreibt, die ja, wie man weiß, nur bei ganz wenigen Menschen gut bezahlt werden – und die meisten, die arbeiten da für einen Lohn, da würde jeder Fabrikarbeiter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Man braucht also noch journalistische oder andere Jobs. Da bleibt keine Zeit für irgendetwas anderes! Marketing? Also, ich finde es unmöglich, dass jetzt auch noch von den Autoren verlangt wird, sie sollen ihr eigenes Marketing machen.
Ich weiß nicht, ob es verlangt wird.
Oder erwartet, vielleicht.
Ich weiß allerdings, dass sehr viele das als gewissermaßen unerlässlich sehen. – Den deinen finde ich aber einen sehr nachvollziehbaren Ansatz. Das, was der Verlag für dich organisiert, das machst du aber, so gut es in deinen Terminplan passt?
Ja! Ja, natürlich.
Wie viele Lesungen machst du, wie muss man sich das vorstellen?
Ja, das ist komisch: Das Buch, mit dem ich den wenigsten Erfolg hatte, da habe ich die meisten Lesungen gemacht, etwa ein halbes Dutzend. Und das Buch, mit dem ich bisher am meisten Erfolg hatte – da habe ich noch keine einzige gemacht. Also, auch die Anzahl der Lesungen sagt nichts – bei mir, nach meiner Erfahrung – nichts über die Verkaufszahlen aus. Ich habe in dem ganzen letzten Jahr noch keine Lesung gemacht, auch in diesem Jahr noch nicht. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber die Bücher verkaufen sich trotzdem.
Machst du bei Leserunden mit? Büchereule, Lovelybooks?
Wurde mir bisher noch nicht angeboten. Es soll angeblich im nächsten Jahr über die Büchereule was laufen, ich weiß es nicht. Auch da bin ich noch nicht so ganz überzeugt, ob das sinnvoll ist. Da wird immer von Leser-Autoren-Bindung geredet; ich denke, das ist wohl so eine Marketing-Sache. Ich muss mir das erst noch angucken. Ich bin da, ehrlich gesagt, noch ein bisschen unbeleckt.
Es ist ja auch wirklich die Frage von dem Aufwand und dem, was dann dabei rauskommt.
Ja. Ich habe mich bei Lovelybooks angemeldet und habe versucht, zu kapieren, wie diese Seite, wie dieses ganze System funktioniert. Ich habe es bis heute nicht geschafft. Ich habe mir das erklären lassen – ich weiß auch gar nicht, was die für Begriffe benutzen, ich kenne die ganzen Begrifflichkeiten nicht. Da sagt mir dann einer in einer Mail: „Ja, du brauchst doch nur einen Widget da einbauen und da irgend so einen anderen Periodenausdruck da hinsetzen.“ Ich kenne diese Worte nicht. Ich weiß auch nicht, wo ich nachschlagen muss.
Und man hat auch nicht immer unbedingt Zeit dafür.
Ja, das nervt mich total. Ich komme mir dann vor wie ein Idiot, wie so ein Neandertaler, dem irgend so ein Sechzehnjähriger erklärt, wie ein Computer funktioniert. Und da werde ich sauer.
Ja, das ist schon in Ordnung. Das finde ich im Gegenteil sehr nachvollziehbar.
Also, ich weiß noch nicht genau, ob das funktioniert. Wenn das ansteht, werde ich das sicherlich auch ausprobieren. Im Moment steht es nicht an.
Was wirst du als nächstes schreiben?
Ich erzähle ungern über künftige Projekte, aber ich bleibe auf der humoristischen Seite, ich möchte da noch etwas ausprobieren. Dazu brauche ich ein bestimmtes Standing im Verlag, dass die mich nicht in die zweite Reihe setzen, sondern in die erste.
Das hoffe ich sehr! – Hast du noch ein Schlusswort? Famous last words?
Nö. Fällt mir jetzt nichts ein.
Alles klar. Ich wollte dir nur die Chance nicht vorenthalten. (Beide lachen.)
Das können wir ja dann nächstes Jahr um dieselbe Zeit weiter besprechen.
Okay. Schön! Der Termin steht: Criminale in Bern, 2013. Wir sehen uns!
Ja! Freut mich!
(Dieses Interview wurde geführt am 28. April 2012 während der Criminale in Olsberg.)
Foto © Nina George
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