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Moritz Kienast (Hrsg.) – I hate Berlin: Unsere überschätzte Hauptstadt

Berlin, das ist für mich Klassenfahrt mit dem Leistungskurs Geschichte, das ist am Kudamm stehenbleiben und mit Tränen in den Augen auf der großen elektronischen Anzeige lesen, dass die ersten DDR-Bürger über Ungarn ausreisen dürfen, das ist MoMA ohne Langstreckenflug. Ich war jetzt schon ein paar Jahre nicht mehr dort, aber ab nächstem Jahr stehen regelmäßige Besuche an und schon allein deshalb hat es mich interessiert, warum einige von mir sehr geschätzte Autoren unsere Hauptstadt nicht mögen.

Das erste Essay hätte mich beinahe das Buch wieder aus der Hand legen lassen, denn ich empfand es als polemisch und garstig, es war zwar sehr gut geschrieben, hinterließ bei mir aber irgendwie einen schlechten Nachgeschmack. Versöhnt hat mich aber gleich danach die “Fünfzehn Gründe, als “ambitionierter Künstler” von Hamburg nach Berlin zu ziehenvon Nina George. Die Anführungszeichen im Titel geben den Ton vor, satirisch nähert sich die Autorin Künstlern in Berlin an, da konnte ich schon mehr als einmal schmunzeln. Berührend erzählt Henner Kotte von seiner Zeit als Grenzposten an der Mauer und bringt mir die Geschichte der Stadt damit viel näher als jeder Leistungskurs es je vermag, ebenso wie Hauke Hückstädt mit seiner sehr persönlichen Sicht auf Berlin. Stefan Bonner und Anne Weiss vergleichen Berlin mit Köln und es ist zwar nicht überraschend, wer das Duell gewinnt, aber durchaus gut argumentiert. Tom Liehr findet zwar, dass Berlin die mit größtem Abstand wunderbarste Stadt der Welt ist (hier muss ich ihm leider widersprechen, besser als in München lässt es sich sicher nicht leben), warnt den Leser aber trotzdem vor Taxifahrten vor Ort. Nach der Lektüre von Zoë Becks “Weltstadt der Agoraphobiker” versteht man, warum Berlin eigentlich ein Dorf ist, oder vielmehr viele Dörfer. Bov Bjerg schließlich hat mich mit seinem Vergleich von Berlinern und Schwaben heftig zum Lachen gebracht. Auch die Geschichten der anderen 17 Autoren, darunter so bekannte Namen wie Wiglaf Droste, Wiebke Lorenz, Andreas Izquierdo und Alina Bronsky sind sehr interessant und beleuchten Berlin und Provinz gleichermaßen. So bekommt man als Leser einen umfassenden Eindruck, der zwar nicht immer so total negativ ist, wie der Titel vermuten lässt, aber der Hauptstadt durchaus ein wenig die Schminke aus dem Gesicht wischt und das verlebte, gequälte Lachen darunter zum Vorschein kommen lässt. Bereichert wird das Ganze durch Zitate über Berlin, die zum größten teil aus dem 19. Jahrhundert stammen und zeigen, dass Berlin damals schon gehypt wurde, dem aber nicht jeder folgen kann. Die Cartoons von Claas Janssen mit Texten von Tommy Mayer peppen das ganze noch optisch etwas auf und erzählen auch eine eigene Geschichte.

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Der Nussknacker, 26.12.2011, Gärtnerplatztheater

Ich hatte mir fest vorgenommen, mit einem offenen Geist in diese Vorstellung zu gehen. Doch leider war die Inszenierung bei mir schon nach drei Minuten unten durch. Wer eine Ouvertüre so lang andauernd und nachhaltig stört, sollte sich vielleicht Peter-Alexander-Liedern zuwenden. Es soll auch Besucher einer Ballettvorstellung geben, die nicht der knackigen Körper, sondern der Musik und der Bewegung wegen kommen. Denen sei diese Aufführung nicht empfohlen. Auch später quasseln die Blumen mitten in die Harfe hinein. Wer so wenig Respekt vor der Musik hat, kann meiner Meinung nach keine gute Choreografie machen. Auch hatte ich im ersten Teil immer wieder das Gefühl, dass es eigentlich egal ist, was im Graben gespielt wird. Musik und Tanz passten nicht wirklich zusammen.

Leider hat es sich Hans Henning Paar auch nicht nehmen lassen, dem bei Jung und Alt beliebten Stück seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Zuckerburg ade, Märchen olé. Nur dass diesen Märchen ganz klar der rote Faden fehlt, dass man sich manchmal am Kopf kratzt und fragt, was genau denn das jetzt für ein Märchen gewesen ist. Aber wen interessiert das schon, wenn man es so schön rote Blätter regnen lassen kann. Getanzt wurde übrigens für meinen Geschmack recht gut, zumindest Semi-Klassisch, mehr war wohl nicht drin. Caroline Fabre als Zuckerfee zeigte Spitzentanz und den sieht man ja wahrhaftig selten im schönsten Theater Münchens.

Den meisten Applaus erntete am Ende aber das Orchester unter Oleg Ptashnikov, zu Recht, wie ich meine.

Übrigens, hier wird der aktuelle Nussknacker der Semperoper vorgestellt. Der ist auf jeden Fall einen zweiten Blick wert:

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Cleveland Amory – Die Katze, die zur Weihnacht kam

Das Buch stammt bereits von 1987, ist aber in seiner genauen Betrachtungsweise der Beziehung zwischen Katze und Mensch allgemeingültig. Der Autor, einer der bekanntesten Tierschützer in Amerika, versteht es, auch Nicht-Katzenbesitzern das Wesen von Katzen näher zu bringen. Immer mit einem Augenzwinkern, versteht sich. Zusammen mit den wunderschönen Illustrationen von Silvio Neuendorf ein ideales Weihnachtsgeschenk für Menschen, die bereits das Eigentum einer oder mehrerer Katzen sind und für solche, die es werden wollen.

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Faust I, 16.12.2011, Pepper-Theater

Natürlich kannte ich den Faust von Goethe, so gut man halt ein Stück Literatur kennt das zur Allgemeinbildung gehört, man es aber nicht selbst gelesen hat. Es hat mich schon sehr überrascht, wie viele Zitate ich daraus kannte, die meisten durch den Monolog des Frosches in der Fledermaus am Gärtnerplatztheater. Jetzt, wo ich weiß, woher diese Zitate stammen, bekommen sie in diesem Zusammenhang noch einmal eine andere Bedeutung.

Das Pepper-Theater liegt im Keller und bietet rund 100 Personen Platz. Die bequeme Bestuhlung erinnert ans Kino, komplett mit Flaschenhalter, was zwei anwesende Schulklassen auch gleich dazu animiert hat, kräftig dem Alkohol zuzusprechen. Die Lehrer hatten sich vorsichtshalber schon mal abseits gesetzt, damit sie auch ja nichts davon mitbekommen. Entsprechend war teilweise der Geräuschpegel. Das Münchner Galerie Theater ist ein freies Theaterensemble, das seit einiger Zeit hauptsächlich in diesem Theater spielt.

Das Bühnenbild von Manuela Clarin setzte sich aus verschiedenen Ebenen zusammen, von lebensgroß bis Miniatur. Es spielten nämlich nicht nur die Schauspieler, manche Szenen wurden durch Marionetten oder Stabpuppen dargestellt. Ich fand diese Idee sehr schlüssig und gut umgesetzt. So ließen sich auch Szenen wie der Osterspaziergang realisieren. Es zeigt sich mal wieder, wie gut man die Fantasie der Zuschauer auch mit geringen Mitteln anregen kann. Die ausgezeichnete Personenregie von Ingmar Thilo tat ein übriges, um den Abend kurzweilig und interessant zu gestalten. So schaue ich mir auch Klassiker gerne an.

Die Schauspieler waren ganz ausgezeichnet, allen voran Amadeus Bodis als Faust, Ulrike Dostal als Gretchen und Raphaela Zick als Mephisto. Ihre intensive Darstellung erweckte die Figuren wirklich zum Leben. Weiter waren noch Brigitte Hoerrmann, Ulf-Jürgen Wagner, Manuela Clarin, Sabine Heckmann und Franziska Fischer zu sehen, die teils in wechselnden Rollen ihr Können zeigten.

Ein sehr gelungener Abend, der Lust auf mehr Klassiker macht. Das Münchner Galerie Theater hat auch den Faust II sowie Maria Stuart im Repertoire, die werde ich mir auf jeden fall noch ansehen.

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Der Mikado, 08.12.2011, Gärtnerplatztheater

Der Mikado

Das Staatstheater am Gärtnerplatz und der Regisseur Holger Seitz haben sich für eine deutsche Fassung des Stücks “Der Mikado” von Gilbert & Sullivan entschieden. Diese deutsche Fassung ist von Walter Brandin und Arno Assmann und hat einen Erzähler, diesen gibt es im englischen Original nicht. Am Gärtnertheater wird diese Rolle von Thomas Peters sehr eindrucksvoll gestaltet, aber die Dialoge sind an einigen Stellen zu lange. Es hätte gerne gekürzt werden können, und die Übergänge der Szenen Dialog-Musik wäre schneller auf den Punkt gekommen. Nun aber genug davon. Es gibt ja so viel Schönes an der Produktion: Das schlicht gestaltete Bühnenbild von Peter Engel, das von der gelungenen Lichtgestaltung von Hans Guba zum Leben erweckt wird und in jeder Minute eine ganz besondere Atmosphäre entstehen lässt. Schon wenn sich beim langsamen Satz der Ouvertüre der Vorhang öffnet und die roten Lampions leuchten. Kostümbildnerin Sandra Münchow hat zeitlose Kostüme gestaltet, Anzüge in verschiedenen Graustufen mit Zeitungsaufdrucken, beim großen Auftritt des Mikado schwarze Anzüge mit goldgelben Ärmeln und für den Frauenchor bunte blumenbedruckte Kleider mit Schleifen. Holger Seitz kann bei seiner Regie und der Entwicklung der Personenführung ganz auf das spielfreudige Ensemble des Theaters setzen. Ein Glücksgriff ist auch der Dirigent der Produktion Benjamin Reiners: mit dem gut gelaunten und spielfreudigen Orchester blühen die Melodien von Sullivan aus dem Orchestergraben; an dieser Stelle ein besonderes Lob an die Holzbläser.

Der Mikado

Yam-Yam, Mündel von Co-Co, und Nanki-Poo wurden an diesem Abend von Therese Wincent und Mario Podrecnik gespielt. Therese Wincent beeindruckte während der ganzen Aufführung mit ihrer Bühnenpräsenz. In Gesang, Spiel und Choreographie war sie ideal für die Rolle der Yam-Yam. Der gut geführte Tenor von Mario Podrecnik stand ihr in nichts nach. Einen gelungenen Auftritt hatte auch Derrick Ballard als Mikado, mit kräftigem Bass und enormer Autorität. Rita Kapfhammer als älteres Hoffräulein Katisha war voll in ihrem Element, ausgestattet mit kräftigem Mezzo und großer Bühnengeste. Der Scharfrichter von Titipu, Co-Co, der kein Blut sehen kann, mit der Vergangenheit eines Schneiders, wurde gelungen verkörpert von Hardy Rudolz. Dieser hatte an diesem Abend Glück und bekam viel sichere Unterstützung aus dem Orchestergraben. Sehr aufmerksam! Die restlichen Rollen waren rollendeckend und gut besetzt: Sebastian Campione (Pooh-Bah, Minister für alles), Carolin Neukamm (Pitti-Sing), Ulrike Dostal (Peep-Bo) und Gregor Dalal (Pish-Tush, ein Edelmann). Der Chor, in der Einstudierung von Inna Batyuk, sang an diesem Abend sehr klangschön, und auch die Darstellung war wieder sehr gelungen.
Es ist schön, dieses Stück von Gilbert & Sullivan am Staatstheater am Gärtnerplatz zu sehen und zu hören mit dem noch existierenden Ensemble.

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Interview mit Derrick Ballard

Derrick Ballard
Sehr geehrter Herr Ballard, herzlichen Dank, dass Sie sich bereiterklärt haben zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Bitte erzählen Sie uns doch etwas zu Ihrem Werdegang.

Sehr gerne, vielen Dank. – Zu meinem Werdegang: Ich bin in Denver auf die Universität gegangen, habe dort fünf Jahre Musik und Gesang studiert, und danach bin ich nach New York umgezogen, um dort meine Karriere weiterzuführen. Dort habe ich dann Privatunterricht genommen bei einem sehr guten Gesangslehrer namens Mark Oswald, ein Bariton, und ich habe bei ihm sechs Jahre lang studiert, bevor ich nach Deutschland kam.

Nachdem ich nach Deutschland kam, habe ich an der Staatsoper unter den Linden in Berlin gastiert. Dann habe ich mein erstes Festengagement in Kassel bekommen. Ich war vier Jahre dort, und danach zwei Jahre in Oldenburg, und jetzt bin ich in meiner zweiten Spielzeit am Gärtnerplatztheater.

Wie kamen Sie zu dem Beruf des Opernsängers?

Wow. Ich habe immer im Chor gesungen, und in der Sommerpause, bevor ich an der Uni angefangen habe, habe ich Gounods „Faust“ gesehen. Und sofort dachte ich: Das will ich machen, genau das.

Welche Musik haben Sie als Kind gehört?

Alles mögliche. Ganz viel Gospel und ein bisschen Klassik. In meiner Familie haben wir eher Gospelmusik gehört, weil mein Vater auch eine Zeitlang Gospelmusik gesungen hat.

Haben Sie das absolute Gehör?

Nein, zum Glück nicht. Ich merke nicht, wenn irgendetwas schiefgeht.

Spielen Sie ein Instrument?

Nein, ich spiele ein bisschen Gitarre und ein sehr kleines bisschen Klavier. Aber als Instrument – hm, nein, gar keines.

Sie haben gerade schon erwähnt, dass Sie als Kind Gospel gehört haben. Mögen Sie auch jetzt noch andere Musikrichtungen?

Ich fände es irgendwie interessant, wenn man Klassik mit Rock kombinieren und dazu singen könnte. Leider geht das nicht, denn sonst wird man entweder in der Oper oder im Pop nicht ernst genommen. Aber grundsätzlich hätte ich wohl Lust, irgendwie in einer Rockband zu singen.

Ja. (beide lachen) – Es gibt ja diese sogenannten Crossover Artists, Peter Hoffmann ist natürlich ein Beispiel dafür, und Sie haben natürlich schon recht, dass er dann vielleicht auch nicht mehr so ernst genommen wurde im klassischen Bereich.

Ja, das stimmt leider, und ich finde auch, man muss ein bisschen aufpassen, denn normalerweise kann man eines oder das andere viel besser. Das heißt, wenn man das nicht so gut macht wie normalerweise, das finde ich auch schade. Aber trotzdem würde ich mir sowas wünschen. (lacht)

Haben Sie eine Opernaufnahme, die Sie privat am liebsten hören?

Ja, mein Vorbild ist Samuel Ramey. Oder zwei eigentlich, Samuel Ramey und José van Dam. Die höre ich wahnsinnig gerne, denn ich mag einfach, was sie mit der Musik machen. Das ist auf so einem hohen Niveau, und das tut mir gut, so etwas zu hören.

Ich hätte Sie jetzt auch noch nach Ihren musikalischen Vorbildern gefragt, aber auch nach Ihren szenischen Vorbildern. Ich denke gerade zum Beispiel an Ihre Rolle des Kecal, da spielen Sie auch sehr intensiv. Hatten Sie auch Schauspielunterricht, und haben Sie szenische Vorbilder?

Nein, Schauspielunterricht hatten wir an der Uni zum Beispiel nie, oder nie offiziell. Ich habe das quasi zufällig studiert im Opernstudio, da hatte man ein paar Stunden mit Schauspiellehrer und so. Aber so offiziell habe ich das nie gelernt. Es ist eher einfach eine Gefühlssache. Wenn man das wirklich ehrlich spielt und versucht, nichts extra draufzutun – ich finde, das funktioniert am besten.

Sie sprechen Deutsch und Englisch. Haben Sie noch weitere Sprachen, die Sie sprechen und in denen Sie auch singen?

Ja, singen schon. Man lernt natürlich Italienisch und Französisch fürs Singen. Auf Italienisch kann ich Kaffee bestellen, mehr nicht, leider. Das gleiche gilt für Französisch. Ich habe auch ein bisschen Russisch gelernt fürs Singen, aber davon spreche ich wirklich kein Wort. Das würde ich gerne auch mal lernen.

Ist es dann schwierig, ein Lied oder eine Oper richtig zu interpretieren, wenn man die Sprache nicht kennt?

Ja, aber ich übersetze jedes Wort, wenn ich ein Stück in einer anderen Sprache singe, denn ich finde es auch wichtig, wenn man das singen will, dass man ganz genau weiß, was man singt. Sonst kann man das überhaupt nicht rüberbringen. Also, für mich ist es total wichtig, das wörtlich zu übersetzen.

Sie sind ja in Amerika aufgetreten und auch hier in Deutschland – haben Sie noch weitere internationale Auftritte gehabt?

Ja, ich habe einmal in Mexico City gesungen mit dem National Symphony Orchestra of Mexico, aber sonst Amerika und Deutschland.

Amerika hat ja nun ein ganz anderes System, was die Theater angeht. Diese Ensembletheater, die man hier in Deutschland hat, gibt es ja dort zum größten Teil nicht. Gibt es Komplikationen, die sich aus dem Leben hier als Opernsänger ergeben, und was sind die Unterschiede zu Amerika?

Ich glaube, der allergrößte Unterschied ist, dass dieses Festsystem in Amerika nicht existiert. Das heißt, man ist immer freischaffend und man arbeitet immer Stück für Stück. Es gibt so viele Sänger dort, und im Vergleich so wenige Opernhäuser, dass ich sagen würde, wahrscheinlich singt dort nur das beste halbe Prozent. Und es ist so eine Glückssache, ob man am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt ist. Hier finde ich es viel einfacher, eine Karriere aufzubauen, das gefällt mir sehr. Und auch ein Teil vom Ensemble zu sein.

Und wie unterscheidet sich das in den Proben zum Beispiel?

In den Proben zwischen den beiden Ländern? In Amerika stellt man ein Stück in zwei oder drei Wochen, inklusive Endproben, auf die Bühne, bis zur Premiere. Hier ist es normalerweise sechs bis acht Wochen. Ich fände was dazwischen ideal. Denn teilweise kommt man in Deutschland an einen Punkt, wo man denkt: Ich kann das Stück einfach nicht mehr proben, es geht mir so auf die Nerven. In Amerika dagegen ist es teilweise zuwenig geprobt. Ich fände vier bis fünf Wochen wirklich ideal.

Was tut Ihrer Stimme gut, und was vertragen Sie überhaupt nicht?

Ja, ich glaube, bei mir – ich bin halt nicht wirklich empfindlich. Ich kann praktisch alles machen, was ich möchte, ohne stimmliche Nachteile. Aber ich finde es auch gut, generell genug zu schlafen. Das ist vielleicht das Einzige, was ich unbedingt brauche.

Brauchen Sie als Opernsänger Kondition, und tun Sie etwas dafür?

Auf jeden Fall. Singen ist Sport. Punkt. Und man muss wirklich körperlich gesund sein und eine gewisse Ausdauer haben, denn sonst kommt man nicht durch irgendeine Partie. Es ist sehr, sehr wichtig, dass man diese Ausdauer hat.

Müssen Sie besonders diszipliniert leben?

Besonders nicht, würde ich sagen, aber man muss schon ein bisschen darauf achten. Und je älter man wird, um so mehr merkt man es.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor?

Erst mal Noten besorgen. Dann, was ich persönlich mache: Ich höre mir das ganze Stück an, einfach, dass ich weiß, von wo bis wohin geht es. Dann nehme ich meinen kleinen gelben Stift in die Hand, und ich markiere meine Partie. Wenn es in einer anderen Sprache ist, dann würde ich dann wörtlich übersetzen, und es dann ganz langsam angehen mit Notenlernen. So am Klavier für mich. Wenn ich das einigermaßen kann, dann fange ich an mit Korrepetition mit einem Pianisten, der das spielen kann.

Als nächstes kommt ja jetzt die Wiederaufnahme des „Freischütz“, in dem Sie die Rolle des Kaspar singen. Sie haben auch schon die Premiere gesungen, letztes Jahr im Oktober. Können Sie sich mit der Inszenierung identifizieren?

Ja, mit meiner Figur eher als mit der Inszenierung insgesamt. Aber man hat natürlich seine eigenen Ideen, und ich bin eher ein Traditionalist, was Produktionen angeht, und ich bin immer ganz skeptisch am Anfang, wenn das nicht ganz traditionell ist. Das muss ich mir abgewöhnen. Aber ich fand das eigentlich sehr schön, und die Arbeit mit den Kollegen hat wirklich geholfen, diese Figur zum Leben zu bringen.

Sind Sie selbst abergläubisch?

Nein, bin ich nicht.

Warum hat Agathe etwas dagegen, dass Max mit Kaspar Umgang hat?

Ich glaube, Agathe weiß schon, dass Kaspar kein guter Typ ist und nicht jemand, mit dem man irgendwas zu tun haben soll. Sie weiß das schon. Natürlich ist Max ein bisschen hin und her gerissen, denn er will unbedingt die Agathe haben, aber er will auch unbedingt akzeptiert werden in diesem Männerkreis.

Was war denn da genau mit Agathe?

Das ist immer offen gewesen. Es gab irgendwas in der Vergangenheit zwischen Kaspar und Agathe, und ich glaube, genau deswegen warnt sie den Max immer, dass er nichts mit Kaspar zu tun haben soll.

Die Angst ist ein bestimmendes Element im „Freischütz“. Wovor hat Kaspar Angst?

Vor Samiel. Denn das ist quasi die Quelle seiner Macht, aber das kann ihn genausogut und jederzeit komplett zerstören. Ich glaube, davor hat Kaspar Angst.

Der Wald ist ja ein Refugium – oder ist er eine Bedrohung?

Ja – beides. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit, zu welcher Uhrzeit, was man dort vorhat – es kann beides sein.

Gibt es musikalische Besonderheiten des Kaspar?

Die ganze Partie, muss ich sagen. Es ist einfach wunderbar zu singen, es liegt sehr, sehr gut stimmlich. Er hat das eine Lied, „Hier im irdischen Jammertal“, und natürlich die große Arie. Die sind beide sehr schön zu singen. Dieses Terzett am Anfang macht ja auch Spass. Wolfsschlucht ist wunderbar. Und ich finde auch, ganz am Ende, wenn der Kaspar stirbt – die Musik ist wirklich beeindruckend.

Gibt es auch etwas an der Partie, was Ihnen nicht so gefällt?

Ach, gefallen tut mir das Ganze. Das Schwierige daran ist, das Lied zu singen und dann Dialog und direkt die große Arie danach singen, das ist sehr anstrengend.

Haben Sie Lampenfieber, und wenn ja, was tun Sie dagegen?

Jedesmal habe ich ein bisschen. Ich finde, für mich, wenn ich nicht ein bisschen Lampenfieber habe, dann sind die Vorstellungen meistens nicht so gut. Ich tue nichts dagegen. Ich weiß ungefähr, was ich kann, und ich versuche das einfach ehrlich und mit hundert Prozent Energie zu geben.

Was ist das Beste an Ihrem Beruf, und was ist das Nervigste?

Das Beste? Die Musik, die man singen darf und die Partien, die man verkörpern darf. – Das Schlimmste daran finde ich teilweise, dass man ganz wenig zuhause ist. Es gibt viele Reisen, und es macht Spass, aber irgendwann ist es auch ein bisschen lästig.

Sie haben vorhin gesagt, Sie haben sich erst relativ spät für den Beruf des Sängers entschieden. Gab es da auch irgendwann mal die Idee, etwas anderes zu machen?

Oh, tausende Sachen. Ich wollte mal Baseball-Spieler werden, ich wollte mal Tierarzt werden. Astronaut, aber ich glaube, das ist häufig bei Jungs. Alles mögliche. (lacht)

Der Freischütz

Haben Sie eine Wunschpartie?

Ich habe mehrere. Ich würde gerne mehr Barockmusik singen, das liegt mir sehr gut. Ich würde natürlich gerne Verdis König Philipp singen, oder Attila, solche Sachen. Meine Liste ist lang.

Können Sie uns schon einen Ausblick geben, wie es weitergeht?

Ich werde in der nächsten Spielzeit freischaffend tätig sein. Ich habe schon ein paar Konzerte, und natürlich ist man für jedes Vorsingen bereit, aber Konkretes gibt es noch nicht so viel. Aber zu diesem Zeitpunkt in der Spielzeit ist das auch relativ normal, und ich bin mir sicher, irgendetwas wird schon kommen.

Dann sage ich herzlichen Dank für das Gespräch, und viel Spaß bei der Wiederaufnahme vom „Freischütz“!

Vielen Dank!

(Interview vom 01. Dezember 2011)

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Buchtrailer: Mechthild Gläser – Stadt aus Trug und Schatten

Die Beschreibung des Debütromans von Mechthild Gläser klingt sehr viel versprechend:

Flora fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihre Seele seit jeher ein nächtliches Doppelleben in der geheimnisvollen Stadt Eisenheim führt. Von nun an wird sie nie wieder schlafen, ohne dass ihr Bewusstsein in die farblose Welt der Schatten wandert. Als wäre das nicht unerfreulich genug, hat ihre Seele offenbar den Weißen Löwen gestohlen, einen mächtigen alchemistischen Stein, nach dem sich nicht nur die Herrscher der Schattenwelt verzehren. Bald ist Flora selbst in der realen Welt vor den Gefahren Eisenheims nicht mehr sicher und eines ist klar: Sie kann niemandem trauen, nicht einmal Marian, der plötzlich in beiden Welten auftaucht und dessen Küsse vertrauter schmecken, als ihr lieb ist.

All-Age-Romane lese ich ja immer gerne und dieser klingt nach etwas besonderem. Am 25.12.2011 beginnt eine Leserunde bei der Büchereule, die die Autorin begleitet.

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Interview mit Sandra Moon

Sandra Moon
Frau Moon, herzlichen Dank, dass Sie sich bereiterklärt haben zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Bitte erzählen Sie uns doch etwas zu Ihrem Werdegang.

Eigentlich ging ich in die Musik, weil meine Schwester Musikerin war. Meine Mutter war auch sehr musikalisch. Nach der High School in den USA wusste ich gar nicht, was ich machen sollte. Ich war musikalisch, ich habe Klavier gespielt. Dann ging ich auf die Universität, Ohio University, und in meiner erste Prüfung habe ich versagt, total versagt (lacht). Da hat man mir gesagt: Wenn Sie sich nicht verbessern, sind Sie raus. – Dann habe ich sehr schwer gearbeitet, und das Jahr darauf habe ich einen Wettbewerb mitgemacht, nur aus Spaß, nur um Erfahrung zu sammeln, und habe den ersten Platz gewonnen. Das war so ein Zeichen, weiterzumachen.

Ich habe einen Bachelor Degree von der Ohio University. Danach ging ich ans Cincinnati Conservatory in Ohio, wo ich ein Stipendium bekommen habe. Eine sehr, sehr reiche Familie dort hat Studenten gefördert, und dieses Stipendium habe ich bekommen. Das war eine sehr gute Ausbildung. Wir haben Bühnenbilder gemacht, wir haben Kostüme genäht, Schauspielunterricht, Tanz, Maske – alles, was mit der Bühne zu tun hat. Von dort aus ging ich an mehrere Studios, Santa Fe war ein Sommer-Festspiel, und dann Lyric Opera of Chicago. Dort war ich im Studio für zwei Jahre, und da konnte ich mit großen Leuten arbeiten. Placido Domingo, Marek Janowski am Pult, Michel Plasson, Theresa Berganza, wirklich Top-Leute.

Marek Janowski hat mir empfohlen, nach Deutschland zu kommen. Dafür habe ich mir drei Wochen freigenommen von Chicago. In Deutschland habe ich ein Blitz-Vorsingen absolviert, 13 Vorsingen in drei Wochen. Für Agenturen, Häuser, alles mögliche. Dann habe ich ein Engagement in Aachen bekommen. So habe ich hier in Deutschland angefangen. In Aachen war ich drei Jahre, dann war ich freischaffend für zwei Jahre. Danach war ich in Karlsruhe für fünf Jahre fest engagiert, und schließlich kam ich nach München. Seitdem bin ich hier. Aber in der Zwischenzeit habe ich immer meine Kontakte in den USA gepflegt. Ich habe dort in verschiedenen Häusern, New York City Opera, Milwaukee, Columbus, Ohio, Staat New York, auch Festspiele gesungen. Dann hatte ich ein Vorsingen an der Metropolitan Opera. Ich konnte dort innerhalb von fünf Jahren in einigen Partien gastieren, während ich hier fest engagiert war. Das lief damals sehr gut, das habe ich irgendwie hingekriegt. Freischaffend wollte ich nicht arbeiten, denn meine Tochter war klein, und ich war alleinerziehende Mutter, also wollte ich an einem Ort bleiben.

An der Met habe ich dann große Partien gesungen. Ich wurde als Cover für das Echo in „Ariadne“ engagiert. Die Frau wurde krank, dann war ich tatsächlich neben James Levine, Deborah Voigt, Natalie Dessay das Echo in „Ariadne“. Das war eine tolle Erfahrung. Man wusste, dass ich viel Barockmusik mache, und wollte mich in irgendetwas Barockem. Dann habe ich Kleopatra gesungen, und daraufhin wurde ich engagiert als Cover für Kleopatra. Und wieder ist die Frau krank geworden. Dann hatte ich mein Debüt in einer riesigen Partie, mit acht Arien. Es war wirklich … Ich habe fast geweint, als ich gehört habe, dass die Frau abgesagt hat. Ich war so nervös. Aber dann musste ich nur meine Einstellung ändern, ich musste nur denken, dass ich am Gärtnerplatztheater Mimi mache oder irgendetwas, was für mich sehr einfach ist, und dann habe ich das gut geschafft. Danach haben die mich weiter engagiert, als Zdenka in „Arabella“ mit Rene Fleming, und das war wieder eine tolle Erfahrung.

Dann habe ich hier in Deutschland auch verschiedene Gastspiele gemacht. An der Wiener Volksoper, Dresden Musikfestspiele, Halle Händel-Festspiele. Düsseldorf, Bonn, Köln. Auch in Paris habe ich ein Konzert gegeben, in Polen, Warschau. In Spanien habe ich neulich, in Mallorca, eine Opern-Gala gemacht. Es gibt bestimmt noch mehr.

Das Gärtnerplatztheater ist ein Ensembletheater und ein Repertoiretheater. Die Met spielt im sogenannten Semi-Stagione-Betrieb. Wie unterscheidet sich die Proben von einem Repertoiretheater wie dem Gärtnerplatztheater zu einem Theater wie die Met?

Zuerst fangen die später an mit Proben, nicht um 10.00, sondern um 11.00 Uhr. Selten hat man, wenn man Vorstellung hat, dann eine Probe. Es sind normalerweise zwei Tage zwischen Generalprobe und Premiere. Als Cover ist man so gut vorbereitet und studiert, als ob man die Rolle singt. Deswegen konnte ich einspringen, weil ich die Partie so gut kannte. Man macht musikalische Proben genauso wie hier. Das ist auch hier sehr gut, auch eine gute Vorbereitung. Nur, man hat ein breiteres Band von Repertoire, das man machen muss, und das ist manchmal schwer. Wenn man große Partien wie „La Traviata“ hat und daneben etwas probieren muss, ist das nicht so einfach.

Also, wenn Sie als Cover in New York an der Met waren, dann hätten Sie theoretisch während der Vorstellung bereitstehen müssen, falls irgendetwas ist?

Ja. Wir mussten innerhalb von zwanzig Minuten an der Met sein können. Das heißt, wir konnten nicht in Queens sein, auf der anderen Seite des Flusses, wo ich eigentlich gewohnt habe. Ich musste in Manhattan sein. Es konnte in einem Restaurant sein, aber wir mussten erreichbar sein, die mussten wissen, wo wir waren. Wenn es eine Radioübertragung war, live, mussten wir im Haus sein, im „Green Room“. Wir waren so quasi auf Abruf, zum Einspringen, falls irgendetwas ist.

Sie haben erwähnt, dass Sie Barockmusik sehr gerne machen. Es gab in der letzten Spielzeit hier am Haus eine Barockoper, in der Sie auch mitgewirkt haben. Hätten Sie sich mehr Barockoper gewünscht am Gärtnerplatztheater?

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten vor acht Jahren „Ein Theater nach der Mode“. Ein Pasticcio, aus verschiedenen Sachen zusammengestellt von Kobie von Rensburg und Peer Boysen. Das war genial, das war wirklich etwas Besonderes. Die hätten das weiter spielen sollen, das war so gut. „Sokrates“ von Telemann war auch eine tolle Erfahrung, das hat viel Spass gemacht. Aber mehr Barock – ja, das wäre schön gewesen.

Haben Sie das absolute Gehör?

Nein. Es gibt ein absolutes Gehör und ein relatives Gehör. Da kann man nicht so ganz genau die Töne verorten, aber, zum Beispiel, wenn ich eine Rolle wie Mimi kenne, dann weiß ich ungefähr, wo das in meinem Hals ist. Aber meine Tochter hat das.

Ist Ihre Tochter auch Musikerin?

Ja. Sie spielt Klavier und Gitarre, und sie kann auch gut singen.

Dann wird sie eines Tages ja auch in Ihre Fußstapfen treten?

Das weiß ich nicht. Sie ist auch sehr stolz auf ihren Vater, der auch Musicals und Popmusik macht. Sie ist sehr interessiert an Filmmusik. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Mögen Sie selbst auch andere Musikrichtungen?

Ja. Ich mag viele verschiedene Musikrichtungen. Ich singe nur Oper, weil das am besten für mich ist. Ich passe nicht zum Musical, zum Beispiel, oder Jazz habe ich nie probiert. Aber ich höre gerne Jazz oder Popmusik.

Sie sprechen gut Deutsch und natürlich Englisch. Sprechen Sie noch andere Sprachen, und singen Sie auch noch in anderen Sprachen? Sie haben ja hier am Haus auch schon auf Italienisch gesungen.

Ja. Ich komme gut mit Italienisch klar, Französisch auch. Und ich singe in allen diesen Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch. Im Februar gibt es einen Ballett-Abend, wo ich Tschaikowsky-Lieder singe, drei Tschaikowsky-Lieder in russischer Sprache, und das ist kompliziert.

Haben Sie da einen Sprachcoach?

Ja. Oleg Ptashnikov hat mir geholfen. Es gibt auch eine Dame im Chor, sie ist auch aus dieser Gegend und kann mir auch helfen.

Haben Sie musikalische oder szenische Vorbilder?

Ja. Ich bin begeistert von Menschen wie Tony Bennett oder Michael Jackson. Auch Freni, Pavarotti, die sind Vorbilder von mir in der Oper. Aber ich bin sehr begeistert von Filmkomponisten, zum Beispiel, ich finde, Filmmusik ist jetzt die Musik unserer Zeit, nicht mehr Oper oder sinfonische Sachen. Filmmusik finde ich sehr schön. Ich finde auch Stevie Wonder genial. Er ist über 60 und konnte immer sehr gut singen, auch mit Emotion, mit verschiedenen Farben. Er hat die Stimme so gut gepflegt. Und Sänger wie Sting, Popsänger, Phil Collins, die haben die Stimme wirklich gut gehalten für ihr Alter, und die singen immer noch. Ich denke, das hat damit zu tun, dass sie nicht so viele Tourneen gemacht haben. Das kann einen sehr schnell ausbrennen, denke ich mir.

Haben Sie eine Opern-Aufnahme, die Sie privat am liebsten hören?

Ich würde sagen, meine Lieblings-Aufnahme ist „Turandot“ mit Zubin Mehta, Pavarotti, Caballé und Sutherland.

Was tut Ihrer Stimme gut, und was vertragen Sie überhaupt nicht?

Viel schlafen tut gut. Leider, in Lokale zu gehen, wo es laut ist und wo man darüber laut sprechen muss, das ist schlecht. Ich trinke wenig Alkohol. Ab und zu genieße ich ein Glas Wein, Glühwein, wenn ich nicht so viel zu singen habe. Aber so etwas vermeide ich, wenn ich große Partien habe und die Stimme pflegen muss.

Da kommen wir gleich zur nächsten Frage: Wie diszipliniert müssen Sie leben als Sängerin?

Sehr. Manchmal ist es sehr schwer, ein soziales Leben zu haben und Freunde zu treffen. Wenn man viele Power-Partien hat, wie Traviata, Butterfly, kann man nicht ausgehen mit Freunden und es spät werden lassen, wenig schlafen. Man muss sehr diszipliniert sein, auch körperlich. Ich gehe joggen. Bei dem Wetter nicht so, aber im Sommer. Wenn ich nicht große Sachen zu singen habe, dann mache ich Fitness.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor?

Zuerst höre ich es mir an, wenn es möglich ist, wenn es eine Aufnahme gibt, damit ich die Klangfarbe vom Orchester höre, wie groß das Orchester ist. Dann fange ich an, die Noten, die Töne zu lernen und die Sprache auch zu übersetzen, wenn es sein muß, Sachen, die ich nicht weiß. Und dann langsam, langsam kommt es. Man muss halt peu a peu ein bisschen jeden Tag machen, dann kommt das alles. Wenn man ganz schnell etwas lernen muss, dann eine Aufnahme hören. Das hören viele Leute nicht gerne, aber das ist das Beste, wenn die Leute in der Aufnahme keine Fehler machen. Dann hört man das richtig, auch wie die Einsätze sind, das ist sehr wichtig. Denn falls irgendetwas auf der Bühne passiert und einer setzt falsch ein, dann weiß man: Wo soll ich einsetzen. Und das hilft auch. Ja. Ein bisschen jeden Tag machen. Und dann in die Probe, dann fühlt man mit körperlicher Bewegung, lernt man langsam die Partie.

Der Freischütz, Staatstheater am Gärtnerplatz, Premiere 30.9.2010

Kommen wir zur Wiederaufnahme des Freischütz. Das war die Eröffnungspremiere der letzten Spielzeit. Sie haben die Partie der Agathe übernommen. Erzählen Sie uns ein bisschen von Ihrer Rolle.

Die Agathe, das ist eine sehr interessante Partie. Früher hatte ich im Kopf gehabt, dass die Agathe ein Heldensopran sei, ein schwerer Sopran. Aber sie ist nicht so. Man muss feine Elemente dabei haben, es ist fast wie Mozart. Bisschen dramatischer Mozart. Man muss auch leicht singen können, aber auch dann dramatische Ausbrüche. Weber hat sehr gut für die Sopranstimme geschrieben – immer große Ausbrüche in der Höhenlage, wo die Sopranstimme sowieso trägt. Diese leise, leise Arie ist tief, aber sehr wenig Orchester darunter. Ich finde, es ist eine sehr gesunde Partie. Gestern hatten wir einen Durchlauf, und ich habe mich fit gefühlt danach. – Zur Figur? Sie ist eine starke Frau, aber sie hat auch Ängste. Das sieht man im Laufe der Zeit. In unserer Produktion ist sie sehr ängstlich, obwohl sie stark bleiben muss für Max. Das Ännchen – natürlich habe ich diese Rolle auch gemacht – sie gibt der Agathe Energie, und es ist gut, dass Agathe so eine Freundin wie Ännchen hat, eine starke Frau neben ihr, die alles so selbstverständlich nimmt. Das hilft Agathe, nicht so ängstlich zu sein.

Die Inszenierung von Beverly Blankenship ist nicht ganz unumstritten. Können Sie sich damit identifizieren?

Ja, ich hatte keine Probleme damit, ich fand es sehr gut. Diese Wolfsschlucht-Szene ist eine sehr interessante Lösung, denn diese Szene könnte peinlich wirken, wenn es nicht gut gemacht ist. Ich denke, Beverly Blankenship hat eine sehr gute Lösung gefunden. Es ist sehr technisch, man muss aufpassen, wir müssen das gut probieren, denn es könnte gefährlich sein. Sie haben es gesehen: mit Hin-und-Her, Versenkungen, Herumkrabbeln, Löcher. Aber wenn man gut geprobt hat, sollte nichts passieren.

Die Agathe ist relativ passiv. Warum?

Ich denke, das ist so, weil Max derjenige ist, der labil ist und schwach und diese Kugel nimmt. Ännchen ist so ein frischer Wind. Ich denke, das passt, dass eine passiver ist. Stark, aber passiv. Sie ist stärker als Max. Max geht in diese Wolfsschlucht, wo er die Kugel will von Caspar. Sie bleibt …. Sie ist passiv, aber bleibt trotzdem stark und weiß, was sie will, mit Max und ihrer Hochzeit.

Agathe ist ziemlich abergläubisch. Sind Sie es auch?

Nein. Nein, gar nicht. Wie Pfeifen auf der Bühne, oder wenn man eine schwarze Katze sieht oder sowas? Abergläubisch bin ich gar nicht.

Was genau ist da mit Caspar vorgefallen?

In unserer Inszenierung? Ja, das ist sozusagen so inszeniert, dass entweder in ihren Träumen oder in Wirklichkeit etwas passiert ist. Dass sie eine Beziehung hatte, eine sexuelle Beziehung oder irgendwas. Aber die ganze Inszenierung ist sowieso Agathes Traum, und ich denke, das war mehr ihr Unterbewußtes.

Angst ist ein bestimmendes Element im „Freischütz“. Wovor hat Agathe Angst?

Ja, sie sagt: Wie entsetzlich, dass Max in die Wolfsschlucht geht. Sie sieht eine Gefahr da, ich weiß nicht, vielleicht, weil es im dunklen Wald ist. Diese Eremit-Figur, er ist so wie ein Mönch. Vielleicht sieht sie, wo Max geht, dass er auf die dunkle Seite gehen könnte.

Ist der Wald ein Refugium oder ein Ort der Bedrohung?

Ich glaube, sie empfindet ihn als Bedrohung.

Hatten Sie Freiheiten bei der Interpretation dieser Rolle?

Ja. Ja. Beverly Blankenship hat uns Ideen gegeben, aber wir haben uns auch unsere eigenen Ideen mitgebracht, und sie hat sie gut akzeptiert.

Sie haben vorhin schon über die Partie gesprochen. Was ist das Schönste daran, und was ist am schwersten?

Ich glaube, eine starke Figur zu präsentieren, ist wahrscheinlich das Schönste, denn ihre Musik ist manchmal sehr passiv, wie diese Wolken-Arie. In der ersten Arie kann man alles zeigen, und das finde ich gut. Diese erste Arie finde ich wirklich schön, das Schönste an Agathe. Denn sie kann diese leise, leise Stelle präsentieren und auch eine so aufblühende Ekstase, in der Musik und auch in der Figur. Und direkt danach sieht sie Max, und sie kommen zusammen, und das ist für sie – sie liebt Max über alles.

Haben Sie Lampenfieber, und wenn ja, was tun Sie dagegen?

Normalerweise nicht. Wie gesagt, als ich gewusst habe an der Met, dass ich einspringen musste in dieser Riesen-Rolle – in diesem Haus waren fast viertausend Menschen – da habe ich geweint. Aber ich musste dann eine andere Einstellung denken: Okay, ich bin routiniert, ich mache das jeden Tag, jede Woche. – Was ich dagegen tue, ist, so vorbereitet zu sein, dass nichts passieren kann. Und gut ausgeruht. Ich riskiere nicht, am Vortag mit Freunden auszugehen. So etwas habe ich nie riskiert. Wenn die Stimme nicht funktioniert, oder wenn ich eine Partie nicht so gut kenne, dann würde ich Lampenfieber bekommen.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf, und was gefällt Ihnen gar nicht daran?

Das Schönste ist: Ich freue mich, dass ich seit meinem Studium immer noch das machen kann, was ich gelernt habe, was ich studiert habe, und seitdem habe ich nie etwas anderes machen müssen, das finde ich sehr schön. Was ich nicht schön finde, ist: diese Gefühle, wenn man sich nicht so topfit fühlt. Soll man absagen oder nicht? Das ist eine schwierige Sache. Wenn man nicht fit ist, könnte man versagen auf der Bühne, und das ist eine schwere Sache, oder wenn die Stimme gar nicht geht. Diese Entscheidung, dieser Stress, absagen zu müssen, finde ich wahrscheinlich das Schwierigste an diesem Beruf.

Sie haben schon viele große Partien gesungen. Haben Sie noch eine Wunschpartie?

Ja, ich habe viele Sachen, meine Traumpartien, gleich am Anfang meiner Karriere gemacht: Sophie im „Rosenkavalier“, Manon von Massenet. Ich würde sehr gerne zu manchen Partien zurückkommen können. Die Liu habe ich immer sehr gerne gemacht. Mimi natürlich. Butterfly. Dass ich wieder die Möglichkeit habe, diese Rollen zu machen. Ganz neue Partien? Ich liebe Puccini. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, welche Puccini-Partie, die ich noch nicht gemacht habe, zu mir passt. Tosca zum Beispiel: Tolle Musik, aber ich denke nicht, dass ich die Figur bin dafür. Strauss. Vielleicht Strauss. Vielleicht Arabella.

Sie haben ganz am Anfang erwähnt, dass Sie nach der High-School nicht genau wussten, was Sie machen wollten. Gab es irgendwie Alternativen, die Sie überlegt haben?

Nicht eigentlich, nein. Ich habe mich interessiert für Jura, aber nicht so ernsthaft, dass ich das studieren wollte. Aber das war ein Gedanke in der High School, im Gymnasium. Außer Musik gab es in unserem Gymnasium nicht viel, in dem wir gefördert wurden. Vielleicht bin ich deswegen in diese Richtung gegangen.

Da können wir Münchner uns ja glücklich schätzen, dass Sie sich für die Musik entschieden haben. – In dieser Spielzeit kommt noch als Neuproduktion die Alice Ford im „Falstaff“. Können Sie uns schon einen weiteren Ausblick geben?

Ich habe viele Pläne. Aber ich spreche ich noch nicht darüber.

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview!

Herzlichen Dank auch!

(Interview vom 26. November 2011)

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Da fragt man sich dann schon, wie intensiv man sich mit dem Originallibretto beschäftigt hat. Oder mit den Wünschen Gilberts zur Umsetzung:

Gilbert told a journalist, “I cannot give you a good reason for our … piece being laid in Japan. It … afforded scope for picturesque treatment, scenery and costume,…

Gilbert, W. S. “The Evolution of The Mikado”, New York Daily Tribune, 9 August 1885

Der Mikado

Bühne und Kostüme sind irgendwie lieblos. Die bedruckten Anzüge der Männer sind von weiter weg nicht mehr zu erkennen, und auch von ihnen tragen manche weiß. Das mag zwar zu Ko-Ko als Farbe der Trauer passen, aber bei den Adeligen, die der Männerchor am Anfang ja darstellen soll, passt es nun mal überhaupt nicht. Ebenso wie die gelben Ärmel später, gelb ist die Farbe des Kaisers. Wenn man das Stück nicht im farbenprächtigen Originalsetting spielen lassen will, muss man vermutlich ganz weg von Japan. Die English National Opera hat eine relativ erfolgreiche Inszenierung in den Zwanzigern in einem englischen Badeort spielen lassen. Russland könnte ich mir auch gut vorstellen. Aber nicht dieses Japan, das so nicht existiert. Gilbert hatte den Ort möglicherweise zufällig ausgesucht, in der Umsetzung wollte er aber akkurat sein und hat unter anderem eine Japanerin damit beauftragt, den Sängern die richtigen Bewegungen beizubringen. Davon ist man hier leider meilenweit entfernt. Außerdem ist die Bühne nicht ungefährlich. Der rote “Teppich” wackelt wie ein Kuhschwanz, wenn sich zwei Menschen darauf bewegen, bietet wenig sichere Standfläche und ist bei der Premiere auch schon zur Seite gekippt. Die Kästen sind nicht standfest und rutschen, wenn die Sänger mit etwas Schwung darauf steigen.

Am allerschlimmsten ist aber die letzte Szene von Ko-Ko und Katisha. Wie man in diese Worte eine “perverse Sexualität” hinein interpretieren kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Abgesehen davon, dass man vielleicht mal den Gebrauch des Wortes “pervers” überdenken sollte. Es gibt einige Stücke im G&S-Kanon, die sich unterschwellig mit Sexualität beschäftigen, DER MIKADO gehört jedoch nicht dazu. So wird man sicher keine Gilbert&Sullivan-Tradition in Deutschland wiederbeleben können.

Musikalisch war es mal wieder sehr, sehr gut. Mario Podrečnik als Nanki-Po und Thérèse Wincent als Yum-Yum ergänzten die Premierenbesetzung aufs Beste. Besonders Stefan Sevenich, der den Mikado mit ironischer Distanz und der Beweglichkeit singt und spielt, die die ihm zugeordnete Musik erfordert, und Rita Kapfhammer, die der Katisha mehr Tiefe verleiht, als der Übersetzer ihr zugebilligt hat. Wie schön wäre es, wenn sie ihr Schulterblatt selbst anpreisen dürfte! Gunter Sonneson ist eine Idealbesetzung für den Ko-Ko, das kann man sicher nicht besser machen. Aber auch die restlichen Solisten, Chor und Orchester waren an diesem Abend fast noch besser als bei der Premiere und tatsächlich sprang ein Funke auch schon vor der Pause zum Publikum über.

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