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Interview mit Katja Stuber

Katja Stuber

Frau Stuber, danke schön, dass Sie zwischen den Proben zum Freischütz am Gärtnerplatztheater und den Proben beim Bayerischen Rundfunk die Zeit für ein Interview gefunden haben. Könnten Sie uns bitte einen Einblick in Ihren Lebenslauf geben?

Ich war von klein auf begeistert von Musik und habe daheim in der Oberpfalz immer im Chor gesungen. Zwei Jahre vor dem Abitur besuchte ich zum ersten Mal einen Gesangsunterricht an der heimischen Musikschule. Erst begann ich aber ein Lehramtsstudium, für Realschule, mit den Fächern Deutsch und Musik. Noch während dieser Zeit habe ich über meine Gesangslehrerin an der Musikhochschule, Frau Angelica Vogel, den Anreiz bekommen, doch zu überlegen, ob ich ins Hauptfach Gesang wechseln oder das zusätzlich studieren möchte. Das interessierte mich schon, und ich probierte ein bisschen blauäugig die Aufnahmeprüfung. Prompt klappte es in München an der Musikhochschule. Dort habe ich bei Christian Gerhaher vier Jahre studiert, danach zwei Jahre im Aufbaustudium bei Ruth Ziesak in Saarbrücken. Das erste Engagement kam hier am Gärtnerplatztheater gleich nach dem Ende des Studiums in München. Ich wurde von der Musikhochschule als Stipendiatin für den Deutschen Bühnenverein vorgeschlagen. In diesem Vorsingen für die Auswahl der Stipendiaten saß der Intendant des Gärtnerplatztheaters, Herr Dr. Peters. Er gab mir dann die Möglichkeit, als Schwangerschaftsvertretung ein Jahr lang fest im Ensemble hier am Gärtnerplatztheater zu singen. Danach ging es weiter mit Gastpartien hier am Haus, in der „Zauberflöte“ und im „Orpheus“ und in der aktuellen Spielzeit eben als Sandmännchen/Taumännchen in „Hänsel und Gretel“, Papagena in der „Zauberflöte“ und Ännchen im „Freischütz“.

Gab es da eine Produktion, die besonders Spass gemacht hat?

Eigentlich haben alle Produktionen besonders Spass gemacht. Das war einfach alles super zum „Einstieg“, weil die Partien sehr überschaubar waren. Barbarina und Papagena sind Repertoirepartien, aus dem Studium bekannt, und Sandmännchen/Taumännchen auch. Neu war die Operette „Boccaccio“, eine Wiederaufnahme. Die Fiammetta zu singen war insofern eine neue Erfahrung, als mir erstens das Stück unbekannt war und zweitens, weil es ein anderes Arbeiten ist, in eine Wiederaufnahme-Produktion einzusteigen. Der „Boccaccio“ war auch sehr aufwendig inszeniert in Kostüm, Bühne usw. In meinem Jahr als Ensemblemitglied gab es zwei Neuinszenierungen, „Orpheus in der Unterwelt“ und „Zauberflöte“. Das war auch noch mal eine neue Erfahrung, wenn man so eine ganze Produktion vom Konzeptionsgespräch bis zur Premiere mitbekommt.

Jetzt kommt am 4. Dezember der „Freischütz“, das Ännchen. Wie erarbeiten Sie sich eine neue Rolle?

Es ist eine Repertoire-Partie. Die Arien sind bekannt, die habe ich häufig schon vorgesungen, in Diplomprüfungen und auch zum Beispiel letztes Jahr in Bayreuth. Dadurch, dass es eine Wiederaufnahme ist, bekommt man Noten und DVD vom Haus. Ich habe mir erst mal die DVD angeschaut. Im Vorfeld habe ich mich natürlich schon öfter mit dieser Oper beschäftigt. Lustigerweise habe ich während meines Praktikums fürs Lehramtsstudium eine Schulstunde im Musikunterricht mit dem Thema „Freischütz“ gehalten.

Können Sie sich mit der Inszenierung von Frau Blankenship identifizieren?

In einigen Punkten. In einigen auch weniger. Es ist schwer, sich manche Sachen anzueignen, die man jetzt vom Typ her vielleicht ein bisschen anders anlegen würde. Das Ännchen ist sehr burschikos in der ganzen Inszenierung, was schon auch Spass macht zu spielen, sie hat aber nie eine weiche Seite, was mir so ein bisschen fehlt. Außerdem ist die ganze Inszenierung wahnsinnig rabiat und oft fast brutal, es wird ständig mit Gewehren und Jagdmessern hantiert und diese werden auch zuhauf eingesetzt. Ännchen schießt auch, zwar nur mit einem gesprochenen „Peng“ angedeutet, aber trotzdem: Es sind ein paar so Sachen, die mir schon ein bisschen widerstreben, muss ich sagen, aber – ja. Man macht es dann halt trotzdem.

Was sind denn die musikalischen Besonderheiten der Partie?

Die Partie an sich liegt für einen Sopran relativ tief, gerade in den Ensembles. Man braucht aber in den Arien auch eine gute Höhe. Der Stimm-Ambitus ist also sehr groß. Ansonsten ist musikalisch-stimmlich alles drin. Es gibt sowohl Koloratur also auch große lyrische Bögen.

Und die Charakterunterschiede zwischen Ännchen und Agathe?

Ännchen ist hier eher der burschikose Typ. In Max verliebt, in dieser Inszenierung, oder sie denkt sich ständig, warum er eigentlich immer nur dieser traurigen Agathe hinterherrennt, wobei Ännchen doch eigentlich die viel interessantere Person ist. Sie ist aber sehr jugendlich dargestellt mit ihren Zöpfen usw., von daher unterscheidet sie sich schon sehr von der Agathe. Diese ist die weinerliche, absolut nicht starke Frau in der Inszenierung. Sie wird sogar öfter von Max geschlagen! Das ist auch so ein Punkt, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Das passiert am Ende von unserem Terzett: Die Frau, die sich zwar von ihrem Zukünftigen durch Schläge demütigen lässt, aber ihm dann doch hinterherläuft…

Ännchen macht sich über Agathes Aberglauben lustig. Aber als sie die Totenkrone statt des Brautkranzes in Händen hält, wird es ihr doch ein wenig mulmig zumute. Ist sie doch ebenfalls abergläubisch?

Ich glaube sie ist immer hin- und hergerissen zwischen der entsetzlichen Realität und ihrem Charakter-Typus. In einer schrecklichen Situation „Wie? Was? – Entsetzen! Dort in der Schreckensschlucht!“ denkt sie: „Ach, es wird schon alles gar nicht so schlimm sein, wie es da erscheint.“ Also, sie hat schon immer etwas Positives, oder versucht, überall etwas Positives zu sehen. Die Stelle mit dem Totenkranz ist wieder ähnlich: Erst wirkliches, von ihr auch gefühltes Entsetzen, dann animiert sie den Chor: „Singt einfach weiter, schnell, wir biegen das schon wieder um.“ Also, sie weiß um den Aberglauben, verfällt ihm aber selber nie wirklich. Das ist mit ihr vermutlich so wie beim Horoskope-Lesen. Man liest sie zwar, aber glaubt nicht wirklich daran. So geht es mir jedenfalls. Vielleicht passt das auch zum Ännchen.

Wie sieht es denn überhaupt mit der Rolle der Frau in dieser Oper aus?

Die zwei unterschiedlichen Charaktere, Ännchen und Agathe, fallen schon auf. Die Frauenfigur ist an sich recht schwach gezeichnet, finde ich, gerade in dem Fall von Agathe. Die Männer werden sehr dominant dargestellt. In die Richtung schlüpft Ännchen, indem sie eben, in schweren Stiefeln, mit Gewehr und Messern hantiert und herumläuft. Sie sympathisiert sogar stark mit der männlichen Seite.

Sie haben ja noch bis Januar einige Aufführungen in München. Können Sie uns da einen kleinen Ausblick geben?

Jetzt im Dezember kommen nach dem „Freischütz“ noch die „Hänsel und Gretel“-Vorstellungen mit Sandmännchen/Taumännchen. Im nächsten Jahr dann noch ein paar Mal die „Zauberflöte“. Ansonsten bin ich viel mit Konzerten unterwegs. Im Dezember habe ich mit dem Bayerischen Rundfunkchor ein Weihnachtskonzert und im Januar und Februar folgen zahlreiche Liederabende, die mich durch ganz Deutschland führen werden.

Sie haben im Sommer dieses Jahres in Bayreuth im neuen „Tannhäuser“ debütiert. Wie war die Arbeit am Hügel?

Spannend. Überwältigend. Sechs Wochen lang ein Wahnsinns-Aufwand, der betrieben wird, um fünf riesige Opern auf die Bühne zu bringen. Die Logistik mit den Proben vor allem in Räumlichkeiten, die oft für diese Zwecke nicht ausreichen. Das war zum Beispiel beim „Tannhäuser“ insofern ein Problem, weil eben die Probebühne leider nicht das komplette Bühnenbild fassen konnte. Deswegen haben manche Sachen auf der Probebühne funktioniert, die so letztendlich, als wir auf der großen Bühne waren, plötzlich nicht mehr hundertprozentig funktionierten. Die Wege waren plötzlich weiter, die Entfernungen, die die Sänger im Dialog zurückzulegen hatten, waren wesentlich größer usw. Für mich war es total beeindruckend, die Sängerkollegen dort zu erleben in diesen riesigen Partien. Insgesamt hätte ich es mir nie träumen lassen, mal Wagner singen zu dürfen an so einem „heiligen“ Ort. Das war eine tolle Erfahrung: Ein Rollen-Debüt, Hügel-Debüt und überhaupt Wagner-Debüt!

Sie sind neben der Oper eine sehr gefragte Konzert- und Liedinterpretin, von Alter Musik bis zur Moderne. Welchen Reiz übt das Konzert bzw. das Lied auf Sie aus?

Einen Liederabend zu bestreiten ist für mich die Königsdisziplin, weil es fast nichts Direkteres oder Unmittelbareres gibt zwischen Pianist, Sänger und Publikum. Man ist einfach so blank und in allem ausgeliefert, und das über eineinhalb Stunden. Das hat man auf der Theaterbühne nicht so. Dort hat man sein Kostüm und seine Maske, und irgendwo ist da noch eine Wand dazwischen.

Am 11. November 2011 haben Sie eine Uraufführung im Frankfurter Dom gesungen, von Gerhard Müller-Hornbach, und im Anschluss ein altbekannter Komponist, Händel. Wie gestaltete sich die Arbeit?

Ich kannte den Dirigenten Gerhard Jenemann und den Süddeutschen Kammerchor vorher noch nicht. Im Vorfeld habe ich natürlich sofort um die Noten für diese Uraufführung angefragt, die aber noch nicht fertig waren, sondern noch im Kopf des Komponisten … Das war spannend, weil man natürlich nicht weiß, was man kriegt. Ich kannte den Komponisten Gerhard Müller-Hornbach persönlich nicht, und er hatte mich vorher auch noch nicht gehört. So blieb die Frage, ob dieses Stück für mich überhaupt singbar ist. Der Komponist besuchte die Proben und gab noch den einen oder anderen Tipp, zu seinen Klangvorstellungen usw. Dann fand die Uraufführung im Frankfurter Dom statt, der uns allen aber wegen der akustischen Verhältnisse zum Verhängnis wurde. Der Klang verschwamm in jede Richtung, das war unser Hauptproblem. Der Sprecher Peter Fricke sprach mit Mikrofon, das hatte sich so ergeben. Er saß damit plötzlich zu nah an den Ersten Geigen und somit waren diese über die Lautsprecher zu dominant. Im Kirchenraum wirkte es eben insgesamt ganz anders als in dem kleinen Probenraum, den wir vorher zur Verfügung hatten.

Es ist ja auch bestimmt interessant dann, mit dem Komponisten selber mal sprechen zu können, was man ja – (lacht)

Jaja, eben, genau. Und um so schöner, wenn es ihm dann auch noch gefällt, was man aus seiner Idee macht.

Jetzt im Dezember kommt noch mal in der Akademie der Schönen Künste ein neues Projekt, mit Christian Gerhaher und Gerold Huber: Haydn – „Schöpfung“ als Einführung für Kinder.

Genau. Das ist quasi mein Konzert des Jahres, wenn ich das so sagen darf. Weil es einfach eine wahnsinnige Ehre für mich ist, mit meinem Lehrer, meinem Dozenten und Mentor auftreten zu dürfen, gerade auch in dem schönen Rahmen der Akademie. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Wir treffen uns nächste Woche und besprechen das Konzept. Christian Gerhaher wird das ganze Konzert moderieren, und in Auszügen werden die Arien vorkommen, meistens aber nicht in ganzer Länge. Ich weiß noch nicht genau, wie das Konzept insgesamt aussehen wird, aber auf jeden Fall aufbereitet für Kinder, das wird wunderbar. Es werden ganze Schulklassen dabei sein.

Schön.

Ja. Ich freue mich sehr.

Und 2012 gibt es auch wieder einen vollen Terminplan bei Ihnen, nicht?

Genau. Glücklicherweise. (lacht)

Wie sieht es da dann aus? Also, die Liederabende haben Sie schon erwähnt –

Es werden zwei Projekte mit Thomas Hengelbrock und dem Balthasar-Neumann-Ensemble dabei sein: Im März die Marienvesper von Monteverdi und im Juni der „Orfeo“ von Monteverdi, hier mit der Partie der Eurydike. Damit geht es mitunter nach Paris, darauf freue ich mich sehr. Im Mai gibt es noch eine neue Operninszenierung, und zwar von Joseph Schuster: „Il marito indolente“. Das wird Dominik Wilgenbus inszenieren, mit dem ich viel in der Kammeroper München zu tun hatte. Das wird bei den Tagen Alter Musik in Regensburg aufgeführt. Im Juni geht es dann schon wieder nach Bayreuth. Mitte Juni beginnt die Probenzeit und die Vorstellungen laufen bis Ende August. Und dann steht die erste Susanna an, im „Figaro“, das wird in einer kleinen Produktion von der „Neue Philharmonie München“ veranstaltet. Die Aufführungen sind im Cuvillies-Theater in München zu sehen. Darauf freue ich mich sehr.

Wir uns auch! Sehr schön! Vielen Dank!

Danke auch!

 

 

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