Zwar gibt es kiloweise Flirtratgeber, die einen Hund als geeignetes Accessoire empfehlen, aber ich selbst habe noch kaum jemals Hundebesitzer beim Flirten beobachtet. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das auch nur logisch: Wer einen Freund braucht, kauft sich einen Hund. Und dann hat er einen. – Aber dafür ist ein anderes Haustier als Flirt-Requisit unschlagbar: Wenn eine Frau der Mittelpunkt einer Party sein möchte, umringt von Männern, die alle angeregt versuchen, ihr näherzukommen, um mit ihr sprechen zu können … dann braucht sie nur in ganz normalem Bühnenflüsterton zu erzählen, dass sie demnächst ihren Kater zum Tierarzt bringen wird, um ihn kastrieren zu lassen. Im Nu wird diese Frau von Männern belagert sein, die sich alle Mühe geben, sie in leidenschaftlichen Diskussionen von diesem Vorhaben abzubringen. (Den anwesenden Frauen ist dieses Thema ziemlich egal, die holen sich dann eben noch ein Glas Bowle.)
Willst du mit mir schlafen?
Dieser Spruch funktioniert im Normalfall nur in einer Richtung: Wenn SIE es sagt. Dann funktioniert er aber fast immer. Die Sache ist aber nicht ganz so eindeutig wunderprächtig, wie sie sich auf den ersten Blick darstellt. Was SIE meint ist: Es steht weit und breit nichts Adäquates rum, also nehme ich in Gottes Namen dich. Gelegenheit macht Liebe. ER dagegen ist sehr positiv überrascht: Endlich mal eine Frau, die ihre Prioritäten richtig setzt! Da könnte ER sich doch vorstellen, dass das was Ernstes werden könnte. Erst mal lässt sich das auch super an: SIE käme nie auf die Idee, ihn anzumeckern oder an ihm herumzuerziehen. Warum auch. Im Gegensatz zu ihm weiß sie schon im Voraus, wann diese Geschichte beendet ist. Das kann von sechs Stunden bis zu sechs Monaten dauern. Länger nicht. Ein gebrochenes Herz ist garantiert, und zwar seines.
Kommst du mit? Ich wollte noch kurz Strümpfe kaufen.
Huiuiui, die Hardcore-Variante. Wird gerne in harmlosem Tonfall, mit einem liebreizenden Lächeln vorgebracht. Diese Frau weiß, was sie will. Und sie weiß auch, wie sie es bekommt. Wenn SIE dann also IHN mitnimmt in die Wäscheabteilung von Ludwig Beck am Rathauseck … und halblaut über die Vorzüge von halterlosen Strümpfen im Vergleich zu der normalen Variante mit Strumpfgürtel diskutiert … mit Naht oder ohne? … und dann zur Tür hinausstöckelt, während er sich beeilt, ihr dieselbige aufzuhalten … dann muss sie sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass ihm der Sabber an den Mundwinkeln hinabrinnt.
Jede schöne Frau hat einen kleinen Bauch.
Wow. So ein Spruch, beiläufig dahingesagt, kennzeichnet den Mann von Welt. Dieser Mann hat schon eine ganze Menge gesehen und ist abgeklärt genug, um zu wissen, dass sein Liebesleben sofort exponentiell besser wird, wenn SIE sich wohlfühlt. Ein Mann, der es fertigbringt, ein komplexbehaftetes Attribut in einen Pluspunkt umzudeuten, ist vermutlich auch in den noch privateren Momenten phantasievoller als der Durchschnitt. Und es stimmt: Viele sehr attraktive Frauen sind nicht Size Zero, und von Marilyn Monroe, die in “Manche mögen’s heiß” ihre unwiderstehlichen Pfunde lasziv über den Bildschirm bewegt, soll hier noch gar nicht die Rede sein. Vor zwanzig Jahren haben sich die Mädels bei Liebeskummer die Haare abgeschnitten, das galt damals als radikale Maßnahme. (Heutzutage wohl auch noch. Von der langen Mähne zum Ultrakurzhaarschnitt – das bewirkt eine Bewußtseinsänderung, ob sie das nun will oder nicht, und genau das war ja auch beabsichtigt.) Im aktuellen Jahrtausend jedoch werden Selbstwertprobleme gerne am Gewicht festgemacht. Bitte sehr, jede Zeit hat ihren ganz besonderen Schatten, aber man sollte doch nicht vergessen, dass letztendlich noch ein bisschen Figur dran sein muss, die SIE dann mit leichtem Hüftschwung über den Stilettoabsätzen ausbalancieren kann.
Me, you. Fuck, fuck?
Ich muss sagen, ich finde diesen Spruch einfach klasse. Er hat so etwas Atavistisches. Der Neandertaler hat seine Keule vergessen und versucht es nach besten Kräften mit der Magie der Wörter. Diese Anmache funktioniert jedoch eigentlich nur dann, wenn er ein sehr gut verdienender Fußballer ist, und sie eine Kellnerin, der die Füße wehtun und die sich beruflich umorientieren möchte. Der Deal ist an und für sich nicht schlecht, wenn man Babys mag, denn außer seinem Geld wird sie von diesem Typen den Rest ihres Lebens nichts mehr sehen.
Ich stehe hier nur ganz zufällig rum.
Nur selten sind Frauen so unbekümmert, ungeduldig oder unverfroren, dass sie auf das Zielobjekt so frontal losgehen wie der Stier auf das rote Tuch. Erfahrungsgemäß führt die offensive Vorgehensweise ja auch dazu, dass das rote Tuch reflexartig weggezogen wird. Aber meistens ist sowieso das Gegenteil das Problem: Schüchternheit. Und nun wird es vollends lächerlich, weil das Gegenüber, das normalerweise viel zu gut über die eigenen Macken, Mängel und Fehler Bescheid weiß, beim besten Willen nicht auf die Idee kommt, irgendjemand könnte wegen ihm/ihr befangen sein. Resultat ist eine generell ungemütliche Atmosphäre, mit sowohl Neugier als auch Misstrauen auf beiden Seiten. Das führt dann zu der merkwürdigen Situation, dass die Frau einen Mann, auf den sie total spinnt, fast genauso behandelt wie einen Mann, der sie nervt. Zuhause wird dann eine Begegnung, die so flüchtig war wie das Higgs-Boson, ewig und drei Tage analysiert. Männer haben angeblich nicht das Problem, dass sie zuviel über solche grundlegenden Fragen grübeln: Eine Freundin von mir behauptet, ein Männergehirn sei einfacher zu programmieren als ein Tamagotchi. Das ist natürlich eine gemeine Unterstellung. Glaube ich. Ich verstehe nicht viel von Tamagotchis. Ich weiß aber, dass ungeklärte Konstellationen das Gehirn ungebührlich lange beschäftigen. Das hat gerne den Effekt, dass man vom Grübeln ins Grübeln kommt. Dagegen gibt es ein ganz einfaches Mittel: Man geht hin und holt sich eine eindeutige Abfuhr. Die ganze Breitseite. Überrascht werden Sie feststellen, dass es überhaupt nicht wehtut. Das Gehirn wünscht sich klare Verhältnisse: es freut sich so darüber, diese diffuse Sache bereinigt zu wissen, dass es tatsächlich sekundär ist, ob die Entscheidung positiv oder negativ ausfällt. Interessant dabei ist noch, dass das, was wir wollen, normalerweise nicht das ist, was wir wirklich wollen. Sie wünschen sich ein Happy-End? Sind Sie sicher? Denken Sie mal ganz genau nach. Das, was uns dazu animiert, morgens überhaupt aufzustehen, ist nicht das Happy-End, sondern die Aussicht darauf. Oder glauben Sie, dass “Vom Winde verweht” interessanter zu lesen wäre, wenn Rhett und Scarlett rechtzeitig einen Eheberater eingeschaltet hätten? Nicht umsonst ist in der amerikanischen Verfassung das Streben nach Glück erwähnt, nicht jedoch das Glück selbst. – Das bedeutet dann in der logischen Konsequenz: Der Weg ist das Ziel. Ja. Nein. Mein Gehirn weigert sich auch, diese Schlussfolgerung zu akzeptieren. Irgendwo muss da ein Fehler in der Logik sein. Aber ich weiß nicht wo.
Liebe Tereza, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns kurz vor?
Ich bin Tereza Vanek und schreibe historische Romane. Den fünften habe ich gerade veröffentlicht, jetzt im Januar ist er lieferbar geworden, offizieller Erscheinungstermin war im Dezember 2011. Ich bin 46 Jahre alt und ich lebe in München.
Wie hat das bei dir angefangen mit dem Schreiben? Wie bist du dazu gekommen?
Eigentlich wollte ich das schon immer machen, das war schon mein Berufswunsch als Teenager. Ich hatte in dem Alter bereits ein paar Geschichten geschrieben und konnte es auch später nicht lassen, mir ständig welche auszudenken, aber es kam mir sehr unrealistisch vor, dass da wirklich mal eine Buchveröffentlichung daraus werden könnte. Ja, und dann so mit Mitte 30 habe ich endlich beschlossen, dass ich es doch mal ernsthaft versuchen sollte, und siehe da, es hat wirklich geklappt.
Du hast fünf historische Romane, aber eigentlich fünf sehr unterschiedliche historische Romane geschrieben: Von der Gegend, von der Zeit her, vom Sujet her. Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?
Das ist schwer zu sagen, es geht Hand in Hand. Da waren bestimmte Themen, die mich schon lange interessiert haben. Zum Beispiel bei dem ersten Buch, “Schwarze Seide”. Ich hatte mich bereits vorher recht ausführlich mit der Geschichte der Sklaverei beschäftigt und bin eben so auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen. Dann, bei “Die Träume der Libussa” war es eine Legende, die ich von Kindheit an kannte und von der ich mir schon öfter gedacht hatte, dass das ein ganz guter Stoff für so einen mystisch-historischen Roman in der Tradition von MZ Bradley wäre. Manchmal sind es auch Sachen, die man in einem Geschichtsbuch liest oder über die man einfach zufällig stolpert. Wenn ich an einem Buch schreibe oder dafür recherchiere, kommen mir oft schon wieder Ideen für andere Bücher. Oder auch wenn ich die Bücher anderer Autoren lese, dann fällt mir plötzlich ein: also, so etwas in der Art, aber eben anders, würde ich vielleicht auch gerne mal machen. Es ergibt sich dann so Schritt für Schritt, dass aus einer vagen Idee langsam auch eine konkrete Geschichte wird, und oft – meistens – steht zuerst die Epoche fest, und der historische Hintergrund, und dann erst entsteht die Handlung.
Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?
Ich schreibe eigentlich immer, wenn ich die Zeit dazu finde. Das war früher eigentlich nur abends, jetzt gottseidank auch nachmittags und abends und dann eben am Wochenende. Wenn es mal nicht so gut läuft, hilft meistens eine kleine Pause, so Viertelstunde, halbe Stunde, um wieder den Kopf freizukriegen. Also einfach etwas anderes machen, Einkaufen gehen, mit den Katzen spielen oder irgendwas, damit man ein bisschen Abstand bekommt, und dann geht es meistens auch wieder besser.
Sind deine Figuren sehr lebendig – sitzen sie bei dir am Frühstückstisch?
Also, am Frühstückstisch sitzen sie ehrlich gesagt nicht. Das wäre etwas komisch, mit Reifrock und Perücke. Aber sie begleiten mich tagsüber immer mal wieder, und sind dann auch manchmal schuld daran, dass ich mit dem Bus eine Station zu weit fahre oder in eine andere Richtung laufe, als ich eigentlich laufen wollte. Weil mir dann eine Szene im Kopf herumspukt, was gerade passiert und wie ich das weiter ausgestalten könnte, und dann bin ich geistesabwesend. Die Figuren entwickeln sich im Laufe der Geschichte auch mehr und mehr. Es kommen neue Charakterzüge dazu, ein konkreteres Aussehen und auch eine konkretere Persönlichkeit.
Aber sie beeinflussen die Geschichte nicht?
Die Figuren? Ja, in gewisser Hinsicht schon, was Kleinigkeiten betrifft. Die Geschichte als solche steht meistens am Anfang fest, weil da schon das Expose geschrieben wurde und an einen Verlag verkauft wurde. Aber was die Details betrifft, wie sie sich in kleinen Szenen benehmen oder wie sie alle konkret zueinander stehen, da beeinflussen sie die Entwicklung der Geschichte schon.
Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?
Die alleranstrengendste, muss ich sagen, sind immer so die ersten 100 Seiten, die auch noch mit sehr viel Recherche verbunden sind, wobei ich das Gefühl habe, vor einem Berg zu stehen, denn es gibt so viel, das ich nicht weiß. Nachdem ich mich durch den Anfang gekämpft habe, nehmen Ort und Personen konkretere Formen in meinem Kopf an. Dann habe ich eine genauere Vorstellung von dem ganzen Hintergrund meiner Geschichte, weil ich parallel zum Schreiben auch immer wieder Bücher zum Thema lese oder mir Fotos anschaue und so weiter. Wenn ich dann, sagen wir mal, so die Hälfte geschafft habe, geht der Schluss wesentlich besser. Am Ende muss natürlich alles nochmal überarbeitet werden.
Möchtest du denn auch noch in einem anderen Genre schreiben – und was hält dich davon ab, in einem anderen Genre zu schreiben?
Also, grundsätzlich ist es so, dass das mit den historischen Romanen jetzt angelaufen ist und ich auch immer wieder neue Ideen habe, von daher mache ich da erst einmal weiter. Unter Umständen hätte ich auch noch Ideen für Thriller. Allerdings liegt mir diese Tendenz zur Blutrünstigkeit, die da momentan doch sehr stark vorherrscht, eigentlich nicht. Ich mag das mehr psychologisch abgründig, von daher weiß ich nicht, wie gut meine Ideen ankämen. Fantasy habe ich mal probiert, aber ich glaube, dass ich da mehr in die Richtung High Fantasy gehe, also Marion Zimmer Bradley zum Beispiel, und das ist derzeit angeblich nicht so gefragt. Das könnte sich natürlich aber auch wieder ändern.
Welches Genre liest du selbst gerne, und hast du einen Lieblingsautor?
Bevor ich angefangen habe, selbst zu schreiben, habe ich hauptsächlich eher literarische feministische Texte gelesen. Margaret Atwood habe ich sehr geschätzt, lese sie auch heute noch gerne, Marge Piercy, dann eine finnische Autorin, Sofi Oksanen, die vor kurzem einen großen Erfolg hatte. Historische Romane habe ich auch schon immer geliebt. Die Klassiker, wie “Sinuhe der Ägypter”, “Vom Winde verweht”, “Ein Kampf um Rom” und so weiter. Seit ich selbst historische Romane schreibe, lese ich sie natürlich verstärkt: Charlotte Lyne, dann eine englische Autorin, die in Deutschland nicht besonders bekannt ist, Vanora Bennett. Natürlich Sarah Waters, die ist meine Lieblingsautorin. Sonst: die Bücher von Julia Kröhn lese ich gerne. Ach ja, Nicole Vosseler und Laila El Omari fallen mir jetzt spontan noch ein.
Lässt du dich von Musik beim Schreiben inspirieren, und welche Musik hörst du am liebsten?
Inspirieren, ja, manchmal. Wenn zum Beispiel im 18. Jahrhundert jemand in meinem Roman Klavier spielt, dann recherchiere ich im Internet, was es damals für Musikstücke gab, und suche mir ein passendes, und das höre ich mir ein paarmal an. Bei einem Mittelalter-Roman höre ich natürlich mittelalterliche Musik, um Beispiele für Melodien zu haben, die dann auch in das Buch mit einfließen. Oft höre ich aber Musik, die zeitlich überhaupt nicht passt. Generell liebe ich Folk und Independent. Diese Songs lasse ich beim Schreiben nebenher laufen. Manche Lieder spiele ich immer wieder, wenn ich schreibe. In dem Buch “Das Geheimnis der Jaderinge” wird sogar ein solches Lied am Ende erwähnt, weil das ein schottisches Volkslied ist, das damals schon bekannt war. Ich hatte allerdings die Version einer modernen Sängerin: Joanna Newsom. Deren Musik habe ich sehr, sehr oft gehört, als ich das Buch schrieb. Bei den Katharern hatte ich dann so eine Phase, da habe ich immer Adele, “Rolling in the Deep”, gehört, weil ich das auf der Recherchereise entdeckt hatte. Zufälligerweise lief das Lied in einem Laden in Carcassonne, in den ich kurz gegangen bin, und es hat mich sofort gefesselt.
Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?
Naja, also ich sollte einigermaßen bequem sitzen können. Auf dem Schoß könnte ich zum Beispiel den Laptop nicht haben, das finde ich unbequem. Ansonsten sitze ich meistens an meinem Tisch zu Hause. Ich bin ganz froh, wenn ich meine Katzen um mich habe. In einer vertrauten Atmosphäre geht das Schreiben besser.
Aber du könntest auch unterwegs schreiben?
Wenn ich bequem sitzen könnte, ja. Und wenn nicht zu viel um mich herum los wäre, was mich ablenkt.
Du wohnst in München. Ist das die Stadt, in der du leben möchtest, oder gibt es noch eine andere Stadt, die dich fasziniert?
Also, grundsätzlich bin ich ein ziemlicher Stadtmensch. Mich hat es nie besonders aufs Land gezogen. Ich habe lange davon geträumt, in London zu leben. Später hatte ich Berlin anvisiert, das würde mich auch heute noch reizen, aber es sind praktische Erwägungen, die mich von einem Umzug abhalten. Ich habe immer noch eine Teilzeitstelle, und in Berlin ist so etwas nicht so leicht zu finden wie in München. Dann war meine Beziehung ein Grund, warum ich in München geblieben bin. Ich finde München in Ordnung. Es ist eine Stadt, in der sich ganz gut leben lässt.
Wie hoch ist dein aktueller SUB?
Die Bücher? Es sind jetzt momentan nicht ganz so viele, vielleicht so 20, weil ich mir immer einen Kaufstopp auferlege und sage: Jetzt kaufst du erst mal nichts, bis du wieder ein paar weggelesen hast. Ansonsten kommen immer wieder Bücher rein, weil man mit Autoren tauscht. So wächst der SUB dann doch langsam, aber beständig.
Soeben ist dein neuer Roman “Das Geheimnis der Jaderinge” erschienen. Bereits dein vorletztes Buch “Chinatown” spielte teilweise in China. Was fasziniert dich so an diesem Land?
Das ist natürlich spontan schwer zu sagen. Es wirkt auf mich sehr ästhetisch, sehr harmonisch. Es hat mich schon als Jugendliche fasziniert, da habe ich sehr viel Pearl S. Buck gelesen, und später Han Suyin, das waren die bekannten Autorinnen, die über China geschrieben haben. Es reizt mich optisch, und es hat so etwas Geheimnisvolles, was einen in den Bann zieht. Grundsätzlich bin ich jemand, der lieber über – sagen wir mal: Hochkulturen schreibt als über schlichte Naturvölker, weil mich die Hochkulturen einfach mehr reizen.
Du warst selbst auch in China auf Recherche-Reise. Hast du auch Chinesisch gelernt?
Ein bisschen. Ich hatte einen Chinesisch-Grundkurs, den habe ich auch noch fortgesetzt. Schließlich aber war ich mit dem Schreiben des Buches so eingespannt, dass ich einfach nicht die Zeit hatte, mich intensiv mit der Sprache zu befassen. Es ist ja wirklich eine für uns sehr fremde Sprache, da müsste man sich täglich mehrere Stunden hinsetzen, damit man wirklich das Gefühl hat, voranzukommen. Aber Chinesisch ist etwas, das ich bei Gelegenheit gerne noch weiter lernen würde.
Würdest du noch einmal einen Roman schreiben, der in dieser Ecke der Welt spielt?
Es ist eine Fortsetzung von “Das Geheimnis der Jaderinge” geplant, die die folgende Generation behandelt. Es gilt jetzt abzuwarten, wie das erste Buch läuft und ob der Verlag an einem weiteren Buch Interesse hat. Aber grundsätzlich würde ich sehr gern wieder über China schreiben.
Erzähle uns doch ein bisschen von dem Buch “Das Geheimnis der Jaderinge”.
Um nicht zu viel zu verraten: Es geht um ein junges Mädchen, ein, sagen wir mal, recht verwöhntes junges Mädchen, das für die damalige Zeit ein ungewöhnlich privilegiertes Leben mit sehr vielen Freiheiten hatte, von ihrem Vater zum Freigeist erzogen wurde. Sie verliert ihre ganzen Privilegien, sehr unerwartet und sehr schnell. Daraufhin geht sie nach China, um dort eine Stelle als Gesellschafterin einer englischen Dame anzunehmen. Sie muss sich in einem fremden Land zurechtfinden und stößt in der Familie, für die sie arbeitet, auf ein langgehütetes Geheimnis, das sie aufklären will. Dann lernt sie nach einer ersten, schweren Enttäuschung wieder einen Mann kennen, der ihr gefällt, der allerdings aus einer völlig anderen Kultur stammt. Die Beziehung gestaltet sich von Anfang an schwierig, und es bleibt sehr, sehr lange unklar, ob sie zusammenkommen oder nicht.
In diesem Roman spielt ein Aufstand eine Rolle. Bist du über diesen Aufstand gestolpert und kam dann die Geschichte, oder war es eher umgekehrt?
Ich muss sagen: in dem Fall war es umgekehrt. Ich wollte die Geschichte schreiben, und ich wollte auch ein wichtiges Ereignis der chinesischen Geschichte mit hineinpacken. Ich habe mich über die damalige politische Lage informiert und bin auf den Taiping-Aufstand gestoßen. Davon hatte ich bereits vorher gehört, hatte aber kaum Detailkenntnisse. Ich habe mich mehr und mehr eingelesen, und das Thema gewann an Faszination, so dass der Taiping-Aufstand in dem Buch nun eine sehr wichtige Rolle spielt. Es gibt eine Rückblende, in der ausführlich über ihn berichtet wird. Ursprünglich war er nur als Ereignis im Hintergrund geplant.
Demnächst wird es eine Leserunde zu deinem Buch beim Bücherforum Büchereule geben. Genießt du den Kontakt mit den Lesern?
Es freut einen Autor natürlich immer, Feedback von den Lesern zu bekommen. Man hat aber auch Angst: es könnte darauf hinauslaufen, dass sehr viele Leser unzufrieden sind, und das ist für einen Autor frustrierend. Allerdings ist es auch gut zu wissen, was die Leute gestört hat, weil man aus Kritik durchaus lernen kann. Aber im Großen und Ganzen sind Leserunden für mich eine sehr aufregende, aber auch bereichernde Erfahrung, weil ich mitbekomme, wie Leute in das Buch einsteigen, welche Ideen ihnen beim Lesen kommen. Da sitze ich nicht mehr alleine in meinem Schreibzimmerchen und tippe vor mich hin, sondern habe Rückmeldung.
Bei zweien deiner Bücher sind die Liebespaare zwei Frauen. Macht es für dich einen Unterschied, über eine homosexuelle Liebe zu schreiben anstatt über eine heterosexuelle?
Im Großen und Ganzen: Nein. Ich kann mich in beides einfühlen. Das mit der lesbischen Geschichte hatte bei meinem Erstling, “Schwarze Seide”, auch pragmatische Gründe: ich wollte in einer gemischtrassigen Beziehung die üblichen Klischees vermeiden. Bei historischen Romanen ist es schwieriger, so eine Beziehung realistisch zu schildern, weil sie damals ein Tabu war, weil sie geheim bleiben musste. Das gibt der Geschichte aber auch zusätzliche Spannung.
Kannst du uns schon etwas über dein nächstes Projekt sagen? Dieses Jahr erscheint ja noch ein Buch von dir.
Ja, das ist „Die Ketzerin von Carcassonne“. Dieses Buch hat Parallelen zu meinem vorletzten Roman, der „Dichterin von Aquitanien“. Es spielt ungefähr zur selben Zeit, es spielt ebenfalls in Südfrankreich. Hintergrund sind jetzt allerdings die Katharer und der Albigenser-Kreuzzug. Es steht auch wieder eine historisch dokumentierte, bedeutende Frau im Mittelpunkt: Esclarmonde de Fois, manchmal Fürstin der Katharer genannt. Die Hauptfigur ist allerdings eine fiktive Gestalt einfacher Herkunft.
Wie gehst du mit historisch dokumentierten Personen um? Ist es so weit dokumentiert, dass man wirklich sagen kann: So waren sie, diesen Charakter hatten sie – oder kann man da durchaus noch eigene Züge hineininterpretieren?
Grundsätzlich kommt es darauf an, wie gut die Person dokumentiert ist. Bei Eleonore von Aquitanien konnte ich relativ wenig dazu erfinden, wobei man natürlich immer Dinge hinein interpretiert, sich Dialoge und Gedanken der Beteiligten von historisch belegten Ereignissen ausdenkt. Man hat Vorgaben, wie sie sich verhalten haben, und zieht daraus Schlüsse über ihren Charakter. Bei Esclarmonde de Foix hatte ich wesentlich mehr Freiheiten, weil nicht viel über sie bekannt ist, außer, dass sie die Katharer unterstützt hat und eine recht selbstbewusste Frau war. Aber zum Beispiel die Beziehung zu ihrem Mann – sie war sehr lange verheiratet und hatte etliche Kinder – davon weiß man nichts. Man weiß nicht, ob sie in der vermutlich arrangierten Ehe glücklich waren oder ob sie sich vielleicht gegenseitig nicht leiden konnten. Man weiß auch nicht, unter welchen Umständen sie gestorben ist. Die meisten Freiheiten hatte ich bei “Die Träume der Libussa”, weil das Sagengestalten waren. Aus denen konnte ich machen, was ich wollte.
Genießt du das dann, den Figuren eigene Charakterzüge zu verleihen?
Bei der Beschreibung von Eleonore von Aquitanien hatte ich anfangs Bedenken: Darf ich das überhaupt? Würde sie sich nicht im Grabe umdrehen, wenn sie meinen Text lesen könnte? Letztendlich habe ich mir dann gedacht: Ja, ich mache es jetzt, ich darf. Ich habe andere Romane über sie gelesen und gemerkt: alle Autoren haben sich Dialoge und Szenen über sie ausgedacht, die nicht historisch belegt sind. Es macht einem die Sache trotzdem manchmal leichter, wenn man seine eigene Figur entwerfen kann, deren Verhalten nirgends dokumentiert ist. Andererseits können historisch gegebene Tatsachen solide Bausteine für eine Geschichte sein.
Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und gibt es auch irgendetwas daran, was dich nervt?
Zunächst einmal: eine herausragend erfolgreiche Autorin bin ich soweit nicht. Das ist immer relativ zu sehen. Das Beste an meiner gegenwärtigen Situation ist, dass ich machen kann, was ich gerne mache. Ich empfinde es dabei als großen Vorteil, dass ich zu Hause arbeiten kann. Ich sehe zwar durchaus gerne Leute, aber acht Stunden am Tag immer mit anderen Menschen zusammen zu sein fand ich in meinem früheren Berufsleben manchmal auch ganz schön stressig. Wenn ich jetzt Leute sehen will, dann treffe ich mich mit Freunden, und meine Arbeit mache ich daheim. Der Nachteil ist, wie in allen freien Berufen, die Unsicherheit. Es kann eine Weile laufen, und dann plötzlich nicht mehr. Es kann sein, dass der Trend sich ändert, dass irgendwann historische Romane gar nicht mehr gefragt sind und man keine andere Wahl hat, als sich umzuorientieren. Das sehe ich, weil ich eigentlich ein Sicherheitsmensch bin, als Nachteil. Dass man sich von Buch zu Buch durchkämpft, und dazwischen immer wieder in der Luft hängt.
Und hemmt dich das beim Schreiben, oder beflügelt es dich eher, zu sagen: Jetzt will ich ein besonders gutes Werk abliefern?
Ich muss sagen: Weder, noch. Denn wenn ich schreibe, dann denke ich gar nicht daran. Es geht mehr um so Sachen wie Lebensplanung. Wenn einem Fragen durch den Kopf gehen, ob man sich eine Eigentumswohnung kaufen will oder nicht, dann ist so etwas eher eine Bremse, logischerweise. Überhaupt bei der Planung von größeren Ausgaben. Ich weiß ja nicht, wie es nächstes Jahr läuft. Aber wenn es um das Schreiben als solches geht, dann ist das irrelevant. Denn da denke ich einfach nur an den Text.
Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?
Mir fällt jetzt nur eine Geschichte ein, die mich sehr glücklich gemacht hat. Ich habe ungefähr zwei Jahre vor der Veröffentlichung meines ersten Romans Sarah Waters für mich entdeckt und war sofort total begeistert von dieser Autorin. Mein Traum war, auch so schreiben zu können wie sie. Dann erschien mein Erstling, “Schwarze Seide”. Ich surfte an einem Wochenende im Internet und stellte fest, dass er bei Amazon zusammen mit dem neuesten Buch von Sarah Waters angeboten wurde, mit dem Vermerk: Kunden kaufen oft zusammen. Da machte ich im Geiste Luftsprünge.
Als letzter Punkt eine etwas schwierige Frage: Gibt es eine Frage, die dir schon immer mal jemand stellen sollte, aber niemand hat sie jemals gestellt? Die du gerne beantworten würdest?
Hm. Vielleicht so etwas wie: Was würden Sie gerne von Ihren Lesern wissen? – Dann soll ich wahrscheinlich auch gleich die Antwort sagen? Also, grundsätzlich hätte ich, wenn Kritik kommt, lieber konstruktive Kritik – das mag wahrscheinlich jeder lieber. Außerdem Hinweise darauf, was Leuten in den Büchern besonders gefallen hat. Vielleicht auch einmal Vorschläge, was für Bücher sie in Zukunft gerne hätten, das fände ich auch nicht schlecht. Einfach als Anregung für mich.
Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview und alles Gute für “Das Geheimnis der Jaderinge” und “Die Ketzerin von Carcassonne”.
Italienische Männer bevorzugen Blondinen. Die Figur muss in etwa passen, das Gesicht ist weitgehend egal. Wenn man ihnen das sagt, dementieren sie energisch. Aber ich hatte genügend Zeit für soziologische Feldstudien dort: ich weiß, dass es so ist. Wenn allerdings gerade keine Blondine in Rufweite ist, bedenken sie auch alle anderen Mädels mit beiläufigen Aufmerksamkeiten, einfach nur, um in Übung zu bleiben. Eine der nettesten Begegnungen, die ich als aknegeplagter Teenager hatte, war in einer Pizzeria in Deutschland, wo ein durchaus gutaussehender junger Italiener ganz überraschend mit mir flirtete, obwohl mein Gesicht aussah, als hätte ich die Masern. Das fällt dann wohl unter die Rubrik “karitatives Flirten”. Oder es war die Macht der Gewohnheit. Ich fand es einfach toll. Und welcher Mann kann schon von sich sagen, dass er einem Mädchen mit zwei Sätzen die ganze Woche verzaubert hat? Vielleicht war er aber auch farbenblind und dachte, ich hätte ganz süße Sommersprossen. Wir lernen daraus: Außenwahrnehmung und Innenwahrnehmung sind grundsätzlich niemals deckungsgleich. Die Mankos, wegen der SIE am liebsten im Boden versinken würde, sieht ER vielleicht gar nicht. Und die Attribute, auf die ER bei sich besonders stolz ist, findet SIE völlig uninteressant. Oder andersrum. Vielleicht sollten wir alle nicht so oft in den Spiegel sehen und uns stattdessen umschauen, was da Spannendes in der Gegend rumsteht. Avanti, Dilettanti!
Ich kann dir das installieren, wenn du willst!
Der typische Spruch fürs Büro. Oder für die attraktive Nachbarin. Auch der nette Informatik-Student von nebenan weiß natürlich, dass das Leben schon rein theoretisch mehr zu bieten hat, als 25 Jahre lang darauf zu warten, dass er von Alice angequatscht wird. Also wird er selbst aktiv, und dies ist die abgedroschenste und sicherste Variante, die ihm einfällt. Was den erfreulichen Effekt hat, dass Alice und alle ihre Freundinnen computermäßig auf dem allerneuesten Stand sind, auch wenn sie ohne Unterstützung nur mit Mühe und Not den ON-Schalter finden würden. Und wenn unser Computerexperte in Sachen logisches Denken nur halb so gut wäre, wie er glaubt, würde ihm auffallen, dass Frauen, die Alice heißen, eher selten mit einem Hausmeister oder einem Datenbankadministrator verheiratet sind: Nur weil ein Mann Glühbirnen, Waschmaschinen oder Software installieren kann, qualifiziert ihn das noch lange nicht für höhere Weihen. Nette Mädels zeigen sich dankbar für nette Gesten, das schon. Und zwar mit einem selbstgebackenen Kuchen.
Telefonsex
Dafür habe ich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen: Ich telefoniere ungern. Ich hoffe nicht, dass ich jemals gezwungen bin, mein Geld mit sowas zu verdienen, denn ich kann gar nicht sagen, was mich mehr nerven würde: das Telefonieren oder das Bügeln dabei (was ja bei den Mitarbeiterinnen einschlägiger Call-Center die klassische Nebenbeschäftigung zu sein scheint). Obwohl, ich hatte mal einen obszönen Anrufer, das war lustig. War das noch zu den Zeiten, als die Telefone Wählscheiben hatten? Nein, es war ein Tastentelefon. Jedenfalls rief mich eines Abends ein Mann mit völlig unbekannter Stimme an – er kannte mich wohl auch nur aus dem Telefonbuch – und erzählte mir ohne Punkt und Komma, was für obszöne Dinge er mit mir anstellen wollte. Dass ich schon immer eine Schwäche für abstruse Situationen hatte, konnte er leider nicht wissen. Eine Minute lang hörte ich mir das an – ich meine, ich war doch überrascht, einmal ist immer das erste Mal, und ich stand da etwas auf der Leitung – und dann fing ich an, ihm meinerseits etwas vorzustöhnen. Er redete noch eine kleine Weile, und dann legte er einfach auf. Schade eigentlich. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Keine Ahnung, was ich falsch gemacht hatte. Vielleicht hat er gemerkt, dass meine Leidenschaft nur gespielt war? Also, wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht bin ich in der Telefonsex-Branche tatsächlich fehl am Platz.
Never fuck the company.
Das Thema “Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz” sehe ich traditionell sehr entspannt. Da bin ich wohl privilegiert, weil ich selten von den falschen Männern belästigt werde. Von den richtigen auch nicht immer, aber das ist ein anderes Thema. Ich persönlich bin heilfroh, dass ich nicht in Amerika lebe, wo schon die harmlosesten Flirts mit massiven Strafen bewehrt sind. Über was soll man denn dann reden? Über das Wetter? Ich finde es einfach charmant, wenn man mit einem netten Kollegen beim Rauchen steht und sich darüber unterhält, ob und wie Dessous gefaltet werden sollen, wenn man sie frischgewaschen wieder in den Schrank räumt. Okay, es war nicht mein Kollege und auch nicht meine Firma. Wenn man sich tatsächlich jeden Tag über den Weg läuft, sollte man die Gesprächsthemen vielleicht doch etwas unverfänglicher halten. Wenn man aber nicht lebenslänglich in demselben Steinbruch aneinandergekettet ist, tun sich da manchmal unerwartet sehr interessante Perspektiven auf. Wenn ER ganz zufällig beim Kopierer vorbeischlendert und unvermittelt fragt: “Du, sag mal, was ist eigentlich deine Lieblingsposition?” … und SIE dann leicht die Augenbraue hochzieht und sagt: “Missionarsstellung, wieso?” … dann ist das auf jeden Fall der Beginn einer ganz wunderbaren Freundschaft.
Wir können ja mal zusammen einen Kaffee trinken.
Die Auswahl an gutaussehenden und interessanten Männern ist nicht sooo groß. Männer glauben anscheinend, dass man an jeder Ecke schöne, intelligente und amüsante Frauen dutzendweise findet. Frauen wissen: Das stimmt. Und Frauen wissen auch: Andersrum ist das leider nicht so. Also schaut sich eine Frau in Gottes Namen auch einige Frösche genauer an, denn sie hofft, wider besseres Wissen: Manchmal werden Märchen wahr. Die Schwester einer Bekannten von der Cousine meiner Freundin, die kennt so einen Fall. Vom Hörensagen. (Wir sind alle von klein auf vorgeschädigt durch die Gebrüder Grimm.) Die eine oder andere Frau hat immer noch ihre liebe Not damit, überhaupt erst mal Frösche und Kröten auseinanderzuhalten. Es ist jedenfalls immer wieder überraschend, wenn SIE sich auf einen Kaffee verabredet und sich in einem Gespräch wiederfindet, das herzlich wenig Ähnlichkeit hat mit einem entspannten Kaffeeklatsch, sondern eher mit einem polizeilichen Kreuzverhör oder einer Kindersendung: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm! – Ach so, das ist ein Speed Dating? Und warum hat mir das keiner gesagt? – Ich persönlich stelle selten Fragen. Okay, man erfährt eine Menge Details: Hubraum, Höchstgeschwindigkeit, Zylinderanzahl. Aber was bringt mir das? Die wirklich spannenden Fragen werden so nicht geklärt. Ist mir doch egal, was er liest. Sogar die Information, ob er überhaupt liest, ist für mich nur von theoretischem Interesse: Männer, die nicht lesen, sind zu unsensibel. Männer, die lesen, sind zu sensibel. Beides suboptimal. Ich fliege normalerweise auf Sicht: Schaun wir mal, dann sehn wir schon. Meistens braucht man gar nicht lange, um klarer zu sehen: Wenn der Mann sehr charmant mit der Kellnerin flirtet anstatt mit seiner Verabredung, zeigt das der Frau recht eindeutig, wo sie auf seiner Attraktivitäts-Skala angesiedelt ist: Irgendwo zwischen Ougadougou und Timbuktu. (Nichts gegen Timbuktu.) Eine effiziente Angelegenheit also, aber manchmal macht zuviel Effizienz auch schlechte Laune. Vielleicht hätte sie den Typen doch an die Wand klatschen sollen.
Was für eine fabelhafte Vorstellung. Da stimmte alles. Hervorragend gesungen, das Orchester unter Oleg Ptashnikov war super … Oleg Ptashnikov dirigierte La Traviata bei dieser ganz besonderen Vorstellung übrigens zum ersten Mal, aber das mit einer Souveränität, als wäre es seine hundertste. Es war jedenfalls die hundertste und leider letzte Aufführung dieser Inszenierung am Gärtnerplatztheater, das Haus war bis auf den letzten Platz ausverkauft, und das Publikum bejubelte Sandra Moon und Adrian Xhema. Die beiden waren einfach toll als das tragische Liebespaar Violetta Valery und Alfred Germont, wunderbar in der Stimme, im Ausdruck, in der Darstellung. Bravissimi! Riccardo Lombardi bekam großen Applaus als Georges Germont, Ann-Katrin Naidu machte wie immer eine sehr gute Figur als Flora, und auch die anderen Sänger, Snejinka Avramova in der Rolle der Annina, Gaston (Mario Podrecnik), Baron Douphol (Sebastian Campione) und Doktor Grenvil (Holger Ohlmann) fügten sich wunderbar in die verzauberte Atmosphäre dieses Abends ein.
Vor einiger Zeit hatte ich eine Vorstellung mit der Parallelbesetzung gesehen (Elaine Ortiz Arandes, Harrie van der Plas), ebenfalls eine ausgesprochen schöne Aufführung, und da gab es eine Szene, wo Doktor Grenvil sich auf das Bett kniet und die sterbende Kurtisane umbettet. Das war ein unglaubliches Bild: die ausgebreiteten Arme, der Faltenwurf des Mantels – wie ein Friedhofsengel, der Violetta Valery mitnimmt. Auf dieses Bild habe ich gewartet, aber es kam nicht, nicht bei dieser hundertsten Vorstellung: die Personendynamik war eine andere, das Timing paßte nicht dazu, ein pinkfarbener Hut machte, was er wollte … Ich hatte oft an diese Vorstellung gedacht, aber ich war in der Zwischenzeit nicht dazu gekommen, La Traviata zu sehen, man hat wie immer tausend wichtige und unwichtige Dinge zu tun, und irgendwann ist es ZU SPÄT.
Flirten ist anspruchsvoller als Schachspielen. Es ist auf jeden Fall eine sehr spezielle Kunstform. Man kann es lernen, aber es gibt natürlich keine formelle Ausbildung dafür. Grundkenntnisse in verwandten Disziplinen wie Fechten, Pokerspielen, Tango-Tanzen, Psychologie oder Theaterwissenschaften schaden zwar nicht, nützen aber überraschend wenig. Man lernt durch Versuch und Irrtum. Und durch Beobachtung der fehlgeschlagenen Versuche anderer Leute. (Einen gelungenen Flirt nehmen Außenstehende oft gar nicht als solchen wahr.) Ich kenne ein paar sehr gute Spieler, aber keinen echten Profi. Die Königsdisziplin ist, wenn man bis über beide Ohren verknallt ist und trotzdem noch mit charmantem Lächeln vielsagende Blicke und lässige Sprüche loslässt. Ich weiß von keinem, der das hinkriegt. In der Liebe sind wir alle Amateure.
Ich Tarzan, du Jane.
Für mich der beste Flirtspruch aller Zeiten. Der Mann bekundet Interesse, ohne sich etwas zu vergeben. Trotzdem ist der Fall sonnenklar. Wenn es sich um eine rein sachliche Kontaktaufnahme gehandelt hätte, hätte er gesagt: “Hi, ich bin Tarzan. Wie geht’s denn so? Bananen sind da drüben, wenn Sie wollen.” – Eine ungeschicktere Variante wäre gewesen: “Wenn der Tiger kommt, bleiben Sie einfach ganz dicht hinter mir. Ich passe schon auf Sie auf.” – Und gar nicht erfreut sind Frauen über eine ganz plumpe Anmache, so nach dem Motto: “Mit so einem langen Rock kannste aber nich auf die Bäume steigen!” Aber Tarzan hat Stil, und er weiß: Man trifft sich immer zweimal. Das gilt nicht nur für den Urwald oder für eine einsame Insel, sondern sogar für ein Millionendorf. Die Welt ist zuweilen kleiner, als man denkt. Und manchmal reduziert sie sich auf eine ganz einfache Konstellation: Ein Mann. Eine Frau. Ich Tarzan, du Jane. Wenn sie dann genervt sagt: “Tarzan? Was ist denn das für ein Name? Und nur zu deiner Information: Ich heiße Janet, und nicht Jane!” – dann weiß er, woran er ist. Wenn sie dagegen gar nichts sagt, sondern ihn nur anlächelt, sagt ihm das auch eine ganze Menge.
Mein Name ist Bond. James Bond.
Klassisch. Eine feine Sache, wenn die Dame Martinis mit Oliven trinkt und ziemlich verzweifelt was fürs Bett braucht. Man denkt da liebevoll an die unsterbliche Dorothy Parker, die erwartungsvoll stöhnte: “Noch ein Martini, und ich liege unterm Gastgeber!” Aber bevor hier alle Jungs anfangen, den perfekten Martini zu mixen: In unserer Zeit gibt es das gar nicht mehr so häufig. Warum eigentlich nicht? Ach ja, ich weiß schon: Die Frau von heute geht bei Bedarf ins Fachgeschäft und kauft sich einen Vibrator. Aber manche bevorzugen tatsächlich noch die natürliche Variante. Und da haben solche Egozentriker jede Menge Vorteile: Man kommt schnell zur Sache, so dass SIE sich nicht ihr hübsches Köpfchen mit der Frage beschweren muss: Wie fake ich einen Orgasmus? Des weiteren braucht SIE sich keine Gedanken zu machen, wie sie IHN wieder loswird. Die moderne Variante ist: Mein Name ist Becker, Boris Becker. Und just als seine Begleiterin glaubte, schon alles gesehen zu haben, präsentierte er ihr mit großer Geste eine Besenkammer. In so einen originellen Typen muss man sich doch einfach verlieben.
Guten Morgen!
Da kommt es auf die Stimme an. Das kann alles heißen. Von “Ich habe nach dem Aufwachen an dich gedacht!” bis hin zu “Lass mich bloß in Ruhe, ich brauche erst mal einen Kaffee.” Aber mit der richtigen Stimme kann man sowieso fast alles sagen.
Das DSK-Eröffnungsgambit
Demnächst muss ich mir unbedingt das Buch von diesem Franzosen kaufen. Der sich darüber beschwert, dass Deutsche nicht flirten. Die Deutschen, die ich kenne, flirten alle. Wenn es sein muss, sogar mit der eigenen Frau. Aber vielleicht nimmt ein Franzose das gar nicht als Flirt wahr. Ich habe absolut keine Ahnung davon, wie Franzosen flirten, aber ich hatte es mir immer einigermaßen romantisch vorgestellt: “Voulez-vous coucher avec moi? Ce soir?” Aber die schmutzigen Details über französische Politiker, die letztes Jahr auch in durchaus seriösen Presseorganen zu lesen waren, haben bei mir mittlerweile einen differenzierten Eindruck hinterlassen: Man stellt sich einen Mann namens Dominique vor, der ganz begeistert ist, dass zum Zimmerservice dieses amerikanischen Hotels auch die Zofen gehören, die ihm schon so gut gefallen hatten, als er letztens mit einem Geschäftsfreund in diesem kleinen familiären Puff war. Ist doch klar, dass so einer dann zum Zimmermädchen sagt: “Komm schon, Mädel, stell dich nicht so an! Putzen kannst du dann in zehn Minuten!”
Augenblick mal.
Der potenteste Schlüsselreiz für die Kommunikation sind die Augen. Die meisten Menschen setzen diese Waffen gar nicht zielgerichtet ein, weil sie unbewusst Angst davor haben. Das ist auch sehr vernünftig so: Wenn der richtige Mann die richtige Frau mit dem richtigen Blick aufspießt, fliegt das Munitionsdepot in die Luft. Das will man normalerweise nicht riskieren, also schaut man irgendwann mal weg, und alles bleibt ruhig. Eine Korrelation zwischen Augenfarbe und Charakter kann ich empirisch nicht bestätigen, aber intensive Farben rufen schon erstaunliche Effekte hervor. Das Faszinierendste, was ich diesbezüglich jemals gesehen habe, waren ganz irre leuchtend blaue Husky-Augen in einem Durchschnittsgesicht, getragen über einem weinroten Pullover, und durch diese Komplementärfarbe kam das Blau noch intensiver zur Geltung. Der Mann, dem diese Augen gehörten, konnte allerdings mit seinen beiden Vorzügen offensichtlich so wenig anfangen wie eine vollbusige Frau, die nicht weiß, wie sie mit ihren Attributen und den zwangsläufigen Begleiterscheinungen (Aufmerksamkeit in sämtlichen Ausprägungen) umgehen soll. Was für eine Verschwendung. Das beweist wieder mal: Der wichtigste Körperteil ist das Gehirn. Alles andere kann man irgendwie kompensieren.
Über Walther von der Vogelweide zu schreiben ist nach dem Meilenstein von Viola Alvarez “Wer gab Dir, Liebe, die Gewalt” ein gewagtes Unterfangen. Tanja Kinkel ist das Risiko eingegangen und hat einem Walther Leben eingehaucht, der so ganz anders ist, aber genauso lebensecht.
Walther ist hier ein Mensch, der sehr von sich eingenommen ist, der weiß was er will und das auch durchsetzt, meistens mit scharfzüngigen Bewerkungen und ohne Rücksicht auf andere. Er ist ein politischer Intrigant, der mit seinen Liedern politische Einflußnahme nimmt. Sehr geschickt sind hier auch immer wieder seine Lieder eingeflochten. Er war mir nicht von Anfang an sympathisch, erst als er mehr und mehr über seinen eigenen Tellerrand hinaussieht, ist er mir ans Herz gewachsen.
Ihm zur Seite gestellt ist eine fiktive Figur, die jüdische Ärztin Judith, die aber nicht weniger lebendig und authentisch ist wie ihr männlicher Gegenpart. Ihre Handlungen, seien sie nach außen auch noch so undurchsichtig und anscheinend selbstsüchtig, sind immer nachvollziehbar – bis auf eine, mit der sie Walther zutiefst verletzt. Die Entwicklung der Beziehung der beiden geht parallel mit der politischen Entwicklung, während sie letzteres immer versuchen zu beeinflussen, fällt ersteres irgendwie hinten runter.
Die politischen Verhältnisse des 12./13. Jahrhunderts in Deutschland werden sehr anschaulich dargestellt, die historischen Personen wirken sehr lebendig, was soweit geht, dass ich um sie weine, wenn sie sterben. Es sind vor allem die Frauen, auf denen der Fokus liegt, aber auch in die Männer kann sich die Autorin ausgezeichnet hineinversetzen und bringt sie und ihre Gefühlswelt dem Leser näher. Tanja Kinkel hat einen eigenen Meilenstein in der Betrachtung des Lebens von Walther von der Vogelweide geschaffen und damit wieder einmal bewiesen, dass sie zu den besten deutschsprachigen Autoren historischer Romane gehört.
Liebe Nicole, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns bitte kurz vor?
Mein Name ist Nicole C. Vosseler. Seit einigen Jahren bin ich freiberufliche Autorin. Ich habe mittlerweile acht historische Romane geschrieben, für Erwachsene, Jugendliche und jugendlich Gebliebene. Ich lebe in Konstanz am Bodensee.
Wofür steht das „C“ in deinem Namen?
Das „C“ steht für meinen zweiten Taufnamen, Claudia.
Du hast vor kurzem dein 10jähriges Jubiläum als Autorin gefeiert. Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Zum Schreiben bin ich gekommen, weil ich schon als Kind diese Vorstellung faszinierend fand, dass es tatsächlich Menschen gibt, die die Geschichten schreiben, die nachher zwischen Buchdeckeln im Regal stehen, die man herausziehen kann und in die man abtauchen kann. So entstand doch recht früh bei mir der Wunsch, das auch zu machen, selber einzutauchen und diese Geschichte, die ich in meiner Vorstellung erlebe, auch sinnlich erlebe, dann aufzuschreiben, so dass dann hoffentlich auch andere in diese Geschichte eintauchen können.
Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?
Teils, teils. Also, ich begebe mich schon einerseits aktiv auf die Suche: dass ich immer wieder schaue: Was interessiert mich? Worüber mag ich gerne schreiben? Manchmal sind es auch nur Elemente wie jetzt zum Beispiel bei „Sterne über Sansibar“: Ich hatte ganz ganz lange einen schönen Artikel über Sansibar, die Gewürzinsel, in meinem kleinen Archiv und ich habe immer gedacht: Ich möchte eines Tages über Sansibar schreiben. – Die Geschichte über Salima, die hat mich dann tatsächlich gefunden. Ich denke, das Sich-finden-lassen erfordert schon eine gewisse Bereitschaft, da zu sein, offen zu sein. Ich denke, zum größeren Teil ist es wirklich, dass man gefunden wird von den Geschichten.
Magst du uns erzählen, wie Salima dich gefunden hat?
(Lacht) Salima hat mich gefunden, während ich noch am „Safranmond“ gearbeitet habe. Während der Arbeit am „Safranmond“ habe ich mich mit den 18 Sultanaten im Südwesten der Arabischen Halbinsel beschäftigt. Irgendwann in einer Arbeitspause habe ich mir die Frage gestellt: Was war eigentlich weiter im Osten der Arabischen Halbinsel los? Ich wusste, da ist das Sultanat von Maskat und Oman, aber was sich zu der Zeit, in der der „Safranmond“ spielt, dort zugetragen hat, wusste ich gar nicht. Da habe ich einfach aus Neugierde mal nachrecherchiert, und dann kam ich sehr schnell auf Salimas Vater, und über ihn auf sie. Ihre Geschichte hat mich dann relativ schnell gepackt. Um so mehr, je mehr ich über sie in Erfahrung gebracht habe. Dann war auch doch sehr früh dieser Punkt da, an dem ich gesagt habe: Diese Geschichte ist klasse! Die muss ich erzählen, das ist mir ein Bedürfnis!
Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?
Schreibrhythmus? Ich bin ein absoluter Nachtarbeiter. Ich fange in der Regel nachmittags um 15 Uhr an damit, das was ich am Tag vorher und auch in der Woche vorher geschrieben habe, noch mal zu überarbeiten. Ich sitze dann am Schreibtisch bis in der Regel nachts um 1 oder 2, weil ich immer finde: Die beste Zeit zum Schreiben neuer Texte ist für mich zwischen 22 Uhr und 1 Uhr. Gegen Ende eines Buches wird es dann immer später. Ich schreibe dann auch oft bis gegen Morgen. Wenn es mal nicht so läuft, habe ich die Erfahrung gemacht, schaue ich, ob ich irgendwo in den Kapiteln vorher eine falsche Abzweigung genommen habe, oder ob irgendetwas schief ist. Wenn ich da den Fehler gefunden habe, geht es auch meistens besser. Wenn ich merke, es ist einfach gerade überhaupt nichts zu machen, dann lasse ich auch mal den Text zwei, drei Tage liegen und mache etwas anderes, lese oder ich gehe raus in eine Ausstellung oder raus an den See, und dann geht es dann auch wieder.
Wo und wie schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?
Ich schreibe ausschließlich bei mir an meinem Schreibtisch, wobei ich die Geschichte an sich gedanklich überall mit hinnehme. Ob ich jetzt bügele, oder Büroarbeit mache, oder einkaufen gehe, gedanklich bin ich immer bei der Geschichte. Aber aktiv daran schreiben, das passiert bei mir nur am Schreibtisch. Bedingung ist: Alles, was es an Kleinkram zu erledigen gibt, ob das jetzt Büro ist oder Haushalt, das muss erledigt sein, bis ich am Schreibtisch sitze. Am liebsten ist es mir, wenn es draußen schon dunkel ist. Deswegen ist eigentlich auch immer der Winter für mich die schönste Zeit zum Schreiben. Ich habe immer Kerzen an, und ich habe immer eine Kanne mit Tee auf dem Schreibtisch.
Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?
Der Anfang ist insofern anstrengend, als dass er sehr viel mehr Zeit verschlingt und Unsicherheiten mit sich bringt: die Anfangsfäden überhaupt mal auszulegen für eine Geschichte. Auch die Charaktere sich vertraut zu machen. Ich kenne sie zwar schon, wenn ich anfange zu schreiben, aber sie sind mir einfach noch nicht so vertraut. Ich habe so als Faustregel: Die ersten 50 Seiten eines Buches gehen immer am langsamsten voran. Die letzten 50 gehen immer am schnellsten, aber die empfinde ich auf eine andere Art als sehr anstrengend: Es läuft zwar, es kommt jeden Tag sehr, sehr viel Text zusammen, aber es ist mental und körperlich anstrengend: Alle Fäden, die man da in der Hand hat, auch in der Hand zu behalten und am Schluss zusammenzuführen, und da keinen fallen zu lassen unterwegs.
In welchem Genre möchtest du gerne noch mal ein Buch veröffentlichen, und was hält dich momentan davon ab?
Es wird insofern ein neues Genre geben, als ich im nächsten Jahr wieder ein Jugendbuch schreiben werde. Es ist in der Jetztzeit angesiedelt, die hauptsächliche Handlung. Es wird auch historische Elemente haben, es wird aber auch einen leichten Einschlag ins Fantasy-Genre haben, bzw. ins Paranormale. Was ich wahnsinnig gerne einmal schreiben würde, wäre ein richtig brutaler, blutiger, abgründiger Psychothriller. Was mich davon abhält? Ich glaube, da brauche ich noch so ein bisschen Zeit, vielleicht auch ein bisschen Mut, aber vorstellen könnte ich es mir. Und irgendwann möchte ich auch noch einmal ein Buch schreiben, das quietscherosa, sehr leicht und lustig daherkommt, aber ich glaube, da muss ich einfach noch ein paar andere Themen vorher abarbeiten.
Welches Genre liest du gerne selbst, und hast du einen Lieblingsautor?
Ich lese selber eigentlich so ziemlich alles, außer Science Fiction und High Fantasy. Klassiker, zeitgenössisch, Thriller. Lieblingsautor, der mich nach wie vor immer noch begeistert, allein durch den Sprachstil und auch durch seine Figurenzeichnung, ist E.M. Forster. Ich bin ein großer Fan von A.S. Byatt, vor allem „Besessen“ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Inzwischen mag ich auch sehr die Thriller von Chelsea Cain und Tana French.
In meiner Vita steht Margaret Mitchell, und da stehe ich auch nach wie vor dazu. Denn ich finde, „Vom Winde verweht“ ist eines der großartigsten Bücher überhaupt, allein durch diese unglaublich geniale Verflechtung von Fakten und Fiktion, und in dieser Hinsicht ist es immer so für mich die Messlatte, die ich an meine eigenen Bücher anlege.
Welche Musik hörst du am liebsten, und lässt du dich von Musik beim Schreiben inspirieren?
Musik ist ganz ähnlich wie bei Büchern, da ist bei mir auch so querbeet alles dabei. Inspiration finde ich meistens in Soundtracks, sinfonischen Soundtracks. Da sehe ich eigentlich immer sofort Bilder und Szenen und habe Atmosphäre im Gefühl, und die höre ich dann auch immer beim Schreiben. Beim Jugendbuch wird es etwas anders, da habe ich mir auch schon eine kleine Playlist zusammengestellt. Da habe ich sehr viel von Linkin Park und von HIM dabei.
Du hast uns vorhin verraten, du wohnst in Konstanz. Gibt es eine andere Stadt, in der du leben möchtest?
Eigentlich: Nein. Wirklich leben: Nein. Einen zeitweisen Aufenthalt könnte ich mir sehr gut in San Francisco vorstellen, das fände ich interessant.
Wie hoch ist dein aktueller SUB?
Ich würde mal schätzen, so 100-150.
Du hast vorhin gesagt, dein übernächstes Projekt ist ein Jugendbuch. Was erscheint als nächstes, kannst du uns da schon ein bisschen was dazu verraten?
Als nächstes erscheint ein Roman, der als historischen Hintergrund den Sudan-Feldzug der Briten 1882-1885 hat. Es ist eine Geschichte um neun sehr lebenslustige junge Menschen, fünf junge Männer, vier junge Frauen, deren Leben durch diesen Feldzug unwiderruflich verändert wird. Eine Geschichte vom Leben und vom Tod, vom Krieg, und auch eine Geschichte darüber, was Menschen für die Liebe ihres Lebens zu tun bereit sind.
Hast du ein Lieblingsbuch unter deinen Büchern?
Grundsätzlich ist es immer das jüngste Buch, was eine Zeitlang mein Lieblingsbuch bleibt. Ansonsten eigentlich: Nein. Ich liebe jedes meiner Bücher auf eine ganz eigene Art. Jedes hat für mich etwas Besonderes. Ich habe auch für jedes ein ganz eigenes Gefühl. Also gerade „Sterne über Sansibar“ ist ein Buch, dem ich immer noch ein bisschen ambivalent gegenüberstehe. Weil ich es einerseits sehr sehr liebe und mir dieses Buch unglaublich wichtig war. Andererseits war es eine sehr harte Zeit mit dem Buch, aufgrund des Stoffs. Es ist auch für mich das Buch, was am meisten mit Selbstzweifeln behaftet ist. Natürlich ist das erste Buch, das war „Südwinde“, auf seine Art etwas ganz Besonderes, weil es eben das erste war. Und so hat jedes Buch so eine ganz eigene Empfindung für mich.
Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu sein, und was ist das Nervigste?
Also, erfolgreich ist auch schon wieder Definitionssache. Bin ich erfolgreich? Ich weiß es nicht. Auf eine Art bestimmt. Das Beste ist, dass ich wirklich das Schreiben zu meinem Beruf gemacht habe, dass ich das Schreiben jetzt wirklich leben kann, jeden Tag. Das Nervigste ist, dass es eine ganz normale Selbständigkeit ist und ich furchtbar viel Büroarbeit habe und mich mit Steuersachen abplagen muss, mit Buchhaltung und solchen Dingen. Da könnte ich eigentlich darauf verzichten, aber es gehört dazu. Und es gibt auch durchaus Momente, da ist es ein gutes Gefühl zu wissen: ich bin so mein eigenes kleines Eine-Frau-Unternehmen.
Erzählst du uns eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?
Hm. Da gibt es so viele.
Du darfst uns auch zwei erzählen. (Beide lachen.)
Da muss ich erst mal überlegen. – Ja, also, es gibt bei jedem Buch Momente, die ich als „Gänsehaut-Momente“ bezeichne. Das sind die Momente, in denen die Fiktion und die historische Realität ineinander übergehen. Ich habe ein ganz wunderbares solches Erlebnis gehabt, als ich am „Safranmond“ gearbeitet habe. Ich hatte da die Figur des Richard Francis Burton, den meine Heldin Maya sehr liebt, ihre erste stürmische Liebe als Kind und als junge Frau. Ich hatte den Roman fertig geplant, ich hatte das Exposé geschrieben, ich hatte es gerade ins Lektorat gemailt, und im Hinterkopf wollte ich noch irgendeine Jahreszahl nachschlagen über Richard Francis Burton, wann er jetzt genau – in welchem Jahr er in Kairo war. Während ich in der Biografie blätterte, klebten zwei Seiten in dieser Dünndruckausgabe aneinander. Ich habe die dann auseinanderbekommen und fand genau zwischen diesen beiden Seiten ein Gedicht, das Richard Francis Burton geschrieben hat, über ein kleines Mädchen, das ihm in ihrer Unschuld sein Herz und seine Seele stahl und sie immer noch hat. Und das passte so genau zu der Geschichte, die ich geschrieben hatte. Dass ich dieses Gedicht, das ich vorher bewusst nicht kannte, gefunden hatte, nachdem ich die Geschichte so entwickelt hatte – und es passte so genau. Also, mir macht es immer noch Gänsehaut. Diese magischen Momente beim Schreiben, die sind einfach unvergesslich.
Welche Frage wolltest du schon immer mal beantworten, und keiner hat sie bisher gestellt?
Ich glaube, das gibt es gar nicht. Gerade über Leserunden, da wird immer so viel Schönes gefragt zu meinen Büchern. Ich mache mir zwar beim Schreiben schon immer so meine Gedanken, was nachher die Reaktionen sein werden und was an Fragen kommt und an Überlegungen … Eigentlich bin ich da jedesmal aufs Neue völlig verblüfft und glücklich, was da in den Lesern vor sich geht und wie sie sich mit dem Buch beschäftigen und sich Gedanken darüber machen, wie so ein Buch entsteht. Das überwältigt mich immer, und da fühle ich mich dann auch immer irgendwie ganz reich beschenkt. Es ist eigentlich immer mehr und besser als das, was ich mir vorher vorgestellt habe.
Also du hast schon das Gefühl, dass auch Leserunden dir als Autor etwas bringen – nicht nur dem Leser?
Ja, auf jeden Fall. Also, ich möchte auf jeden Fall immer Feedback haben. Es geht weniger darum, dass ich jetzt unbedingt gelobt werden will, obwohl es natürlich toll ist, da freue ich mich immer, keine Frage. Ich finde es so faszinierend, zu sehen, wie sich Leser damit beschäftigen, was in ihnen vor sich geht, was sie empfinden, wenn sie so ein Buch von mir lesen. Ich lerne dabei sehr, sehr viel darüber, wie Schreiben funktioniert. Ich versuche natürlich immer, auch noch besser zu werden und noch besser zu schreiben und noch besser das zu vermitteln, was ich sagen möchte. Ich mag auch einfach den Kontakt zu Lesern, und sei es jetzt auch „nur“ virtuell. Ansonsten ist das Schreiben dann doch so eine Einbahnstraße. Man schickt dieses Buch in die Welt hinaus, und … so kommt dann doch irgendwie etwas zurück, und das finde ich einfach sehr sehr schön. Das möchte ich auch nicht mehr missen.
Trifft dich Kritik persönlich, oder kannst du das trennen?
Es kommt darauf an. Es gibt ja doch immer mal wieder Kritik, die auch absolut persönlich gemeint ist. Da muss ich mir immer selber sagen: Ja, es mag persönlich gemeint sein, aber die Person kennt mich in der Regel ja auch nicht persönlich. Die hat eine Vorstellung, wer Nicole C. Vosseler ist, aber das bin nicht unbedingt ich. Ansonsten kann ich das eigentlich schon trennen. Es tut zwar weh, denn in jedem Buch steckt ja doch sehr, sehr viel Herzblut und sehr viel Arbeit. Es kommt für mich auch immer darauf an: Was ist es für Kritik? Ist es wirklich subjektiv, weil halt jemandem ein Charakter nicht sympathisch ist? Das ist für mich wie im richtigen Leben auch: nicht jeder kann mit jedem. Sachliche Kritik versuche ich natürlich, mir zu Herzen zu nehmen. An dem geschriebenen Buch kann ich in der Regel nichts mehr ändern, aber ich versuche dann einfach, beim nächsten Buch noch mehr darauf zu achten: ist es plausibel, ist es nachvollziehbar für den Leser?
Dann sage ich ganz herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast! Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Buch!
Historische Romane, die von Frauen handeln, die in Männerkleidern und -berufen unterwegs sind – da war mein Reflex bisher: Finger weg! Aber Claudia Weiss schafft es mit ihrem Debütroman Schandweib, mich diese Haltung überdenken zu lassen. Nicht nur schildert sie glaubhaft bei dem im Hamburg des beginnenden 18. Jahrhunderts spielenden Roman die Gründe für das Anlegen von Männerkleidern, sondern lässt uns auch tief in das Innenleben ihrer Protagonistin Ilsabe Bunk blicken. So erleben wir eine zutiefst verletzliche Frau, die nicht nur aus praktikablen Gründen lieber als Mann zur Welt gekommen wäre. Was hier aus ihrem Leben ans Licht gezerrt wird, lässt nicht nur Mitleid, sondern auch Mit-Gefühl beim Leser aufkommen.
Auch der zweite Protagonist Hinrich Wrangel wird sehr intensiv und berührend beschrieben. Der Leser begleitet ihn vom Antritt seiner Stelle bis zum Abschluß des Falles der Ilsabe Bunk. Nebenbei lernt man auch noch etwas über das hamburgische Rechtssystem, die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit, die Gebräuche des Judentums und etlicher anderer Zeit bezogener Vorkommnisse. Insgesamt hatte ich den Eindruck eines sehr gut recherchierten und sprachlich auf hohem Niveau agierenden Roman. Claudia Weiss ist ein Name, den man sich als eifriger Leser historischer Romane merken muss.
Rita Kapfhammer kann etwas, was Anna Netrebko noch nie konnte: bei manchen ihrer Arien läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Es kommt natürlich immer auch auf die Partie an, und die Hofdame Katisha ist eine geniale Rolle für einen stimmgewaltigen Mezzosopran. Wie sie wütend den Jungschnösel Nanki-Poo kleinfaltet (charmant und verspielt wie ein Junghund: Mario Podrecnik), weil der sich nicht für sie interessiert, sondern sich in die zugegebenermaßen entzückende Yum-Yum (Frances Lucey) verguckt hat, das ist beeindruckend. An Selbstbewusstsein mangelt es Katisha nicht, sie weiß, dass sie toll ist, aber wieso sieht das der Mann nicht, den sie sich auserkoren hat? Wieso nimmt er einen Sopran, wenn er stattdessen einen Mezzo haben könnte? Mir persönlich ist das ebenfalls völlig unverständlich, aber Katisha ist an ihrer unkomfortablen Situation auch irgendwie selbst schuld: Eine Frau sollte sich schon einen Mann in ihrem geistigen Alter suchen, und Nanki-Poo hätte das wohl auch nicht, wenn er dreißig Jahre älter wäre. Doch wo die Liebe hinfällt, das hat man ja nur bedingt im Griff, zuweilen eben auch auf den Misthaufen. Aber manchmal … zwar äußerst selten, aber es soll schon vorgekommen sein … läuft einem die verwandte Seele unvermittelt über den Weg, und sei es an einem Drachenbrunnen in der aus guten Gründen völlig unbekannten Kleinstadt Titipu. That’s life. Liebe ist ja immer etwas Unerwartetes und Unverdientes, also geschenkt.
Hardy Rudolz ist ein Mann, der um seine Ausstrahlung weiß. (Das Wort “Darsteller” passt hier nur bedingt, denn es steht immer Herr Rudolz auf der Bühne, egal, in welcher Rolle.) Katisha und die meisten Zuschauer erliegen seinem Charme ziemlich bald. Sogar mir hat er zugezwinkert, obwohl ich zwanzig Meter weit entfernt war. Er war als Koko irgendwie repräsentativ für die Vorstellung: da gäbe es viele Kleinigkeiten zu bemäkeln, aber der Gesamteindruck war doch ansprechend, witzig, überzeugend. Seine Mimik alleine ist ein Genuss, und die Frage, ob der Koko wirklich so expressiv agieren würde, ignorieren wir jetzt einfach mal. Mit etwas weniger Kopfstimme hätte mir sein Vortrag noch besser gefallen, und bei fast jedem seiner Auftritte muss ich an diesen klassischen Essay denken: “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden”. Seine Körpersprache dagegen ist immer absolut präsent.
Derrick Ballard ist richtig klasse als Mikado, in Stimme und Darstellung hervorragend. Sein (stets gleichbleibendes) Lächeln findet man zuerst fast unpassend liebenswürdig, und dann auf einmal psychopathisch gruselig. Pooh-Bah, die personifizierte Ämterhäufung, sang seine Rolle mit kräftigem Bass (Sebastian Campione). Auch die anderen Darsteller waren alle in ihrer gewohnten Form. Der Chor, einstudiert von Inna Batyuk, war sehr gut. Das Orchester unter Guido Klaus gefiel mir ebenfalls. Großer Applaus, Vorhang, alle gehen zufrieden nach Hause. Ein sehr angenehmer Nachmittag. So soll es sein.
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nacht_gedanken Berührend am Ende des Abends "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände" vom gesamten Ensemble zur Erinnerung an Komponist Paul Abraham. - gezwitschert am 09.06.2013 22:40
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