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Eva Völler: Zeitenzauber – Die magische Gondel

Eva Völler stand für mich bisher eher für ausgezeichnet recherchierte und erzählte historische Geschichten, ihre Romane in anderen Genres kannte ich nicht. Mit dem vorliegenden Buch hat sie gezeigt, dass sie es ebenso gut beherrscht, in einem Jugendroman die exzellente Recherche altersgerecht zu verpacken.
Das Buch ist liebevoll gestaltet mit einem sehr schönen Cover mit geprägten Lettern und Illustrationen von Tina Dreher, die zur Lebendigkeit des Buches einiges beitragen. Anna, die siebzehnjährige Tochter eines Archäologieprofessors, verbringt mit ihren Eltern die Sommerferien in Venedig. Während einer Bootsregatta wird sie in Wasser gestoßen und wacht in der Lagunenstadt des Jahres 1499 wieder auf. Wie es ihr dort ergeht erzählt Eva Völler nicht nur für Jugendliche spannend und witzig. Sie schildert die Gerüche, Geräusche, überhaupt das ganze Leben so lebendig, dass ich beim Lesen den Gestank der Kanäle in der Nase und das Stimmengewirr in den Gassen im Ohr hatte. Vor meinem inneren Auge entstanden Zeit und Ort wie ein farbenprächtiges Gemälde von Bellini.
Die Figuren sind sorgsam ausgearbeitet und bleiben sich selbst treu. Ich konnte mich gut in Anna hineinversetzen, obwohl ich mindestens ihre Mutter sein könnte. Deshalb würde ich die Altersempfehlung erweitern auf 14 bis 99. Die Zeitreiseelemente sind sehr sorgsam dosiert und in sich schlüssig mit einigen sehr netten und originellen Ideen. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, laut der Homepage der Autorin sind noch zwei Folgebände geplant, auf die ich mich jetzt schon freue.

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Gretchen 89ff, 22.10.2011, Weinhandlung Fernando von Schirnding

Diese Vorstellung war in vieler Hinsicht etwas besonderes: erst mal der Ort. Die Weinhandlung Fernando von Schirnding, untergebracht in einem schlauchartigen Anbau in der Maxvorstadt. Da war ich sicher nicht das letzte Mal, die Zeit vor der Vorstellung habe ich mir dann damit vertrieben, die ausgestellten edlen Tröpfchen zu inspizieren.  Und natürlich auch eines zu probieren. Die Sicht war ok, viel besser jedenfalls als im Hofbräukeller trotz in etwa gleicher Anordnung der Stühle. Es wurde nur mit der Zeit in bisschen kalt beim Sitzen, aber es war ja auch ziemlich kalt draußen. Und leider ist manchem Zuschauer anscheinend der Alkohol zu Kopf gestiegen, jedenfalls meinten einige direkt hinter mir, den oft zitierten Satz zu vollenden zu müssen, bevor der Schauspieler auf der Bühne es getan hatte und fanden das extrem lustig. Ich fand es nur extrem störend.

“Es ist so schwül, so dumpfig hie…” hörten wir an diesem Abend ziemlich oft. Das Stück dreht sich um die Kästchen-Szene aus dem Faust, lässt uns verschiedene Probensituationen miterleben. Regisseure genau wie Schauspieler in ihren mannigfaltigen Ausprägungen treffen aufeinander. Da macht die Diva den Jungregisseuer fertig, der Regietheteaterfetischist möchte den “Abo-Schweinen” mal so richtig einen vor den Latz knallen und eine Dramaturgin als Regisseurin mags besonders intellektuell. Das Ganze lebt natürlich von klischeehafter Übertreibung, ist aber sehr lustig. Besonders, wenn einem der ein oder andere Typus schon mal begegnet ist 😉

Etwas besonderes war auch die Leistung der Schauspieler. Momi von Fintel, der auch Regie führte, als Conferencier, der die einzelnen Szenen mit witzigen Kommentaren verband. Amadeus Bodis und Ulrike Dostal, die es schafften die ständig wechselnden Typen glaubhaft und sehr präsent darzustellen. Ständig in neue Rollen schlüpfen zu müssen und diese dann auch noch so fantastisch zu präsentieren muss sauschwer sein. Chapeau!

Wenn dieses Stück nochmal kommt, sollte kein Theaterbegeisterter es verpassen. Und wer “nur” gerne herzhaft lacht, ist hier auch gut aufgehoben.

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Interview mit Kerstin Gier

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Liebe Kerstin, herzlichen Dank, dass du Zeit findest an einem stressigen Messe-Tag für ein Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Du bist Bestsellerautorin, aber stellst du dich uns trotzdem kurz vor?

Ja, ich bin leider jetzt schon 45 Jahre alt, so seit knapp 20 Jahren dabei mit dem Schreiben und lebe davon. Von Haus aus bin ich eigentlich Diplom-Pädagogin, aber in dem Beruf habe ich nie gearbeitet.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe natürlich wie jeder Schriftsteller immer gerne geschrieben, aber mein erstes Buch entstand durch einen Zufall; Ich habe die Briefe an meine Freundin über mein Liebesleben ein bisschen aufgepeppt, mit lauter erfundenem Kram, damit sie sich bei der Lektüre nicht langweilt. Nach einer Weile kam mir das sehr verlogen vor, und so habe ich aus diesen Brieffragmenten meinen ersten Roman gebastelt. Der auch tatsächlich sehr plotfrei ist, er besteht nur aus aneinandergereihten Episoden, weil er ja ursprünglich aus diesen gelogenen Mein-Leben-Geschichten entstanden ist. Diesen Roman habe ich geschrieben, als ich also nach dem Studium etwas unterbeschäftigt auf einer Stelle war, wo der PC genutzt werden konnte. Das fertige Manuskript habe ich an Bastei-Lübbe gegeben, der praktischerweise in der gleichen Straße lag wie mein Büro. Ich glaube, ich habe so ziemlich alles falsch gemacht, was man beim Einreichen eines Manuskriptes falsch machen kann, zum Beispiel war alles in einen dicken, unhandlichen Ordner geheftet. Die haben den Roman aber trotzdem sofort genommen, genau zwei Tage, nachdem ich den Ordner dort abgegeben hatte, bekam ich einen Vertrag angeboten. Damals habe ich gedacht, das ist normal so. Heute weiß ich, dass ich unglaubliches Glück hatte. Ich habe es auch nie wieder woanders versucht. Dieser Verlag ist und bleibt wohl auch nicht zuletzt deshalb mein Hausverlag.

Wie findest du deine Geschichten? Oder finden sie dich vielleicht?

Ja, die Ideen finden einen. Ich suche nicht danach, gottseidank. Ich glaube, wenn man anfängt, zu suchen, dann hat man schon verloren. Wenn sich ein Buch in der Endphase befindet und man innerlich damit abschließt, tauchen aus dem Nichts die nächsten Ideen auf. Das ist so beruhigend, weil man weiß, es ist immer schon die nächste Geschichte da, die darauf wartet, erzählt zu werden.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Ehrlich – früher war ich sehr diszipliniert im Schreiben, ich habe auch sehr viel geschrieben, weil ich davon ja leben musste, unter Pseudonym im Jahr drei (kurze) Romane geschrieben und ohne Probleme aus dem Handgelenk geschüttelt, und ich hatte durchaus Tage, an denen ich fünfzehn Seiten und mehr geschrieben habe, kann ich mich jedenfalls erinnern. Das hat sich leider alles sehr geändert. Ich bin jetzt ein Frickler, ein Perfektionist, ein Brüter geworden, andere würden das, was ich täglich habe, glaube ich, als Schreibblockade empfinden. Aber unterm Strich kommt ja auch in diesem Tempo irgendwann ein fertiger Roman raus, und mit dem bin ich dann auch sehr viel zufriedener als mit den Büchern, die ich früher geschrieben habe. Ich habe keinen Rhythmus mehr, ich habe keine Regeln mehr, ich muss einfach gucken, dass ich jedem Tag so viel entreiße wie möglich. Und manchmal sind es halt nur vier schöne Sätze. Oder ein gelungener Absatz. An anderen Tagen läuft’s auch noch, gottseidank, am Stück. Dann schaffe ich 5, 6 Seiten und bin unheimlich froh.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Ganz klar die vor dem Abgabetermin, da gönne ich mir gar keine Pause mehr, 18 Stunden am Schreibtisch sind da keine Seltenheit, denn leider steckt ja so viel dahinter, wenn es bereits einen festen Erscheinungstermin gibt und die Zeitspanne für die Herstellung immer enger wird. Alle warten auf die Fertigstellung des Manuskripts, der Verlag, die Buchhändler, die Leser, und ich möchte niemanden warten lassen. Niemand soll meinetwegen extra Arbeit haben, der Erscheinungstermin soll natürlich auch nicht verschoben werden – leider ist das die letzten beiden Male trotzdem passiert, obwohl ich Tag und Nacht geschrieben habe und nichts, wirklich nichts anderes getan habe.

Machst du dann auch erstmal Urlaub, wenn du ein Buch abgegeben hast?

Ich kann ja leider keinen Urlaub machen. (lacht) Weil ich wie immer viel zu spät bin. Meine ursprüngliche Planung sah natürlich eine lange Erholungsphase vor, aber jetzt geht es halt direkt auf Lesereise. Wie eigentlich immer. Aber ich liebe Lesereisen, der Spaß wiegt den Schlafmangel allemal auf. Allerdings merke ich zunehmend, dass ich ähm alt werde. Und deshalb wird nächstes Jahr mal ein sehr ruhiges Jahr werden.

Du hast Frauenromane geschrieben, und du hast eine sehr erfolgreiche Trilogie im All-Age-Bereich geschrieben. Gibt es denn noch ein Genre, in dem du gerne noch einen Roman schreiben möchtest, und was hält dich bisher davon ab?

Ich würde gerne ein Gartenbuch schreiben, einen inspirierenden Bildband mit eigenen Fotografien, der richtig Lust aufs Gärtnern macht. Ich werde es wahrscheinlich nie machen, aber träumen darf man ja. Ansonsten glaube ich, dass ich keinerlei Wünsche habe, noch ein Genre zu bedienen. Krimis wären nichts für mich. Historische Romane finde ich zwar toll, aber könnte ich nicht schreiben, zu episch, zu viel Recherche. Ich bin auf dem Gebiet der Komödie und dem Liebesroman zu Hause, und da werde ich wohl auch bleiben. Das kann man im Jugendbuch gut ausleben, und auch in den – naja, du sagst Frauenromane, ich sage – eh –Erwachsenenromanen.

Welches Genre liest du selbst gerne, und hast du vielleicht einen Lieblingsautor?

Es gibt viele Autoren, die ich ganz, ganz toll finde und von denen ich jedes Buch lese. Dazu gehört zum Beispiel Nick Hornby. Auch von vielen deutschen Autoren lese ich jedes Buch. Am liebsten mag ich meine Kollegin Eva Völler alias Charlotte Thomas. Die ist einfach ein Garant für ein Superbuch, egal in welchem Genre sie schreibt. Ich lese querbeet, immer phasenweise, es gibt wochenlang nur Thriller oder Klassiker, Biografien, Jugendbücher, Beziehungskomödien, historische Romane (hier mag ich außer Charlotte Thomas auch Rebeca Gablé sehr gern). Und ich studiere natürlich auch die Konkurrenz, ganz ehrlich, ich bin immer sehr neugierig, was die Kollegen so auf den Markt bringen. Denn man möchte schließlich nicht den hundertfünfzigsten Abklatsch von irgendetwas schreiben. Es muss etwas Originelles sein, und dafür ist es ganz gut, viel gelesen zu haben. Obwohl es auch manchmal demotivierend sein kann, weil man denkt: „Mensch, so eine tolle Idee, schade, dass ich die nicht hatte, und dass ich die jetzt nicht noch verwenden kann.“ Ich lese auch gerne Komödien, auch schräge Sachen, Fantasy. Zum Beispiel Jasper Fforde. Terry Pratchett. Noch nicht gelesen habe ich Walter Moers. Sollte ich den mal lesen? (Corinna nickt 🙂)

Hast du ein literarisches Vorbild?

Es gibt viele Menschen, die mich inspirieren. Meine Kollegin Eva Völler zum Beispiel inspiriert mich mit ihrer Disziplin und ihrer Unverdrossenheit und ihrer Kreativität. Eine vielseitige Perfektionistin – bewundernswert. Von ihr würde ich mir gern eine Scheibe abschneiden.

Welche Musik hörst du am liebsten, und läßt du dich beim Schreiben durch Musik inspirieren?

Manchmal brauche ich es ganz, ganz ruhig, da stört mich wirklich auch das Husten einer Fliege an der Wand. Und manchmal benötige ich Musik zum Schreiben, um in eine Stimmung reinzukommen. Das kann Mozart sein oder Jason Mraz, Linkin Park oder Circlesquare …

Wo und wie schreibst du am liebsten? Du hast gerade schon gesagt, dass du manchmal Musik hören kannst, aber manchmal stört dich auch das geringste Geräusch. Gibt es bestimmte Bedingungen, die immer erfüllt sein müssen?

Ich habe versucht, unterwegs zu schreiben. Ich habe versucht, im Urlaub zu schreiben, weil es sein musste, aber es ist nie was geworden. Da saß ich dann da und habe eigentlich nix geschafft. Am idealsten schreibe ich bei mir zu Hause in meinem Arbeitszimmer unterm Dach mit meiner Tastatur, die genauso funktioniert, wie sie immer funktioniert, und übrigens kein „i“ mehr hat. Am liebsten, wenn mein Kind gut versorgt irgendwo ist, am liebsten, wenn mein Mann im Haus ist, um alle Anrufe abzufangen und vielleicht noch was Leckeres zu kochen. Mit anderen Worten, ich möchte es gern immer gleich haben. Habe ich Probleme oder weiß ich, es sind noch Termine am Tag, kann ich auch die Zeit dazwischen nicht nutzen. Ich bin ganz furchtbar, was das angeht, ein Gewohnheitstier!

In welcher Stadt möchtest du gerne leben?

London oder New York. Oder Hamburg. Oder Lüneburg, finde ich auch noch ganz entzückend. Das wär’s.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Der ist schwindelerregend hoch, weil ich ja monatelang nur geschrieben habe und nicht lesen durfte! Zwischendurch – wenn es gar nicht mehr ging -, habe ich mir so ein Buch geschnappt und wenigstens mal reingelesen, denn ich hatte echt Entzugserscheinungen. Das sind bestimmt dreißig Bücher, also aktuelle, auf die ich mich unheimlich freue und auf die ich verzichtet habe im wahrsten Sinne des Wortes. Darunter so Titel wie „Arkadien fällt“ von Kai Meyer, oh, freue ich mich auf diesen dritten Band, „Happy Family“ von Safier, da freue ich mich auch darauf, ist immer lustig und “Wunschkonzert” von Anne Hertz. Ich habe auch ganz viele Bücher von lieben Kolleginnen schon mit Widmung zu Hause liegen, auf deren Lektüre ich mich sehr freue.

Demnächst erscheint ja dein neues Buch: „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“. Ich kenne dieses Sprichwort eigentlich nur aus dem Englischen. Wie findet sich der Titel in deinem Roman wieder?

Der Aufhänger der Geschichte ist eine “Frau zwischen zwei Männern”-Situation. Der Titel bezieht sich auf das „The grass is greener”-Syndrom, das in USA und England die klassische Midlife-Crisis bezeichnet, mit den typischen Fragen: Wenn man sich in einer längeren Beziehung fragt: Soll es das gewesen sein? Und ist er wirklich der, mit dem ich jetzt alt werden soll, oder wäre vielleicht ein anderer die bessere Wahl gewesen? Meine Protagonistin verliebt sich in einen anderen Mann und darf, anders als wir normalen Menschen, im Roman ein Experiment machen: sie wird in der Zeit zurückgeschleudert und kann die letzten fünf Jahre – dieses Mal mit dem anderen Mann – noch einmal leben. Es hat unglaublich Spaß gemacht, diese Geschichte zu schreiben, weil während des Schreibens so viele von meinen eigenen Fragen beantwortet wurden: Wie viel muss man an einer Beziehung arbeiten, wie viel darf man an der Beziehung arbeiten? Wie kann man sich davor schützen, sich in jemand anders zu verlieben, wenn man eigentlich glücklich gebunden ist? Darf man das vielleicht sogar ausleben? Und wenn ja, wie weit darf man gehen? Vielleicht habe ich deshalb auch so lange dafür gebraucht, bin aber jetzt sehr zufrieden mit dem Buch. Nebenbei ist es auch noch sehr lustig. (kichert).

Wie alle deine Bücher!

Das ist aber am allerlustigsten! Es ist wirklich lustig (kichert)!

Spielt der Esel eine große Rolle?

Der Esel passt halt wunderschön zu diesem Motto. Ich hatte den Verlag gebeten, mal keine Frau vorne drauf zu pappen. Und dieser Esel passt wirklich wie die Faust aufs Auge zu der Geschichte. Zusätzlich habe ich auch versucht, sie noch ein bisschen passender zu machen. Esel ist in dem Fall auch der Kosename für die Protagonistin.

Du hast vorhin gesagt, du hast meistens am Ende eines Buches schon die Idee für ein nächstes Buch, aber nächstes Jahr möchtest du es erstmal ein bisschen ruhiger angehen lassen. Kannst du uns schon was über ein nächstes Projekt sagen?

Ich habe eine sehr schöne Idee für einen Jugendbuch-Mehrteiler, kann und will aber gar nicht viel über den Inhalt sagen. Es wird so sein, dass ich erst mal ohne einen Vertrag schreibe, ohne einen Abgabetermin, ohne einen Erscheinungstermin. Ich werde gucken, wie das ist, mal ohne Druck zu schreiben. Ob ich das überhaupt kann. Vielleicht mache ich dann ja auch gar nichts.

Was ist das Beste daran, eine sehr erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?

Das mit dem Erfolg nervt überhaupt nicht. Ehrlich, es ist großartig, dass sich die Arbeit endlich auch mal lohnt. Ich finde gut, dass ich im Moment keine finanziellen Sorgen habe. Ich habe zwar nie besonders darunter gelitten, dass das Konto am Ende des Jahres immer sehr, sehr weit im Minus war, aber so ist es deutlich schöner. So kann man auch mal ein bisschen großzügig sein. Das einzige, was stört und zusätzlichen Druck ausübt, ist, dass man an seinen Verkaufszahlen gemessen wird. Wenn man zehntausend Bücher verkauft, ist man zufrieden und glücklich, und alles ist gut. Wenn man hunderttausend Bücher verkauft, dann fragen sich die Leute, warum, und gucken ein bisschen genauer hin. Ich möchte natürlich nicht „grundlos“ viele Bücher verkaufen (lacht).

Du hast in unserem Vorgespräch Interviews erwähnt, die nicht ganz mit deinen Antworten übereingestimmt haben. Hast du noch eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben für uns?

Du meinst, was man unterwegs erlebt, zum Beispiel auf Lesereisen? Mittlerweile sind die Lesungen, die ich für den Bastei-Lübbe Verlag mache immer ausschließlich schöne Erlebnisse. Aber früher war das manchmal anders. Ich erinnere mich zum Beispiel an diese malerische Stadt im Osten, wo exakt vier Leute in der Lesung saßen. Die Stadt ist später überschwemmt worden, übrigens. Ich glaube, zur Strafe. Nein, das war ein Witz. Zwei der Zuhörer gehörten zur Bibliothek, ansonsten gab es zwei zahlende Gäste, einer davon ein Mann. Heute würde ich mit den beiden nach nebenan einen Wein trinken gehen, anstatt zu lesen. Aber damals war ich noch jung und unerfahren und dachte, das müsste ich jetzt durchziehen. Nach ein paar Minuten stand der Mann auf und sagte: “Sie sind ja gar nicht der Mann, der sich einen Einbaum geschnitzt hat und damit den Amazonas runtergerudert ist.“ Und weil ich nicht widersprechen konnte, ist er gegangen …

Ja, es ist ja eigentlich ziemlich offensichtlich, dass du kein Mann bist!

(Kichert) Nach fünf Minuten! „Sie sind ja gar nicht der Mann, der sich einen Einbaum geschnitzt hat!“ – Nö. – „Doch! Ich bin hier nur verkleidet!“

Als Abschlußfrage – eigentlich keine Frage: Gibt es irgendwas, was du schon immer mal erzählen wolltest, aber es hat noch nie jemand danach gefragt?

Nee, gottseidank nicht. Weißt du, was ganz schlimm ist? Ich würde ja alles sagen, was man mich fragt. Deshalb bin ich ganz froh, dass Leute nicht noch intimere Sachen fragen, weil ich Angst habe, ich würde da tatsächlich drauf antworten. Ich bin nie gewappnet gegen persönliche Fragen. Anstatt cool zu bleiben oder nur einsilbig zu antworten, antworte ich immer mit der Wahrheit. Auf alles. Deshalb gibt es überhaupt nichts, was man mich noch nicht gefragt hat. Und schon gar nichts, was ich gerne sagen würde. Ich sag ja eh immer alles. Auch ungefragt übrigens, wie du gerade merkst. Auch wenn man in der Interview-Situation ein gutes Gefühl hat, ist es ja hinterher oft so, dass der Journalist denkt: „Jau, das war zwar eine sehr nette Person, aber jetzt bin ich ja wieder in meiner Rolle als Journalist dafür da, einen spannenden Artikel zu schreiben.“
Ich weiß, wenn unwahre oder gemeine Sachen über mich in der Zeitung stehen, sollte ich es einfach ignorieren. Aber das werde ich wahrscheinlich bis zu meinem Lebensende nicht können. Eine Schwäche, mit der man leben muss, genau wie mit der Schwatzhaftigkeit.

Also, ich glaube, dass dich deine Fans deswegen noch mehr lieben!

Ja, und andere hassen einen deswegen. Auch da muss man auch mit leben. Du kannst nicht allen Menschen gefallen.

Dann wünsche ich dir ganz viel Erfolg mit deinem neuen Buch. Und Ein wenig eine Ruhephase, und – ja, wir sehen uns ja bald wieder bei Deiner nächsten Lesung. Herzlichen Dank für das Interview!

Ja, wir sehen uns bald wieder! – O Gott, wir sehen uns bald wieder! Und dann MIT Buch 🙂

 

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Der geduldige Sokrates, 21.10.2011, Gärtnerplatztheater

Dieser Abend bestärkte mich mal wieder in meiner Auffassung, dass ein Wochentagsabo nichts für mich ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jede Vorstellung mit den Menschen, die gestern Abend um ich herumsassen, verbringen müsste, hätte ich vermutlich schnell die Lust am Theater verloren. Ich konnte gar nicht so viele böse Blicke in alle Richtungen verteilen, wie sich in normaler Lautstärke unterhalten wurde. Und wenn es dann doch mal einigermaßen erträglich war, hörte man das Schnarchen des Herren hinter mir. Und am Ende dann dieses wirklich absolut unmögliche, despektierliche Hinausrennen, sobald sich der Vorhang geschlossen hat. Die Herrschaften, durch die Bank älteren Semesters,  waren alle mit dem Auto angereist, die Ausrede der unbedingt noch zu erwischenden Bahn zog also nicht. Sicher ist die Oper lang, aber wenn man sich nicht mal die Zeit nehmen will, den Akteuren des Abends den wohlverdienten Applaus zu spenden, sollte man besser zu Hause bleiben und seine Chips vor dem Fernseher in sich reinstopfen.

Der geduldige Sokrates

Jetzt hab ich mir Luft verschafft, es wird Zeit, zum Wesentlichen zu kommen: Barockmusik kann Spaß machen! Ich hab ja insgesamt fünf Vorstellungen dieser hervorragend gemachten Inszenierung von Axel Köhler gesehen und ich kann mich nicht erinnern, in einer der anderen so viel geschmunzelt zu haben. Besonders die Szene, in der dem geduldigen Sokrates dann doch mal der Geduldsfaden reißt, war köstlich. Stefan Sevenich konnte hier sein komödiantisches Talent voll ausspielen. Und so ganz nebenbei sang er noch prächtig. Leider, leider wechselt er zur nächsten Spielzeit an die Komische Oper Berlin. Gut für Berlin, schlecht für München.

Vier ausgezeichnete Soprane braucht man für diese Beziehungskomödie und das schönste Theater Münchens kann sie mal eben aus dem Ensemble besetzen. Und dann auch noch doppelt. Das muss man erst mal nachmachen können. Heike Susanne Daum und Elaine Ortiz Arandes als die streitbaren Ehefrauen des geplagten Philosophen ebenso wie Ella Tyran und Christina Gerstberger als die leidenden und leidenschaftlichen Prinzessinnen bewiesen eindrucksvoll, dass die Qualität der Sänger an diesem Haus enorm hoch ist. Robert Sellier als Melitto und Gregor Dalal komplettierten den Reigen der sehr guten Sänger. Ebenfalls für das Haus spricht, dass die Partien der Schüler des Sokrates mit Chorsolisten besetzt werden können, mit Ausnahme des Pitho, gesungen vom dem jungen Talent Mauro Peter. Diesen Namen sollte man sich merken. Der Chor machte seine Sache wie immer sehr gut und dass mir eine Balletteinlage an diesem Haus mal uneingeschränkt gefallen würde, hätte ich vor fünf Monaten noch nicht gedacht. Denys Mogylyov als Adonis schafft das schier Unmögliche 😉

Ein sehr schöner Abend, leider war das mein letzter Sokrates, die Dernière am 29.10.2011, für die noch Karten vorhanden sind, verpasse ich leider. Wer das Stück noch nicht gesehen hat, sollte sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.

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Il viaggio a Reims, 19.10.2011, Staatsoper Hannover

Diese Oper habe ich mir als eine der wenigen als Aufnahme zugelegt, ohne sie je live gesehen zu haben. Schließlich heißt die Hauptprotagonistin so wie ich und das kommt selten genug vor. Leider wird sie nicht sehr oft gespielt, was daran liegen mag, dass man 15 Solisten plus Chor braucht, für Theater ohne gutes festes Ensemble fast nicht zu stemmen. Im deutschsprachigen Raum gibt es in der Spielzeit 2001/12 nur zwei Häuser, die dieses Stück spielen. Nürnberg ist zwar näher, dort gibt es das Stück aber erst im Mai 2012. Und Hannover hat ein nicht zu toppendes Sahnehäubchen: der von mir am Gärtnerplatz stark vermisste Benjamin Reiners, seit dieser Spielzeit dort als 2. Kapellmeister tätig, hat die musikalische Leitung.

Eine Aneinanderreihung von Episoden wie in diesem Stück, das kann langweilig sein. Fast jeder singt ein oder zwei Arien, ein bisschen zwischenmenschliches Geplänkel und das wars. Da muss man sich als Regisseur schon etwas besonderes einfallen lassen, damit die Leute nicht in Scharen aus der dazu noch ziemlich langen Oper flüchten. Matthias Davids ist das kleine Kunststück gelungen: er verlegte die Handlung von einem Gasthaus in Plombière an einen fiktiven Flughafen, an dem die Passagiere aus unbekannten Gründen gestrandet sind, weil alle Flüge gestrichen wurden. Was der Regisseur nicht wissen konnte: fünf Tage nach der Premiere am 10.04.2010 wurde seine Vision durch den Vulkanausbruch auf Island Wirklichkeit.

Und diese Verlegung von Ort und Zeit funktionierte hervorragend, vermutlich auch deshalb, weil sie konsequent durchgehalten wurde. Bis ins Programmheft, in dem der Flughafen vorgestellt und Sicherheitshinweise gegeben wurden, zog sich das Thema. Der Text in den Übertiteln, es wird italienisch gesungen, wurde nur sehr behutsam angepasst, aber auch das passte perfekt. Überhaupt, die Übertitel: manchmal erschienen dort statt Text Herzen oder Blumen oder auch mal ein Bild der englischen Königin. Was man alles machen kann, wenn man eine gescheite Übertitelungsanlage hat! Es wurde übrigens italienisch gesungen, da macht es auch Sinn, zu übertiteln. Die Personenregie war großartig, ich habe mich wirklich sehr amüsiert über die präzise Situationskomik, die auch im zweiten Rang gut ankam.

Musikalisch war es ein toller Abend! Selbst diejenigen Sänger, mit denen ich vor der Pause nicht ganz glücklich war, gefielen mir danach sehr gut. Herausragend waren für mich Dorothea Maria Marx als meine Namensvetterin, Monika Walerowicz als La Marchesa Melibea, Ivan Turšić als Il Cavalier Belfiore und Tobias Schabel als Lord Sidney. Der Chor zeigte sich spielfreudig und machte in seinen wenigen Szenen auch gesanglich eine gute Figur. Benjamin Reiners  koordinierte alle Beteiligten aufs Beste, so dass Rossini sicher seine wahre Freude daran gehabt hätte.

Ich kann wirklich jedem nur empfehlen, sich dieses musikalische und szenische Schmuckstück anzusehen, weitere Vorstellungen am 23.10., 04.11. und 23. Dezember. Ich sehe es mir auf alle Fälle nochmal an.

 

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Die verkaufte Braut, 15.10.2011, Gärtnerplatztheater

Szenenfoto Die verkaufte Braut

Je öfter ich es sehe, desto besser gefällt mir das Stück und die Inszenierung. Das geht schon mit der wohltuend endlich mal wieder nicht bespielten Ouvertüre los. Da kann ich mich voll auf die diesmal wunderschöne Musik aus dem Graben konzentrieren. Ich kannte ja das Stück vor der Premiere gar nicht, merke jetzt aber, dass sich die Melodien in meinem Kopf eingenistet haben und sich hartnäckig in den Vordergrund drängen, auch wenn ich lieber Mikado hören würde. Sehr schön, wie Smetana das gemacht hat, immer mal wieder Melodienschnipsel eingestreut, damit so unmusikalische Menschen wie ich erkennen “Ah jetzt denkt Marie an den Hans” oder so. Mir kommt so manches bekannt vor, einzelne Takte erinnern mich an bestimmte Opern, meine Freundin meinte trocken, das sei das “Du-gehst-zu-oft-in-die-Oper-Syndrom”. Aber leider bekomme ich davon nicht genug, ich werde also weiterhin und gerne an dieser Krankheit leiden.

Es war ein Abend voller Höhepunkte. Heike Susanne Daum sang und spielte die Marie so innig, dass mir die Tränen in den Augen standen, als sie sich von Hans verraten fühlt und lieber allein bleiben will.  Holger Ohlmann überzeugt als Kecal mit allen seinen Facetten, der etwas schmierige Geschäftemacher kam genauso gut rüber wie der verletzte Liebende und wenn Kecal sagt, er hat genug an seiner Alten, dann definiert das nicht sein Alter sondern seine Sicht auf Frauen. Die wunderbare Rita Kapfhammer schafft es, die mittelgroße Rolle der Ludmilla musikalisch und stimmlich prägnant zu porträtieren, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Musikalisch am allerallerbesten gefällt mir ja das Sextett im dritten Akt, die Stimmen von Martin Hausberg, Susanne Heyng, Gregor Dalal, Holger Ohlmann und eben Rita Kapfhammer harmonieren prächtig und trotzdem ist jede einzelne herauszuhören. Harrie van der Plas hat mir an diesem Abend sogar noch besser als bei seiner Premiere gefallen, Dirk Lohr und Ella Tyran (siehe Bild oben)geben der Zirkusszene zusätzlichen Drive und Hans Kittelmann ist ein prächtig stotternder und agierender Wenzel.

Nicht so gut gefallen mir die projizierten Wolkenstimmungen und überhaupt das Licht. Sonnenunter- oder -aufgänge bei schmelzenden Arien ist Kitsch as Kitsch can. Ich habe nichts gegen farbunterstützte Gefühlswallungen, aber ich dachte, die Inszenierung wollte genau das vermeiden. Durch das ständige Hell und Dunkel auf der Bühne kommt mir das Ganze eher wie drei statt einem Tag vor. Außerdem sind die Lichtübergänge oft ein wenig abrupt, zum Beispiel beim Tanz der Kinder, und warum man beim Rap des Zirkusdirektors die vorgestellten Artisten nicht mit einem Verfolgerspot hervorhebt, ist mir ein Rätsel. Meiner Meinung nach würde das die Zirkusatmosphäre verstärken, die durch die hübsche Projektion eines Zirkuszeltdaches begründet wird. Was mir aber ausnehmend gut gefällt, sind die vielen kleinen Gesten und Blicke, die die Geschichte lebendig werden lassen und spannend machen. Bei der Personenregie hat Peter Baumgardt wirklich ganze Arbeit geleistet, um alle Feinheiten zu entdecken, muss ich mir das Stück wohl noch ein paar Mal anschauen. Genau genommen, habe ich bereits Karten für alle Bräute dieser Spielzeit. Hust.

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Nina George – Die Mondspielerin

Manchmal liest man ein Buch, von dem man sehr schnell weiß, das es einen den restlichen Lebensweg begleiten wird. “Die Mondspielerin” ist so ein Buch.
Auch wenn die 60-jährige Marianne, deren erste eigenständige Entscheidung nach 41 Jahren Ehe ist, sich das Leben zu nehmen, nicht wie die ideale Identifikationsfigur für einen Liebesroman wirkt, fiel es mir doch sehr leicht, mich in sie hineinzuversetzen, mit ihr zu fühlen, ihre Unsicherheit zu spüren, aber auch ihre Freude, ihren Willen, dieses Leben zu meistern.
Der Leser begleitet Marianne auf ihrem Weg von Paris in die Bretagne, von Abhängigkeit zur Selbstbestimmung, von Suizidabsicht zu Lebenslust. Nina George kleidet diesen Weg in Worte, die so sind wie Marianne: schön, musikalisch, leidenschaftlich. Dabei ist sie nie kitschig, ihre Sätze fühlen sich an wie das Leben selbst. Manche von ihnen möchte man herausnehmen, in Seidenpapier einschlagen und hervorholen, um sich immer wieder daran zu erfreuen. Dabei bleibt sie erfreulicherweise klischeefrei, sie zeichnet eine Fülle interessanter Figuren, deren Leben ein eigenes Buch füllen könnte. Sie bilden die Mosaiksteinchen, aus denen sich das Gesamtbild in den leuchtenden Farben der Bretagne zusammensetzt.
Ein mutmachender Roman. der einem sagt, es ist nie zu spät. Trau Dich.

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Die Fledermaus, 09.10.2011, Gärtnerplatztheater

Die Fledermaus - Thomas Peters

Es war insgesamt eine schöne Vorstellung, mit einem spritzigen Dirigat des jungen italienischen Dirigenten Francesco Angelico und so exzellenten Sängerdarstellern wie Daniel Fiolka als Eisenstein oder Robert Sellier als Alfred. Ella Tyran, die als erkältet angekündigt worden war, zeigte eine bezaubernde Adele, Franziska Rabl hat mir als Orlofsky richtig gut gefallen und auch Juan Fernando Gutiérrez, Dirk Lohr, Hans Kittelmann und Ulrike Dostal waren in ihren jeweiligen Rollen gut bis sehr gut. Enorm auch wieder die Leistung des Chores, ohne eine Spielfreude wäre der 2. Akt nicht so schwungvoll. Lediglich die Tänzer der hauseigenen Company hatten etwas Schwierigkeiten mit dem zügigen Tempo des Abends, über die Nichtspagate der Herren reg ich mich ja schon gar nicht mehr auf.

Der Hauptgrund aber, mich mal wieder hinzusetzen und über meine elfte Fledermaus in dieser Inszenierung zu schreiben, ist der Frosch von Thomas Peters. Ich habe jetzt vier Vorstellungen in 17 Tagen gesehen und bei jeder war irgendetwas neues dabei. Seine Texte, die er selbst schreibt, werden ständig aktualisiert, sind pointiert und so trocken vorgetragen, dass ich sicher auch noch bei der letzten Vorstellung am 21.04.2012 (übrigens auch der nach jetzigem Stand letzten Vorstellung im schönsten Theater Münchens vor der Umbauphase) so schmunzeln oder lachen werde wie in den Vorstellungen bisher. Ebenso komisch ist seine Parodie eines äh,äh, vergangenen Landesvaters und selbst die Witze über meine Berufsgruppe bringen mich zum Lachen, obwohl ich die normalerweise eher nicht so lustig finde. Schon allein seine Einlagen sind ein Besuch der “Fledermaus” in Münchens schönstem Theater wert. Nächste Chance wieder am 14.10.2011, Restkarten online oder telefonisch unter 089.21 85 19 60

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Interview mit Peter Baumgardt

Die Verkaufte Braut | Staatstheater am Gärtnerplatz | Bühnenprobe 22.07.2011

Herr Baumgardt, herzlichen Dank, dass Sie noch vor der Premiere Zeit finden für ein Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Sie waren ja von 1980 bis 1992 bereits am Gärtnerplatztheater tätig, zunächst als Regieassistent, zuletzt als Oberspielleiter und Persönlicher Assistent des Staatsintendanten. Sie haben unter anderem so erfolgreiche Inszenierungen wie „Anatevka“ am Haus gemacht. Wie fühlt es sich jetzt an, die Eröffnungspremiere zu inszenieren?

Ich bin unglaublich gespannt und ich bin auch aufgeregt, so als würde ich zum ersten Mal am Hause inszenieren, muss ich ganz ehrlich sagen. Auf der einen Seite sind es ja 15 Jahre, dass ich das letzte Mal hier inszeniert habe, 1996 „Funny Girl“. „Anatevka“ lief von 1991 bis 2007, ich habe es natürlich auch immer wieder gesehen, auch, glaube ich, die letzte Vorstellung sogar, und ich kam zurück, und es war irgendwie, als würde ich nach Hause kommen. Es war unglaublich angenehm, und es war sehr schön, einige Kolleginnen und Kollegen aus der vergangenen gemeinsamen Zeit wiederzusehen. Es war ganz vertraut, und trotzdem: „Die Verkaufte Braut“ ist ein schwieriges Stück, ein herrliches Stück, ein ganz wunderbar lebendiges Stück. Es gab zwei erfolgreiche Produktionen, die ich noch erleben konnte, die Inszenierung von Kurt Pscherer, die Inszenierung von Hellmuth Matiasek – und insofern ist natürlich durchaus schon so etwas da wie: Na, reihen wir uns jetzt mit unserer Interpretation, mit unserer Konzeption, mit all dem, was man auf der Bühne dann sehen und erleben kann, reihen wir uns ein in diese Riege der erfolgreichen Inszenierungen der „Verkauften Braut“? Also insofern: Ich freue mich darauf und bin aufgeregt.

Sie werden 2012 die Intendanz der Festspiele „Europäische Festwochen Passau“ übernehmen. Wie verlief Ihr Weg vom Germanistik-Studium in Frankfurt bis nach Passau?

Ja mei (lacht). Ich habe während meines Studiums Schauspielunterricht genommen, habe da auch meine Prüfung gemacht. Damals gab es noch die Prüfung bei der ZBF, Paritätische Prüfungskommission nannte sich das. Ich habe diese Schauspielausbildung nicht gemacht, um Karriere als Schauspieler zu machen, sondern ich habe sie gemacht und habe dann auch gespielt, in Heidelberg, in Darmstadt, hier in München, um einfach zu schauen: wie ist denn das, wenn man da so auf der Bühne steht und jemand eben unten sagt, was man zu tun hat – also, es gemacht, um selber als Regisseur dann nachempfinden zu können, was so in den Schauspielern oder in Sängern vorgeht. Ziel war immer, Regisseur und Intendant zu werden. Insofern war ich sehr glücklich, als Kurt Pscherer mich hier 1980 als Regieassistent engagiert hat und ich dann auch unter Hellmuth Matiasek tätig sein durfte, von Hellmuth Matiasek auch dann zum Oberspielleiter berufen worden bin. Das war für mich eine ganz große Freude, mit vielen wunderbaren Inszenierungen. Dann ging es nach Augsburg, damals jüngster Intendant in Deutschland. Dort blieb ich bis 1997 und es kam etwas, womit ich nie gerechnet habe, es kam von August Everding die Anfrage: „Sagen Sie, ich leite da den Deutschen Pavillon auf der Expo, hätten Sie nicht Lust, so ein bisschen mich zu begleiten?“ Das habe ich sehr gerne getan, ich habe in der Zeit als freier Regisseur inszeniert. Die Zusammenarbeit mit August Everding war unglaublich wunderbar, spannend und inspirierend. Ich habe sehr, sehr viel gelernt. August Everding verstarb viel zu früh, und mir wurde angetragen, seine Nachfolge als Intendant des Kulturprogramms im Deutschen Pavillon anzutreten. Aus dieser Aufgabe, sehr viel Management, aber auch sehr viel befördern können, kam die nächste Aufgabe in gleicher Richtung, nämlich die Europastadt Görlitz-Zgorzelec zu befördern, bis in die Endrunde der Kulturhauptstadt Europas zu kommen. Das bin ich voller Leidenchaft angegangen. Ich muss aber sagen, dass ich doch dann nach sechs, sieben Jahren Management-Tätigkeit irgendwie dachte: Ich muss zurück ans Theater. Da habe ich angefangen. Ich habe das Ensemble vermisst, ich habe die Musik vermisst, wenn man ins Haus kommt, ich habe das Ballett vermisst. Ich war sehr glücklich, dass ich dann aus 120 Bewerbern für die Intendanz des Stadttheaters Kempten ausgewählt worden bin; damals ein Theater, das ein reines Bespiel-Theater war, das erst geschlossen, später saniert, erweitert worden ist mit dem Ziel, sich als ein Stadttheater zu etablieren. Das war eine große Herausforderung, die mir sehr viel Freude gemacht hat. Wir haben das Haus wirklich zum dritten professionell geleiteten Theater in Bayerisch-Schwaben positionieren können in relativ kurzer Zeit. Ja, und plötzlich kam die Möglichkeit, sich um die Intendanz in Nachfolge von Dr. von Freyberg der Festspiele der Europäischen Wochen Passau zu bewerben. Es gibt eine klare Vorgabe, diese Festspiele zu profilieren, als Festspiele, die sich deutlich von anderen unterscheiden, dahingehend, dass sie auch eigene Produktionen herausbringen. Den 60. Geburtstag dieser Festspiele in Niederbayern, Oberösterreich und Böhmen feiern wir wir nächstes Jahr. Dazu noch wieder am Gärtnerplatztheater inszenieren zu dürfen, das ist ein buntes Leben, und ich hoffe, das bleibt es auch.

Sie haben ja vorhin schon die Vorzüge der „Verkauften Braut“ angesprochen. Warum „Die Verkaufte Braut“, und warum am Gärtnerplatztheater?

Dieses Stück gehört auf den Spielplan des Gärtnerplatztheaters. Es ist eine Spieloper, eine komische Oper. Das Haus hat hier eine ganz, ganz große Tradition, und bei einem Ensemble, das hier tatsächlich gepflegt und gefördert wird, wie seit Jahrzehnten, liegt es einfach nahe, „Die Verkaufte Braut“ mit diesen wunderschönen und herrlichen Charakteren ganz unterschiedlicher Art, mit Höhen und Tiefen, dass dieses Stück wieder auf den Spielplan kommt, nach, glaube ich, fünfzehn Jahren. Ich mag es sehr, Menschen auf der Bühne zu zeigen, in denen wir uns wiederfinden können. In jedem Einzelnen der „Verkauften Braut“, in jedem einzelnen Charakterzug, in den Höhen und in den Tiefen, in den Untiefen teilweise auch, können wir uns wiederfinden, und dieser Aufgabe stelle ich mich sehr gerne. Ich möchte die Geschichte erzählen. Die Geschichte lässt sich erzählen, sie ist nämlich nicht ganz leicht, aber sie lässt sich erzählen, wenn man ein so wunderbares Ensemble hat wie dieses, das immer wieder bereit war, sich auseinanderzusetzen mit den einzelnen Figuren und die Zusammenhänge versucht hat zu erkennen und einfach miteinander spielt. Und das finde ich, ist für das Gärtnerplatztheater etwas ganz Wichtiges, etwas ganz Entscheidendes und ist einfach auch das Besondere am Gärtnerplatztheater. Und da muss man auch dann schon sagen, dass es nicht so viele Opern gibt, die auch noch eine so herausragende Musik haben wie Smetanas „Die Verkaufte Braut“. Das, denke ich, war auch mit ein Grund, oder vielleicht sogar der Hauptgrund, der Einladung von Ulrich Peters zu folgen.

Sie haben gerade gesagt, Sie möchten nichts aufpfropfen. Gibt es denn Merkmale, die man in allen Ihren Inszenierungen wiederfindet? – Ich habe gehört, bei einem Regisseur muss immer ein Teddybär auf der Bühne sein, in irgendeiner Form.

Gut, ich kenne auch einen Regisseur, da ist immer eine Leiter auf der Bühne. Ganz so ist es bei mir jetzt nicht, und es ist ganz schwer, das von sich selber zu sagen. Mir ist immer wichtig gewesen – schon, ich glaube, die allererste Inszenierung, die ich hier am Hause gemacht habe, im Marstall damals, „Through Roses“ und dann später „Die heimliche Ehe“– zwischendurch „Fräulein Julie“ – ja, es ist mir immer die Nachvollziehbarkeit dessen wichtig gewesen, was auf der Bühne passiert, das Selbstverständliche. Und zu diesem Selbstverständlichen zählt der vollkommen natürliche und selbstverständliche Umgang der Leute miteinander, was wiederum nicht unbedingt etwas Selbstverständliches im Musiktheater oder in der Oper ist. Dieses herauszuarbeiten, herauszukitzeln und auch festzustellen, dass das Ensemble, die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, eigentlich danach lechzen, das ist immer mein Anliegen gewesen, das alle meine Inszenierungen, ob jetzt Oper, Operette, Musical, Schauspiel, durchzieht.

Woher kommt die erste Idee, in welche Richtung die Inszenierung gehen soll?

Aus der Überlegung heraus: Hat das eigentlich noch Gültigkeit, das Ganze, wenn man es genauer betrachtet? Also, „Verkaufte Braut“, das ist ja eigentlich ein irreführender Titel. Sie wird ja nun nicht tatsächlich verkauft, weil ja das einfach eine Lüge des Hans ist, um zu einem Happy-End zu kommen; also, ist es ist auch nicht die Situation in Köln vor ein paar Jahren, wo tatsächlich ein Vater seine Tochter für, weiß nicht, 40.000 Euro oder 50.000 Euro, an einen Sohn eines anderen Vaters verkauft hat. Oder auch nicht wirklich die Geschichte, die in Vorarlberg passiert ist in den 80er Jahren, wo ein Bauer seine Tochter verkauft hat gegen Kühe und Schweine. Das Stück steht für gesellschaftliche Regeln. Und diese gesellschaftlichen Regeln, die in der Entstehungszeit der „Verkauften Braut“ über das Beispiel des Versprechens eines Mannes an einen anderen, dass dessen Sohn die eigene Tochter bekommt, verdeutlicht wurden, das ist einfach ein Bild für Regeln, in denen wir alle uns bewegen und aus denen wir ausbrechen wollen und einige es auch können. Deshalb ist für mich Hans und Marie so etwas wie die Moderne, die in diesen Ort, in dieses Dorf hereinbricht. Diejenigen, die einfach sagen: Wir beugen uns nicht mehr, oder wir verhalten uns nicht mehr gemäß den Regeln, die in Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten geschaffen worden sind. Und es gibt andere, die von diesen Regeln nicht lassen können, wie zum Beispiel Micha und Hata oder Ludmilla und Kruschina, die erst davon überzeugt werden müssen – und wie sie sich dann wirklich dazu verhalten, ist nun die ganz große Frage.

Richtig ist: Liebe, Leben, oder Liebe und Leben, statt Geld, ist uns einfach wichtiger. Hat das etwas mit Heute zu tun? Ja, es hat etwas mit Heute zu tun. Alles, was da zwischenmenschlich passiert, passiert uns auch. Nicht jedem vielleicht, und auch nicht in der Gänze. Also holen wir das Stück so nah wie möglich an unsere Zeit heran, um einfach diese Barriere abzubauen. Ist das jetzt eine spezielle Zeit? Vielleicht erinnern Sie sich oder haben es gehört: „Heimliche Ehe“ habe ich damals ganz klar in die 1950er Jahre verlegt, weil genau diese 1950er Jahre durchaus etwas zu tun hatten mit den 1750er Jahren. Wir haben einen ganz klaren Vergleich angestellt; für uns war der Reifrock von 1750 der Petticoat von 1950, und der Wunsch nach Adel und sich baden in diesem Glanz und Glamour gab es eben einfach in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auch. Insofern war es eine ganz klare Festlegung und es handelte sich einfach auch um ein Sujet, wo es um – ja – ausschließlich um gespielte Intrigen ging. Bei der „Braut“ habe ich mich entschlossen, das nicht zu machen, die klare Zeit, sondern wir haben uns entschlossen, es näher heranzuholen. Oder, sagen wir mal so, es auf die Bühne zu bringen in einer gewissen Allgemeingültigkeit. Ich bin immer der Meinung, dass es trotzdem eine Lokalisierung braucht, wenn ich eine Geschichte auch mit realistischen Mitteln erzähle. Also, ich will jetzt nicht sagen, dass wir den Realismus pur haben, aber das, was zwischen den Menschen passiert, ist realistisch, also brauche ich auch eine realistische Erzählweise. Die Lokalisierung bei uns ist ein Milchpilz, oder eine Milchbar, so wie man heute auf dem Land die Erdbeer- oder die Spargelbude findet. Das Hauptargument aber für diesen Pilz auf der Bühne war: Was macht die Marie eigentlich? Oder was sind die Eltern der Marie? Haben die ein Geschäft? Also von Micha wissen wir: Großgrundbesitzer. Kann man übertragen und sagen: Okay, der hat in dem Dorf Häuser und vermietet die Wohnungen. Aber von Kruschina und Ludmilla wissen wir es nicht so richtig: Bauer. Ja. Wenn wir das wortwörtlich nehmen: Bauer Kruschina, dann könnte die Tochter auf dem Hof beschäftigt sein. Jetzt ist sie aber ein bisschen weiter. Also, sie ist für mich kein Puppchen, sondern eine selbstbewusste jüngere Frau. Also hat sie sich von ihren Eltern ein Geschäft aufbauen lassen, und dieses Geschäft wiederum wurde von Micha finanziert. Micha hat dem Kruschina und der Ludmilla Geld geliehen, und aus diesem heraus erklärt sich wiederum, warum überhaupt das Versprechen zustande gekommen ist, dass die Marie den einzigen Sohn, den Micha und Hata gemeinsam haben, Wenzel, heiraten muss. Wir wollten damit ein bisschen klarer machen: Wieso kommt es zu so einer Geschichte des Versprechens. Wieso hat Marie denn nicht diesen Wenzel schon früher geheiratet. Weil ihre Eltern eben Geld geliehen haben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo das mal geklärt werden muss. Also wird auch an diesem Tag, – wir spielen es an einem Tag, ein entscheidender Tag im Leben der Marie – , diese Sache geklärt werden. Und für diese Vermittlung wiederum hat man einen Vermittler, einen Agenten eingeschaltet, das ist der Kecal. Somit haben wir auch zugleich den Kecal ganz klar situiert: Er ist in diesem Dorf, in diesem Ort, in diesem Stadtteil, in dieser Kleinstadt, der Geschäftemacher. Und nicht ausschließlich der Heiratsvermittler, denn der Heiratsvermittler damals war im Endeffekt auch ein Geschäftemacher. Und damit man nicht jetzt oberflächlich darüber hinweggeht und sagt: Ah, wunderbare Musik, herrliche Stimmen, wollte ich durch so eine Lokalisierung verdeutlichen: Sie hat einen Kiosk oder speziell eine Milchbar, weil damit wiederum die Produkte des Dorfes verkauft werden.

Auf der Homepage des Theaters wird von der „Regiefassung Peter Baumgardt für das Gärtnerplatztheater“ gesprochen – was heißt das genau?

Also, das ist jetzt überhaupt nichts Besonderes. Ich bin da jetzt schon ein paar Mal darauf angesprochen worden und bin ein bisschen verwundert darüber, ehrlich gesagt. Bei der „Heimlichen Ehe“ haben wir auch eine „Regiefassung von Peter Baumgardt“ gemacht. Regiefassung bedeutet, dass Texte oder einzelne Worte dahingehend verändert werden, dass es einen logischen Zusammenhang gibt und dass man einfach sagt: es „Ihr-zt“ und „Euch-zt“ niemand auf dieser Bühne, weil wir damit eine Distanz haben, also muss ich bestimmte Sachen verändern, muss sagen: An welcher Stelle geht das Siezen, wo macht es Sinn, dass sie sich duzen? Wann gibt es eventuell auch ganz klar die Entscheidung: jetzt duzen wir ihn? Also, der Kecal wird immer gesiezt, aber am Schluss, wo alle denken, dass es zu Ende ist mit ihm, wird er geduzt. Oder ich habe umgestellt – im übrigen überhaupt nicht neu, hat Felsenstein auch schon gemacht – das Duett Marie-Wenzel aus dem zweiten Akt in den ersten Akt vorgezogen, weil dadurch die Geschichte stringenter wird.

Wieviel Freiheit lassen Sie den Solisten bei der Interpretation der Rollen? Wird die Inszenierung ein Stück weit auch an die Persönlichkeit der Solisten angepasst, und gibt es einen Unterschied zwischen der Premierenbesetzung und der Alternativbesetzung?

Nun, es gibt einen Unterschied zwischen den Besetzungen dahingehend, dass der eine Kecal groß ist und der andere Kecal etwas kleiner ist, oder das gleiche betrifft auch Marie: Eine ist die etwas gestandenere, erst mal, und die andere ist die sehr liebenswürdige. Aber das Entscheidende ist ja die Bereitschaft, die Bereitschaft beider Besetzungen, sich mit der Konzeption auseinanderzusetzen. Ich nehme zum Beispiel mal heraus die wunderbare Kecal-Arie vor dem Dukaten-Duett, die für mich nicht nur eine Antwort an Hans ist, der sagt: Marie ist die Schönste, die Tollste. Kecal reflektiert sein ganzes Leben, im Endeffekt. Er wiederholt so oft diese eine Antwort „Jeder, der verliebt“ und kommt von dort nicht wie sonst ins Quatschen, sondern in ganz klare Aussagen: Immer wieder passiert es, dass man allein ist, auch wenn man denkt, dass diejenige die Einzige ist. Das ist für mich, für uns, eine Verarbeitung seines Lebens, nicht des ganzen Lebens, aber sicherlich eines wichtigen Teils des Lebens.

Sie haben gerade schon den Kecal angesprochen: Ist der Kecal für Sie eine sympathische Figur?

Oh, der Kecal hat so viele Facetten. Kecal ist ein Schlitzohr. Aber ein Schlitzohr, das deshalb ein Schlitzohr ist und sich ausschließlich mit Geld und Geschäften beschäftigt, weil er in seinem Leben einfach enttäuscht und verletzt worden ist. Ich möchte ihn nicht eindimensional darstellen und sagen: Das ist der Lustige, das ist der, über den ich lache. Ich glaube, über den schmunzelt man und den bedauert man auch, mit dem hat man Mitleid. Das betrifft im übrigen auch Wenzel. Für mich eine Figur – und das machen beide Wenzels in diesem Ensemble ganz herrlich – mit einer Sprachhemmung. Warum hat der eine Sprachhemmung? Das ist doch nicht der Dorfdepp oder Trottel, der stotternd durch die Welt geht. Sondern das ist jemand, dem einfach von der Mutter Regeln auferlegt worden sind, der eine strenge Erziehung hatte. Nicht weil die Mutter ihn nicht mag; sie will Wenzel aus Liebe zu ihm einfach an die Frau bringen. Aber das mit einer Penetranz, erfüllt von Mutterliebe, unfähig, sie ihm zu zeigen, so dass Wenzel eine Sprachhemmung hat, die, ich sage mal, aus tiefenpsychologischen Gründen da ist.

Marie ist ja eine starke Frau, und sie will mit Hans ihre Träume verwirklichen. Wird das dann eine Ehe auf Augenhöhe sein? Sind sie zwei gleichberechtigte Partner?

Ich glaube, sie entwickeln sich an diesem einen Tag – der auch wiederum stellvertretend natürlich ist für eine gewisse Zeit – zu gleichberechtigten Partnern. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das hält. Wir haben auch darüber nachgedacht, eventuell einen Blick in die Zukunft zu wagen. Ich habe mich dann davon ehrlich gesagt verabschiedet, weil einfach das Finale unglaublich rasch an einem vorüberzieht und ich nicht verwirren will. Eines aber ist klar: Sie beide treffen am Schluss die Entscheidung: Hier bleiben wir nicht. Also, wir bauen uns eine Zukunft, aber nicht unbedingt hier, wo alle jetzt sagen: Ja, so wunderbar wie dieses Happy-End ist, das wussten wir ja von Anfang an. Die Gesellschaft hat ihnen Steine zwischen die Füße geworfen; hier bleiben sie nicht. Was aus ihnen dann wird und wie lange das hält? Hm. Ich weiß es nicht. Hans, der eigentlich Zurückhaltende am Anfang. Hans, der konfliktscheu ist. Hans, der ja, obwohl Marie es will, sich nicht dem Problem stellt. Marie, die es von ihm verlangt, und in dem Moment, wo sie es von ihm verlangt hat, tut es ihr schon wieder leid, dass sie so stark gewesen ist, und sie kuschelt. Also, es gibt bei ihnen in diesen 90 Minuten, die sie auf der Bühne sind, wenn man das alles zusammenrechnet, so viele Schwankungen, dass ich glaube, dass diese Schwankungen diese unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenschweißen und man erst einmal auf ein- und demselben Level ist.

Bleibt denn, so als Ausblick, neben der Intendanz in Passau auch noch Zeit für andere Projekte?

Also, jetzt ist es erst mal so, dass ich die nächsten Monate absolut meinen Blick auf Passau richten werde und auf die sechzigsten Festspiele. Es gibt durchaus Gespräche für die Spielzeit 2012/2013, was Inszenierungen angeht. Ich habe mich hier noch nicht festgelegt. Ja, ich möchte auch weiterhin Regie führen, ich halte das auch für ganz wichtig, mal über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch und Toi-Toi-Toi für die Premiere!

Sehr gerne, danke!

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Premiere Die verkaufte Braut, 08.10.2011, Gärtnerplatztheater II

Meine Eindrücke der Premiere finden sich wieder bei mucbook 🙂

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