Es kommt manchmal vor. Nicht jede Woche, aber es kommt vor: Man geht an einem ereignislosen Wochentag abends ins Gärtnerplatztheater, besucht dort eine Inszenierung, die man zuvor schon viermal gesehen hat, und es stimmt alles. ALLES. Es gibt ja Stammbesucher, ich zum Beispiel, die so einen Abend gerne damit verbringen, die verschiedenen Vorstellungen zu vergleichen. (“Die Bläser sind heute richtig gut,” oder “Jetzt hat sie schon wieder diese gefährlichen Schuhe an!”) Erbsenzählen ist, verglichen damit, ein subversiver Akt. Bei der “Verkauften Braut” waren in den ersten Vorstellungen nicht alle Akteure sofort auf Betriebstemperatur gewesen, aber es ist ja immer dasselbe Problem: So viele kleine schwarze Noten, so viele Wörter, so wenig Zeit für die Proben. Diese fünfte Vorstellung jedenfalls war gigantisch. Noch viel besser als die Premiere, und die hatte mir schon sehr gut gefallen. Schade, dass der Regisseur Peter Baumgardt an diesem Abend nicht da war – er wäre sehr stolz gewesen (in aller Bescheidenheit natürlich), dass dieses Ideal der Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, das ihm auf der Bühne vorschwebte – dass das hier zu erreichen ist. An diesem Abend zeigte sich die Allgemeingültigkeit des klassischen Axioms: Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere.
Fangen wir mal mit meinen persönlichen Highlights an: Der Kecal ist meine Lieblingsfigur in diesem Stück, und dem Regisseur geht es möglicherweise ebenso, denn gerade diese Rolle ist von A bis Z ganz sorgfältig und mit Liebe zum Detail ausgearbeitet. Gestik, Mimik, einfach wunderbar, und motorisch haben die Sänger sowieso alle eine Menge drauf: Während unsereins gerade mal unfallfrei die Hustenbonbons aus der Tasche holen kann, kugelt der Chor am Bühnenrand hin und her und torkelt der betrunkene Kecal in einer ganz langen Choreographie von links nach rechts. Ich warte nur darauf, dass einer in den Orchestergraben fällt, aber das wird in dieser Spielzeit wohl nichts mehr. Derrick Ballard besaß von Anfang an eine schlafwandlerische Sicherheit in dieser äußerst anspruchsvollen Rolle, bei ihm sah das immer schon ganz leicht aus. Wunderbare Stimme, sehr gute Technik, und ich habe nie gehört, dass er mal einen Fehler gemacht hätte. Ja, und darstellerisch – entweder die Rolle liegt ihm, oder der Mann ist einfach gut. Ich liebe solche Geheimtipps, denn das ist er ja momentan (noch), er ist noch jung. In zehn Jahren werde ich auf Cocktailparties blasiert die Augenbrauen hochziehen und sagen: “Also, den Ballard, den kannte ich schon, als er noch am Gärtnerplatz gesungen hat.”
Glück muss man aber auch haben – dieser Kecal hat das Glück, dass ihm so ein toller Hans an die Seite gestellt ist: Tilmann Unger macht das in jeder Hinsicht hervorragend, und dieser Charme, den er ausstrahlt, gibt der Figur das gewisse Etwas. Die Interaktion zwischen diesen beiden Sängern, zum Beispiel das Zwiegespräch zwischen Hans und Kecal, war un-glaub-lich toll. Da standen zwei Männer aus dem Dorf, die beim Bier um eine Frau feilschten. Derrick Ballard und Tilmann Unger unterhielten sich einfach, jeder versuchte, den anderen auszutricksen, man verhandelte hin und her, beide ließen erahnen, welche Gefühle da unter der Oberfläche brodeln – und ich hatte gar nicht mehr wahrgenommen, dass die zwei dabei die ganze Zeit Arien sangen, und das in herausragender Qualität. Fantastisch ist immer wieder die Kecal-Arie: “Jeder, der verliebt …”. Und dann dieses Sextett von Kruschina (Gary Martin), Ludmilla (Rita Kapfhammer), Micha (Martin Hausberg), Hata (Susanne Heyng), Kecal und Marie – wunderwunderschön. Stefanie Kunschke sang die Marie, und sie hat mir wie immer supergut gefallen. Sie und Tilmann Unger waren als Marie und Hans ein sehr schönes Paar, stimmlich sowieso, und romantische Stimmung kam auch auf.
Mario Podrecnik gibt nicht nur einen hervorragenden Wenzel, sondern auch einen feschen Elvis – aber, Kinder, die Haartolle saß bei dem echten Elvis noch eine Spur schnittiger. Die Zirkus-Szene gefällt mir mittlerweile. Wer hätte das gedacht. Trotz der guten Darsteller – Dirk Lohr als Zirkusdirektor, Ella Tyran als Esmeralda und die Tänzer vom Extraballett – musste ich da wohl erst hineinwachsen. Die Steptanz-Nummer von Christoph Hanak ist große Klasse, und allmählich kann ich mich auch für Breakdance begeistern … aber teilweise ist das Publikum wohl der Meinung, dass hier noch etwas Potential brachliegt. Das Buh, das zu hören war, galt natürlich nicht dem Darsteller, sondern dem Regisseur: Aus dieser Szene hätte man noch viel mehr machen können, angefangen bei der Beleuchtung. Aber jedenfalls bringt dieses Intermezzo Leben in die Bude, ich habe mich während dieser “Braut” noch keine Sekunde gelangweilt. Das Orchester unter seinem musikalischen Leiter Lukas Beikircher war auch sehr gut. Smetanas Musik ist eigentlich von einer raffinierten Schlichtheit, und an solchen Abenden kann man das hören.
Eva Völler stand für mich bisher eher für ausgezeichnet recherchierte und erzählte historische Geschichten, ihre Romane in anderen Genres kannte ich nicht. Mit dem vorliegenden Buch hat sie gezeigt, dass sie es ebenso gut beherrscht, in einem Jugendroman die exzellente Recherche altersgerecht zu verpacken.
Das Buch ist liebevoll gestaltet mit einem sehr schönen Cover mit geprägten Lettern und Illustrationen von Tina Dreher, die zur Lebendigkeit des Buches einiges beitragen. Anna, die siebzehnjährige Tochter eines Archäologieprofessors, verbringt mit ihren Eltern die Sommerferien in Venedig. Während einer Bootsregatta wird sie in Wasser gestoßen und wacht in der Lagunenstadt des Jahres 1499 wieder auf. Wie es ihr dort ergeht erzählt Eva Völler nicht nur für Jugendliche spannend und witzig. Sie schildert die Gerüche, Geräusche, überhaupt das ganze Leben so lebendig, dass ich beim Lesen den Gestank der Kanäle in der Nase und das Stimmengewirr in den Gassen im Ohr hatte. Vor meinem inneren Auge entstanden Zeit und Ort wie ein farbenprächtiges Gemälde von Bellini.
Die Figuren sind sorgsam ausgearbeitet und bleiben sich selbst treu. Ich konnte mich gut in Anna hineinversetzen, obwohl ich mindestens ihre Mutter sein könnte. Deshalb würde ich die Altersempfehlung erweitern auf 14 bis 99. Die Zeitreiseelemente sind sehr sorgsam dosiert und in sich schlüssig mit einigen sehr netten und originellen Ideen. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, laut der Homepage der Autorin sind noch zwei Folgebände geplant, auf die ich mich jetzt schon freue.
Ist hier jemand, der seine Ehe retten will? Ja? Lobenswert. Dann sollten Sie dieses Buch nicht kaufen, sondern mit dem gesparten Geld Ihre Frau in eine schicke Bar ausführen. Damit man sich mal wieder unterhält oder zumindest gemeinsam besäuft. Für Beziehungen gibt es eine ganz einfache Regel: Wer f*** will, muss freundlich sein. (Ist leider nicht von mir, habe ich irgendwo aufgeschnappt. Probieren Sie es einfach mal aus.) Immer noch da? Wenn Sie den Computer immer noch nicht ausgeschaltet haben, gehe ich mal davon aus, dass bei Ihnen derzeit keine Ehereparaturen geplant sind. Völlig legitim. Man bringt ja auch nicht jedes Auto durch den TÜV. Okay. Wer sich dieses Buch kauft, weil er Sextipps lesen möchte: Nun ja. Mit Einschränkungen: Ja. Kommt darauf an, wie alt Sie sind. Auf dem deutschen Markt wurde der hier behandelte Bereich schon von Dr. Sommer abgedeckt, aber in Amerika ist man ja eher prüde, und entsprechend finden sich hier auch keine besonders ausgefallenen Techniken. (Das Buch “Sexspielzeug zum Selberbasteln” bespreche ich ein andermal, ebenso “Segelknoten leicht gemacht” und, in diesem Zusammenhang etwas abseitig, aber trotzdem sehr hilfreich, das dreibändige Standardwerk “Charisma kann man lernen”.)
Der Autor gehört zu den Legionen, die der Meinung sind, dass guter Sex im Kopf stattfindet, und schlechter Sex dann vermutlich auch, wobei sich dann in der U-Bahn schon mal die Frage stellt, warum man so viele langweilige Köpfe sieht. Wer sich aber eher für zwischenmenschliches Krimskrams interessiert, der wird dieses Buch spannend finden. Es ist eigentlich ein Beziehungsratgeber, aber man erfährt vor allen Dingen eine ganze Menge über sich selbst. Dr. David Schnarch redet immer von Ehepartnern, aber das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der Doc in Amerika praktiziert, wo man nach der dritten Verabredung Sex haben oder Schluss machen muss, und normalerweise wird im Erfolgsfall zügig geheiratet. Warum auch nicht. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Der Autor meint jedenfalls, dass Probleme in einer Ehe NORMAL sind, sozusagen systemimmanent nach der Hochzeit auftreten. Das ist natürlich ein angenehmer Kontrast zu der altehrwürdigen Methode der Patientenbeschimpfung. Klar ist der Kandidat an seinem Schicksal selber schuld, aber will er das auch noch von jemand anderem hören? Als vertrauensbildende Maßnahme ist da der Ansatz von Dr. Schnarch besser geeignet: I’m okay, you are okay, your partner is okay. – “Ach ja?” protestieren die Probanden aus den Beziehungsbeispielen. “Es gibt ständig Zoff, wenn man sich nicht gerade anschweigt, unterbrochen von Phasen der Langeweile? Alles ganz normal?” – “Jaja, völlig normal. Das muss so sein, denn das ist ein Trick von Mutter Natur, damit wir uns persönlich weiterentwickeln.”
Ich finde, damit macht der Doktor es sich etwas zu leicht. Okay, ich würde auch nicht gerne hören wollen: Vor Ihnen liegt ein Haufen Arbeit, mit zweifelhaftem Ergebnis. Also sagt Dr. Schnarch: “Das Ganze ist keineswegs so sinnlos, wie es sich anhört. Im Gegenteil. Durch den Beziehungsstreß entwickelt sich unser Gehirn, wir bilden uns weiter und lernen dazu.” – Guter Trick, Herr Doktor. Wenn eine Belohnung winkt, dann arbeitet es sich schon mal viel freiwilliger. Eine Ehe ist nämlich: genau, Arbeit. Ich persönlich nehme als Belohnung lieber eine Tafel Schokolade. Wenn ich Streß will, um mich weiterzuentwickeln, kann ich mir ja auch einen nervigen Chef suchen. Aber hören Sie nicht auf mich. Wenn unsere Vorfahren auch so ein Arbeitsethos gehabt hätten, würden wir immer noch auf den Bäumen wohnen. Sagt der Autor. Er ist anscheinend der Meinung, dass es effizienter ist, an einer schlechten Ehe zu arbeiten, als sich in der Kneipe um die Ecke etwas Adäquateres zu suchen. Vielleicht muss man das aus seinem sozialen Umfeld heraus verstehen: Ein Mainstream-Amerikaner kann nicht so einfach schreiben: Schmeiß weg. Das gilt dort als unchristlich. Eine Trennung lässt sich auch leichter rechtfertigen, wenn sich zuvor beide erfolglos aber intensiv an der Beziehungskiste abgearbeitet haben. Für die Karriere von Dr. Schnarch ist dieser Therapieansatz vermutlich auch sinnvoller als die moderne Unsitte, schon beim kleinsten Problem aufzugeben. Und bei Paaren, die sich freiwillig zum Paarberater bemühen, kann man implizit davon ausgehen, dass ihr Unterbewusstsein den Entschluss gefasst hat, diesen Schrotthaufen zu reparieren, koste es, was es wolle.
Zugegeben: Für eine vernünftige Beziehung kann ein Therapeut gute Dienste leisten. Eine richtig gute Beziehung braucht andere Dienstleister, würde ich mal sagen, nämlich einen Barkeeper, einen Babysitter und eine Putzfrau. – Ich meine natürlich: Reinigungsfachkraft. Wo habe ich gleich wieder den Zettel mit der Nummer von dem durchtrainierten Typen, der im String-Tanga den Staubsauger durch die Wohnung schwingt? Der braucht zwar länger, schafft aber eine erfreuliche Atmosphäre. Da ist er ja, auf meinem Chippendale-Sofa! Der Zettel, meine ich. Na dann. – Aber jetzt wieder zu Ihnen. Verstehen wir uns richtig: Das ist ein verdammt gutes Buch. Aber wie alle guten Psychologie-Ratgeber dient es in erster Linie dazu, den Ratsuchenden zu beruhigen: Du bist ganz normal. Es kommt alles in Ordnung. Das kriegen wir hin. – Das ist die vornehmste Aufgabe eines jeden Therapeuten, der sein Geld wert ist, und ich behaupte mal, David Schnarch ist einer der besten seiner Zunft. Eine taiwanesische Freundin erzählte mir von einem Wahrsager, der ihr in Taiwan die Zukunft vorausgesagt hatte: “Versuchen Sie, gelassen zu bleiben,” hatte er ihr geraten. “In diesem Jahr ergibt sich privat nicht viel, aber später kommt der richtige Mann. Beruflich wird es besser laufen, wenn Sie sich Mühe geben, es braucht nur etwas Zeit. Nur die Ruhe, es kommt alles in Ordnung.” Fühlt man sich da nicht gleich viel besser?
Es geht um Emotionen. Wer sich gezwungen sieht, sein Liebesleben aufzupeppen, um seine Ehe zu retten, dem empfiehlt der Doc: Eingeschlafene Leidenschaft (das klingt wie eingeschlafene Füße, fühlt sich auch so an) kann man wieder zum Glühen bringen, indem man Vertraulichkeiten austauscht. Wir unterdrücken jetzt mal alle den völlig verständlichen aber irrationalen Impuls, zu lachen, Zahnschmerzen vorzutäuschen oder kopfschüttelnd ins Kloster zu gehen, und konzentrieren uns, okay? Gemeint ist: Sie lassen den Partner vertrauensvoll an Ihrer Gedankenwelt teilhaben. Natürlich würde niemand bei den von Dr. Schnarch therapierten Paaren auf die Idee kommen, seinem Ehegespons die so erhaltenen Insider-Informationen beim nächsten Ehekrach links und rechts um die Ohren zu hauen. Oder zu gähnen. (Nicht jedes Innenleben ist so spannend, dass man sich das für mehr als fünf Sekunden anhören kann.) Wobei: Eine Beziehung, die den Austausch solcher Vertraulichkeiten überlebt, die hat definitiv Zukunft.
In diesem Buch gibt es ein paar wirklich raffinierte Gedanken. Zum Beispiel heißt es ja, dass, wenn man den anderen ändern will, man bei sich selber anfangen muss. Hier wird erläutert, warum das tatsächlich so ist: Der Mensch ist ein soziales Wesen, und dein Partner beobachtet dich, das läuft ganz automatisch. Wenn du deine Persönlichkeit änderst, wirst du dich dementsprechend anders verhalten, was deinen Partner aufmerken lässt, weil es nicht zu dem Bild passt, das er von dir hat. Dann verhält er sich dir gegenüber instinktiv anders, und die ganze Dynamik ändert sich. Das ist interessant zu beobachten. An der Grundregel, dass nämlich ein Dackel kein Dalmatiner wird, ändert sich jedoch nichts. Ich halte zwar gar nichts davon, Hunde zum Jagen zu tragen, aber das macht ein jeder so, wie er meint. Wenn man sich im Dienst der guten Sache selbst so weit manipuliert, dass man sich in diesen Vollidioten / diese überspannte Schnepfe wieder neu verliebt, was ist das dann? Blödheit? Wahre Liebe? Das muss jeder selber wissen.
Erklärt wird auch das buddhistische Prinzip, dass man zuweilen etwas erst dann bekommt, wenn man es nicht mehr haben will. In guter wissenschaftlicher Tradition wird diese Erkenntnis mit selbsterfundenen Fachbegriffen und Abkürzungen untermauert: Derjenige, der keine große Lust hat, bestimmt darüber, was in dieser Beziehung möglich ist. Logisch. Kennen wir alle schon aus dem Kindergarten, macht man sich aber als Erwachsener gar nicht mehr so klar. Diese Erkenntnis führt, je nach Charakter, zu Wut, Frust oder einem persönlichen Entwicklungsprozess.
Der deutsche Titel: “Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft wieder wecken” klingt irgendwie nach einem Beziehungsgespräch, das man lieber vermeiden möchte. Obwohl die Übersetzung so gut ist, wie sie nur sein kann, ist der deutsche Text sperriger und komplizierter als die Originalfassung. Die vielen albernen Pseudo-Fachbegriffe sind dem Verständnis sehr abträglich, müssen aber wohl sein, um die fachliche Kompetenz des Autors zu dokumentieren. Ich denke, es ist eigentlich alles viel einfacher: Wenn Sie bei dem Gedanken an die andere Person chronisch schlechte Laune bekommen, will Ihnen Ihr Unterbewusstsein etwas sagen. ”111 Gründe, Single zu sein” soll übrigens auch ein sehr gutes Buch sein.
Es ging schon gut los. Eine Dame mit rauchiger Stimme trat auf die Bühne, und anstatt sich vorzustellen, las sie einen ellenlangen altmodischen Text, psychologisch zwar nicht uninteressant, den man aber trotzdem unbesehen unter der Rubrik “Beziehungsunfähige Künstlerseelen” hätte abheften können. Die Geschichte, aus den Serapionsbrüdern von E.T.A. Hoffmann, wurde später im Gespräch noch begeistert als romantisch-fantastisch beschrieben und ist jedenfalls die Grundlage für die Figur der Antonia in dieser Oper, aber es nützt ja nix, ich mochte sie nicht. Der Rest des Publikums lächelte intellektuell auf die Bühne. Ich erzähle Ihnen mal kurz, worum es geht, damit Sie beim nächsten Sektempfang mitreden können: A&C und B&A sind die wesentlichen Konstellationen, C fährt mal nach D, dann wieder nach E und schließlich nach F, und am Schluss sind die Frauen tragisch dahingerafft und die Männer können endlich in Ruhe ihre Kreativität ausleben. Als das Ding endlich zu Ende war, tauchte der gutaussehende Nikolaus Bachler auf, parlierte lebhaft von Offenbach, dem Erfinder der französischen Operette, die blauen Blumen der Romantik flogen ziemlich tief, aber ich konnte mich nicht richtig auf das Ganze konzentrieren. Dann marschierten noch ein paar adrette Pinguine auf die Bühne, dazu eine Meerjungfrau und ein Papageientaucher. Alle lächelten artig und ließen sich in den Sesseln nieder. Richard Jones wirkte für einen Staatsoper-Regisseur überraschend zugänglich und erzählte, dass der Soundtrack seiner Kindheit die Barcarole von Jacques Offenbach gewesen sei. Die Figur aus E.T.A. Hoffmanns Geschichte, Rat Crespel, ist ein eitler, narzisstischer Mann, und Richard Jones sagte etwas ganz Hinreißendes: “The main relationship is with his imagination.” Der Künstler hat also eine wundervoll kreative Beziehung zu seinem eigenen Künstlergehirn, da würden irgendwelche Frauen nur stören.
Der Dirigent Constantinos Carydis erklärte, dass er an “Hoffmanns Erzählungen” ganz blank herangehe, denn die zwei Fassungen, die er zuvor mal dirigiert hat, seien ja nicht seine eigenen gewesen. Das Bonmot, dass es mehr Fassungen von Hoffmanns Erzählungen gebe als Aufführungen, wirft die Frage auf: Was ist Original, was ist Tradition, und was eben nicht? Nach welchen Kriterien wählt man also die Fassung aus? Carydis bevorzugt da die intuitive Herangehensweise und findet, man sollte aus sowas keine wissenschaftliche Angelegenheit machen: Man muss sinnvoll straffen, einen harmonischen Fluss herstellen, und die schlichte Struktur von Offenbachs Musik soll natürlich beibehalten werden. Carydis nimmt hier Dialoge, weil die Rezitative unbefriedigend ausgearbeitet seien. Die potentiell abendfüllende Diskussion, ob es sich nun um eine operettenhafte Oper oder eine opernhafte Operette handele, erstickte Constantinos Carydis im Keim, indem er sagte, er wolle das Stück nicht in eine Schublade stopfen. Dann sang Angela Brower die berühmte Geigenarie und wurde heftig beklatscht.
Diana Damrau wird alle vier Frauenrollen verkörpern: “Hoffmanns Erzählungen” ist ein romantisch-fantastisches Werk (wobei das Wort “fantastisch” hier nicht “hinreißend” bedeutet, sondern im Sinne von “Hirngespinste” gebraucht wird), das eigentlich aus drei Opern besteht, drei Einakter, gewissermaßen, wo sie sich fühlt wie in einer Verwandlungsshow: Es gibt jeweils einen Akt für Olympia, Giulietta und Antonia, mit denen Hoffmann, der Protagonist, aus völlig unterschiedlichen Gründen keine richtige Beziehung aufbauen kann, was für die Kunst hier nur von Vorteil ist. John Relyea erläuterte mit seiner wunderschönen Sprechstimme, dass der Bösewicht mehr oder weniger die dunkle Seite des Künstlers ist, seine inneren Dämonen sozusagen. (Yes! Höchste Zeit, dass diese Floskel mal wieder ausgegraben wurde!) Auch wenn sein kleiner Sohn den Papa gerne als Held sehen würde und ihn schon einmal fragte, warum er auf der Bühne immer böse sein müsse, ist John Relyea mit seinem Dasein als Bariton durchaus zufrieden: Ein Bariton spielt immer Schurken oder hochgestellte Persönlichkeiten, das ist eigentlich nicht das schlechteste Los. Der Dramaturg Rainer Karlitschek erzählte, dass der Bösewicht in diesem Stück von der Muse eingeführt wird, und fragte: Braucht man das Böse, um das Gute zu zeigen? John Relyea sagte, der Bösewicht diene zur Ablenkung, denn die Muse habe ihre eigenen Pläne. Da wir ja alle so weltläufig unterwegs sind, wurde nicht jeder Satz für das Publikum übersetzt, was auch deswegen bedauerlich war, weil die Übersetzungen unfreiwillig komische Elemente in die Gesprächsrunde einführten. So war die Rede davon, dass eine der weiblichen Hauptfiguren dieser Oper als “sex worker” tätig sei, was der Dramaturg galant als “Kurtisane” übersetzte. Woraufhin der Gesprächsleiter sofort protestierte. (In der Geschichte ist Giulietta tatsächlich eine Kurtisane, sie besitzt sogar ein eigenes Haus.)
Rolando Villazón hing in seinem Sessel, als sei er gerade erst aufgestanden. Es war auch noch recht früh am Morgen, so etwa halb zwölf, er hatte einen weißen Kaffeebecher und etwas Lektüre dabei, und seine Stimme, für einen Tenor sehr tief, klang am Anfang unglaublich rauh. Meine Güte. Als der zu reden anfing, wurde ich auch richtig wach. Ich tausche jederzeit eine Premierenkarte für noch ein Podiumsgespräch mit Villazon. Der Mann hat mehr Ausstrahlung im kleinen Finger als bei anderen Kollegen die Höhensonne im Keller. Er brauchte nur mit der Hand durch die schwarze Pudelwuschelfrisur zu fahren, um alle Blicke auf sich zu ziehen, und erklärte dann in seinem wunderbar funktionierenden Dreivierteldeutsch, mit den orangefarbenen Hemdsärmeln wild vor dem tiefblauen Hintergrund gestikulierend, dass diese drei Frauenrollen alle ein Teil von Hoffmann sind – “psychological transfer” – und ebenso die Muse, die ihm sagt: Du bist ein Künstler.
Die Runde war sich einig, dass Sehnsucht hier ein großes Thema ist. Ich hatte auch Sehnsucht, nach den guten alten Zeiten. Immer, wenn ich Männer sehe, die sich auf der Bühne (!) ihre Socken hochziehen, muss ich daran denken, wie die Profs uns gewarnt hatten, dass wir für so ein Vergehen gnadenlos durch die Dolmetscherprüfung rasseln würden. Nun ja. Diana Damrau wurde gefragt, wie ein Kind die Herangehensweise an die Rolle beeinflusst. (Die anwesenden Männer, ebenfalls mit Kindern ausgestattet, wurden das übrigens nicht gefragt. War wohl keine Zeit mehr.) Sie sagte, dass sie nun dreimal so viel zu tun habe wie vorher, wo sie sich auch schon ausgelastet fühlte, aber wenn man mit dem Partner ein Team ist, funktioniert das, und die Wärme einer guten Partnerschaft strahlt positiv auf die Bühnenarbeit aus. John Relyea erklärte, dass er bei der Vorbereitung mit dem Text anfängt, und das Singen kommt ganz zuletzt. Rolando Villazon versucht, völlig “ignorant” in eine Neuproduktion einzusteigen, damit der Regisseur ihn als weißes Blatt nutzen kann. Er verglich den Prozess des Inszenierens mit Kindern auf einem Spielplatz und sagte, die Rolle des Hoffmann sei eine Traumrolle für einen Tenor: “Was ist in diese Gehirn? Deswegen Offenbach hat einen Tenor. Chaos im Hirn.” Die Reaktion des Publikums kann man sich lebhaft vorstellen. Als alle mit Lachen fertig waren, wurde die unvermeidliche Barcarole mit Cello und Klavier zum Vortrag gebracht. Meine Begleitung fand sie sehr schön. Mir gefiel die Klangfarbe des Flügels nicht. Applaus, Applaus. Und wenn man den Besuch einer Oper oder auch nur einer Einführung als Gesamtkunstwerk begreift, dann war die Garderobensituation in der BSO ein unbefriedigender Abschluss.
Diese Vorstellung war in vieler Hinsicht etwas besonderes: erst mal der Ort. Die Weinhandlung Fernando von Schirnding, untergebracht in einem schlauchartigen Anbau in der Maxvorstadt. Da war ich sicher nicht das letzte Mal, die Zeit vor der Vorstellung habe ich mir dann damit vertrieben, die ausgestellten edlen Tröpfchen zu inspizieren. Und natürlich auch eines zu probieren. Die Sicht war ok, viel besser jedenfalls als im Hofbräukeller trotz in etwa gleicher Anordnung der Stühle. Es wurde nur mit der Zeit in bisschen kalt beim Sitzen, aber es war ja auch ziemlich kalt draußen. Und leider ist manchem Zuschauer anscheinend der Alkohol zu Kopf gestiegen, jedenfalls meinten einige direkt hinter mir, den oft zitierten Satz zu vollenden zu müssen, bevor der Schauspieler auf der Bühne es getan hatte und fanden das extrem lustig. Ich fand es nur extrem störend.
“Es ist so schwül, so dumpfig hie…” hörten wir an diesem Abend ziemlich oft. Das Stück dreht sich um die Kästchen-Szene aus dem Faust, lässt uns verschiedene Probensituationen miterleben. Regisseure genau wie Schauspieler in ihren mannigfaltigen Ausprägungen treffen aufeinander. Da macht die Diva den Jungregisseuer fertig, der Regietheteaterfetischist möchte den “Abo-Schweinen” mal so richtig einen vor den Latz knallen und eine Dramaturgin als Regisseurin mags besonders intellektuell. Das Ganze lebt natürlich von klischeehafter Übertreibung, ist aber sehr lustig. Besonders, wenn einem der ein oder andere Typus schon mal begegnet ist
Etwas besonderes war auch die Leistung der Schauspieler. Momi von Fintel, der auch Regie führte, als Conferencier, der die einzelnen Szenen mit witzigen Kommentaren verband. Amadeus Bodis und Ulrike Dostal, die es schafften die ständig wechselnden Typen glaubhaft und sehr präsent darzustellen. Ständig in neue Rollen schlüpfen zu müssen und diese dann auch noch so fantastisch zu präsentieren muss sauschwer sein. Chapeau!
Wenn dieses Stück nochmal kommt, sollte kein Theaterbegeisterter es verpassen. Und wer “nur” gerne herzhaft lacht, ist hier auch gut aufgehoben.
Liebe Kerstin, herzlichen Dank, dass du Zeit findest an einem stressigen Messe-Tag für ein Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Du bist Bestsellerautorin, aber stellst du dich uns trotzdem kurz vor?
Ja, ich bin leider jetzt schon 45 Jahre alt, so seit knapp 20 Jahren dabei mit dem Schreiben und lebe davon. Von Haus aus bin ich eigentlich Diplom-Pädagogin, aber in dem Beruf habe ich nie gearbeitet.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Ich habe natürlich wie jeder Schriftsteller immer gerne geschrieben, aber mein erstes Buch entstand durch einen Zufall; Ich habe die Briefe an meine Freundin über mein Liebesleben ein bisschen aufgepeppt, mit lauter erfundenem Kram, damit sie sich bei der Lektüre nicht langweilt. Nach einer Weile kam mir das sehr verlogen vor, und so habe ich aus diesen Brieffragmenten meinen ersten Roman gebastelt. Der auch tatsächlich sehr plotfrei ist, er besteht nur aus aneinandergereihten Episoden, weil er ja ursprünglich aus diesen gelogenen Mein-Leben-Geschichten entstanden ist. Diesen Roman habe ich geschrieben, als ich also nach dem Studium etwas unterbeschäftigt auf einer Stelle war, wo der PC genutzt werden konnte. Das fertige Manuskript habe ich an Bastei-Lübbe gegeben, der praktischerweise in der gleichen Straße lag wie mein Büro. Ich glaube, ich habe so ziemlich alles falsch gemacht, was man beim Einreichen eines Manuskriptes falsch machen kann, zum Beispiel war alles in einen dicken, unhandlichen Ordner geheftet. Die haben den Roman aber trotzdem sofort genommen, genau zwei Tage, nachdem ich den Ordner dort abgegeben hatte, bekam ich einen Vertrag angeboten. Damals habe ich gedacht, das ist normal so. Heute weiß ich, dass ich unglaubliches Glück hatte. Ich habe es auch nie wieder woanders versucht. Dieser Verlag ist und bleibt wohl auch nicht zuletzt deshalb mein Hausverlag.
Wie findest du deine Geschichten? Oder finden sie dich vielleicht?
Ja, die Ideen finden einen. Ich suche nicht danach, gottseidank. Ich glaube, wenn man anfängt, zu suchen, dann hat man schon verloren. Wenn sich ein Buch in der Endphase befindet und man innerlich damit abschließt, tauchen aus dem Nichts die nächsten Ideen auf. Das ist so beruhigend, weil man weiß, es ist immer schon die nächste Geschichte da, die darauf wartet, erzählt zu werden.
Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?
Ehrlich – früher war ich sehr diszipliniert im Schreiben, ich habe auch sehr viel geschrieben, weil ich davon ja leben musste, unter Pseudonym im Jahr drei (kurze) Romane geschrieben und ohne Probleme aus dem Handgelenk geschüttelt, und ich hatte durchaus Tage, an denen ich fünfzehn Seiten und mehr geschrieben habe, kann ich mich jedenfalls erinnern. Das hat sich leider alles sehr geändert. Ich bin jetzt ein Frickler, ein Perfektionist, ein Brüter geworden, andere würden das, was ich täglich habe, glaube ich, als Schreibblockade empfinden. Aber unterm Strich kommt ja auch in diesem Tempo irgendwann ein fertiger Roman raus, und mit dem bin ich dann auch sehr viel zufriedener als mit den Büchern, die ich früher geschrieben habe. Ich habe keinen Rhythmus mehr, ich habe keine Regeln mehr, ich muss einfach gucken, dass ich jedem Tag so viel entreiße wie möglich. Und manchmal sind es halt nur vier schöne Sätze. Oder ein gelungener Absatz. An anderen Tagen läuft’s auch noch, gottseidank, am Stück. Dann schaffe ich 5, 6 Seiten und bin unheimlich froh.
Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?
Ganz klar die vor dem Abgabetermin, da gönne ich mir gar keine Pause mehr, 18 Stunden am Schreibtisch sind da keine Seltenheit, denn leider steckt ja so viel dahinter, wenn es bereits einen festen Erscheinungstermin gibt und die Zeitspanne für die Herstellung immer enger wird. Alle warten auf die Fertigstellung des Manuskripts, der Verlag, die Buchhändler, die Leser, und ich möchte niemanden warten lassen. Niemand soll meinetwegen extra Arbeit haben, der Erscheinungstermin soll natürlich auch nicht verschoben werden – leider ist das die letzten beiden Male trotzdem passiert, obwohl ich Tag und Nacht geschrieben habe und nichts, wirklich nichts anderes getan habe.
Machst du dann auch erstmal Urlaub, wenn du ein Buch abgegeben hast?
Ich kann ja leider keinen Urlaub machen. (lacht) Weil ich wie immer viel zu spät bin. Meine ursprüngliche Planung sah natürlich eine lange Erholungsphase vor, aber jetzt geht es halt direkt auf Lesereise. Wie eigentlich immer. Aber ich liebe Lesereisen, der Spaß wiegt den Schlafmangel allemal auf. Allerdings merke ich zunehmend, dass ich ähm alt werde. Und deshalb wird nächstes Jahr mal ein sehr ruhiges Jahr werden.
Du hast Frauenromane geschrieben, und du hast eine sehr erfolgreiche Trilogie im All-Age-Bereich geschrieben. Gibt es denn noch ein Genre, in dem du gerne noch einen Roman schreiben möchtest, und was hält dich bisher davon ab?
Ich würde gerne ein Gartenbuch schreiben, einen inspirierenden Bildband mit eigenen Fotografien, der richtig Lust aufs Gärtnern macht. Ich werde es wahrscheinlich nie machen, aber träumen darf man ja. Ansonsten glaube ich, dass ich keinerlei Wünsche habe, noch ein Genre zu bedienen. Krimis wären nichts für mich. Historische Romane finde ich zwar toll, aber könnte ich nicht schreiben, zu episch, zu viel Recherche. Ich bin auf dem Gebiet der Komödie und dem Liebesroman zu Hause, und da werde ich wohl auch bleiben. Das kann man im Jugendbuch gut ausleben, und auch in den – naja, du sagst Frauenromane, ich sage – eh –Erwachsenenromanen.
Welches Genre liest du selbst gerne, und hast du vielleicht einen Lieblingsautor?
Es gibt viele Autoren, die ich ganz, ganz toll finde und von denen ich jedes Buch lese. Dazu gehört zum Beispiel Nick Hornby. Auch von vielen deutschen Autoren lese ich jedes Buch. Am liebsten mag ich meine Kollegin Eva Völler alias Charlotte Thomas. Die ist einfach ein Garant für ein Superbuch, egal in welchem Genre sie schreibt. Ich lese querbeet, immer phasenweise, es gibt wochenlang nur Thriller oder Klassiker, Biografien, Jugendbücher, Beziehungskomödien, historische Romane (hier mag ich außer Charlotte Thomas auch Rebeca Gablé sehr gern). Und ich studiere natürlich auch die Konkurrenz, ganz ehrlich, ich bin immer sehr neugierig, was die Kollegen so auf den Markt bringen. Denn man möchte schließlich nicht den hundertfünfzigsten Abklatsch von irgendetwas schreiben. Es muss etwas Originelles sein, und dafür ist es ganz gut, viel gelesen zu haben. Obwohl es auch manchmal demotivierend sein kann, weil man denkt: „Mensch, so eine tolle Idee, schade, dass ich die nicht hatte, und dass ich die jetzt nicht noch verwenden kann.“ Ich lese auch gerne Komödien, auch schräge Sachen, Fantasy. Zum Beispiel Jasper Fforde. Terry Pratchett. Noch nicht gelesen habe ich Walter Moers. Sollte ich den mal lesen? (Corinna nickt )
Es gibt viele Menschen, die mich inspirieren. Meine Kollegin Eva Völler zum Beispiel inspiriert mich mit ihrer Disziplin und ihrer Unverdrossenheit und ihrer Kreativität. Eine vielseitige Perfektionistin – bewundernswert. Von ihr würde ich mir gern eine Scheibe abschneiden.
Welche Musik hörst du am liebsten, und läßt du dich beim Schreiben durch Musik inspirieren?
Manchmal brauche ich es ganz, ganz ruhig, da stört mich wirklich auch das Husten einer Fliege an der Wand. Und manchmal benötige ich Musik zum Schreiben, um in eine Stimmung reinzukommen. Das kann Mozart sein oder Jason Mraz, Linkin Park oder Circlesquare …
Wo und wie schreibst du am liebsten? Du hast gerade schon gesagt, dass du manchmal Musik hören kannst, aber manchmal stört dich auch das geringste Geräusch. Gibt es bestimmte Bedingungen, die immer erfüllt sein müssen?
Ich habe versucht, unterwegs zu schreiben. Ich habe versucht, im Urlaub zu schreiben, weil es sein musste, aber es ist nie was geworden. Da saß ich dann da und habe eigentlich nix geschafft. Am idealsten schreibe ich bei mir zu Hause in meinem Arbeitszimmer unterm Dach mit meiner Tastatur, die genauso funktioniert, wie sie immer funktioniert, und übrigens kein „i“ mehr hat. Am liebsten, wenn mein Kind gut versorgt irgendwo ist, am liebsten, wenn mein Mann im Haus ist, um alle Anrufe abzufangen und vielleicht noch was Leckeres zu kochen. Mit anderen Worten, ich möchte es gern immer gleich haben. Habe ich Probleme oder weiß ich, es sind noch Termine am Tag, kann ich auch die Zeit dazwischen nicht nutzen. Ich bin ganz furchtbar, was das angeht, ein Gewohnheitstier!
In welcher Stadt möchtest du gerne leben?
London oder New York. Oder Hamburg. Oder Lüneburg, finde ich auch noch ganz entzückend. Das wär’s.
Wie hoch ist dein aktueller SUB?
Der ist schwindelerregend hoch, weil ich ja monatelang nur geschrieben habe und nicht lesen durfte! Zwischendurch – wenn es gar nicht mehr ging -, habe ich mir so ein Buch geschnappt und wenigstens mal reingelesen, denn ich hatte echt Entzugserscheinungen. Das sind bestimmt dreißig Bücher, also aktuelle, auf die ich mich unheimlich freue und auf die ich verzichtet habe im wahrsten Sinne des Wortes. Darunter so Titel wie „Arkadien fällt“ von Kai Meyer, oh, freue ich mich auf diesen dritten Band, „Happy Family“ von Safier, da freue ich mich auch darauf, ist immer lustig und “Wunschkonzert” von Anne Hertz. Ich habe auch ganz viele Bücher von lieben Kolleginnen schon mit Widmung zu Hause liegen, auf deren Lektüre ich mich sehr freue.
Demnächst erscheint ja dein neues Buch: „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“. Ich kenne dieses Sprichwort eigentlich nur aus dem Englischen. Wie findet sich der Titel in deinem Roman wieder?
Der Aufhänger der Geschichte ist eine “Frau zwischen zwei Männern”-Situation. Der Titel bezieht sich auf das „The grass is greener”-Syndrom, das in USA und England die klassische Midlife-Crisis bezeichnet, mit den typischen Fragen: Wenn man sich in einer längeren Beziehung fragt: Soll es das gewesen sein? Und ist er wirklich der, mit dem ich jetzt alt werden soll, oder wäre vielleicht ein anderer die bessere Wahl gewesen? Meine Protagonistin verliebt sich in einen anderen Mann und darf, anders als wir normalen Menschen, im Roman ein Experiment machen: sie wird in der Zeit zurückgeschleudert und kann die letzten fünf Jahre – dieses Mal mit dem anderen Mann – noch einmal leben. Es hat unglaublich Spaß gemacht, diese Geschichte zu schreiben, weil während des Schreibens so viele von meinen eigenen Fragen beantwortet wurden: Wie viel muss man an einer Beziehung arbeiten, wie viel darf man an der Beziehung arbeiten? Wie kann man sich davor schützen, sich in jemand anders zu verlieben, wenn man eigentlich glücklich gebunden ist? Darf man das vielleicht sogar ausleben? Und wenn ja, wie weit darf man gehen? Vielleicht habe ich deshalb auch so lange dafür gebraucht, bin aber jetzt sehr zufrieden mit dem Buch. Nebenbei ist es auch noch sehr lustig. (kichert).
Wie alle deine Bücher!
Das ist aber am allerlustigsten! Es ist wirklich lustig (kichert)!
Spielt der Esel eine große Rolle?
Der Esel passt halt wunderschön zu diesem Motto. Ich hatte den Verlag gebeten, mal keine Frau vorne drauf zu pappen. Und dieser Esel passt wirklich wie die Faust aufs Auge zu der Geschichte. Zusätzlich habe ich auch versucht, sie noch ein bisschen passender zu machen. Esel ist in dem Fall auch der Kosename für die Protagonistin.
Du hast vorhin gesagt, du hast meistens am Ende eines Buches schon die Idee für ein nächstes Buch, aber nächstes Jahr möchtest du es erstmal ein bisschen ruhiger angehen lassen. Kannst du uns schon was über ein nächstes Projekt sagen?
Ich habe eine sehr schöne Idee für einen Jugendbuch-Mehrteiler, kann und will aber gar nicht viel über den Inhalt sagen. Es wird so sein, dass ich erst mal ohne einen Vertrag schreibe, ohne einen Abgabetermin, ohne einen Erscheinungstermin. Ich werde gucken, wie das ist, mal ohne Druck zu schreiben. Ob ich das überhaupt kann. Vielleicht mache ich dann ja auch gar nichts.
Was ist das Beste daran, eine sehr erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?
Das mit dem Erfolg nervt überhaupt nicht. Ehrlich, es ist großartig, dass sich die Arbeit endlich auch mal lohnt. Ich finde gut, dass ich im Moment keine finanziellen Sorgen habe. Ich habe zwar nie besonders darunter gelitten, dass das Konto am Ende des Jahres immer sehr, sehr weit im Minus war, aber so ist es deutlich schöner. So kann man auch mal ein bisschen großzügig sein. Das einzige, was stört und zusätzlichen Druck ausübt, ist, dass man an seinen Verkaufszahlen gemessen wird. Wenn man zehntausend Bücher verkauft, ist man zufrieden und glücklich, und alles ist gut. Wenn man hunderttausend Bücher verkauft, dann fragen sich die Leute, warum, und gucken ein bisschen genauer hin. Ich möchte natürlich nicht „grundlos“ viele Bücher verkaufen (lacht).
Du hast in unserem Vorgespräch Interviews erwähnt, die nicht ganz mit deinen Antworten übereingestimmt haben. Hast du noch eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben für uns?
Du meinst, was man unterwegs erlebt, zum Beispiel auf Lesereisen? Mittlerweile sind die Lesungen, die ich für den Bastei-Lübbe Verlag mache immer ausschließlich schöne Erlebnisse. Aber früher war das manchmal anders. Ich erinnere mich zum Beispiel an diese malerische Stadt im Osten, wo exakt vier Leute in der Lesung saßen. Die Stadt ist später überschwemmt worden, übrigens. Ich glaube, zur Strafe. Nein, das war ein Witz. Zwei der Zuhörer gehörten zur Bibliothek, ansonsten gab es zwei zahlende Gäste, einer davon ein Mann. Heute würde ich mit den beiden nach nebenan einen Wein trinken gehen, anstatt zu lesen. Aber damals war ich noch jung und unerfahren und dachte, das müsste ich jetzt durchziehen. Nach ein paar Minuten stand der Mann auf und sagte: “Sie sind ja gar nicht der Mann, der sich einen Einbaum geschnitzt hat und damit den Amazonas runtergerudert ist.“ Und weil ich nicht widersprechen konnte, ist er gegangen …
Ja, es ist ja eigentlich ziemlich offensichtlich, dass du kein Mann bist!
(Kichert) Nach fünf Minuten! „Sie sind ja gar nicht der Mann, der sich einen Einbaum geschnitzt hat!“ – Nö. – „Doch! Ich bin hier nur verkleidet!“
Als Abschlußfrage – eigentlich keine Frage: Gibt es irgendwas, was du schon immer mal erzählen wolltest, aber es hat noch nie jemand danach gefragt?
Nee, gottseidank nicht. Weißt du, was ganz schlimm ist? Ich würde ja alles sagen, was man mich fragt. Deshalb bin ich ganz froh, dass Leute nicht noch intimere Sachen fragen, weil ich Angst habe, ich würde da tatsächlich drauf antworten. Ich bin nie gewappnet gegen persönliche Fragen. Anstatt cool zu bleiben oder nur einsilbig zu antworten, antworte ich immer mit der Wahrheit. Auf alles. Deshalb gibt es überhaupt nichts, was man mich noch nicht gefragt hat. Und schon gar nichts, was ich gerne sagen würde. Ich sag ja eh immer alles. Auch ungefragt übrigens, wie du gerade merkst. Auch wenn man in der Interview-Situation ein gutes Gefühl hat, ist es ja hinterher oft so, dass der Journalist denkt: „Jau, das war zwar eine sehr nette Person, aber jetzt bin ich ja wieder in meiner Rolle als Journalist dafür da, einen spannenden Artikel zu schreiben.“
Ich weiß, wenn unwahre oder gemeine Sachen über mich in der Zeitung stehen, sollte ich es einfach ignorieren. Aber das werde ich wahrscheinlich bis zu meinem Lebensende nicht können. Eine Schwäche, mit der man leben muss, genau wie mit der Schwatzhaftigkeit.
Also, ich glaube, dass dich deine Fans deswegen noch mehr lieben!
Ja, und andere hassen einen deswegen. Auch da muss man auch mit leben. Du kannst nicht allen Menschen gefallen.
Dann wünsche ich dir ganz viel Erfolg mit deinem neuen Buch. Und Ein wenig eine Ruhephase, und – ja, wir sehen uns ja bald wieder bei Deiner nächsten Lesung. Herzlichen Dank für das Interview!
Ja, wir sehen uns bald wieder! – O Gott, wir sehen uns bald wieder! Und dann MIT Buch
Dieser Abend bestärkte mich mal wieder in meiner Auffassung, dass ein Wochentagsabo nichts für mich ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jede Vorstellung mit den Menschen, die gestern Abend um ich herumsassen, verbringen müsste, hätte ich vermutlich schnell die Lust am Theater verloren. Ich konnte gar nicht so viele böse Blicke in alle Richtungen verteilen, wie sich in normaler Lautstärke unterhalten wurde. Und wenn es dann doch mal einigermaßen erträglich war, hörte man das Schnarchen des Herren hinter mir. Und am Ende dann dieses wirklich absolut unmögliche, despektierliche Hinausrennen, sobald sich der Vorhang geschlossen hat. Die Herrschaften, durch die Bank älteren Semesters, waren alle mit dem Auto angereist, die Ausrede der unbedingt noch zu erwischenden Bahn zog also nicht. Sicher ist die Oper lang, aber wenn man sich nicht mal die Zeit nehmen will, den Akteuren des Abends den wohlverdienten Applaus zu spenden, sollte man besser zu Hause bleiben und seine Chips vor dem Fernseher in sich reinstopfen.
Jetzt hab ich mir Luft verschafft, es wird Zeit, zum Wesentlichen zu kommen: Barockmusik kann Spaß machen! Ich hab ja insgesamt fünf Vorstellungen dieser hervorragend gemachten Inszenierung von Axel Köhler gesehen und ich kann mich nicht erinnern, in einer der anderen so viel geschmunzelt zu haben. Besonders die Szene, in der dem geduldigen Sokrates dann doch mal der Geduldsfaden reißt, war köstlich. Stefan Sevenich konnte hier sein komödiantisches Talent voll ausspielen. Und so ganz nebenbei sang er noch prächtig. Leider, leider wechselt er zur nächsten Spielzeit an die Komische Oper Berlin. Gut für Berlin, schlecht für München.
Vier ausgezeichnete Soprane braucht man für diese Beziehungskomödie und das schönste Theater Münchens kann sie mal eben aus dem Ensemble besetzen. Und dann auch noch doppelt. Das muss man erst mal nachmachen können. Heike Susanne Daum und Elaine Ortiz Arandes als die streitbaren Ehefrauen des geplagten Philosophen ebenso wie Ella Tyran und Christina Gerstberger als die leidenden und leidenschaftlichen Prinzessinnen bewiesen eindrucksvoll, dass die Qualität der Sänger an diesem Haus enorm hoch ist. Robert Sellier als Melitto und Gregor Dalal komplettierten den Reigen der sehr guten Sänger. Ebenfalls für das Haus spricht, dass die Partien der Schüler des Sokrates mit Chorsolisten besetzt werden können, mit Ausnahme des Pitho, gesungen vom dem jungen Talent Mauro Peter. Diesen Namen sollte man sich merken. Der Chor machte seine Sache wie immer sehr gut und dass mir eine Balletteinlage an diesem Haus mal uneingeschränkt gefallen würde, hätte ich vor fünf Monaten noch nicht gedacht. Denys Mogylyov als Adonis schafft das schier Unmögliche
Ein sehr schöner Abend, leider war das mein letzter Sokrates, die Dernière am 29.10.2011, für die noch Karten vorhanden sind, verpasse ich leider. Wer das Stück noch nicht gesehen hat, sollte sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.
Diese Oper habe ich mir als eine der wenigen als Aufnahme zugelegt, ohne sie je live gesehen zu haben. Schließlich heißt die Hauptprotagonistin so wie ich und das kommt selten genug vor. Leider wird sie nicht sehr oft gespielt, was daran liegen mag, dass man 15 Solisten plus Chor braucht, für Theater ohne gutes festes Ensemble fast nicht zu stemmen. Im deutschsprachigen Raum gibt es in der Spielzeit 2001/12 nur zwei Häuser, die dieses Stück spielen. Nürnberg ist zwar näher, dort gibt es das Stück aber erst im Mai 2012. Und Hannover hat ein nicht zu toppendes Sahnehäubchen: der von mir am Gärtnerplatz stark vermisste Benjamin Reiners, seit dieser Spielzeit dort als 2. Kapellmeister tätig, hat die musikalische Leitung.
Eine Aneinanderreihung von Episoden wie in diesem Stück, das kann langweilig sein. Fast jeder singt ein oder zwei Arien, ein bisschen zwischenmenschliches Geplänkel und das wars. Da muss man sich als Regisseur schon etwas besonderes einfallen lassen, damit die Leute nicht in Scharen aus der dazu noch ziemlich langen Oper flüchten. Matthias Davids ist das kleine Kunststück gelungen: er verlegte die Handlung von einem Gasthaus in Plombière an einen fiktiven Flughafen, an dem die Passagiere aus unbekannten Gründen gestrandet sind, weil alle Flüge gestrichen wurden. Was der Regisseur nicht wissen konnte: fünf Tage nach der Premiere am 10.04.2010 wurde seine Vision durch den Vulkanausbruch auf Island Wirklichkeit.
Und diese Verlegung von Ort und Zeit funktionierte hervorragend, vermutlich auch deshalb, weil sie konsequent durchgehalten wurde. Bis ins Programmheft, in dem der Flughafen vorgestellt und Sicherheitshinweise gegeben wurden, zog sich das Thema. Der Text in den Übertiteln, es wird italienisch gesungen, wurde nur sehr behutsam angepasst, aber auch das passte perfekt. Überhaupt, die Übertitel: manchmal erschienen dort statt Text Herzen oder Blumen oder auch mal ein Bild der englischen Königin. Was man alles machen kann, wenn man eine gescheite Übertitelungsanlage hat! Es wurde übrigens italienisch gesungen, da macht es auch Sinn, zu übertiteln. Die Personenregie war großartig, ich habe mich wirklich sehr amüsiert über die präzise Situationskomik, die auch im zweiten Rang gut ankam.
Musikalisch war es ein toller Abend! Selbst diejenigen Sänger, mit denen ich vor der Pause nicht ganz glücklich war, gefielen mir danach sehr gut. Herausragend waren für mich Dorothea Maria Marx als meine Namensvetterin, Monika Walerowicz als La Marchesa Melibea, Ivan Turšić als Il Cavalier Belfiore und Tobias Schabel als Lord Sidney. Der Chor zeigte sich spielfreudig und machte in seinen wenigen Szenen auch gesanglich eine gute Figur. Benjamin Reiners koordinierte alle Beteiligten aufs Beste, so dass Rossini sicher seine wahre Freude daran gehabt hätte.
Ich kann wirklich jedem nur empfehlen, sich dieses musikalische und szenische Schmuckstück anzusehen, weitere Vorstellungen am 23.10., 04.11. und 23. Dezember. Ich sehe es mir auf alle Fälle nochmal an.
Wir gratulieren dem Gärtnerplatztheater zur Wiederaufnahme dieser fantastischen Inszenierung von Immo Karaman. Man kann dieses irre Kunstwerk nicht richtig beschreiben, man muss es gesehen haben. Das Orchester unter der hervorragenden Leitung von Oleg Ptashnikov war großartig. Die Sänger waren alle super (das klingt jetzt ziemlich undifferenziert, aber dafür kann ich nichts: es war wirklich so). Darstellerisch ist diese Inszenierung ebenfalls ein Hochgenuß, und in dieser Vorstellung waren alle Beteiligten in Bestform, was der Aufführung eine – mir fehlen die Worte, das kommt selten vor – eine Stimmigkeit, eine Selbstverständlichkeit verlieh, die in der Sportpsychologie als “Flow-Erlebnis” bezeichnet wird. Ich hatte eine Zeitlang tatsächlich das Gefühl, in diesem surrealen Gemälde zu wohnen. Abgefahren. Es hat nicht viel Sinn, die Lilie zu weißeln und die Rose zu vergolden (oder wie heißt das bei Shakespeare?). Wer also weitere Informationen zu den durchweg hervorragenden Sängern sucht, den verweise ich vertrauensvoll auf unsere entsprechenden Einträge aus der letzten Spielzeit. Ich möchte hier nur noch einige Details beleuchten, die mir mehr oder weniger zufällig ins Auge gefallen sind, denn ich habe das Stück jetzt so oft gesehen, dass ich mittlerweile auch Einzelheiten sehe und höre, die ich die ersten Male aufgrund der schieren Menge der Eindrücke nur teilweise aufnehmen konnte. Dazu gehört die Schrittchoreographie für den fabelhaften Farfarello von Sebastian Campione mit seiner hinreißenden Mimik und Gestik, gesungen mit einem wunderbaren Bass – immer wieder ein Hochgenuss. Ann-Katrin Naidu, zum ersten Mal als Fata Morgana, mit grünglitzernden Federn im Haar, gefiel mir in jeder Hinsicht sehr, sehr gut. Elaine Ortiz Arandes, die “Allzweckwaffe” des Gärtnerplatztheaters, kann alles, macht alles, und das immer auf höchstem Niveau, hier in ihrer persönlichen Premiere als Prinzessin Nicoletta. Ebenfalls zum ersten Mal sang Christina Gerstberger die Prinzessin Ninetta, mit ihrer sehr schönen Sopranstimme. In dieser Vorstellung hatte ich zum ersten Mal den Kopf ausreichend frei, um wirklich wahrzunehmen, was für wunderbare Bilder die Tänzer des Extraballetts zeigen: Franziska Angerer, Bettina Fritsche, Michael Kitzeder, Vincenzo La Pertosa, Denys Mogylyov, Toralf Vetterick und, an herausgehobener Position, Elodie Lavoignat. Die Wände haben Ohren … sooo schön anzusehen! Die Choreographie ist von Fabian Posca. Einfach nur noch toll. Besonders erwähnen möchte ich auch die raffinierte Lichtregie von Rolf Essers, die ihren Teil zu diesem Opernerlebnis beiträgt. Man sollte sich erlauben, das, was da auf der Bühne geboten ist, zu genießen, ohne es intellektuell zu sezieren. “Die Liebe zu den drei Orangen” ist ein geniales Stück. Reingehen, anschauen, solange diese Inszenierung noch hier zu sehen ist. In der nächsten Spielzeit kann diese Oper in München nicht mehr gespielt werden: Mit dem Rumpf-Ensemble, das dann noch da ist, ist das schon aus numerischen Gründen völlig unmöglich.
Aber wie heißt es so schön: Keine Angst vor Perfektion, du wirst sie nie erreichen. Nicht mal auf der Bühne war alles perfekt: Da hat sich mal jemand verzählt, und danach eine Schnute gezogen, aber ich verrate nicht, wer. War sonst noch was? Weiter fällt mir jetzt nichts ein. Aber an den Rahmenbedingungen hätte ich durchaus etwas zu kritisieren: Alles, was im Auto noch einen Kindersitz braucht, gehört nicht in diese Inszenierung. Mit freudiger Erwartung sehe ich den Kommentaren entgegen, die bei so was gerne hereinschneien: Ich gehe des öfteren mit kleinen Kindern ins Theater und bin deshalb behördlich zertifiziert, eine eigene Meinung zu dem Thema haben zu dürfen. In diese Inszenierung würde ich kein Kind mitnehmen. Warum nicht? Mal sehen, was hätten wir denn da: Eine stilisierte Gruppensex-Szene, die mir übrigens ausgesprochen gut gefällt … aber das erforderliche Gespräch über Bienchen und Blümchen, Frauen und Männer als Sexualobjekte und die ironische Perspektive, aus der das alles zu sehen ist – dieses Gespräch möchte ich nicht mit einem Grundschulkind führen müssen. Des weiteren gibt es noch zwei sterbende Prinzessinnen und diverse Szenen, in denen fast jemand erschossen oder sonstwie hingerichtet wird. Die Kinder, die ich kenne, sind mit so etwas überfordert. Das Problem ist hier, dass die Altersangabe des Theaters, ”ab 14 Jahre”, gar nicht so leicht zu finden ist: im Leporello, den alle Abonnenten zugeschickt bekommen, ist sie leider nicht abgedruckt, und wenn dann noch das Theater etwas anbietet, das als “Kindereinführung” bezeichnet wird (hallo? 14-jährige sind Jugendliche!) und an einem Sonntagnachmittag extra Kinder-Sonderpreise anbietet, braucht man sich nicht zu wundern, dass es arglose Eltern und Großeltern gibt, die den lieben Kleinen etwas Kultur angedeihen lassen wollen und dann das halbe Stück damit verbringen, das Wieso und Warum zu erklären. So gesehen hätte ich mir die Kindereinführung wirklich antun sollen: Diese Erläuterungen hätte ich gerne gehört.
Je öfter ich es sehe, desto besser gefällt mir das Stück und die Inszenierung. Das geht schon mit der wohltuend endlich mal wieder nicht bespielten Ouvertüre los. Da kann ich mich voll auf die diesmal wunderschöne Musik aus dem Graben konzentrieren. Ich kannte ja das Stück vor der Premiere gar nicht, merke jetzt aber, dass sich die Melodien in meinem Kopf eingenistet haben und sich hartnäckig in den Vordergrund drängen, auch wenn ich lieber Mikado hören würde. Sehr schön, wie Smetana das gemacht hat, immer mal wieder Melodienschnipsel eingestreut, damit so unmusikalische Menschen wie ich erkennen “Ah jetzt denkt Marie an den Hans” oder so. Mir kommt so manches bekannt vor, einzelne Takte erinnern mich an bestimmte Opern, meine Freundin meinte trocken, das sei das “Du-gehst-zu-oft-in-die-Oper-Syndrom”. Aber leider bekomme ich davon nicht genug, ich werde also weiterhin und gerne an dieser Krankheit leiden.
Es war ein Abend voller Höhepunkte. Heike Susanne Daum sang und spielte die Marie so innig, dass mir die Tränen in den Augen standen, als sie sich von Hans verraten fühlt und lieber allein bleiben will. Holger Ohlmann überzeugt als Kecal mit allen seinen Facetten, der etwas schmierige Geschäftemacher kam genauso gut rüber wie der verletzte Liebende und wenn Kecal sagt, er hat genug an seiner Alten, dann definiert das nicht sein Alter sondern seine Sicht auf Frauen. Die wunderbare Rita Kapfhammer schafft es, die mittelgroße Rolle der Ludmilla musikalisch und stimmlich prägnant zu porträtieren, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Musikalisch am allerallerbesten gefällt mir ja das Sextett im dritten Akt, die Stimmen von Martin Hausberg, Susanne Heyng, Gregor Dalal, Holger Ohlmann und eben Rita Kapfhammer harmonieren prächtig und trotzdem ist jede einzelne herauszuhören. Harrie van der Plas hat mir an diesem Abend sogar noch besser als bei seiner Premiere gefallen, Dirk Lohr und Ella Tyran (siehe Bild oben)geben der Zirkusszene zusätzlichen Drive und Hans Kittelmann ist ein prächtig stotternder und agierender Wenzel.
Nicht so gut gefallen mir die projizierten Wolkenstimmungen und überhaupt das Licht. Sonnenunter- oder -aufgänge bei schmelzenden Arien ist Kitsch as Kitsch can. Ich habe nichts gegen farbunterstützte Gefühlswallungen, aber ich dachte, die Inszenierung wollte genau das vermeiden. Durch das ständige Hell und Dunkel auf der Bühne kommt mir das Ganze eher wie drei statt einem Tag vor. Außerdem sind die Lichtübergänge oft ein wenig abrupt, zum Beispiel beim Tanz der Kinder, und warum man beim Rap des Zirkusdirektors die vorgestellten Artisten nicht mit einem Verfolgerspot hervorhebt, ist mir ein Rätsel. Meiner Meinung nach würde das die Zirkusatmosphäre verstärken, die durch die hübsche Projektion eines Zirkuszeltdaches begründet wird. Was mir aber ausnehmend gut gefällt, sind die vielen kleinen Gesten und Blicke, die die Geschichte lebendig werden lassen und spannend machen. Bei der Personenregie hat Peter Baumgardt wirklich ganze Arbeit geleistet, um alle Feinheiten zu entdecken, muss ich mir das Stück wohl noch ein paar Mal anschauen. Genau genommen, habe ich bereits Karten für alle Bräute dieser Spielzeit. Hust.
Seit einiger Zeit schreiben auf diesem Blog mehrere Autoren. Die Artikel sind deshalb mit dem Namen gekennzeichnet und unten befindet sich eine Liste, die alle Autoren aufführt. Die Namen sind Links zu den Artikeln des jeweiligen Autors. Jeder Artikel gibt ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder.
nacht_gedanken Tolles Interview mit der wunderbaren Nina George unter anderem über ihr neues Buch "Das Lavendelzimmer" http://t.co/n3RAFXLzIW - gezwitschert am 07.05.2013 18:14
nacht_gedanken Das ist meine Bettlektüre in nächster Zeit. Was würdet Ihr an Euer 16-jähriges Ich schreiben? http://t.co/B66d80wUzU - gezwitschert am 06.05.2013 23:18
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