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Interview mit Saimir Pirgu

Foto © Paul Scala

Foto © Paul Scala

Saimir Pirgu (*1981) ist ein albanisch-italienischer Sänger, der zurzeit in München an der Bayerischen Staatsoper den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto singt. Pirgu ist als lyrischer Tenor mit den großen Partien seines Fachs an allen großen Bühnen der Welt zu Gast und hat mit namhaften Dirigenten und Regisseuren gearbeitet.

Das Gespräch fand am 16. Juni 2018 in der Rheingoldbar der Bayerischen Staatsoper statt.

PS: Hallo, Herr Pirgu, es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen für unser Gespräch.

SP: Gerne.

PS: Als Zuschauer hat man ja unterschiedlichste Vorstellungen von dem Beruf des Opernsängers. Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?

SP: Das ist das Reisen. In welchem anderen Beruf hat man schon die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen? Schauen Sie, es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ich noch nicht besucht habe. In den meisten mache ich gar kein Sightseeing mehr, weil ich sie schon kenne. [lacht] Und überall komme ich schnell in Kontakt mit dem Land, den Gebräuchen, den Menschen, finde Freunde. Das ist toll. Die Kunst der Musik ist international und überall sind Menschen, die sie berührt.

PS: Sind Sie es, der mit der Musik die Menschen berührt?

SP: Es ist die Musik selbst, ich bin ja nur Ausführender. Das kommt ja auch auf den Dirigenten und die Inszenierung bzw. die Regie an.

PS: Inwieweit können Sie denn bei so vielen unterschiedlichen Inszenierungen Ihre eigene Vorstellung von einer Rolle, hier in München zurzeit den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto, umsetzen?

SP: Ich bin ja sozusagen als Sänger das Material, durch das ein Regisseur seine Vorstellung umsetzt, das istmein Job. Wenn der eine sagt „mach es so“ und der andere „mach es so“, dann mache ich es halt. Ich singeeben, es ist letztlich die Musik, die das transportiert. Ich stehe schließlich jeden Abend im Löwenkäfig und manchmal gewinnt man und manchmal verliert man auch. Das ist normal.

PS: Wie gehen Sie an das Rollenstudium heran?

SP: Zuerst schaue ich mir natürlich die Noten an, aber als junger Sänger höre ich mir auch Aufnahmen von anderen Sängern, die das schon gemacht haben, an. Ich lese viel über das Stück, aber die Musik ist schon das wichtigste.

PS: Was ist der Duca di Mantova für eine Persönlichkeit?

SP: Der Duca ist ein gewissenloser Mensch, er hat ja auch nie Armut kennengelernt. Er ist reich geboren und wenn ihm jemand nicht passt, dann macht er ihn einen Kopf kürzer. Ihn oder einen anderen, das ist ihm egal. Viele meinen, er liebt die Frauen. Ja, das auch, aber das ist ein Nebenaspekt. Dem geht es um seine Interessen und er gewinnt am Schluss auch. Anders als Rigoletto. Der ist arm geboren, kommt an den Hof und am Schluss verliert er alles. Der macht eine Entwicklung durch. Der Duca di Mantova bleibt der, der er war.

PS: Sie meinen, das ist ganz unabhängig vom Regiekonzept?

SP: Ja. Das Gute kann man nicht schlecht machen, aber ich verstehe nicht, wieso dieses Grau in Grau auf der Bühne inzwischen überall so verbreitet ist – und damit meine ich überhaupt nicht moderne Inszenierungen allgemein. Ich habe schon sehr moderne Inszenierungen gespielt, die eine tolle Aussage hatten. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob mit dem Grau in Grau das Nichts zum Inhalt erhoben wird und das ist nicht OK. Wahrscheinlich dürfte ich das jetzt gar nicht sagen, weil man mich sonst an manchen Orten nicht mehr einlädt, aber es ist eine Wahrheit, die kaum einer gerne hört. Wie viele Buhrufe erleben Sie denn so bei Premieren?

PS: Immer mal wieder, aber tendenziell eher wenige.

SP: Sehen Sie. Wenn keiner hinginge, dann würden sich solche Inszenierungen auch nicht halten können. Ein Intendant würde eine Produktion absetzen, wenn sie sich nicht verkauft. Aber solange die Leute hingehen, passiert nichts.

PS: Sie haben ja mit vielen sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet.

L'Elisir d'Amore, Wiener Staatsoper - Foto ©Michael Pöhn

L’Elisir d’Amore, Wiener Staatsoper – Foto ©Michael Pöhn

SP: Ja, wenn ich noch an Zefirelli denke … da habe ich in dem Kostüm des Duca – so ein richtiges, opulentes! – ordentlich geschwitzt. [lacht] Nicht, dass das jetzt das einzig Wahre gewesen ist – die Münchner Inszenierung ist zum Beispiel modern, aber schlüssig und überzeugend. Auch in Zürich hatten wir eine sehr gute moderne Inszenierung. Ich weiß aber nicht so recht, was die Aussage ist, wenn ich in Unterhosen auf der Bühne stehe… Ich meine, es ist ja doch ein Herzog … Da wäre es manchmal besser, man würde eine Oper konzertant geben.

PS: Sie hatten in Ihrem Leben sehr wichtige Mentoren und künstlerische Vorbilder. Wie haben die Sie beeinflusst und wie ist Ihr Verhältnis zu Dirigenten allgemein?

SP: Als junger Sänger schaut man ja immer „wie machen es die anderen“. Was dann am Schluss in die eigeneEntwicklung eingeht, kann ich wahrscheinlich erst in vielen Jahren rückblickend sagen. Claudio Abbado war sicherlich sehr wichtig für mich. [Abbado hat Saimir Pirgu 2003 entdeckt und als 22jährigen als Ferrando in Mozarts Così fan tutte nach Ferrara eingeladen, Anm. d. Verf.] Aber auch Harnoncourt und viele andere. Ein Dirigent bildet ja sozusagen mit dem Orchester einen Teppich für mich, auf dem ich dann erst fliegen kann. Ja, eine Art Fliegender Teppich, das ist wie Zauberei. Wenn der Dirigent nicht passt, dann stehen Sie als Sänger allein auf weiter Flur und im Angesicht der Löwen.

PS: Das klingt sehr anstrengend… Was ist denn an Ihrem Beruf das weniger Schöne?

SP: Das ist sicher auch das Reisen. Wenn ich in einer Stadt bin und Freundschaften schließe und dann nach sagen wir zwei oder drei Jahren wieder dort hinkomme, dann kennen mich die meisten noch recht gut, ich umgekehrt aber nicht. Das ist manchmal schade, aber es gehört eben dazu. Und das Reisen selbst und das Herumkommen in der Welt ist ja toll.

PS: Eine Studie besagt, dass Berufsmusiker einem erhöhten Stressrisiko ausgesetzt sind. Hat das vielleicht damit zu tun? Oder ist es eher der Perfektionismus der Künstler?

SP: [schaut überrascht] Ja? Ich weiß nicht, ich glaube, das ist normal und gehört dazu. Es ist eben nicht ein Job für jeden und es hält sich langfristig nur der, der damit klarkommt. Mit dem Reisen und mit dem Löwenkäfig, meine ich. Und mit Perfektionismus habe ich es nicht so. Klar, man strebt schon irgendwie nach Perfektion, aber was wäre denn dann, wenn man dort angekommen wäre? Dann gäbe es ja nichts mehr.

PS: Ist das Ihr Rezept gegen Stress?

SP: Ich weiß nicht, vielleicht. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch und wenn ich morgens aufstehe und mich im Spiegel anschauen kann, dann ist das doch schon was!

PS: Herr Pirgu, ganz herzlichen Dank für das interessante Gespräch, ich freue mich, Sie am Mittwoch in der Vorstellung erleben zu dürfen.

SP: Dankeschön und eine gute Vorstellung.

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Franz fischt frische Fische – ein gelungenes Experiment

© Christian POGO Zach

© Christian POGO Zach

Zum Kammerkonzert am 13. Mai lud das Gärtnerplatztheater an einen besonderen Ort und öffnete den futuristischen Orchesterprobensaal für die Konzertbesucher.

Johannes Overbeck, Fagottist des Gärtnerplatzorchesters und Organisator der Kammerkonzerte begrüßte das Publikum und wies auf den experimentellen Charakter des Konzerts hin. An der Akustik des Saales werde noch getüftelt und er würde sich über Feedback freuen. Gerne, lieber Herr Overbeck!

Als erfahrene Konzertbesucherin aber Nicht-Profi kann ich nur sehr subjektiv urteilen, aber ist nicht Akustik überhaupt großenteils Geschmackssache? Kurz: Mir haben Atmosphäre und Akustik hervorragend gefallen! Im Foyer war die Akustik schon immer recht “hallig”, aber seit keine Vorhänge mehr da sind überschlägt sich der Klang geradezu, insbesondere wenn ein Flügel oder Bläser beteiligt sind. Der Teppich unter den Musikern hat da nicht viel verbessert. Nun, man mag einwenden, dass Komponisten wie Mozart oder Schubert genau für solche Räume komponiert haben (Kirchen, Säle in Adelspalästen), aber wir haben heute auch andere Hörgewohnheiten.

So konnte ich von meinem Platz (in der momentan üblichen Orchesteraufstellung dürfen da die Hörner sitzen…) hervorragend und transparent die einzelnen Stimmen hören. Ein wenig “gnadenlos” ist die Akustik schon, das gebe ich zu – auch jede winzige Ungenauigkeit kommt glasklar beim Zuhörer an. Ich persönlich mag das – für mich gehört es dazu, wenn Menschen und nicht Maschinen am Werk sind. Nicht nur, es gehört dazu, nein, das macht für mich den Reiz von Konzerten aus! Ich weiß, das hören Musiker, die alten Perfektionisten, nicht gern… aber sonst könnte ich mir ja auch gleich eine CD-Einspielung anhören, da ist alles perfekt. Bloß halt steril und unpersönlich und damit irgendwie tot. Ich liebe sozusagen kleine Schönheitsfehler!

Als erstes auf dem Programm stand Mozarts Divertimento Es-Dur KV 563. Ein spätes Werk, das – anders als die Bezeichnung Divertimento vermuten lässt – überaus komplex ist. Da werden – wie so oft bei Mozart – kleine volksliedhafte Melodien kunstvoll zu einem großen Klangteppich gewoben und sind dann auf einmal gar nicht mehr so banal wie es anfangs scheint. Ich habe es genossen, die einzelnen Stimmen diesmal so transparent zu erleben. Danke an die spielfreudigen Kollegen vom Orchester, denen man anmerkt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes seit langem aufeinander “eingespielt” sind.

Auf Wunsch des Kontrabassisten, Thomas Hille, kam als zweites Werk das Forellenquintett von Franz Schubert zu Gehör – kein Wunder, ist es das wohl berühmteste Klavierquintett, bei dem zugunsten einer Violine ein Kontrabass mitspielen darf 🙂 Der Funke der Begeisterung sprang auch hier sofort über, es sprudelte nur so vor Spielfreude. Das ist für mich das Schönste an Kammermusik: Dass man so nah dran und quasi mittendrin ist statt als distanziertes Publikum auf eine entfernte Bühne zu schauen.

Ich freue mich auf weitere Kammerkonzerte – hoffentlich weiterhin im Orchesterprobensaal!

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Musik und Menschlichkeit – Die Deutsche Orchestervereinigung setzt ein Zeichen

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens vlnr ©Maren Strelau

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Halle an der Saale, 24. April: Die rund 300 Gäste in der Georg-Friedrich-Händel-Halle, fast alles Berufsmusiker, erheben sich geschlossen und applaudieren begeistert dem Kollegen auf der Bühne. Dort steht Albert Ginthör vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Doch nicht einer musikalischen Darbietung gelten die Ovationen sondern dem beispielhaften Mut und der Hartnäckigkeit, mit der der Geiger seinem afghanischen Musikerkollegen Ahmad Shakib Pouya das Leben gerettet hat.

Eine Geschichte wie ein Opernlibretto: Seit 2010 lebt Pouya, der in seiner Heimat wegen seiner pro-westlichen Einstellung von den Taliban mit dem Tod bedroht wird, in Deutschland, integriert sich vorbildlich und wirkt als Hauptdarsteller des Gomatz in “Zaide. Eine Flucht” (ein Opernprojekt auf Basis der unvollendeten Mozartoper Zaide) mit. Doch die deutschen Behörden wollen ihn in seine angeblich sichere Heimat abschieben. Da eine Abschiebung eine Wiedereinreisesperre nach Deutschland nach sich ziehen würde, entschließt sich Pouya, “freiwillig” nach Afghanistan zurückzukehren.

Albert Ginthör, der über das Opernprojekt mit Pouya in Kontakt kommt, erkennt, wie gefährlich diese Reise ist. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung des Kollegen zu verhindern. Doch alle Petitionen, auch an hochrangige Politiker, bleiben erfolglos. So entschließt sich Ginthör ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, Pouya nach Kabul zu begleiten. “Wenn die Behörden meinen, Afghanistan sei ein sicheres Land, dann sollen sie sich mal um meine Sicherheit kümmern” meint er beherzt und setzt sich als einziger Europäer (von den Abschiebebeamten einmal abgesehen) in den Flieger.

In Kabul angekommen erwarten ihn und Pouya Maschinengewehre und ständige Angst und Unsicherheit. Sie wechseln ständig ihren Aufenthaltsort, Kontakte mit Freunden und Familie von Pouya sind schwierig, um diese nicht zu gefährden. Eine Art Leben im Untergrund. Gleichzeitig versucht Ginthör, Pouya einen Termin in der Deutschen Botschaft zu verschaffen, um ihm die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen.

Dank der Intervention der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und eines neuen Rollenangebotes der Münchner Schauburg für das Fassbinder-Stück “Angst essen Seele auf” gelingt es schließlich, Pouya mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland wieder einreisen zu lassen.

Happy End also und gleichzeitig die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.

Wie bei fast jeder Geschichte, bei jedem Theaterstück frage ich mich: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich irgendwann aufgegeben? Hätte ich auch mein Leben riskiert? Bei Opernstoffen ist diese Identifizierung immer ein Stück weit Phantasie, aber hier, bei dieser Geschichte, da ist es etwas anderes. Und ich glaube, genau das ist es, was uns Albert Ginthör gezeigt hat: Wer von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt ist, wer Gerechtigkeit und Menschlichkeit liebt, der lebt auch dafür und da stellt sich die Frage nach dem “Ob” gar nicht, da gibt es nur eine Antwort, die das Gewissen einem gibt: Gib nicht auf, tu alles, um dein Ziel zu erreichen.

Das haben wohl alle Gäste im Saal gespürt und Albert Ginthör applaudiert, als er ein wenig schüchtern (“wenn ich Ihnen auf meiner Geige etwas vorspielen dürfte, wäre das etwas anderes”) den undotierten Sonderpreis des Hermann Voss Kulturpreises 2018 entgegennimmt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Auch die Hauptpreisträgerin, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW hat mit Leidenschaft und persönlichem Einsatz etwas wertvolles erreicht, nämlich den Kulturhaushalt ihres Bundesland signifikant zu erhöhen. Das verdient gerade in einer Zeit, die von unsäglichen Neid-Debatten geprägt ist, großen Respekt. Ist es denn nicht so, dass Kultur zeigt, wie gut es um eine Gesellschaft bestellt ist, dass Kultur uns vereinfacht gesagt, erst zu “Menschen” macht?

Gerade für mich als Coach für Stressbewältigung war auch das restliche Programm des prall gefüllten Tages absolut spannend. In dem Forum, für das ich mich eingeschrieben hatte, ging es vorrangig um die “Arbeitsbedingungen für Musikvermittler(inne)n”. In der Diskussion mit einer der Referentinnen, der Psychiaterin Dr. Déirdre Makorn wurde aber schnell klar, dass nicht nur Musikvermittler (diese vor allem durch die wirtschaftliche Unsicherheit ihres Berufsfeldes) sondern auch alle Orchestermusiker einer erhöhten Stressbelastung ausgesetzt sind. Das hat viel mit Ängsten zu tun (zu versagen, Fehler zu machen etc.) als auch mit den Konflikten in einem Team, das aus lauter hoch spezialisierten Individualisten besteht. Leistungsdruck bei Vorspielen sind nur der Anfang, auch im späteren Orchesteralltag bewegen sich die Musiker(innen) stets auf einer Gratwanderung zwischen Perfektionismus, Leistungsanspruch und der Be- und oft Ab-Wertung von Kolleg(inn)en und – nicht zu vergessen! – auch von sich selbst. Ich denke, das ist den wenigsten von uns bewusst, wenn wir ins Theater oder Konzert gehen und beim Genuss der Musik uns bereichern lassen.

Dieser Tag hat mir viele Erkenntnisse geschenkt und ich bin sicher, dass ich mit noch mehr Hochachtung als ich sie bisher schon hatte, auf die Bühne und in den Orchestergraben schauen werde.

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Uraufführung Pumuckl – Das Musical, 19.04.2018, Gärtnerplatztheater

 Benjamin Oeser (Pumuckl) © Christian POGO Zach


Benjamin Oeser (Pumuckl)
© Christian POGO Zach

Schabernack am Gärtnerplatz – erfrischend humorige Uraufführung von Pumuckl – Das Musical

Zugegeben, ich war sehr skeptisch bei dem Projekt, den Pumuckl meiner Kindheit als Musical-Uraufführung zu erleben. Insbesondere nach dem bayerisch-österreichischen Kauderwelsch der My Fair Lady fürchtete ich ein ähnliches Schicksal auch für die ur-Münchner Geschichte vom Meister Eder und seinem „zuagroasten“ Klabautermann.

Aber was gestern Abend über die Bühne ging, hat mich vor Begeisterung umgehauen. Sämtliche Fallen, die das Projekt bereithielt (wie eine über 50 jahre alte Geschichte sanft modernisieren, ohne dass das Altbekannte und -geliebte verlorengeht? Wie eine Zeichentrickfigur, die unsichtbar werden kann, überzeugend auf die Bühne bringen? Wie Münchner Lokalkolorit herstellen, ohne zu übertreiben?) wurden grandios gelöst:

 Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger (Wirtshausgäste), Martin Hausberg (Wirt), Alexander Bambach (Bartel), Maximilian Berling (Schubert), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt) © Christian POGO Zach

Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger (Wirtshausgäste), Martin Hausberg (Wirt), Alexander Bambach (Bartel), Maximilian Berling (Schubert), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt)
© Christian POGO Zach

Das Libretto (Anne X. Weber) wählt klug einige charakteristische Episoden aus und fügt sie harmonisch in einen Spannungsbogen ein, der vom Kennenlernen der Protagonisten (Pumuckl bleibt am Leimtopf von Schreinermeister Eder kleben und wird für ihn sichtbar) über eine schwere Beziehungskrise der beiden (Pumuckl stiehlt eine Haarspange und wird von Meister Eder aus dem Haus geworfen) bis zum Happy End (Versöhnung und Erkenntnis, dass man sich am besten so nimmt, wie man eben ist: den Pumuckl als Unsinnstifter und Meister Eder als Grantler). Die Sprache des Textbuches versteht es geschickt, altbekannte Textstücke und Reime in ein modernes Gerüst zu packen, das aber nie anbiedernd wirkt. Jeder Charakter darf sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist (herrlich gebabbelt: Dagmar Hellberg mit ihrem IKarlsruhe-Leinenbeutel als Kundin Frau Steinhauser). Humor und Sprachwitz kommen auch nicht zu kurz (aus Burnout wird bei Pumuckl einfach ein „Birn-Out“).

Pumuckl ist kein klassisches Musical im strengen Sinn, koboldtypisch springen die Stile munter durcheinander, was überaus erfrischend auf mich gewirkt hat. Die bekannte Serienmelodie „Hurraa, hurraa, der Kobold mit dem roten Haar“ wird natürlich eingebunden, aber nicht nur als direktes Zitat – im Schloss kommt sie z.B. mit Trompeten in barocker Manier daher. Franz Wittenbrink versteht es, nie Langeweile aufkommen zu lassen, mal bayrisch-schnadahüpfelnd, mal jazzig, mal rockig bietet Pumuckl – Das Musical für alle Ohren etwas. Dabei ist immer ein Augenzwinkern dabei, so zum Beispiel, wenn Schlosser Schmitt zum Schlaflied mit Tubasolo in seinem Bett schnarcht, dass der Pumuckl nicht schlafen kann.

 Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Benjamin Oeser (Pumuckl) © Christian POGO Zach

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Benjamin Oeser (Pumuckl)
© Christian POGO Zach

Hervorragend die Leistung aller Darsteller, ganz voran Benjamin Oeser als Pumuckl und Ferdinand Dörfler als Meister Eder. Oeser bewältigt die Herausforderung mit Bravour, die bekannte Pumucklstimme Hans Clarins in Gesang zu übertragen. Insbesondere, wenn die Töne fürs Falsett zu tief werden ist es schwierig, dennoch den Pumuckl-typischen Klang beizubehalten, gelingt Oeser aber bewundernswert. Die lyrischen Stellen („eine halblange Spange“) gelingen zart und ohne Pathos und schauspielerisch klabautert Oeser mit großer Spielfreude über die Bühne.

Meister Eder (Ferdinand Dörfler) hatte ebenfalls ein schweres Erbe anzutreten, hatte doch fast jeder im Publikum den kongenialen Gustl Bayerhammer im Kopf. Dörfler versteht es hervorragend, seinen Meister Eder nicht als Bayerhammer-Imitat anzulegen, sondern ihm eine ganz eigene Charakteristik zu verleihen. Dieser Meister Eder wirkt auf mich introvertierter als das Vorbild, was wunderbar zu der Bühnenstory passt. Auch die Entwicklung der Figur arbeitet Dörfler überzeugend heraus: vom duldenden Grantler hin zu einem Menschen, der erkannt hat, das der Pumuckl sein Leben bereichert – trotz aller Schwierigkeiten, die sich im Zusammenleben mit dem unsichtbaren Wesen ergeben.

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Dagmar Hellberg (Frau Steinhauser), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt), Ulrike Dostal (Gerti Schmitt), Frank Berg (Chauffeur), Angelika Sedlmeier (Monika Steinhauser) © Christian POGO Zach

Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Dagmar Hellberg (Frau Steinhauser), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt), Ulrike Dostal (Gerti Schmitt), Frank Berg (Chauffeur), Angelika Sedlmeier (Monika Steinhauser)
© Christian POGO Zach

Auch alle anderen Darstellerinnen und Darsteller spielen mit Begeisterung und auf ganzer Linie überzeugend: Ulrike Dostal keift herrlich im ehelichen Streit mit Schlosser Schmitt (Stefan Bischoff), der nicht Meister Eders Geduld mitbringt und den Pumuckl am liebsten einfangen und per Paket ans andere Ende der Welt verschicken will. Susanne Seimel gelingt es darstellerisch und stimmlich, die Rolle des Mädchens Hanna überzeugend zu verkörpern. Schön gerade gesungen ohne zu sehr ins Naive abzudriften. Auch die kleineren Rollen werden liebevoll und mit viel Spaß am Spiel in Szene gesetzt, vom gespenstergläubigen Butler Jakob (Peter Neustifter) über die resolute Lehrerin (Marianne Sägebrecht) bis zu den Stammtischbrüdern und Wirtshausgästen. Auch der Kinderchor darf nicht fehlen und gespenstert im doppelten Wortsinn „begeistert“ durchs Schloss.

Zum Schluss ein ganz besonderer Applaus für die Requisite, die mit viel Phantasie und Liebe zum Detail die Streiche des unsichtbaren Kobolds auf die Bühne bringt. Da wandert ein Hammer die Wand hoch, ein Blutfleck (eine Hommage an das Gespenst von Canterville?) verschwindet von Geisterhand, Schwerter fallen von der Wand und Mützen schweben durch die Luft. Ganz große Klasse – dankeschön und ein verdienter Applaus vom Publikum.

Fazit: Unbedingt hingehen (falls ihr noch Karten bekommt…)!
Besetzung am 19.04.2018
Dirigat Andreas Kowalewitz
Regie Nicole Claudia Weber
Choreografie Karl Alfred Schreiner
Bühne Judith Leikauf / Karl Fehringer
Kostüme Tanja Hofmann
Licht Jakob Bogensperger
Dramaturgie David Treffinger

Pumuckl Benjamin Oeser
Meister Eder Ferdinand Dörfler
Frau Reitmayer, Lehrerin Marianne Sägebrecht
Frau Steinhauser / Gräfin Dagmar Hellberg
Monika Steinhauser, ihre Schwiegertochter Angelika Sedlmeier
Hanna, ihre Enkelin / Vreni, Dienstmädchen Susanne Seimel
Schlosser Schmitt Stefan Bischoff
Gerti Schmitt, seine Frau / Vroni, Dienstmädchen Ulrike Dostal
Schubert Maximilian Berling
Bartel Alexander Bambach
Wirt Martin Hausberg
Butler Jakob Peter Neustifter
Chauffeur Frank Berg
Wirtshausgäste Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger

Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Weitere Termine:

Sa 21.04.2018 18:00 Uhr
Di 24.04.2018 10:30 Uhr
Mi 25.04.2018 10:30 Uhr
Sa 28.04.2018 18:00 Uhr
Do 03.05.2018 10:30 Uhr
Mo 07.05.2018 10:30 Uhr
Mi 09.05.2018 10:30 Uhr
Do 17.05.2018 10:30 Uhr
Do 24.05.2018 18:00 Uhr
Sa 09.06.2018 18:00 Uhr
Mo 25.06.2018 10:30 Uhr
So 22.07.2018 18:00 Uhr
Mo 23.07.2018 10:30 Uhr

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Premiere My FAIR LADY, 13.02.2018, Gärtnerplatztheater

Sprachliche Fehlleistung und doch ein unterhaltsamer Abend – zur Premiere von „My Fair Lady“ am Gärtnerplatztheater

Vollmundig wurde die Neuinszenierung angekündigt als erste „bayerische“ Fassung. Als gebürtige Münchnerin fragte ich mich zwar sofort „Was denn für ein Bayerisch?“ (spricht ein Münchner doch ganz anders als ein Garmischer, Tölzer, Rosenheimer oder Traunsteiner…), ich ließ mich aber gerne überraschen. Was dann kam, übertraf sprachlich meine schlimmsten Befürchtungen. Nein, liebe österreichischen Freunde, es reicht nicht, ein paar Ausdrücke ins Bayerische zu übertragen, es ist hauptsächlich die PHONETIK, insbesondere die Vokale und Diphtonge, die das (westmittel)Bairische (linguistisch korrekt geschrieben), wie es in Bayern gesprochen wird, vom (ostmittel)Bairischen Österreichs unterscheidet. Und genau hier sind wir am springenden Punkt, warum es so absolut unpassend ist, gerade My Fair Lady in einer Mundart zu inszenieren, die dem Großteil des Ensembles und der Gäste fremd ist:

Es handelt sich in diesem Stück im Kern um die These, dass Sprache Identität ausmacht. Professor Higgins ist in der Lage, einen Sprecher nach ein paar Sätzen fast auf die Straße genau einem Londoner Stadtviertel zuzuordnen – was im viktorianischen England einem sozialen (Negativ)-Stempel gleichkam. Und er wettet mit Oberst Pickering, dass es ihm gelingt, ein einfaches Blumenmädchen mit üblem Cockney-Slang in sechs Monaten mit Sprachdrill zur Lady zu machen. Das ist per se im Deutschland des 21. Jahrhunderts kaum mehr nachvollziehbar, wo es spätestens seit Franz Joseph Strauß absolut in Ordnung ist, wenn ein Politiker oder eine Person der Gesellschaft breiten Dialekt spricht. Insofern war es durchaus eine kluge Entscheidung von J. E. Köpplinger, seine My Fair Lady in der Originalzeit Anfang des 20. Jahrhunderts anzusiedeln und sie eben nicht in der heutigen Zeit spielen zu lassen. Was ihn dann zu dem absoluten Fehlgriff verleitet hat, seinem mehrheitlich österreichischen (wienerischen) Ensemble ein „bayerisches“ Kauderwelsch aufs Auge zu drücken, ist mir ein absolutes Rätsel. Warum nicht eine Wiener Fassung, bei der sich die Darsteller sprachlich richtig hätten austoben können? War es Anbiederung an die Münchner oder mangelndes Selbstbewusstsein (Sprache ist Identität!!!)?

Am deutlichsten fällt das bei Eliza Doolittle (Nadine Zeintl) auf. Sie bemüht sich in manchen Passagen redlich, die bayerische Klangfarbe zu imitieren, aber immer, wenn sie besonders intensiv spielt, fällt sie in eine Wienerische Diktion zurück, die für bayerische Ohren nur noch ordinär klingt (der Bayer ist nämlich extrem sensibel, was Sprachebenen angeht, das merkt der Nichtbayer nur meistens nicht…). Gänzlich haarsträubend wird es, wenn Eliza mit ihrem Vater (Robert Meyer) zusammentrifft (dem man zwar anhört, dass er schon sehr lange in Wien lebt, der aber von Szene zu Szene mehr in seinen Heimatdialekt zurückfindet). Da ist dann das Kauderwelsch perfekt und der Zuhörer glaubt nicht mehr, dass Eliza wirklich die Tochter von Alfred P. Doolittle sein soll. Das ist extrem schade! Denn Nadine Zeintl ist eine hervorragende Schauspielerin und Sängerin! Besonders in der Szene, wenn sie vom Botschaftsball zurückkehrt, hat sie mich zu Tränen gerührt: da sitzt Eliza, der eigentliche Star des Abends, wie ein Häuflein Elend am Rand der Bühne und es rinnen ihr echte (!) Tränen der Erschöpfung und der Enttäuschung übers Gesicht. So zerbrechlich ist dieses Wesen, das doch eine so große Entwicklung in dem Stück durchmacht. Ich hätte sie in den Arm nehmen mögen und trösten. Absolut großartig – aber die Regie lässt sie leider über weite Teile des Stückes nicht so, wie sie könnte. Und das liegt (quod erat demonstrandum!) an der sprachlichen Identität, in die sie unglücklicherweise aus absolut nicht nachvollziehbaren Gründen gezwängt wird und die ihrer eigenen total widerspricht.

Michael Dangl gibt einen von sich selbst absolut überzeugten Professor Henry Higgins, der gnadenlos auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampelt. Ein wenig mehr englischen Snobismus der Upperclass hätte ich mir vielleicht noch gewünscht, aber das ist eben Interpretationssache und tut der Stimmigkeit der Figur keinen Abbruch.

Oberst Pickering (Friedrich von Thun) bleibt eigentümlich blass, was vielleicht daran liegen mag, dass Friedrich von Thun nicht vom Theater, sondern vom Film kommt. Mit einer 10fach-Vergrößerung im Opernglas sieht man, dass er durchaus sehr gut spielt – nur eben fürs Theater „zu klein“. Mit ein wenig Übung auf dem ungewohnten Terrain ist sicher noch viel Luft nach oben und ich freue mich, darauf, wenn ich die feine Mimik auch ohne Zoom verstehen kann.

Mit Cornelia Froboess als Mutter Higgins, Maximilian Mayer als Freddy Eynsford-Hill und Dagmar Hellberg als Haushälterin Mrs. Pearce fährt J. E. Köpplinger auch in den Nebenrollen absolute Hochkaräter des Musiktheaters auf – Chapeau an alle!

Bühne und Kostüme sind klar, wenngleich nicht so detailverliebt wie die Vorgängerfassung aus den 80er Jahren, die Choreografie rasant, wie wir sie schon von früheren Köpplinger-Inszenierungen kennen. Mir persönlich manchmal ein bisserl zu viel Action für ein szenenweise doch sehr kammerspielartiges Stück, aber das ist sicherlich Geschmackssache.

Im Orchestergraben habe ich an manchen Stellen das sonst so „organische“ Zusammenspiel des aufeinander eingespielten Staatsorchesters am Gärtnerplatz vermisst. Das mag an der für die neue Akustik und für eine Broadwaybesetzung etwas unglücklichen Orchesteraufstellung liegen und vielleicht auch einfach daran, dass sich die Musiker bei dieser Aufstellung zu wenig untereinander hören können. Hier ist sicher noch Potenzial zum Austesten, was der umgebaute Graben und die Akustikpaneele wirklich hergeben.

Auch die Tontechnik braucht nach dem Umbau noch etwas Anlaufzeit. Textpassagen, die über das Orchester dringen müssen, sind schlecht bis gar nicht zu verstehen und auch bei Szenen, wo durcheinander gesprochen wird ist noch Verbesserungspotenzial drin. Da bin ich aber ganz zuversichtlich, dass das nur Anlaufschwierigkeiten sind, da ja die Akustik im vollen Haus erst bei der Premiere wirklich hörbar wird und Erfahrungswerte (noch) fehlen.

Dem Münchner Publikum scheint es jedenfalls gefallen zu haben und auch wenn ich in der Pause mehrfach gehört habe, dass das ganze doch „sehr österreichisch klingt“, hat das dem Vergnügen der meisten keinen Abbruch getan und die Standing Ovations lassen eine lange erfolgreiche Laufzeit des Stückes erwarten.

Fazit: Für Nichtbayern und Zuagroaste aller Art uneingeschränkt zu empfehlen, sprachsensible Bayern sollten sich eine dicke Haut zulegen, nicht eingeschnappt sein und manchmal einfach weghören… Mein persönliches Lieblingsstück wird es nicht, ich bin da zu sensibel und komme mir als Bayerin stellenweise geradezu „verarscht“ vor – als Wiener Fassung könnte ich es deutlich mehr genießen.

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Madama Butterfly, 24.01.2018, Bayerische Staatsoper

Wenn man eine Oper schon mehr als zwei Dutzend Mal gesehen hat und auf einmal einen ganz neuen Aspekt darin entdeckt, dann sind das genau die Sternstunden, für die es sich lohnt, Zeit und Geld zu investieren und Stücke mehrfach – sogar in derselben Inszenierung – zu sehen. So geschehen gestern in der Bayerischen Staatsoper mit “Madama Butterfly” von Puccini.

Altbekannte Handlung voller Schmalz und Herzschmerz: Amerikanischer Marineoffizier heiratet auf japanische Art (Scheidung jederzeit ohne Umstände oder Formalitäten durch einfaches Verlassen der Ehefrau möglich) eine Geisha aus einer guten, aber verarmten Familie. Problem bei der Sache ist nur, das das junge Mädchen sich ernsthaft in den Ausländer verliebt hat und voller Treue an der Beziehung festhält, auch längst, nachdem dieser wieder nach Amerika abgereist ist, “um eine echte Amerikanerin zu heiraten”. Operndramaturgisch bleibt ihr nur der Freitod, denn “in Ehren sterbe, wer nicht in Ehren leben kann”.

Die Münchner Inszenierung von 1973 gibt durch viele Knickse und gefaltete Hände eigentlich eine unterwürfige und stets lächelnde Cio Cio San vor – umso erstaunlicher, wie es die südamerikanische Sopranistin María José Siri trotzdem schafft, ihre Butterfly durchaus selbstbewusst zu gestalten: Als ein Mädchen mit Prinzipien und Werten, die auch die Konsequenzen zu tragen bereit ist. Von der Familie verstoßen gibt sie in ihrem Stolz auch dem Werben des reichen Yamadori nicht nach, weil sie felsenfest davon überzeugt ist, dass ihre Ehe mit Pinkerton – obwohl in Japan geschlossen – Bestand hat. Was oft (gerade in dieser Inszenierung) als kindliche Naivität und Trotzköpfigkeit dargestellt wird, macht Maria José Siri in einer anderen Deutung absolut plausibel. So wie sie singt, ist Cio Cio San nicht das unbedarfte Mädchen, das zu Unterwürfigkeit erzogen wurde, sondern eine junge Frau, die sich konsequent für ihren Geliebten entscheidet, wohl wissend, dass ihr dieser nicht dieselben tiefen Gefühle entgegenbringt wie sie ihm. Eine junge, mutige Frau, die mit stolz erhobenem Haupt die Demütigungen ihrer Familie und der Gesellschaft trägt, bis hin zum Tod. Absolut sicher in allen Stimmlagen verleiht Maria José Siri der Figur unglaubliches Leben und überzeugt auf ganzer Linie.

Zweite Überraschung an diesem Abend war die Interpretation des B. F. Pinkerton durch den sibirischen Tenor Alexey Dolgov. Noch nie habe ich einen so wenig “schön gesungenen” Pinkerton gehört wie gestern. Zunächst war ich befremdet und vermisste weiches Timbre und italienische Tenorseligkeit. Aber schon bald wich dieses Befremden der Erkenntnis: Dieser Pinkerton ist ein Eisklotz, rücksichtslos und mit Prinzipien: America for ever! (Er hätte genausogut “America first” singen können…) Da passt eine Japanerin nicht als Ehefrau. Und schmachtende Töne eben auch nicht. Alexey Dolgov gibt einen knallharten Typen, der sich nicht im Ansatz bemüht, die kulturelle Verschiedenheit zwischen Amerika und Japan auch nur zu sehen, geschweige denn, sich darauf einzulassen. So hochmütig und fast schon verächtlich habe ich noch keinen Sänger mit den Ahnenfigürchen der Butterfly herumspielen gesehen – darstellerisch und stimmlich. Genauso rücksichtslos wie er mit den Gefühlen von Cio Cio San spielt ist er am Ende auch gegen sich selbst. In der einzigen Arie zeigt Alexey Dolgov, dass er durchaus “schön” kann – kurz erlaubt es der Sänger seiner Figur, auch mal Gefühl zu zeigen (Addio, fiorito asil), aber es ist nur eine Traumwelt, die er ja nie so zulassen konnte. Der Mut, den Butterfly von Anfang an hatte, den hat dieser Pinkerton nie besessen. “Ich bin ein Feigling” … bei Dolgov könnte der Text genauso lauten “ich bin ein Arschloch”.

Gewohnt mitfühlend war die großartige Okka von der Damerau als Suzuki. Matthew Grills legt seinen Goro als spitzbübischen Kuppler an, der jedoch tiefes Mitgefühl für Cio Cio San zeigt – mehr als ich es bisher bei dieser Rolle wahrgenommen habe.

Daniele Callegari leitete das Bayerische Staatsorchester souverän und mit typisch italienischem Schwung, immer vorwärtsdrängend und nie langweilig, er gibt den Orchestersolisten den nötigen Raum, nicht nur mit den Kollegen im Graben, sondern mit der Bühne zu kommunizieren.

Insgesamt ein herrlicher Abend, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Bravi tutti!!!

Nur noch 26. und 30.01.2018, jeweils 19 Uhr in der Bayerischen Staatsoper (Restkarten).
Musikalische Leitung Daniele Callegari
Inszenierung Wolf Busse
Bühne Otto Stich
Kostüme Silvia Strahammer
Chor Stellario Fagone

Cio-Cio-San Maria José Siri
Suzuki Okka von der Damerau
B. F. Pinkerton Alexey Dolgov
Kate Pinkerton Niamh O’Sullivan
Sharpless Levente Molnár
Goro Nakodo Matthew Grills
Der Fürst Yamadori Sean Michael Plumb
Onkel Bonzo Peter Lobert
Yakusidé Oleg Davydov
Der Kaiserliche Kommissär Boris Prýgl

Dieses Video zeigt zwar nicht die Inszenierung der Bayerischen Staatsoper, aber man kann sich einen guten Eindruck von der Sängerpersönlichkeit von Maria José Siri machen.

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