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Premiere “Der tapfere Soldat”, 14.06.2018, Gärtnerplatztheater

Wenn es auch gerne in alten Filmen und Bühnenstücken so dargestellt wird, ist das Leben als Soldat alles andere als idyllisch. Das zeigt uns Regisseur Peter Konwitschny bereits in den ersten Minuten seiner Version des Tapferen Soldaten, die am 14. Juni im Gärtnerplatztheater Premiere feierte. Im Schlafzimmer der jungen Nadina schlagen schon zu Beginn Granaten ein, die Wand hat Brandspuren und der Herrenchor robbt in Uniform durch ihr Zimmer und nimmt dabei das Bett der jungen Frau auseinander. Trotzdem träumt das junge Mädchen von ihrem heroischen Verlobten Alexius, ebenso wie die verarmte Cousine Macha, die als Zofe schuften muss.
Als in Nadinas Zimmer eines nachts der feige, übermüdete und hungrige Schweizer Bumerli landet, der für die feindlichen Truppen kämpfte, wird ihre Zuneigung zu Alexis durch die Erzählungen des Flüchtlings jedoch schnell erschüttert. Nadina, ihre Mutter Aurelia und Mascha geben ihm Nahrung und Asyl und stecken ihm Fotos von sich zu, die im späteren Verlauf des Abends noch für allerhand Verwirrungen sorgen sollen.
Nach dem Verschwinden Bumerlis träumt Nadina vor einem Matterhorn-Plakat nun doch von einem idyllischen Leben mit dem scheinbar friedliebenden Schweizer und steht den heroischen Allüren ihres aus der Schlacht zurückgekehrten Vaters und ihres Verlobten eher abweisend gegenüber. Schließlich scheint sie im letzten Teil, in dem der Krieg draußen als auch im Hause Popoff eskaliert ist und Alexis sich mit Mascha verlobt hat, endlich mit ihrem Schweizer vereint. Der hat jedoch eine unerwartete Überraschung für sie und ihre skeptische Familie parat.

Foto: Christian POGO Zach


Regisseur Konwitschny geht an den Stoff, der auf den deutschen Bühnen nicht so häufig zu finden ist, mit viel Augenzwinkern und schwarzem Humor heran. Nadina, gespielt von Sophie Mitterhuber, ist anfangs eigentlich recht verträumt und naiv, da ihr die Vaterlandsliebe von allen Seiten eingetrichtert wurde. Dass sie sich schnell mit dem gestrandeten Bumerli anfreundet, zeigt jedoch deutlich, wie weit her es mit ihrem Patriotismus tatsächlich ist. So entwickelt sich Mitterhubers Charakter von dem idealistischen jungen Mädchen schnell zur selbstbewussten Frau, die nun eher zickig auf ihre militärversessene Familie reagiert und desillusioniert bemerkt, wie dumm ihr Verlobter eigentlich ist. Den gibt Maximilian Mayer herrlich hohl und zackig, mit dem sprichwörtlichen Stock im Hintern. Trotzdem ist Alexis ein Meister des Versteckspiels mit seiner eigentlich Geliebten Mascha, die er anfangs nur wegen ihrer verarmten Familiensituation nicht heiraten will, ihr aber in Nadinas Armen verliebte Seitenblicke zuwirft. Und seien wir einmal ehrlich, wirklich treu ist niemand an diesem Abend. Oberst Popoff baggert seine Nichte an, dessen Frau Aurelia den jungen Schweizer und trotzdem scheinen – fast – alle am Ende irgendwie glücklich zu werden.

Foto: Christian POGO Zach

Bei all dem Militarismus ist tatsächlich Daniel Prohaska als Bumerli mit schweizer Akzent und Toblerone in der Tasche wohl für die meisten der Sympathieträger der Inszenierung. Er hat es aber auch schwer in Konwitschnys Inszenierung, erst muss er vom Krieg fliehen, dann bedrohen ihn die Damen mit Gewehren und zuletzt wird er noch von seiner Liebsten gequält. In der Beziehung von Bumerli und Nadina lässt der Regisseur aber auch wirklich keinen Kitsch aufkommen, lieber legt er im dritten Akt die ganze Welt in Schutt und Asche und aus den zarten Spitzenkleidern in Pastelltöne werden schmutzige Fetzen. Die Kostüme von Johannes Leiacker werden so vom Rüschentraum zu einem düsteren Fundus, der eher an einen Tim Burton-Film erinnert. Das Bühenbild bleibt dabei mit wenigen Versatzstücken eher schlicht, mit Bett und Blumenfeld, die jedoch auch schon in den ersten beiden Akten schnell zerstört werden.

Ganz viel Absurdes und Slapstick bekommt man beim Tapferen Soldaten im Gärtnerplatztheater vorgesetzt. Das wirkte auf manche Zuschauer – inklusive mich selbst – vielleicht erstmal sogar ein bisschen viel, man muss die Inszenierung auf sich wirken und sie sich vielleicht auch nochmal durch den Kopf gehen lassen. Der schwarzhumorige Ton im dritten Akt setzt dem optischen Kitsch der ersten beiden jedoch einiges entgegen und aus der romantischen Liebesgeschichte wird eine gekonnte Kritik an der Verherrlichung des Soldatentums, die ja in manchen Ländern wie den USA durchaus heute noch betrieben wird.

Das Orchester unter der Leitung von Anthony Bramall lässt die Musik von Oscar Straus rasant vorangaloppieren, was perfekt zum Tempo der Inszenierung passt. Die Darsteller und der Chor zeigen gesanglich und darstellerisch wieder einmal, was sie können und sorgen so, trotz vereinzelter Verwirrung um die Inszenierung, durchaus für viele Lacher und begeisterten Applaus im Publikum. Spielerisch ist diese Inszenierung mit ihren Gegensätzen sicher nicht einfach, trotzdem darf man sich bestens unterhalten fühlen.

In dieser Saison ist Der tapfere Soldat noch am 29. Juni sowie dem 4., 7. und 8. Juli zu sehen, in der nächsten Spielzeit dann nochmals im April.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/tapfere-soldat.html/m=279


Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie: Peter Konwitschny
Bühne / Kostüme: Johannes Leiacker
Licht: Michael Heidinger
Choreografische Beratung: Karl Alfred Schreiner
Choreinstudierung: Karl Bernewitz
Dramaturgie: Bettina Bartz, Michael Alexander Rinz

Oberst Kasimir Popoff: Hans Gröning
Aurelia, seine Frau: Ann-Katrin Naidu
Nadina, beider Tochter: Sophie Mitterhuber
Mascha, eine junge Verwandte: Jasmina Sakr
Major Alexius Spiridoff: Maximilian Mayer
Bumerli: Daniel Prohaska
Hauptmann Massakroff: Alexander Franzen

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Interview mit Saimir Pirgu

Foto © Paul Scala

Foto © Paul Scala

Saimir Pirgu (*1981) ist ein albanisch-italienischer Sänger, der zurzeit in München an der Bayerischen Staatsoper den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto singt. Pirgu ist als lyrischer Tenor mit den großen Partien seines Fachs an allen großen Bühnen der Welt zu Gast und hat mit namhaften Dirigenten und Regisseuren gearbeitet.

Das Gespräch fand am 16. Juni 2018 in der Rheingoldbar der Bayerischen Staatsoper statt.

PS: Hallo, Herr Pirgu, es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen für unser Gespräch.

SP: Gerne.

PS: Als Zuschauer hat man ja unterschiedlichste Vorstellungen von dem Beruf des Opernsängers. Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?

SP: Das ist das Reisen. In welchem anderen Beruf hat man schon die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen? Schauen Sie, es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ich noch nicht besucht habe. In den meisten mache ich gar kein Sightseeing mehr, weil ich sie schon kenne. [lacht] Und überall komme ich schnell in Kontakt mit dem Land, den Gebräuchen, den Menschen, finde Freunde. Das ist toll. Die Kunst der Musik ist international und überall sind Menschen, die sie berührt.

PS: Sind Sie es, der mit der Musik die Menschen berührt?

SP: Es ist die Musik selbst, ich bin ja nur Ausführender. Das kommt ja auch auf den Dirigenten und die Inszenierung bzw. die Regie an.

PS: Inwieweit können Sie denn bei so vielen unterschiedlichen Inszenierungen Ihre eigene Vorstellung von einer Rolle, hier in München zurzeit den Duca di Mantova in Verdis Rigoletto, umsetzen?

SP: Ich bin ja sozusagen als Sänger das Material, durch das ein Regisseur seine Vorstellung umsetzt, das istmein Job. Wenn der eine sagt „mach es so“ und der andere „mach es so“, dann mache ich es halt. Ich singeeben, es ist letztlich die Musik, die das transportiert. Ich stehe schließlich jeden Abend im Löwenkäfig und manchmal gewinnt man und manchmal verliert man auch. Das ist normal.

PS: Wie gehen Sie an das Rollenstudium heran?

SP: Zuerst schaue ich mir natürlich die Noten an, aber als junger Sänger höre ich mir auch Aufnahmen von anderen Sängern, die das schon gemacht haben, an. Ich lese viel über das Stück, aber die Musik ist schon das wichtigste.

PS: Was ist der Duca di Mantova für eine Persönlichkeit?

SP: Der Duca ist ein gewissenloser Mensch, er hat ja auch nie Armut kennengelernt. Er ist reich geboren und wenn ihm jemand nicht passt, dann macht er ihn einen Kopf kürzer. Ihn oder einen anderen, das ist ihm egal. Viele meinen, er liebt die Frauen. Ja, das auch, aber das ist ein Nebenaspekt. Dem geht es um seine Interessen und er gewinnt am Schluss auch. Anders als Rigoletto. Der ist arm geboren, kommt an den Hof und am Schluss verliert er alles. Der macht eine Entwicklung durch. Der Duca di Mantova bleibt der, der er war.

PS: Sie meinen, das ist ganz unabhängig vom Regiekonzept?

SP: Ja. Das Gute kann man nicht schlecht machen, aber ich verstehe nicht, wieso dieses Grau in Grau auf der Bühne inzwischen überall so verbreitet ist – und damit meine ich überhaupt nicht moderne Inszenierungen allgemein. Ich habe schon sehr moderne Inszenierungen gespielt, die eine tolle Aussage hatten. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob mit dem Grau in Grau das Nichts zum Inhalt erhoben wird und das ist nicht OK. Wahrscheinlich dürfte ich das jetzt gar nicht sagen, weil man mich sonst an manchen Orten nicht mehr einlädt, aber es ist eine Wahrheit, die kaum einer gerne hört. Wie viele Buhrufe erleben Sie denn so bei Premieren?

PS: Immer mal wieder, aber tendenziell eher wenige.

SP: Sehen Sie. Wenn keiner hinginge, dann würden sich solche Inszenierungen auch nicht halten können. Ein Intendant würde eine Produktion absetzen, wenn sie sich nicht verkauft. Aber solange die Leute hingehen, passiert nichts.

PS: Sie haben ja mit vielen sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet.

L'Elisir d'Amore, Wiener Staatsoper - Foto ©Michael Pöhn

L’Elisir d’Amore, Wiener Staatsoper – Foto ©Michael Pöhn

SP: Ja, wenn ich noch an Zefirelli denke … da habe ich in dem Kostüm des Duca – so ein richtiges, opulentes! – ordentlich geschwitzt. [lacht] Nicht, dass das jetzt das einzig Wahre gewesen ist – die Münchner Inszenierung ist zum Beispiel modern, aber schlüssig und überzeugend. Auch in Zürich hatten wir eine sehr gute moderne Inszenierung. Ich weiß aber nicht so recht, was die Aussage ist, wenn ich in Unterhosen auf der Bühne stehe… Ich meine, es ist ja doch ein Herzog … Da wäre es manchmal besser, man würde eine Oper konzertant geben.

PS: Sie hatten in Ihrem Leben sehr wichtige Mentoren und künstlerische Vorbilder. Wie haben die Sie beeinflusst und wie ist Ihr Verhältnis zu Dirigenten allgemein?

SP: Als junger Sänger schaut man ja immer „wie machen es die anderen“. Was dann am Schluss in die eigeneEntwicklung eingeht, kann ich wahrscheinlich erst in vielen Jahren rückblickend sagen. Claudio Abbado war sicherlich sehr wichtig für mich. [Abbado hat Saimir Pirgu 2003 entdeckt und als 22jährigen als Ferrando in Mozarts Così fan tutte nach Ferrara eingeladen, Anm. d. Verf.] Aber auch Harnoncourt und viele andere. Ein Dirigent bildet ja sozusagen mit dem Orchester einen Teppich für mich, auf dem ich dann erst fliegen kann. Ja, eine Art Fliegender Teppich, das ist wie Zauberei. Wenn der Dirigent nicht passt, dann stehen Sie als Sänger allein auf weiter Flur und im Angesicht der Löwen.

PS: Das klingt sehr anstrengend… Was ist denn an Ihrem Beruf das weniger Schöne?

SP: Das ist sicher auch das Reisen. Wenn ich in einer Stadt bin und Freundschaften schließe und dann nach sagen wir zwei oder drei Jahren wieder dort hinkomme, dann kennen mich die meisten noch recht gut, ich umgekehrt aber nicht. Das ist manchmal schade, aber es gehört eben dazu. Und das Reisen selbst und das Herumkommen in der Welt ist ja toll.

PS: Eine Studie besagt, dass Berufsmusiker einem erhöhten Stressrisiko ausgesetzt sind. Hat das vielleicht damit zu tun? Oder ist es eher der Perfektionismus der Künstler?

SP: [schaut überrascht] Ja? Ich weiß nicht, ich glaube, das ist normal und gehört dazu. Es ist eben nicht ein Job für jeden und es hält sich langfristig nur der, der damit klarkommt. Mit dem Reisen und mit dem Löwenkäfig, meine ich. Und mit Perfektionismus habe ich es nicht so. Klar, man strebt schon irgendwie nach Perfektion, aber was wäre denn dann, wenn man dort angekommen wäre? Dann gäbe es ja nichts mehr.

PS: Ist das Ihr Rezept gegen Stress?

SP: Ich weiß nicht, vielleicht. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch und wenn ich morgens aufstehe und mich im Spiegel anschauen kann, dann ist das doch schon was!

PS: Herr Pirgu, ganz herzlichen Dank für das interessante Gespräch, ich freue mich, Sie am Mittwoch in der Vorstellung erleben zu dürfen.

SP: Dankeschön und eine gute Vorstellung.

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Premiere “Sherlock Holmes und der Tod des Bayernkönigs”, 09.06.2018, Blutenburg-Theater München

© Volker Derlath

© Volker Derlath

Seit nunmehr 132 Jahren schwebt ein großes Mysterium durch die bayerische Geschichte: der Tod des Märchenkönigs Ludwig II.. Noch immer sind sich die Menschen nicht einig, ob der entmündigte Monarch freiwillig im Starnberger See sein Leben ließ oder ob nicht  nachgeholfen wurde.
Die Autoren Otto Beckmann und Anatol Preissler – der auch das Stück in Deutschlands ältester Kriminalbühne inszenierte – haben sich unter den Decknamen Dogberry und Probstein diesen Mythos vorgenommen und ihn in eine hinreißend absurde Komödie eingewoben.
Dabei begegnen uns, wie der Titel schon verrät, der berühmte Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein Kamerad John Watson. Die beiden werden eines Tages in London von einer geheimnisvollen Dame besucht, die sich als Therese von Bayern entpuppt. Sie sucht Hilfe für ihren Vetter Ludwig, der nicht nur das merkwürdige Verschwinden der Besatzung seiner Ägypten-Expedition zu verkraften hat, sondern nun auch noch von einer sprechenden Mumie im Keller seines Schlosses tyrannisiert wird. Die Mumie ist alles, was von der Expedition übrig ist und der König fürchtet durch den nächtlichen Spuk seinen Verstand zu verlieren. Also machen sich Holmes und Watson per Schiff, Eisenbahn und Transrapid-Kutsche auf den Weg nach Bayern. Auf ihrer Reise begegnen ihnen allerhand merkwürdige Gestalten wie sprechende Bilder, weihrauchende Gottesmänner und aufmüpfige Statuen.
Das klingt nach vielen Figuren auf der Bühne und tatsächlich kommen fast vierzig Charaktere in dieser Komödie vor. Für die stehen jedoch nur vier Darsteller auf der Bühne. Holmes und Watson werden von Julian Manuel und Uwe Kosubek gespielt, alle anderen Damen, Herren und Sonstiges von Wolfgang Haas und Martin Dudek. Das klingt schräg und ist es auch definitiv, das Publikum – inklusive mir – hat bei der Premiere kaum eine Sekunde ohne Lachen verbracht.

© Volker Derlath

© Volker Derlath

Das Konzept dieser Komödie würde natürlich nicht ohne das richtige Drumherum nicht funktionieren. Das Bühnenbild von Peter Schultze ist für das Blutenburgtheater ungewohnt minimalistisch, aber so kann sich die winizige Bühne innerhalb von Sekunden dank kleiner Details von der Baker Street in ein Schiff, ein Zugabteil, eine Kirche oder eine Gruft verwandeln. Die zahlreichen, aufwändigen Kostüme stammen von Andreas Haun, den das Publikum eher als Darsteller auf der Bühne gewohnt sind und der für diese Produktion viele Wochen im Kostümfundus und an der Nähmaschine verbracht hat. Dabei hat tatsächlich quasi jede Figur ein vollwertiges Kostüm, was für die beiden Darsteller natürlich nicht nur kuschelig warm wird, sondern auch zu lustigen, sekundenschnellen Umzügen auf der Bühne führt.
Aber das Highlight dieser Inszenierung sind aber auf jeden die vier Darsteller. Julian Manuel ist ein jugendlich-aufgedrehter Meisterdetektiv, der ganz im Sinne der Romanvorlage auch unter Einfluss von Kokain seine genialen Schlüsse zieht. Er leitet das Publikum temperamentvoll durch die herrlich absurde Geschichte. Sein Freund Watson wird von Uwe Kosubek als sympathisch-tollpatschiger Frauenheld gespielt, außerdem darf er in die Rolle des Märchenkönigs persönlich schlüpfen. Die größte Herausforderung haben jedoch Wolfgang Haas und Martin Dudeck mit jeweils rund einem Dutzend Rollen. Haas spielt nicht nur eine bezaubernde Therese, sondern auch den völlig irren ehemaligen Hofapotheker oder einen urigen Kuhhirten. Vor allem durch seine Fähigkeit, verschiedene Dialekte überzeugend nachzuahmen, gibt er jeder Figur etwas Besonderes. Martin Dudeck darf nicht nur die liebliche Haushälterin Mrs. Hudson und einen sehr verstoiberten Minister spielen, sondern ist auch ganz ohne Reden wundervoll als Mumie. Dudeck kann wieder sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen, mit dem er regelmäßig die Lachmuskeln der Zuschauer strapaziert.
Dank der Regie von Anatol Preissler ist diese Komödie rasant und wird keine Sekunde langweilig. Es wird gesungen, getanzt, es gibt viel Slapstick und plötzlich kann es auch ganz still und ernst werden. Eine gute Mischung, bei der nicht nur Sherlock Holmes- und König Ludwig-Fans auf ihre Kosten kommen.
Fünfmal die Woche kann man die vier Herren auf der Bühne des kleinen Theaters erleben, Infos zum Kartenvorverkauf sind auf der Webseite zu finden.

http://www.blutenburg-theater.de/sitzplan.html

weitere Termine: bis 21. Juli und von 21. August bis 29. September, Dienstags bis Samstags um 20 Uhr

Julian Manuel: Sherlock Holmes
Uwe Kosubek: Dr. Watson
Wolfgang Haas: Therese von Bayern  / Breznverkäuferin / Echo / Bauer / Kapitän / Amor / Apotheker / Pfarrer Blasius / Sekretär Huber / Hofnarr / Schauspieler / Agatha Christel / Fischer / Schulz
Martin Dudeck: Mrs. Hudson / Schaffner / Schwabe / Hercules Peugeot / Diener / Wirt / Gärtner / Waschweib / Pfarrer Dominikus / Mumie / Kutscher / Lutz / Ritter / Schauspieler / Dr. v. Gudden / Folterkeller-Ehrhardt

Regie: Anatol Preissler
Kostüme: Andreas Haun
Bühne: Peter Schultze
Sound: Andreas Harwath
Licht: Tom Kovacs

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Lesung Andreas Izquierdo, 08.06.2018, Düsseldorf

Cover Insel Verlag

Cover Insel Verlag

Die Lesung fand im ausverkauften Gemeindesaal in Düsseldorf-Rath statt und zu Beginn wurde Andreas Izquierdo kurz vorgestellt. Er ist als Autor und Drehbuchautor tätig, seine Romane erschienen seit 1995 bei verschiedenen Verlagen. Seine bekanntesten Bücher sind „Apocalypsia“, „Das Glückbüro“ und „Der Club der Traumtänzer“.

„Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“ ist sein neuestes Werk und er las sehr ausführlich aus den ersten Kapiteln.

Die Zuhörer lernten die sehr resolute 88-jährige Hedy von Pyritz kennen, die keinen Widerspruch duldet und in einem kleinen Ort im Münsterland lebt. Das Echo auf ihre Anzeige in den „Westfälischen Nachrichten“ (»Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.« ) in der Zeitung ist enttäuschend. Also sucht sie in ihrem Umfeld nach einem passenden Begleiter und entscheidet sich für ihren neuen Physiotherapeuten Jan, den sie gerne fördern möchte. Jan auf der anderen Seite versucht sich so gut wie möglich gegen Fräulein Hedys Methoden zu wehren.

Es folgte eine kurze Pause, danach ging es weiter mit den nächsten Kapiteln, die gekonnt gelesen das Publikum gut unterhielten. Fräulein Hedy merkt, dass Jan direkte Anweisungen nicht befolgt und beginnt, ihm gezielt Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen, um ihn in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken. Die Spannungen zwischen den sehr unterschiedlichen Hauptfiguren, ihre so unterschiedlichen Biographien und Fräulein Hedys Vorstellungen sorgen für viel Situationskomik.

Im Anschluss an den Leseteil forderte Andreas Izquierdo das verdutzte Publikum zum Fragen auf: Die Tür sei abschlossen, er sei offen für Fragen und könne aber auch mit Stille gut leben. Es folgte eine gute halbe Stunde voller Fragen und ausführlicher, mal humorvoller, mal ernster Antworten.

Wie er auf das Thema Frauen und Flugzeuge gekommen sei?

Jene Frauen in den 1920er und 1930er Jahren hätten ihn schon immer fasziniert, die Emanzipation schon gelebt hätten bevor es das Wort gab. Sicherlich gäbe es auch heute noch einige gläserne Decken für Frauen, aber Elly Beinhorn, Beate Uhse und viele andere hätten damals eigentlich Unmögliches getan.

Irgendwann sei Hedy in seinem schreibenden Leben aufgetaucht. Damit er über diese Zeit erzählen konnte, musste sie Pilotin sein. Auf dem Titelbild des Buchs ist Emilia Earhart abgebildet, deren Schicksal ihn sichtlich berührte. Ausgerechnet über einer unbewohnten Insel abzustürzen sei besonders übel. Mit seinem Buch habe er den verrückten Frauen in ihren fliegenden Kisten ein Denkmal setzen wollen.

Die Recherche sei schnell gegangen. Der Ort Pyritz liege heute in Polen und sei damals ein pommersches Rothenburg ob der Tauber gewesen. Leider wurde es 1945 dem Erdboden gleichgemacht und bei seiner Reise dorthin habe er nur sozialistische Nachkriegsbauten gesehen. Vom alten Flair sei nichts mehr übrig gewesen und die Reise hätte er sich eigentlich sparen können. Im Militärhistorischen Museum in Berlin habe er viel von Experten gelernt. Über die Flieger selbst, die Munition und was in einer Luftschlacht im Cockpit passiert sei.

Er sei ein visueller Mensch, arbeite auch als Drehbuchautor und oft hätte schon ein Bild aus jener Zeit ausgereicht um einen Film bei ihm ablaufen zu lassen. So zum Beispiel Fotos des Berliner Varietés “Die weiße Maus” mit nur 99 Plätzen, in dem die Gäste Augenmasken trugen, um die Vergangenheit draußen zu lassen. (Laut Andreas Izquierdo waren es weiße Masken, auf den Fotos hier sind es schwarze.)

Ob die Figuren authentisch seien und Hedy seine Großmutter?

Nein, es habe zwar ein optisches Vorbild gegeben, aber kein charakterliches. Seine alte Tante im Rollstuhl in Spanien sei das optische Vorbild und die Ausgangsituation mit der Anzeige sei durch einen Zufall entstanden. Eine Haushälterin habe in Spanien von einer Dame erzählt, die zum Nacktbadestrand wollte. Er habe das Wort „annunzio“ als „Anzeige“ verstanden und schon Bilder vor seinem inneren Auge gehabt. Erst später habe er erfahren, dass „Werbung“ mit alten Damen gemeint war – doch da war die Idee schon geboren und plötzlich sei Hedy dagewesen. Die so geöffnete Tür müsse man als Autor ganz aufmachen und die Ideen hereinlassen.

Die ungekürzte Hörversion erscheine am 28.6., gelesen von Michael Schwarzbach. Zu seinem Bedauern ausschließlich über audible, nicht im Buchhandel verfügbar. Die Lesung gefalle ihm sehr gut, die Figuren würden lebendig. (Nein, diese Frage war nicht von mir. ;-) )

Sein nächstes Buch werde den Titel „Der Therapeut“ tragen. Zum Inhalt könne er noch nicht viel sagen, bisher habe er nur die Grundidee. Seiner Meinung nach wir nirgendwo so viel gelogen wie beim Therapeuten und vielleicht bei der Polizei. Beide seien auf der Suche der Wahrheiten, die eventuell wehtut. Er sei sich noch nicht sicher, ob es vielleicht Krimielemente geben werde.

Ob er beim Beginn des Schreibens schon das Ende kennen würde?

Ja, das stehe dann schon fest. Er finde es etwas respektlos dem eigenen Beruf gegenüber, wenn er ohne das Ende zu kennen beginnen würde. Er glaube, es brauche Vorbereitung und zum Beispiel Gehirnchirurgen oder Pianisten würden auch nicht ohne einen Plan und ein Ziel anfangen. Er habe immer ein akribisch ausgearbeitetes Exposé, die Spannungsbögen seien genau geplant. Wenn er unvorbereitet durch eine Szene stolpere, könne er nicht das Meiste rausholen. So habe er vielleicht sechs Wochen mehr Vorarbeit, spare sich aber sechs Monate Nacharbeit. Eigentlich sei es eine Form der Faulheit und für seinen Kopf besser, so gründlich vorbereitet zu sein.

Aufgrund von atmosphärischen Störungen habe er von Dumont zu Suhrkamp gewechselt. Beide Verlage hätte schon lange belletristische Programme und er fühle sich bei Suhrkamp wohl.

Im Anschluss an die Lesung nahm er sich beim Signieren auch noch viel Zeit für weitere Fragen.

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Franz fischt frische Fische – ein gelungenes Experiment

© Christian POGO Zach

© Christian POGO Zach

Zum Kammerkonzert am 13. Mai lud das Gärtnerplatztheater an einen besonderen Ort und öffnete den futuristischen Orchesterprobensaal für die Konzertbesucher.

Johannes Overbeck, Fagottist des Gärtnerplatzorchesters und Organisator der Kammerkonzerte begrüßte das Publikum und wies auf den experimentellen Charakter des Konzerts hin. An der Akustik des Saales werde noch getüftelt und er würde sich über Feedback freuen. Gerne, lieber Herr Overbeck!

Als erfahrene Konzertbesucherin aber Nicht-Profi kann ich nur sehr subjektiv urteilen, aber ist nicht Akustik überhaupt großenteils Geschmackssache? Kurz: Mir haben Atmosphäre und Akustik hervorragend gefallen! Im Foyer war die Akustik schon immer recht “hallig”, aber seit keine Vorhänge mehr da sind überschlägt sich der Klang geradezu, insbesondere wenn ein Flügel oder Bläser beteiligt sind. Der Teppich unter den Musikern hat da nicht viel verbessert. Nun, man mag einwenden, dass Komponisten wie Mozart oder Schubert genau für solche Räume komponiert haben (Kirchen, Säle in Adelspalästen), aber wir haben heute auch andere Hörgewohnheiten.

So konnte ich von meinem Platz (in der momentan üblichen Orchesteraufstellung dürfen da die Hörner sitzen…) hervorragend und transparent die einzelnen Stimmen hören. Ein wenig “gnadenlos” ist die Akustik schon, das gebe ich zu – auch jede winzige Ungenauigkeit kommt glasklar beim Zuhörer an. Ich persönlich mag das – für mich gehört es dazu, wenn Menschen und nicht Maschinen am Werk sind. Nicht nur, es gehört dazu, nein, das macht für mich den Reiz von Konzerten aus! Ich weiß, das hören Musiker, die alten Perfektionisten, nicht gern… aber sonst könnte ich mir ja auch gleich eine CD-Einspielung anhören, da ist alles perfekt. Bloß halt steril und unpersönlich und damit irgendwie tot. Ich liebe sozusagen kleine Schönheitsfehler!

Als erstes auf dem Programm stand Mozarts Divertimento Es-Dur KV 563. Ein spätes Werk, das – anders als die Bezeichnung Divertimento vermuten lässt – überaus komplex ist. Da werden – wie so oft bei Mozart – kleine volksliedhafte Melodien kunstvoll zu einem großen Klangteppich gewoben und sind dann auf einmal gar nicht mehr so banal wie es anfangs scheint. Ich habe es genossen, die einzelnen Stimmen diesmal so transparent zu erleben. Danke an die spielfreudigen Kollegen vom Orchester, denen man anmerkt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes seit langem aufeinander “eingespielt” sind.

Auf Wunsch des Kontrabassisten, Thomas Hille, kam als zweites Werk das Forellenquintett von Franz Schubert zu Gehör – kein Wunder, ist es das wohl berühmteste Klavierquintett, bei dem zugunsten einer Violine ein Kontrabass mitspielen darf 🙂 Der Funke der Begeisterung sprang auch hier sofort über, es sprudelte nur so vor Spielfreude. Das ist für mich das Schönste an Kammermusik: Dass man so nah dran und quasi mittendrin ist statt als distanziertes Publikum auf eine entfernte Bühne zu schauen.

Ich freue mich auf weitere Kammerkonzerte – hoffentlich weiterhin im Orchesterprobensaal!

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