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Fräulein Hedy träumt vom Fliegen – Andreas Izquierdo (Hörbuch)

©Insel Verlag

©Insel Verlag

14:04 Stunden

ungekürzte Lesung

Sprecher: Michael Schwarzmaier

Hörprobe bei audible

Zum Inhalt (vom Verlag)

»Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.« – Eine Annonce in der örtlichen Tageszeitung bringt alles ins Rollen: Hedy von Pyritz, 88 Jahre, diszipliniert, scharfzüngig, eitel. Hellwacher Verstand, trockener Humor, zuweilen übergriffig. Eine alte Dame, die meist im Rollstuhl sitzt, sorgt für einen handfesten Skandal in dem kleinen Städtchen im Münsterland, wo sie herrschaftlich residiert.

Aber Fräulein Hedy bleibt unbeirrt: Sie wird ihren Willen durchsetzen! Und findet in ihrem schüchternen, sanften Physiotherapeuten Jan einen Mitstreiter. Vielmehr nötigt sie ihn förmlich dazu. Der junge Mann wird sie fahren. Basta!

Jan hat keinen Führerschein, dafür aber eine nie behandelte Lese-Rechtschreibschwäche, so dass Hedy den Unterricht übernimmt und sich schon bald eine ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden festigt. So vertraut sie ihm nach und nach die Geheimnisse ihrer schillernden Vergangenheit an und verändert damit auf ungeahnte Weise seine Zukunft …

Andreas Izquierdo erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte einer Freundschaft zwischen einer alten Frau und einem jungen Mann, die beide für immer verändert – eine Geschichte, die federleicht beginnt und sich dann zu einem wuchtigen, mitreißenden Drama entwickelt.

Zum Autor (vom Verlag)

Andreas Izquierdo, geboren 1968, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte u. a. den Roman König von Albanien (2007), der mit dem Sir-Walter-Scott-Preis für den besten historischen Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, sowie den Roman Apocalypsia (2010), der den Lovelybooks-Leserpreis in Silber für das beste Buch 2010 erhielt und zum Buch des Jahres bei Vorab-lesen.de gewählt wurde. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Das Glücksbüro (2013), Der Club der Traumtänzer (2014) sowie Romeo & Romy (it 4575).

Zum Sprecher (von Wikpedia)

Michael Schwarzmaier (* 11. September 1940 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Schauspieler und Synchronsprecher. Bekannt ist er für seine Rolle des Joachim Herbolz in Lotta in Love, die er von 2006 bis 2007 spielte. Als Synchronsprecher lieh er unter anderem Daniel Stern und James Warwick seine Stimme. In der Serie Law & Order sprach er in den ersten vier Staffeln Chris Noth. Außerdem synchronisierte er einige Animes, darunter den Erzähler in Pokémon (von 1999 bis 2012) und Soun Tendo in Ranma ½. Seit 1989 ist er außerdem immer wieder in der Rolle des Doktors in der britischen Science-Fiction Serie Doctor Who zu hören und lieh darin unter anderem William Hartnell, Patrick Troughton, Jon Pertwee, Tom Baker, Peter Davison, Colin Baker und Sylvester McCoy in mehreren Folgen seine Stimme.

Er hat über 100 Hörbücher gesprochen, unter anderem von Agatha Christie, Stanislaw Lem, Luc Deflo, Jon Evans, Hademar Bankhofer, Lynn Brittney, Chris Kuzneski, Mathias Voelchert, Andreas Föhr, Alfons Schuhbeck, Marc Ritter, Manni Breuckmann, Yann Sola, Douglas Adams etc.

Meine Meinung

Durch die Lesung in Düsseldorf wurde ich neugierig auf das neuste Buch von Andreas Izquierdo, das eine gelungene Mischung aus schwarzhumorigen Elementen und ernsten Themen zu sein schien.

Der Anfang des Buchs ist sehr humorvoll, die beiden Hauptfiguren werden eingeführt und einige Nebenfiguren. Im Mittelpunkt stehen Hedy von Pyritz, eine streitlustige 88-jährige Dame, die heimliche Königin der kleinen Stadt im Münsterland und ihr junger Physiotherapeut Jan. Ihre etwas unglücklich formulierte Anzeige erregt zwar sehr viel Aufmerksamkeit im Ort, jedoch findet sich kein Fahrer und Hedy beschließt, dass Jan sie zum Strand fahren soll. Dieser hat jedoch aufgrund seiner Legasthenie keinen Führerschein und wird unfreiwillig der neuste Stipendiat von Hedys Stiftung für Hochbegabte.

Hedy ist es gewohnt, ihren Willen durchzusetzen und erfährt durch Jan, wie schwer das Lernen für manche Menschen sein kann, dass auch harte Selbstdisziplin nicht immer zum gewünschten Ziel führt. Geduld ist nicht ihre Stärke und sie überfordert Jan mit ihren Erwartungen, denn er ist solche Förderung nicht gewohnt. So aktiv und fordernd wie Hedy ist, so passiv ist Jan, der fast wie ein Zuschauer in seinem eigenen Leben wirkt. Mit der Zeit raufen sich die beiden so ungleichen Figuren zusammen, während Hedys Umfeld glaubt, sie habe den Verstand verloren. Erst die fragwürdige Anzeige, dann ein Legastheniker als Stipendiat…

Wie das Titelbild schon verrät, hat Hedy ein unkonventionelles Leben geführt und darum geht es im zweiten Handlungsstrang. Das Leben im Osten Deutschlands während des dritten Reichs, Hedys Familie und Umfeld wird meiner Meinung nach weitgehend glaubwürdig dargestellt und dieser Teil der Geschichte ist spannend und lebendig geschildert, sprachlich ausgefeilt. Leider fällt die Handlung in der jetzigen Zeit immer mehr ab, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Der rote Faden scheint verloren als Jans Bruder an Bedeutung gewinnt, Hedys Tochter eine größere Rolle spielt und weitere düstere Ereignisse hinzukommen, manches war zu vorhersehbar, anderes ging viel zu schnell bzw. leicht.

Vielleicht habe ich in den letzten Jahren zu viele Bücher gelesen bzw. gehört, in denen es um den zweiten Weltkrieg ging, aber es waren etliche deutlich bessere dabei. Der zweite Weltkrieg ist hier nicht nur Kulisse, auch wenn Elly Beinhorn selbstverständlich nur eine kleine Nebenrolle spielt. Hedys Leidenschaft für das Fliegen ist ansteckend. Das Buch krankt für mich daran, dass es überladen ist. Zu viele Personen, die mal Neben- mal fast Hauptfigur sind, zu viele dramatische Ereignisse und schwere Schicksale. Und ein sehr ernstes Thema wird hier ganz nebenbei sanktioniert.

Selbstjustiz

Ohne der hervorragenden Michael Schwarzmaier hätte ich vielleicht sogar irgendwann abgebrochen oder nur noch das letzte Kapitel gehört. Er ließ die Figuren lebendig werden und vermittelt gekonnt die Atmosphäre und läßt Hedys messerscharfe Zunge aufblitzen.

Fazit

Ein meist warmherziger Roman, der weitaus düsterer und ernster ist als es der Klappentext suggeriert. Die beiden Hauptfiguren wachsen einem mit all ihren Macken recht schnell ans Herz und ihre Lebensgeschichten sind glaubwürdig dargestellt. Die ersten Kapitel und der Handlungsstrang in Hedys Vergangenheit sind leider um Längen besser als der Rest des Buchs, der mit ernsten Themen überfrachtet wird und dem teilweise der rote Faden zu fehlen scheint. Michael Schwarzmaier lässt die Figuren selbst zu Wort kommen und ich werde nach weiteren von ihm gesprochenen Hörbüchern Ausschau halten.

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Lesung Andreas Izquierdo, 08.06.2018, Düsseldorf

Cover Insel Verlag

Cover Insel Verlag

Die Lesung fand im ausverkauften Gemeindesaal in Düsseldorf-Rath statt und zu Beginn wurde Andreas Izquierdo kurz vorgestellt. Er ist als Autor und Drehbuchautor tätig, seine Romane erschienen seit 1995 bei verschiedenen Verlagen. Seine bekanntesten Bücher sind „Apocalypsia“, „Das Glückbüro“ und „Der Club der Traumtänzer“.

„Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“ ist sein neuestes Werk und er las sehr ausführlich aus den ersten Kapiteln.

Die Zuhörer lernten die sehr resolute 88-jährige Hedy von Pyritz kennen, die keinen Widerspruch duldet und in einem kleinen Ort im Münsterland lebt. Das Echo auf ihre Anzeige in den „Westfälischen Nachrichten“ (»Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.« ) in der Zeitung ist enttäuschend. Also sucht sie in ihrem Umfeld nach einem passenden Begleiter und entscheidet sich für ihren neuen Physiotherapeuten Jan, den sie gerne fördern möchte. Jan auf der anderen Seite versucht sich so gut wie möglich gegen Fräulein Hedys Methoden zu wehren.

Es folgte eine kurze Pause, danach ging es weiter mit den nächsten Kapiteln, die gekonnt gelesen das Publikum gut unterhielten. Fräulein Hedy merkt, dass Jan direkte Anweisungen nicht befolgt und beginnt, ihm gezielt Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen, um ihn in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken. Die Spannungen zwischen den sehr unterschiedlichen Hauptfiguren, ihre so unterschiedlichen Biographien und Fräulein Hedys Vorstellungen sorgen für viel Situationskomik.

Im Anschluss an den Leseteil forderte Andreas Izquierdo das verdutzte Publikum zum Fragen auf: Die Tür sei abschlossen, er sei offen für Fragen und könne aber auch mit Stille gut leben. Es folgte eine gute halbe Stunde voller Fragen und ausführlicher, mal humorvoller, mal ernster Antworten.

Wie er auf das Thema Frauen und Flugzeuge gekommen sei?

Jene Frauen in den 1920er und 1930er Jahren hätten ihn schon immer fasziniert, die Emanzipation schon gelebt hätten bevor es das Wort gab. Sicherlich gäbe es auch heute noch einige gläserne Decken für Frauen, aber Elly Beinhorn, Beate Uhse und viele andere hätten damals eigentlich Unmögliches getan.

Irgendwann sei Hedy in seinem schreibenden Leben aufgetaucht. Damit er über diese Zeit erzählen konnte, musste sie Pilotin sein. Auf dem Titelbild des Buchs ist Emilia Earhart abgebildet, deren Schicksal ihn sichtlich berührte. Ausgerechnet über einer unbewohnten Insel abzustürzen sei besonders übel. Mit seinem Buch habe er den verrückten Frauen in ihren fliegenden Kisten ein Denkmal setzen wollen.

Die Recherche sei schnell gegangen. Der Ort Pyritz liege heute in Polen und sei damals ein pommersches Rothenburg ob der Tauber gewesen. Leider wurde es 1945 dem Erdboden gleichgemacht und bei seiner Reise dorthin habe er nur sozialistische Nachkriegsbauten gesehen. Vom alten Flair sei nichts mehr übrig gewesen und die Reise hätte er sich eigentlich sparen können. Im Militärhistorischen Museum in Berlin habe er viel von Experten gelernt. Über die Flieger selbst, die Munition und was in einer Luftschlacht im Cockpit passiert sei.

Er sei ein visueller Mensch, arbeite auch als Drehbuchautor und oft hätte schon ein Bild aus jener Zeit ausgereicht um einen Film bei ihm ablaufen zu lassen. So zum Beispiel Fotos des Berliner Varietés “Die weiße Maus” mit nur 99 Plätzen, in dem die Gäste Augenmasken trugen, um die Vergangenheit draußen zu lassen. (Laut Andreas Izquierdo waren es weiße Masken, auf den Fotos hier sind es schwarze.)

Ob die Figuren authentisch seien und Hedy seine Großmutter?

Nein, es habe zwar ein optisches Vorbild gegeben, aber kein charakterliches. Seine alte Tante im Rollstuhl in Spanien sei das optische Vorbild und die Ausgangsituation mit der Anzeige sei durch einen Zufall entstanden. Eine Haushälterin habe in Spanien von einer Dame erzählt, die zum Nacktbadestrand wollte. Er habe das Wort „annunzio“ als „Anzeige“ verstanden und schon Bilder vor seinem inneren Auge gehabt. Erst später habe er erfahren, dass „Werbung“ mit alten Damen gemeint war – doch da war die Idee schon geboren und plötzlich sei Hedy dagewesen. Die so geöffnete Tür müsse man als Autor ganz aufmachen und die Ideen hereinlassen.

Die ungekürzte Hörversion erscheine am 28.6., gelesen von Michael Schwarzbach. Zu seinem Bedauern ausschließlich über audible, nicht im Buchhandel verfügbar. Die Lesung gefalle ihm sehr gut, die Figuren würden lebendig. (Nein, diese Frage war nicht von mir. ;-) )

Sein nächstes Buch werde den Titel „Der Therapeut“ tragen. Zum Inhalt könne er noch nicht viel sagen, bisher habe er nur die Grundidee. Seiner Meinung nach wir nirgendwo so viel gelogen wie beim Therapeuten und vielleicht bei der Polizei. Beide seien auf der Suche der Wahrheiten, die eventuell wehtut. Er sei sich noch nicht sicher, ob es vielleicht Krimielemente geben werde.

Ob er beim Beginn des Schreibens schon das Ende kennen würde?

Ja, das stehe dann schon fest. Er finde es etwas respektlos dem eigenen Beruf gegenüber, wenn er ohne das Ende zu kennen beginnen würde. Er glaube, es brauche Vorbereitung und zum Beispiel Gehirnchirurgen oder Pianisten würden auch nicht ohne einen Plan und ein Ziel anfangen. Er habe immer ein akribisch ausgearbeitetes Exposé, die Spannungsbögen seien genau geplant. Wenn er unvorbereitet durch eine Szene stolpere, könne er nicht das Meiste rausholen. So habe er vielleicht sechs Wochen mehr Vorarbeit, spare sich aber sechs Monate Nacharbeit. Eigentlich sei es eine Form der Faulheit und für seinen Kopf besser, so gründlich vorbereitet zu sein.

Aufgrund von atmosphärischen Störungen habe er von Dumont zu Suhrkamp gewechselt. Beide Verlage hätte schon lange belletristische Programme und er fühle sich bei Suhrkamp wohl.

Im Anschluss an die Lesung nahm er sich beim Signieren auch noch viel Zeit für weitere Fragen.

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