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Joe Heap – The Rules of Seeing

©HarperCollins

©HarperCollins

9:15 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin: Cariad Lloyd
Hörprobe beim Verlag

Zum Autor (freie Übersetzung, vom Verlag)
Joe Heap wurde 1986 in Bradford geboren und fing früh mit dem Schreiben an. 2004 gewann er den Foyle Young Poet Award und seine Gedichte wurden in verschiedenen Publikationen veröffentlich. In Stirling studierte er Englische Literatur, in Glasgow dann Kreatives Schreiben. Heute lebt er mit seiner Freundin, dem 18 Monate alten Sohn und einer Katze.

Zur Sprecherin (von Wikipedia)
Cariad Lloyd wurde 1982 geboren und ist in Großbritannien als Komödiantin und Podcasterin bekannt. Beim Fringe Festival in Edinburgh wurde sie mehrmals ausgezeichnet.

Zum Inhalt
Nova, 32, von Geburt an blind, sprachgewandt und als Dolmetscherin bei der Polizeit tätig, bekommt die Möglichkeit durch eine Operation sehen zu können. Ihre neue Fähigkeit überfordert sie und macht die vorher selbstbewusste Nova plötzlich unsicher. Im Krankenhaus lernt sie Kate lernen, die seit einem Unfall in ihrer Wohnung an Panikattacken leidet. Die beiden freunden sich an und Nova versucht, sich in ihrer neuen Welt zurechtzufinden. Ihre neuen Erfahrungen verpackt sie in eine Reihe von Regeln, die lose eingestreut sind und

Meine Meinung
Suppose a man born blind, and now adult, and taught by his touch to distinguish between a cube and a sphere (be) made to see. (Could he) by his sight, before he touched them, (…) now distinguish and tell which is the globe, which the cube?
William Molyneux in einem Brief an John Locke

(Angenommen: Ein erwachsener, blind geborener Mann, der gelernt hat, mit seinem Tastsinn zwischen einem Würfel und einer Kugel (…) zu unterscheiden, (…) und der Mann sei sehtüchtig geworden. Die Frage ist: Ob er in der Lage ist, durch seinen Sehsinn, bevor er diese Gegenstände berührt hat, sie zu unterscheiden, und mitteilen kann, welches die Kugel und welches der Würfel ist? )

Auf dieses Buch kam ich durch die aktuelle Liste zum First Book Award des Bookfests in Edinburgh und wurde durch die Vorstellung faszinierend, dass jemand im Erwachsenenalter plötzlich sehen lernen würde. Das Zitat hat Joe Heap seinem Erstling vorangestellt.

Die 32-jährige Jillian Savinova, gennannt Nova, ist seit ihrer Geburt blind. Bei gutem Licht kann Nova Rot, Schwarz und Weiß unterscheiden und stark verschwommene Umrisse erkennen. Ihre Muttersprachen sind Englisch und Urdu, dazu hat sie in Oxford drei weitere Sprachen studiert und arbeitet als Dolmetscherin bei der Polizei in London. In ihrem Leben fühlt sie sich recht wohl, bis ihr Bruder Alex eines Tages von einer Operation hört, durch die ihre Augen möglicherweise die normale Sehkraft bekommen könnten. Trotz anfänglicher Ablehnung entscheidet Nova sich für die Operation, die ihr ganzes Leben verändern wird.

Anfangs kann sie nur schärfere Umrisse als zuvor erkennen und mehr Farben, mit der Zeit und viel Übung wird ihre Sehkraft deutlich besser und sie fühlt sich von den vielen neuen Eindrücken völlig überfordert, während sie einige der Fähigkeiten verliert, die für Blinde selbstverständlich sind. So kann sie Entfernungen überhaupt nicht einschätzen, alles wirkt zweidimensional und durchsichtige Gegenstände stiften viel Verwirrung.

Novas rabenschwarzer Humor und ihr kreativer Umgang mit Sprache, die offene und hilfsbereite Art ließen sie schnell lebendig und sympathisch werden. Sehen lernen ist für sie so schwierig wie fünf Sprachen gleichzeitig zu lernen. Farben, Formen, Textur, Entfernungen, Gesichtsausdrücke usw., jeder Punkt eine Herausforderung. Wie die Grammatik einer fremden Sprache, versucht sie das Erlernen des Sehens durch eine Liste von Regeln zu strukturieren. Einige für mich auf den ersten Blick offensichtlich, andere ließen mich nachdenklich werden, über das was für mich als Sehende selbstverständlich ist.

Nova muss lernen, dass ihr Sichtfeld sich beim Gehen auf und ab bewegt, dass Seifenblasen zwar durchsichtig sind, aber gleichzeitig wie ein fester Gegenstand schillern können und vieles mehr. Wolken sehen wie ein fester Gegenstand aus, fügen Flugzeugen und Vögeln jedoch keinen Schaden zu. Zigarettenrauch mag wie eine sich windende Schlange wirken, ist aber nicht gefährlich. Man geht mit Nova durch die Höhen und Tiefen der Monate nach der Operation, erlebt ihre Freude beim Anblick des ersten Sterns und der Frust, wie steinig der Lernprozess ist. Ihre Exfreundin aus Oxford und ihre Bruder sind ihr keine große Hilfe, Nova fühlt sich nicht „nur“ überfordert, wie ein ständig müder Zombie, sondern auch noch alleingelassen.

Im Krankenhaus lernt sie Kate kennen, die sich bei einem Sturz in ihrer Wohnung eine schwere Kopfverletzung zuzog und seitdem an Panikattacken leidet. Kate ist ganz anders als Nova, Architektin, eigentlich sehr selbständig, seit der Hochzeit vor zwei Jahren auf ihren Mann Tony fixiert, der ein Kontrollfreak zu sein scheint und Kate psychisch immer wieder stark unter Druck setzt. Kate scheint diesen Problemen gegenüber nicht ganz blind zu sein, blendet sie aber aus. Liebe solle temperamentvoll sein und sie sei doch glücklich mit ihm. Die beiden Frauen freunden sich miteinander an und helfen sich gegenseitig.

Die erste Hälfte ist fesselnd, im Vordergrund stehen Novas Erfahrungen, ihre Regeln und ihr sich veränderndes Leben. In der zweiten Hälfte stehen eher Kate und Tony im Mittelpunkt, sowie die besondere Freundschaft von Nova und Kate und die Handlung ist streckenweise sowohl zäh als auch unglaubwürdig. Während Nova eine glaubwürdige und komplexe Hauptfigur ist, konnte ich mit Kate irgendwie nicht viel anfangen, auch wenn ihre Reaktionen und Gedanken oft nachvollziehbar sind. Die zweite Hälfte hätte deutlich gekürzt werden können oder in ein separates Buch verpackt werden, ich hatte den Eindruck, dass zu viele Ideen untergebracht werden sollten und das dramatische Ende hätte es für mich auch nicht gebraucht.

Spoiler anzeigen

noch ein gewalttätiger Psychopath

[collapse]

Joe Heap hatte von Menschen gelesen, die erst im Erwachsenenalter Sehen lernten, bekam die meiste Inspiration jedoch von seinem neugeborenen Sohn, den er beim Erlernen des Sehens beobachtete.

Cariad Lloyd ist die ideale Sprecherin für sowohl Nova als auch Kate, liest einfühlsam und gleichzeitig mit der nötigen Distanz.

Fazit
Trotz gewisser Schwächen ein gelungenes und spannendes Erstlingswerk. Faszinierend mitzuerleben, wie es sein könnte, wenn jemand im Erwachsenenalter anfängt, Sehen zu lernen. Cariad Lloyd wird hoffentlich noch weitere Hörbücher einlesen.

Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt.

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Linda Castillo – A Gathering of Secrets (Kate Burkholder 10)

©Macmillan Audio

©Macmillan Audio

ungekürzte Lesung

9:58 Stunden

Sprecherin Kathleen McInerney

Hörprobe bei audible.de

Leseprobe beim Verlag

 

 

Zur Autorin

Linda Castillo wurde in Ohio geboren und arbeitete lange Jahre als Finanzmanagerin, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Ihre Thriller, die in einer Amisch-Gemeinde in Ohio spielen, sind ein internationaler Erfolg.

Zur Sprecherin

Kathleen McInerney ist in den USA als Schauspielerin tätig, u.a. auf Bühnen in New York, sowie als Sprecherin von Radio-Hörspielen, Hörbüchern und Cartoons.

Zum Inhalt (freie Übersetzung des amerikanischen Klappentextes)

Als die Scheune eines amischen Hofs in Painters Mill mitten in der Nacht abbrennt, werden Kate Burkholder und ihre Kollegen eingeschaltet. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Unfall – bis der Leichnam des 18-jährigen Daniel Gingrich gefunden wird. Er wurde in der Sattelkammer eingesperrt und verbrannte bei lebendigem Leib. Wer wollte ihn so grausam töten?

Die Polizei stürzt sich in die Ermittlungen, stößt bei den Amischen jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Daniel Gingrich war allseits beliebt, galt als aufrichtig und hilfsbereit und wollte bald heiraten. Warum trachtete ihm jemand nach dem Leben? Umso intensiver Kate ermittelt, desto komplizierter wird dieser Fall. Wer sind hier die Guten und wer der Täter?

Sie wird mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, muss sich ihren eigenen Geistern stellen und hofft, auf der falschen Spur zu sein…

Meine Meinung

There is some soul of goodness in things evil,

Would men observingly distil it out.

(Es ist ein Geist des Guten in dem Übel,

Zög’ ihn der Mensch nur achtsam da heraus.

Shakespeare, König Heinrich V., 4. Aufzug, 1. Szene)

Dieses Zitat hat Linda Castillo „A Gathering of Secrets“ vorangestellt. Es geht diesmal um Schuld, Scham, Schweigen und Selbstjustiz. Der zehnte Band einer Serie, bei der jeden Sommer eine neue Folge erscheint, könnte langweilig oder überkonstruiert sein. Linda Castillo hingegen gelingt es wieder, ihre Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln.

Im Mittelpunkt steht natürlich Chief of Police Kate Burkholder, der Schauplatz ist diesmal wieder Painters Mill in Ohio und somit spielen auch ihre Kollegen und ihr Partner John Tomasetti eine größere Rolle. Natürlich geht es wieder um einen Fall bei der amischen Bevölkerung, die wie gewohnt ihre Probleme lieber auf ihre eigene Weise ohne die Polizei lösen möchte oder wegschauen (Sieh nichts Böses, hör nichts Böses, sprich nichts Böses.). Der grausame Tod von Daniel Gingrich erschüttert seine Familie, Freunde und Kollegen. Er nutzte die Zeit zwischen Schule und Heirat zum “Rumspringa”, arbeitete in einem nicht-amischen Geschäft, kaufte ein Auto und traf sich mit jungen Frauen. Alle schätzten ihn sehr, was den genau geplanten Mord umso mysteriöser erscheinen lässt.

Man merkt deutlich den Reifeprozess von Kate Burkholder in ihrem Leben. Bei der Arbeit tritt sie gegenüber ihren Kollegen und anderen souveräner auf. Auch ihre Beziehung zu John Tomasetti ist stabiler geworden, beide sind ruhiger und geduldiger, können besser auf den Anderen eingehen und stellen die Beziehung nicht mehr in Frage. Ganz im Gegenteil. Auch Kates Schwester spielt wieder eine kleine Rolle, die beiden nähern sich in jedem Band wieder etwas mehr an

Spoiler
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Kate im nächsten Band schwanger wird, denn hier sind reichlich Hinweise gestreut, wie kinderlieb sie gerade Säuglingen gegenüber ist.
Einige der Figuren gehören der mir zuvor unbekannten Gruppe der Beachy-Amischen Diese Gruppe ist auch tief religiös, viele der Regeln sind so, wie man es von amischen Gemeinden erwartet. Andererseits könnten sie zum Beispiel Autos und Handys besitzen, Computer und das Internet nutzen, Kleidung kaufen statt selbst zu nähen.

Zum Fall selbst möchte ich nicht allzu viel schreiben, außer dass Kates bekannte Vergangenheit, der Grund für ihren Austritt aus der Gemeinschaft ihren Blickwinkel bei den Ermittlungen deutlich beeinflussen. Das spielte auch in früheren Bänden schon eine Rolle, jedoch lässt Linda Castillo ihre Hauptfigur auch in dieser Hinsicht reifen während Kate sowohl den Fall als ihren persönlichen moralischen Konflikt lösen muss. Die Autorin greift ein Thema auf, das im letzten Jahr international viele Wellen schlug und auch bei den Amischen leider noch sehr aktuell ist.

Spoiler
Die #me too Debatte.

Wie geht die amische Gemeinschaft damit um, wenn eines ihrer Mitglieder Schande über sich und somit auch seine Familie bringt? Wie unterschiedlich die Vorstellungen von Schande und deren Ursachen sind, in Kates alter und neuer Welt, das steht im Mittelpunkt von „A Gathering of Secrects“. Kate Burkholder muss sich der Frage stellen, ob sie diesen Mord wirklich restlos aufklären möchte, ob das möglichweise die Falschen treffen würde. Andererseits ist ihr deutlich bewusst, dass der Mantel des Schweigens der Amischen für viele Probleme insbesondere hier nicht der richtige Weg ist. So harmonisch die vermeintlich heile Welt der Amischen wirkt, so deutlich wird vor allem in diesem Band, dass der Preis in diesem System für einige sehr hoch ist.

Kate McInerney liest in den ersten Kapiteln teilweise etwas stockend, ab dem 5. Kapitel dann wieder souverän mit eigenen Stimmen für die verschiedensten Figuren und vermittelt die Stimmungen perfekt. Eine andere Sprecherin könnte ich mir nach zehn Bänden allerdings auch kaum vorstellen.

Für den nächsten Band wünsche ich mir nur, dass Kate nicht wieder alleine in Lebensgefahr gerät und ihre eigene Vergangenheit zur Abwechslung keine so große Rolle spielt.

 

Fazit

Kaum erschienen, schon durchgehört und gespannt auf den nächsten Band. So fällt das kurze Fazit für den zehnten Band der Reihe um Kate Burkholder aus. Man lernt wieder Neues über das Leben der Amischen inmitten der modernen Welt um sie herum. Die Serie bleibt spannend, die Haupt- und Nebenfiguren entwickeln sich deutlich weiter, der Fall selbst und das überraschende Ende waren wieder überzeugend und die Sprecherin Kathleen McInerney gehört einfach dazu.

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Wladimir Kaminer – Ausgerechnet Deutschland Geschichten unserer neuen Nachbarn

Cover ©Goldmann

Cover ©Goldmann

gekürzte Lesung

2:19 Stunden

Sprecher: Wladimir Kaminer

Hörprobe *beim Verlag*

zum Inhalt (vom Verlag)

Über neue Mitbürger und unerwartete Nachbar

Täglich beobachtet Wladimir Kaminer, wie die Flüchtlingswelle Deutschland durcheinanderwirbelt. Und er beobachtet, wie das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen zahllose Geschichten hervorbringt. Diese erzählt Wladimir Kaminer voll Humor und echter Neugier, aber ohne falsches Pathos. Er berichtet von … (gekürzt, weil hier sehr viel aus dem nur zweistündigen Hörbuch verraten wird.)

Wie immer mit russischem Charme gelesen vom Autor selbst.

zum Autor (vom Verlag)

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Meine Meinung

Obwohl die Hörversionen zu Wladimir Kaminers Büchern immer gekürzt sind, habe ich sie wegen seines humorvollen Vortrags immer lieber gehört als gelesen.

Schon das Titelbild macht deutlich, dass es diesmal nicht „nur“ um Russen und Deutsche geht – ein Gartenzwerg mit einer Wasserpfeife. Es geht um die Flüchtlingsproblematik 2015, aus der Perspektive der Einwohner des kleinen Dorfs in Brandenburg, in dem er lebt. Schnell wird klar, dass sich durch das Eintreffen der zwei (?) Großfamilien im Dorf einiges ändert und die sehr langsam zunehmenden Deutschkenntnisse und Google Translator das Miteinander fördern. Gewohnt warmherzig und selbstironisch beschreibt der scharfe Beobachter die Ereignisse.

Wladimir Kaminer ist ein Meister des humorvollen Erzählens auch drastischer oder peinlicher Begebenheiten, doch hier liest er stellenweise sehr ungelenk, fast als ob er den Text nicht kennen würde. Da wäre mir der Mitschnitt einer Lesung lieber gewesen.

Auch bei seinen Lesereisen durch Deutschland sammelte er Material für dieses Buch, in dem es mal nicht „nur“ um Russen und Deutsche geht. Die Dorfbewohner versuchen auf ihre Weise den Flüchtlingen zu helfen und es gibt zahlreiche interessante und auch peinliche Begebenheiten. Es entsteht der Eindruck, die Flüchtlinge würden keinen Kontakt oder Deutsch lernen wollen, andererseits wirken die Spenden eher wie das Ergebnis einer Kellerentrümpelung… Er macht deutlich, dass es „die Syrer“ an sich nicht gibt und es für beide Seite nicht einfach ist, zeigt, wie sich der Umgang im Dorf langsam ändert, durch wachsende Sprachkenntnisse auf beiden Seiten und nicht zuletzt dank Google Translator.

Gegen Ende gibt es noch ein so amüsantes wie treffendes Kapitel über die Gender-Manie. :grin

Das Thema liegt ihm am Herzen, das wird vor allem in der zweiten Hälfte deutlich. Die Auswahl der Kapitel wirkte auch mich etwas wahllos, die Handlung wechselte abrupt, es entstand oft der Eindruck, etwas würde fehlen.240 Seiten auf 2:19 Stunden, da wurde vermutlich viel ausgelassen.

Fazit

Die Buchversion ist in diesem Fall vermutlich deutlich besser, denn Wladimir Kaminer erzählt gewohnt humorvoll, auch wenn deutlich ist, dass auch er das Verhalten seiner neuen und alten Nachbarn nicht nachvollziehen konnte. Er hat sich eines schwierigen Themas angenommen, reißt viele Probleme an und vertritt die Ansicht, dass die Ereignisse 2015 weitaus tiefgreifendere Folgen haben als die deutsche Wiedervereinigung.

Vielleicht werde ich das 240 Seiten dicke Buch noch lesen, auf das mich das Hörbuch neugierig gemacht hat oder mal wieder zu einer seiner Lesungen gehen. Die vermutlich auf die Hälfte gekürzte und stockend vorgetragene Hörfassung kann ich leider nicht so recht empfehlen.

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John Grisham – The Whistler (Bestechung)

ungekürzte Lesung
13:10 Stunden
Sprecherin Cassandra Campbell
Hörprobe bei audible.de *klick*

Zum Inhalt (vom Verlag)
Von Richtern erwarten wir ehrliches und weises Handeln. Ihre Integrität und Neutralität sind das Fundament, auf dem unser Rechtssystem ruht. Wir vertrauen darauf, dass sie für faire Prozesse sorgen, Verbrecher bestrafen, eine geordnete Gerichtsbarkeit garantieren. Doch was, wenn ein Richter bestechlich ist? Lacy Stoltz, Anwältin bei der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, wird mit einem Fall konfrontiert, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Ein Richter soll über Jahre Bestechungsgelder in unglaublicher Höhe angenommen haben. Lacy Stoltz nimmt die Ermittlungen auf. Schnell wird ihr klar: Dieser Fall ist hochgefährlich. Doch sie ahnt nicht, dass er auch tödlich enden könnte.

Zum Autor (von Amazon)
Kurz und knapp sind die meisten von John Grishams Buchtiteln: “Der Gefangene”, “Das Urteil”, “Der Anwalt”, “Das Testament”. Sie lassen bereits erahnen, dass der 1955 geborene Autor Jurist ist. John Grisham lebte in den 80er-Jahren als niedergelassener Anwalt in Southaven, Mississippi, und genau diese Tätigkeit brachte ihn schließlich zum Schreiben. Ein Vergewaltigungsfall mit einem minderjährigen Opfer ließ ihn nicht mehr los. So entstand sein erster Roman, “Die Jury”, den er neben einem 12- bis 14-stündigen Arbeitstag vorwiegend in der Nacht verfasste. Diesem ersten Bestseller sind seither weitere Thriller gefolgt, die ebenfalls die Bestsellerlisten stürmten.

Zur Sprecherin
Cassandra Campbell hat rund 200 Hörbücher aus den unterschiedlichsten Genres eingelesen und wurde mehrfach als Sprecherin ausgezeichnet.

Meine Meinung
John Grisham ist ein Meister des Kopfkinos, zur Verfilmung seines neusten Buches wird vermutlich nur wenig Zeit für die Erstellung eines Drehbuchs benötigt, so lebendig wurden die Bilder in meinem Kopf nach einigen Kapiteln. Diese ersten Kapitel waren voller Informationen über den Fall und zahlreiche Figuren, einen Teil davon hörte ich zwei Mal.

In den ersten Kapiteln werden die Hauptfiguren vorgestellt, vor allem Lacy Stoltz, die in Florida bei der Rechtsaufsichtsbehörde arbeitet. Im Alltag kümmert sie sich seit neun Jahren um Richter, deren Arbeit Anlass zu Beschwerden gibt. Ausgerechnet der selbst straffällig gewordenen Anwalt Greg Myers konfrontiert sie mit einem Fall, der mehr Sprengkraft hat als alle ihre bisherigen. Es geht um Korruption in großem Stil, in Verbindung mit einem Casino, das in einem Indianerreservat betrieben wird. Dort gelten nicht immer die im Rest der USA gültigen Gesetze, sondern teilweise die des Stammes bzw. dessen Chefs. Seine Informationsquelle, ein Whistleblower, will dem Unrecht nicht länger zuschauen und begibt sich dadurch in große persönliche Gefahr, denn die schnell intern als Küstenmafia bekannte Organisation geht nicht zimperlich mit ihren Widersachern um, wie Lacy und ihre Kollegen schnell feststellen müssen.

Die Perspektive wechselt mit dem Blickwinkel der Hauptfiguren, man erfährt einiges über das Zusammenspiel der Mitarbeiter der Rechtsaufsichtsbehörde mit anderen Behörden in den USA und das Leben im Reservat. Ein interessanter Aspekt ist, dass Greg und seine Informationsquelle auf Millionen Dollar für sich hoffen, wenn sich ihre Vorwürfe als wahr erweisen steht ihnen ein Teil des betrügerisch erworbenen Vermögens der Küstenmafia zu.

Die Figuren sind lebendig gezeichnet, alle mit ihren eigenen Ecken und Kanten, einer glaubwürdigen Vita und nachvollziehbaren Handlungsmotiven. Die persönliche Geschichte von Lacy, ihr Umfeld und ihre Entwicklung machen das Hörbuch noch spannender als es ohnehin schon ist.

Der Einblick in das Leben im Reservat war sehr interessant, obwohl es eigentlich ein Nebenaspekt ist. Ein Teil der Einnahmen des Casinos wird unter allen volljährigen Angehörigen verteilt, was den Lebensstandard und die Gesundheit einerseits deutlich verbessert, andererseits eine gute Ausbildung, egal ob schulisch oder gar ein Studium, für viele uninteressant macht. Zudem ist der Stamm gespalten, denn nur jene, die für das Casino waren, dürfen auch dort arbeiten und üppige Gehälter hinzuverdienen.

Cassandra Campbell gibt den Haupt- und Nebenfiguren passende eigene Stimmen, einige mit gut verständlichem Südstaatenakzent und vermittelt gekonnt die wechselnde Atmosphäre.

Fazit
Für mich einer der besten Krimis von Grisham, spannend, informativ und nicht ohne Kritik am Rechtssystem und der Gesellschaft. Er zeigt die Möglichkeiten korrupter Richter und Unternehmer deutlich auf, verpackt in einen meiner Meinung nach glaubwürdigen Fall, gibt Einblicke in das Leben auf dem Reservat und all dies mit sehr lebendigen Figuren. Am Ende bleiben kaum offene Fragen und Grisham macht deutlich, dass er irgendwie trotz allem an Gerechtigkeit glaubt.

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Tana French – The Trespasser: Dublin Murder Squad 6 (Der gefrorene Schrei)

Zum Inhalt
Antoinette Conway, die bärbeißige und hartnäckige Detektivin aus “Geheimer Ort” (“The Secret Place”) arbeitet nach wie vor im Morddezernat, noch gerade so. Inzwischen ist Stephen Moran ihr fester Partner, sie arbeiten gut zusammen – der Rest ihres Berufslebens verläuft eher weniger gut. Sie arbeitet nicht gut mit den anderen im Team und es läuft eine sehr persönliche Schmutzkampagne gegen sie.
Sie und Stephen bekommen eine Fall auf den Tisch, der auf den ersten Blick wie ein ganz gewöhnliche Beziehungstat wirkt. Die junge, attraktive Aislinn Murray liegt tot in ihrem makellosen Haus, alles ist vorbereitet für ein romantisches Abendessen zu Zweit. Es dauert nicht lange, bis die beiden auf Widersprüche stoßen und es nicht mehr so klar scheint, dass der Freund von Aislinn Murray der Täter ist. Gleichzeitig wird ihre Arbeit im Dezernat in Frage gestellt und ganz offensichtlich werden ihre Ermittlungen behindert. Wer steckt dahinter, warum und wer ist der wahre Täter?

Zur Autorin (vom Verlag)
Tana French ist die junge Bestsellerstimme des anspruchsvollen Kriminalromans. Sie wurde in den USA geboren, wuchs in Irland, Italien und Malawi auf und lebt seit 1990 in Dublin. Tana French machte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitet für Theater, Film und Fernsehen. Ihr erstes Buch Grabesgrün wurde mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Debüt ausgezeichnet, auch die folgenden Kriminalromane Totengleich und Sterbenskalt wurden sofort zu großen internationalen Erfolgen.

Zur Sprecherin
Hilda Fay ist eine irische Theater- und TV-Schauspielerin. Dies scheint das erste von ihr eingelesene Hörbuch zu sein.

Meine Meinung
So wie es anderen schon beim fünften Teil erging (Geheimer Ort – Tana French), so war für mich der sechste Teil der Reihe, der mich auf der einen Seite fesselte, andererseits in der Mitte gewisse Längen hatte und erst im letzten Viertel wieder richtig spannend wurde.

Antoinette Conway ist eine sperrige und sehr komplexe Hauptfigur, mit sich selbst und ihrem Privat- und Berufsleben unzufrieden, ständig auf Angriff, äußerst misstrauisch und bereit, das Schlechteste von ihren Kollegen zu erwarten, fast schon komplett menschenfeindlich, hat sie sich in eine Ecke manövriert. Das düstere Januarwetter in Dublin hilft auch nicht mehr. Ihr neuster Fall scheint auf den ersten Blick langweilige Routine zu sein, ganz klar war es eindeutig der Freund des Opfers, Aislinn Murray. Auch nach Ansicht einiger älterer Kollegen, die darauf drängen, ihn zu verhaften.

Antoinette und Steve stoßen auf einige Ungereimtheiten und fangen an, heimlich auf eigene Faust zu ermitteln, die sie in eine ganz unerwartete und vor allem unerfreuliche, wenn nicht gar gefährliche Richtung führt – deren Ende sie vielleicht lieber nicht finde möchten.

Während der Fall selbst und die Ermittlungen teilweise etwas zäh sind, vor allem einige der Gespräche mit einem älteren Kollegen, so sind die Darstellung der Polizeiarbeit, des Vorgehens bei den Ermittlungen und das Zusammenspiel der Kollegen untereinander ungleich spannender. Insbesondere die Szenen mit Befragungen mussten ohne Unterbrechung gehört werden, egal wie spät es wurde, so lebendig lässt Tana French ihre Figuren werden. Wieder schafft es Tana French eine ganz besondere psychologische Spannung aufzubauen, die bis zum Ende anhält.

Vielleicht war es auch einfach ein allzu von sich selbst überzeugter Kollege von Antoinette, der mich mit seinen ausufernden, besserwisserischen Reden immer wieder nervte. Grinsen

Vielleicht unnötig aber gleichzeitig reizvoll sind gewisse Parallelen im Leben von Antoinette Conway und Aislinn Murray. Den Fall selbst fand ich nicht hundertprozentig überzeugend, wobei die Auflösung und die Ermittlungsarbeiten auf mich sehr überzeugend wirkten, die Charakterentwicklung der Hauptfiguren, ihre Motive und Taten umso glaubwürdiger.

Allzu viel möchte ich nicht verraten, schon der deutsche Klappentext verrät meiner Meinung nach zu viel und ich hoffe, dass die „Übersetzung“ des Titels nichts über die Qualität der Übersetzung des gesamten Textes aussagt. (Trespasser = Eindringling, passt zum Inhalt) Die englische Fassung ist sprachlich anspruchsvoll und einfallsreich.

Die Konstruktion der Reihe ist originell, denn wieder stehen Nebenfiguren aus einem vorherigen Band diesmal im Mittelpunkt, vorherige Hauptfiguren werden zu Nebendarstellern.

Hilda Fays Stimme passt vermutlich zur spröden und abweisenden Antoinette Conway, machte „The Trespasser“ jedoch nicht gerade zu einem Hörvergnügen.

Fazit
Ein insgesamt gelungener sechster Band, der literarisch durchaus überzeugend ist, jedoch im Mittelteil gewisse Längen aufweist. Tana French versteht es, psychologische Spannung aufzubauen und vermittelt überzeugend die Ermittlungen an diesem Fall, sowie viel über das Vorgehen bei Mordermittlungen und Verhören.

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Jem Lester – Shtum

Ungekürzte Lesung
9:20 Stunden
Sprecher
Hörprobe bei audible *klick*

Zum Inhalt
Ben Jewell selbst und seine Ehe stehen kurz vor dem Zerbrechen.

Sein 11-jähriger Sohn Jonah ist autistisch, spricht weder mit seinen Eltern noch mit Lehrern und Ärzten und lebt fast völlig in sich selbst zurückgezogen. Als Ben und Jonah gezwungenermaßen zu Bens Vater Georg ziehen müssen, wohnen drei Generationen Jewells unter einem Dach – einer, der nicht sprechen kann und zwei, die nicht miteinander sprechen wollen.

Ben kämpft mit Behörden, Sozialarbeitern, Ärzten, seiner Familie und seinen eigenen Dämonen. Dabei lernt er eine Menge über sich selbst und andere, nicht weniges davon unangenehme Erkenntnisse.

Jonah, der in seiner eigenen Welt lebt, zwingt die Erwachsenen dazu, miteinander zu reden.

Zum Autor
Jem Lester arbeitet für neun Jahre als Journalist und erlebte den Fall der Berliner Mauer selbst mit, unterrichtete für neun Jahre Englisch und Medienkunde in weiterführenden Schulen. Er hat zwei Kinder, eines davon autistisch. Aktuell lebt er in London mit seiner Partnerin und ihren beiden Kindern.

Zum Sprecher
David Thorpe ist ein britischer Schauspieler und Sprecher von über 100 Hörbüchern.

Meine Meinung
Der Titel „Shtum” ließ mich auf ein Buch mit jüdischem Bezug schließen, die Inhaltsangabe hingegen klang ganz anders und machte vorsichtig neugierig. (Vorsichtig, weil mir Jean-Louis Fourniers autobiographischer Roman über das Leben mit seinen zwei schwerbehinderten Söhnen in sehr schlechter Erinnerung ist. Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier)

Jonah bereitet seinen Eltern nicht wenige Sorgen. Interaktive Kommunikation mit ihm ist in der Regel nicht möglich, er ist inkontinent, kann in Stresssituationen sich selbst und Andere verletzen und in der Förderschule hat er in sechs Jahren kaum Fortschritte gemacht, außer körperlichem Wachstum und viel Kraft. Jetzt steht der Wechsel auf eine weiterführende Schule an und im Schulbezirk wird an allen Ecken und Enden gespart. Da sind 200.000 Pfund pro Jahr für das von den Eltern ersehnte spezielle Internat nicht vorgesehen.

Anders als Rain Man verfügt Jonah auch nicht über die Inselbegabung, die viele Menschen im Umfeld seiner Eltern automatisch erwarten. Sind nicht alle Autisten in einem bestimmten Bereich hochbegabt? Jonah nicht und diese Erwartungshaltung frustriert seine Eltern noch zusätzlich.

Aus einem Grund, den ich hier nicht verraten möchte, wird entschieden, dass Ben und Jonah erstmal zu Bens Vater Georg ziehen sollen. Dies ist eine nicht weniger explosive Mischung, auch wenn die Ressentiments zwischen Georg und Ben anderer Natur sind als zwischen Ben und seiner Frau Emma, eine erfolgreiche Anwältin. Emma wünscht sich sehnlichst ein zweites Kind, Ben hat Angst vor einem weiteren schwierigen Kind, gibt sich selbst die Schuld an Jonahs Problemen.

Ben selbst ist nie wirklich erwachsen geworden, verlor seine Arbeit, weil er zu viel trank und ist jetzt offiziell in der Catering Firma seines Vaters angestellt, ohne sich dort in irgendeiner Form zu engagieren. Dementsprechend ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, Georg macht kein Hehl daraus, dass er nichts von Ben hält. Für Georg ist das tägliche Zusammenleben mit Jonah neu und er tritt seinem geliebten Enkel unbefangener gegenüber als dessen Eltern, erzählt ihm z.B. liebevoll und unermüdlich sehr persönliche Gute-Nacht-Geschichten.

Auf sehr einfühlsame und intensive Weise fesselt Ben Lester seine Leser, nimmt sie mit in das Leben eines Alleinerziehenden eines heranwachsenden schwer autistischen Sohnes. Offiziell wird das Buch als Roman verkauft, ist jedoch deutlich autobiographisch. Bens Ernüchterung, wenn die Kinder der Freunde Entwicklungssprünge machen, Jonah jedoch „an der grünen Ampel stehenbleibt“, keiner der zu Beginn der Grundschule zugesagten Fortschritte sechs Jahre später eingetroffen ist und Jonah in sich selbst versunken schweigt, während seine Familie sich nichts sehnlicher wünscht, als ein paar Worte von ihm, um sein Innenleben verstehen zu können.

Die Liebe, die Ben für seinen außergewöhnlichen Sohn empfindet, ist stets spürbar. Jonah liebt Schneekugeln, herumfliegende Federn und nackt im Garten herumzulaufen, teilt seine Freude jedoch kaum.

Die pseudo-verständnisvollen Mitarbeiter mancher Behörden lassen die Leser bzw. Zuhörer fast genauso verzweifeln wie Ben, auf der einen Seite Vorschriften und vermutlich teilweise Überlastung, auf der anderen die sehr persönliche und intensive Sorge um die Zukunft des eigenen Kindes.

Der Titel „Shtum“ ist perfekt gewählt, Jonah kann nicht sprechen, sein Vater und Großvater wollen nicht miteinander sprechen und haben viele Geheimnisse voreinander. Jetzt endlich werden sie gezwungen, sich einander anzunähern und auch ein anderes Verhältnis zu Jonah zu entwickeln.

David Thorpe ist für Ben der ideale Sprecher, vermittelt die Stimmung unterschiedlichsten Situationen und versteht es geschickt, jeder der Figuren eine eigene Stimme zu geben.

Fazit
Ein sicherlich weitgehend autobiographischer Roman über das Leben als Vater eines schwer autistischen Sohnes, der weder mit seiner Umwelt kommuniziert, deutliche Fortschritte in seiner Entwicklung macht, noch über die von vielen erwartete besondere Inselbegabung verfügt. Ben Lester zeigt meiner Meinung nach sehr einfühlsam und realistisch die täglichen kleineren und großen Probleme, die Gedanken und Gefühle der Erwachsenen und versucht auch, die (vermuteten) Gefühle des 12-jährigen Jonah darzustellen.

Alle Hauptfiguren sind lebendig und überzeugend aufgebaut, keine von ihnen auf den ersten Blick ein Sympathieträger, doch alle mit meist nachvollziehbaren Motiven.

„Shtum“ ist ein besonderes Buch, von dem ich hoffe, dass es auch bald auf Deutsch erscheint und seinen realen Hauptfiguren das Allerbeste wünsche.

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Linda Castillo – Among the Wicked

Ungekürzte Lesung
9:30 Stunden
Sprecherin: Kathleen McInerney
Hörprobe bei Audible: *klick*

Zum Inhalt
Kate Burkholder wird in diesem Fall von einer Dienststelle im Staat New York um Unterstützung gebeten. In einer sehr zurückgezogen lebenden amischen Gemeinde wurde ein 15-jähriges Mädchen tot aufgefunden und der Fall wirft bei den „englischen“ Behörden einige Fragen auf, zu denen die amische Bevölkerung schweigt. Kate wird gebeten, sich als Amische auszugeben und so vor Ort mehr Informationen zu sammeln.
John Tomasetti ist vehement gegen diesen Einsatz, nicht nur, weil Kate über keinerlei entsprechende Erfahrung verfügt, sondern auch weil sie praktisch von der Außenwelt abgeschnitten wäre, ohne moderne Möglichkeiten der Fortbewegung oder Kommunikation.
Als jedoch der Eindruck entsteht, dass Kinder, insbesondere Mädchen in dieser Gemeinde gefährdet sind, kann Kate nicht mehr ablehnen…

Zur Autorin (vom Verlag)
Linda Castillo wurde in Ohio geboren und arbeitete lange Jahre als Finanzmanagerin, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Ihre Thriller, die in einer Amisch-Gemeinde in Ohio spielen, sind ein internationaler Erfolg.

Zur Sprecherin
Kathleen McInerney ist in den USA als Schauspielerin tätig, u.a. auf Bühnen in New York, sowie als Sprecherin von Radio-Hörspielen, Hörbüchern und Cartoons.

Meine Meinung
Endlich ist er da, der achte Fall um Kate Burkholder, in dem der Schauplatz nicht das bereits vertraute Painters Mill, sondern Roaring Springs im Staat New York ist.

Dort soll Kate eine sehr konservative und zurückgezogene Gemeinde von Swartzentruber Amischen infiltrieren soll. Somit wird sie sehr kurzfristig in ein Leben geworfen, das sie in ähnlicher Form vielleicht selbst geführt hätte, noch dazu aus ihrer vertrauten Umgebung in den eisigen Winter im abgelegenen Norden, in mehr als einer Hinsicht weit entfernt von Tomasetti.

Der Krimifall ist wie üblich überzeugend konstruiert. Eigentlich ging es um die tote 15-Jährige und mögliche Kindeswohlgefährdungen in dieser Gemeinschaft, in der jedoch nichts so ist, wie es oberflächlich zu sein scheint – mehr möchte ich nicht verraten. Am Ende war es vielleicht ein wenig schnell und zu dramatisch, da hätte ich Kate gerade in jener Situation etwas mehr Umsicht gewünscht und auch zugetraut. Wobei die Auslösung in sich sehr schlüssig ist und nachdenklich über die menschliche Natur macht.

Für mich viel interessanter und gelungener ist die Darstellung von Kates inneren Kämpfen. Das Leben als (Schein-)Amische weckt bei ihr viele Erinnerungen und macht ihr immer wieder bewusst, wie unterschiedlich menschliches Verhalten und die Werte ihrer beiden Welten sind. Auf der einen Seite fast völliger Verzicht auf moderne Technik, eine eng verwobene Gemeinde, insbesondere für Frauen starke Einschränkungen aber auch enge Freundschaften und eine intensiv gelebte Religiosität, auf der anderen Seite ihre Rolle als Chief of Police und das (unverheiratete) Leben an der Seite von Tomasetti, in der sie ihre Erfüllung sucht.

Ihr wird immer wieder bewusst, dass sie sich schon als Kind schwer in der Gemeinschaft und dem Alltagsleben der Amischen tat, würde aber heute wie damals gerne dazugehören können – gleichzeitig möchte sie jedoch ihre Möglichkeiten und Freiheiten bei den „Englischen“ nicht aufgeben, wo sie eher nach ihren Neigungen leben kann. Diese Zerrissenheit spielt eine wichtige Rolle und zieht die Leser bzw. Zuhörer meiner Meinung nach sehr tief in die Geschichte. Die erwachsene Kate sieht ihre Mutter in einem ganz anderen Blickwinkel und auch das Leben ihrer Schwester, lernt damals Geringgeschätztes neu zu beurteilen.

Auch der Fall um das 15-jährige Mädchen weckt Erinnerungen, denn es gibt nicht wenige Parallelen zu ihrer eigenen Jugend – „nur“, dass Kate Burkholder mit dem Leben davon kam.

Durch den veränderten Schauplatz spielen Kates Kollegen nur eine sehr kleine Rolle. Während ihre Beziehung zu Tomasetti in den vorausgegangenen Bänden immer etwas wackelig war, sind die Gefühle der beiden inzwischen deutlich gefestigt und die erzwungene Fernbeziehung stellt sie vor eine ganz neue Herausforderung.

Für diese Reihe kann ich mir keine andere Sprecherin als Kathleen McInerney vorstellen. Sie verkörpert einfühlsam die spröde Kate Burkholder, vermittelt die Atmosphäre jeder noch so unterschiedlichen Szene und versteht es, jeder Figur eine eigenen Stimme zu verleihen.

Fazit
Spannend, wieder mit zahlreichen eingeflochtenen Informationen über das Leben der verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Amischen, sowie das Verhältnis von Amischen und „Englischen“, zeigt „Among the Wicked“ das Leben einer sehr strengen amischen Gemeinde von innen und führt Kate Burkholder einerseits zurück zu ihren Wurzeln, während sie andererseits weit entfernt von Heimat und Kollegen ein gefährliches Leben führt. Meiner Meinung nach einer der besten Bände der Serie.

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Jamie Ford – Keiko (Hotel on the Corner of Bitter and Sweet)

ungekürzte Lesung
Sprecher Feodor Chin
10:52 Stunden
Hörprobe *klick*

Zum Inhalt (vom Berlin Verlag)
Dezember 1941: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor ist auch in Seattle nichts mehr, wie es war. Für den zwölfjährigen Henry bricht eine Welt zusammen, als Keiko, das bildschöne Mädchen aus seiner Schule, plötzlich verschwindet. Ihre Eltern sind Japaner und die Wirren des Krieges beenden eine aufkeimende Liebe. Vierzig Jahre später stößt Henry durch Zufall auf einen Bambusschirm und ist sich sicher: Dieser Schirm hat einmal Keiko gehört. Was ist mit ihr geschehen?

Zum Autor (vom Berlin Verlag)
Jamie Ford wuchs in der Nähe von Seattles Chinatown auf. Seine chinesischen Verwandten nannten ihn »Ji Mai«, was bald zu »Jamie« wurde. Er ist Absolvent der Squaw Valley Community of Writers. Nach dem Bestseller »Keiko« ist »Die chinesische Sängerin« sein zweiter Roman. Jamie Ford lebt mit seiner Familie in Montana, USA.

Zum Sprecher (freie Zusammenfassung von Wikipedia)
Feodor Chin ist ein amerikanischer Film- und Theaterschauspieler und Autor, der auch als Sprecher für Hörbücher und Computerspiele tätig ist.

Meine Meinung
Dank der Leserunde der Querbeet-Eulen Winken Anbeten habe ich dieses besondere Buch nach Jahren wieder gehört.

Wie nur wenige andere Autoren gelingt es Jamie Ford mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit seine Leser nach Seattle in die Jahre 1942 und 1986 zu entführen und eine in ihrer Tragik an Romeo und Julia erinnernde Liebesgeschichte zu erzählen.

Der 13-jährige Henry Lee wächst bei seinen aus China eingewanderten Eltern auf, inmitten von Seattles Chinatown und besucht anfangs die chinesische Grundschule des Viertels. Sein Vater ist ein erzkonservativer Nationalist und wird später von einer anderen Figur sehr treffend als der nicht schmelzende Eiswürfel in Amerikas Schmelztiegel der Kulturen bezeichnet.

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule verliert Henry nicht nur seinen Freundeskreis, sondern auch die ohnehin schon spärliche Unterhaltung mit seinen Eltern. Über die Kontakte seines Vaters darf er als Stipendiat eine bis dahin rein weiße Schule besuchen, wo er mittags als Hilfe in der Kantine arbeiten muss. Gleichzeitig entscheiden seine Eltern, dass er ausschließlich Englisch sprechen soll – eine Sprache, die sie selbst nicht verstehen. Damit erstirbt die Möglichkeit eines echten Austauschs mit seinen Eltern. Henry bleibt – auch durch den Krieg und die Anfeindungen der Mitschüler – nichts anderes übrig, als früh erwachsen werden zu müssen.

Zum Glück findet Henry andere Freunde in dem schwarzen Jazzmusiker Sheldon, der oft auf seinem Schulweg spielt und ausgerechnet in Keiko Okabe, einem amerikanisch-japanischen Mädchen, das auch als Stipendiatin an die exklusive Schule kommt. Während seine Eltern in ihrem exilchinesischen Kokon verharren, entwickelt Henry sich eher zu einem amerikanischen Teenager, der den Jazz und Keiko lieben lernt.

Jamie Ford erzählt von den normalen Loyalitätskonflikten eines Heranwachsenden und den für westliche Leser aus dem 21. Jahrhundert fast unvorstellbaren Lebensverhältnissen der chinesischen und japanischen Einwanderer in den USA. Vor der Lektüre war mir das Schicksal der japanischen Bevölkerung in den USA während des 2. Weltkriegs weitgehend unbekannt. Gleichzeitig ist das Grundthema auch im Jahr 2016 leider immer noch erschreckend aktuell, Anfeindung und Ausgrenzung (vermeintlich) fremder Kulturen, egal ob 9/11, heute in Europa oder der jetzige Wahlkampf in den USA…

Auch beim zweiten Hören beeindruckte mich wieder wie Henry mit jeglichen Widrigkeiten ohne Bitterkeit umgeht, stets versucht das Beste aus schwierigen Umständen machen will und dabei immer wieder das Glück anderer über seine eigenen Wünsche stellt. Der englische Titel „Hotel on the Corner of Bitter and Sweet“ passt perfekt zum Inhalt des Buchs, das eine längst vergangene Zeit durch die Augen eines Heranwachsenden lebendig werden lässt. Gerne würde ich selbst durch Seattles japanisches Viertel Nihonmachi schlendern, bevor es nach der Internierung seiner Bewohner rasch verschwand und die Jazzclubs besuchen – jedoch nicht dort leben müssen, während des Kriegs und all der Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die knapp und eindringlich angerissen werden.

Geschickt springt die Geschichte zwischen den Jahren 1942-1945 und 1986, zwischen Henrys jetzigem Leben nach dem Tod seiner Frau und seinen Erinnerungen an seine Kindheit, zwischen seinem Leben als Sohn eines distanzierten strengen Vaters und seinem Leben mit seinem eigenen Sohn Marty. Manche Kapitel zeigen nur kurze Episoden aus Henry Leben, andere begleiten ihn über einen längeren Zeitraum. Die Figuren, egal ob Henry und seine Familie, die Mitschüler oder andere Personen denen Henry begegnet, sind facettenreich gestaltet.

Feodor Chin lässt Henry Gefühle und Gedanken lebendig werden, so dass ich schnell das Gefühl hatte, Henry selbst zuzuhören.

Fazit
Eines meiner Lieblingsbücher, das so viel mehr ist als eine Liebesgeschichte oder ein „coming of age“ Roman und sich mit einem schwierigen Kapitel aus der Geschichte der USA beschäftigt, die kein einfacher Schmelztiegel waren, erst recht nicht während des zweiten Weltkriegs für japanische und chinesische Einwanderer. Leider sind heute die Themen Toleranz und Loyalität wieder erschreckend aktuell und ich kann es kaum glauben, dass „Keiko“ der Erstling von Jamie Ford ist, sowohl von der komplexen Themenvielfalt als auch sprachlich.

Abschließend bleibt nur meine Verwunderung, dass es bis heute keine ungekürzte deutsche Hörfassung gibt und die Hoffnung, dass Jamie Fords (bisher noch nicht angekündigtes) drittes Buch wieder so wundervoll sein wird, wie sein erstes.

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Frisch gehört: Carol Rifka Brunts – Tell the Wolves I’m Home


11:46 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin: Amy Rubinate
Hörprobe beim Verlag

June Elbus verbringt gerne Zeit mit ihrem Onkel Finn, einem berühmten Maler. An den Wochenende sind sie und ihre ältere Schwester Greta häufig dort, weil Finn ein Porträt von ihnen malt, das noch vor seinem Tod fertig werden soll.  Onkel Finn scheint die einzige Person zu sein, die June wirklich versteht und sich in das komplizierte Gefühlsleben der 14-Jährigen hineinversetzen kann. Mit Gleichaltrigen hat sie außerhalb der Schule kaum noch Kontakt, die früher fast unzertrennlichen Geschwister haben sich in der letzten Zeit weit voneinander entfernt. Umso wichtiger ist June der enge Kontakt zu Finn, der ihr Patenonkel und bester Freund zugleich ist, jedoch an Aids stirbt.
Eine Krankheit, die in den 1980ern noch ganz anders wahrgenommen wurde als heute und so ist es nicht verwunderlich, dass Junes Mutter weder über die Krankheit noch den Tod ihres jüngeren Bruders sprechen möchte. Durch Finns Tod lernt June eine andere Person kennen, die Finn sehr nahe stand und die ihr endlich die Möglichkeit gibt, über ihn zu sprechen, ihre Trauer nicht mehr verstecken zu müssen. Gemeinsam versuchen die beiden, ein Leben ohne Finn zu leben, in dem er jedoch ständig gegenwärtig ist.

“Tell the Wolves I’m Home” (Erzähl den Wölfen, dass ich zu Hause bin) ist eine ruhige und einfühlsame Erzählung über das Erwachsenwerden, die Veränderungen in einer Familie, wenn die Kinder erwachsen werden und über den Umgang mit dem Tod geliebter Menschen an einer Krankheit, die zum Aussätzigen machte.

June ist gerade 14 als sie zufällig hört, dass ihr Onkel Finn an Aids erkrankt ist. Ausgerechnet ihr heißgeliebter Onkel Finn, ihr einziger Vertrauter, bei dem sie sich nicht verstellen muss und der sie scheinbar auch ohne Worte versteht. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist schon vor Finns Krankheit angespannt, sowohl aufgrund ihrer eher durchschnittlichen schulischen Leistungen als auch wegen des Drucks ihrer Mutter, sich mehr mit Gleichaltrigen zu treffen. Unter ihren Mitschülern fühlt June sich schon länger nicht mehr wohl, zu anders sind ihre Interessen und auch ihre ältere Schwester Greta ist ihr fremd geworden. Nach der Schule streift sie gerne allein durch den Wald und stellt sich vor, im Mittelalter zu leben, Falknerin zu sein.

Carol Rifka Brunt gelingt es in ihrem ersten Roman sehr behutsam das Seelenleben der jungen und unsicheren Außenseiterin June zu zeichnen, die sich kaum etwas sehnlicher wünscht, als einfach so akzeptiert zu werden, wie sie ist. Früher waren June und Greta unzertrennlich, heute sind sie kratzbürstig zueinander und könnten unterschiedlicher kaum sein. Greta ist auf dem Weg an den Broadway, selbstsicher, gewandt, talentiert und seht beliebt. Als Leser bzw. Zuhörer wünscht man ihnen die alte Nähe zurück, nicht zuletzt auch weil es in ihrer Familie kaum echte Nähe zwischen Eltern und Kindern gibt. Insbesondere die Mutter Danni scheint schon vor dem Tod ihres Bruders jedes Gespür für die wahren Interessen und Bedürfnisse ihrer Töchter verloren zu haben, der äußere Schein und der Ruf sind wichtiger.

Nicht zuletzt dank Amy Rubinates sehr gelungenem Vortrag wurde June sehr schnell lebendig, ihre Gedanken und Gefühle fast greifbar. Ihre Stimme passt perfekt zu der spröden und so zerbrechlichen June, fängt deren Stimmungsschwankungen perfekt ein.

Der Umgang mit Aids in den 1980ern ist bedrückend realistisch gezeichnet und auch Auswirkungen der Sprachlosigkeit innerhalb von Junes Famlie auf die einzelnen Personen. Umso mehr freut man sich mit June als eine neue Person in ihrem Leben auftaucht, die ihr neue Perspektiven aufzeigt, die ihr wiederum helfen mit der durch Finns Tod entstandenen Leere umzugehen und sie mit neuem Leben zu füllen. Eine Freundschaft, in der Finns Leben und Krankheit kein Tabuthema sind, das weitgehend von June geheim gehalten werden soll.

Besonders beeindruckend ist die durchweg realistische Entwicklung von June, Greta und ihren Eltern im Lauf der Geschichte, sowie der neuen Figur. Alle haben nachvollziehbare Motive, ihr Zusammenspiel ist vor allem vor dem Hintergrund jener Zeit durchaus glaubwürdig.

Eines der seltenen Bücher, das ich mehrfach unterbrach, um länger etwas davon zu haben. Carol Rifka Brunt zeichnet mit June eine sehr realistische jugendliche Außenseiterin, die mit dem Verlust ihres geliebten Onkel Finn umgehen muss und ihren Platz in der Welt sucht, zu der Amy Rubinates Vortrag perfekt passt. Ein trauriges und gleichzeitig Hoffnung gebendes Buch, das auch sprachlich sehr gelungen ist.
Es ist mir ein Rätsel, weshalb dieses Buch zwar in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurde, jedoch keine deutsche Übersetzung zu finden ist.

 

Carol Rifka Brunts Arbeiten sind in einigen Literaturzeitschriften erschienen, u.a. “North American Review” und “The Sun”. 2006 wurde sie als eine von drei Autorinnen mit dem “New Writing Ventures Preis” ausgezeichnet und erhielt 2007 ein großzügiges Stipendium des Arts Council, mit dessen Hilfe sie ihren Erstlingsroman “Tell the Wolves I’m Home” verfasste.
Ursprünglich aus New York stammend, lebt sie derzeit mit ihrem Mann und drei Kindern in England.
(freie Übersetzung der Informationen beim Verlag)

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Alan Bradley – Flavia de Luce 6: Tote Vögel singen nicht

8:07 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin: Jayne Entwistle
Hörprobe beim Verlag *klick*

Zum Autor
Alan Bradley wurde 1938 geboren und ist in Cobourg in der kanadischen Provinz Ontario aufgewachsen. Nach einer Karriere als Elektrotechniker, die schließlich in der Position des Direktors für Fernsehtechnik am Zentrum für Neue Medien der Universität von Saskatchewan in Saskatoon gipfelte, hat Alan Bradley sich 1994 aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen.

Zur Sprecherin
Jayne Entwistle ist eine britische Hörbuchsprecherin, die in Los Angeles lebt. Für ihre herausragende Sprecherleistung bei den Hörbüchern der Reihe um Flavia de Luce wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.

Zum Inhalt (freie Übersetzung des englischen Klappentextes)
An einem Frühlingstag im Jahr 1951 versammelt sich die 11-jährige leidenschaftliche Chemikerin und Detektivin Flavia de Luce mit ihrer Familie am Bahnhof von Bishop’s Lacey. Der Anlass ist die Rückkehr ihrer lange verschollenen Mutter Harriet. Kurz nachdem der Zug mit Harriets Sarg eingetroffen ist, wird Flavia von einem großen Fremden angesprochen, der ihr eine kryptische Botschaft zuflüstert. Gleich darauf ist er tot, weil ihn jemand aus der wartenden Menge vor den abfahrenden Zug gestoßen hat.

Wer war dieser Mann und was bedeuten seine Worte? Warum richtete er sie ausgerechnet an Flavia? Zurück in Buckshaw, dem zerfallenden Familiensitz der Familie de Luce, richtet Flavia ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Fall und findet eine alte Filmrolle mit ihr völlig unbekannten Aufnahmen, die sie zu einem Familiengeheimnis führen, in das auch Winston Churchill verwickelt zu sein scheint…

Meine Meinung
Die Vorfreude auf den sechsten Band der Reihe um die junge Flavia de Luce war so groß wie das Risiko, dass das Niveau der Vorgänger nicht gehalten werden kann.

Alan Bradley wartet diesmal mit einer ganz unerwarteten Ausgangssituation auf: Der Leichnam von Flavias Mutter wurde gefunden und nicht nur die gesamte Familie, sondern zahlreiche andere Ehrengäste sind am Bahnhof von Bishop’s Lacey versammelt um den Sarg zu empfangen. Wird wirklich das Geheimnis um ihr Verschwinden gelüftet und somit auch eine Last von Flavia genommen? Denn ihre Schwester werden nicht müde, ihr die Schuld am Verschwinden der Mutter zu geben. Andererseits stirbt nun auch endgültig die letzte Hoffnung, ihre Mutter könne doch noch lebendig auftauchen.

Flavia wirkt in diesem Band deutlich reifer, was sicherlich auch an den drastischen Umständen liegt. Ihr Vater ist überhaupt nicht ansprechbar, ihre Schwestern sehr angespannt, so wie auch der Rest der Anwesenden. Dann geschieht bei der Einfahrt des Zuges auch noch ein Mord, just jener Fremde stirbt, der kurz zuvor das Gespräch mit Flavia gesucht hatte.

Endlich ist Flavia nicht mehr die Jüngste, sondern ihre nicht minder intelligente und wenig zurückhaltende Cousine Undine. Für Flavia eine ganz neue Situation, die Ältere zu sein und ausgerechnet auf ein jüngeres Mädchen aufpassen zu müssen, das in mancher Hinsicht gebildeter ist als sie selbst und mindestens genauso neugierig. Grinsen Das deutsche Titelbild zeigt Flavia bei einer ganz neuen Erfahrung, die sie ihrer Mutter auf andere Weise näher bringt.

Die Entwicklung der bisher bekannten Hauptfiguren und auch das Verhalten von Undine sind glaubwürdig, jede geht anders mit dem Tod der Mutter bzw. Ehefrau um. Weniger glaubwürdig ist das Auftauchen einiger Prominenter, auch wenn früher schon angedeutet wurde, wie bedeutend die Familie de Luce früher war.

Natürlich spielen auch Flavias Labor und ihr detektivischer Spürsinn wieder eine Rolle, wobei sie sich in ihrer Verzweiflung zu sehr fragwürdigen Experimenten hinreißen lässt – was in ihrer Situation und zu jener Zeit nicht ganz unverständlich ist, wenn auch meiner Meinung nach etwas weit hergeholt. Eigentlich ist die Zeit zwischen den Bänden zu knapp, um die inzwischen deutliche Reifung von Flavia glaubwürdig erscheinen zu lassen, auf der anderen Seite bin ich froh, dass sie sich weiterentwickelt, was gerade in diesem Band natürlich sprunghaft passiert.

Der Kriminalfall ist diesmal wirklich eher eine Randerscheinung, Flavias Ermittlungen nehmen zwar einigen Raum ein, ihr Reifeprozess sowie zahlreiche Hintergrundinformationen über das frühere Leben ihrer Eltern deutlich mehr. Hinzu kommen auch Veränderungen bei Flavias Schwestern, das Leben in Bishop’s Lacey geht weiter und auch bei Flavia selbst stehen größere Veränderungen an.

Das Ende wäre auch perfekt passend für den Abschluss der Reihe gewesen, sehr glaubwürdig und stimmig, jedoch sind wohl inzwischen noch weitere vier Bände vorgesehen.

Die Stimme von Jayne Entwistle ist für mich inzwischen zu der von Flavia geworden, mal vorlaut, mal sehr verletzlich und stets den passenden Ton findend.

Fazit
Auch der sechste Band um die junge leidenschaftliche Chemikerin und Hobby-Detektivin Flavia de Luce ist unterhaltsam, wenn auch mit düsteren Untertönen als die Vorgänger. Der Leichnam von Flavias Mutter wurde gefunden und die Atmosphäre daher entsprechend ernster.
Flavia entwickelt sich deutlich und glaubwürdig weiter, auch die anderen Mitglieder ihrer Familie spielen wieder wichtige Rollen, insbesondere eine naseweise und hochintelligente jüngere Cousine.
Eigentlich sollte dieser Band den Abschluss der Reihe bilden, die jetzt auf zehn Bände ausgeweitet wird. Hoffentlich gelingt es Alan Bradley, Flavia auch die nächsten vier Bände ähnlich glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Die deutsche Fassung ist für Oktober angekündigt, die ISBN für das Hörbuch noch nicht verfügbar, diese trage ich dann nach.

P.S. Sam Mendes hat sich die Filmrechte gesichert und es ist ein TV-Serie geplant.

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