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Max Porter, 20.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Max Porter in conversation with Festival Director Nick Barley at the 2019 Edinburgh International Book Festival
©Edinburgh International Book Festival

Die Veranstaltung wurde von Nick Barley geleitet, dem sichtlich begeisterten Direktor des Book Festivals. Benjamin Myers musste leider aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen, was sowohl Max Porter als auch Nick Barley sehr bedauerten und allen Anwesenden dessen Buch The Offing wärmstens empfahlen.

Nick Barley fragte, wer im Publikum Max Porters neuen Roman Lanny schon gelesen hatte und als sich rund die Hälfte meldete, witzelte Max Porter „Great, my bookclub came.“

Sein erster Roman Trauer ist das Ding mit Federn habe ihn berühmt gemacht, Lanny sei unter anderem für den Booker Prize nominiert und habe ihm noch zusätzliche Fans beschert.

Nach dem Erfolg des ersten Buchs habe er wirklich noch einen weiteren Roman schreiben wollen, doch das sei ihm deutlich schwerer gefallen – als unveröffentlicher Autor habe er sich freier gefühlt. In seiner Schublade habe er noch ein 16-seitiges Gedicht gehabt und er hebe seine Notizbücher immer auf. Diese seien ihm sehr wichtig.

In diesem Gedicht ginge es um eine platonische Freundschaft zwischen einem älteren Mann und einen Jungen im Grundschulalter. Es bestehe eine gewisse nicht-sexuelle Erotik, die Kunst entstehen lassen könne wie bei einem mit Wasserfarben gemalten Bild. In Großbritannien bestehe gegenüber solch platonischen Freundschaften ein extremes Misstrauen. Er selbst habe die Idee der kindlichen Unschuld stets gemocht.

Was geschehe, wenn man gewisse Elemente aus dem Buch entferne, wie zum Beispiel die Handlung oder das Wissen, um welche Person es sich handelt?

Das Gedicht habe er nur für sich geschrieben, bevor etwas von von ihm veröffentlich wurde.

©Kein & Aber

©Kein & Aber

Nick Barley hatte sich als Schauplatz eine ländliche Gegend in England vorgestellt und zeigte ein Bild einer Spätsommerlandschaft mit einer kleinen Hütte, neben der eine englische Fahne weht. Für Max Porter hat Lanny keinen bestimmten Ort und der Anblick der englischen Fahne sorge bei ihm derzeit für eine gewisse Übelkeit. England habe sich selbst damit vergiftet, was es bedeutet, Englisch zu sein und kleine Boshaftigkeiten, oft von den Eltern übernommene Fremdenfeindlichkeit seien leider an der Tagesordnung. Auch wenn viele nicht wahrhaben wollten, dass es rassistisch sei.

Er habe Lanny lange vor der Brexitabstimmung geschrieben und es spiele in einer ländlichen Gegend rund eine Fahrstunde von London entfernt, die auch heute noch von der Landwirtschaft geprägt sei. Lannys Vater habe den Ort deshalb ausgesucht, weil er in erreichbarer Entfernung zum Pendeln nach London liege.

Eine mystische Figur namens „Dead Papa Toothwort” (auf Dt. wohl „Altvater Schuppenwurz“) spielt in Lanny eine wichtige Rolle und es gibt Figuren, die Geister sehen können oder zumindestens einen kurzen Blick auf sie erhaschen, das Gefühl eine Bewegung gesehen zu haben.

Sowohl Lanny als auch „Dead Papa Toothwort“ seien offen für solche Begegnung und würden zuhören. Für Max Porter sind die Menschen nicht die Einzigen mit einer Stimme. Was wäre, wenn die Bäume mit uns sprechen könnten, erzählen würden, was früher geschah? Es wäre gut, wenn die Menschen öfter über die Vergangenheit nachdenken würden, das würde auch unser Verständnis der Trauer bereichern. Überall auf dem Land seien Spuren der Vergangenheit, der früheren Bewohner.

Die Urbanisierung von Südengland habe vieles der historischen Landschaft überdeckt, aber für Lannys pendelnden Vater spiele das unbenannte Dort die Rolle einer ländlichen Identität, mit der er sich nicht weiter auseinandersetzen wolle.

Die grünen Männer in Englands Kirchen hätten ihn schon lange fasziniert. Sie stünden für den Kreislauf der Natur, des Landes, für ihn sprechen sie auch davon, wie Pestizide und anderes sie töten. Ob Lanny den grünen Mann hören könne?

Seinen Erfahrungen nach hätten Kinder im Alter von 10, 11 Jahren ein besonderes Gespür für Umweltschutz, das er „proto environmentalism“ nannte. Auch Greta Thunberg gehöre für ihn dazu.

Im Roman sei Lanny selbst über weite Teile nicht anwesend und es herrsche in der ersten Hälfte eine leicht unheilvolle Atmosphäre. Hier würden die Leser noch weitgehend in Sicherheit gewiegt, die ländliche Gegend, die kindliche Unschuld usw. In der zweiten Hälfte wollte er dann zeigen, was passiere, wenn die Boulevardmedien zur Sache gingen und möglicherweise unschuldige Personen an den Pranger stellen. Da habe sich in den letzten Jahrzehnten leider nichts geändert.

In Max Porters Augen ist die Boulevardpresse für den aktuellen Zustand Großbritanniens verantwortlich. Ihnen gehe es ausschließlich um ihre Verkaufszahlen. Sie habe das Land komplett zerstört und würde alles dafür tun, um das Land weiterhin im Würgegriff zu halten. Deren bösartige Methoden seien denen der Propagandamaschinerie nicht unähnlich, die Hitler an die Macht gebracht habe.

Es gebe nichts, für das er mehr Verachtung empfinde als die Boulevardpresse. (“I cannot think of a thing that I hold in more contempt than the tabloid press of this country.”)

Was passiere, wenn das eigene Kind verschwinde? Anfangs seien die Eltern nicht besonders besorgt. Doch dann breche Panik aus und die Methoden der Presse seien perfide. (Es wurde ein Bild gezeigt, auf dem die verschiedensten reißerischen Schlagzeilen über mögliche Aufenthaltsorte der verschwundenen Madeline McCann abgebildet waren.)

©Faber & Faber

Max Porter wollte den Lesern zuerst das Gefühl vermitteln, dass es ganz normal sei, dass der junge Lanny mit dem 80-jähren Pete alleine viel Zeit verbringt. Dann jedoch eine gewisse Identifikation mit den Bewohnern des Orts herbeiführen, die schnell in den Jargon und die Denkweise der Regenbogenpresse verfallen. „Oh mein Gott, das gehört sich doch nicht.“

Wie schnell ertappe man sich selbst, in Krisensituation plötzlich völlig anders, viel negativer über vorher harmlos wirkende und freundliche Mitmenschen zu denken?

Im zweiten Abschnitt würden die Leser von verschiedenen Stimmen überflutet und Lanny rufe nach Dead Papa Toothwort, ob dieser echt sei. Viele Kinder seien für solche mystischen Phänomene offener als Erwachsene.

Nicht jede Figur im ersten Teil brauche eine ausführliche Biographie, die Leser könnten sich schnell den Hintergrund der verschiedenen Figuren vorstellen, ohne allzu viele Details. Er hoffe, dass die Leser dann die unterschiedlichen Stimmen der Figuren erkennen würden, auch wenn die Sprecher nicht genannt würden.

Auf dem Titelbild habe er keine Illustration gewollt, kein Bild von Lanny für die Leser, sondern etwas, das eine etwas düstere und traumartige Stimmung schaffe.

Dann folgte eine besondere Lesung, denn Max Porter, Nick Barley, Maggie O’Farrell und Tracey Thorn lasen einen Abschnitt aus dem zweiten Teil des Romans, ließen die verschiedenen Stimmen lebendig werden.

Für Max Porter sind Romane eine Art Gegenmittel zur Boulevardpresse. Wofür Filme stünden, könne er nicht sagen, damit kenne er sich nicht genug aus und es fehle ihm das passende Vokabular.

Dead Papa Toothwort sei ein Voyeur, der eine Kamera halte und die Leser mit in die Häuser der Dorfbewohner nehme, deren Gesprächen lausche. Max Porter fasziniert es, wie ein Regisseur vom ersten Moment an die Zuschauer fesseln könne. Ein Roman solle das auch von der ersten Seite an können. Die Leser sollten im Roman wie bei einem Musikstück die verschiedenen Schichten erfassen können, unterschiedliche Stimmen hören. Das erfordere eine gewisse Arbeit vom Leser, dafür sei das Lesen so viel lohnender.

Ein Lehrer habe ihm einmal gesagt, er solle beim Lesen keine Stimmen im Kopf hören und das habe ihm damals etwas genommen. Er liebe Hörbücher und möge auch die unterschiedlichen Stimmen beim Lesen. (Beim Signieren auf das Hörbuch zu Lanny angesprochen, erwiderte Max Porter, dass ihm die Stimmen der Sprecher gut gefallen, das Hörbuch jedoch zu klinisch sei, die Stimmen seien nicht durcheinander.)

Früher habe er selbst als Lektor gearbeitet. Wie sei für ihn gewesen, als sein Buch lektoriert wurde? Die Zusammenarbeit mit seiner Lektorin sei großartig gewesen und die größte Veränderung sei gewesen, eine Stimme komplett aus dem Buch zu streichen. Das habe ihm zwar zuerst wehgetan, habe jedoch schnell gesehen, dass es die richtige Entscheidung war. Die Aufgabe des Lektor sei es, das Buch so aufzublasen, dass der Autor drum herum laufen könne und es aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen.

Damit war eine sehr interessante und unterhaltsame Veranstaltung viel zu schnell vorbei. Max Porter arbeitet an seinem nächsten Roman, über dessen Inhalt er noch nichts verraten konnte.

Das deutsche und englische Titelbild vermitteln völlig unterschiedliche Stimmungen, finde ich.

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Colson Whitehead, 25.08.2019, Edinburgh International Book Festival

Colson Whitehead in conversation with Kirsty Wark at the 2019 Edinburgh International Book Festival ©Edinburgh International Book Festival

Die Veranstaltung im bis auf den letzten Platz gefüllten Main Theatre wurde von Kirsty Wark geleitet. Vor zwei Jahren hatte er noch im deutlich kleineren Spiegelzelt gelesen.

Sie stelle Colson Whitehead kurz vor und beschrieb seinen neuen Roman Die Nickel Boys als komprimierte Rage.

Die Geschichte spielt an einer fiktiven Reformschule namens Nickel Academy, die auf der Arthur G. Dozier School for Boys, auch bekannt als Florida School for Boys, einer grauenvollen Einrichtung, die unglaublicher Weise erst 2011 geschlossen wurde.

2014 seien verstärkt Informationen über diese Einrichtung in die Öffentlichkeit gekommen und im gleichen Jahr wurde Michael Brown von einem weißen Polizisten getötet. Es sei zu weiteren ähnlichen Vorfällen gekommen und es sei der Eindruck entstanden, dass niemand dafür verantwortlich gemacht werden. Heute könne man es oft mit dem Handy dokumentieren, wenn Unschuldige leiden. Früher sei das nicht möglich gewesen und viele der Täter seien weit über 70 Jahre alt und seien Zeit ihres Lebens straffrei davongekommen. Einige seien sogar als besonders gute Bürger ausgezeichnet worden, obwohl sie in der Dozier School oder anderen Einrichtungen Straftaten begingen. Darauf angesprochen hätten sie es als ein paar Klapse abgetan.

Irgendwie habe ihn die Geschichte in jener Zeit besonders berührt. Hätte er drei Monate früher oder später gehört, hätte es ihn vielleicht nicht so stark beeinflusst. Es habe sich angefühlt wie Teil einer unreinen Kultur in der Straftäter davon kämen und die Unschuldigen leiden würden.

©Hanser Literaturverlage

Die Hauptfigur, der 16-jährige Elwood sehe sich als Teil einer Generation, die Amerika in die Zukunft führe, als kleiner Teil der Bürgerrechtsbewegung und er sei ein Einserschüler auf dem Weg ins College. Leider fährt er als Anhalter auf dem Weg in das College unwissentlich in einem gestohlenen Auto mit und landet so in der Nickel Academy.

Leider sei eine der Charaktereigenschaften von Elwood, dass er fest daran glaube, die Dinge zum positiven ändern zu können, wenn er sich nur genügend Mühe dabei gebe. Colson Whiteheads trockener Humor und die Ironie konnte seinen Zorn auf die Vorfälle und die aktuelle Situation nur ein wenig verbergen. Er las dann die ersten Seiten des Romans vor.

Die Berichte über die Ereignisse in der Dozier School hatten ihn erschüttert und damals habe niemand den jungen Opfern geglaubt. Erst Ende 2011 sei die Einrichtung geschlossen und noch später genauere Untersuchungen durchgeführt worden.

Die im Buch erwähnte Schallplattenaufzeichnung von Martin Luther King habe er als Jugendlicher nicht gekannt. Martin Luther King habe ihm schon früher positiv gestimmt und das sei auch heute noch so. Das sei eine ganz andere Generation gewesen. Sie seien auf die Märsche und Versammlungen gegangen, obwohl sie wussten, dass sie danach von Weißen verprügelt würden.

In den Südstaaten sei die Sklaverei auch heute noch nicht verschwunden, sichtbar wie z.B. in der heute wieder flatternden Fahne der Konföderierten und auch in der Alltagssprache, aber auch oft im Verborgenen. In der Schule wurde die Sklaverei lange Zeit kaum behandelt und es habe geheißen, durch Martin Luther King sei alles kuriert worden. Niemand wolle sich wirklich damit beschäftigen, wie das Land gebaut wurde – durch Sklavenarbeit und Völkermord an den Ureinwohnern. Überall bestünden Möglichkeiten für Böses, aber es sei schrecklich, wenn Menschen diese ausnutzen würden.

Auf die Struktur des Buches angesprochen antwortete er, dass er ein großer Planer sei. Er müsse den Anfang und das Ende kennen. Das Ende sei genau geplant gewesen und sobald er es kenne, ein Bild davon vor sich sehe, könne er mit dem Schreiben anfangen und darauf hinarbeiten.

Es gebe Berichte über den Slang in diesen Reformschulen. In mehreren sei die Lederpeitsche „Black Beauty“ genannt worden oder das Gebäude in dem die Folter stattfand „Eiscremefabrik“, für die verschiedenfarbigen Flecken, die von der Folter verursacht wurden.

Heute gebe es über das Internet Gruppen, in den die Überlebenden sich gegenseitig unterstützen und austauschen. Er bewundere diese Menschen dafür, dass sie zu den Orten ihres Leidens zurückkehren könnten.

Elwood ginge als Idealist in die Nickel Academy. Die Lager an der Grenze zu Mexiko würden ihn an diese Akademien erinnern. Junge Kinder, die von ihren Eltern getrennt werden und in schrecklichen Umständen untergebracht werden, für das Leben deformiert. Es ginge immer noch weiter.

 

©Hanser Literaturverlage

Underground Railroad sei sehr erfolgreich gewesen und werde jetzt verfilmt. Nächsten Sommer sollten die zehn Folgen bei Amazon verfügbar sein.

Er sei sich nicht sicher, ob er während seines Lebens noch einen weiteren schwarzen Präsidenten erleben werde. Die globale Erwärmung würde seine Lebenszeit vermutlich verkürzen. Die rassistische Einstellung sei unverändert vorhanden, es brauche nur jemanden, der sie aktiviere. Vermutlich würden weder die Probleme der USA noch die Israels zu seinen Lebzeiten gelöst. Die Menschen würden historische Ereignisse schnell vergessen und die gleichen Fehler wiederholen.

Auf sein nächstes Buch angesprochen erwiderte Colson Whitehead, dass er Underground Railroad unter Barack Obamas Präsidentschaft geschrieben habe und danach dann Die Nickel Boys, das noch schwerer verdauliche Buch, wegen der aktuellen Ereignisse in diesem Land. Sein nächstes Buch solle mehr Freude bringen, lustiger sein.

Heute herrsche eine Einstellung wie in den 1950ern, als es weder für Frauen oder Schwarze Fortschritte gab. Die verrückten Forderungen nach Gleichheit und ein schwarzer Präsident hätten einige in den Wahn getrieben. Er selbst habe ein gutes Pokergesicht. Vermutlich, weil er innen halbtot sei, sagte er ohne eine Miene zu verziehen.

Einer Frage nach möglichem politischen Engagement oder einer politischen Rolle wich Colson Whitehead aus und antwortete knapp zu seiner Einschätzung von Donald Trump: “We’ve had dumb presidents and racist presidents, but never one this dumb and this racist.”

Auf die Umgebung beim Schreiben angesprochen erzählte er, dass er es gewohnt sei, in einer lauten Umgebung zu schreiben. Polizeisirenen, Geräusche wie jemand auf der Straße erwürgt werde. Er habe eine Playlist mit 3000 Liedern, von Punk über Sonic Youth und vieles andere.

Er schreibe nicht jeden Tag, ungefähr acht Seiten pro Woche. Oft überarbeite er zuvor geschriebenes und verbringe viel Zeit mit Recherche. So komme auf rund 400 Seiten oder ein Buch pro Jahr. Die Nickel Boys sei das erste Buch gewesen, bei dem er sich während des Schreibens zum Ende hin immer deprimierter gefühlt habe. Es habe sich schlecht angefühlt, es zu schreiben und er wusste genau, wie es enden würde.

Es vergehe keine Woche ohne irgendwelche kleineren oder größeren rassistischen Vorfälle in seinem Umfeld. Man sehe seine Welt durch die eigenen Erfahrungen in Bezug auf Rasse, Geschlecht und Gesellschaftsklasse.

Eine schwarze Zuschauerin erzählte, dass ihre Verwandten aus Florida damals von den Berichten über diese Reformschule erschüttert gewesen seien. Niemand habe von den Vorgängen gewusst und sie sei ihm dankbar dafür, dass er eine breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam mache. Colson Whitehead erwiderte, dass Florida für lange Zeit die höchste Zahl an Lynchmorden gehabt habe. So hoch, dass sie normal erschienen seien. *

Eine Frage aus dem Publikum bezog sich auf die Kombination schöner Prosa und barbarischer Ereignisse. Ob sich das Schreiben dann irgendwie schizophren anfühle.

Die Recherche sei für ihn anders gewesen als das Anschauen von Roots als Kind. Die Gewalt in Underground Railroad sei etwas weiter weg gewesen, die der Reformschulen habe sich unmittelbar angefühlt und deprimierend. Er habe die Dozier School besuchen wollen und es immer wieder verschoben. Irgendwann sei ihm klargeworden, dass er mit Dynamit hingefahren wäre. Die Schule sei letzten Endes durch einen Hurrikan weitgehend zerstört worden und sehe jetzt von außen so aus wie früher die Vorgänge im Inneren.

Die Tampa Bay Times habe die Vorfälle in der Schule an die Öffentlichkeit gebracht, jedoch sei damals ausschließlich in Lokalzeitungen darüber berichtet worden. Es sei nie in die landesweiten Nachrichten gekommen. Der Staat habe sich zwar bei den Schülern entschuldigt, aber es wurde niemand angeklagt und verantwortlich gemacht. Die Schule wurde geschlossen und damit sei es erstmal erledigt gewesen.

Für ihn seien alle Berichte aus erster Hand sehr wichtig gewesen. Er hoffe, wie so viele Eltern und Großeltern, dass seine Kinder in einer besseren Welt aufwachsen und diese Welt offener für Minderheiten und Benachteiligte sei. Aber er wisse, dass die Menschen eine ziemlich dumme Rasse seien und viele Fortschritte durch unglaubliche menschliche Schwäche wieder vernichten würden.

Auf die Frage ob Literatur Veränderungen bewirken könne, antwortete Colson Whitehead, dass er nicht glaube, dass Literatur noch eine zentrale Rolle in der Kultur spiele und so Veränderungen bewirken könne. Er sei der Ansicht, dass nicht genügend Menschen lesen würden und die Menschen, die von bestimmten Büchern beeinflusst werden könnten, würden eben jene Bücher nicht lesen.

Wenn man eine Vielzahl unterschiedlicher Romane lese, von verschiedenen Autoren, bekomme ein besseres Verständnis für die Welt, wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus funktionieren würden.

Im Anschluss signierte Colson Whitehead noch rund zwei Stunden lang und beantwortete zahlreiche Fragen.

*Zufällig stand diese Frau später beim Signieren hinter mir in der Schlange und sprach darüber, dass nicht bekannt gewesen sei, wie gravierend die Vorfälle gewesen seien, aber dort vieles normal erschienen sei, das in anderen Bundesstaaten in einem anderen Licht gesehen wurde.

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Fernando Aramburu las am 16.03.2018 in Leipzig

©Rowohlt

©Rowohlt

Zu Beginn wurde Fernando Aramburu kurz vorgestellt. In San Sebastian im Baskenland geboren, seit 1985 in Hannover lebend, weil er während des Studiums in Saragossa eine junge Deutsche kennenlernte, wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt. Seine ersten deutschen Worte seien „Bier“ und „Bratwurst“ gewesen, seine Bücher schreibe er nach wie vor auf Spanisch. In Deutschland fühle er sich wohl und das in Deutschland oft nicht so gute Wetter helfe ihm beim Schreiben, denn er bleibe öfter zu Hause als in Spanien. Seiner Ansicht nach fördern die kalten dunklen Winter das Philosophieren und auch den Erfindungsgeist.

Sein 2016 veröffentlichter Roman Patria wurde in Spanien mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Familien, die beiden Mütter sind starke Frauenfiguren. Nach Vorbildern habe er nicht lange suchen müssen. Früher seien die Frauen meist zu Hause stark gewesen, heute auch außerhalb. Sein Vater sei jeden Samstag mit der ungeöffneten Lohntüte nach Hause gekommen, seine Mutter habe sie geöffnet und ihm einen Teil davon zu Weggehen mit Freunden gegeben.

Patria folgt dem Schicksal der beiden Familien mit insgesamt neun Hauptfiguren über rund drei Jahrzehnte hinweg. Die beiden Frauen waren lange eng befreundet, ihre Freundschaft von der ETA zerstört. Hat der Sohn von Bittoris bester Freundin Miren mit dem Mord an ihrem Mann zu tun oder war er gar selbst der Täter? Dies sei die zentrale Frage des Romans, die Bittori klären will. 2011 kündigte die ETA an, den bewaffneten Kampf aufzugeben und das habe vieles im Baskenland verändert.

Es folgte eine Lesung aus dem Anfangskapitel, in dem Bittori das Grab ihres ermordeten Mannes besucht, ihm von der Ankündigung der ETA erzählt und von ihrem Plan, die Wahrheit herauszufinden.

In allen seinen neun Romanen gebe mindestens eine Friedhofepisode, diesmal habe er es vielleicht übertrieben, aber er liebe Friedhöfe.

1984 wurde ein Senator aus seiner Heimatstadt ermordet. Dieser sei das erste Opfer gewesen, das er persönlich kannte und dadurch sei die ganze Sache für ihn emotional anders geworden. Nachrichten über Anschläge aus dem Iran, Irak und anderen fernen Ländern könnten wir nicht richtig verarbeiten, das sei alles weit weg. Auch die Reue einiger Mittäter habe ihn stark bewegt. Das letzte Kapitel könne auch als Vorwort gelesen werden – aber er werde hier nicht den Inhalt diskutieren. Ihm sei schon öfter aufgefallen, dass die Kritiker gerne den kompletten Inhalt diskutierten und somit alles verraten würden. Genau das wolle er jedoch nicht, viele Leser wollten das Buch selbst lesen und entdecken. Darauf folgte kurzer Applaus.

Auf der anderen Seite finde er die vielen Interpretationen sehr spannend. Das Buch lasse bewusst Vieles offen, fälle keine Urteile über eine einzige Figur. Ihm sei es wichtig gewesen, zu zeigen, was die Morde der ETA mit den Menschen anrichteten und die Zerrissenheit der Gesellschaft. Nicht der Terror sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die menschlichen Schicksale. Wie aus „noch einem Attentat“ in den Medien ein persönlicher Albtraum werden könne. Einige der Figuren würden im Lauf des Romans ihre Einstellung zur ETA ändern, keine solle für eine bestimmte Ideologie stehen.

Dann wurde eine kurze Szene aus dem Haus von Miren gelesen, die ihr Bestes gibt, um die Familie trotz aller Schicksalsschläge zusammenzuhalten.

Für Fernando Aramburu hat Patria auch etwas Allgemeingültiges. Ein bewaffneter Konflikt, ein Mord. Das Schweigen im Dorf, zwei Freundinnen, die deshalb nicht mehr miteinander sprechen. Patria sei eine krasse Geschichte aus dem Baskenland, zeige aber auch allgemeine Mechanismen. Das Schweigen sei in dörflichen Gemeinschaften etwas ganz Anderes als in größeren Städten. Es sei wirklich so gewesen, dass die Familien der Opfer ausgegrenzt wurden. Alle wollten weiterleben und hätten den Mund gehalten.

Er selbst sei mit der baskischen Tragödie aufgewachsen, jedoch in den 80ern nicht ins Exil gezogen (scheinbar ein gelegentlicher Vorwurf), sondern zu seiner Partnerin nach Deutschland. Auch von dort sei der Konflikt und das Schicksal der Menschen ihm immer nahe gewesen. Schon damals habe er gewusst, dass er irgendwann darüber schreiben werde. Es habe jedoch jedoch mehr als einen Versuch gebraucht. Vielleicht habe eine gewisse Distanz auch geholfen.

Alle neun Protagonisten sind Erzähler, so könnten die Leser direkt in ihre Seelen und Gedanken hineinblicken. Der Mord am Vater werde so im Lauf des Romans aus neun verschiedenen Perspektiven erzählt. Heute früh aber er erfahren, dass Patria wieder auf Nr. 1 der spanischen Bestsellerliste sei. Derzeit werde der Roman wieder täglich in den Medien erwähnt, was seiner Meinung nach daran liegt, dass es um das Privatleben der Figuren ginge, das viele Spanier anspreche.

Es gebe bewusst weder ein Vorwort noch eine Widmung, im Mittelpunkt sollten alleine die Figuren stehen. Den Ort im Roman gebe es nicht, das habe er nicht gewollt. Wer sich jedoch im Baskenland auskenne, wisse welches Dorf ihm als Vorbild diente, auch wenn er z.B. eine Dorfkirche erfunden habe. Der Priester im Roman habe auch Menschen zu ETA Sympathisanten gemacht. In Dörfern habe man klar Positionen beziehen müssen, in den Städten sei es einfacher gewesen auszuweichen. Es habe viele Stufen des Mitmachens gegeben, nicht alle Täter hätten zu Waffen gegriffen. Fernando Aramburu ist sich nicht sicher, wie es ihm ohne Umzug nach Deutschland im Baskenland ergangen wäre.

Dann wurde noch eine dritte Stelle gelesen, in der es um Bittoris Mitgefühl für Mirens Sohn geht. Verständnis, jedoch keine Akzeptanz von Mirens Verhalten.

Es habe in allen Provinzstädten im Baskenland Lesungen aus Patria gegeben, eine lange Lesereise. Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich ausgefallen und es gefalle ihm, dass das Buch dort zu einer friedlichen Debatte geführt habe. In manchen Dörfern könne das Buch nicht öffentlich gelesen werden und werde heimlich gekauft. „Patria“ solle auch das schnelle Vergessen verhindern, das nur den Tätern helfe.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob Fernando Aramburu der ETA schon immer so kritisch gegenübergestanden habe. Laut eigener Aussage hatte der Fragesteller vor der Lektüre gewisse Sympathien für die ETA und habe erst im Roman gesehen, was die vermeintlich legitimierte Gewalt in den Familien anrichtete.

Fernando Aramburu antwortete, dass er schon seit seiner frühsten Jugend gegen die ETA war. Sogar als er mit 14, 15 Jahren der Indoktrination ausgesetzt gewesen sei, habe er nicht geglaubt, dass man mit Gewalt eine gute Gesellschaft aufbauen könne. Heute gehe es Allen im Baskenland deutlich besser, seitdem die ETA mit dem Morden aufgehört habe.

Eine weitere Frage war, ob die Katalanen nichts aus der Geschichte des Baskenlandes gelernt hätten. Für Fernando Aramburu ist die Situation in Katalonien anders. Dort habe man gelernt, ohne Terror für Unabhängigkeit zu kämpfen und ihm persönlich sei wichtig, dass das Baskenland sich nicht habe anstecken lassen.

Es gebe Tendenzen zur Regionalisierung in der EU und am Wichtigsten sei, ein verlässliches Miteinander in der EU hinzubekommen. Momentan gebe es viel Angst in der EU und viele Menschen glaubten, dass sie nur dann sicher seien, wenn sie sich einsperren. Ein kleines Land schaffen, in dem nur die leben dürften, die sie sich aussuchen. Man habe Angst vor Fremden und der Globalisierung. Machthungrige Menschen würden das ausnutzen. Das habe Europa immer Unglück gebracht und sei besorgniserregend.

Auf die Frage, ob er ein weiteres Buch über das Baskenland schreiben werde, antwortete Fernando Aramburu, dass er vielleicht irgendwann darauf zurückkommen werde, aber die Geschichte des Baskenlandes solle nicht zu einem Monothema für ihn werden. Aktuell sei er ständig unterwegs und schreibe überhaupt nicht. Erst nach dem Ende der Lesereise könne er sich erholen und Gedanken über ein weiteres Buch machen.

Damit endete eine spannende und lehrreiche Veranstaltung, das von Eva Mattes gelesene Hörbuch wurde direkt noch in Leipzig gekauft.

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Schnurren und Späße – Werke bayerischer Autoren gelesen von Erwin Brantl und Robert Ludewig, 29.01.2017, Karl-Valentin-Haus

Robert Ludewig und Erwin Brantl

Robert Ludewig und Erwin Brantl, Foto Marina

Drunt in der grünen Au… fand am vergangenen Sonntag eine äußerst kurzweilige Lesung für alle Fans der bairischen Literatur statt. Robert Ludewig und Erwin Brantl, ihres Zeichens Mitglieder der bayerischen Theatergruppe Südsehen, bescherten uns einen lustigen Abend mit den Spitzen der bayerischen Humors. Los ging es mit dem wohl berühmtesten Münchner Komiker: Karl Valentin und einem düsteren Sketch… Düster natürlich nicht im Sinne der Stimmung; Brantl und Ludewig forderten ihr Publikum auf, die Augen zu schließen, der Sketch spielte nämlich in einem finsteren Raum. Der Ort der Lesung war dabei ebenfalls mehr als passend gewählt, in dem Gebäude in der Zeppelinstraße 41 wurde Karl Valentin im Jahr 1882 geboren. Aber auch andere Urgesteine kamen nicht zu kurz: ob nun Georg Queris kurze Geschichten mit überraschenden Pointen oder Ludwig Thomas Beobachtungen der echten Bayern. So verschieden der Humor der Autoren auch ist, dank der lebhaften und passenden Vorträge unserer beiden Vorleser blieb kein Auge trocken und man konnte vielleicht sogar den ein oder anderen Autoren kennen lernen. Ein Highlight war sicher die berühmte Geschichte des grantigen Engel Aloisius, herrlich vorgetragen von Brantl und inklusive passender Schirmmütze und Harfe zum Frohlocken. Wem der Sinn nun auch nach diesen bayrischen Schmankerln steht, der hat am 11. Februar nochmals die Chance, dieser Lesung selbst zu lauschen. Um 19 Uhr in der bereits genannten Zeppelinstraße 41. Der Eintritt ist frei.

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