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Ali Bachtyar las am 15.03.2018 in Leipzig

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Neugierig auf diese Veranstaltung wurde ich dank der Rezension von Rumpelstilzchen in dem Forum Büchereule zu Ali Bachtyars aktuellem Buch Die Stadt der weißen Musiker.

Zu Beginn wurde Ali Bachtyar vorgestellt. Er ist der aktuelle Träger des Nelly-Sachs-Preises und lebt in Dortmund.

Ali Bachtyar ist Kurde und wurde 1966 im Irak geboren. Dort war er bereits als Schriftsteller bekannt, als er vor rund 20 Jahren die Heimat verließ. Ab 1991 habe im kurdischen Teil des Iraks eine gewisse Freiheit geherrscht und er sei als Teil einer rebellischen Generation aufgewachsen. Gemeinsam mit Freunden gründete er eine literarisch-philosophische Zeitschrift, die Gesellschaft umfassend kritisiert und auch selbst viel Kritik eingesteckt. Dann sei 1994 während des kurdischen Bürgerkriegs sein Leben in Gefahr geraten und er sei nach Deutschland ausgewandet.

Seine Geburtsstadt Suleimania sei ein wichtiges Kulturzentrum für die Poesie und so habe er früh begonnen zu Schreiben und Publizieren. Auch in seinen Romanen sei er Dichter geblieben.

Auf die Frage, ob er in Deutschland eine Heimat gefunden habe, antwortete er, dass dies nicht einfach gewesen sei. Unter einer Diktatur müsse man ständig eine Maske tragen, danach sei als Flüchtling ein Nichts und stehe direkt auf Null. Alles, war man vorher getan habe, sei nichts mehr wert und man lebe ständig in zwei Welten. Erst seit seine Werke übersetzt wurde, könne er im Gleichgewicht zwischen den zwei Welten leben. Vorher sei er hier ein Autor ohne Buch gewesen.

Maler und Musiker seien nicht auf das Wort angewiesen. Dieser Unterschied sei ein Thema in seinem aktuellen Buch Die Stadt der weißen Musiker.

Ali Bachtyar las einen kurzen Teil vom Anfang des Buchs auf Kurdisch. Im Anschluss las Frank Arnold einem längeren Abschnitt.

Die Moderatorin fragte nach der Bedeutung der Farbe Weiß für ihn und hatte gleich zahlreiche eigene Interpretationen parat. Ali Bachtyar verneinte alle Varianten, in seinem Buch steht Weiß für die Unendlichkeit. In der orientalischen Erzähltradition gehe eine Geschichte aus der anderen hervor. Diese mündliche Geschichtentradition sei im Irak leider nicht mehr existent und auch in den kurdischen Regionen im Irak und der Türkei selten geworden. Seine Großmutter habe ihm noch viele Märchen erzählt. Die Märchen von 1001 Nacht seien auch eine Sammlung von Geschichten aus den verschiedensten Quellen.

Die Stadt im Buch stehe für die unsterbliche Schönheit, die in uns allen sei. Es gebe verschiedene Erzählebenen und eine Art magischen Realismus, in der er das Wunderbare in den Alltag einbetten wollte. Um das Leben darzustellen, brauche er poetische Sprache. Die Absurdität des Lebens der Kurden könne er in Alltagssprache nicht beschreiben. Es gebe dunkle Ecken und undurchschaubare Strukturen im Orient, deshalb brauche er parallele Welten um die Ereignisse dort schildern zu können.

In dieser weißen Stadt würden alle Hoffnungen und Träume der Menschen aufbewahrt, um vielleicht irgendwann von jemand anders vollendet zu werden. Seine Hauptfigur Dschaladati ist der einzige Überlebende eines Massakers und wacht in der Stadt des Staubes wieder auf, die ein einziges großes Bordell ist. In dieser Stadt finde er das Haus eines Arztes und dieses habe wie die Realität einen doppelten Boden.

Dann wurde eine Szene gelesen, in der Dschaladati entdeckt, was sich im Keller dieses Hauses befindet: Eine große Gemäldesammlung mit Werken von getöteten Künstlern. Der Arzt will diese bewahren und so auch an diese Künstler und deren Schicksale erinnern.

Schreiben bedeutet für Ali Bachtyar auch Erinnern. Er stamme aus einem Land, in dem viel gedichtet, gemalt und komponiert werden, aber nur die wenigsten dieser Werke auch veröffentlicht würden. Sein Traum sei, diese Werk bewahren zu können. Durch das Schreiben könne er auch etwas retten. Auch wenn man die Welt nicht verändern könne, so sei es möglich, einiges zu retten.

Viel zu schnell war die knapp einstündige Veranstaltung mit diesem interessanten Autor vorbei, die leider zu stark von der der Moderatorin und ihren Interpretationen dominiert wurde.

Es ist noch nicht sicher, ob es auch ein Hörbuch geben wird. Dieses würde vermutlich von Frank Arnold gelesen.

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Premiere Maria Stuarda, 22.03.2018, Gärtnerplatztheater

Ein bisschen Geschichtswissen schadet sicher bei Werken nicht, die auf historischen Begebenheiten basieren. Da meine Italienischkenntnisse mehr als dürftig sind, habe ich mich vor dem Premierenbesuch zumindest noch ein wenig in die Handlung sowie die Biografien der Protagonisten von Maria Stuarda eingelesen. Ich war schon sehr gespannt auf die Inszenierung von Gaetano Donizettis Oper, nachdem ich am Vormittag das Bühnenbild schon bei meiner Führung durch das Theater bewundern konnte.

Foto: Christian POGO Zach

Tatsächlich wirkt die Bühne von Andreas Donhauser und Renate Martin sehr schlicht, ganz im Gegensatz zu ihren Kostümen. Auf der Drehbühne steht ein kühl wirkendes Konstrukt aus Plexiglas und Metall, das jedoch durch die Projektionen trotzdem lebendig wirkt und faszinierende Muster an die Decke des Zuschauerraumes wirft. Bei den Kostümen wurde dagegen aus dem Vollen geschöpft mit elisabethanisch anmutenden Gewändern. Das hört sich nach einem großen Kontrast an, stört aber keinesfalls, da die Inszenierung optisch so eine gute Balance zwischen Moderne und historisierendem Prunk findet, der ja von manchen Zuschauern immer noch bei Opern vermisst wird.

 

Dabei bleibt der Kontrast nicht nur bei der Ausstattung sichtbar, sondern zieht sich durch die gesamte Inszenierung, vor allem bei den beiden Kontrahentinnen Elisabeth und Maria. Die englische Monarchin sieht im Gärtnerplatztheater ihrem historischen Vorbild enorm ähnlich mit bleich geschminktem Gesicht, roter Perücke und aufwändigen Kleidern. Nadja Stefanoff gibt ihrer Elisabeth eine kühle und stolze Ausstrahlung, ja fast schon etwas Dämonisches. Durch ihr Spiel und vor allem ihre Stimme zeigt sie die Figur jedoch auch als Frau mit Sehnsüchten, die hin und her gerissen ist zwischen den Personen um sie herum. Maria, gespielt von Jennifer O’Loughlin hingegen wirkt völlig natürlich und bodenständig, zeigt aber auch, dass sie ihren eigenen Willen hat. Auch für die ehemalige schottische Herrscherin steht ihr Stolz über allem, ja sogar ihrem Leben. Somit sind die beiden Frauen eigentlich gar nicht so verschieden und können vor allem nicht klar als gut oder böse abgestempelt werden, versteht man doch die Motive beider.

Foto: Christian POGO Zach

Gegen diese beiden Hauptfiguren mit ihren sängerisch und spielerisch starken Darstellerinnen haben die männlichen Kollegen in dieser Inszenierung eigentlich kaum eine Chance, ihre Versuche den Konflikt der Frauen zu lösen scheinen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie zeigen jedoch in ihren Charakteren ebenso große Kontraste wie die weiblichen Figuren. Lucian Krasnec als Graf Leicester wirkt in der Regie Michael Sturmingers eher wie ein Spielball der Königinnen als ein strahlender Held. Er liebt Maria, küsste jedoch trotzdem auch ihre Feindin und kann sich letztendlich bei keiner der beiden durchsetzen. Levente Páll ist als Talbot die väterliche Figur der Inszenierung, der sowohl versucht Leicester vor zu großem Übermut angesichts seiner geplanten Rettungsaktion zu bewahren als auch als Beichtvater und seelische Unterstützung Marias wirkt, als ihre Hinrichtung bereits bevor steht. Die Szene in der schlichten „Kapelle“, in der Talbot Maria Trost spendet ist in meinen Augen berührendste Moment dieses Abends. Als einzigen klaren Bösewicht dieses Opernabends konnte ich tatsächlich nur Sir William Cecil, gespielt von Matija Meić, sehen. Er ist es, der Elisabeth letztendlich jedoch geschickt dazu überredet, ihre Konkurrentin aus dem Weg zu räumen, ohne jedoch eindeutige Motive erkennen zu lassen. Er wirkt dabei auf die anderen Charaktere alleine durch seine Anwesenheit offensichtlich einschüchternd.

Foto: Christian POGO Zach

Wenn die Herren also auch in dieser Operninszenierung nur wie Nebendarsteller scheinen, stehen die beiden Königinnen doch eindeutig im Mittelpunkt, so zeigen jedoch alle drei wie gewohnt ihr großes Können als Sänger und Darsteller.

Sturminger und seine Co-Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit zeigen mit diesem hervorragenden Ensemble eine spannende Inszenierung, die es versteht, die Figuren nicht nur schwarzweiß darzustellen und nicht zuletzt dank dem Orchester unter der Leitung von Athony Bramall wird auch musikalisch zu einem Hochgenuss. Nach der Premiere traf ich noch einen meiner Kollegen meiner Theatergruppe, der ein bekennender Donizetti-Fan ist und sich jetzt bereits mit weiteren Karten für diese Inszenierung eingedeckt hat. Ich denke, ich werde ihn auch das ein oder andere mal begleiten.

Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie: Michael Sturminger
Co-Regie: Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne / Kostüme: Andreas Donhauser, Renate Martin
Licht: Michael Heidinger
Video: Meike Ebert, Raphael Kurig
Choreinstudierung: Felix Meybier
Dramaturgie: Daniel C. Schindler

Maria Stuarda: Jennifer O’Loughlin
Elisabetta: Nadja Stefanoff
Graf Leicester: Lucian Krasznec
Georg Talbot: Levente Páll
Sir William Cecil: Matija Meić
Anna Kennedy: Elaine Ortiz Arandes
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Weitere Termine:
02.04.2018 18:00 Uhr
13.04.2018 19:30 Uhr
06.05.2018 18:00 Uhr
25.05.2018 19:30 Uhr
31.05.2018 18:00 Uhr

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Fernando Aramburu las am 16.03.2018 in Leipzig

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Zu Beginn wurde Fernando Aramburu kurz vorgestellt. In San Sebastian im Baskenland geboren, seit 1985 in Hannover lebend, weil er während des Studiums in Saragossa eine junge Deutsche kennenlernte, wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt. Seine ersten deutschen Worte seien „Bier“ und „Bratwurst“ gewesen, seine Bücher schreibe er nach wie vor auf Spanisch. In Deutschland fühle er sich wohl und das in Deutschland oft nicht so gute Wetter helfe ihm beim Schreiben, denn er bleibe öfter zu Hause als in Spanien. Seiner Ansicht nach fördern die kalten dunklen Winter das Philosophieren und auch den Erfindungsgeist.

Sein 2016 veröffentlichter Roman Patria wurde in Spanien mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Familien, die beiden Mütter sind starke Frauenfiguren. Nach Vorbildern habe er nicht lange suchen müssen. Früher seien die Frauen meist zu Hause stark gewesen, heute auch außerhalb. Sein Vater sei jeden Samstag mit der ungeöffneten Lohntüte nach Hause gekommen, seine Mutter habe sie geöffnet und ihm einen Teil davon zu Weggehen mit Freunden gegeben.

Patria folgt dem Schicksal der beiden Familien mit insgesamt neun Hauptfiguren über rund drei Jahrzehnte hinweg. Die beiden Frauen waren lange eng befreundet, ihre Freundschaft von der ETA zerstört. Hat der Sohn von Bittoris bester Freundin Miren mit dem Mord an ihrem Mann zu tun oder war er gar selbst der Täter? Dies sei die zentrale Frage des Romans, die Bittori klären will. 2011 kündigte die ETA an, den bewaffneten Kampf aufzugeben und das habe vieles im Baskenland verändert.

Es folgte eine Lesung aus dem Anfangskapitel, in dem Bittori das Grab ihres ermordeten Mannes besucht, ihm von der Ankündigung der ETA erzählt und von ihrem Plan, die Wahrheit herauszufinden.

In allen seinen neun Romanen gebe mindestens eine Friedhofepisode, diesmal habe er es vielleicht übertrieben, aber er liebe Friedhöfe.

1984 wurde ein Senator aus seiner Heimatstadt ermordet. Dieser sei das erste Opfer gewesen, das er persönlich kannte und dadurch sei die ganze Sache für ihn emotional anders geworden. Nachrichten über Anschläge aus dem Iran, Irak und anderen fernen Ländern könnten wir nicht richtig verarbeiten, das sei alles weit weg. Auch die Reue einiger Mittäter habe ihn stark bewegt. Das letzte Kapitel könne auch als Vorwort gelesen werden – aber er werde hier nicht den Inhalt diskutieren. Ihm sei schon öfter aufgefallen, dass die Kritiker gerne den kompletten Inhalt diskutierten und somit alles verraten würden. Genau das wolle er jedoch nicht, viele Leser wollten das Buch selbst lesen und entdecken. Darauf folgte kurzer Applaus.

Auf der anderen Seite finde er die vielen Interpretationen sehr spannend. Das Buch lasse bewusst Vieles offen, fälle keine Urteile über eine einzige Figur. Ihm sei es wichtig gewesen, zu zeigen, was die Morde der ETA mit den Menschen anrichteten und die Zerrissenheit der Gesellschaft. Nicht der Terror sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die menschlichen Schicksale. Wie aus „noch einem Attentat“ in den Medien ein persönlicher Albtraum werden könne. Einige der Figuren würden im Lauf des Romans ihre Einstellung zur ETA ändern, keine solle für eine bestimmte Ideologie stehen.

Dann wurde eine kurze Szene aus dem Haus von Miren gelesen, die ihr Bestes gibt, um die Familie trotz aller Schicksalsschläge zusammenzuhalten.

Für Fernando Aramburu hat Patria auch etwas Allgemeingültiges. Ein bewaffneter Konflikt, ein Mord. Das Schweigen im Dorf, zwei Freundinnen, die deshalb nicht mehr miteinander sprechen. Patria sei eine krasse Geschichte aus dem Baskenland, zeige aber auch allgemeine Mechanismen. Das Schweigen sei in dörflichen Gemeinschaften etwas ganz Anderes als in größeren Städten. Es sei wirklich so gewesen, dass die Familien der Opfer ausgegrenzt wurden. Alle wollten weiterleben und hätten den Mund gehalten.

Er selbst sei mit der baskischen Tragödie aufgewachsen, jedoch in den 80ern nicht ins Exil gezogen (scheinbar ein gelegentlicher Vorwurf), sondern zu seiner Partnerin nach Deutschland. Auch von dort sei der Konflikt und das Schicksal der Menschen ihm immer nahe gewesen. Schon damals habe er gewusst, dass er irgendwann darüber schreiben werde. Es habe jedoch jedoch mehr als einen Versuch gebraucht. Vielleicht habe eine gewisse Distanz auch geholfen.

Alle neun Protagonisten sind Erzähler, so könnten die Leser direkt in ihre Seelen und Gedanken hineinblicken. Der Mord am Vater werde so im Lauf des Romans aus neun verschiedenen Perspektiven erzählt. Heute früh aber er erfahren, dass Patria wieder auf Nr. 1 der spanischen Bestsellerliste sei. Derzeit werde der Roman wieder täglich in den Medien erwähnt, was seiner Meinung nach daran liegt, dass es um das Privatleben der Figuren ginge, das viele Spanier anspreche.

Es gebe bewusst weder ein Vorwort noch eine Widmung, im Mittelpunkt sollten alleine die Figuren stehen. Den Ort im Roman gebe es nicht, das habe er nicht gewollt. Wer sich jedoch im Baskenland auskenne, wisse welches Dorf ihm als Vorbild diente, auch wenn er z.B. eine Dorfkirche erfunden habe. Der Priester im Roman habe auch Menschen zu ETA Sympathisanten gemacht. In Dörfern habe man klar Positionen beziehen müssen, in den Städten sei es einfacher gewesen auszuweichen. Es habe viele Stufen des Mitmachens gegeben, nicht alle Täter hätten zu Waffen gegriffen. Fernando Aramburu ist sich nicht sicher, wie es ihm ohne Umzug nach Deutschland im Baskenland ergangen wäre.

Dann wurde noch eine dritte Stelle gelesen, in der es um Bittoris Mitgefühl für Mirens Sohn geht. Verständnis, jedoch keine Akzeptanz von Mirens Verhalten.

Es habe in allen Provinzstädten im Baskenland Lesungen aus Patria gegeben, eine lange Lesereise. Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich ausgefallen und es gefalle ihm, dass das Buch dort zu einer friedlichen Debatte geführt habe. In manchen Dörfern könne das Buch nicht öffentlich gelesen werden und werde heimlich gekauft. „Patria“ solle auch das schnelle Vergessen verhindern, das nur den Tätern helfe.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob Fernando Aramburu der ETA schon immer so kritisch gegenübergestanden habe. Laut eigener Aussage hatte der Fragesteller vor der Lektüre gewisse Sympathien für die ETA und habe erst im Roman gesehen, was die vermeintlich legitimierte Gewalt in den Familien anrichtete.

Fernando Aramburu antwortete, dass er schon seit seiner frühsten Jugend gegen die ETA war. Sogar als er mit 14, 15 Jahren der Indoktrination ausgesetzt gewesen sei, habe er nicht geglaubt, dass man mit Gewalt eine gute Gesellschaft aufbauen könne. Heute gehe es Allen im Baskenland deutlich besser, seitdem die ETA mit dem Morden aufgehört habe.

Eine weitere Frage war, ob die Katalanen nichts aus der Geschichte des Baskenlandes gelernt hätten. Für Fernando Aramburu ist die Situation in Katalonien anders. Dort habe man gelernt, ohne Terror für Unabhängigkeit zu kämpfen und ihm persönlich sei wichtig, dass das Baskenland sich nicht habe anstecken lassen.

Es gebe Tendenzen zur Regionalisierung in der EU und am Wichtigsten sei, ein verlässliches Miteinander in der EU hinzubekommen. Momentan gebe es viel Angst in der EU und viele Menschen glaubten, dass sie nur dann sicher seien, wenn sie sich einsperren. Ein kleines Land schaffen, in dem nur die leben dürften, die sie sich aussuchen. Man habe Angst vor Fremden und der Globalisierung. Machthungrige Menschen würden das ausnutzen. Das habe Europa immer Unglück gebracht und sei besorgniserregend.

Auf die Frage, ob er ein weiteres Buch über das Baskenland schreiben werde, antwortete Fernando Aramburu, dass er vielleicht irgendwann darauf zurückkommen werde, aber die Geschichte des Baskenlandes solle nicht zu einem Monothema für ihn werden. Aktuell sei er ständig unterwegs und schreibe überhaupt nicht. Erst nach dem Ende der Lesereise könne er sich erholen und Gedanken über ein weiteres Buch machen.

Damit endete eine spannende und lehrreiche Veranstaltung, das von Eva Mattes gelesene Hörbuch wurde direkt noch in Leipzig gekauft.

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Minutemade Act two, 23.03.2018, Gärtnerplatztheater


MINUTEMADE, Choreografie: Stijn Celis
Lieke Vanbiervliet
© Marie-Laure Briane

Ich hab’ getanzt heut’ Nacht

Ein Raum. Eine Woche. 20 Tänzer. 

Not macht erfinderisch. Nachdem 2012 der Umbau startete und man auf Wanderschaft ging, kam Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner auf die Idee, einen besonderen kreativen Prozess zu starten. Er lud Gastchoreografinnen und Gastchoreografen ein, innerhalb einer Woche 30 Minuten Tanz mit der Ballettcompanie zu entwickeln. Dieses Format entwickelte sich, eine Reihe wurde beispielsweise von den Tänzern selbst gestaltet, und zog auch mit ins Stammhaus ein. Die schnelle wöchentliche Folge konnte wohl nicht mehr gehalten werden, so dass zwischen den ersten beiden der 3 Abende diesmal über 3 Monate lagen. Das führte dazu, dass mein Erinnerungsvermögen nicht ausreichte, die Wiederholung des ersten Teils auf Identität mit seiner Erstaufführung zu vergleichen. Ich konnte es neu erleben und die schönen Erinnerungen kamen dann spontan. Es war eine wilde Kollage, die immer neue Bilder schuf, was Stijn Celis im Dezember entwickelte. Das ganze endete damit, dass man manche aus dem Publikum auf die Bühne bat, und ich selbst, mit der Beweglichkeit eines nassen Sacks ausgestattet, auf dem Tanzboden die Musik in eigene Bewegung umsetzte. Damit das dann nicht zu verstörend wurde, lockte dann das Angebot eines Freibiers zurück auf die Plätze und der zweite, neu entwickelte Teil des Abends, für den Damien Jalet verantwortlich zeichnet, begann. Obwohl man denkt, dass die ‚wilde‘ Party mit den Zuschauern einen Bruch darstellen muss, wurde dieses sehr dynamische Bild in ein sehr ruhiges, auf Rückzug ausgerichtetes Bild überführt. So konnte mit neuen, ebenso beeindruckenden Sequenzen der Abend zu einem harmonischen Ganzen werden. Ich freue mich jedesmal wie ein Kleinkind auf Weihnachten auf die jährliche Minutemade-Reihe. Und wie ein Kind bedauere Ich jedesmal, dass nur einmal im Jahr Weihnachten ist. Ich würde gern mehr dieser Art sehen.

Uraufführung

ACT ONE   Fr 8. Dezember 2017
Daniela Bendini und Moritz Ostruschnjak / Stijn Celis

ACT TWO   Fr 23. März 2018
Stijn Celis / Damien Jalet

ACT THREE   Fr 20. April 2018
Damien Jalet / Marina Mascarell

Besetzung

am 23.03.2018

Choreografie Stijn Celis / Damien Jalet 

Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Premiere Maria Stuarda, 22.03.2018, Gärtnerplatztheater

 Elaine Ortiz Arandes (Anna Kennedy), Jennifer O'Loughlin (Maria Stuarda), Christoph Seidl (Georg Talbot), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach


Elaine Ortiz Arandes (Anna Kennedy), Jennifer O’Loughlin (Maria Stuarda), Christoph Seidl (Georg Talbot), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
© Christian POGO Zach

England – Schottland 1:0

Dass die Titelrolle eines Stücks am Ende stirbt, findet man nur selten am Gärtnerplatztheater. Wenn ich nun von einigen höre, dass die Maria Stuarda Staatsopernniveau hat, liegt das bestimmt nicht daran. Für mich ist diese Inszenierung, die am 22. März ihre Premiere feierte, aber etwas Eigenständiges. Das fängt damit an, dass man keine Inszenierung auf die Beine stellen muss, wo die Besetzung stets austauschbar bleiben muss. Man setzt auf das Ensemble und nicht auf Stars und große Namen. Das kann man am Gärtnerplatztheater auch wunderbar, hat man doch genau die Sängerinnen und Sänger, die die Rollen großartig ausfüllen. Das beginnt mit Jennifer O’Loughlin, die die Titelpartie grandios interpretierte. Es ging weiter mit Lucian Krasznec als zwischen Maria und Elisabeth pendelnder Liebhaber Roberto und gilt ebenso für Matija Meić in der Rolle des Lord Cecil und Levente Páll als Talbot. Dazu kommt die in der Rolle der Anna Kennedy zurückhaltend präsente Elaine Ortiz Arandes. Nur die Rolle der Elisabeth hatte man mit einer ebenso glänzenden Nadja Stefanoff als Gast besetzt.


Matija Meić (Sir William Cecil), Nadja Stefanoff (Elisabetta), Christoph Seidl (Georg Talbot), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
© Christian POGO Zach

Als sich der Vorhang öffnete blickte man auf ein Monstrum aus Plexiglas und Stahl mit einer überdimensionalen Automatik-Schiebetür hinter einer Freitreppe. Es senkten sich einige Kristalllüster und der Chor trat in prachtvollen Renaissancekostümen auf. Dieser Kontrast hat mich begeistert. Bei den Personen erkannte man so doch jede historische Persönlichkeit ohne raten zu müssen. Durch Drehbühne und versenkbarem Podium wechselte man schnell in unterschiedliche Orte. Die Personenführung wirkte nur im ersten Moment statisch, schaute man genau hin, gibt es jede Menge auch in kleinsten Bewegungen und Mimik zu entdecken, so dass mich die Inszenierung fesseln konnte. Was Regisseur Michael Sturminger und was Co-Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit zuzuschreiben ist, bleibt natürlich ein Geheimnis. Aber die Wirkung mich in den Bann zu ziehen wurde erreicht. Ich war froh am Gärtnerplatztheater ganz nah zu sein zu können und nicht an der Staatsoper weit von der Bühne entfernt. Und wem schöne Bilder, tolle Musik von fantastischen Künstlerinnen und Künstlern auf die Bühne gebracht nicht genug ist, darf sich natürlich auch mit den historischen Personen beschäftigen. Beiden Königinnen ging es um ihre Macht. Für beide war das Töten von Gegnern immer eine Option. Dass sie dazu auch den Glauben als Rechtfertigung heranzogen, sollte uns zu denken geben. Ich hoffe, dass die Menschheit da irgendwann klüger wird. Leider gibt es auch in Deutschland und Europa viel zu viele Politiker, die das anders sehen…

Besetzung

am 22.03.2018

Bühne / Kostüme Andreas Donhauser, Renate Martin
Choreinstudierung Felix Meybier
Dramaturgie Daniel C. Schindler
Maria Stuarda Jennifer O’Loughlin
Elisabetta Nadja Stefanoff
Graf Leicester Lucian Krasznec
Georg Talbot Levente Páll
Sir William Cecil Matija Meić
Anna Kennedy Elaine Ortiz Arandes

Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Weitere Termine:
27.03.2018 19:30 Uhr
02.04.2018 18:00 Uhr
13.04.2018 19:30 Uhr
06.05.2018 18:00 Uhr
25.05.2018 19:30 Uhr
31.05.2018 18:00 Uhr

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Jakob Hein las am 15.03.2018 in Leipzig

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Der Moderator Klaus Hillenbrand stellte Jakob Hein kurz vor, der neben seiner Arbeit als Psychiater bereits zahlreiche Bücher geschrieben hat. Sein neustes Werk Die Orient-Mission des Leutnant Stern beruht auf einer so skurrilen wie wahren Begebenheit im 1. Weltkrieg.

Leutnant Edgar Stern hatte die Idee, den Suezkanal zu sprengen, um England das Genick zu brechen. Er schickte entsprechende Pläne ans Kriegsministerium in Berlin und wurde tatsächlich dort einbestellt.

Dann las Hein eine Textstelle über den Termin Sterns bei Major Braubach, der hinterfragte, wie Stern auf diese Idee gekommen sei.

Die Idee Sterns sei irgendwann in den Hintergrund geraten, zugunsten eines noch verwegeneren Plans. Das Deutschen Reich könne einen Dschihad auszulösen und so den Krieg zu gewinnen.

Spätestens seit Goethes West-östlicher Divan habe der Islam in Deutschland als DIE friedfertige Religion gegolten. Wilhelm II. sei ein großer Freund der muslimischen Welt gewesen. Es habe auch Gerüchte gegeben, dass er zum Islam übergetreten sei, dies nur nicht öffentlich sagen könne.

Die Türkei habe damals als neutral gegolten, mit mehr Sympathien für Deutschland als die Alliierten, in Rumänien sei es genau umgekehrt gewesen. Die Idee war, durch eine symbolische Geste ein bedeutendes Zeichen zu setzen.

In jener Zeit wurden viele Menschen aus den französischen Kolonien in den Krieg gepresst und auch wenn die Figuren im Buch erfunden sind. Frankreich habe damals zum Beispiel beim Sultan von Marokko 2000 Mann für seinen Krieg gefordert und ehemalige Sklaven bekommen, die in den Bergen von Marokko in archaischen Verhältnissen lebten. Diese sollten in Belgien für Frankreich gegen Deutschland kämpfen. Andere kamen aus Tunesien und Algerien. Diesen Menschen wollte Jakob Hein eine Stimme geben.

Es folgte eine Lesung aus Perspektive der zwangsrekrutieren Soldaten von der Front. Dort fragen sie sich, warum die Franzosen so viele unterschiedliche Uniformen hätten, ob diese unterschiedliche Stammeszugehörigkeiten anzeigen sollten. Für Menschen, die Geschichten von Löwenjägern kannten aber nichts von europäischen Traditionen wussten, waren es schlimme Tage, die zu schlimmen Monate wurden.

Leutnant Edgar Stern sollte 14 dieser Muslime in geheimer Mission von Berlin nach Konstantinopel bringen. Sie sollten zum Sultan von Konstantinopel und dort als große Geste gegenüber dem Islam freigelassen werden. Gerade damals fielen diese fremdländisch aussehenden Menschen in Europa auf und wirkten nicht wie Deutsche. Um sie unbeschadet durch feindliches Gebiet zu bringen, gab Leutnant Stern sie als Zirkusartisten und hatte sogar ein Zelt und Zirkusgeräte im Zug dabei.

Es folgte noch eine kurze Lesung vom Anfang der Bahnreise, die Jakob Hein mit den Worten beendete, dass eine Bahnfahrt damals ganz anders verlaufen sei als heute, z.B. ohne Strom – andererseits sei man damals auch problemlos wieder zurück nach Deutschland gekommen. „Free them all“ wolle er noch sagen.

Auch damals habe Deutschland sich in innenpolitische Belange der Türkei nicht einmischen wollen, wie zum Beispiel die Verfolgung der Armenier. Der Dschihadaufruf Deutschlands habe tatsächlich dazu geführt, dass die Armenierpogrome in Istanbul sich verstärkten.

Viel zu schnell endete die interessante Veranstaltung zu diesem Buch, das direkt auf meinem Wunschzettel landete.

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Wei Zhang las am 16.03.2018 in Leipzig

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André Gstettenhofer vom Salis Verlag stellte die Autorin Wei Zhang und ihr Buch kurz vor.

“Eine Mango für Mao” spielt in China und beginnt 1968, mitten während der Kulturrevolution. Erzählerin ist die fünfjährige Yingying, durch deren Augen die Schrecken jener Zeit ein wenig abgemildert werden. (Leseprobe bei issuu)

Wei Zhang las eine kurze Passage vom Anfang des Buches, in der Yingying zu ihren Großeltern reist. Zuvor wurde Obst gekauft, ein übliches Mitbringsel für die Familie. Yingyings Vater erhielt auf der Arbeit als Auszeichnung einen Anstecker , den das kleine Mädchen unbedingt selbst einmal tragen will.

Obwohl Wei Zhang selbst während der Kulturrevolution aufwuchs, ist der Roman ist nicht autobiographisch. Die im Roman geschilderte Kindheit sei typisch für die meisten Menschen ihrer Generation. Sie erklärte einiges zu Familientraditionen in China, wie zum Beispiel, dass damals wie heute die Enkel oft bei den Großeltern aufwachsen und Frauen nach der Heirat fest zur Familie des Mannes gehören. Der Kontakt zu den Eltern der Frau ist deutlich geringer und sie werden auch nur selten besucht. In neuerer Zeit hält diese Sitte wieder Einzug, nicht nur auf dem Lande und es ist eine Art Statussymbol, zu Feiertagen von den Kindern und Enkeln besucht zu werden. Durch die Ein-Kind-Politik bedeutet das für die Eltern eines Mädchens oft einsame Tag

Mao sei damals ein übermächtiger Politiker gewesen, so wie es Xi Jinping heute wieder werden wolle, u.a. indem er gerade die Weichen dafür stellt, Präsident auf Lebenszeit zu werden. Wie Mao wolle er China stark machen und das sei unter einer Diktatur einfacher und gehe schneller. Die aktuelle Entwicklung beobachtet sie mit Sorge.

Wei Zhang kam 1990 durch ihr Anglistikstudium nach Europa, wohnt heute in der Schweiz und schreibt für die Neue Züricher Zeitung, während ihre Mutter und Schwestern nach wie vor in China leben. Es sei ihrem Vater sehr wichtig gewesen, dass sie frei leben solle und besser als er. Als Kind habe sie nicht verstanden, wie er das meinte. Schon früh begann sie englische Romane zu lesen. In der Schweiz habe sie dann vergeblich nach „bohemian cafés“ gesucht und rote Sofas. Erst mit der Zeit habe sie sich dort eingefügt und die deutsche Sprache sei ihr inzwischen ins Blut gegangen, ein Teil ihrer Identität geworden.

„Eine Mango für Mao“ schrieb sie auf Deutsch. Sie denke nicht auf Chinesisch und übersetze beim Sprechen auf Deutsch. Sicherlich stamme sie aus Chongqing, lebe jedoch seit rund 30 Jahren im Westen.Daher fühlt sie sich in beiden Kulturen heimisch, der chinesischen und der europäischen.

Der Titel ihres Buchs beruht auf einer wahren Begebenheit und auch das Titelbild stammt aus jener Zeit.

Mao wollte dem Volk Mangos schenken und es gab zahlreiche Gerüchte darüber. Mangos waren bei der damals meist armen Bevölkerung eine unbekannte Frucht, es war eine ganz besondere Geste. Auch in Chongqing war dieses Aktion in aller Munde und Wei Zhang sah eines Tages einen Lastwagen ungewöhnlich schnell vorbeifahren. Die normalen LKWs seien alle eher alt und sehr langsam gewesen. Auf diesem LKW was etwas großes Gelbes, sie schätzt ca. zwei Meter langes und sie dachte, es wären Mangos. Erst als Erwachsene fand sie in der Schweiz heraus, dass Mangos deutlich kleiner sind und die Mangos für Mao aus Pakistan kamen. Bei der Übergabe waren sie bereits verfault und es gab zum Teil künstliche Mangos aus Pappmaché.

Ob das Buch in China auch erscheint, ist noch nicht bekannt. Auf der Buchmesse in Frankfurt 2017 habe sich trotz große Interesses kein Verlag gefunden. Die Menschen in China würden solche Bücher lesen wollen, aber die Verlage waren wegen möglicher politischer Botschaften zwischen den Zeilen besorgt.

Sie hoffe, dass die Lage sich wieder entspanne und das Buch auch ohne Probleme in China erscheinen könne. (wohl eher im Hinblick auf die derzeitigen Einschränkungen bezogen als auf den Erfolg ihres Buches.)

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Herman Koch las am 17.03.2018 in Leipzig

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Fast pünktlich um 21:00 begann die Veranstaltung mit Herman Koch. Der Moderator Jan Konst verriet, dass Herman Koch aufgrund des Wetters erst 16 Minuten zuvor in Leipzig angekommen war.

Er stellte Herman Koch kurz vor als den erfolgreichsten niederländischen Autoren, dessen Erfolg zum guten Teil auf dem Buch Angerichtet beruhe, das drei Mal verfilmt wurde. Von der Version mit Richard Gere zeigte sich der Autor nicht gerade begeistert.

Sein neustes Buch Der Graben sei ein schwarzhumoriger Satireroman, in dessen Mittelpunkt Robert Walter stehe, der Bürgermeister von Amsterdam. Dieser führe mit knapp 60 das scheinbar perfekte Leben, mit toller Frau und Tochter. Bis er dann eines Tages auf einem Empfang seine Frau Sylvia mit einem eher ungeliebten Dezernenten sehe und vermute, sie habe eine Affäre mit diesem Mann. Überall sehe er Zeichen und mache sich verrückt.

Es war Herman Koch wichtig, dass die Hauptfigur eine immer wieder im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehende Position hat, denn in einer normalen Familie wäre der Umgang mit so einer Situation anders. Der Bürgermeister hingegen fürchte sich vor den Medien, vor dem Einsturz seines so idealen Lebens. Er habe das erste Kapitel einigen Testpersonen vorgelesen und gefragt, was sie glaubten, wer die Hauptfigur sei. Die meisten hätten auf den König getippt, was ihm wiederum zu kompliziert war.

Es folgte eine kurze Lesung auf Niederländisch, dann eine längere Passage vom Anfang des zweiten Kapitels, in dem eben jener Empfang stattfindet.

Herman Koch weiß bis heute nicht, ob Sylvia Walter tatsächlich eine Affäre habe. Sonst habe er kein Buch darüber schreiben können und wenn es der Autor nicht wisse, könnten es die Leser auch nicht wissen. Bei skandinavischen Krimis sei immer die unwahrscheinlichste Figur der Mörder, in seinem Buch sollte es keinerlei versteckte Hinweise geben können, egal ob gewollt oder ungewollt. Während des Schreibens sei ihm Sylvia immer sympathischer geworden und auf die wiederholte Frage seiner Frau, ob Sylvia eine Affäre habe, antwortete er irgendwann „ich hoffe nicht“.

Durch die Ich-Perspektive falle es leicht, sich mit dem Bürgermeister zu identifizieren und Jan Konst gab zu, mit der Hauptfigur gelitten zu haben. Er habe sich regelrecht gewünscht, Robert Walter würde anfangen, Sylvias Emails und Telefonlisten zu kontrollieren – auch wenn das eigentlich verwerflich sei.

Herman Koch ist sich sicher, dass der Bürgermeister es nicht wirklich wissen will. Denn er hätte ja fragen können, aber allein durch die Frage eine vielleicht tatsächlich perfekte Beziehung zerstört. Der Bürgermeister fürchte sich vor dem Wissen und es sei ihm lieber, dass die mögliche Affäre still beendet werden könne und die ideale Beziehung fortgesetzt werden.

In einer niederländischen Zeitung gebe es jede Woche ein Interview mit einer Person, die fremdging. Eines war mit einer älteren Frau, deren Mann von ihrer Affäre vor zehn Jahren wusste, aber sich aus Respekt ihr gegenüber nichts anmerken ließ.

Auch Robert Walter zahle einen hohen Preis für dieses Verhalten. Jedes Wort von Sylvia lege er auf die Goldwaage, alles biete unzählige Deutungsmöglichkeiten und er spiele die Sätze immer wieder in seinem Kopf durch. Die Leser kennen nur seine Perspektive, die fast klaustrophobisch ist. Mit der Zeit beginne man so zu denken und spekulieren wie er.

In seinen Büchern greift Herman Koch auch immer aktuelle Themen auf, in diesem Fall Sterbehilfe. Es habe in den Niederlanden einen Fall gegeben, in dem ein bekannter Moderator entschied, gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord zu begehen. Sie starb, er überlebte. Später sei herausgekommen, dass er schon vorher Urlaub gebucht hatte und seit Jahren eine Mätresse in der Schweiz. Vorbild für die Figur im Buch sei ein 90-jähriger aus seinem Bekanntenkreis, dessen Frau eines natürlichen Todes starb und der Mann sich dann z.B. das früher ersehnte Auto gönnte.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob es einen persönlichen Anlass für das Buch gegeben habe. Herman Koch antwortete, dass er neugierig gewesen sei, wie er selbst in so einer Situation reagieren würde. Auch er seit glücklich verheiratet und man habe vielleicht etwas Paranoia, könne nie wissen, ob so etwas einem nicht selbst passieren könne. Nichts in dem Buch sei autobiographisch, worauf der Moderator mit einem Augenzwinkern anmerkte, dass der Bürgermeister nur zufällig genauso alt wie Herman Koch sei.

Viel zu früh endete ein vergnüglicher Abend mit einem gut eingespielten Team von Autor und Moderator. Herman Koch nahm sich im Anschluss noch viel Zeit zum Signieren und für Fragen.

Link zum Buch beim KiWi Verlag

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Sabine Weigand las am 16.03.2018 in Leipzig

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Zu Beginn der Veranstaltung stellte die Moderatorin Michaela Pelz kurz Sabine Weigand vor, die schon gut bekannt ist als Autorin anspruchsvollerer und spannender historischer Romane.

Sabine Weigand selbst stellte dann ihr neustes Buch vor, “Die Manufaktur der Düfte”. Im Mittelpunkt steht die Familie Ribot, deren Seifensiederei in Schwabach für einige Jahrzehnte von großer Bedeutung war.

Sehr engagiert und mit deutlicher Freude an den fränkischen Textstellen las Sabine Weigand den Abschnitt, in dem der junge Philipp Benjamin Ribot im Jahr 1845 nach Schwabach kommt und als Geselle in einer kleinen Seifensiederei anfängt. Sein Wissen ist dem dem Meisters Ernst Strunz weit voraus und er hilft dabei, den Familienbetrieb zu modernisieren. Es vergehen einige Jahre, bis er einen Antrag auf Vermählung mit der Tochter von Ernst Strunz stellt, Einbürgerung und Zulassung als Seifensieder.

Die entsprechende Urkunde befinde sich noch heute im Archiv von Schwabach. Sabine Weigand lernte von einer Freundin, wie man Seife kocht. Ihre Oma habe noch Kernseife für die Wäsche genutzt und Schmierseife für den Boden. In jener Zeit sei Seife sehr wichtig gewesen. Die alten Römern kannten noch keine Seife und verwendeten gegorenen Urin. *grusel* Entgegen aller Vorurteile, waren die Menschen im Mittelalter sehr reinlich. Erst im Barock habe sich der Glauben durchgesetzt, die Syphilis verbreite sich im Bad…. Durch die Erfindung von Soda und die Industrialisierung wurde die Qualität von Seife immer besser. Es wurden keine tierischen Fette mehr verwendet und der Schaum wurde feiner.

Als Historikerin gefiel ihr besonders gut, dass fast alles aus dem Roman historisch belegt ist und sie nicht so viel erfinden musste. So sei die Geschichte viel authentischer und es falle ihr immer sehr schwer, historische Handlung zu erfinden.

Fritz Ribot, der Sohn von Philipp Benjamin Ribot, ist der geborene Seifensieder und ein leidenschaftlicher Unternehmer. Verwandte der Familie hatten eine große Fabrik in Pittsburgh in den USA, die Fritz besuchte. Dort lernte er in Deutschland noch unbekannte Werbemethoden kennen, wie z.B. Kinowerbung, Sammelbilder-Serien und erfand auch eine „Glücksseife“. Diese wurde auf Antrag von Konkurrenten gerichtlich verboten, weil diese in den in der Verpackung enthaltenen Losen verbotenen Glücksspiel sahen.

Auch mit neuer Technologie revolutionierte er den deutschen Seifenmarkt. In seiner Fabrik in Schwabach stand die erste Dampfmaschine des Orts, seine Familie hatte das erste Telefon, mit der Nummer 1, Ribot war die erste elektrifizierte Fabrik und er illuminierte so Schwabach. All diese Neuerungen und sein Forschungs- und Erneuerungsdrang machten ihn anderen Menschen manchmal unheimlich. Sabine Weigand sieht in ihm einen Vordenker, der in seiner Welt gefangen war. Andere Menschen hatten es schwer, mit ihm Schritt zu halten, wie zum Beispiel auch seine Brüder.

Das Leben als Fabrikarbeiter in den Städten war hart. Viele Menschen lebten in schimmligen Löchern, arbeiteten von Montag bis Samstag zwölf Stunden pro Tag, ohne Kündigungsschutz oder Rente. Von Lohnfortzahlung bei Krankheit ganz zu schweigen. Mit der Zeit begannen die Arbeiter sich zu formieren.

Leider gibt es über die Oberschicht deutlich mehr Dokumente als über die Arbeiter oder den Wirt der Arbeiterkneipe „Zum Walfisch“ (oder „Im Walfisch“? – konnte leider nichts dazu finden.). die Kneipe geben es wirlich, die dort arbeitende Familie habe sie jedoch erfinden müssen.

Es folgte die Lesung einer Textstelle, die im „Walfisch“ spielt und bei der es um die Gründung des Arbeitervereins ging, nach dem Vorbild von Ferdinand Lassalle. Es wird über das zweite Attentat auf den Kaiser diskutiert, als der Wachtmeister kommt…

Eingeflochten ist ein Originaltext aus einer Zeitung jener Zeit. Diese Kollagetechnik mag Sabine Weigand gerne, um die Handlung authentischer zu machen.

Dieser Roman unterscheide sich in mancher Hinsicht von ihren anderen Büchern. Keines habe bisher in Schwabach gespielt und über keine andere Stadt wisse sie mehr. Über diese Zeit sei viel mehr bekannt, als man es je über Mittelalter wissen könne. Sie verbrachte viel Zeit mit der Recherche vermeintlich kleiner Details, damit nicht zum Beispiel der erste Teebeutel vor seiner Erfindung auftaucht.

Eine weitere Freiheit nahm sie sich, indem sie die Firma Ribot im Jahr 1926 pleitegehen ließ. Während des ersten Weltkriegs musste die Produktion umgestellt werden, weil Glyzerin für Sprengstoff benötigt wurde und nach den Krieg waren sowohl die früheren Märkte als auch die Kolonien mit den Rohstoffen weg. Es folgte die Inflation und niemand konnte sich mehr Toilettenseife leisten. Die Familie habe alles versucht, einen Teil der Belegschaft entlassen, in eine Aktiengesellschaft gewandelt.

Alle Unterlagen über die Zeit des 2. Weltkriegs sind verschwunden. Die Firma habe wohl knapp überlebt, aber sei dann der neuen Konkurrenz durch Henkel, Sunlicht und andere Unternehmen erlegen. Schon in den 20er Jahren sei die Produktion auf das Anfangsniveau zurückgefallen, als die Seife in der Küche hergestellt wurde.

Ihr nächstes Projekt spielt in Schlesien, in der Nähe von Breslau. Dort gibt es ein heutzutage hier praktisch unbekanntes Schloss namens Fürstenstein, das praktisch das Neuschwanstein Polens sei. Es habe damals Hans Heinrich von Pless gehört, der 1892 die gerade 18-jährige Daisy Cornwallis-West heiratete.

Die Ehe erinnere stark an Charles und Diana, denn Hans Heinreich von Pless hatte eine Geliebte, die er nicht heiraten durfte und bekam mit seiner Frau zwei Söhne. Die beiden führten ein Jet Set Leben, waren immer auf Achse, in Baden-Baden, Nizza, Ägypten und Indien. Für Sabine Weigand ist Daisy eine sehr frustrierte Frau, die sich dann für die Wohlfahrt einsetzte und zum Beispiel Krüppelheime in Schlesien gründete.

Bei einem Besuch des Schlosses und der späteren Wohnung von Daisy werde deutlich, wie unglaublich feudal damals die obersten sozialen Schichten lebten. Aus Daisys Tagebüchern erfuhr sie, dass diese nie wusste, wie viele Zimmer das Schloss eigentlich hat und einige Zitate werden ihren Platz im neuen Buch finden.

Wenn sie sich in der Endphase des aktuellen Buchs befinde, das Ende feststehe, beginne sie schon mit der Recherche für das neue Buch. Recherche sei für sie als Wissenschaftlicher deutlich einfacher als authentisch wirkende Figuren mit Tiefe zu gestalten. (Wobei ihr das meiner Meinung immer wieder äußerst gut gelingt.) 50 Seiten des neuen Buchs seien schon fertig.

Im Anschluss an die Lesung signierte Sabine Weigand noch und beantwortete weitere Fragen.

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Ba-ta-clan, 16.03.2018, Silbersaal des Deutschen Theaters

Notenheft Jaque Offenbach - BA-TA-CLAN.jpg

Von Unbekannt – http://operetta-research-center.org/wp-content/uploads/2017/01/bata-e1485606668958.jpg, Gemeinfrei,

Wikipedia mit Musik: Ba-ta-clan – Palast des Lächelns NACH Jacques Offenbach

Masterclass-Studierende der Theaterakademie August Everding sind keine Unbekannten im Silbersaal des Deutschen Theaters. Derzeit stehen sie mit einem Stück Offenbachs, dem die Erfindung der Operette zugeschrieben wird, auf der dortigen Bühne. Der Einakter aus dem Jahr 1855 ist eine typische Offenbachiade, also ein musikalisches Stück, das satirisch dem Pariser Bürgertum den Spiegel vorhält. Anspielungen, die damals jeder begriff, sind nicht so leicht ins München 2018 zu bringen. Deshalb steht auf dem Werbeflyer „Regisseur Frieder Kranz verwebt geschickt… die eigentliche Handlung mit den Historien des Deutschen Theater München und dem Pariser Theater Bataclan …“. Mich erinnerte es eher daran, wenn ich die Kopfhörer meines Handys, das Ladekabel und das Schlüsselband aus der Hosentasche hole. Da muss man lange entknoten, damit sich der Nutzen entfalten kann. Der Nutzen des Abends war für mich, meinen Bestand an ‚unnützem Wissen‘ zu erweitern, das ich dann auf andere ablassen kann: wer war eigentlich Jacques Offenbach, in welcher Beziehung stand er zu Hortense Schneider, wer leitet das Deutsche Theater heute, wer hat es gebaut, wo war der Feenpalast in München, welche Bedeutung hat das Deutsche Theater im Werk von Frank Wedekind, welche Bedeutung hatte Meyerbeer im Vergleich zu Gilbert und Sullivan für die Entstehung von Monty Python und noch ganz viel mehr? Irgendwann wusste man nicht mehr auf welcher Metaebene man sich zwischenzeitlich befand. Dazu kam die Musik, ganz viel Offenbach, nicht nur aus Ba-ta-clan. Orpheus in der Unterwelt und Hoffmanns Erzählungen waren dauernd zu erkennen. So gab Chris W. Young zum Beispiel eine Olympia und verwandelte Hans Styx in einen Prinzen von Bavarien. Julian Schier steppte die Geschichte vom Kleinzack. Die Barcarole erklang auch. Dazu kamen Chanson, Musical und Oper. So zeigten auch Lean Fargel und Joanna Lissai die Bandbreite ihres Könnens. Wieviel wird wohl von diesem Abend bei mir hängen bleiben?

BESETZUNG
Musikalische Leitung und Einstudierung Christoph Weinhart
Inszenierung Frieder Kranz
Bühne und Kostüme Christl Wein-Engel
Dramaturgie Lena Scheungrab
Künstlerische Produktionsleitung Matthias Gentzen
Regieassistenz und Abendspielleitung Lili König

Mit Joanna Lissai, Lean Fargel, Julian Schier, Chris W. Young

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