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Jakob Hein las am 15.03.2018 in Leipzig

©galiano-Berlin

©galiano-Berlin

Der Moderator Klaus Hillenbrand stellte Jakob Hein kurz vor, der neben seiner Arbeit als Psychiater bereits zahlreiche Bücher geschrieben hat. Sein neustes Werk Die Orient-Mission des Leutnant Stern beruht auf einer so skurrilen wie wahren Begebenheit im 1. Weltkrieg.

Leutnant Edgar Stern hatte die Idee, den Suezkanal zu sprengen, um England das Genick zu brechen. Er schickte entsprechende Pläne ans Kriegsministerium in Berlin und wurde tatsächlich dort einbestellt.

Dann las Hein eine Textstelle über den Termin Sterns bei Major Braubach, der hinterfragte, wie Stern auf diese Idee gekommen sei.

Die Idee Sterns sei irgendwann in den Hintergrund geraten, zugunsten eines noch verwegeneren Plans. Das Deutschen Reich könne einen Dschihad auszulösen und so den Krieg zu gewinnen.

Spätestens seit Goethes West-östlicher Divan habe der Islam in Deutschland als DIE friedfertige Religion gegolten. Wilhelm II. sei ein großer Freund der muslimischen Welt gewesen. Es habe auch Gerüchte gegeben, dass er zum Islam übergetreten sei, dies nur nicht öffentlich sagen könne.

Die Türkei habe damals als neutral gegolten, mit mehr Sympathien für Deutschland als die Alliierten, in Rumänien sei es genau umgekehrt gewesen. Die Idee war, durch eine symbolische Geste ein bedeutendes Zeichen zu setzen.

In jener Zeit wurden viele Menschen aus den französischen Kolonien in den Krieg gepresst und auch wenn die Figuren im Buch erfunden sind. Frankreich habe damals zum Beispiel beim Sultan von Marokko 2000 Mann für seinen Krieg gefordert und ehemalige Sklaven bekommen, die in den Bergen von Marokko in archaischen Verhältnissen lebten. Diese sollten in Belgien für Frankreich gegen Deutschland kämpfen. Andere kamen aus Tunesien und Algerien. Diesen Menschen wollte Jakob Hein eine Stimme geben.

Es folgte eine Lesung aus Perspektive der zwangsrekrutieren Soldaten von der Front. Dort fragen sie sich, warum die Franzosen so viele unterschiedliche Uniformen hätten, ob diese unterschiedliche Stammeszugehörigkeiten anzeigen sollten. Für Menschen, die Geschichten von Löwenjägern kannten aber nichts von europäischen Traditionen wussten, waren es schlimme Tage, die zu schlimmen Monate wurden.

Leutnant Edgar Stern sollte 14 dieser Muslime in geheimer Mission von Berlin nach Konstantinopel bringen. Sie sollten zum Sultan von Konstantinopel und dort als große Geste gegenüber dem Islam freigelassen werden. Gerade damals fielen diese fremdländisch aussehenden Menschen in Europa auf und wirkten nicht wie Deutsche. Um sie unbeschadet durch feindliches Gebiet zu bringen, gab Leutnant Stern sie als Zirkusartisten und hatte sogar ein Zelt und Zirkusgeräte im Zug dabei.

Es folgte noch eine kurze Lesung vom Anfang der Bahnreise, die Jakob Hein mit den Worten beendete, dass eine Bahnfahrt damals ganz anders verlaufen sei als heute, z.B. ohne Strom – andererseits sei man damals auch problemlos wieder zurück nach Deutschland gekommen. „Free them all“ wolle er noch sagen.

Auch damals habe Deutschland sich in innenpolitische Belange der Türkei nicht einmischen wollen, wie zum Beispiel die Verfolgung der Armenier. Der Dschihadaufruf Deutschlands habe tatsächlich dazu geführt, dass die Armenierpogrome in Istanbul sich verstärkten.

Viel zu schnell endete die interessante Veranstaltung zu diesem Buch, das direkt auf meinem Wunschzettel landete.

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Wei Zhang las am 16.03.2018 in Leipzig

©Salis Verlag

©Salis Verlag

André Gstettenhofer vom Salis Verlag stellte die Autorin Wei Zhang und ihr Buch kurz vor.

Eine Mango für Mao spielt in China und beginnt 1968, mitten während der Kulturrevolution. Erzählerin ist die fünfjährige Yingying, durch deren Augen die Schrecken jener Zeit ein wenig abgemildert werden. (Leseprobe bei issuu)

Wei Zhang las eine kurze Passage vom Anfang des Buches, in der Yingying zu ihren Großeltern reist. Zuvor wurde Obst gekauft, ein übliches Mitbringsel für die Familie. Yingyings Vater erhielt auf der Arbeit als Auszeichnung einen Anstecker , den das kleine Mädchen unbedingt selbst einmal tragen will.

Obwohl Wei Zhang selbst während der Kulturrevolution aufwuchs, ist der Roman ist nicht autobiographisch. Die im Roman geschilderte Kindheit sei typisch für die meisten Menschen ihrer Generation. Sie erklärte einiges zu Familientraditionen in China, wie zum Beispiel, dass damals wie heute die Enkel oft bei den Großeltern aufwachsen und Frauen nach der Heirat fest zur Familie des Mannes gehören. Der Kontakt zu den Eltern der Frau ist deutlich geringer und sie werden auch nur selten besucht. In neuerer Zeit hält diese Sitte wieder Einzug, nicht nur auf dem Lande und es ist eine Art Statussymbol, zu Feiertagen von den Kindern und Enkeln besucht zu werden. Durch die Ein-Kind-Politik bedeutet das für die Eltern eines Mädchens oft einsame Tag

Mao sei damals ein übermächtiger Politiker gewesen, so wie es Xi Jinping heute wieder werden wolle, u.a. indem er gerade die Weichen dafür stellt, Präsident auf Lebenszeit zu werden. Wie Mao wolle er China stark machen und das sei unter einer Diktatur einfacher und gehe schneller. Die aktuelle Entwicklung beobachtet sie mit Sorge.

Wei Zhang kam 1990 durch ihr Anglistikstudium nach Europa, wohnt heute in der Schweiz und schreibt für die Neue Züricher Zeitung, während ihre Mutter und Schwestern nach wie vor in China leben. Es sei ihrem Vater sehr wichtig gewesen, dass sie frei leben solle und besser als er. Als Kind habe sie nicht verstanden, wie er das meinte. Schon früh begann sie englische Romane zu lesen. In der Schweiz habe sie dann vergeblich nach „bohemian cafés“ gesucht und rote Sofas. Erst mit der Zeit habe sie sich dort eingefügt und die deutsche Sprache sei ihr inzwischen ins Blut gegangen, ein Teil ihrer Identität geworden.

„Eine Mango für Mao“ schrieb sie auf Deutsch. Sie denke nicht auf Chinesisch und übersetze beim Sprechen auf Deutsch. Sicherlich stamme sie aus Chongqing, lebe jedoch seit rund 30 Jahren im Westen.Daher fühlt sie sich in beiden Kulturen heimisch, der chinesischen und der europäischen.

Der Titel ihres Buchs beruht auf einer wahren Begebenheit und auch das Titelbild stammt aus jener Zeit.

Mao wollte dem Volk Mangos schenken und es gab zahlreiche Gerüchte darüber. Mangos waren bei der damals meist armen Bevölkerung eine unbekannte Frucht, es war eine ganz besondere Geste. Auch in Chongqing war dieses Aktion in aller Munde und Wei Zhang sah eines Tages einen Lastwagen ungewöhnlich schnell vorbeifahren. Die normalen LKWs seien alle eher alt und sehr langsam gewesen. Auf diesem LKW was etwas großes Gelbes, sie schätzt ca. zwei Meter langes und sie dachte, es wären Mangos. Erst als Erwachsene fand sie in der Schweiz heraus, dass Mangos deutlich kleiner sind und die Mangos für Mao aus Pakistan kamen. Bei der Übergabe waren sie bereits verfault und es gab zum Teil künstliche Mangos aus Pappmaché.

Ob das Buch in China auch erscheint, ist noch nicht bekannt. Auf der Buchmesse in Frankfurt 2017 habe sich trotz große Interesses kein Verlag gefunden. Die Menschen in China würden solche Bücher lesen wollen, aber die Verlage waren wegen möglicher politischer Botschaften zwischen den Zeilen besorgt.

Sie hoffe, dass die Lage sich wieder entspanne und das Buch auch ohne Probleme in China erscheinen könne. (wohl eher im Hinblick auf die derzeitigen Einschränkungen bezogen als auf den Erfolg ihres Buches.)

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Herman Koch las am 17.03.2018 in Leipzig

©KIWI Verlag

©KIWI Verlag

Fast pünktlich um 21:00 begann die Veranstaltung mit Herman Koch. Der Moderator Jan Konst verriet, dass Herman Koch aufgrund des Wetters erst 16 Minuten zuvor in Leipzig angekommen war.

Er stellte Herman Koch kurz vor als den erfolgreichsten niederländischen Autoren, dessen Erfolg zum guten Teil auf dem Buch Angerichtet beruhe, das drei Mal verfilmt wurde. Von der Version mit Richard Gere zeigte sich der Autor nicht gerade begeistert.

Sein neustes Buch Der Graben sei ein schwarzhumoriger Satireroman, in dessen Mittelpunkt Robert Walter stehe, der Bürgermeister von Amsterdam. Dieser führe mit knapp 60 das scheinbar perfekte Leben, mit toller Frau und Tochter. Bis er dann eines Tages auf einem Empfang seine Frau Sylvia mit einem eher ungeliebten Dezernenten sehe und vermute, sie habe eine Affäre mit diesem Mann. Überall sehe er Zeichen und mache sich verrückt.

Es war Herman Koch wichtig, dass die Hauptfigur eine immer wieder im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehende Position hat, denn in einer normalen Familie wäre der Umgang mit so einer Situation anders. Der Bürgermeister hingegen fürchte sich vor den Medien, vor dem Einsturz seines so idealen Lebens. Er habe das erste Kapitel einigen Testpersonen vorgelesen und gefragt, was sie glaubten, wer die Hauptfigur sei. Die meisten hätten auf den König getippt, was ihm wiederum zu kompliziert war.

Es folgte eine kurze Lesung auf Niederländisch, dann eine längere Passage vom Anfang des zweiten Kapitels, in dem eben jener Empfang stattfindet.

Herman Koch weiß bis heute nicht, ob Sylvia Walter tatsächlich eine Affäre habe. Sonst habe er kein Buch darüber schreiben können und wenn es der Autor nicht wisse, könnten es die Leser auch nicht wissen. Bei skandinavischen Krimis sei immer die unwahrscheinlichste Figur der Mörder, in seinem Buch sollte es keinerlei versteckte Hinweise geben können, egal ob gewollt oder ungewollt. Während des Schreibens sei ihm Sylvia immer sympathischer geworden und auf die wiederholte Frage seiner Frau, ob Sylvia eine Affäre habe, antwortete er irgendwann „ich hoffe nicht“.

Durch die Ich-Perspektive falle es leicht, sich mit dem Bürgermeister zu identifizieren und Jan Konst gab zu, mit der Hauptfigur gelitten zu haben. Er habe sich regelrecht gewünscht, Robert Walter würde anfangen, Sylvias Emails und Telefonlisten zu kontrollieren – auch wenn das eigentlich verwerflich sei.

Herman Koch ist sich sicher, dass der Bürgermeister es nicht wirklich wissen will. Denn er hätte ja fragen können, aber allein durch die Frage eine vielleicht tatsächlich perfekte Beziehung zerstört. Der Bürgermeister fürchte sich vor dem Wissen und es sei ihm lieber, dass die mögliche Affäre still beendet werden könne und die ideale Beziehung fortgesetzt werden.

In einer niederländischen Zeitung gebe es jede Woche ein Interview mit einer Person, die fremdging. Eines war mit einer älteren Frau, deren Mann von ihrer Affäre vor zehn Jahren wusste, aber sich aus Respekt ihr gegenüber nichts anmerken ließ.

Auch Robert Walter zahle einen hohen Preis für dieses Verhalten. Jedes Wort von Sylvia lege er auf die Goldwaage, alles biete unzählige Deutungsmöglichkeiten und er spiele die Sätze immer wieder in seinem Kopf durch. Die Leser kennen nur seine Perspektive, die fast klaustrophobisch ist. Mit der Zeit beginne man so zu denken und spekulieren wie er.

In seinen Büchern greift Herman Koch auch immer aktuelle Themen auf, in diesem Fall Sterbehilfe. Es habe in den Niederlanden einen Fall gegeben, in dem ein bekannter Moderator entschied, gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord zu begehen. Sie starb, er überlebte. Später sei herausgekommen, dass er schon vorher Urlaub gebucht hatte und seit Jahren eine Mätresse in der Schweiz. Vorbild für die Figur im Buch sei ein 90-jähriger aus seinem Bekanntenkreis, dessen Frau eines natürlichen Todes starb und der Mann sich dann z.B. das früher ersehnte Auto gönnte.

Eine Frage aus dem Publikum war, ob es einen persönlichen Anlass für das Buch gegeben habe. Herman Koch antwortete, dass er neugierig gewesen sei, wie er selbst in so einer Situation reagieren würde. Auch er seit glücklich verheiratet und man habe vielleicht etwas Paranoia, könne nie wissen, ob so etwas einem nicht selbst passieren könne. Nichts in dem Buch sei autobiographisch, worauf der Moderator mit einem Augenzwinkern anmerkte, dass der Bürgermeister nur zufällig genauso alt wie Herman Koch sei.

Viel zu früh endete ein vergnüglicher Abend mit einem gut eingespielten Team von Autor und Moderator. Herman Koch nahm sich im Anschluss noch viel Zeit zum Signieren und für Fragen.

Link zum Buch beim KiWi Verlag

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Lesung Claire Hajaj, 14.03.2015, Leipzig Messe

Lesung Claire Hajaj Zu Beginn der leider auf der Messe sehr knapp gehaltenen Veranstaltung erzählte Claire Hajaj, wer sie selbst ist und wie sie auf die Idee zu Ismaels Orangen kam.

Nach der Geburt ihrer inzwischen fünfjährigen Tochter habe sie sich Gedanken gemacht, was für Mensch sie werden solle. Ihre Tochter trage zwei Kulturen in sich, denn ihr Vater stamme aus Jaffa und ihre Mutter sei Jüdin, deren Mutter wiederum eine Überlebende des Holocaust. Die beiden Familien ihrer Tochter seien noch nie gemeinsam in einem Raum gewesen, Claire Hajaj und ihr Mann heirateten in London, wo sie sich auch kennengelernt hatten.

In “Ismaels Orangen” erzählt sie die Geschichte ihrer eigenen Familie und hofft, dass ihre Tochter irgendwann durch dieses Buch ihre eigenen Wurzeln besser verstehen wird und auch, dass die beiden Kulturen eine sehr ähnliche Geschichte, ähnliche Hoffnungen, Träume und Trauer haben. Dass es mehr Gemeinsamkeiten gibt, als die Szenen von gegenseitigem Mord und Totschlag in den Abendnachrichten vermuten lassen.

Ein junges jüdisches Mädchen flieht aus Europa und trifft einen jungen Palästinenser, der in Jaffa aufwächst und in der Autowerkstatt seines Bruders Geld verdient. Claire Hajaj erzählt, dass die meisten ihr bekannten Palästinenser von der 4000 Jahre alten Hafenstadt Jaffa träumen, die Juden hingegen von Jerusalem. Ihr eigener Vater stamme aus Jaffa und so entschied sie, ihre Geschichte in Jaffa beginnen zu lassen.

Jaffa, die große multikulturelle Stadt des britischen Protektorats, in der Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen in Frieden miteinander lebten. Ihrer Meinung nach wurde der Konflikt von außen importiert. Der Junge in ihrer Geschichte weiß nur das, was er von den Erwachsenen und anderen Kindern hört, kennt das Gesamtbild noch weniger als die Erwachsenen.

Dann wurde ein kurzer Abschnitt vom Anfang des Buches vorgelesen, das im Jahr 1948 beginnt. Salim ist sieben Jahre alt und die Atmosphäre in Jaffa ist sehr angespannt, denn die Flucht steht bevor. In dieser Zeit werden alle Beziehungen auf die Probe gestellt. Die Familien von Salim und seinem gleichaltrigen Freund Elia haben beschlossen, einen Schlusstrich unter die Freundschaft der beiden zu ziehen. Die beiden Jungen verstehen die Situation nicht und ihr letzter gemeinsamer Abend wird einfühlsam geschildert.

Claire Hajaj ist der Ansicht, dass Sehnsucht (deep longing) nach einem Ort, den man nicht verlassen wollte, Unglück bringe. Man solle sich von den Steinen lösen, um seinen Frieden finden zu können. Ob man dort zu Hause sei, wo wir geboren wurden und unser Großvater aufwuchs? Ob man sich über die Herkunft definiere oder über das was man selbst aufgebaut und bestimmt hat? Das sei für die meisten Juden und Palästinenser die Grundfrage ihres Lebens. Ihrer Meinung nach ist es eine Tragödie ein selbstgebautes Heim aufzugeben, um in ein Heim zurückzukehren, das man früher verlassen musste.

Wie finden wir Frieden in unserem Herzen ist ihre zentrale Frage und dabei sollten Religonen außen vor sein.

Der Titel des Buchs soll an Ismael erinnern, den Sohn Abrahams, der sowohl als Stammvater Israels gilt als auch der Araber und im Islam als einer der Propheten gilt.

Die Veranstaltung machte mich noch neugieriger auf das Buch, das mich von der Grundidee her sehr stark an das ebenfalls auf einer wahren Geschichte basierenden *Lemon Tree” von Sandy Tolan erinnert hatte.

Informationen beim Verlag und Leseprobe *klick*

Claire Hajaj, 1973 in London geboren, hat ihr bisheriges Leben zwischen zwei Kulturen, der jüdischen und der palästinensischen, verbracht und versucht, sie zu vereinbaren. In ihrer Kindheit lebte sie sowohl im Nahen Osten als auch im ländlichen England. Sie bereiste alle vier Kontinente und arbeitete für die UN in Kriegsgebieten wie Burma oder Baghdad. Sie schrieb Beiträge für den BBC World Service, außerdem veröffentlichte sie Artikel in Time Out und Literary Review. Ihren Master in Klassischer und Englischer Literatur hat sie in Oxford gemacht. Zur Zeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Beirut.

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Lesung Titus Müller, 14.03.2015, Zeigner-Haus Leipzig

Lesung Titus Müller Am 14.03.2015 las Titus Müller im Ernst-Zeigner-Haus aus seinem neuen Roman Berlin Feuerland, der im März 1848 in Berlin spielt. In einer Zeit des Umbruchs, großer Standesunterschiede und sozialer Spannungen.

Wenn wir heute Armut sehen, wäre es uns unangenehm und wie antrainiert würden die Meisten wegschauen. 1848 wurde anders damit umgegangen, viele Menschen aus den oberen Schichten wollten ganz genau hinschauen und es gab sogar Führungen, bei denen feine Damen die dunklen Seiten der Großstädte kennenlernen wollten.

Die Hauptfigur Hannes zeigt einigen reichen Damen, wie die Menschen im Armen- und Industrieviertel Feuerland leben. Hannes selbst besitzt einen Strohsack, einen verbeulten Topf und ein einziges Buch, den Brockhaus Band A-E und hofft aus einem Ausweg aus dem Elend, wenn er alle Artikel darin liest und versteht. Wenn er baden geht, dann 4. Klasse mit gebrauchtem Spreewasser und ohne Seife.

Anders als heute durften Kinder ab neun Jahren täglich bis zu zehn Stunden arbeiten, auch wenn eigentlich schon Schulpflicht galt. Die Fabrikanten argumentierten, bei ihnen würden die Kinder Ausdauer, Ordnung, Pünktlichkeit und Fleiß lernen.

Berlin wuchs in jener Zeit rasant und genauso schnell stieg durch den Einsatz von Maschinen die Arbeitslosigkeit, denn Tischler, Schuster und viele andere Berufsgruppen konnten nicht so billig herstellen wie die Fabriken ihre standardisierten Waren. Die Droschkenfahrer verloren Kunden an die ersten Pferdebuslinien, die Einführung der Eisenbahnen erzwang im ganzen Land eine standardisierte Einheitszeit.

Der zweite Lesungsabschnitt zeigt eine Tour aus der Perspektive von Alice, der 20-jährigen Tochter des Kastellans des Berliner Stadtschlosses, die das Leben ihrer Eltern langweilig und bieder findet. Die Gegensätze zwischen Hannes und den von ihm durch Feuerland geführten Damen könnte größer nicht sein. Während Hannes nur einen Topf besitzt, hängt bei Alice feines Geschirr als Dekoration an den Wänden und er verdient am Tag weniger als eine Droschkenfahrt kostet.

Freunde von Hannes sind an der Vorbereitung eines Aufstands beteiligt und erwarten von ihm, dass er mitmacht bei einer Revolution, die in Deutschland viel veränderte. Das Volk wollte mehr soziale Gerechtigkeit, Versammlungsfreiheit und Einiges mehr, während der König und vor allem sein Polizeichef zunehmend beunruhigt sind von den Menschenmassen.

Die Idee zu diesem Roman kam über seinen Lektor, durch den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses und Titus Müller fand es spannend, dass heutzutage ein Schloss gebaut wird, in dem kein König mehr leben wird, überlegte, wie das Leben im und um das Stadtschloss damals war, las Tagebücher und zahllose andere Quellen. Den Ablauf der historischen Ereignisse habe er nicht verändert, in seinem Roman sei abgesehen von Hannes und Alice wenig erfunden.

Titus Müller erzählte mit viel Leidenschaft von den historischen Persönlichkeiten, die in “Berlin Feuerland” mitspielen, wie z.B. König Friedrich Wilhelm IV., dessen Bruder und Nachfolger Wilhelm, den Stadkommandanten Ernst von Pfuel, der keine Schlacht in Berlin wollte und der engste Freund von Kleist war, den recht unbekannten Polizeidirektor Minutoli, Alexander von Humboldt, der damals inkognito in Berlin lebte, Theodor Fontane und viele andere. Für ihn sind die Momente spannend, in denen Menschen ihr Leben für ihre Überzeugungen riskierten, sich in Sekundenbruchteilen für ihr Gewissen oder ihre Karriere entscheiden mussten.
Die Psyche der fiktiven und historischen Figuren interessiert ihn, ihre Motive und Entwicklung und seine Begeisterung sprang auf das Publikum über. Fast hatte man den Eindruck, er hätte eine Zeitreise gemacht, so lebendig erzählte er über das Leben damals und die Menschen.

Das Leben damals käme uns so anders vor und doch sei vieles unserem heutigen Leben schon sehr ähnlich. Damals hätten die Menschen für vieles gekämpft, das uns selbstverständlich scheint, vor allem für politisches Mitspracherecht, während heute viele nicht mehr wählen gehen.

Sein nächstes Buch wird Mitte des 20. Jahrhundert spielen, genaueres zum Thema wurde noch nicht verraten.

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Lesung Stephen King, 19.11.2013, Circus Krone München

Stephen King und Denis Scheck Der Circus Krone ist mir schon aus meiner frühesten Kindheit bekannt, zuletzt war ich dort vor vielleicht 10 Jahren. Irgendwie hatte ich die Größenverhältnisse und die Bequemlichkeit der Sitze anders in Erinnerung 😉
Es war praktisch ausverkauft, das Publikum setzte sich aus allen Altersgruppen zusammen, nicht selten sah man sogar Eltern mit ihren Teenagerkindern. Dankenswerterweise begann man sehr pünktlich und Moderator Denis Scheck führte kurz in den Abend ein, in dem er selbstironisch auf Stephen King und sein Verhältnis zu Literaturkritikern einging.
Der Bestsellerautor wurde bei seinem Auftritt frenetisch bejubelt und ein wahres Blitzlichtgewitter tobte durch den Circus Krone. Als sich die Aufregung gelegt hatte, begann Denis Scheck mit der ersten Fragerunde. Dazu muss man anmerken, dass seine englische Aussprache zwar nicht die beste ist, aber er bemerkenswert gut und flüssig übersetzte und das gleichzeitig mit der Moderation, für die er ganz ausgezeichnet vorbereitet war. Man hatte fast den Eindruck, er kenne alle Bücher des Autors auswendig. Eine tolle Leistung, die auch Stephen King anerkannte und das Publikum zu einem Applaus aufforderte.
Die erste Frage zielte auf Stephen Kings Familie, die auch sehr literarisch unterwegs ist, seine Frau, seine Söhne und die Schwiegertochter schreiben ebenfalls. Man schwingt die Peitsche und rückt Essen nur gegen Geschriebenes raus, lautete Stephen Kings trockene Antwort. Diese humorvolle Antwort war nur das erste Beispiel für den Witz und die Schlagfertigkeit des Bestsellerautors und so wurde an diesem Abend auch viel gelacht. Er fand, dass der Circus Krone der “verdammt nochmal schönste Ort” sei, an dem er je gelesen habe und er liebe die deutschen Autobahnen und würde gerne die Schlösser besichtigen, für die Bayern so berühmt ist.
Er las den Beginn von “Doctor Sleep” auf Englisch (vom iPad, über das er herzhaft fluchte), weil das den Vorteil hat, dass man nicht in Handlung einführen müsse. Später erzählte er, dass Leser oft fänden, dass dieser Roman nicht so gut sei wie seine früheren, das liege aber daran, dass diese Leute seine Romane mit 14 unter der Bettdecke mit schlotternden Knien gelesen hätten und sie jetzt einfach vierzig Jahre älter und weniger leicht zu beeindrucken wären.
Auch zum Vorbild für das Hotel in Shining hatte er eine Anekdote parat: zu Beginn seiner Ehe hatten er und seine Frau nur sehr wenig Geld und übernachteten als Hochzeitsreise schließlich ein Wochenende in den Rockies in einem Grand Hotel. Es war Ende der Saison und sie waren die einzigen Gäste, die eincheckten, sie mussten bar bezahlen, weil die Kreditkartenformulare schon ins Hauptquartier zurückgeschickt worden waren, sie waren die einzigen Gäste im riesigen Speisesaal, an den Fensterläden rüttelte der Wind. Dieses Hotel, allerdings weg von der Stadt in die Berge verlegt, war das Vorbild für das Overlook-Hotel.
Stephen King und Denis Scheck Befragt zu seinem Verhältnis zu Stanley Kubrick und dessen Verfilmung von Shining erzählte er, dass der erste Zusammentreffen äußerst problematisch war. Kubrick rief ihn morgens um sieben an, während King sich verkatert rasierte und prompt schnitt. Der Regisseur fragte ihn, ob er nicht denke, dass Geistergeschichten optimistisch wären, weil sie ja ein Leben nach dem Tode bedeuten würden. Seinem Einwand, was denn mit der Hölle wäre, entgegnete Kubrick, dass er nicht an die Hölle glaube und die Geister sicher glücklich wären, immer noch da zu sein, schließlich würden sie ewig leben. King, der immer noch blutend und in Unterwäsche am Telefon war, wandte ein, dass manche vielleicht gar nicht auf der Erde bleiben wollten und deshalb sicher nicht glücklich seien. Er hat Kubrick dann noch mal später am Set von Shining in England getroffen.
Er wird immer wieder gefragt, wie es mit Danny weiterging (der einzige andere Charakter, nach dem übrigens immer wieder gefragt wurde ist Paul Sheldon) und auch er konnte ihn nicht vergessen. Auch in Doctor Sleep geht es um Sucht.
David Nathan, der auch das Hörbuch von Doctor Sleep eingesprochen hat, las dann mit schöner Sprechstimme eine Stelle aus dem Roman vor, der von dem Tiefpunkt in Dannys Leben handelt. Der anschließenden Frage nach seinem persönlichen Tiefpunkt wich der Autor aus, das war dann wohl doch zu privat. Im weiteren Verlauf ging es noch um den Nutzen von Horrorgeschichten – wenn man alles schon mal gelesen hat, verliert der Tod seinen Schrecken, um die typische Autorensprache von Stephen King – ein Schrei, wie er scherzhaft meinte, im Anschluss dann aber ausführte, dass er eine Autorensprache sehe wie Musik, eine typische Stimme eben. Das sei ihm mit seinem Pseudonym Richard Bachman (nach Bachman Turner Overdrive) zum Verhängnis geworden, weil ihn ein Leser anhand seiner Autorensprache identifizierte.
Es folgten noch drei Fragen, die Leser über Facebook gestellt hatten. Aus dem Laden Needful Things würde er das Kissen von H.P. Lovecraft wollen, um zu sehen, ob noch Träume darin wären, die er stehlen könne. Und er würde jemanden, der noch kein Buch von ihm gelesen hätte, empfehlen, einfach alle Bücher zu kaufen, dann würde derjenige bestimmt etwas finden, was ihm gefallen würde. Und auf die Frage nach traumatischen Erlebnisse in seiner Kindheit erklärte er spitzbübisch, wenn er welche gehabt hätte, wären diese in seinem Unterbewusstsein verschwunden. Andere Menschen würden Psychatern eine Menge Geld für die Therapie zahlen und er würde eine Menge Geld dafür bekommen, darüber zu Schreiben.
Ganz am Ende konnten noch drei Fragen aus dem Publikum gestellt werden, die habe ich aber teilweise nicht verstanden. In einer Antwort ging es jedenfalls darum, dass nicht Wes Craven und Freddy Krüger die gruseligsten Figuren waren, sondern der wahre Horror von Walt Disney in seinem Film Bambi erfunden wurde.
Damit fand diese überaus amüsante aber auch nachdenklich machende Lesung ihr Ende, 2500 Zuschauer hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen und  applaudierten einem sichtlich gerührten Stephen King minutenlang stehend. Ein toller Abend mit einem charismatischen Autor, an den ich sicher noch lange zurück denken werde und der mich anregt, mal wieder ein Buch von ihm zu Lesen.

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Lesung Jean Bagnol, 22.10.2013, Café Katzentempel

Lesung Jean Bagnol Münchens erste Katzencafé, das Café Katzentempel, erwies sich als der ideale Schauplatz für die Lesung aus Commissaire Mazan und die Erben des Marquis. Zwar gäbe es von technischer Seite noch Optimierungsbedarf, aber der Raum, l-förmig mit dem Autorenehepaar im Winkel und daher von jedem Platz aus gut zu sehen, eignete sich gut für das Zusammentreffen von literarischem Kater und echten Katzen. Und obwohl der Raum proppevoll war, kam keiner der tierischen Bewohner zu Schaden. Außerdem gab es ein superleckeres vegetarisches Büffet, großes Kompliment an die Küche!

Dass hier die Katzen an erster Stelle stehen, wurde gleich zu Beginn deutlich: Nina George bat die Zuschauer, nicht zu klatschen, da dieses laute Geräusch die Katzen erschrecken könnte. Stattdessen sollten wir mit den Armen in der Luft wedeln. Und das taten wir ausgiebig an diesem Abend. In Anbetracht der tierischen Zuhörer hatten sich die beiden entschieden, mehr kätzische Teile aus dem Buch zu lesen und das ist wirklich sehr, sehr gut gelungen. Anfangs wurden die beiden Ermittler, die nach Mazan abgeschobene Polizistin Zadira Matéo und der herrenlose schwarze Kater, genannt Commisaire Mazan, vorgestellt. Später kamen noch ein attraktiver Tierarzt, ein sabbernder Hund, vier zwielichtige Gestalten, ein Mordopfer sowie jede Menge Katzenpersonal dazu. Nina George und Jo Kramer lasen hervorragend mit verteilten Rollen und führten den Text schon fast halbszenisch auf. Köstlich war Nina als Hund oder der Höhepunkt am Schluss (die Trapeznümmer – denken Sie sich jetzt einen französischen Akzent dazu), als zwei Autoren sechs verschiedene Katzen (die tierische Ermittlerbande oder auch KatzenNSA) lasen und diese sehr unterschiedlich ausgestalteten. So wurde an diesem Abend auch viel gelacht.

Zwischen den einzelnen Abschnitten, die klug gewählt waren und extreme Lust auf das Buch machten, erzählten die Autoren vom Schauplatz Mazan. Der Ort liegt im Schatten des Mont Ventoux, jedem Fahrradenthusiasten bestens bekannt von der alljährlichen Tour de France. Es gibt in der Innenstadt keine Autos, dafür aber jede Menge Katzen. Er hat einen Friedhof, auf dem eine große Anzahl von Merowinger-Sarkophagen zu bewundern sind, wenn man sie denn findet und nicht für die Friedhofsmauer hält.  Marquis de Sade hatte eine Residenz dort und begründete hier das erste Theaterfestival Frankreichs. Außerdem hat Keira Knightley dort geheiratet, aber erst nachdem sich das Autorenduo dort die Inspiration für ihren ersten gemeinsamen Roman geholt hat.

Aus dem Publikum kamen nach dem sehr gelungenen Vortrag Fragen nach der Zusammenarbeit als Ehepaar, worauf die beiden eine typische Szene beim Schreiben vorführten. Sie hatten sich die Protagonisten aufgeteilt und waren jeder für die deren Detailausgestaltung  zuständig. Jo Kramer, von Nina George auch liebevoll Katzenflüsterer genannt, übernehm dabei die Katzen. In den gelesenen Abschnitten konnte man feststellen, dass es ihm sehr gut gelungen ist, aus deren Sicht zu schreiben. Den Namen Bagnol haben sie sich vom Friedhof in Mazan geliehen und nicht von dem französchichen Wort für Klapperkiste, bagnole. Die Autoren haben noch Ideen für viele weitere Bände um das ungleiche Ermittlerduo und so kann man nur hoffen, dass es bald Nachschub gibt.

Eine sehr, sehr gelungene Lesung, die nicht nur den Roman, sondern auch die Menschen dahinter und den Entstehungsprozeß vorstellte. Danke Nina George und Jo Kramer für einen großartigen Abend!

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Lesung Ma Jian, 12.08.2013, Edinburgh International Book Festival

Mein persönlicher Höhepunkt bei den Lesungen war jene von Ma Jian, den ich bei der Frankfurter Buchmesse nicht gesehen hatte, als China Gastland war und er vom offiziellen Teil ausgeschlossen war. Seine Werke sind in China seit 1987 verboten, seit 2011 besteht auch ein Einreiseverbot für ihn.

Die 180 Plätze im Lesezelt waren alle besetzt als Ma Jian, seine Ehefrau Flora Drew und die Moderatorin Rosemary Burnett auf die Bühne kamen. Ma Jian selbst sprach durchgängig Chinesisch, seine Frau dolmetschte die gesamte Veranstaltung.

Sein neustes Werk The Dark Road beschäftigt sich mit den Folgen der staatlichen Familienplanung in China, der Titel umschreibt auf Chinesisch auch den Geburtskanal der Frau,
für Ma Jian ein ganz besonderer Ort. Meili, die weibliche Hauptfigur steht für die Frauen im sich wandelnden China, die vom Land nach Guangzhou und Shenzhen ziehen, um dort in riesigen Fabriken zu arbeiten, die nach Selbstbestimmung und Freiheit suchen. Sie soll eine äußerst entschlossene Frau sein, die sich mit jeder Faser ihres Körpers gegen die Vorgaben der Regierung wehrt. Ihr Ehemann Kongzi ist ein direkter Nachfahre von Konfuzius (Chinesisch: Kongzi), dessen Charakter komplementär zu dem von Meili angelegt ist. Er repräsentiert die dunklen, konservativen Stimmen, die Druck auf Meili ausüben, einen Stammhalter zu gebären, der den Familiennamen fortführt.

In den letzten Jahre hat der lange verschmähte Konfuzianismus durch die chinesische Regierung eine Wiederbelebung erfahren, allerdings nach Ma Jians Erfahrungen auf der Grundlage eines nur vagen Verständnisses. Er hat nichts dagegen, dass traditionelles Gedankengut an modernes Denken angepasst wird, wie z.B. in Hinsicht auf die Rechte der Frauen. Traditionen sind wichtig für eine Gesellschaft und können Selbstsicherheit geben, so wie er es am Wochenende selbst bei den Highland Games erlebt habe. Es sei jedoch wichtig, diese Traditionen zu verstehen und vernünftig in unsere heutige Zeit zu übernehmen bzw. eben anzupassen.
In jedem alten Volk sei der Glaube an Geister verbreitet gewesen, egal wo auf der Erde und besonders ausgeprägt im alten China. In „The Dark Road“ spricht der Geist des ungeborenen Kindes von Meili. Diese Idee ist tief im chinesischen Glauben verwurzelt, nach dem der Geist eines ungeborenen Kindes bei der Frau bleibt, bis es geboren wird. D.h. bei einer Fehlgeburt oder Abtreibung würde der Geist des Kindes weiterhin bei der Frau verweilen.

Meili flieht immer wieder vor den Behören, drei Schwangerschaften in neun Jahren…. begleitet von der Stimme des ungeborenen Kindes. Auch dies passt zur traditionellen chinesischen Gedankenwelt, in der die Zeit als zyklisch empfunden wird und das Auge des all-sehenden Geistes uns stets beobachtet.

Ma Jian las einen kurzen Abschnitt auf chinesisch aus der in Taiwan erschienen Originalausgabe, dann las Flora Drew eine längere Passage aus der englischen Ausgabe seines neusten Werkes.

Nachdem Ma Jian den Rohentwurf zu „The Dark Road“ geschrieben hatte, reiste er zur Recherche nach China, dies war noch bevor ein Einreiseverbot für ihn verhängt wurde. Zuerst war es schwierig, Menschen zu finden, die ihm fundierte Auskunft über die negativen Auswirkungen der erzwungenen Ein-Kind-Politik geben konnten bzw. wollten. Seit dem Olympischen Spielen war von der Regierung ein dicker Mantel des Schweigens über dieses Thema gelegt worden. Schließlich wurde er in seiner alten Heimatstadt Shandong fündig und hörte grauenvollen Geschichten über Spätabtreibungen, bei denen der Arzt völlig abgestumpft nur kurz gesagt habe „Schade, war ein Junge“ oder Kinder trotzdem noch stundenlang weiterlebten. Ma Jian hörte nicht „nur“ über solche Ereignisse, sondern sah auch die enorme Umweltverschmutzung, die Lebensbedingungen der Menschen z.B. in Guangxi und in Sichuan, erlebte gewaltsame Demonstrationen gegen die Ein-Kind-Politik bei denen Beamte in Brand gesteckt wurden. Er reiste nach Guiyu, wo er sich als Arbeitssuchender ausgab und Furchtbares sah und hörte.

Nirgendwo sonst in China gäbe es so viele fehlgebildete Kinder, Fehlgeburten und sei es so schwierig, überhaupt schwanger zu werden. Gleichzeitig würden Frauen im gebärfähigen Alter wie Verbrecherinnen behandelt, sie würden alle drei Monate kontrolliert, ob sie schwanger seien. Nur Reiche könnten sich davon freikaufen und zur Geburt weiterer Kinder ins Ausland reisen. Ma Jian hörte von einem Professor, der durchsetzte, dass seine Frau in China ein zweites Kind zur Welt bringen durfte und daraufhin seinen Arbeitsplatz verlor und eine Strafe in Höhe von 20 Jahresgehältern bezahlen musste.

Eigentlich hatte Ma Jian nach der Geburt seiner ersten beiden Kinder über das Leben an sich schreiben wollen, nachdem es in Beijing Coma um den Tod ging. Gleichzeitig konnte er nicht schweigen, angesichts dessen was er in China sah und hörte. Er sieht seine Aufgabe als Schriftsteller darin, Probleme in der Gesellschaft aufzuzeigen. Er freut sich, wenn er hört, dass das Leben seiner noch in China lebenden Geschwister mit der Zeit besser wird und fragt sich, warum sie nicht so zornig über die Ungerechtigkeiten dort sind. Die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens hätten ihn zornig gemacht, diesmal sei er jedoch niedergeschlagen gewesen. 60 Millionen Kinder würden in China bei den Großeltern aufwachsen, weil die Eltern sich nicht selbst um sie kümmern könnten, ständig würden Kinder entführt, Kinderhandel sei überall präsent.

Die Gebärmutter sollte der sicherste Platz überhaupt für ein ungeborenes Kind sein, nicht ein Ort der Gefahr vor Menschen, die der Ansicht wären, dass Säuglinge, egal wie alt, vor der Geburt keine Gefühle hätten. Ihm sei bewusst, dass er mit einem Buch nicht die Gesellschaft verändern könne, hoffe jedoch, diese Dinge ins Bewusstsein zu rufen. Auch wenn Ma Jian immer wieder betonte, er sei nicht mehr zornig, waren seine Emotionen deutlich zu spüren und seine Frau musste ihn immer wieder an die eigentlichen Fragen erinnern und ein wenig ausbremsen.

Das Publikum war gefesselt und als Fragen gestellt werden durften, berichtete ein Frau, dass sie zwei Mädchen aus chinesischen Waisenhäusern adoptiert habe. Ma Jian bedankte sich bei ihr, dass sie den Kindern die Chance auf ein besseres Leben gebe.

Eine sehr bewegende Veranstaltung mit einem interessanten Autor, dessen neustes Werk hoffentlich bald auch auf deutsch erscheint.

Weiterführenden Links:
http://en.wikipedia.org/wiki/Electronic_waste_in_Guiyu
http://www.flickr.com/photos/52289342@N0…157620894755924
http://www.greenpeace.org/international/…llution-230707/

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Lesung Kerstin Gier und Preview Rubinrot, 09.03.2013, Mathäser-Kino

Deutsche Fantasyfilme sind rar gesät. Deutsche Fantasyfilme nach Büchern von deutschen Autoren noch rarer. Deutsche Fantasyfilme nach Büchern von deutschen Autoren, die diese richtig gut umsetzen, kann man mit der Lupe suchen. Die Verfilmung von Rubinrot nach dem Weltbestseller von Kerstin Gier ist so ein Film.

Am 5. März hatte der Film Weltpremiere in München, im Rahmen der Münchner Bücherschau für Kinder wurde eine Lesung von Kerstin Gier mit anschließendem Preview im Mathäser-Kino organisiert. Die Autorin las zuerst den Beginn von Rubinrot und beantwortete dann Fragen zum Film und zum Buch und zu den Unterschieden zwischen beiden. Ihre Lieblingsszene aus dem Film ist eine, in der Gideon das erste Mal Curry isst. Diese Szene stammt jedoch nicht aus dem Buch, sondern wurde von Drehbuchautorin Katharina Schöde hinzugefügt und ist, wie ich später feststellen durfte, tatsächlich sehr witzig. Kerstin Gier hat auch einen Cameo-Auftritt im Film und erzählte von den Dreharbeiten und wie beeindruckend der riesige Aufwand war und dass unglaubliche viele Statisten immer wieder die gleiche Szene wiederholen mussten, bis diese im Kasten war. Nach den Schauspielern befragt und ob diese ihre Protagonisten gut widerspiegelten, sagte sie, dass sie sich ihre Figuren nie bildlich vorstellte, sondern immer mit ihnen fühlte. Wenn nun also eine Figure, die im Buch blond ist, im Film braune Haare hat, sei das nicht so schlimm, Hauptsache, der Charakter ist gut getroffen.

Wie immer verging die Zeit der Lesung und des Gesprächs viel zu schnell, es gab unheimlich viel zu lachen. Kerstin Gier gab dann noch im Anschluss unglaublich geduldig über eine Stunde Autogramme und ließ sich mit ihren Fans fotografieren. Dabei hat man nicht für nötig befunden, ihr einen ordentlichen Tisch zur Verfügung zu stellen, so dass sie sich dabei auf einen Couchtisch runterbuckeln musste. Mich hätte man gleich anschließend in die Notaufnahme einliefern können.

Der Film ist wirklich sehr schön gemacht. Die Atmosphäre von London ist gut getroffen und die Handlung und die Charaktere entsprechen in großen und Ganzem dem Buch. Kurz war ich irritiert, dass Zeitungen, Webseiten, die im Film zu sehen sind etc, auf Englisch sind, aber natürlich spielt der Film ja in London und obwohl es sich um eine rein deutsche Produktion handelt, hat man das Gefühl, einen großen Hollywoodblockbuster zu sehen. Sehr gute Special Effects, wie oben schon erwähnt sehr aufwändig produziert und tolle Schauspieler. Das ist wirklich eine ganz besondere Mischung, dieses hollywoodmäßige Feeling und dann bis in die kleinste Nebenrolle nur bekannte Gesichter. Veronika Ferres steht die rotblonde Lockentracht als Grace ausgezeichnet, Katharina Thalbach ist einfach umwerfend als Großtante Maddy (wobei ich hier das Häkelschwein vermisst habe, oder kommt das erst später?), Axel Milberg hat eine kurzen Auftritt als Großvater Lucas Montrose, Uwe Kokisch könnte als Falk de Villiers vielleicht noch ein bisschen schmieriger wirken. James wird mir von Kostja Ullmann etwas zu affektiert dargestellt, ganz bezaubernd ist der Geist des kleinen Jungen im Haus der Loge. Hier wird er als Bruder des Großvaters Lucas bezeichnet, im Buch ist es meine ich der Sohn des Arztes Dr. White. leider konnte ich seinen Namen nicht herausfinden. Josephine Preuß und Florian Bartholomäi sind als Lucy und Paul fast ein bisschen ätherisch.

Von den Hauptdarstellern ist mir Jennifer Lotsi als Leslie die Liebste. Natürlich ist sie nicht blond und sommersprossig wie im Buch, aber ich finde ihren Charakter ganz ausgezeichnet getroffen. Maria Ehrich als Gwen ist sehr gut besetzt und Regisseur Felix Fuchssteiner schafft es, dass man Jannis Niewöhner als Gideon tatsächlich erst mal als sehr unsympathisch erlebt und man ihn dadurch praktisch mit Gwens Augen sieht. Komplettiert wird das jugendliche Schauspielerquartett durch die herrlich zickige Charlotte von Laura Berlin.


Besonders erwähnenswert ist noch die schöne und wirklich sehr gut passende Musik von Sofi de la Torre, die beim Komponieren das Drehbuch kannte und auch selbst einen Auftritt im Film hat.

Das ist eine wirklich fast ausnahmslos gut gelungene Verfilmung eines sicher nicht ganz einfachen Stoffes, der hoffentlich viele Zuschauer findet, denn nur bei einem wirklich großen Erfolg ist wegen der enormen Produktionskosten die Verfilmung des zweiten Teils gesichert. Ich kann in wirklich empfehlen und werde ihn mir sicher noch ein mindestens ein weiteres Mal ansehen.

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Mörderisches Vergnügen, 02.03.2013, Domforum Köln

Mörderisches Vergnügen Mir wurde ja schon viel vorgeschwärmt von dieser Veranstaltung und als es sich nun ergab, dass ich genau an diesem Wochenende in Köln sein würde, war ein Besuch eigentlich Ehrensache.

Der Abend begann schon sehr gut, der fantastische Pianist Steffen Paesler spielte unter anderem Cole-Porter-Songs, zumindest habe ich I get a Kick out of you aus Anything Goes erkannt, dass mich natürlich den ganzen Abend nicht mehr losgelassen hat. Der erste Autor an diesem Abend, der von Moderator Tommy Millhome begrüßt wurde, war der Rettungssanitäter Jörg Nießen. Er hatte vor ein paar Jahren an dieser Stelle sein erstes Buch mit Geschichten aus dem Rettungsalltag vorgestellt und nun war sein zweites an der Reihe, Die Sauerei geht weiter. Als erstes gab er praktischen Anschauungsunterricht in Wiederbelebung und sagte dann, angesprochen auf die Gerüchte, dass seine Geschichten erfunden wären, einen sehr klugen Satz: Das Leben hat doch viel mehr Fantasie als ich. Seine Geschichte um eine Massenlebensmittelvergiftung auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Rhein war brüllend komisch und gewann nochmal durch seine Art des Vortrags.

Als nächstes kam Nele Neuhaus aufs Podium und plauderte als erstes über den Erfolg ihres Romanes Schneewittchen muss sterben in Amerika. Der Name lautet dort Snowwhite must die und erinnert mich an die Fernsehserie Once upon a time. Angesprochen auf die kürzlich im Fernsehen gesendete Verfilmung des Romanes, bekannte sie, damit nicht glücklich gewesen zu sein, die Reaktionen des Publikums zeigten, dass das bei einem Großteil ihrer Fans auch der Fall war. Sie erzählte dann noch, wie es zu ihrem Roman Böser Wolf gekommen war und las zwei spannende Passagen daraus.

Der letzte Autor vor der Pause war der Organisator des Mörderischen Vergnügens, Andreas Izquierdo. Er unterhielt mit Anekdoten aus der Filmbranche und schilderte die Entstehung seines neuen Romanes, Das Glücksbüro. Wenn ich mich nicht täusche, war das die Premierenlesung an diesem Abend, auch wenn es nicht explizit erwähnt wurde. Er las eine wirklich sehr ansprechende Passage aus dem Buch vor, mit gekonnt verteilten Rollen, was der Lesung etwas sehr Lebendiges gab.

Frank Schätzing läutete den zweiten Teil des Abends ein. Natürlich musste er von Tommy Millhome auf die Werbebilder in Unterhose angesprochen werden, obwohl das schon bald vier Jahre her ist. Auch bei ihm kam die Rede auf eine Verfilmung, von Der Schwarm, aber hier war eher die Frage, wann sie denn kommt. Der Autor sagte, man sei auf einem guten Weg und könnte wohl demnächst daran denken zu beginnen. Er versetzte uns dann noch ins Jahr 2025 und las aktuelle Nachrichten vor und ließ dann das Publikum furch Handausheben zweigen, ob sie es für wahrscheinlich hielten, dass es so kommt. Am Ende klärte er dann darüber auf, welche Nachricht bereits jetzt ganz oder beinahe Wirklichkeit sind. Die Zuschauer durften über den Text abstimmen und wählten eine alte Kölner Kurzgeschichte, ich glaube, sie hieß Wrooom oder so ähnlich.

Der letzte Autor an diesem Abend war dann Ralf Kramp, mir noch in bester Erinnerung durch seine geniale Moderation des Tango Criminale in Olsberg im letzten Jahr. Er erzählte, dass das von ihm und seiner Frau Monika geleitete Kriminalhaus in Hillesheim, das neben einer Buchhandlung, dem Café Sherlock und dem Verlag kbv auch die mit 30000 Bänden größte deutschsprachige Krimisammlung beherbergt, demnächst umziehen werde und im September ebenfalls in Hillesheim in neuen Räumlichkeiten eröffnet. Er lass aus der Anthologie Aufgebockt und abgemurkst seine Kurzgeschichte Uschi, mein Sonnenscheinchen. Das war absolut grandios, selten habe ich bei einem Krimi so galcht, was nicht nur an der Geschichte, sondern auch am Vortrag von Ralf Kramp lag. Wenn ihm mal keine Krimis mehr einfallen sollten, kann er auf jeden Fall eine zweite Karriere als Kabarettist starten.

Ein sehr vergnüglicher Abend!

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