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Philipp Pullman Lesung und Gespräch, 11.08.2018, Edinburgh International Book Festival

© Knopf

© Knopf

“Nursery rhymes are so important in giving children a basic feel for language, which is one of fun and enjoyment and delight and playfulness.” (Kinderreime sind so wichtig, um Kindern ein Grundgefühl für Sprache zu vermitteln, das aus Vergnügen, Genuss, Entzücken und Verspieltheit besteht.)

Val McDermid stellte Philipp Pullman zu Beginn kurz vor und bedankte sich beim Woodland Trust für die Unterstützung der Veranstaltung. In den letzten Jahre habe er gemeinsam mit dem Woodland Trust viele Bäume gepflanzt – was Val McDermid sehr passend fand, als Ausgleich für die vielen verkauften Exemplare seiner Bücher.

Das Titelbild seines neusten Buches Daemon Voices. Essays on Storytelling ist seiner Meinung nach das gelungenste all seiner Bücher. Ein Rabe nimmt fast die gesamte Vorder- und Rückseite ein. Wenn er einen Dämon hätte, wäre es ein Rabe oder eine Krähe, weil er die Ansicht von T. S. Eliot teile, dass Geschichtenerzähler Ideen ausleihen oder stehlen würden. (“good writers borrow, great writer steal”, T.S. Eliot)

Als Kind sei er viel gereist, habe in Australien, Südafrika und Wales gelebt. Seine Familie reiste damals mit dem Schiff und so sei ihm die Atmosphäre zum Ende des britischen Empires vertraut. Er habe die Sprache in den Geschichten für den allerliebsten Liebling von Rudyard Kipling geliebt und auch Noddy Goes To Toytown von Enid Blyton zählte zu seinen Lieblingsbüchern. Es sei so wichtig, Kindern von Anfang an ein Gefühl für Sprache zu vermitteln, spielerisch mit Kinderreimen und so ihre Begeisterung zu wecken.

Nachdem seine Eltern früh starben, wuchs er bei Verwandten in Wales auf. In der Schule dort habe er zum ersten Mal Paradise Lost gelesen und zitierte eine längere Passage für die Zuhörer. Auch heute reagiere er noch genau wie damals auf die Sprache von John Milton, mehr noch als Geschichten liebe er den Klang von Poesie. In Oxford studierte er Englische Literatur am Exeter College, an dem es damals wie in einem Rugby Club aus dem 18. Jahrhundert zugegangen sei. (Frauen sind dort erst seit 1978 zugelassen.) Zum Glück habe er vor Einführung der heute üblichen zentralen Prüfungen die Schule und Uni besucht, denn die vorgeschriebenen Grammatikregeln würden jegliche sprachliche Kreativität unterbinden. So werde z.B. durch die Vorgabe von Subjekt-Verb-Objekt im Lehrplan ein Satz wie “Breit lächelnd betrat er den Raum.” (“Smiling broadly he entered the room”) als Fehler markiert.

Als Lehrer wollte er seinen Schülern die griechischen Mythen näherzubringen und erzählte ihnen frei das am Vorabend Gelesene. So sammelte er wertvolle Erfahrungen über das Erzählen von Geschichten und den Aufbau eines Spannungsbogens.

Val McDermid merkte an, dass seine Geschichten von den Figuren und der Geographie getrieben würden und er schon bei Sally Lockhart eine ihm eigene Mischung aus Realität und Fantasie geschaffen habe.

Sally Lockhart wurde ursprünglich als Theaterstück für die Schule geschrieben und fiel dann einem seiner Freunde in die Hände, der für die Oxford University Press tätig ist. Noch heute bestehe ein enger Kontakt und sie würden so gut wie jede Woche gemeinsam ins Kino gehen.

In seinen Büchern gebe es zahlreiche Momente des “Oh nein” oder “Warum, tu das nicht”, aber gerade diese würden die Geschichte auf eine andere Ebene befördern. Chandler habe gesagt, dass wenn ein Autor nicht weiterwisse, solle man einen Mann mit einem Gewehr durch die Tür kommen lassen. Das würde immer funktionieren und er verlasse sich inzwischen oft darauf.

Sally Lockhart sei fest im viktorianischen London verwurzelt und als Geschichte ganz und gar glaubwürdig, trotz fantastischer Elemente. Wir können dank der Fotografie sehen, wie es in den Anfangszeiten der modernen Welt aussah, nicht nur auf den gemalten Porträts des Adels, sondern auch Bilder der normalen Bevölkerung und deren Umgebung, sogar von Bettlern.

Philip Pullman gab zu, sehr abergläubisch zu sein und ganz feste Rituale für das Schreiben zu haben. Immer den gleichen Stift und das gleiche Papier, umgeben von ganz bestimmten Gegenständen. Es sei ihm ein wenig peinlich, aber für ihn funktioniere das.

Val McDermin sieht in Daemon Voices faszinierende Einblicke in das Geschichtenerzählen. Wann beginne das Schreiben eines Buchs für ihn. Das könne jederzeit geschehen, denn Schriftstellern würden ständig und überall Geschichten in etwas sehen, in den kleinsten Dingen. Er mache sich viele Notizen, schreibe in Cafés und dann gehe es darum, das erste Kapitel zu schreiben. Ein Buch zu beenden sei eine andere Form der Freude als eines zu beginnen und rund um Seite 70 werde es seinen Erfahrungen nach schwieriger. Es gebe keine “easy inspiration”, der Schreibprozess setze auch tägliches Üben voraus.

Er sei nicht in Lyras Welt zurückgekehrt, sondern habe sie eigentlich nie verlassen. Eigentlich sei die Geschichte erzählt gewesen und mit dem Bernstein Teleskop abgeschlossen. Das Schreiben von Lyras Oxford und Once Upon a Time in the North habe ihm viel Freude bereitet. Sein Freund aus dem Verlagswesen habe immer wieder nachgehakt und er selbst habe mehr über Staub wissen wollen.

Die Startauflage von Über den wilden Fluss seien in den USA 500.000 Exemplare gewesen. Als Autor könne man selbst nie genau beurteilen, ob man ein gutes oder humorvolles Buch geschrieben habe.

Val McDermid fragte, ob er ein bestimmtes Ziel beim Schreiben der Trilogie gehabt habe, etwas, das die Leser mitnehmen sollten. Sie habe viele feministische Ideen in den Büchern entdeckt.

Philip Pullman antwortete, dass jeder vernünftige Mensch Feminist sein sollte, aber das sei nicht sein Ziel beim Schreiben gewesen. Nur weil er eine starke junge Frau zur Hauptfigur mache, müsse die männliche Hauptfigur nicht schwach sein. Auch der Junge könne eine starke Figur sein.

Derzeit sei die Forsetzung von Über den wilden Fluss im Lektorat. Er möge den Prozess des Lektorierens. Die erste Fassung seiner Bücher schreibe er immer noch von Hand.

Dann kamen die Fragen aus dem Publikum und Philip Pullman erzählte, dass er zu alt sei, um die Nursery Rhyme Party wieder auferstehen zu lassen.

Er könne nicht sagen, welchen Zeitrahmen die erste Trilogie genau umfasse. Lyra und Will seien gerade im Begriff ihre Kindheit hinter sich zu lassen und in dieser Lebensphase könnten Veränderungen sehr schnell geschehen. Auch wenn ihm vorgeworfen wurde, er würde sexuelle Beziehungen zwischen Kindern verharmlosen, sei das nicht der Fall. Es komme ein erster Kuss vor, der seiner Ansicht nach nichts mit Sex zwischen Kindern zu tun habe. Lyra und Will hätten viel durchgemacht und das würde sie verändern, reifer werden lassen.

Genau wegen dieses Punktes hasse/verachte er die Narnia-Bücher, denn die Kinder in diesen Büchern dürften nicht erwachsen werden. Man hätte davon ausgehen können, dass sie aus ihren Erfahrungen gelernt hätten und zurück in ihrer Welt Gutes daraus entstehen lassen würden – aber nein, eine Entwicklung sei nicht gewünscht gewesen.

Der Dämon bestimme nicht die Position in der Gesellschaft. So würde ein Hund als Dämon nur bedeuten, dass jemand ein guter Bediensteter sein könne – aber nicht, dass er es sein müsse oder eine bestimmte festgeschriebene Stellung in der Gesellschaft habe.

Die Bank im botanischen Garten von Oxford kenne er genau und leider würden inzwischen Menschen glauben, etwas darauf schreiben zu müssen. Es sei geplant, eine Statue mit einem Motiv aus Lyras Welt in der Nähe der Bank aufzustellen und er hoffe sehr, dass die Menschen nicht weiterhin auf die Bank oder auf die Statue schreiben würden.

Philip Pullman vertrat vehement die Ansicht, dass Kinder- und Jugendbücher keine sichtbare Altersempfehlung tragen sollen. Die Verlage würden Bücher gerne in feste Kategorien einordnen, wogegen er und andere Autoren sich wehren würden. Das verschließe oft Türen zu Geschichten für potentielle Leser. Jede Schule solle eine gut ausgestattete Bibliothek haben mit einem engagierten Bibliothekar bzw. Bibliothekarin. Diese Person würde Lesealter und die Interessen der Schüler kennen und könnte geeignete Bücher empfehlen.

Wenn man Schriftsteller werden wolle, solle man nicht dem Wunsch der Verlage folgen “schreiben Sie ein Buch wie dieses hier”, sondern das Buch, das man selbst schreiben wolle. J.K. Rowling habe Harry Potter nicht geschrieben, weil es ihr empfohlen wurde, sondern obwohl die Idee damals völlig absurd gewesen sei. Man sollte zielstrebig, hartnäckig und mit Leidenschaft schreiben, das sei viel wichtiger als die Vorstellung, gezielt einen Bestseller zu schreiben.

Philip Pullman wirkte zum Ende der Veranstaltung erledigt und Val McDermid wünschte ihm alles Gute und dass er die Trilogie vollenden könne. Signiert wurde nicht mehr, er hatte nachmittags in Ruhe zahlreiche Bücher signiert, die in den Buchläden des Bookfests gekauft werden konnten.

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