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Die bösen Stimmen – FaustIn andOut im Cuvilliestheater

FAUSTIN AND OUT/Residenztheater Im Zuge der Faustoffensive des Residenztheaters kam es auch zu einer lange nicht mehr stattfindenden Kooperation mit dem Kammerspielen. Jelinekkenner und Dauerregisseur Johan Simons wurde entliehen, um deren Faustadaption für den Faustsommer zu inszenieren. Kusej wird dafür eine Arbeit an den Kammerspielen abliefern.
Der Text ist bereits älter und den jüngeren Texten der Nobelpreisträgerin zuzuordnen, die anhand eines Basiswerkes ihre Weltsicht in die Textflächen hineinwebt, die Grundlage zertrümmert, für sich als „Sekundärdrama“ neubaut und mit der Sprache böse spielt. Neben dem Rheingold ist der famosen Zeitkritikerin dies mit FaustIn andOut am sinnigsten gelungen und Simons überzeugt erstmals als Jelinekleser und Bühnenadapteur. Nach seinen überbiographisierten Versuchen mit misslungenem Holzschuhtanz in der Winterreise verweigert er sich ähnlich wie die Autorin schlichtweg der Inszenierung. Zu Recht.
Sein Grabkammerspiel lebt von der Sprache allein. Als sich die Kerkerwand knarzend hebt steht der Zuschauer vor einer Kirchenwand mit zwei geöffneten Gräbern (Bühne Muriel Gerstner). Aus den Grüften sprechen abwechselnd Geist und Faust, einem ewig regnerischen Schwarzwaldhäuschen in Amstetten gleich. Der Männermonolog setzt süffig ein. Jelinek kalauert über Frauen, bis der Arzt kommt. Simons führt seine beiden großen Sprachkünstler präzise und kann sich doch auf zwei Textfresser verlassen, die Jelinek aufsaugen, hörbar und begreifbar machen. Schnell bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn der rumpelnde Oliver Nägele mit klarer Diktion die stilbildende Rolle des Abends verstörend einnimmt. Der Amstettener Skandal um Josef Fritzl dient der Zeitkritikerin als voyeuristische Schablone, um den Faust nach vorn zu bürsten.
FAUSTIN AND OUT/Residenztheater Teils gut versteckt sind die Goetheverse, die durch den Wolf gedreht werden und – der großen Kunst der Jelinek gemäß – erschreckend gut auf ihre Umdeutung passen. Das Mädchen, das beschafft werden soll, die Kindsmörderin im Kerker, die Religionsfrage nach der männlichen Moral. All das zeigt die Aktualität des Fauststoffes in einer extrem subjektiven Adaption deutlicher als die Inszenierung am großen Haus. Die Abhängigkeit einer Tochter vom Vater, einer Religion von ihrem Gott, einer Frau von ihrem Mann und eines Geschlechts seit Persephone von seiner Bestimmung wird grandios ausverhandelt. Der Text spart keinen abgründigen Wortwitz, schlägt drein mit den harten Details der Kerkerhaft.
FAUSTIN AND OUT/Residenztheater Nägele ächzt als wankender Täter, als resümierender Mephisto im schwarzen Smoking. Von Beginn führt er das Publikum, melodisiert die schöne, schwere Sprache und pointiert ohne Rücksicht auf moralische Verluste. Immer wenn er stürzt, zeigt er uns am deutlichsten die dünne Oberfläche des herrschenden Mannes im Keller. An seiner Seite lange still und sofort die Führung übernehmend die große Minichmayr. Sie nutzt ihre leichte österreichische Färbung und präsentiert in ihrer Variante von Gretchen/Elisabeth eine debilisierte, kindliche, kaputte Frau ohne Licht und Perspektive. Hörig, traurig und kalt. Ihre kühle Stimme erzählt Grauenvolles. Ihr Spiel unterstreicht die Darstellung der zur Puppe gemachten Frau. Sie wirkt wie das eingeschnürte Gemälde einer infantilen Olympia (Kostüme Anja Rabes), der kein Hoffmann die Illusion raubt, da sie nie eine hatte. Nach ihrer Urlesung im Prinzregententheater beweist die Minichmayr erneut, dass sie verständiges Sprachrohr der bösen Stimme Österreichs ist, die Texte begreift und hörbar macht. In einem emotionalen Kraftakt hören wir knappe zwei Stunden ohne Pause die Stimmen aus dem Amstettener Grab.
Am Ende erlösen uns die großen Darsteller mit einem knappen ernsten Lächeln beim aufbrandenden Applaus. Mehrere Vorhänge.

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Die arme Teufelin – Faust im Residenztheater

FAUST/Residenztheater Lange hat München nach dem missglückten Experiment am Volkstheater auf einen neuen Faust gewartet. Nicht nur Lehrer und Abonnementstraditionalisten werden nun beglückt sein. Das Resi hat eine Faustoffensive gestartet, die anhand von Nebenprojekten, Lesungen und Diskussionen das Dramendrama wieder dorthin rückt, wo es allein im Schulkanon immer gewesen ist: Ins Zentrum der klassischen deutschen Literatur jenseits gefälliger Einzeiler, Bonmots und entfernter Adaptionen der Popkultur.
Der Chef macht das natürlich selbst und schart die stärksten Stammkräfte, ein motiviertes Haus und allerlei Aufwendungen um sich. Kusejs Faust überrascht dabei zunächst mit Lust zum Zitat und frechem Mut zur Lücke. Nicht nur fallen jegliche metaphysische Stellen dem Strich zum Opfer, sondern ganze Szenen werden eingedampft, umgedeutet, metaphorisiert und heraus kommt ein rein weltlicher, atheistischer Faust, die Geschichte des Lustgetriebenen, des Unstudierten, der im Wahn nach dem Rausch zwischen Pädophilie, Selbstzerstörung und Zweifeln an der Seite einer armen Teufelin zerbricht. Gemäß einer neuen Inszenierungsmode kommt nämlich der weibliche Mephisto recht kläglich daher. Der Teufel ohne Macht mit den abgerissenen Flügeln, die als Narben auf dem schmalen Rücken prangen, oszilliert zwischen nihilistischer Orgienlust und gottvergessener Perspektivlosigkeit einer grauzonenhaften Welt, die Böses nicht mehr ahndet und Gutes nicht mehr belohnt. Die Wette verliert dabei an Attraktivität, also berauscht er sich mit diesem müden Faust und testet, ob dessen Abstieg ihn aus seiner Lethargie herauszureißen vermag.
FAUST/Residenztheater Kusejs Faust kommt zeitlos daher und dabei trägt er die Jahrhunderte seiner (Über)Rezeption doch in sich. Ein wenig scheint dieser Faust auch seiner Stückgeschichte müde zu sein. Deshalb die krasse Schere und die epochalen Einsprengsel aus der Tragödie zweiten Teils. Die Bühnenmaschinerie rumpelt wütend mit Feuer und Explosionen zwischen Auerbachs Fightclub und Gretchens steriler Zelle. Übrig bleiben die destillierten Stammthemen des mehr und mehr Operntableau liefernden Intendanten. Die Zwänge der bürgerlichen Familie, ausgestaltet durch die neugedeutete und eingeführte Figur von Gretchens Mutter. Kopulation und Rausch als Mittel zur Selbsterkenntnis und das Stemmen gegen die postmoderne Ahnungslosigkeit durch den Mann und die (zwischengeschlechtliche) Gewalt als Paradox auf die Liebe. Alles das sucht und baut sich Kusej in seinem Faust zusammen und gestaltet einen tristen, harten und aufgrund der vielen Leerstellen allein in der Gretchentragödie überzeugenden Kurzgoethe für Fortgeschrittene. Es gelingen einprägsame Bilder einer lyrischen Walpurgisnacht, die leider durch skandalersoffenen Quatsch wie Pferdeschwanzmelken in der Hexenküche und das erneut langweilende Statisteriegevögel abgeschwächt werden.
FAUST/Residenztheater Vorhersehbar positioniert er seine Deutung in der urbanen Tristesse der vielseitig gelungenen Bühnenskulptur von Aleksandar Denić. Der Drei-Etagenbau zwischen Baukran, Waschraum, Zelle und Unterführung birgt alle Handlungsflächen im Stadtregen und hinter Maschendrähten. Analog kleidet Stammausstatterin Heidi Hackl das Personal in Retroschick, Leder und Kaufhausklamotte. Erwähnenswert das spektakuläre Szenenlicht von Tobias Löffler, der die Fetzenszenen präzise und ästhetisch schneidet.
In diesem dunklen Nichts agieren starke Kräfte. Antagonistisch, unsympathisch, grob und gewaltig kommt Werner Wölbern als Faust daher. Ein schwankender Bacchus, ein Oldboy mit blutigen Händen und verkokster Schnapsnase, der den Exzess spielt und brüllt und spürbar macht. Die ausgesprochen negative Darstellung des suchenden Goethegenies konterkariert er durch die selten so präzise gespielte Verzweiflung eines Mannes, der nicht weiß, wie er mit dem beglückenden, langweilenden Gretchenaufriss umgehen soll. An seiner Seite der Skandal in Person, der Körper der Inszenierung und das Zentrum dieses Teufelsspiels: Bibiana Beglau färbt ihren Mephisto in dunklen Schattierungen, teils unentschlossen, immer extrem und physisch spürbar. Etwas weniger Körperlichkeit, weniger Grand Guignol und mehr leise Töne hätten ihr gut getan. Der Zuschauer kennt sie mittlerweile beim Röhren und gestützten Kreischen, doch sie überrascht ihn mit tieftraurigen, ehrlichen und erfrischend entstaubten Goetheversen. Wenn ihre Kunstnarben sich vom Rücken ablösen, sie keine Verrenkungen tanzt und ohne Grimasse spricht, sieht man eine starke Frau, die einen noch stärkeren Mephisto gibt. Zurückgenommen, doch physisch anderweitig gefordert, überzeugt Andrea Wenzl als geerdetes Gretchen. Ihre einprägsame Stimme bricht das dumme Ding zu einer liebenden Frau, die alles opfert und ihren Körper deutlich hingibt. Wenzl rührt, verstört und bleibt als neues, modernes, bluttriefendes Gretchen in Erinnerung.
FAUST/Residenztheater Wird dieser Brutalofaust in Erinnerung bleiben? Der Western, dessen inflationäre Bühnenschüsse sanften Silvesterduft in den Zuschauerraum treiben, der explodiert, wenn die Handlung stillsteht und nach all den Drehungen der finsteren Bühne die irdischen Fragen allein beantwortet? Am Ende ist niemand erlöst, niemand gerettet. Das Nichts regiert, der Teufel und sein Faust gehen ab und München hat einen diskutablen neuen Goethe mit starken Abgründen und fraglichen Strichen. Es stellt sich nicht die Frage „Was bleibt?“, sondern „Was bleibt übrig?“.

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Psychologen in der Küche – „Schatzi und Vinschgerl“ im Teamtheater

Schatzi und Vinschgerl Jede Party endet in der Küche. So auch hier, doch das Ende muss kein glückliches sein. Nach exzessiven Abenden und mit viel Alkohol schaut der Zuschauer in die Küche zweier Münchner Paare, die ihre Erfahrungen und ihre Beziehungen diskutieren und sich vor allem aneinander abarbeiten. Dabei wird weitergesoffen, gestritten, gekämpft und wenig geliebt.

Wie viel hält der Partner noch aus? Was kann er akzeptieren? Woran zerbricht er?

Autorin Andrea Limmer stellt zwei sehr unterschiedliche Paare gegenüber. Während der die einen aufbrausen und toben, unterdrücken die anderen alles, das den häuslichen Reihenhausfrieden brechen würde. Während dort geschrien und geweint wird, ziehen die anderen stumm über das hassgeliebte Gegenüber her. Ebenso konträr die Figuren, der Softie im Katerkostüm, der brav seiner dominanten Frau den Nudelsalat hinterherfährt wird mit dem eifersüchtigen, cholerischen Vinschgerl kontrastiert, der auch schon mal ausfallend wird und zulangt. Die Damen hin- und hergerissen zwischen Beziehungsarbeit, -müdigkeit und ihrer Rolle als Frau mit Selbstbewusstsein, dosierter Unterwürfigkeit und kühler Verachtung gegenüber dem postmodernen Mann. Das erzeugt Reibung und es fliegen die Fetzen. Die Wortwitze mit versuchtem Lokalkolorit zünden dabei nicht immer. Manchmal tendieren die Dialoge sehr zu küchenpsychologischem Talkshoweinerlei.

Schatzi und Vinschgerl Die Simultanmontage gelingt und zum überstürzten Ende hin nach Hochzeit und Versöhnung holpert die Handlung noch in eine surrealistische Gefängnisposse, die Regiesseur Ludo Vici geschickt als Puppenspiel löst. Unentschlossener seine teils grobe Personenregie mit viel überraschender Aktion und verwirrenderweise immer wieder eskalierender Gewalt am Küchentisch. Die Bühne von Claus Zey integriert neben dem Küchenprospekt mit Fanclubidentifikation passend Videoinstallationen und der schöne Teamtheaterraum wird gut genutzt. Vici versucht mehr aus dem Pärchenboulevard herauszuholen, als vielleicht angedacht war.

Leicht überartikuliert, doch mit guter Grundenergie gibt Philipp Künstler den grobschlächtigen, intellektuell versnobten Vinschgerl mit der authentisch niederbayernden Autorin Andrea Limmer als Schatzi an seiner Seite. Limmer wirkt zerbrechlich und dabei streitlustig und tendiert am Rande des Outrierens zum Kabarett. Julia Mann zeigt gut geführt neue Farben im unvorteilhaften Katzenkostüm. Andreas Mayer bleibt wie seine Softierolle blass als armer schwarzer Kater, der der Freundin eine gute Affäre mittlerweile gönnt, da wenig mehr als Gewohnheit von der Beziehung übrig blieb.

Schatzi und Vinschgerl So endet der Zuschauer zwischen Küchenpsychologie, kaputten Beziehungen und der Gewissheit, dass Mann und Frau nicht zusammenpassen, bis in einer Flughafenzelle die einzige Lösung für verlorene Liebe und Entfremdung zwischen Paaren wartet: Humor und Verständnis.

Dann klappt‘s auch in der Küche.

 

Besucht am 4.10.14. Weitere Vorstellungen am 9/10/16/23/24. Oktober um 20:30 im Teamtheater.

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Übers Lesen, Vor- und Verlesen

Ansichten eines Akteurs Die Lesung boomt – und hat verschiedene Tücken. Andreas M. Bräu kann davon ein Liedchen singen.

http://www.nacht-gedanken.de/ansichten-eines-akteurs/

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Tierkunde I

iconentwurf2-1 In einem Opernhaus begegnet man so manchem seltsamen Getier, wie Andreas M. Bräu beobachtet.
http://www.nacht-gedanken.de/auf-der-galerie/

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Premierenfieber

Premierenfieber

So etwa ab dem Mittag kann ich nichts mehr essen. Am frühen Nachmittag setzt das Magengrummen ein. Gegen Abend hin wird es heiß und sobald ich viel zu früh im Theater angekommen bin, wird es anstrengend. Vor allem weil die Zeit bis zur Initialzündung ab der Maske zerdehnt wird, dass man am liebsten selbst die Leute auf ihre Premierenplätze bitten würde.
Dabei war ich nie einer der wirklich Aufgeregten, wenn es darum geht, die allererste, doch hoffentlich gänzlich ausverkaufte, und überall beblickte Vorstellung zu überstehen. Im Gegenteil, aus feierlustigem Größenwahn legte ich die Kinipremiere 2011 mit meinem Wiegenfestreinfeiertermin zusammen und beging diesen mit 70 geladenen Gästen, die dann auch alle in der Premiere saßen, was den Druck nicht unbedingt verringerte.
Vor der Ersten ist man immer nervös, je mehr beindruckenswerte nahe Menschen aber drinsitzen, umso komplizierter wird die Geschichte. Denn eigentlich geneigt und freundlich habe diese den Vergleich und sollen nach Möglichkeit besonders bespaßt und erfreut werden. Sitzt aber niemand Liebes in der Premiere, macht das den Abend noch abstruser, vielleicht unterspannt und trotzdem wichtig. Natürlich liegt es auch an der Gründlichkeit der Proben, ob man mit heißkalten Nacken ohne einen Clou in Richtung Bühne improvisiert oder passgenau die Abläufe gleiten lässt.
Da hilft auch die Hungerkur nichts und die Aufregung ohnehin nicht. Das helfen nur Proben und selbst dann entscheidet die Magie und die Chemie über Gelingen oder Misslingen einer fiebrigen Premiere.

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Alle für die Oper

Alle für die Oper

Ein Kulturenthusiast muss wetterfest sein. Sei es bei Freiluftaufführungen zwischen Gewitter und Sturmwind, sei es im Schneechaos auf dem Weg zum Theater. Insbesondere aber zur Festspielsaison, wenn die Oper für alle lockt. Was ist das für eine großartige Einrichtung, den schönsten Platz Münchens in ein Festivalgelände zu verwandeln und gemeinsam aneinander gekuschelt der Musik zu lauschen und eine Vorstellung zu erleben, die ansonsten dem betuchten Festspielpublikum vorbehalten bliebe. Das eigene Tuch spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn die Wettergötter stehen mit den Musikgöttern wohl so gar nicht auf einer Seite. Jahr für Jahr regnet es ausgerechnet an diesem Tag mit Vorliebe. Der Enthusiast ging nicht im Rhein, aber im Regen baden, als er 2012 die Götterdämmerung am Platz erleben wollte. Kaum dämmerte die Ouvertüre, ergoss sich auch der Himmel aus allen Kübeln und Hörnern. Die kunstunlieben Aufpasser einer Sicherheitsfirma verboten dämlicherweise einen Luftpolster unter dem enthusiasmierten Unterteil. Die Gefahr einer Stolperschwelle im Gefahrenfalle wäre ja auch massiv gewesen, verblieben doch einige dutzend Wettergegerbte auf dem Platz, als kurz danach der Himmel dämmerte und für etwa zwei Stunden Ruhe mit dem Regen war. Kaum starb aber Siegfried, weinte auch der bayrische Himmel erneut und am Ende des Abends waren Tränen der Erlösung vom patschnassen Regenwasser nicht mehr zu trennen.
Ein R(h)einfall? Oh nein.
Das Wetter man halt nicht kiesen kann.
In diesem Fall nun spülte das Arbeitsschicksal den Enthusiasten auf die andere Seite der Absperrung hinein ins Festspielhaus zur Tellpremiere. Nicht wehmütig, aber ein wenig verwirrt ob der Entwicklung blickte er von den Festivalstufen neben russischer Sopranistin und gealterten Schätzchen hinüber zu den vielen Enthusiasten. Vorsorglich im Cape wurden sie wieder geduscht, doch auch sie blieben, bis der Apfel platzte, ein Regenbogen seine Bahn zum Galopp zog und schlussendlich Luftballons gen Himmel stiegen. Der Enthusiast freut sich über so viele Begeisterte, die das Wetter weniger wichtig als die Kunst nehmen. Was macht schon Nässe aus, wenn Rossini wärmt? Wer braucht einen Sitzplatz, wenn er neben der/dem Liebsten auf der gleichen Decke sitzt? Wer will ausgschamde Käferhäppchen bei mitgebrachtem Sekt und Leckereien? Wer braucht das Schätzchen, wenn er einen Schatz hat?
Am Ende werden sie alle belohnt. Sie haben dem Wetter getrotzt und ausgehalten, bis die Schweiz befreit und der Himmel beruhigt war. Die Soli kamen heraus, der Bachler grüßt, der Applaus brandet auf und das höfliche Zaunpublikum leistet sich weniger Buhs als die Ränge der Ganz-Gscheiden. Warum? Weil sie den Sinn der Oper verstanden haben und nicht nur alle in den Genuss der Musik kamen, sondern alle etwas für die Oper getan haben, indem sie an einem Sommerabend zwischen Kübel, Cape und Tell gezeigt haben, dass es noch immer genügend Menschen gibt, die aus Enthusiasmus und Liebe zur Musik ausharren, genießen, loben und lieben.
Der Enthusiast zieht gerührt seinen getrockneten Hut.

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Online K(c)asten

Online K(c)asten

Nach den Worten zum Werben, beziehungsweise eigentlich vor dem zur Werbung werden, muss man erst einmal geworben werden und wichtiger noch: genommen werden.
Das passiert beim Casting. Oft genug in einer kleinen Agentur mit einem Kamera-Casting durch einen Redakteur, der eigentlich immer alles gut findet, was man halt so anbietet.
„Du bist in einer Raumstation und arbeitest schwerelos an deinem Tablet“, kann es dann schon mal in einem Bogenhausener Hinterhof heißen. Hebt man halt ab, wenn man den Job will. Und glauben sie mir: Man will immer den Job.
Manchmal aber schicken sie dir neuerdings nur eine Anleitung mit einigen Storyboards und dann darfst du via Online-Casting selber ran.
Schnapp dir eine Kamera und selfie dich zum Engagement. Im besten Falle betätigt jemand aus dem näheren Freundeskreis, der sich ohnehin nicht für dich schämt und die notwendigen Selbstbewerbungskniffe dieses Jobs kennt, den Trigger. Denn der brave Kamerateur hält drauf, während du dich meist gleich zweisprachig anbiederst und darlegst, warum eben natürlich und gerade du und sowieso, weil es ideal passen würde, für diesen Rasierer werben oder diesen Lover geben möchtest. Dann kann es sein, dass du einfach noch ein paar Impressionen von dir hinterherschickst. Wieder mal Profil und Händchen vorzeigen.
Also erneut das Knipskisterl scharf gestellt. Vormittags in den Smoking, Hollerschorle den Champagner doubeln lassen – wobei viele Kollegen, na ja, egal… – und hinein in den erwünschten Jetset-Abend. Dann flirtest du umwerfend mit deiner Heimkamera, der Abdrücker kugelt sich oft schon hinter der Linse am Boden. Du gibst alles: Latino, Clooney, 007, Andy Borg, was halt erwünscht ist, während da nur das kleine Urlaubsknipsding auf einem Stapel Brockhäusern steht und entscheidet, ob du den Job bekommst, oder eben nicht.
Dann das übliche Paket geschnürt, rüber über die Cloudwolke und an deinen Agenten und weiter an den Kunden und der klickt dich dann an, denkt sich „schöne Wohnung“ oder „miese Kameraqualität“, dem fällt dann vielleicht dein Gesicht auf und ihm gefällt vielleicht der Augenaufschlag und schon katapultiert dich der Freizeitfotoapparat in ein richtig gutes Set mit ein paar schönen Drehtagen oder du justierst ihn schon fürs nächste Onlinevorsprechen, für den heißen Draht, für den nächsten Versuch, von deiner vor eine richtige Kamera zu kommen.

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Media Vita

Media Vita…

Der wohlvorbereitende Kunstbesucher informiert sich natürlich über die handelnden Personen, die ihn diesmal begeistern sollen. Dafür greift er meist auf die geschönten, knappen Kurzbiographien der Programmhefte zurück. Besser er fliegt darüber, da gerade bei Sängern das immer gleiche Aufzählen der üblichen Partien und Häuser selten neue Erkenntnisse liefert. Das Geburtsdatum gerade der Damen ohnehin nicht, weshalb meist in der Nachbereitung Wikipedia ein respektvolles Nicken oder erschrecktes Zusammenzucken aufgrund von Erhalt oder Niedergang eines Jahrgangs nachreicht.
Tiefstapelei wird bei diesen kurzen Werbetexten der Künstler nicht gerade betrieben. Verständlicherweise. Es kann jedoch sehr schnell ins andere Extrem und Übel umschlagen.
Ein sägender, knödelnder, schmerzender Quasitenor einer besseren Schulaufführung ließ sich auf einer Provinzbühne scheiternd doch tatsächlich als einer der „erfolgreichsten Tenöre unserer Zeit“ betiteln. In welchen Zeiten leben wir? Der Enthusiast dachte, die Zehn, die dieses Attribut verdienen, zu kennen und dieser Brülltamix gehörte nun wirklich nicht dazu. „Auf der ganzen Welt zu Hause“ schien dieser Unmusikvagabund zudem. Was nur bedeuten kann, dass er aus einigen Städten mit ziemlicher Sicherheit von einem heugabelschwingenden Mob an die Landesgrenze begleitet wurde. Von Einbürgerung keine Rede. Der Enthusiast hätte sich nach der Bildnisarie den Anschlussflugsverstärkern angeschlossen.
Dann schreibt man da gerne: Sang den Manrico in New York. Ob mit einem Hut im Central Park oder beim Veteranentreffen in einem Queenser Altenheim steht da freilich nicht. Auch gelesen: Gewinner des Gesangswettbewerbs auf Burg Hinterfels in Chur. Der Enthusiast würde zu gerne so manchen Juryvorstand oder tauben Grafenmäzen einmal kennenlernen, der, um die Burg zu erhalten, mit Preisen um sich wirft, die nur Schaden anrichten, da sie mittelmäßige Sänger mit zu viel Courage ausstatten. Kammersänger der freien Republik Murxsistan wäre da noch ein schöner Titelkauf, oder „sang den fünften Raben im Krabatmusicalsommer am Plattensee“, „begeistert an allen wichtigen Kiosken Südeuropas“ vielleicht? Der Enthusiast driftet ab.
media vita in morte sumus, wie der animus ardor und andere Lateiner wissen. Wenn aber die Vita der einzige mediokre Mittelpunkt eines Künstlerschaffens bleibt, dann stirbt nicht nur das Publikum am schiefen Tenorschrei, sondern dann stirbt auch die Kunst mitten in der Mittelmäßigkeit, die sich auf die Werbeformulierung des eigenen Scheins konzentriert, anstatt Kunst zu sein und ein Sein zu bedeuten. Denn auch die Vita kann schnell der Tod des Rufes sein.
finis aut exitus.

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Die liebe Werbung

Die liebe Werbung

Keine Sorge geneigter Leser, es folgt kein Werbeblock, sondern ein Blog über das Werden des Werbens, das Herstellen des Konsumgutes Werbung.
Eine Szene aus Coppolas Lost in translation mit Bill Murray verdeutlicht den Wahnsinn Werbung wunderbar: Der gealterte Star bekommt als Werbeträger für Whiskey, der filmisch durch Eistee gedoubelt wird, genaueste Instruktionen, um das Produkt sexy, attraktiv, relaxing und sophisticated wirken zu lassen. Murray versteht davon nichts, doch der japanische Regisseur redet auf ihn ein, während allerlei Hände an ihm herumnesteln. Der genervte und verwirrte Schauspieler spult seine Grimassen ab und die Branche ist zufrieden.
Aus meiner eigenen Erfahrung mit der lieben Werbung kann ich diese Szene mittlerweile verstehen. In der Realität wird die Satire an Aufwand oft noch übertroffen. Bis in die kleinsten Parts werden zielgruppenorientierte Castings abgehalten, um alles Werbewirksame abzudecken. En détail werden Abläufe strategisch vorausgeplant, jede körperliche Variante vorausgedacht und der werbespielende Schauspieler genauestens inspiziert.
Wird man dann genommen, kann es passieren, dass man auf einem Riesenset vor einem Team steht, das keiner deutschen Serie und selbst nur wenigen Spielfilmen zur Verfügung steht. Diese Werbeerotiker betreiben dann eine finanzkräftige Perfektion, die ihresgleichen sucht und eben doch noch eine Form seltsamer Kunst sein soll.
„Was brauchst du? Gib mir mehr Verbindlichkeit! Lad mich mit deinem Blick zum Chinesen ein! Ja, genau, mehr und keine Zähne, ja grinsen.“
Ich schaute dann etwa eine Stunde – nun ja, verbindlich eben – in die am Kran kreisende Kamera und tat mein Bestes, den Mitarbeiter des Monats zu geben. Das dauerte ewig und zwei Maskenmädchen kümmerten sich um die Verbindlichkeit mit mehr HD-makeup, als die Öffentlichen an einem Tag verbraten. Insgesamt wurden neunzig Sekunden in mehreren Wochen produziert und mit einem Budget ausgestattet, das keinem Abschlussfilm ansteht.
Als das Ergebnis erschien, wunderte ich mich wie Murray ganz unverbindlich. Denn trotz allen verbindenden Lächelns wurde ich unumwunden aber mit vollen Bezügen aus diesem Werbeblock herausgeschnitten.

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