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Körperkontakt

Ansichten eines Akteurs Eigentlich hat er schon alles gemacht. Doch die Lust an seinem Job war niemals größer. Ob nackt, als Tier, in Frauenkleidern, in vielen kleinen und irgendwann den großen Rollen, unser Blogger Andreas M. Bräu hat vielseitigste Erfahrungen auf den Brettern, die seine Welt bedeuten, gesammelt. Seine Eindrücke aus Kunst, Oper, Staatsbetrieb und kleinem Theater verarbeitet er hier auf den Nachtgedanken mit Hingebung, Ironie, Berufsethos und bewundernden Respektlosigkeiten, um seine Ansichten über das Akteursdasein auszudrücken.

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Freitag, 11.10.2013

Körperkontakt

Als Schauspieler muss man ertragen, dass an einem herumgefummelt wird. Damit meine ich gar nicht emotional durch die Kritik oder das Herumgezerre zwischen Vorsprechen und Vorsprechen. Ich meine die haptische, direkte, körperliche Erfahrung des Betatschens, Begutachtens und Befühlens des Arbeitskörpers Schauspieler.
Das beginnt logischerweise in der Schneiderei, wo gewandte Schneidersdamen und –herren das Kostüm grundsätzlich erst am und leider zu oft im Körper feststecken, annadeln oder provisorisch antackern. Dabei werden Falten zurechtgerückt, der Sitz händisch geprüft und nicht selten glattgestrichen und festgehalten. Selbst für einen heterosexuellen Mann ist das nicht erotisch, sondern sehr technisch; vor allem, wenn die Kostümbildnerin den Sitz der Hose mit den Maßen aus der Kartei kritisch vergleicht und schmunzelnd rauslassen lässt, oder wenn dem Tierstatisten ein gummiverstärkter, bodenlanger Geckoschwanz angepasst wird, der gefälligst beim Über-die-Bühnerolle achtsam bewegt und nicht angebrochen werden soll. Dann fühlt man sich nicht selten als Kleiderpuppe einer grausamen Dreijährigen, die großen Spaß hat, ihr Spielzeug zu verunstalten.
Das (Schau)spielzeug wird dann zum Zwecke der Kunst eine Station weiter in die Maske geschickt. Nun wird je nach Inszenierungsart vornehmlich das Gesicht bearbeitet oder der ganze Körper beschmiert. „Soll ich den Pickel übertünchen oder blutet der?“ sind eine der Fragen, die das massive Problem der eigenen Körperwahrnehmung eines Akteurs nur unterstützen. „Sollen die Bartansätze gleich weg?“ schmerzt ebenfalls nach wochenlanger Züchtung vor einem historischen Dreh und oft genug erwehrt man sich seiner zarten oder unreinen Haut oder der wenigen Haare, wenn ein rigoroser Kostümbildner bereits Schwamm und Schere schwingt. „Der Regisseur wollte das aber genau so…“, hilft nur bedingt, wenn selbiger am Set bereits anwesend ist. Dafür spart man sich im Idealfall Barbier und Frisör.
In größeren Häusern helfen dann meist mehr als zwei Hände und flinke Damen und Herren in der Rolle der Ankleider bei schnellen Umzügen auch gerne im öffentlichsten Raum auf der Seitenbühne. Da wird man dann blitzschnell – auch als Mann – ins Korsett gezwängt, im Schritt der Reißverschluss justiert oder gleich Hosen samt Schuhen und Socken heruntergerissen, während andere Hände an der Krawatte fummeln. Nach 30 Sekunden Intimprodzedur und einem freundlichen Schubs ist die zweite Rolle dann schon wieder auf dem Flug durch die Bühnentür. Abgegriffen, doch grunderneuert und erstaunlich verändert! – Ui noch ein neuer Schauspieler.
Wieder eine Station weiter wirft man alle seine Pfunde und Gesichtsmuskeln ins Mimenrennen auf der Bühne. Nackt? Kein Problem, dann aber schnell noch ins Solarium! Bart? Okay, der Mastixduft in der Nase erleichtert die Heulerei im zweiten Akt. Das Gesicht in den Rock der Partnerin vergraben? Höchste Vorsicht sei geboten, wenn es sich um dunkle Stoffe handelt und das eigene Gesicht deutlich farblich aufgebessert wurde! „Wehe du beschmierst mich mit der Grundierung! Nur auf deinen Arm, ja! Kein Kontakt mit meiner Kleidung!“ Oh ja, dadurch wird auch der intimste Schoßkontakt sehr technisch, um keine ungewünschten Farbspiele zu erzeugen.
Dafür ist der Lohn einer leidenschaftlichen Kussszene gerne die Wimperntusche auf der eigenen Wange, die wie Kriegsbemalung von der theatralen Eroberung und Leidenschaft der Körperinteraktion erzählt. Im selbstreferenziellen Theater kann diese Körperakt-ionskunst auch der leuchtend rot gedroschene, nicht getrickste, sondern echt versohlte Popo des männliches Darstellern sein, und der Körperkontakt und –einsatz ampelhaft dem Publikum entgegenfunkelt – wie das Hinterteil von Shenja Lacher, dass Castorf im Resi in München gerade analog wie wund hauen liess.
Aufgeschlagene Knie sind sowieso normal, auch Schrammen, Kratzer, Ellbogenkerben von Kollegen oder etwas echtes Blut, wenn die Bühne mal wieder vor dem Barfussauftritt als Engel bei Ludwig Thoma nicht auf Reißnägel abgesucht wurde. Besagter Reißnagel wurde später übrigens vom Bühnenbildner zur weiteren Verwendung zurückgefordert. Schmerz ist temporär, Kunst ewig! – ein Motto, dass nicht nur für körperliche Dreharbeiten in Hollywood gilt. Nach einer mordernen Tanzproduktion hätte ich ein halbes Jahr als misshandelter Ehemann durchgehen können, so blau leuchteten meine Gliedmaßen. Schlimm? Ne, effektvoll!
Außerdem heilen mit dem Applaus automatisch alle Wunden. Am Ende reißt man den Bart wieder von der gereizten Haut, wischt Kajal aus den Augen und stülpt die Perücke über den Lagerkopf, versorgt die Wunden, wäscht sich und kehrt in Alltagskleidung und leider ohne Hilfe zurück ins echte Leben.
Im besten Falle folgt dann jedoch der schönste Körperkontakt des Theaters: Ein Hand- oder Schulterschlag des Zuschauers oder der Zuschauerin als haptische und bis unter die Haut gefühlte Kontaktbelohnung für die Körperarbeit.

Interview mit Andreas M. Bräu

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