Archives

  • 2018 (11)
  • 2017 (80)
  • 2016 (37)
  • 2015 (62)
  • 2014 (68)
  • 2013 (141)
  • 2012 (152)
  • 2011 (163)
  • 2010 (181)
  • 2009 (280)
  • 2008 (213)
  • 2007 (33)
  • 2006 (21)

Kategorien

Premiere My FAIR LADY, 13.02.2018, Gärtnerplatztheater

Sprachliche Fehlleistung und doch ein unterhaltsamer Abend – zur Premiere von „My Fair Lady“ am Gärtnerplatztheater

Vollmundig wurde die Neuinszenierung angekündigt als erste „bayerische“ Fassung. Als gebürtige Münchnerin fragte ich mich zwar sofort „Was denn für ein Bayerisch?“ (spricht ein Münchner doch ganz anders als ein Garmischer, Tölzer, Rosenheimer oder Traunsteiner…), ich ließ mich aber gerne überraschen. Was dann kam, übertraf sprachlich meine schlimmsten Befürchtungen. Nein, liebe österreichischen Freunde, es reicht nicht, ein paar Ausdrücke ins Bayerische zu übertragen, es ist hauptsächlich die PHONETIK, insbesondere die Vokale und Diphtonge, die das (westmittel)Bairische (linguistisch korrekt geschrieben), wie es in Bayern gesprochen wird, vom (ostmittel)Bairischen Österreichs unterscheidet. Und genau hier sind wir am springenden Punkt, warum es so absolut unpassend ist, gerade My Fair Lady in einer Mundart zu inszenieren, die dem Großteil des Ensembles und der Gäste fremd ist:

Es handelt sich in diesem Stück im Kern um die These, dass Sprache Identität ausmacht. Professor Higgins ist in der Lage, einen Sprecher nach ein paar Sätzen fast auf die Straße genau einem Londoner Stadtviertel zuzuordnen – was im viktorianischen England einem sozialen (Negativ)-Stempel gleichkam. Und er wettet mit Oberst Pickering, dass es ihm gelingt, ein einfaches Blumenmädchen mit üblem Cockney-Slang in sechs Monaten mit Sprachdrill zur Lady zu machen. Das ist per se im Deutschland des 21. Jahrhunderts kaum mehr nachvollziehbar, wo es spätestens seit Franz Joseph Strauß absolut in Ordnung ist, wenn ein Politiker oder eine Person der Gesellschaft breiten Dialekt spricht. Insofern war es durchaus eine kluge Entscheidung von J. E. Köpplinger, seine My Fair Lady in der Originalzeit Anfang des 20. Jahrhunderts anzusiedeln und sie eben nicht in der heutigen Zeit spielen zu lassen. Was ihn dann zu dem absoluten Fehlgriff verleitet hat, seinem mehrheitlich österreichischen (wienerischen) Ensemble ein „bayerisches“ Kauderwelsch aufs Auge zu drücken, ist mir ein absolutes Rätsel. Warum nicht eine Wiener Fassung, bei der sich die Darsteller sprachlich richtig hätten austoben können? War es Anbiederung an die Münchner oder mangelndes Selbstbewusstsein (Sprache ist Identität!!!)?

Am deutlichsten fällt das bei Eliza Doolittle (Nadine Zeintl) auf. Sie bemüht sich in manchen Passagen redlich, die bayerische Klangfarbe zu imitieren, aber immer, wenn sie besonders intensiv spielt, fällt sie in eine Wienerische Diktion zurück, die für bayerische Ohren nur noch ordinär klingt (der Bayer ist nämlich extrem sensibel, was Sprachebenen angeht, das merkt der Nichtbayer nur meistens nicht…). Gänzlich haarsträubend wird es, wenn Eliza mit ihrem Vater (Robert Meyer) zusammentrifft (dem man zwar anhört, dass er schon sehr lange in Wien lebt, der aber von Szene zu Szene mehr in seinen Heimatdialekt zurückfindet). Da ist dann das Kauderwelsch perfekt und der Zuhörer glaubt nicht mehr, dass Eliza wirklich die Tochter von Alfred P. Doolittle sein soll. Das ist extrem schade! Denn Nadine Zeintl ist eine hervorragende Schauspielerin und Sängerin! Besonders in der Szene, wenn sie vom Botschaftsball zurückkehrt, hat sie mich zu Tränen gerührt: da sitzt Eliza, der eigentliche Star des Abends, wie ein Häuflein Elend am Rand der Bühne und es rinnen ihr echte (!) Tränen der Erschöpfung und der Enttäuschung übers Gesicht. So zerbrechlich ist dieses Wesen, das doch eine so große Entwicklung in dem Stück durchmacht. Ich hätte sie in den Arm nehmen mögen und trösten. Absolut großartig – aber die Regie lässt sie leider über weite Teile des Stückes nicht so, wie sie könnte. Und das liegt (quod erat demonstrandum!) an der sprachlichen Identität, in die sie unglücklicherweise aus absolut nicht nachvollziehbaren Gründen gezwängt wird und die ihrer eigenen total widerspricht.

Michael Dangl gibt einen von sich selbst absolut überzeugten Professor Henry Higgins, der gnadenlos auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampelt. Ein wenig mehr englischen Snobismus der Upperclass hätte ich mir vielleicht noch gewünscht, aber das ist eben Interpretationssache und tut der Stimmigkeit der Figur keinen Abbruch.

Oberst Pickering (Friedrich von Thun) bleibt eigentümlich blass, was vielleicht daran liegen mag, dass Friedrich von Thun nicht vom Theater, sondern vom Film kommt. Mit einer 10fach-Vergrößerung im Opernglas sieht man, dass er durchaus sehr gut spielt – nur eben fürs Theater „zu klein“. Mit ein wenig Übung auf dem ungewohnten Terrain ist sicher noch viel Luft nach oben und ich freue mich, darauf, wenn ich die feine Mimik auch ohne Zoom verstehen kann.

Mit Cornelia Froboess als Mutter Higgins, Maximilian Mayer als Freddy Eynsford-Hill und Dagmar Hellberg als Haushälterin Mrs. Pearce fährt J. E. Köpplinger auch in den Nebenrollen absolute Hochkaräter des Musiktheaters auf – Chapeau an alle!

Bühne und Kostüme sind klar, wenngleich nicht so detailverliebt wie die Vorgängerfassung aus den 80er Jahren, die Choreografie rasant, wie wir sie schon von früheren Köpplinger-Inszenierungen kennen. Mir persönlich manchmal ein bisserl zu viel Action für ein szenenweise doch sehr kammerspielartiges Stück, aber das ist sicherlich Geschmackssache.

Im Orchestergraben habe ich an manchen Stellen das sonst so „organische“ Zusammenspiel des aufeinander eingespielten Staatsorchesters am Gärtnerplatz vermisst. Das mag an der für die neue Akustik und für eine Broadwaybesetzung etwas unglücklichen Orchesteraufstellung liegen und vielleicht auch einfach daran, dass sich die Musiker bei dieser Aufstellung zu wenig untereinander hören können. Hier ist sicher noch Potenzial zum Austesten, was der umgebaute Graben und die Akustikpaneele wirklich hergeben.

Auch die Tontechnik braucht nach dem Umbau noch etwas Anlaufzeit. Textpassagen, die über das Orchester dringen müssen, sind schlecht bis gar nicht zu verstehen und auch bei Szenen, wo durcheinander gesprochen wird ist noch Verbesserungspotenzial drin. Da bin ich aber ganz zuversichtlich, dass das nur Anlaufschwierigkeiten sind, da ja die Akustik im vollen Haus erst bei der Premiere wirklich hörbar wird und Erfahrungswerte (noch) fehlen.

Dem Münchner Publikum scheint es jedenfalls gefallen zu haben und auch wenn ich in der Pause mehrfach gehört habe, dass das ganze doch „sehr österreichisch klingt“, hat das dem Vergnügen der meisten keinen Abbruch getan und die Standing Ovations lassen eine lange erfolgreiche Laufzeit des Stückes erwarten.

Fazit: Für Nichtbayern und Zuagroaste aller Art uneingeschränkt zu empfehlen, sprachsensible Bayern sollten sich eine dicke Haut zulegen, nicht eingeschnappt sein und manchmal einfach weghören… Mein persönliches Lieblingsstück wird es nicht, ich bin da zu sensibel und komme mir als Bayerin stellenweise geradezu „verarscht“ vor – als Wiener Fassung könnte ich es deutlich mehr genießen.

Ähnliche Artikel

Viktoria und ihr Husar, 31.1.2018, Gärtnerplatztheater

Oder: Die Liebe zur Operette

Wenn ich heute immer mit großer Vorfreude das Gärtnerplatztheater besuche, kann ich mir eigentlich kaum noch vorstellen, dass ich bis vor einigen Jahren das Genre der Operette überhaupt nicht so spannend fand. Erst durch ein wirklich interessantes Seminar im Rahmen meines Theaterwissenschafts-Studiums und vor allem der Regiehospitanz bei der Zirkusprinzessin im Jahr 2014 wurde meine Liebe zu diesem – zu Unrecht – unterschätzten Teil des Musiktheaters geweckt. Da trifft es sich ja umso mehr, dass ihm hier eine regelmäßige Plattform geboten wird.
Auch am letzten Januarabend standen einige junge Leute in Form von Schulklassen auf dem Gärtnerplatz und nicht alle der Schüler schienen so motiviert wie die Lehrer und Besucher. Doch seien wir mal ehrlich, die wenigsten Schüler waren auch in meiner Schulzeit große Fans von Theaterbesuchen. Doch schon bald nach Vorstellungsstart war von Missmut nichts mehr zu spüren im Saal.
Das liegt vor allem an der spannenden Inszenierung unseres Staatsintendanten Josef Köpplinger, der die Operette von Paul Abraham in ein Theater im Theater verwandelt. Im Original werden die zum Tode verurteilten Ungarn Rittmeister Koltay und sein Diener Jancsy von ihrem Gefängniswächter im Austausch gegen eine Geige frei gelassen. Das scheint doch etwas zu einfach und willkürlich. Im Gärtnerplatztheater fordert der russische Leutnant Petroff Koltay kurz vor der Hinrichtung auf zu erzählen, was er jetzt in Freiheit tun würde. Also erzählt der Ungar, wie er seine Verlobte Viktoria suchen würde, die inzwischen aber einen amerikanischen Botschafter geheiratet hat. Sie ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrem totgeglaubten Verlobten und der Dankbarkeit gegenüber ihrem Ehemann, woraufhin Koltay wieder freiwillig in Gefangenschaft geht. Dagegen findet sein Diener Jancsy in Viktorias Zofe die große Liebe.

Foto: Christian POGO Zach

Durch die Tatsache, dass das beeindruckende Bühnenbild des russischen Gefangenenlagers ein verfallenes Theater zeigt, in das durch die kaputten Fenster der Schnee weht, wird die Erzählung mitten in das Elend des Gefangenenlagers mit Frauen, Kindern, Soldaten und Verwundeten gebracht. Zwischen grauen Mänteln und Dreck erscheint also Viktoria im eleganten Seidenkleid und japanische Kirschblüten rieseln von der Decke. Tatsächliche Kulissenteile dieser „Traumwelt“ sind zum Großteil nur auf der kleinen Bühne zu finden. Immer wieder wird die Erzählung Koltays unterbrochen durch seine Bewacher oder eine kleine Revolte der Gefangenen. Das nimmt der Operette also viel Kitsch und holt sie immer wieder zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der sie eigentlich spielt.
Dies ist inzwischen scheinbar ein beliebter Kniff Köpplingers, schließlich wurde auch bei der Wiedereröffnungsinszenierung der Lustigen Witwe das Idyll gebrochen durch den Beginn eben dieses Krieges. Und gerade das macht solche Stücke heute auch für das junge Publikum interessant, das eben seine Liebe zur Operette oder zum Theater im Allgemeinen manchmal erst noch entdecken muss, was man aber eher durch solche fantasievollen Werke schafft als durch provokantes Regietheater.
Daniel Prohaska und Alexandra Reinprecht dürften sich ja inzwischen als Operetten-Traumpaar im Gärtnerplatztheater etabliert haben, schon bei der Zirkusprinzessin durfte ich von Anfang an erleben, wie sie ihre unglücklich verliebten Helden doch zusammen brachten. Ihr Zusammenspiel ist auch bei Viktoria und ihr Husar sehr emotional und intim, wenn auch Koltay in seiner rasenden Eifersucht tatsächlich manchmal sogar ein wenig bockig anmutet. Dass sich die beiden Charaktere eigentlich während der gesamten Inszenierung nicht wirklich treffen kann man bei all dem Herzschmerz und Glück fast vergessen, ebenso wie das Ende, in dem das Schicksal der beiden offen bleibt.
Bei allem Drama um das Hauptpaar tun die rasanten Beziehungen der beiden Buffo-Paare natürlich trotzdem Herz und Seele der Zuschauer gut. Josef Ellers zeigt einen energiegeladenen Jungspund in Koltays Diener, der sich in Japan auf den ersten Blick in die quirlige Zofe Riquette, gespielt von Katja Reichert, verliebt. Die beiden Jungen spielen und singen bezaubernd! Ihr Duett bei Janczys Bad, bei dem seine Handtücher um die Leistengegend immer knapper werden, ist nicht nur für die Damen im Publikum ein Highlight der Inszenierung. Aber selbst hier wird bei aller Fröhlichkeit auch immer vorgehalten, dass die Handlung doch nur Fantasie ist. Der Körper des jungen Mannes ist mit Wunden übersät und auch nach dem „Bad“ ist er immer noch dreckig.

Foto: Christian POGO Zach

Das dritte Paar besteht aus Viktorias Bruder Graf Hegedüs, in der Wiederaufnahme gespielt von Peter Lesiak und Susanne Seimel als seine halb-japanischen Braut O Lia San, die ein rauschendes asiatisches Hochzeitsfest mit tanzenden Sumo-Ringern und japanischen Schönheiten feiern. Auch sie sorgen für zahlreiche Lacher in diesem Stück, vor allem da sie das frisch verheiratete Ehepaar spielen, die sich schon vor der Hochzeit ständig gegenseitig aufziehen, doch trotzdem unendlich glücklich scheinen.
Viele verschiedene Charaktere, wundervolle Darsteller und die spannenden Kontraste zwischen Fantasie und Realität im Bühnenbild und in den Kostümen machen Viktoria und ihr Husar zu einer ungewöhnlichen und interessanten Inszenierung. Regie und Dramaturgie haben wieder einmal genau an den richtigen Stellen kleine Veränderungen vorgenommen, um das Stück auch für ein Publikum des 21. Jahrhunderts nicht seicht wirken zu lassen und trotzdem das ein oder andere Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. In dieser Saison ist die Operette nur noch am 10. Februar zu sehen, doch ich hoffe sehr, dass wir auch in der nächsten Spielzeit wieder nach Russland, Japan und Ungarn reisen dürfen.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/viktoria-und-ihr-husar.html

Dirigat: Andreas Partilla
Regie: Josef E. Köpplinger
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Karl Fehringer, Judith Leikauf
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Choreinstudierung: Felix Meybier
Video: Meike Ebert, Raphael Kurig
Dramaturgie: David Treffinger

Leutnant Petroff, Kosak und Lagerleiter in Sibirien: Gunther Gillian
Stefan Koltay, Husarenrittmeister: Daniel Prohaska
Janczy, sein Bursche: Josef Ellers
Unteroffizier Krutow, Lageraufseher: Uwe Thomsen
John Cunlight, amerikanischer Gesandter: Erwin Windegger
Gräfin Viktoria, seine Frau: Alexandra Reinprecht
Graf Ferry Hegedüs auf Doroszma, Viktorias Bruder: Peter Lesiak
O Lia San, Ferrys Braut: Susanne Seimel
Riquette, Viktorias Kammerfrau: Katja Reichert
Bela Pörkölty, Bürgermeister von Doroszma: Florian Wolf
James, Butler von Cunlight: Maximilian Berling

Chor, Orchester, Ballett, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Ähnliche Artikel