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Büchneria – Leonce und Lena im Resi

LEONCE UND LENA. DUNKLE NACHT DER SEELE/Residenztheater Um Missverständnissen vorzubeugen: Nicht Leonce und Lena wird gegeben, sondern die dunkle Nacht der Seele, sprich eine Collage aller Texte und Fragmente Büchners, die sich der Melancholie widmen. Diese werden in loser Zusammenfügung mit viel Musik zu einem schlafwandlerischen Flug über die süße Schwärze des Menschseins verbunden. Die Musik unter den präzisen Mannen von Manfred Manhart lockert das und liefert mit den klugen Texten und den eingängigen Melodien der Spanierin Maika Makovski einen atmosphärischen Gegenpol zu den intensiven Texten Büchners. Deren Stärke aber vermindert sich durch die massive Bündelung. Während Meister Georg seine philosophischen Einsprengsel mit Situationskomik und gerade im Leonce mit einer guten Portion Nonsens auflockert, da stehen diese Blöcke gewichtigen Sprechens in Bieitos Konzeption nebeneinander. Dabei verlieren die großen Monologe und die düsteren Gedanken über Puppen, Marionetten, über Schädel und verschluckte Nadeln und immer wieder über die tote Liebe und Grabesfrau aufgrund einer überfrachteten Reihung.
Schade für die Texte, doch der Abend gelingt nichtsdestotrotz aufgrund des starken, wenngleich überbordendem Anspruch Bieitos. Die Spielfläche eine großartige Folienlandschaft von Rebecca Ringst aus wabernden, niemals stillstehenden schwarzen Segeln, die ölgleich zu Bergen, Gräben und Wolken verschwimmen, die gar bedeutungsschwanger über den monologisierenden Darstellern schweben. Spätestens ab der am Abgrund stehenden Braut sind dabei die Anleihen an Lars von Triers Opus Magnum Melancholia offenkundig und sinnig. Während dieser allerdings auf Sprachlosigkeit und Ästhetizismus setzt, da lässt Bieito sprechen, reden, singen.
LEONCE UND LENA. DUNKLE NACHT DER SEELE/Residenztheater Friederike Ott tut dies am Schönsten. Mal plärrend, mal trillernd, doch immer mit einer jugendlichen, warmen Traurigkeit in ihrer Stimme, die Büchners Paradox aus Langeweile, Glück und Todessehnsucht wie auch die ungeklärte Faszination der Melancholie spürbar macht. Guntram Brattia geht mit seinem dunklen Samtton diesen Weg etwas unaufgeregter, darf dafür den vielleicht ansehnlichsten Männerkörper der Münchner Bühnen überdeutlich und überlang über die Bühne führen. Genija Rykova macht als Braut eine gute Figur und überzeugt sanglich im Duett mit dem unaufgeregten Lukas Turtur. Leider will Katharina Pichler in diese wie so manche Inszenierung des neuen Resi nicht wirklich hineinpassen. Trotz klarer Diktion und satter Sangesröhre wirkt sie fremd, anders und nicht wohlig angekommen.
Wie aber kann man das in dieser trüben Planenfläche, aus der die Darsteller herauskriechen, vom süßen Leid singen und wieder in die Suppe versinken. Vielleicht mit Büchners nicht weniger wertvollen, leichten Tönen.

Regie Calixto Bieito, Bühne Rebecca Ringst, Kostüme Ingo Krügler, Musik Maika Makovsky, Licht Tobias Löffler, Dramaturgie Marc Rosich
mit Lukas Turtur, Friederike Ott, Guntram Brattia, Genija Rykova, Katharina Pichler, Manfred Manhart Musiker/Band

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Lasst uns die Totenruhe stören! Lola Montez im Cuvilliés (erobert endlich München)

LOLA MONTEZ/Residenztheater Muss der Krach sein? Und muss des im Cuvilliés sein?
Ja! So laut und so krachig und nur im Cuvilliés – sozusagen am Originaltatort der ersten femme fatales der Geschichte. Denn Lola ist Krach, ist laut und ist Punk – deswegen nur ein logischer Schritt sie auf diese grandiose Weise für die Bühne neu zu erzeugen, ihre Totenruhe zu stören und ihr ein funky Denkmal zu setzen, an das sich München erinnern wird, wenn es auch nicht grad Geschichtsstunde ist. Ein wenig wirkt der abend, als hätte Peter Fox Guido Knopp {Verzeihung} verräumt und die Redaktion der Märchenstunde geentert.
Natürlich hat diese Produktion Schwächen. Alles zerfasert, keine Stringenz, eine Kalauerparade, szenischer Minimalismus und ein sinnloser Zirkusdirektor, der lieber hinterm Regiepult bliebe. Doch Kühnel und Kuttner machen aus diesen Schwächen Stärken und liefern einen neuen, innovativen SprechSingspielAbend, der einfach rockt. Drama per musica nennt sich das heute und funktioniert.
Man nehme:
Eine leere Bühne, ein paar Scheinwerfer, achteinhalb Musiker, zwei grandiose Lolen, einen Operettenludwig, 14 Mann Laien-Opachor, eine Prise Brecht, drei Löffel DDR-Märchenklamauk, viel mehr Punk, etwas Nockerberg, viel Varieté, ein bisserl Musical, ein bisserl mehr Respektlosigkeit, warum ned a Stückerl Bollywwood, Schlager, Ballade, Volkslied, Ohrwurm viel Dezibel, jede Menge Spiellaune und nebenbei zwei mögliche Wiesnhits und schon erkennt man die bayrische Geschichte, die eigenen Sehgewohnheiten, das Resi und das Cuv nicht wieder und ist begeistert. Alles andere wäre dezent und wäre der Montez nicht angemessen, denn wir lernen an diesem Abend: Dezenz ist Schwäche.
Das Publikum? Zufrieden, amüsiert, oder verwirrt, kriegt aber was auf die Ohren. Der Applaus jedoch brachte wieder Ruhe zwischen Lola und Bayern, München und Punk, Resi und seinem Publikum.
Worum geht’s? Nebensache. Die Skandalaffäre und der Auslöser der bayrischen Revolution werden schnell abgehandelt. Hier interessiert nur eins:
Eine unangepasste, starke, erotisierende Feministin und ihr kühler Plan, den alternden bayrischen Monarchen wieder zu beleben und belieben, um selber Queen of Bavaria and Pop zu werden. Dafür wird das schizophrene Überweib gleich gedoppelt. Gescheiterweise. Hier stehen sich Frau und Klischee gegenüber.
Katrin Röver als Klischee darf nach all den Dienstmädchen und Dienerinnen endlich ihre Klasse und Stimme beweisen, macht verliebt, während die Rockröhre Genija Rykova uns nicht nur plärrend und lefzend die Frau Lola zeigt, sondern auch mit Monolog und Zwischenton überzeugt. A cappella, synchron, im frechklugen Openingschocker sprachgewandt und immer lasziv, spürbar präsent zeigen diese beiden Bühnendamen wie eine Lola das werden konnte, was sie war – eine Prima Donna und Skandalon zugleich. Zu Recht.
Köstlicher Viennasidekick bei diesen Lolas die Zenzi Katharina Pichler, pointensicher und stimmgewaltig und so wunderbar beim Kochen anzusehen.
Da haben es die Männer schwer, bis auf den köstlichen, wie immer wunderbaren So-Gar-Nicht-Ludwig-und-darum-Prächtig Oliver Nägele als Resi- und Monarchenveteran in der Potenzkrise mit Ukulele. Götz Arugs brüllt sich routiniert und wohl bewusst eindimensional durch den Comic-Polizisten in billiggrüner Uniform. Arthur Klemt gibt einen netten Stieler, Wolfram Rupperti liegt Lola als Leutnant zu Füßen und Lukas Turtur nervt vor allem durch fehlende Stimmgewalt als Bébé ohne verständliche Songs. Eine Ladies Night eben. Darum bitte, bitte lieber Coautor, Coregisseur und College Kuttner, tu deinem Werk den Gefallen und inszenier dich daraus hinaus. Weder Rhythmus, noch Tempo, Witz oder Sinn des miesen Direktors erschließt sich wie sie es beim Haspeln doch auch selber gemerkt haben. Entweder Schnellsprechunterricht über der Gasse bei Frau Paulmann nehmen, oder lassen. Dem grandiosen Abend tut‘s nur Gutes.
Den Federhandschuh soll Lola ganz allein werfen. Dieser Abend kann die Pausenhofgeneration mit Operette und Sprechtheater versöhnen. Nicht nur weil die hippen Yeah-Yeah-Yeah-Look-alikes Pollyester die Bube zum Dröhnen bringen. Hier sehen wir Unterhaltung und Show auf höchsten Niveau. Frech und neu und skandalös.
Kokett, cool und krass im Cuv? Grandios!

Katrin Röver Lola Montez, Genija Rykova Lola Montez, Oliver Nägele König Ludwig I., Katharina Pichler Emerenzia Klachlmoser, Götz Argus Polizeidirektor von Pechmann, Arthur Klemt Maler Stieler, Wolfram Rupperti Leutnant Nussbaumer / Minister, Lukas Turtur Bébé / Bischof, Jürgen Kuttner Direktor, Manu Dacoll Musiker (dr), Thomas Wühr Musiker (dr), Polina Lapkovskaja Musiker (keyb), Ulrich Wangenheim Musiker (cl, bcl, fl), Blerim Hoxa Musiker (vio), Eugen Bazijan Musiker (cello), Manfred Manhart Musiker (akk), Leo Gmelch Musiker (tuba, btb), Dieter Bayer Herrenchor

Besucht wurde die Vorstellung am 24.03.2013

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