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Lesung Salman Rushdie, 13.11.2019, LitCologne

Quichotte von Salman Rushdie ©Bertelsmann Verlag

Quichotte von Salman Rushdie
©Bertelsmann Verlag

Die Stimmung im ausverkauften Saal war positiv gespannt als Salman Rushdie die Bühne betrat, die er mit Moderator Bernhard Robben und Vorleser Sylvester Groth teilte.

Bei der LitCologne sei Salman Rushdie zuletzt vor zwei Jahren, das erste Mal in Köln vor 52 Jahren, zu Besuch bei einem Cousin, gewesen. Mit einem Schmunzeln bedankte sich Salman Rushdie beim Moderator für den Hinweis auf seinen tatsächlich schon 54 Jahre zurückliegenden ersten Aufenthalt in Köln.

Dann las Bernhard Robben den vermutlich bekanntesten Abschnitt aus Don Quijote von Miguel de Cervantes, den Kampf gegen die vermeintlichen Riesen, 30 Windmühlen. (Kann man beim *Projekt Gutenberg* lesen *klick*)

In der modernen Version von Salman Rushdie wird aus Rosinante ein Chevy Cruze, Sancho Panza kommt ohne Rüstung aus und Don Quichotte ist ein alternder Pharmavertreter. Die Biographie dieses modernen Don Quichottes ist der von Salman Rushdie nicht unähnlich. Beide wurden vor rund 70 Jahren in Bombay geboren. Salman Rushdie wuchs in einer Siedlung auf, in der die Häuser Namen wie „Windsor Villa“ trugen und sei heute dafür bekannt, dass er „naughty but nice“ sei. („unanständig/frech aber lieb“). Über die bei Wikipedia genannten Informationen hinaus wurde verraten, dass er ein gefürchteter Tischtennisgegner sei und ein Meisterschütze bei Angry Birds.

In Salman Rushdies 19. Roman Quichotte stelle man sich ständig die Frage, was fake sei und was Fakt. Es sei eine Parodie, Satire, Persiflage auf die heutigen USA. Sein Quichotte nennt sich Ismael Smile, arbeitet als reisender Pharmavertreter, hat sich quasi sein Hirn durch zu viele Fernsehsendungen zerstört und in die wunderschöne Salma R. verliebt, die er unbedingt treffen möchte.

Dann las Salman Rushdie einen kurzen Abschnitt auf Englisch und Sylvester Groth das erste Kapitel von Quichotte (Leseprobe beim Verlag)

Quichotte wird von einem fiktiven Autor erzählt, der nur schreiben kann, wenn 13 bestimmte Objekte auf seinem Tisch stehen. Ob Salman Rushdie dies auch so mache?

Nein, dies sei nicht autobiographisch, aber der Autor Russell Hoban habe immer einen Rucksack mit 11-13 Objekten bei sich gehabt. Wenn er diese in einem Raum in einer bestimmten Anordnung aufstellte, habe er sich in jedem Hotel zu Hause gefühlt. Salman Rushdie habe lange darauf gewartet, diese Geschichte in einem Buch verwenden zu können. Allerdings müsse er zugeben, dass eines der Objekte tatsächlich seines sei: ein kleiner silberner ziegelförmiger Gegenstand, auf dem eine Karte des zu jener Zeit noch ungeteilten Indiens abgebildet ist. Diesen habe ihm ein Freund seines Vaters einen Tag nach seiner Geburt geschenkt und er sei für ihn sehr wertvoll.

In einem Interview habe Salman Rushdie einmal in „Nichts-Bücher“ und „Alles-Bücher“ unterschieden. In welche Kategorie Quichotte falle, wobei Bernhard Robben eine Vermutung hatte.

Salman Rushdie denkt, dass es zwei Möglichkeiten des guten Schreibens gibt: minimalistisch oder maximalistisch. So könne man zum Beispiel ein Haar der Göttin der Literatur beschreiben, wie es im Licht glänze, das Licht reflektiere usw. oder man könne versuchen die gesamte Welt in seinen Armen zu sammeln und so viel wie möglich in das Buch zu packen, es bewusst zu überladen. Seiner Meinung nach gibt es nur diese beiden Methoden, alles zwischendrin funktioniere nicht. Er habe auch mal ein paar Kurzgeschichten geschrieben, aber dieser überladene Stil liege ihm mehr. Unsere eigene Lebensgeschichte bestehe daraus. durch die Geschichten all der anderen Menschen um uns herum zu laufen und der Autor müsse klarstellen, welche Geschichte er erzählen wolle und nicht all die anderen, die berührt werden.

Während des Schreibens von Quichotte sei er unsicher gewesen, ob das Buch anderen gefallen könne und habe ganz gegen seine Gewohnheit einen Auszug an seinen Literaturagenten geschickt. Dieser habe geantwortet, dass es das lustigste sei, das er je geschrieben habe.

Bernhard Robben fragte, wie es gewesen sei, das lustigste Buch zu schreiben, ob er dabei ständig gekichert habe.

Wenn man es selbst nicht lustig finde, stünden die Chancen gut, dass es auch niemand anders lustig fände, antwortete Salman Rushdie. Kafka habe seiner Verlobten Felice einmal geschrieben, dass er lustig sein könne und als großer Lacher bekannt sei. Damit habe er Recht gehabt. Leider vergesse man das schnell, weil uns die Redewendung kafkaesk präsenter sei als der Humor in seinen Werken. Jeder Abschnitt bei Kafka sei im Stil einer Komödie geschrieben, auch wenn das große Ganze beängstigend oder beunruhigend sei. So wollte es Salman Rushdie auch in Quichotte machen. Die Themen des Buchs seien nicht offensichtlich lustig, er habe ernste Themen aufgegriffen wie die Verzerrung der Wahrheit, das Näherrücken des eigenen Todes und das mögliche Ende der Welt. Er wollte im Modus der Komödie erzählen, auch wenn die Summe etwas Anderes ergebe.

Auf das Titelbild angesprochen antwortete Salman Rushdie, dass es ihm gefalle, aber er habe es nicht geschrieben und man solle den Designer dazu fragen. Es habe einen „Retro Science-Fiction look“, der ihm sehr passend zum Inhalt erscheine und der Bogen erinnere ein wenig an Stargate. Auf der anderen Seite sehe man zwei Personen die Straße entlanglaufen, das Auto sei wohl anderswo geparkt. Es wirke ein wenig geheimnisvoll und beim Auspacken des Belegexemplars habe er sich sehr über das Design gefreut.

Für dieses Buch habe er sich wieder mit einigen seiner früheren Interessen beschäftigt. Als Jugendlicher habe Science Fiction ihn fasziniert und er habe stapelweise Science Fiction Bücher gelesen. Die Nachbarschaft der Hauptfigur in Quichotte erinnert an die in Mitternachtskinder und auch die Gegend in der Salman Rushdie selbst aufwuchs. Es habe sich für ihn wie ein seltsamer Kreis angefühlt, zu diesen frühen Büchern und Erinnerungen zurückzukehren. Durch die Beschäftigung damit konnte er mehrere strukturelle Probleme in diesem Buch zu lösen. Quichotte habe zwei Erzählstränge, der eine sei etwas surrealistisch und verspielt, der andere sehr emotional und realistisch. Als Autor müsse er die Leser am Ende überzeugen, dass eine echte Verbindung zwischen den beiden bestehe. Die rund zehnseitige Kurzgeschichte Bilder lügen nicht von Katherine MacLean (englisch beim Projekt Gutenberg: *klick*) habe ihm bei der Lösung dieses Problems sehr geholfen. Mehr könne er dazu nicht sagen, ohne zu viel zu verraten, außer dass es in seinem Buch keine Außerirdischen gebe.Der Name Ismael Smile verlocke sofort zu Wortspielereien, wie „I smile“ und wecke Erinnerungen an Moby Dick. Da sei einerseits zufällig, weil Salman Rushdie bei diesem Namen an den ersten indischstämmigen Chefkoch in Amerika denken musste, Ranji Smile, der sich selbst „Smile“ genannt habe und die indische Küche in New York eingeführt habe, unter anderem mit dem Versprechen, dass es aphrodisierend wirke. Er sei sehr erfolgreich gewesen, aber irgendwann wegen verschiedener Verbrechen ausgewiesen worden. Andererseits habe er bewusst die Assoziation zu Moby Dick wecken wollen. Ein Buch, in dem die Leser nie erfahren, ob der Erzähler wirklich Ismael heißt, sondern nur, dass er so genannt werden möchte. In Moby Dick trügen alle falsche Namen und alle, die vom Wal besessen seien, würden sterben. Ismael sei der einzige, der überlebe und die Geschichte erzählen könne – weil er auf dem Schiff der Arbeit wegen anheuerte und nicht des Wals wegen. Das habe ihn zum Außenseiter gemacht und Salman Rushdie wollte andeuten, dass sein Quichotte auch ein Außenseiter sei.Er frage sich, was passierte wäre, wenn die Besessenheit für den Wal auch Ismael ergriffen hätte. In Quichotte sei Salma R. sozusagen der Wal, auch wenn sie das sicherlich nicht gerne höre, merkte Salman Rushdie mit einem Schmunzeln an. In einem Abschnitt des Romans trügen viele Figuren keine Namen, sondern würden ausschließlich als Bruder, Schwester usw. benannt. Hier gehe es um die Liebe in Familienbeziehungen, nicht um romantische Liebe und er habe sich auf die Figuren und deren Verflechtungen konzentrieren wollen. E.L. Doctorow habe das einem Abschnitt seines Romans Ragtime auch so gemacht, um die jüdischen Familienbeziehungen deutlich herauszustellen, die Figuren nur nach ihren Beziehungen bekannt. Salman Rushdie stellt sich die Frage nach dem Schaden, den diese nicht-romantische Liebe davontragen könne und ob solche Beziehungen bzw. diese Liebe geheilt werden könne, was verziehen werden könne. Eine der Nebenhandlungen beschäftigt sich mit der Opioidkrise in den USA und dem indischstämmigen John Kapoor, der Ärzte bestochen hatte, mehr stark abhängig machendes Fentanyl zu verschreiben.* In den USA würden jedes Jahr rund 70 000 Menschen an einer Überdosis Opioide sterben. In Europa und den amerikanischen Großstädten werden dieses Problem kaum wahrgenommen. Dort seien eher die Freizeitdrogen Kokain, Ecstasy usw. bekannt und relativ leicht zu bekommen. Auf dem Land hingegen würden skrupellose Ärzte hemmungslos Opioide verschreiben, was eine wahre Epidemie an Abhängigen verursacht habe. Während Rushdies Figuren durch die USA reisen treffen sie also auf diese abhängigen Menschen. Eigentlich wäre die berühmte und wunderschöne Salma R. für Quichotte unerreichbar, denn er arbeitet nur als Pharmavertreter. Aber weil die Abhängigen ihren Dealer finden und die beiden sich treffen müssen, wendet sich die Dinge hier. Während Salma R. im Fernsehen attraktiv, stark und reich wirkt, stellen wir fest, dass dies nur eine Fassade ist. Ihr Leben war nicht immer glücklich. Sie wurde als Kind von einem Verwandten sexuell belästigt, ist bipolar, depressiv und begann irgendwann Opioide zu nehmen. Salman Rushdie wollte zeigen, dass Menschen nicht so sind, wie sie im Fernsehen erscheinen. Das Treffen der beiden findet in einem Park statt und stellt den Moment dar, in dem die Träume von Quichotte wahr werden – theoretisch. Er kann seine Angebetete als ihr Dealer kennenlernen und natürlich läuft es ganz anders als von ihm erwartet.

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Sabine Herting
Originaltitel: Quichotte
Originalverlag: Random House, ein Imprint von Penguin Random House LLC, New York
Hardcover mit Schutzumschlag, 464 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-570-10399-9
Erschienen am  14. Oktober 2019

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David Nicholls – Sweet Sorrow (Hörbuch)

David Nicholls - Sweet Sorrow ©Audible

David Nicholls – Sweet Sorrow
©Audible

13:05 Stunden

ungekürzte Lesung

Sprecher: Rory Kinnear

Hörprobe bei audible *klick*

Zum Autor (vom Verlag)

David Nicholls, Jahrgang 1966, ist ausgebildeter Schauspieler, hat sich dann aber für das Schreiben entschieden. Mit seinem Roman Zwei an einem Tag gelang ihm der Durchbruch, seine Romane wurden in vierzig Sprachen übersetzt und verkauften sich weltweit über acht Millionen mal. 2014 wurde sein Roman Drei auf Reisen für den Man Booker Prize nominiert. Auch als Drehbuchautor ist David Nicholls überaus erfolgreich und mehrfach preisgekrönt, zuletzt erhielt er den BAFTA und eine Emmy-Nominierung für Patrick Melrose, seine Adaption der Romane von Edward St Aubyn, die als HBO-Serie Furore machte.

Zum Sprecher

Rory Kinnear wurde ist ein britischer Schauspieler, sowohl im Fernsehen als auch im Theater.

Zum Inhalt (vom Verlag)

Manches im Leben strahlt so hell, dass es erst aus der Entfernung wirklich gesehen werden kann. Die erste große Liebe ist so eine Sache, die immer noch leuchtet, auch wenn sie längst verglüht ist. Und jeder ist der Hauptdarsteller dieser Geschichte im Leben. Auch Charlie Lewis. Nichts an ihm ist ansonsten besonders. Er sieht durchschnittlich aus, seine Noten sind in Ordnung, selbst die Scheidung seiner Eltern ist nur normal unglücklich. Dann begegnet er Fran Fisher, und seine Welt steht Kopf. Plötzlich findet er sich mittendrin in der ältesten und immer neuen Geschichte: die erste große Liebe. Und zwar recht wörtlich, denn Fran macht zur Bedingung für weitere Treffen, dass er sich mit ihr einer Laientheatergruppe anschließt, Romeo und Julia, was sonst. In den langen, hellen Nächten des Sommers nach dem Schulabschluss macht Charlie die schönsten, peinlichsten, aufregendsten und unvergesslichsten Erfahrungen seines Lebens. Und steht dann zwanzig Jahre später vor der Frage, ob er sich traut, seine erste große Liebe wiederzutreffen. Ein heiter-melancholischer Roman über die Zeit im Leben, die so prägend ist wie kaum eine andere – und eine Feier des Lebensgefühls dieser Jahre.

Meine Meinung

Seit ich Zwei an einem Tag begeistert verschlang, habe ich jedes Buch von David Nicholls gelesen. Leider hat für mich keines die gleiche Faszination, die vermeintliche Leichtigkeit, die einfühlsame Art auch tragische Ereignisse zu schildern erreicht.

Von Sweet Sorrow bin ich jedoch irgendwie ganz besonders enttäuscht. Vielleicht liegt es zum Teil daran, dass ich mich mit der Charlie Lewis weder nicht identifizieren kann noch einige seiner Motive für mich nachvollziehbar dargestellt werden. Geschweige denn die seiner Eltern, die der Mutter noch weniger als die des Vaters, der im Lauf des Romans an Konturen gewinnt.

David Nicholls erzählte in Edinburgh, dass er sich an der Verherrlichung der Jugendjahre störe. Sicherlich es es eine sehr prägende und besondere Zeit, aber für ihn sei damals nicht alles so rosarot, so wundervoll gewesen, wie es heute gerne in den Medien dargestellt würde. Für ihn seien es auch schwierige Jahre gewesen, mit großen Herausforderungen und Selbstzweifeln. Das sei für ihn das Thema von Sweet Sorrow, er wolle einen unverklärten Blick auf jene Zeit werfen.

Die ersten Lebensjahre von Charlie Lewis verlaufen recht unauffällig und wohl weitgehend glücklich. Sein Vater hat die drei Schallplattenläden seiner Eltern übernommen, die finanziellen Verhältnisse scheinen gut geregelt und Charlie hat ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester. Soweit so gut, doch dann kommen CDs auf den Markt, das Internet und die Läden seines Vaters müssen einer nach dem anderen geschlossen werden. Charlies Vater versinkt in Depressionen, die Familie muss in einen deutlich ärmeren Stadtteil umziehen, Charlie auf die dortige Gesamtschule wechseln, seine Mutter fängt im örtlichen Golfclub an und trennt sich nach kurzer Zeit.

All dies wirkte auf mich noch normal. Während Charlie in der Schule war, ist seine Mutter ausgezogen und hat ihm einen Brief hinterlassen. Diesen hat Charlie jedoch noch nicht gelesen, als er zum Golfclub rast und mit ihr sprechen will. Sie möchte ihn jedoch abwimmeln, er solle den Brief lesen, sie hätte keine Zeit und Charlie solle es ihr nicht so schwermachen. Für sie steht fest, dass Charlie beim Vater bleibt und auf diesen aufpassen soll, während sie mit der jüngeren Schwester zu ihrem neuen, deutlich vermögenderen Partner und dessen zwei Töchtern zieht. So verliert Charlie nicht nur seine Mutter, sondern auch die Bindung zu seiner Schwester, denn um regelmäßige Kontakte bemühen sich beide Elternteile nicht. Ständige Geldnöte gehören nur zum Alltag von Charlie und seinem Vater.

Entsprechend fällt Charlies Engagement in der Schule aus und so geht er mit 16 im Sommer 1997 völlig planlos von der Schule ab. Seine drei Kumpel sind ihm keine Hilfe, zumal er ihnen vieles überhaupt nicht erzählen kann oder will. Die vier wirken eher wie die Schulrüpel. Durch einen Zufall begegnet Charlie die sehr attraktive Fran Fisher, die auf der besten Schule des Orts war und ihn in eine Theatergruppe lockt, die jeden Sommer ein Stück von Shakespeare aufführt. Das ist ihm so peinlich, dass er seinen Kumpels nicht davon erzählen kann.

Durch Fran lernt Charlie eine ganz andere Welt kennen, in vielerlei Hinsicht und wird auch durch sie und die anderen in der Gruppe einen Schritt weiter erwachsen, lernt seine Stärken und Schwächen genauer kennen. Dieser Teil der Geschichte wirkte auch mich sehr authentisch, wie Fran sich geduldig um Charlie bemüht und er mit sich und ihr kämpft, sich mit den deutlich gebildeteren anderen Gruppenmitgliedern arrangiert und echte Freundschaften fürs Leben schließt. Die Gefühle der ersten Liebe und seine Erlebnisse mit der Theatergruppe sind wundervoll geschildert, machen jedoch nur einen relativ geringen Teil des Buchs aus. Leider sind die negativen, deprimierenden Anteile im Buch so hoch, dass ich teilweise versucht war, es abzubrechen. So übel war die durchschnittliche Jugend in Großbritannien in den 1990ern hoffentlich nicht.

In einigen Abschnitten schaut der 20 Jahre ältere Charlie zurück auf sein jugendliches Ich und auch in diesen Abschnitten wirkt er auf mich immer noch nicht so, als wäre er glücklicher. In der Jugend sehnte er sich verständlicherweise nach einer intakten Familie, jetzt sehnt er sich nach etwas für ihn Unerreichbaren, wobei er das vielleicht hätte haben können. In den britischen Rezensionen wird der Humor des Buchs hervorgehoben, vielleicht sind mir einige Anspielungen entgangen.

Die Schilderung von Charlies Innenleben hätte mir weitaus besser gefallen, wenn seine widerstreitenden Gefühle, Hoffnungen, Ängste intensiver rübergekommen wären. Doch anders als in Zwei an einem Tag haben Charlies Gefühle für mich nicht die gleiche Intensität, auch die Bindungen zu allen Personen in seinem Umfeld (bevor er sich der Theatergruppe anschließt) sind sehr oberflächlich, sogar zu seinen Eltern. Er fährt zwar zu seiner Mutter, streitet mit ihr wegen der Trennung, danach bemühen weder er noch sie sich um eine gute Beziehung. Sein depressiver Vater kann ihm keine Stütze sein und auch andere Personen, die ihm helfen wollen tauchen nur sehr kurz am Rande auf.

Sicherlich ist es auch in einem gewissen Maße Charlies Alter und seinen Lebenserfahrungen geschuldet, wie er sich immer wieder selbst im Weg steht. Aber auch Fran bleibt relativ blass, auch weil nicht aus ihrer Perspektive erzählt wird und letzten Endes ist sie meinem Empfinden nach trotz ihrer Bedeutung für Charlie eher eine etwas wichtigere Nebenfigur.

Vielleicht trug auch der sehr distanziert lesende Rory Kinnear dazu bei, dass ich irgendwie keinen rechten Zugang zu Charlie fand, denn die Stimme, die er Charlie gab, wirkte auf mich wie eine Mischung aus Arroganz und Langeweile.

Fazit

Die Grundidee gefiel mir sehr gut, denn David Nicholls wollte auf seine Weise schildern, dass die Jugendjahre nicht ausschließlich von Glück und wundervollen Erlebnissen gefüllt sind. Seine Hauptfigur Charlie Lewis hat über weite Strecken des Buchs herzlich wenig Glück, Selbstvertrauen und Unterstützung. Charlies Innenleben wird weitgehend glaubwürdig und lebendig geschildert, sein Schicksal war mir irgendwie zu deprimierend. Die Leichtigkeit aus David Nicholls Zwei an einem Tag blitzt nur an wenigen Stellen durch. Statt auf das nächste Buch von David Nicholls zu hoffen habe ich mir die englische Hörfassung von

geschenkt.

P.S. Bezugnehmend auf das titelgebende Zitat von Shakespeare war es mir zu viel Trauer und zu wenig Süßes.

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